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Hilfen zum Verständnis
01 Gott erschafft die Welt 1. Mose (Genesis) 1,1 - 2,4 Die Geschichte von der Erschaffung der Welt ist die erste Geschichte in der Bibel. Sie erzählt, wie Gott Himmel und Erde in sechs Tagen erschuf und am siebten Tag von seiner Arbeit ruhte. Das Bilderbuch zählt nicht die Tag, sondern schildert einfach die Reihe der Schöpfungswerke. Nehmen wir "Tag" als Ausdruck für einen längeren Zeitraum, dann vermittelt der biblische Bericht ein Bild vom Werden der Schöpfung, das in den grundlegenden zügen mit dem Bild der Wissenschaft übereinstimmt. Jedenfalls im äußeren Ablauf! Das, worauf es der Bibel ankommt, führt über das Wissen der Wissenschaft hinaus: Die Welt ist nicht das Ergebnis einen blinden Zufalls, sondern entstammt dem weisen Plan eines gütigen Schöpfers. Der Mensch ist nicht "allein" in den unendlichen Räumen des Kosmos, sondern geborgen in der Hand dessen, der ihn ins Leben gerufen und ihm sein Schöpfungswerk, die Natur anvertraut hat. Dieses Schöpfungswerk versteht die Bibel als eine stete Ausschöpfung zum staunenden Gotteslob (Psalm 104,24): "Herr, was für Wunder hast du vollbracht! Alles hast du weise geordnet; die Erde ist voll von deinen geschöpfen." An der Spitze dieser Geschöpfe steht der Mensch. Er wird "Bild Gottes" genannt, weil er als einziges Wesen in der Natur ein Bewußtsein hat und für sein Tun Verantwortung trägt. trotz des unendlichen Abstandes zu Gott ist es die hohe Berufung des Menschen, "Partner" Gottes zu sein. Aber die Schöpfungsgeschichte gipfelt nicht in der Erschaffung des Menschen, sondern im Ruhen Gottes am siebten Tag. Die Schöpfung weist über sie hinaus auf ihren Schöpfer, in dessen Ruhe sie geborgen ist und ihr Ziel hat. Alles Schaffen des menschen als Partner Gottes kann nur heilsam sein, wenn er an dieser großen Ruhe teilhat und aus ihr fließt. |
02 Der Regenbogen 1. Mose (Genesis) 6,5 - 9,17 Wir kennen diese Geschichte für gewöhnlich unter dem Namen "Die Arche Noah". Sie für Kinder eine unerschöpfliche Anziehungskraft. Aber diese heitere Geschichte hat einen sehr ernsten Hintergrund: Es geht in ihr um das Fortbestehen des Lebens auf der Erde. Das gibt ihr eine beklemmende Aktualität. Wie heute wieder ist es der Mensch, von dem die Gefährdung der Schöpfung ausgeht. Er hat auf der Erde Zustände geschaffen, die den Schöpfer zum Eingreifen nötigen (1.Mose 6, 5-6) "Der Herr sah: das Denken und Tun der Menschen war durch und durch böse. Das tat ihm weh, und er bereute, daß er sie geschaffen hatte." Der Mensch, eine Fehlkonstruktion? Gott hat einen hohen Einsatz gewagt, als er diesem Geschöpf die Freiheit verlieh, zu seinem Schöpfer ja oder nein zu sagen, gut zu sein, oder böse. "Reut" das Gott wirklich? Die Geschichte von der Sintflut will nicht wörtlich genommen sein, als ob irgendwann einmal alle Menschen und Tiere ertrunken wären außer den Insassen der Arche, und die Holzreste ruhten vielleicht noch im ewigen Eis des Araratgebirges. Viel eher ist die ganze Schilderung ein äußeres Bild für das, was in Gott vorgegangen sein könnte, sozusagen in einem göttlichen Gedankeexperiment: "Wie wäre es, wenn er "auf Nummer sicher" gehen und jede Unbotmäßigkeit ausrotten würde? Dann müßte er die Menschen endgültig vom Erdboden vertilgen. Denn wenn es Überlebende gibt,, fängt alles wieder von vorne an, wie gehabt... Zu dieser Erkenntnis kommt Gott am Ende der Geschichte: "Das Denken und Tun des Menschen ist nun mal böse von Jugend auf." (1.Mose8,21) Und er sagt Ja zu seinem schwierigen Geschöpf, trotzdem. Es kommt keine Sintflut mehr. Der Regenbogen ist zum Sinnbild dafür geworden: zum Zeichen des Friedens zwischen Himmel und Erde, Zeichen der bleibenden Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen. |
03 Abraham Aus 1. Mose (Genesis) 12 - 25 Die Geschichte von Abraham und seiner Frau Sara beginnt mit einer starken Zumutung: Abraham soll seine Heinma, seine Verwandten verlassen und ins Ungewisse aufbrechen. Das ist für einen Menschen des Altertums, der noch ganz in die Großfamilie eingebettet war, ein schwerwiegender Schritt. Ein eindeutiges Ziel wird nicht genannt. Gott will Abraham führen, aber Abraham weiß nicht wohin. Die Geschichte endet mit einem häuslichen Idyll: Ein Kind wird geboren, die Eltern strahlten vor Glück. Das Unerhörte und Einmalige mündet, so scheint es, in das Allergewöhnlichste, das überall und alle Tage geschieht. Doch der Schein trügt. Mit dieser Geburt hat es etwas Besonderes auf sich. Als Abraham aus seinem bisherigen Lebenskreis herausgerufen wurde, bekam er nicht nur eine neue Heimat versprochen, das eigene Land. Er bekam auch die Zusage, daß von ihm ein ganzes Volk abstammen sollte. Wie könnte das geschehen, wenn Abraham kinderlos dahingeht? Mit Abraham macht Gott einen neuen Anfang. Die vorausgehenden Kapitel der Bibel haben gezeigt, wie die Menschen sich von Gott abwenden. Nun handelt Gott noch einmal als Schöpfer: nach der Erschaffung von Welt und Menschheit erschafft er sich ein Volk. An diesem Volk soll sichtbar werden, wozu der Mensch bestimmt ist: Gott als seinen Schöpfer zu ehren und seine Mitmenschen zu lieben wie sich zeigt. Die Berufung Abrahams zielt auf Israel, das erwählte Gottesvolk. Ein Werk des göttlichen Schöpfer ist dieses Volk, kein Ergebnis natürlicher Entwicklung oder menschlicher Planung. Das wird deutlich an der Geburt des Sohnes, an dem die göttliche Zusage hängt. Alle Umstände deuten darauf hin, daß hier Gott als Schöpfer handelt. Abraham und Sara stehen schon im hohen Alter; nach menschlichem Ermessen können sie keine Kinder mehr bekommen. Aber: "Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?" (1.Mose18,14) Das ist die eine Seite. Die andere: Zu diesem zweiten Schöpfungswerk braucht Gott den Menschen - gleichwohl. Nicht seine natürliche Kraft, sondern seinen Gehorsam, sein Vertrauen. Abraham vertraut Gott, gegen alle Vernunft, und gerade so kann Gott seine Zusage an ihm wahrmachen. |
04 Esau und Jakob Aus 1. Mose (Genesis) 25,19 - 28,22 Die Geschichte der Zwillingsbrüder Esau und Jakob ist rätselhaft und anstößig. Da hintergeht der jüngere Sohn auf Anstiften der Mutter den alten, erblindeten Vater und erschleicht den Segen, der dem Erstgeborenen zusteht. Er muß es büßen durch jahrzehntelange Verbannung in die Fremde; aber er bleibt der Gesegnete. Der Betrug erscheint auch noch gerechtfertigt, weil durch ihn die Zusage in Erfüllung geht, die Gott der Mutter schon vor der Geburt der beiden gegeben hat: "Der Ältere wird dem Jüngeren dienen." (1.Mose 25,23) Es gibt Züge im Bild Esaus, die (im Bilderbuch nicht dargestellt) seine Zurücksetzung in gewisser Weise verständlich machen. Er heiratet heidnische Frauen, und er achtet sein Erstgeburtsrecht so gering, daß er es, in einer augenblicklichen Anwandlung für ein Linsengericht seinem Bruder Jakob verkauft (1.Mose 25,29-34). Aber auch Jakob ist kein Heiliger. Er ist durchtrieben und ist mit allen Mitteln auf seinen Vorteil bedacht. Menschlich gesehen gibt es keine Erklärung dafür, daß Jakob bevorzugt wird. Die Geschichte der Zwillingsbrüder ist ein Musterbeispiel dafür, daß Gottes Entscheidungen frei und unerforschlich sind. Man kann an ihr lernen, Gott nicht mit unseren menschlichen - auch moralischen - Maßstäben zu messen. Was uns als "Schicksal" widerfährt, ist nicht nach dem Schema von Lohn und Strafe zu verrechnen. Es ist eher eine Aufforderung, etwas daraus zu machen, daran zu wachsen und zu reifen, Die angemessene Frage ist nicht: Warum?, sondern: Wozu? Kinder haben ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl. Sie werden es nicht leicht haben, sich mir dieser Geschichte abzufinden. Natürlich geht es im Leben nicht immer gerecht zu; aber wenigsten Gott sollte eine unverrückbare moralische Instanz sein. Kommt sonst nicht alles ins Wanken? Man wird hier auf eine Unterscheidung hinweisen müssen: Es heißt in der Geschichte nicht, daß Esau von Gott "verworfen" -(verdannt) ist. Auch er bekommt einen Segen, was im Bilderbuch nicht dargestellt ist; aber er kann eben nicht der Erste sein. Das ist eine Situation, mit der sich gerade Kinder (unter Geschwistern, in der Schule) auseinandersetzen müssen. |
05 Josef Aus 1. Mose (Genesis) 37,1 - 45,15 Die Geschichte von Josef, der vom verzärtelten Lieblingssohn seines Vaters zum Sklaven in Ägypten wird, um zuletzt zum Stellvertreter des Pharaos aufzusteigen, läßt sich in einem kurzen Bibelbilderbuch nur in den gröbsten Umrissen darstellen. Vor allem der Anteil der Brüder an der Geschichte mit all seinen spannenden Momenten kommt dabei zu kurz. Früher oder später sollte man den Kindern deshalb die ganze Geschichte erzählen (oder nach einer Kinderbibel vorlesen). Die Josefsgeschichte ist die Geschichte einer erstaunlichen Karriere; aber vor den Aufstieg ist der Abstieg gesetzt: die Trennung vom Vater (die Mutter verlor Josef schon früher), der Weg in die Fremde, in die Sklaverei, zuletzt ins Gefängnis. Josef muß erst reif werden für seine hohe Berufung. Sonst wäre er vielleicht ein eitler, machtbesessener Despot geworden, anstatt sich als Stellvertreter zu wissen - nich tnur des Pharaos, sondern einer noch höheren Macht. Die Brüder machen in kleinerem Maßstab etwas Ähnliches durch, als Josef sie in Ägypten auf die Probe stellt. Das Bilderbuch erzählt die Josefsgeschichte in erster Linie als Geschichte der göttlichen Vorsorge. Josef und seine Brüder, das ist aber auch eine Geschichte der Wandlungen, durch die Menschen zu sich selbst und dadurch erst im wahren Sinne zur Brüderlichkeit untereinander finden. |
06 Der Auszug aus Ägypten Aus 2. Mose (Exodus) 1 - 14 Mose ist kein Held, er möchte sich dem Auftrag entziehen. Werden die Israeliten ihm folgen? Und wie soll er vor den Pharao hintreten, ein Mann gegen ein Reich? Schon das Reden fällt ihm schwer. Aber Gott wischt alle Einwände weg: "Ich helfe dir!" Das bewährt sich in der Ausweglosigkeit äußerster Bedrängnis: Die Israeliten sind eingeschlossen zwischen der Kriegsmacht des Pharaos und dem Meer. Man hat sich vorzustellen, daß es ein Meeresarm war, vielleicht auch einer der Bitterseen östlich vom Nildelta. An dem biblischen Bericht in 2.Mose14 kann man noch erkennen, daß der ursprüngliche Hergang wie ihn das Bilderbuch darstellt (das Meer wird zurückgedrängt), im Nacherzählen der Geschichte gesteigert wurde zum Bild von der Straße, die durch den Meeresgrund führt, die Wassermassen rechts und links emporgetürmt wie Mauern. Für Israel war die Errettung am Meer das grundlegende Gottesswunder, dem es seine Existenz als Volk verdankt. Für uns (auch für manche Kinder) ist vielleicht der Jubel über die Rettung getrübt über den Preis, den sie kostet: das Leben so vieler, auch unschuldiger Menschen. Als Christen dürfen wir froh sein, daß wir eine Rettung kennen, deren Preis Gott selbst auf sich nimmt. Aber es hat Gott gefallen, diese letzte große Rettungstat auf einem Weg in die Geschichte einzuführen, der mit der Rettung der Israeliten am Meer beginnt. |
07 Der Weg ins versprochene Land Aus 2. Mose (Exodus) 16-20; 34; 37; 4. Mose (Numeri) 10, 11-28; Josua 3, 1 - 8 Mit dieser Bilderserie schließt sich der Kreis von Geschichten, der mit Gottes Ruf an Abraham begann. Der Ahnvater des Volkes Israel erhielt damals von Gott eine doppelte Zusage: zahlreiche Nachkommenschaft und für diese Nachkommenschaft ein eigenes Land. In Ägypten ist aus den Söhnen Jakobs ein großes Volk geworden. Jetzt führt Gott dieses Volk in das versprochene Land: Kanaan, das Gebiet des heutigen Staates Israel mit einem breiten Streifen jenseits des Jordans (westliches Jordanien). Man denkt, das Volk müsse froh und glücklich sein, daß es der Sklaverei in Ägypten entronnen ist und dem eigenen Land entgegenziehen darf. Aber der Jubel nach der Rettung am Meer ist schnell verflogen, als neue Schwierigkeiten auftauchen: Hunger und Durst in der weit und breit wasserlosen Wüste. Die Israeliten sind nicht sonderlich "belastbar". Ihr Vertrauen auf Gott, der sie soeben erst sichtbar beschützt hat, reicht nicht weit. Aber Gottes Geduld reicht weiter als das Vertrauen der Menschen: Er steht zu seinem Volk, auch wenn es das nicht verdient. Das Bilderbuch erzählt in geraffter Form und an exemplarischen Beispielen von solchen Glaubensproben, die das Volk allemal schlecht besteht. In der Bibel stehen noch zahlreiche andere Szenen zu diesem Thema. Sie alle lehren: Israel ist "Gottes Volk" nicht, weil es besser wäre, als andere Völker, sondern nur, weil Gott es erwählt hat und ihm die Treue hält. Im Mittelpunkt der Bilderserie über die Wüstenwanderung der Israeliten steht die Offenbarung der Gebote Gottes am Berg Sinai. Das Volk bekommt von Gott eine Lebensordnung, nicht eine Serie von willkürlichen und unverständlichen Verboten. Gott schützt das Volk mit seinen Geboten davor, sich durch rücksichtsloses, eigensüchtiges Verhalten der einzelnen selbst zu zerstören. Wir kennen die Kernsätze dieser Lebensordnung für Gottes Volk: die Zehn Gebote. Sie beginnen mit der Erinnerung daran, was Gott für sein Volk getan hat, und weisen damit auf den lebensfördernden Sinn der Gebote hin: "Ich bin der Herr, dein Gott! Ich habe dich aus Ägypten herausgeführt, ich habe dich aus der Sklaverei befreit. Neben mir gibt es für dich keine anderen Götter." |
08 Rut Aus Rut 1 - 4 Die Geschichte der Ausländerin Rut, die wegen ihrer Treue in die Ahnenreihe des großen Königs David (und damit zugleich in die Ahnenreihe von Jesus Christus) aufgenommen wird, kann nur verkürzt dargeboten werden. Es empfiehlt sich, sie vollständig in der Bibel nachzulesen. Die Menschen in Palästina sind früher oft von Hungersnöten heimgesucht worden, wenn der Regen ausblieb. Man konnte dann in einem Nachbarland Zuflucht suchen; aber in der Fremde zu leben, war damals noch weit schwieriger, als das heute ist. Deshalb ist es verständlich, daß Noomi, als sie jedes männlichen Schutzes beraubt ist, in der Heimat zurückkehrt, und ebenso, daß sie den beiden Schwiegertöchtern rät, sie nicht in das fremde Land zu begleiten. Wenn Rut ihr dennoch folgt, so verläßt sie nicht nur ihr Volk, ihre Heimat, ihre Freunde und Verwandten, sondern - nach der Auffassung des Altertums - auch den Einflußbereich ihres Gottes. Sie tut das bewußt: Noomis Gott soll auch ihr Gott sein. Sie tut es aus Treue zur Familie ihres verstorbenen Mannes und im Vertrauen auf den Gott Israels. Der Schluß der Geschichte setzt schwierige, uns unvertraute Rechtsbestimmungen voraus: Wenn ein Mann kinderlos stirbt, soll ein Bruder oder auch entfernterer Verwandter die Witwe heiraten. Der erste Sohn aus dieser Ehe gilt dann als Sohn des Verstorbenen und führt dessen Linie fort. Rut hat sich dafür eingesetzt, daß Noomis bzw. ihres verstorbenen Mannes Familie nicht ausstirbt. Sie wird für diese Treue mit einer ehrenvollen Heirat und einer neuen Heimat belohnt. Die Geschichte zeigt also, wie Gott Menschen, die ihm vertrauen, wunderbar führt. Aber auch das will beachtet sein, daß durch Ruts Heirat ausgerechnet eine Ausländerin in die Ahnenreihe König Davids gerät. Wir erkennen darin ein deutliches Zeichen dafür, daß Gottes Liebe sich nicht auf eine bestimmte Gruppe von Menschen beschränkt. Die Kinder können an dieser Geschichte lernen, daß Gott unseren menschlich-allzumenschlichen Gruppenegoismus ("der gehört zu uns - der gehört nicht zu uns") durchaus nicht teilt. |
09 David wird König Aus 1. Samuel 16 und 17; 2. Samuel 5 und 6; 1. Könige 6 und 8 Das Bilderbuch kann die bewegte Geschichte des Hirtenjungen, der zum größten König des Volkes Israel wurde, nur in verkürzter Form wiedergegeben. So erfährt man z.B. kaum etwas über die Eifersucht König Suals, die sich an Davids Sieg über den Riesen Goliat und an Davids weiteren Erfolgen entzündet, und nichts von der Freundschaft zwischen David und dem Königssohn Jonatan. David muß schließlich vor Saul fliehen, wird von ihm gesucht und verfolgt, während David bei Gelegenheit das Leben des Königs, das in seine Hand gegeben ist, großmütig schont. David hat als König das kleine Israel zu Macht und Ansehen in der Welt geführt. Aber das Großreich, dem er die kleinen Nachbarstaaten eingegliedert hat, war nicht von Bestand. Sogar das Kerngebiet zerfiel unter Davids Sohn und Nachfolger Salomo in zwei Teile, Nordisrael und Juda, die in der Folgezeit unter assyrische bzw. babylonische Herrschaft kamen. Und den Babyloniern folgten Perser, Griechen, Römer... So kam es, daß man sehnsuchtsvoll auf die Zeit Davids zurückblickte, auf Israels "goldene Zeit". Was von Davids Werk blieb, war Jerusalem, die Stadt, die er erobert und zum Mittelpunkt seines Reiches gemacht hatte. Durch den Tempel gewann sie über die politische Bedeutung hinaus den Rang einer "heiligen Stadt": Zentrum der Verehrung des einen Gottes inmitten einer Welt vieler Götter und zugleich der Ort, mit dem sich aufs engste die Hoffnung auf ein kommendes Gottesreich verband. Dieses Reich wurde als Wiederkehr und Überhöhung des Davidsreiches verstanden und sollte durch einen zweiten David, einen "Sohn Davids" in Gottes Auftrag regiert werden. Diese Hoffnung hat sich für die christliche Gemeinde in Jesus, dem Friedenskönig erfüllt, der darum nicht nur "Sohn Gottes", sondern zugleich "Sohn Davids"genannt wird. Sein Recht ist "nicht von dieser Welt", und doch will es auf diese Erde kommen und mitten in dieser Welt Platz greifen - durch die Menschen, die dem Friedenskönig folgen. In Bethlehem, der "Stadt Davids", wird der neue David geboren; in Jerusalem, dem Ort des Tempels mit seinen täglich dargebrachten Tieropfern, stirbt er als das vollgültige Opfer für die Schuld der Welt. |
10 Jona Aus Jona 1 - 4 Die Geschichte des ungehorsamen Propheten ist berühmt geworden durch den großen Fisch, in dessen Bauch er drei Tage und drei Nächte verbringen muß. Aber es gibt noch mehr Auffallendes in dieser Geschichte. Da ist die Riesenstadt Ninive, die als so groß geschildert wird, daß man zu Fuß drei Tage braucht, um sie zu durchqueren. Da ist die erstaunliche Bußfertigkeit ihrer sprichwörtlich lasterhaften Bewohner und die überraschende Frömmigkeit der Matrosen, die beide den störrischen Gottesboten Jona beschämen, der sich bis zuletzt gegen Gottes Absichten sperrt. Was immer in Ninive geschehen ist - der Erzähler macht ein Gleichnis daraus, mit dem er etwas bestimmtes sagen will. Was soll und kann aus dieser vergnüglichen Geschichte gelernt werden? Wir bemerken es, wenn wir auf die Hauptfigur blicken: auf Jona. Müßte er sich nicht freuen über den unerwarteten Erfolg seiner Bußpredigt? Aber wer ist "Jona"? An wen richtet sich die humorvoll vorgetragene "Moral von der Geschicht"? Zu allen Zeiten waren gerade die frommen, Gott treu ergebenen Menschen in der Gefahr, aus ihrer Frömmigkeit einen Anspruch abzuleiten und sich unduldsam abzusondern von allen, die auf anderen Wegen Gott finden. So hat ISrael nach dee Rückkehr aus der babylonischen Verbannung gegen das samaritanische Nachbarvolk abgeschlossen, obwohl es dasselbe Gesetz beachtet und denselben Gott verehrt hat. Wahrscheinlich ist die Geschichte von Jona gerade damals niedergeschrieben worden. So haben es später die jüdischen Frommen Jesus nicht verziehen, daß er die "Zöllner" und "Sünder" in die Gemeinschaft der Gotteskinder aufnahm. Ist der ältere Bruder des vorlorenen Sohnes (vgl. das Gleichnis) nicht ein zweiter Jona, wenn er sich nicht mitfreuen will? Auch unsere Kinder werden wir gelegentlich auf den Spuren des selbstgerechten Propheten antreffen. Dann kann die Erinnerung an das Bild des zirnig-roten Jona unter der verdorrten Rizinusstaude dazu verhelfen, daß die Verkrampfung sich löst in ein befreiendes lachen und der trotzig abgesonderte sich wiederfindet in der gemeinschaft der begnadigten Gotteskinder, die von der grenzenlosen Liebe des himmlischen Vaters leben. |
11 Zacharias und Elisabeth Lukas 1,5 - 79 So vertraut uns allen die Weihnachtsgeschichte ist, so fremd sind uns manche Einzelzüge in den Geschichten, die ihr im Lukas-Evangelium vorangehen. Die Geschichte von Zacharias une Elisabet erzählt die Geburt jenes Johannes, der später in der Wüste am Jordan als "Täufer" auftreten wird, der auf Jesus als den Retter hinweist. Sein Vater Zacharias ist Priester, und die Kinder werden es nicht ganz leicht haben, zu verstehen, was er am Tempel in Jerusalem tut. Der Tempel ist keine "Kirche", in der sich die Gläubigen versammeln, sondern eine heilige Stätte: die "Wohnung Gottes" , in deren innerstem Raum, dem Allerheiligsten, man Gott unsichtbar gegenwärtig glaubte. Der Altar, auf dem Zacharias die Weihrauchmischung verbrennt, steht in dem Raum davor, in dem auch der siebenarmige Leuchter und der Tisch mit den Opferbroten aufgestellt waren. In der Geburtstagsgeschichte des Täufers ist eine zweite Geschichte verwoben: Der Engel kündigt Maria an, daß sie die Mutter des Heilands und Gottessohnes Jesus Christus werden soll. Das Thema der jungfräulichen Geburt des Erlösers wird im Bilderbuch nicht berührt. Die Kinder werden auch ohne das spüren, daß es mit diesem Kind etwas besonderes auf sich hat. Wozu käme sonst der Engel? Wir Erwachsenen aber sollen wissen, daß die Erzählung von der Geburt Jesu durch die Jungfrau Maria ein Hinweis ist: Mit Jesus tritt jemand in unsere Welt, der nicht aus den Zusammenhängen dieser Welt zu begreifen ist, sondern unmittelbar von Gott kommt. Gott greift in einmaliger Weise in den lauf der Dinge ein, um seinem Heil den Weg zu den Menschen zu bereiten. Den Kindern fällt vielleicht auf, daß Maria keinen Mann hat. Sie ist zu diesem Zeitpunkt schon mit Jesus verlobt, den sie dann (in der folgenden Geschichte) als seine Frau nach Bethlehem begleiten wird. Zweimal erzählt diese Bilderbuchgeschichte von einer wundersamen Geburt. Wir sollen zum Aufhorchen gebracht: Große Dinge bereiten sich vor. Nicht die Umstände der Geburt sind das eigentliche Wunder, sondern das was Gott durch die Menschen, die hier geboren werden tun wird. |
12 Jesus ist geboren Lukas 2,1 - 20; Matthäus 2,1 - 12 Zwei Geschichten sind hier zusammengefaßt: die Geschichte von der Geburt im Stall mit den Hirten und die Geschichte von den "Weisen aus dem Morgenland". In beiden wird die Geburt des Erlösers, die wir fast nur noch als Weihnachtsidylle erleben, in einen weltweiten Zusammenhang gestellt. Indirekt, aber beziehungsreich in der ersten: Der Kaiser, der die Volkszählung oder Steuerveranlagung angeordnet hat, wird zum heimlichen Gegenspieler des göttlichen Kindes. Während Augustus in Rom, auf dem Höhepunkt seiner Macht, sich als Weltheiland feiern läßt, der den Völkerfrieden garantiert, kommt der wahre Heiland der Welt und Friedenskönig in einem Winkel seines Reches im Stall zur Welt. Nicht die Mächtigen der Erde, sondern arme und verachtete Hirten machen ihm ihre Aufwartung. Eine Umkehrung der Maßstäbe künidgt sich an, die in Jesu Umgang mit den Verachteten und Ausgestoßenen ihre Fortsetzung und in seinem schmachvollen Sterben ihren letzten Ausdruck finden wird. In der zweiten Geschichte kommen die Vertreter der großen Welt direkt zur Krippe. Es sind allerdings keine Könige, zu denen sie erst der Volksglaube gemacht hat. Das Wort, mit dem sie im griechischen Text bezeichnet werden, läßt sie als Sterndeuter erkennen: Angehörige einer Gelehrten- oder Priesterkaste, die aus den Sternen das Schicksal lesen. Offenbar kommen sie aus Babylonien, wo diese "Kunst" hoch entwickelt und hoch geachtet war. Nun führt der Stern von Bethlehem die gelehrten Heiden zu dem, der das wahre Licht ist, vor dem alle Sternenweisheit verblaßt. Man hat viel darüber nachgedacht, was für einen Stern sie gesehen haben könnten. Handelt es sich, wie der Text nahelegt, um einen neu aufgetauchten Einzelstern oder vielleicht um eine außerordentliche Planeten-Konstellation? Aber es gilt, nicht an vordergründigen, vielleicht unlösbaren Fragen hängenzubleiben. In dieser Geschichte, wie in der von der armen Geburt, steckt ein tiefer, zeichenhafter Sinn. In den Hirten standen Vertreter Israels an der Krippe (nicht Vertreter des offiziellen Israels, sondern der Armen, die Jesus selig preisen wird). In den "Weisen" kommen die Vertreter der übrigen Völker und huldigen dem Kind als ihrem König mit Gaben, die eines Königs würdig sind. Für beide, Juden und Heiden, ist Jesus gekommen, und beide finden den Weg zu ihm. Seitdem kommen - durch die Jahrhunderte - Menschen auf den Spuren der Hirten und Weisen zu dem Kind in der Krippe: "Ich steh' an deiner Krippen hier, |
13 Der zwölfjährige Jesus Lukas 2, 40 - 52 Die Geschichte eines hochbegabten, frühreifen Kindes? Dann hätte es sich nicht gelohnt, sie zu erzählen. Frühreife Kinder gibt es immer wieder; aber es gibt nur einen, der von sich sagen kann: "Ich muß im Hause meines Vaters sein" - und dabei an den himmlischen Vater denkt. Mit 12 oder 13 Jahren wird ein jüdischer Junge "religionsmündig": Er ist von da selbst dafür verantwortlich, daß er nach den Geboten Gottes lebt. Er muß die Gebote kennen und auf das Leben anwenden können. Im Gespräch mit den "klugen Männern" im Tempel, den Schriftgelehrten, den Gesetzeslehrern, zeigt Jesus eine besonders tiefe Kenntnis der Gebote Gottes: dessen, was Gott in den verschiedenen Lebenslagen vom Menschen will. Denn eben darum dreht sich das Gespräch. Wir fragen, was man von Gott wissen kann, und was man über ihn "glauben muß". Jüdische Theologie fragt zuerst und zuletzt nach Gottes Willen, nach seinem Gebot. Jesus zeigt also in der Tat eine erstaunliche Reife; aber nicht deshalb wird diese Geschichte erzählt. Wichtig ist vielmehr, daß sie an diesem bestimmten Ort spielt: im Tempel, d.h. in seinem Vorhof, wo die Schriftgelehrten ihre Debatten zu führen pflegten. Dieser Ort weckt in Jesus offenbar unvermittelt die Erinnerung an seine Herkunft, seine Sendung. Er fühlt sich angerufen von dem, der sein wahrer "Vater" ist. Das ist es, was die Eltern nicht verstehen, obwohl Maria doch schon soviele Hinweise erhalten hat. Aber die Zeit für das öffentliche Auftreten Jesu ist noch nicht gekommen. Willig ordnet er sich deshalb unter und kehrt mit seinen Eltern nach Nazaret zurück. |
14 Die Hochzeit in Kana Johannes 2, 1 - 11 Das Wunder von der Verwandlung von Wasser in Wein bereitet manchen unter uns Schwierigkeiten. Wie bei der wunderbaren Brotvermehrung (der Speisung der Fünftausend) fragen sich die einen, ob man das denn wirklich glauben könne. Andere, gerade fromme Menschen, nehmen Anstoß daran, daß Jesus die Hochzeitsgesellschaft ausgerechnet mit Wein versorgt - und auch noch in solchen Mengen (der Bibeltext spricht von 600 Litern). Schon die frühen Ausleger, die "Kirchenväter" haben erkannt, daß man diese Geschichte als Sinnbild verstehen muß. Hochzeit, Wein und überschäumende Freude, das sind schon im alten Testament Bilder für die kommende Heilszeit, wenn Gott sein Reich aufrichtet und alles Leid überwunden ist (Jesaja 25,6-8a): "Auf dem Zionsberg wird der Herr der Welt für alle Völker ein Festmahl geben mit feinsten Speisen und besten Weinen, mit kräftigen, köstlichen Speisen und alten, geläuterten Weinen. Dort wird er den Trauerflor zerreißen, der allen Völkern das Gesicht verhüllt, er wird das Leichentuch entfernen, das über den Nationen liegt. Den Tod wird er für immer vernichten und von jedem Gesicht die Tränen abwischen." Jesus will also nicht einfach den Brauteltern aus einer Verlegenheit helfen. Wenn Jesus Wasser in Wein verwandelt, dann will er damit sagen: Jetzt, mit seinem Kommen, bricht die Heilszeit an. Zwar ist es noch nicht soweit, daß alle Tränen abgewischt werden; aber die neue Zeit der Freude hat schon begonnen. Auf das Noch-nicht weist die merkwürdige Antwort an Maria: "Meine Zeit (oder Stunde) ist noch nicht da." Später im Evangelium macht Jesus deutlich, daß seine "Stunde" die Stunde des Todes am Kreuz ist. Dann wird die wahre Quelle der Freud esichtbar werden: Jesus gibt sein Leben dahin für die Überwindung von Schuld, Leid und Tod. Wenn er mit dem Wein des Abendmahls den Jüngern sein Blut, die Frucht seines Sterbens, reicht, ist der tiefste Sinn des Weinwunders von Kana erfüllt. |
15 Jesus und seine Jünger Aus Matthäus 4 - 10 Die zeitliche Reihenfolge ist bei dieser Geschichte vertauscht: Erst jetzt beruft Jesus die Jünger, aber schon bei der Hochzeit in Kana haben sie ihn begleitet. Der Grund für die Umstellung ist: In diesem Teil des Bilderbuchs wird nicht eine einzige Geschichte erzählt, sondern aufgezeigt, was für eine Aufgabe die Jünger Jesu haben. Zeitlich reicht das weit hinein in das öffentliche Wirken Jesu, bis zur Sendung der Jünger zum Volk Israel (Matthäus 10). jesus ruft Menschen, die alles aufgeben, um ihm zu folgen. Sie sollen bei ihm sein, und von ihm "lernen" (Jünger heißt eigentlich "Schüler"), damit sie dann später als seine Boten in die Welt hinausziehen können. Zum Lernen gehört es, daß sie sein Wort hören und es sich merken. Das Bilderbuch bringt Ausschnitte aus der "Programmrede" Jesu, der Bergpredigt. Dort findet sich auch das Gebet, das Jesus seine Jünger gelehrt hat: das Vaterunser. Es ist in der Fassung abgedruckt, in der es von evangelischen und katholischen Christen gemeinsam gebetet wird. |
16 Jesus und der Gelähmte Markus 2, 1 - 12 Der ungewöhnliche Weg, auf dem der Gelähmte zu Jesus kommt, macht - sicher nicht nur für die Kinder - den besonderen Reiz dieser Geschichte aus. Aber auch sonst ist hier manches anders, als wir es von den Heiligungsgeschichten der Evangelisten gewohnt sind. Jesus kann überall dort Menschen von Krankheitsnot befreien, wo ihm Vertrauen entgegen gebracht wird. In dieser Geschichte aber erleben wir, daß der Glaube nicht bei den Kranken selbst zu finden ist, sondern bei den Freunden, die ihn zu Jesus bringen. Ist der Gelähmte schon entmutigt, daß er sich die Möglichkeit einer Heilung garnicht mehr vorstellen kann? Noch etwas anderes ist überraschend an dieser Geschichte. Anstatt daß Jesus sogleich das rettende Wort spricht, spricht er den Kranken auf seine Schuld an. Ist der Mann vielleicht ein ganz besonders schlimmer Sünder? Davon ist nirgend etwas gesagt! Jesus setzt vielmehr (mit den frommen seiner Zeit) voraus, daß Krankheit nicht nur äußere Ursachen hat. Vor allem in ihren schweren Erscheinungsformen sah man eine Strafe für menschliche Schuld. Den tiefsten Grund des Krankheitsschicksals fand der Glaube Israels in einem gestörten Verhältnis zu Gott. Und ist daran nicht häufig etwas Wahres? Es gibt Krankheiten, an denen wir selbst Schuld sind durch mangelnde Vorsicht oder eine unvernünftige Lebensweise. Wir empfinden sie als ein Signal: So kannst du nicht weitermachen! Manchmal rührt das an noch tiefere Störungen: Wofür lebe ich eigentlich? Was habe ich aus dem mir anvertrauten Leben gemacht? Was bin ich Gott und meinen Mitmenschen schuldig geblieben? Es ist gut, bei jeder Krankheit nach innen zu horchen und zu fragen, was sie (was Gott durch sie) mir sagen will. Aber es wäre verkehrt, in jedem Fall nach einer bestimmten Schuld zu suchen. Jesus behaftet den Gelähmten nicht bei seinen Sünden, sondern macht ihn davon frei. Er sagt zu ihm: "Was vergangen ist, darf dich nicht länger belasten. Ich schenke dir einen neuen Anfang. Gott ist mit dir gut, nichts trennt dich mehr von ihm. Das verbürge ich dir." Noch ein weiteres Mal ist diese Geschichte für eine Überraschung gut. Die vergebende Zuwendung Jesu zu dem Gelähmten stößt auf Widerspruch. Was Jesus tut, ist in der Tat etwas Unerhörtes. Wenn er in Vollmacht, wie Gott selber, Sünden vergibt, dann ist das im Grunde ein noch viel größeres Wunder, als wenn er Kranke heilt. Sünden vergeben kann nur der, der selbst alle unsere Schuld auf sich nimmt. |
17 Jesus und der Sturm Markus 4, 35 - 41 Der See von Genezareth (oder Gennesaret) genannt, bildet den Mittelpunkt des Wirkens Jesu in seiner ersten Zeit. Hier predigt er dem Volk, erzählt er seine Gleichnisse und heilt Kranke; hier findet er seine ersten Jünger. Der See von Galliläa ist klein genug, daß man ihn in ein paar Stunden überqueren kann - und groß genug, daß ein kleines Schiff, wie das Fischerboot der Jünger dabei je nachdem in schwere Not gerät. Wirbelstürme wühlen unversehens den glatten Wasserspiegel auf. Solche Stürme entstehen als Fallwinde infolge starker Temperaturschwankungen während der Nacht. In einen solchen Sturm gerät das Boot, in dem Jesus, ermattet von den Anstrengungen des Tages, schlafend ruht. Und die Jünger erleben staunend, daß dieser Mann auch Herr ist über die tobenden Elemente. Sein Wort ist machtvoll wie das Wort des allmächtigen Schöpfers, der nach der bildhaften Vorstellungsweise des Alten Testaments seine Schöpfung dem wütenden Meer abgerungen hat: "Die Fluten hatten das Land bedeckt, über den höchsten Bergen stand das Wasser. Vor deiner Stimme bekam es Angst; es floh vor deinem Donnergrollen" (Psalm 104.6-7) Die Jünger, die diese Geschichte weitererzählten, sahen darin nicht nur das Erlebnis einer einmaligen wunderbaren Rettung. Der Mann, der das Toben der Wellen stillte, ist den Seinen in den Stürmen des Lebens allezeit helfend nahe. Frühe Ausleger sahen in dem Fischerboot ein Sinnbild für das "Schiff der Kirche", die von ihrem Herrn sicher durch alle Verfolgungen und Anfeindungen geleitet wird. Und wir selbst dürfen darin ein Bild sehen für unser eigenes Lebensschifflein, daß immer wieder von den Stürmen des Tages umhergeschleudert wird. Auch uns gilt dann Jesu Ermutigung: "Warum habt ihr Angst? Ich bin doch da!" |
18 Jesus besiegt den Tod Aus Markus 5, 21 - 43 Soll man Kindern in einem Bilderbuch vom Tod erzählen? Manche werden noch garnicht so recht wissen, was das ist: Sterben. Aber früher oder später müssen sie sich damit auseinandersetzen. Und da kann es eine Hilfe sein, wenn sie - und die Erwachsenen, di emit ihnen darüber sprechen - auf etwas zurückgreifen können, was schon im Kinderherzen Wurzel geschlagen hat. Andere haben den rätselhaften und schmerzlichen Vorgang des Sterbens mehr oder weniger nah miterlebt. In einem solchen Fall kann das Betrachtender Bilderbuchgeschichte dazu verhelfen, mit den Kindern über die aufgebrochenen Fragen zu sprechen und gemeinsam mit ihnen das Erlebte zu verarbeiten. Nur müssen wir dabei bedenken, daß wir das Erzählte nicht unmittelbar auf uns selber anwenden können. Wie wundervoll wäre das, wenn Jesus auch heute noch zu uns kommen und unsere geliebten Toten ins Leben zurückholen würde! Aber auch damals waren es nur einzelne, die das erlebten, und auch sie mußten schließlich ein zweites Mal sterben. "Jesus besiegt den Tod": Der Titel dieser Geschichte verweist auf eine Todesüberwindung, die über unser Einzelschicksal weit hinausreicht. Wenn Jesus Tote auferweckt, dann fällt mitten in unser todverfallenes Leben ein Lichtstrahl der kommenden Welt, in der es keinen Tod mehr gibt. Können wir schon heute etwas davon erfahren? Jesus wandelt nicht mehr sichtbar über unsere Erde; aber er ist nicht im Grab geblieben, sondern durch den Tod hindurchgegangen in ein Leben, das keinen Tod kennt. Darum ist er für uns keine Gestalt der Vergangenheit, er lebt und ist uns nahe, wie er es zugesagt hat: "Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt." (Matthäus 28,20) Um seine Nähe zu wissen, seine Nähe zu fühlen, das verändert unser Leben und Sterben. Wenn wir zum letzten Mal die Augen schließen, ist er es, der uns bei der Hand faßt und sagt: "Wach auf!" Die Kinder aber, die noch nicht mit Gedanken an Tod und Sterben umgehen, können bei der Bildfolge das eine ganz tief in sich aufnehmen (und wir können sie darauf hinlenken): "Was euch geschehen mag, Jesus ist bei mir. Er hält und trägt mich. Er läßt mich nie allein." |
19 Der barmherzige Samariter Lukas 10, 25 - 37 Das Bilderbuch erzählt die Geschichte so einfach, wie möglich: Ein Mann fragt Jesus. Die Bible sagt: Es war ein Gesetzeslehrer. Er kennt sich aus in dem "Gesetz" das Gott seinem Volk durch Mose gegeben hat. In diesem Gesetz stehen zum Beispiel die Zehn Gebote. Der Gesetzeslehrer wollte Jesus prüfen, ob er auch die richtige Antwort weiß. Jesus läßt ihn selber die Antwort geben - und dann prüft er den Gesetzeslehrer: "Tust du auch, was das Gesetz sagt?" Das bringt den Mann in Verlegenheit; er fühlt sich angegriffen und will sich verteidigen. Natürlich liebt er Gott, das ist sozusagen sein Beruf; täglich studiert er Gottes Gesetz! Aber der Mitmensch, der "Nächste"? Wer ist das? Man kann doch nicht jedermann lieben! Da erzählt Jesus die Geschichte vom "Barmherzigen Samariter". Samariter waren die Bewohner des Gebiets von Samaria, das zwischen Juda/Jerusalem und Galiläa liegt. Zwischen Juden und Samaritern gab es starke Spannungen, die großenteils religiös begründet waren. Durch den vorbildlichen Samariter in der Beispielgeschichte Jesu wurde der ursprüngliche Volksname "Samariter" gleichbedeutend mit: ein opferbereiter Mensch. Der Samariter in der Geschichte hilft sogar seinem Feind, während die Männder, die Gott am Tempel dienen, ihren eigenen Landsmann liegenlassen. "Nimm ihn dir zum Vorbild!" sagt Jesus. Der Nächste, das ist der der jetzt im Augenblick dich, deine Hilfe, braucht - gleichgültig, ob er dir fern- oder nahesteht, ob du ihn magst oder nicht. |
20 Der verlorene Sohn Lukas, 15, 11 - 32 Die Geschichte, die Jesus erzählt, kann jedes Kind verstehen: So wie der Vater im Gleichnis zu seinem Sohn, so ist Gott zu uns Menschen. Er hält uns nicht mit dem Zwang bei sich fest, sondern gibt uns die Freiheit, unseren eigenen Weg zu gehen. Aber er wartet auch auf uns. Wenn die Not uns zur Einsicht bringt, steht die Tür zum Vaterhaus offen. Aber da ist noch ein zweiter Sohn" Die Geschichte sollte eigentlich heißen: "Der Vater und seine beiden schwierigen Söhne". Dieser zweite Teil der Geschichte wird im Bilderbuch nur kurz angedeutet. Er ist aber genauso wichtig wie der erste. Jesus ist angegriffen worden, weil er die "Zöllner und Sünder" - also Kollaborateure, die es mit der Besatzungsmacht halten, Ausbeuter, Dirnen und andere vom frommen Judentum geächtete menschen - in seine Gemeinschaft aufgenommen hat. Mit solchen Menschen will Gott nichts zu tun haben, meinen die Frommen. Sie denken wie der ältere Bruder im Gleichnis. Jesus lädt sie dazu ein, im anderen Menschen den Bruder zu entdecken und sich mitzufreuen mit dem Vater, anstatt auf ihre Verdienste zu pochen und sich abzusondern. Denn es gibt kein Glück im Himmel solange auch nur eines von Gottes Kindern fehlt. |
21 Bartimäus Markus 10, 46 - 52 In der Geschichte von der Heilung des blinden Bettlers begegnen uns zweierlei Menschen. Da sind einmal die Leute am Straßenrand, die es unpassend finden, daß ein schmutziger Bettler Jesus belästigt und sein Elend so laut hinausbrüllt. Es können durchaus fromme leute sein. (Auch bei uns kommt es immer wieder vor, daß wir in unserer Andacht gestört werden durch ein solches, nicht unbedingt nur hörbares "Brüllen.) Die Darstellung im Bilderbuch läßt sie am Straßenrand stehen und Jesus erwarten. Der Künstler wollte die "Parteien" überischtlich gegenüberstellen. Nach dem Bibeltext gehören sie zu der Menge, die Jesus begleitet; man hat sich vorzustellen, daß sie ihm vorausziehen. Und da ist zum andern der Blinde am Wegrand, einer von vielen, denen niemand helfen kann, und die ihre Not und ihre Hoffnung hinausschreien: "Jesus, hilf mir!" Jesus hört den Hilferuf. Er fühlt sich nicht belästigt - so wenig wie das andere Mal, als besorgte Jünger die Kinder von ihm fernhalten wollten. Aber die Geschichte wird nicht nur weitererzählt, weil damals ein Blinder sehend wurde. Blindsein oder sehen - das ist eine Frage an uns alle, auch und gerade an die im äußeren Sinne Sehenden. Schon als er noch blind war, sah Bartimäus mehr als die anderen, die Jesus vor Augen hatten. "Jesus, du Sohn Davids" ruft er nach dem biblischen Text. Er erkennt in Jesus den langersehnten Retter aus der Nachkommenschaft des großen Königs David, den Gott (nach der Botschaft der Propheten) seinem Volk und der Welt senden will. Und er folgt Jesus bedingungslos - gerade jetzt, wo sein Weg ans Kreuz führt. |
22 Zachäus Lukas 19, 1 - 10 Zachäus ist nicht nur klein, sondern gehört auch zu einer Menschengruppe, die von den meisten Juden der zeit Jesu verachtet und gemieden wurde : zu den Zöllner und Zolleinnehmern. Sie kassierten für die verhaßte römische Besatzungsmacht Marktzölle, Straßen- und Grenzzölle. Sie arbeiten dabei als freie "Unternehmer": Die Römer verpachteten an den Meistbietenden das Recht zum Einzug der Zölle eines Bezirks. Es waren zwar Tarife festgesetzt, aber ihre Einhaltung wurde nicht überwacht. Darum galten die Zöllner allgemein als Betrüger. Zachäus ist sogar Oberzöllner, und man kann sich vorstellen, daß er seine körperliche Kleinheit damit kompensiert, daß er andere seine Macht spüren läßt. Zachäus ist in Jericho und Umgebung unbeliebt. Für die frommen Juden gab es noch einen weiteren Grund, sich von Zöllnern wie Zachäus abzuwenden und auf sie herabzusehen: Diese kamen durch ihren Beruf in enge Berührung mit Nichtjuden und wurden dadurch nach den Bestimmungen des alttestamentlichen Gesetzes "unrein". Das bedeutet, daß sie vom erwählten Volk Gottes praktisch ausgeschlossen waren und insbesondere nicht an den Gottesdiensten im Tempel teilnehmen durften. Gerade an dieser Stelle hebt sich das Verhalten Jesu vom Verhalten der frommen zu seiner Zeit ab. Er kennt keine Schranken zwischen Mensch und Mensch, zwischen Guten und Bösen, und wo er Schranken findet, sucht er sie zu überwinden, Gottes Einladung gilt allen Menschen. So kann Jesus in Zachäus den Menschen wahrnehmen. Er sieht sofort, daß da nicht bloß ein Neugieriger auf dem baum sitzt, sondern ein Suchender, der bei all seiner Macht und seinem Reichtum im Grunde seines Herzens nicht glücklich ist. Aber nicht darauf spricht Jesus ihn an. Er geht einfach zu dem Menschen, den alle meiden. Er nimmt ihn bedingungslos an. Er läßt ihn spüren: Auch du bist von Gott geliebt. Auch du gehörst zu Gottes Volk (zu den "Kindern Abrahams", wie es der Bibeltext sagt). Die Wirkung auf Zachäus ist ungeheuer. Jesus hat nichts von ihm verlangt. Aber Zachäus weiß, daß er neben Jesus nicht bleiben kann, wie er ist. Er fühlt auf einmal, was ihn von Gott und den Menschen - ja, was ihn vom wahren Leben trennt. Nicht seinen Beruf muß er aufgeben, aber die Art, wie er ihn ausgeübt und seine Stellung im eigenen Interesse mißbraucht hat. Und jetzt erst ist Zachäus wirklich froh und frei. Die Geschichte schließt mit dem Wort Jesu, der von sich sagt: "Der Menschensohn ist gekommen, um die Verlorenen zu suchen und zu retten." |
23 Die Arbeiter im Weinberg Matthäus 20, 1 - 16 Das ist für Erwachsene wie für Kinder eine anstößige Geschichte. Wer kann nich tmitfühlen mit den Arbeitern, die schon früh am Morgen begonnen und in der größten Hitze ausgehalten haben? "Wir bekommen mehr, wir haben mehr gearbeitet!" So denken wir Menschen, und so haben wir unsere Arbeitswelt eingerichtet: Leistung soll ihren Lohn haben. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Wer mehr arbeitet, hat einen Anspruch darauf, daß er auch mehr bekommt. Jesus will mit seiner Geschichte nicht eine neue Tarifordnung einführen. Es ist deutlich, daß sie ein "Gleichnis" ist, das auf etwas anderes hinweist. Wem hat Jesus dieses Gleichnis erzählt? Es sind Menschen, die wie die Arbeiter der "ersten Stunde" von Anfang an dabei waren, die sich von Jugend an darum bemüht haben, Gott zu dienen und seine Gebote zu erfüllen, ein Leben zu führen, das ihm gefällt. Vielleicht haben sie sogar in direkter Weise "für Gott gearbeitet" wie später christliche Evangelisten und Missionare, die nach einer Redewendung, die aus dieser unserer Geschichte stammt, ihr Leben der "Arbeit im Weinberg des Herrn" gewidmet haben. Und nun bringt Jesus andere hinzu, die bis jetzt nur für sich selbst gelebt haben. "Zöllner und Sünder", die sich nie um Gott und sein Reich gekümmert haben. Manch einer bekehrt sich noch in letzter Stunde, vielleicht auf dem Sterbebett. Und mit dem sollen wir an Gottes Tisch sitzen, als wäre da kein Unterschied? Es kann doch nicht umsonst gewesen sein, daß einer ein ganzes Leben lang sich nichts Gutes gönnt und die "Hitze des Tages" getragen hat. Gott muß das doch anerkennen! Jesus setzt die Leistung der Tüchtigen, die Opfer der Frommen, nicht herab. Aber er trennt aufs Entschiedenste Leistung und Lohn. Unterschiede unter den Menschen müssen sein. Aber es gibt einen Ort, wo sie nicht mehr zählen. Vor Gott sind alle Beschenkte, auch wenn sie "hart gearbeitet haben. Und deshalb sollen sie auch untereinander nicht mit ihren Leistungen auftrumpfen. Es fällt uns schwer, das gelten zu lassen. Kinder insbesondere haben ein empfindliches Gefühl für Gerechtigkeit. Dahinter lebt das Verlangen, anerkannt und angenommen zu sein mit dem, was man ist und tut. Jesus sagt: Jeder ist angenommen. Er soll nicht denken, das habe er nicht "verdient". Wenn er sich neidvoll mit anderen vergleicht, schließt er sich selbst von der gemeinsamen Freude aus. Und bekommt nicht auch Arbeit einen ganz neuen Sinn, wenn sie nicht mehr getan wird, um sich auszuzeichnen, sondern um etwas zu tun - und gut zu tun -, was nötig ist? Wenn ich im Weinberg Trauben lese, tue ich es, damit Menschen Trauben essen und Wein trinken könne. So sollte es sein. Und so sollte es auch sein, wenn einer sich um ein frommes Leben bemüht und Gottes Gebote befolgt. Für wen tue ich das? Für mich? Für Gott? Für den Nächsten? Gotte Güte befreit dazu, das Gute um des Guten Willen aus Liebe zu tun. |
24 Jesus in Jerusalem Matthäus 21, 1 - 11 und 26, 17 - 36 Von einer Menschenmenge begleitet, kommt Jesus nach Jerusalem. Die aufsehenerregende Weise, in der er dort einzieht, läßt erkennen, daß er eine Entscheidung herbeizuführen versucht. Die führenden Kreise des jüdischen Volkes, die Priester und Häupter der Religionsparteien, werden mit dem Anspruch konfrontiert: in Jesus ist der verheißene und vor allem erwartete Heilsbringer, der gottgesandte Retter (Messias) da. "Siehe, dein König kommt zu dir": diese Zukunftsvision des Propheten Sacharja geht jetzt in Erfüllung (Sacharja 9,9-10). An das Prophetenwort erinnert ganz direkt die Wahl des Reittieres. Ein Esel ist an sich nichts Besonderes; jeder Bauer, jeder Reisende benutzt ihn als Reit- und Lasttier. Nach Sacharja wird mit dieser Wahl ein Zeichen gesetzt, von welcher Art die Herrschaft dieses Königs ist. Kein Imperator, kein Kriegsheld hoch zu Roß, in Panzer und Waffen, naht sich hier: "Dein König kommt zu dir, Jerusalem! Er verzichtet auf Gewalt. Er reitet auf einem Esel..." Durch ein Mißverständnis des Evangelisten wird bei Matthäus auch noch die Eselmutter herbeigebracht. Sacharja gebraucht das dichterische Stilmittel des Parallelismus: "Er reitet auf einem Esel, auf dem Jungen der lasttragenden Eselin." Matthäus versteht das aös Aufzählung und verbindet die beiden Aussagwen mit einem "und". Der zweite teil der Geschichte berichtet vom letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern am Passa-Abend. Israel feiert am Passa-Fest die Erinnerung an die grundlegende Gottestat der Befreiung aus Ägypten. Im Einzelnen findet man Sinn und Ablauf des Festmahles geschildert in 2. Mose (Exodus) 12,1-11. Die Passa Lämmer wurden (als Opfertiere) am Tempel geschlachtet und dann im Familienkreis in den Häusern verzehrt. Für die Festpilger wurden in Jerusalem Räume zur Verfügung gestellt. Jesus weiß, daß dies zugleich sein Abschiedsmahl ist. So feiert er mit seinen Jüngern ein neues Gedächtnismahl, in dem nich tmehr die Befreiung Israels aus Ägypten, sondern die Erlösung aller Menschen durch seinen Opfertod am Kreuz im Mittelpunkt steht. Dieses "Abendmahl" (auch Eucharistie genannt) wird von den Christen nicht nur einmal im Jahr, sondern während des ganzen Jahres regelmäßig gefeiert. Es bringt in besonders eindringlicher Form die Gegenwart des lebendigen Christus bei seiner Gemeinde zum Ausdruck. |
25 Jesus ist auferstanden Aus Markus 14-16, Johannes 19 und Lukas 24 Die Geschichte von Jesu Leiden, Sterben und Auferstehung ist vielen Menschen bei uns vertraut. Kein anderes Thema ist in der christlichen Kunst so oft dargestellt worden. Durch die Passionen J.S.Bachs lebt die Leidensgeschichte im Bewußtsein zahlreicher Menschen. So werden Erwachsene kaum Schwierigkeiten haben, die stark getraffte Bildfolge zu verstehen und mögliche Fragen der Kinder zu beantworten. Mancher vermißt vielleicht bekannte Szenen wie die Verleugnung des Petrus oder die beiden mitgekreuzigten Schächer. Warum sollte man das nicht den Kindern zusätzlich erzählen? Gewisse Fragen werden allerdings auch für den, der die biblischen Berichte in vollem Umfang kennt, ohne Antwort bleiben. Was veranlaßt Judas zu seinem Verrat? Warum wollen die führenden Kreise Jesus beseitigen? In der Bibel gibt es dazu Hinweise (z.B. Lukas 22,3-6; Matthäus 27,18; Markus 3,1-6 und 11,15-18; Johannes 11,46-53). Aber sie reichen nicht aus, um unsere Neugier zu befriedigen und ein lückenloses Protokoll der Vorgänge zu erstellen. Insbesondere erlauben die überlieferten Angaben nicht, den "Prozeß Jesu" noch einmal aufzurollen. Wer trägt die Hauptschuld an Jesu Tod, die Juden oder die Römer? Es ist ein trauriges Kapitel, daß Christen im Lauf der Jahrhunderte immer wieder der Versuchung erlegen sind, aufgrund der Kreuzigung Jesu die Juden in ihrer Gesamtheit als "Gottesmörder" zu diffamieren und zu verfolgen. "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder", so ruft zwar nach MAtthäus 27,25 die aufgeputschte Menge vor Pilatus. Aber das ist im Grunde vor und zu Gott gesprochen und gibt keinem Menschen das Recht, sich selber das Rächeramt anzumaßen. Gibt es hier überhaupt etwas zu rächen? Christen haben seit je die Passion Jesu so begleitet, daß sie fühlten: Wir haben hier niemand zu verurteilen. Was Jesus ans Kruez gebracht hat, ist die Schuldenlast der Welt, an der wir teilhaben. Wir werden deshalb die Geschichte von Jesu Leiden und Sterben nur recht verstehen, wenn wir uns selber mit unter das Kreuz stellen und mit Paul Gerhard sprechen: "Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; ich hab' es selbst verschuldet, was du getragen hast." Können wir den Kindern wenigstens ansatzweise diese Sicht nahebringen? Das Bild, das den sterbenden Jesus zeigt, könnte dazu anregen: Es war der Wille des himmlischen Vaters, daß Jesus für alle Menschen starb. Die Kinder sollten die Geschichte so erleben können, daß sie spüren: Jesus hat mich lieb. Er leidet für uns alle, auch für mich. Die zweite Hälfte des Bilderbuches spricht mehr als die erste für sich selbst. Jesus lebt: das kann man hier unmittelbar miterleben. |
26 Himmelfahrt und Pfingsten Aus Apostelgeschichte 1 und 2 Jesus lebt, er ist auferstanden! Erst langsam begreifen die Jünger, was da geschehen ist. Jesus ist nicht in der Gewalt des Todes geblieben. Das bedeutet zugleich: Gott hat sich auf seine Seite gestellt. Er hat sich zu dem Ausgestoßenen bekannt, der am Kreuz einen schmählichen Tod gestorben ist. Jesus ist nicht so ins irdische Leben zurückgekehrt wie etwa das junge Mädchen, das er aus dem Tod zurückgeholt hat. Seine Auferstehung ist nicht ein Aufschub des unabwendbaren Todesaugenblickes um ein paar Jahre. Sie ist der Eintritt in ein leben, das keinen Tod mehr vor sich hat: die Aufnahme in den MAchtbereich Gottes, den man herkömmlicher- und mißverständlicherweise "Himmel" nennt. Gott hat jesus aus dem Tod an seine Seite gholt. Er hat ihn in seinem - für uns noch unsichtbaren - himmlischen Reich zu dem "König" gemacht, dem alle Mächte untertan sind und an dem sich das Schicksal aller Menschen entscheidet. "Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden", wird Jesus beim Abschied seinen Jüngern sagen (Matthäus 28,18-20). Das ist grundsätzlich mit der Auferweckung an Ostern geschehen, und es braucht dazu eigentlich keine besondere "Himmelfahrt". Wenn der Auferstandene sich an Ostern und danach seinen Jüngern zeigt, kommt er nicht aus dem Grab, sondern von seinem himmlischen Thron, wie das der "ungläubige Thomas" erkennt, wenn er voor ihm niederfällt: "Mein Herr und mein Gott!" (Johannes 20,28) Trotzdem gibt es nach Ostern eine besondere, nicht wiederkehrende Zeit, in der der erhöhte Herr sich seine Jüngern zu wiederholten Malen zeigt, bis er ihnen mit seiner "Himmelfahrt" deutlich macht, daß sein Platz beim Vater ist und er ihnen fortan in anderer Form nahe sein wird. Die Gegenwart des Auferstandenen in anderer Form: Das ist es, was die Jünger am Pfingstfest erfahren. In dem Geist, der hier von ihnen Besitz ergreift, kommt Jesus selbst zu ihnen - und mit ihm der Anfang jenes Lebens, das er an Ostern vom Vater empfangen hat. Äußere Erscheinungen, wie sie vom ersten Pfingstfest berichtet werden, können nur Hinweise sien auf das, was hier geschieht: Christuns nimmt Wohnung in den Herzen der Menschen, die ihm glauben. Die Gegenwart Jesu durch seinen Giest aber macht die kleine Jüngerschar fähig, die Botschaft vom wahren König als seine Zeugen hinauszutragen, "bis ans äußerste Ende der Erde" (Apostelgeschichte1,8). |
27 Ein Afrikaner wird getauft Apostelgeschichte 8, 26 - 39 Juden aus aller Welt kamen zu den Festzeiten in die heilige Stadt Jerusalem mit ihrem Tempel, wo man sich dem Gott ISraels in besonderer Weise nahe wußte. Ab und zu waren auch Nichtjuden unter den Pilgern. Sie hatten sich der jüdischen Gemeinde angeschlossen - mehr oder weniger eng, je nachdem, ob sie bereit waren, die Voorschriften des Mose-Gesetzes (Beschneidung, strenge Sabbatruhe, Reinheitsgebote) in vollem Umfang zu befolgen oder nicht. Der hohe Hofbeamte der Königin von Äthiopien hat wohl durch Juden, die in sein Land kamen, vom Gott Israels und seinem Tempel gehört. Aber es gibt etwas, das ihn von der Gemeinde Gottes ausschließt. Der griechische Bibeltext nennt ihn "Eunuch"; und es ist bekannt, daß di eHofbeamten von Königinnen im Altertum Kastraten waren. Als Kastrat kann der Äthiopier nach der Vorschrift von 5. Mose 23,2 nicht Vollmitglied der jüdischen Gemeinde werden. Auch im Tempel darf er nur den äußeren Vorhof, den "Vorhof der Heiden", betreten. Trotzdem - die Nähe der heiligen Stätte war dem Mann aus Afrika so viel wert, daß er den weiten Weg auf sich nahm. Solch eine Reise macht man vielleicht nur einmal im Leben. Nun ist alles vorbei. Sind seine Erwartungen erfüllt? Ein Andenken hat er mitgenommen, ein heiliges Buch, ein Stück von Gottes Wort. Das geht mit ihm. Darin liest er. Aber er versteht es nicht. Geheimnisvolle Andeutungen findet er; aber von wem ist die Rede? Der Prophet spricht ahnungsvoll von dem Einen, der für alle in den Tod geht (Jesaja 53,7-8). Da schickt der Giest Gottes ihm den Mann, der die rätselhafte Schrift deuten kann. Im Altertum war es üblich, das gelesene halblaut vor sich hinzusprechen. Darum ist Philippus sofort im Bild und kann die richtige Frage stellen. Und dann braucht er dem Äthiopier nur noch von Jesus zu erzählen, der vollbracht hat, was der Prophet ahnend vorausgesagt hat. Was Philippus erzählt, macht dem Afrikaner deutlich: Du mußt Gott nicht mehr im Tempel in Jerusalem suchen. In Jesus Christus ist er dir ganz nahe gekommen. Du bist deshalb auch nicht mehr Mitglied zweiter oder dritter Klasse in der Gemeinde Gottes. Seit Jesu Tod und Auferstehung kommt es nicht mehr darauf an, "ob einer Jude ist oder nicht, ob er beschnitten ist oder nicht... Es gibt nur noch Christus, der in allen lebt und der alles wirkt" (Kolosser3,11). Durch die Taufe werden Menschen in die Gemeinschaft mit Christus und zugleich in die neue, umfassende Gemeinschaft der durch ihn erlösten Menschen aufgenommen. Der Äthiopier ergreift die Gelegenheit. Wir erfahren von ihm nichts weiter, als daß er, nachdem er die Erfüllung seines Lebens gefunden hat, "voll Freude" seines Weges zog. |
herausgegeben 1994 von der Deutschen Bibelgesellschaft Stuttgart
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