Warum diese Reihe?
Hallo ihr Lieben,
ich möchte kurz erklären, warum ich diese Reihe zum gebrochenen Amtseid gemacht habe.
Die Reihe heißt:
Der gebrochene Amtseid – Ihr habt es gewusst – 30 Jahre Politikversagen in Pflege und Gesundheit.
Und nein, das ist keine Parteipropaganda.
Das ist auch keine billige Beschimpfung einzelner Personen.
Und es ist keine strafrechtliche Behauptung.
Es ist eine moralische Frage.
Eine politische Frage.
Eine Frage an Verantwortung.
Ich komme gerade aus sechs Wochen Krankenhaus.
Sechs Wochen Neurologie.
Sechs Wochen Station.
Sechs Wochen Klinikalltag.
Und ich habe dort sehr deutlich gesehen, was viele Menschen längst wissen:
Die Pflegekräfte kämpfen.
Die Ärztinnen und Ärzte kämpfen.
Das Personal kämpft.
Nicht gegen die Patienten.
Nicht gegen die Menschen.
Sondern gegen ein System, das an vielen Stellen viel zu eng geworden ist.
Ich habe dort großartige Menschen erlebt.
Pflegerinnen, Pfleger, Ärztinnen, Ärzte, Therapeutinnen, Reinigungskräfte, Menschen, die freundlich bleiben, obwohl sie viel zu viel tragen.
Und genau deshalb geht diese Reihe nicht gegen das Personal.
Im Gegenteil.
Sie ist für das Personal.
Für die Menschen, die auf Stationen rennen.
Für die Menschen, die Nachtdienste machen.
Für die Menschen, die klingelnde Zimmer, Medikamente, Notfälle, Angehörige, Ängste, Schmerzen und Bürokratie gleichzeitig bewältigen müssen.
Und sie ist für die Patientinnen und Patienten.
Für alte Menschen.
Für kranke Menschen.
Für Pflegebedürftige.
Für Angehörige.
Für alle, die irgendwann merken:
Gesundheit ist nicht selbstverständlich.
Pflege ist nicht selbstverständlich.
Ein funktionierendes Krankenhaus ist nicht selbstverständlich.
Und dann habe ich gedacht:
Moment mal.
Das ist doch nicht plötzlich passiert.
Die alternde Gesellschaft war bekannt.
Die Babyboomer waren bekannt.
Der steigende Pflegebedarf war bekannt.
Der Personalmangel war absehbar.
Die Belastung der Krankenhäuser war absehbar.
Die Überforderung der Angehörigen war absehbar.
Das alles kam nicht über Nacht.
Und trotzdem haben Bundesregierungen über Jahrzehnte viel zu oft im Takt von Wahlperioden gedacht.
Vier Jahre überstehen.
Den Haushalt irgendwie hinbekommen.
Die nächste Reform ankündigen.
Den nächsten Bericht abwarten.
Den nächsten Kompromiss suchen.
Aber Pflege wartet nicht.
Ein alter Mensch wartet nicht.
Eine Nachtschicht wartet nicht.
Ein Krankenhausflur wartet nicht.
Ein Mensch mit Schmerzen wartet nicht.
Eine Pflegekraft mit Erschöpfung wartet nicht.
Und darum habe ich diese Reihe gemacht.
Dreiunddreißig Videos.
An Bundeskanzlerinnen und Bundeskanzler.
An Gesundheitsministerinnen und Gesundheitsminister.
An Arbeits- und Sozialministerinnen und -minister.
An Finanzministerinnen und Finanzminister.
Nicht, weil ich glaube, dass eine einzelne Person allein alles verursacht hat.
Sondern weil ich zeigen wollte:
Verantwortung verschwindet nicht, nur weil sie verteilt ist.
Wenn dreißig Jahre lang immer wieder gesagt wird:
„Nicht jetzt.“
„Nicht in diesem Haushalt.“
„Nicht in dieser Legislatur.“
„Nicht in dieser Zuständigkeit.“
„Nicht mit diesem Koalitionspartner.“
„Nicht so schnell.“
„Nicht so einfach.“
Dann landet die Rechnung irgendwann bei denen, die sich nicht wehren können.
Bei den Alten.
Bei den Kranken.
Bei den Pflegekräften.
Bei den Angehörigen.
Bei den Menschen im Bett.
Bei den Menschen im Dienst.
Und deshalb dieser Satz:
Sie wurden nicht gewählt, um vier Jahre zu überstehen.
Sie wurden vereidigt, Schaden vom Land abzuwenden.
Das ist der Kern.
Der Amtseid ist nicht Dekoration.
Er ist kein feierlicher Satz für den Moment der Vereidigung.
Er ist ein Versprechen.
Und dieses Versprechen muss man auch an Pflege und Gesundheit messen dürfen.
Nicht nur an Wirtschaft.
Nicht nur an Verteidigung.
Nicht nur an Außenpolitik.
Nicht nur an Haushaltszahlen.
Sondern auch an der Frage:
Kann ein Mensch in diesem Land würdig alt werden?
Kann ein Mensch krank werden, ohne Angst haben zu müssen, im System unterzugehen?
Kann eine Pflegekraft diesen Beruf ausüben, ohne selbst kaputtzugehen?
Kann ein Krankenhaus heilen, wenn es ständig am Limit arbeitet?
Kann ein Sozialstaat glaubwürdig sein, wenn Pflege zur Dauerüberforderung wird?
Ich sage:
Das muss endlich ins Zentrum.
Nicht als Randthema.
Nicht als weicher Sozialbereich.
Nicht als Kostenproblem.
Sondern als eine der großen Würdefragen unserer Zeit.
Und ja, ich bin wütend.
Aber ich bin nicht wütend auf die Menschen, die auf Station arbeiten.
Ich bin wütend darüber, dass diese Menschen so lange viel zu viel auffangen mussten.
Ich bin wütend darüber, dass man Pflegekräfte beklatscht, aber sie nicht ausreichend schützt.
Ich bin wütend darüber, dass alte Menschen zu oft als Kostenfaktor behandelt werden.
Ich bin wütend darüber, dass Angehörige still mittragen, bis sie selbst nicht mehr können.
Und ich bin wütend darüber, dass politische Verantwortung so oft in die Zukunft verschoben wurde.
Diese Reihe ist mein öffentlicher Spiegel.
Nicht perfekt.
Nicht neutral im Sinne von gleichgültig.
Nicht harmlos.
Aber sie ist ehrlich.
Sie fragt:
Was war euer Amtseid wert?
Und sie sagt:
Ihr habt es gewusst.
Und jetzt wissen wir es alle.
by Susanne