SMS – Susanne macht SchuleFrei zugänglich · ungewöhnlich gedacht
Artikel 31 trifft Friedrich Schiller

Warum Spielen mehr sein könnte als Zeitvertreib

Die Kinderrechtskonvention spricht vom Recht auf Spiel. Schiller geht noch weiter: Im Spiel, so seine berühmte These, werde der Mensch erst ganz Mensch.

Wie ich auf diesen Gedanken kam

Während der IPA 2005 International Play Association Konferenz hier in Berlin gab es eine Podiumsdiskussion zum Schillerjahr 2005 und Schillers Formulierung zum Spiel im 15. Brief. Ich habe die Veranstaltungen im Haus der Kulturen der Welt und im FEZ Wuhlheide mit großem Interesse verfolgt.
Künstlerische Darstellung Friedrich Schillers
„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
Friedrich Schiller, 15. Brief über die ästhetische Erziehung des Menschen

Schiller unterscheidet Sinnentrieb, Formtrieb und Spieltrieb. Das Schöne nennt er „lebende Gestalt“: Leben und Form, Empfindung und Denken sollen nicht gegeneinander arbeiten, sondern zusammenkommen. Sein „Spiel“ meint deshalb nicht bloß Unterhaltung.

Der 15. Brief – gesungen

Die folgende Liedfassung übersetzt zentrale Gedanken des 15. Briefes in eine heutige, musikalische Form. Sie ist eine künstlerische Bearbeitung – nicht Schillers Originaltext.

Strophe 1

Leben ist der Sinnentrieb,
Gestalt ist Form und Geist.
Doch Schönheit wird geboren,
wo beides sich umkreist.
Nicht bloß Gefühl, nicht bloß Gedanke,
nicht nur Körper, nicht nur Licht.
Schönheit ist lebende Gestalt,
wo Welt zur Seele spricht.

Refrain

Lebende Gestalt,
Schönheit, die uns trägt.
Wo das Leben Form gewinnt
und Form zu leben schlägt.
Lebende Gestalt,
frei von Zwang und Muss.
Wo der Mensch im Spiel sich findet,
wird aus Ernst ein Kuss.

Strophe 2

Ein Marmorblock kann leben,
wenn Form ihn auferweckt.
Ein Mensch kann tot erscheinen,
wenn keine Form ihn deckt.
Erst wenn die Form im Fühlen lebt,
das Leben sich gestaltet,
wird das Schöne gegenwärtig,
das uns innerlich verwandelt.

Bridge

Mit Schönheit spielen heißt nicht:
das Leben leicht verachten.
Es heißt: im höchsten freien Sein
den ganzen Menschen achten.

Refrain

Lebende Gestalt,
Schönheit, die uns trägt.
Wo das Leben Form gewinnt
und Form zu leben schlägt.
Lebende Gestalt,
frei von Zwang und Muss.
Wo der Mensch im Spiel sich findet,
wird aus Ernst ein Kuss.

Outro

Der Mensch ist nur da ganz Mensch,
wo er wirklich spielt.
Wo Pflicht und Neigung schweigen
und Freiheit sich enthüllt.

Jetzt wird es spannend

1. Was könnte Schiller mit „ganz Mensch“ meinen?
2. Warum ist Spiel für ihn offenbar nicht das Gegenteil von Ernst?
3. Was hat Schillers Spieltrieb mit Artikel 31 der Kinderrechtskonvention zu tun?
4. Kann ein Kind genug Spielzeug haben und trotzdem zu wenig echten Spielraum?
Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht: „Dürfen Kinder spielen?“
Sondern: „Was nehmen wir einem Menschen, wenn wir ihm keinen freien Spielraum lassen?“