Folge 29: Jörg Kukies – Übergang ist keine Unschuld
**Intro – gesprochen**
Herr Kukies,
dieses Video richtet sich an Sie.
Ihre Amtszeit als Bundesfinanzminister war kurz.
Sehr kurz.
Ein Übergang.
Ein Restmandat.
Ein politischer Zwischenraum.
Aber diese Reihe fragt nicht nur,
wer lange genug Zeit hatte.
Sie fragt auch,
wie oft Verantwortung
weitergereicht wurde,
bis niemand mehr zuständig sein wollte.
**Strophe 1**
Sie kamen an den Geldschrank
eines Landes,
das längst wusste,
was Pflege und Gesundheit kosten werden.
Die Alterung war bekannt.
Der Personalmangel war bekannt.
Die Kliniknot war bekannt.
Die Erschöpfung der Pflegekräfte
war nicht mehr zu übersehen.
Sie konnten nicht sagen:
Ich wusste es nicht.
Sie konnten nur sagen:
Ich war nicht lange da.
Doch genau diese Reihe fragt:
Wie viele kurze Zuständigkeiten
ergeben zusammen
dreißig Jahre Unterlassen?
**Refrain**
Sie wurden nicht berufen,
um Übergang zu verwalten.
Sie wurden vereidigt,
Schaden vom Land abzuwenden.
Sie wurden nicht vereidigt,
um Rechnungen weiterzureichen.
Sie wurden vereidigt,
diesem Land zu dienen.
**Strophe 2**
Ein Finanzminister trägt nicht nur Zahlen.
Er trägt Prioritäten.
Er trägt die Frage:
Was darf warten?
Was darf nicht warten?
Wo wird gespart?
Wo wird investiert?
Wo wird Zukunft geschützt?
Wo wird Zukunft vertagt?
Pflege durfte nicht warten.
Krankenhäuser durften nicht warten.
Menschen, die andere Menschen waschen, heben, beruhigen, retten,
durften nicht warten.
Und doch warteten sie weiter.
Auf Pläne.
Auf Geld.
Auf Personal.
Auf einen Staat,
der ihre Arbeit nicht nur lobt,
sondern rettet.
**Refrain**
Sie wurden nicht berufen,
um Übergang zu verwalten.
Sie wurden vereidigt,
Schaden vom Land abzuwenden.
Sie wurden nicht vereidigt,
um Rechnungen weiterzureichen.
Sie wurden vereidigt,
diesem Land zu dienen.
**Strophe 3**
Herr Kukies,
vielleicht war Ihre Zeit zu kurz
für eine große Wende.
Aber sie war nicht zu kurz
für die Frage nach dem Amtseid.
Denn der Amtseid kennt keinen Übergangsmodus.
Er sagt nicht:
Ich gelobe, Schaden abzuwenden,
solange die Lage bequem ist.
Er sagt nicht:
Ich gelobe, Schaden abzuwenden,
wenn die Koalition stabil ist.
Er sagt nicht:
Ich gelobe, Schaden abzuwenden,
falls es politisch gerade passt.
Er bindet auch den Übergang.
Er bindet auch die kurze Amtszeit.
Er bindet auch den,
der nur für Monate Verantwortung trägt.
**Bridge – gesprochen**
Herr Kukies,
das ist der Punkt:
Die Pflegekrise entstand nicht,
weil ein einzelner Minister zu kurz im Amt war.
Sie entstand,
weil über Jahrzehnte jeder sagen konnte:
Nicht allein ich.
Nicht jetzt.
Nicht in diesem Haushalt.
Nicht in dieser Legislatur.
Nicht in dieser Zuständigkeit.
Und am Ende lag die Verantwortung
nicht mehr auf einem Schreibtisch,
sondern auf den Rücken der Pflegekräfte.
**Refrain – stärker**
Sie wurden nicht berufen,
um Übergang zu verwalten.
Sie wurden vereidigt,
Schaden vom Land abzuwenden.
Sie wurden nicht vereidigt,
um Rechnungen weiterzureichen.
Sie wurden vereidigt,
diesem Land zu dienen.
**Outro – gesprochen**
Herr Kukies,
die Frage bleibt:
Was war Ihr Amtseid wert,
wenn auch kurze Verantwortung
Teil einer langen Verschiebung wurde?
Was war Ihr Amtseid wert,
wenn die Rechnung bekannt war,
aber weiterhin nicht groß genug
für Pflege und Gesundheit vorgesorgt wurde?
Was war Ihr Amtseid wert,
wenn Übergang wieder bedeutete:
Die Schwächsten warten weiter?
Dies ist Folge 29.
Ihr habt es gewusst.
Dreißig Jahre Politikversagen
in Pflege und Gesundheit.
Der gebrochene Amtseid.
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Der gebrochene Amtseid · Folge 29
Jörg Kukies – Übergang ist keine Unschuld
Politische Kunst und moralische Anklage von Susanne Albers. Der Text wird vollständig dokumentiert und im Unterricht als prüfbare Position behandelt.