Zorn
Zorn kann Beziehungen zerstören. Aber ohne Empörung über Unrecht gäbe es viele politische und soziale Veränderungen nicht.
Die katholische Lehre ist geklärt. Nun muss niemand sie übernehmen. Diese Seite fragt, welche Beobachtungen hinter den sieben Hauptsünden weiterhin überzeugen – und wo die Begriffe zu grob, zu moralisch oder sogar verletzend werden können.
Zorn kann Beziehungen zerstören. Aber ohne Empörung über Unrecht gäbe es viele politische und soziale Veränderungen nicht.
Selbstüberschätzung ist problematisch. Aber Selbstachtung, Würde und Stolz auf eine Leistung sind nicht dasselbe.
Menschen können andere sexuell benutzen oder verletzen. Aber Begehren und Lust gehören ebenfalls zum Menschsein.
Gleichgültigkeit kann moralisch problematisch sein. Aber Müdigkeit, Depression und Überforderung sind keine moralischen Fehler.
Maßlosigkeit und Verschwendung können problematisch sein. Gleichzeitig kann moralische Bewertung von Essen Menschen beschämen.
Das Festhalten an Besitz und Macht kann andere schädigen. Bosch zeigt sogar institutionelle Korruption.
Missgunst kann Beziehungen vergiften. Aber der Wunsch nach dem, was andere haben, kann auch Ungleichheit sichtbar machen.
Nach der katholischen Lehre und dem kritischen Blick auf die sieben Hauptsünden kommt hier eine ausdrücklich persönliche mystische Position. Sie ist keine Darstellung kirchlicher Lehre, sondern ein Gegenentwurf von Susanne Albers.
Sünde wurde zum System. Eine lange Liste von Verboten, ein Netz aus Angst und Scham. Der Mensch galt als von Natur aus verdorben – und jede Abweichung wurde zur Schuld. Wer sündigte, musste beichten, büßen, leiden. Ganze Machtstrukturen stützten sich auf die Angst, etwas falsch gemacht zu haben. „Sünder“ wurden sortiert, gerichtet, ausgeschlossen. Liebe wurde zur Bedrohung. Freiheit zum Verdacht.
Mystik kennt keine Sünde – nur Entfremdung. Nicht das moralische Versagen ist das Problem, sondern das Vergessen der eigenen göttlichen Tiefe. Wenn ein Mensch sich von sich selbst entfernt, entsteht Leid – aber nicht Schuld. Wir brauchen keine Schuldzuweisung, sondern Erinnerung. Und keine Strafe, sondern Umkehr zur Quelle.
Wir schauen hin, wo wir blind waren. Wir fühlen, wo wir hart wurden. Wir kehren zurück – nicht zu einem Gesetz, sondern zur Liebe. In der Mystik bedeutet „Umkehr“ nicht Selbsterniedrigung, sondern Heimkehr. Der Mensch ist keine verdorbene Kreatur, sondern ein leuchtendes Wesen auf dem Weg. Was man einst Sünde nannte, wird zur Chance auf Erkenntnis.
Susanne Albers: Das mystische Wörterbuch des Abschieds – Stichwort „Sünde“.