SMS · Susanne macht Schule
Odyssee · Teil 5

Gesänge 21–24

Video, Vertonungstext und dann der vollständige Gesang. Nimm, was du brauchst – und lies weiter, wenn dich etwas packt.

21. Gesang

Einundzwanzigster Gesang

Wie die Freier sich im Bogenwettkampf versuchten und Odysseus die Waffe erbat

Text der Vertonung

[Intro: Odysseus]
Der Wettkampf beginnt, die Spannung steigt,
mein Bogen wartet – die Wahrheit zeigt.
Die Freier prahlen, ihr Hochmut so groß,
doch mein Herz bleibt ruhig – ich weiß, was los.

[Verse 1: Odysseus]
Penelope spricht, ihr Blick so kalt,
„Wer spannt den Bogen, der herrscht im Halt.
Mein Mann war der König, der das vollbracht,
jetzt zeigt eure Stärke – die Wahrheit erwacht.“

Die Freier versagen, ihr Stolz zerbricht,
„Zu schwer, zu hart – das schaffen wir nicht!“
Ich steh im Schatten, der Bettler im Spiel,
doch bald zeig ich ihnen, wer wirklich viel.

[Refrain: Odysseus & Chorus]
Der Bogen gespannt, die Wahrheit ist nah,
Odysseus kehrt heim – der König ist da.
Von List und Taktik zum Schuss, der sitzt,
die Freier, sie zittern – ihr Ende ist fix.

[Verse 2: Odysseus]
Telemachos will’s, sein Mut wird wach,
doch ich stoppe ihn still – „Noch nicht, mein Schach.“
Eumaios reicht mir den Bogen mit Fleiß,
die Freier lachen – „Was macht der Greis?“

Ich greif das Holz, mein Griff ist fest,
der Bogen erklingt, der Pfeil wie ein Fest.
Ein Schuss durch die Ringe, der Treffer so klar,
die Stille im Raum – die Wahrheit ist da.

[Refrain: Odysseus & Chorus]
Der Bogen gespannt, die Wahrheit ist nah,
Odysseus kehrt heim – der König ist da.
Von List und Taktik zum Schuss, der sitzt,
die Freier, sie zittern – ihr Ende ist fix.

[Bridge: Odysseus]
Ich werf den Mantel, die Maskerade fällt,
„Ich bin Odysseus – ihr habt mich verprellt!“
Der Raum wird dunkel, der Zorn wird laut,
die Freier, sie wissen – die Stunde haut.

[Outro: Odysseus]
Der König ist heim, die Wahrheit erhellt,
mein Bogen spricht laut, mein Ziel wird gestellt.
Von Täuschung zur Tat, das Spiel ist vollbracht,
Odysseus kehrt heim – zur letzten Schlacht.

Der vollständige 21. Gesang

Nunmehr bewog die helläugig blickende Göttin Athene des Ikarios Tochter, die verständige Fürstin, Bogen und Beile von grauem Erz den Freiern im Saale vorzulegen zum Wettkampf wie zum Anfang des Mordens. Über die steile Treppe stieg sie ins obere Stockwerk und ergriff mit kraftvoller Hand den gebogenen, festen, ehernen Schlüssel; ein Griff aus Elfenbein zierte das Werkzeug. Eilig begab sie sich mit den dienenden Frauen zur Kammer hinten am Ende des Hausflurs. Dort lagen die Schätze des Königs, Stücke von Erz und Gold und kunstreich geschmiedetem Eisen, lagerte auch der federnde Bogen, dazu noch der Köcher; zahlreiche schmerzenbringende Pfeile ruhten darinnen. Bogen wie Pfeile schenkte ein Gastfreund in Sparta dem König, Iphitos, Sohn des Eurytos, stattlich und kraftvoll wie Götter. In Messene trafen sich beide, im Schlosse des klugen Helden Ortilochos. Dorthin war Odysseus gekommen, um vom gesamten Volke die Zahlung von Schulden zu fordern, hatten Messenier doch aus Ithaka dreihundert Schafe samt den Hirten entführt auf reichlich beruderten Schiffen. Ihretwegen hatte der junge Odysseus die weite Fahrt unternommen, vom Vater gesandt und den übrigen Fürsten. Iphitos suchte seine gestohlenen Rosse, zwölf Stuten, die noch Maulesel säugten, zur Arbeit befähigte Tiere. Anlaß boten die Rosse denn auch für seine Ermordung. Hin zu dem Sprößling des Zeus gelangte er später, dem starken, mutigen Herakles, der mitschuldig war an Verbrechen; dieser erschlug den Gastfreund in seinem Haus, der Verruchte, ohne Scheu vor den Göttern wie vor dem gastlichen Tische, den er ihm hingesetzt hatte, ermordete ihn, den Besitzer, und behielt die stampfenden Rosse in seinem Palaste. Während der Suche hatte er damals Odysseus getroffen und übergab ihm den Bogen, den einst sein gewaltiger Vater führte und sterbend im hohen Schloß dem Sohne zurückließ. Ihm überreichte Odysseus dafür die schneidende Klinge und den mächtigen Speer, zur Besiegelung inniger Freundschaft. Aber sie trafen sich niemals bei Tische. Der Sohn des Kroniden tötete vorher noch Iphitos, diesen göttlichen Helden, der dem Odysseus den Bogen schenkte. Zog auf den dunklen Schiffen Odysseus zum Kriege hinaus, so nahm er den Bogen niemals mit sich. Als Andenken an den Gastfreund bewahrte er die Waffe zu Hause, benutzte sie nur in der Heimat. Als jetzt die göttlich schöne Fürstin die Kammer erreichte und die eichene Schwelle betrat, die einstmals der Meister sachkundig glättete, nach der Schmitze richtete, schließlich Pfosten darauf erhob und die glänzenden Flügel der Türe anfügte, löste sie gleich den Riemen vom Ringe und steckte sicher den Schlüssel hinein und schob die Riegel des Eingangs aufwärts. So laut wie ein Stier, der am Wiesenhang weidet, die Stimme brüllend erhebt, so krachten durchdringend die prächtigen Flügel unter dem Stoß des Schlüssels und flogen sogleich auseinander. Auf die Lage von Brettern trat die Fürstin; dort standen Truhen, in denen duftende Kleidung aufbewahrt wurde. Von den Brettern aus langte die Herrin Bogen und Köcher sich herunter vom Pflock, auch den glänzenden Bogenbehälter, setzte sich, legte dann über die Knie das Schießzeug; sie schluchzte bitterlich auf und entnahm der Hülle den Bogen des Gatten. Schmerzliche Tränen vergoß sie; als sie sich ausgeweint hatte, stieg sie hinab in den Saal, in den Kreis der ruhmreichen Freier, trug in der Hand den federnden Bogen, dazu auch den Köcher; zahlreiche schmerzenbringende Pfeile ruhten darinnen. Hinter ihr trugen Mägde den Kasten, in dem sich die vielen Kampfgeräte des Fürsten befanden, aus Erz und aus Eisen. Als die göttliche Fürstin zum Platz der Freier gelangte, blieb sie stehen am Eingang des fest errichteten Saales, hatte den glänzenden Schleier sich über die Wangen gezogen; beiderseits traten die treuen Mägde neben die Herrin. Ohne Verzug ergriff sie das Wort und sprach zu den Freiern: "Hört mich, ihr mutigen Freier! Ihr drängtet euch gierig in diese Wohnung, um ununterbrochen zu schmausen, da ja der Hausherr lange Zeit schon abwesend ist. Und keinerlei andren Vorwand versteht ihr für euer Verhalten zu nennen als immer wieder nur einen: Ihr wollt mich zu eurer Gemahlin gewinnen. Auf denn, ihr Freier, da solch ein Kampfpreis in Aussicht gestellt ist! Vorlegen will ich den großen Bogen des edlen Odysseus. Wer mit den Fäusten die Sehne am leichtesten zieht auf den Bogen und den Pfeil durch die Öffnungen aller zwölf Beile hindurchschießt, diesem werde als Gattin ich folgen und scheiden vom Hause meines Odysseus, dem prächtigen, reich begüterten Schlosse, dessen ich sicherlich oft noch gedenke, sogar auch im Traume." Danach befahl sie Eumaios, dem wackeren Hüter der Schweine, Bogen und Beile den Freiern vorzulegen zum Wettkampf. Unter Tränen gehorchte Eumaios; der Hüter der Rinder weinte ebenfalls, als er den Bogen des Königs erblickte. Aber Antinoos schalt sie und rief die schmähenden Worte: "Törichtes Pack vom Lande, nichts weiter im Kopf als das Heute, elende Kerle, was flennt ihr, vergrößert mit eurem Gehabe nur noch den Kummer der Fürstin? Sie muß schon ohnehin schmerzlich trauern, nachdem sie ihren geliebten Gatten verloren! Setzt euch und schmauset in Ruhe! Sonst schert euch nach draußen zum Heulen, lasset das Schießzeug im Saale liegen, uns Freiern zum Wettkampf, zu dem entscheidenden, ernsten! Ich halte es gar nicht für einfach, diesen vortrefflich geglätteten Bogen neu zu bespannen! Unter uns allen befindet sich nämlich kein Mann von der Stärke eines Odysseus. Ich habe den König persönlich gesehen und entsinne mich deutlich. Damals war ich noch Knabe." Derart sprach er. Doch hegte er selber im stillen die Hoffnung, frisch zu bespannen den Bogen, den Pfeil durch die Beile zu schießen. Aber er sollte vielmehr als erster vom Pfeile des edlen Helden Odysseus getroffen werden, den er im Saale bitter gekränkt, dazu die Gefährten noch aufgehetzt hatte. Unter ihnen sagte der kraftvolle Sohn des Odysseus: "Wehe, mich brachte tatsächlich um meinen Verstand der Kronide! Meine Mutter erklärt mir, trotz ihres verständigen Denkens, einem anderen folgen, das Haus hier verlassen zu wollen! Und ich lache und freue mich noch der eigenen Einfalt! Auf denn, ihr Freier, da solch ein Kampfpreis in Aussicht gestellt ist, eine Gemahlin, wie keine in ganz Achaia sich findet, nicht im heiligen Pylos, in Argos wie in Mykene, auch auf Ithaka nicht noch auf dem Festland, dem dunklen! Ihr auch wißt es, ich brauche die Mutter durchaus nicht zu rühmen. Los jetzt, verschleppt nicht den Wettkampf durch Ausflüchte, drückt euch nicht länger vor dem Bespannen des Bogens! Wir wollen den Stärksten erkennen. Selber auch möchte ich meine Kraft an dem Bogen erproben. Könnte ich ihn bespannen und dann die Beile durchschießen, brauchte die würdige Mutter nicht, zu meiner Betrübnis, einem andern zu folgen, während ich selber zu Hause bleibe, schon fähig, des Vaters herrliche Waffen zu führen!" Derart sprach er, sprang in die Höhe und nahm von den Schultern sich den purpurnen Mantel und die schneidende Klinge, zog durch den Fußboden eine längere Furche und stellte hintereinander sämtliche Beile hinein, nach der Richtschnur, stampfte dann ringsum den Estrich fest. Es staunten die Freier, wie genau er sie stellte, obwohl er sie niemals gesehen. Danach trat er zur Schwelle und wollte den Bogen bespannen. Dreimal bog er ihn nieder, einzuhängen die Sehne; dreimal erlahmte er vorher; doch hoffte er unverwandt weiter, einzuspannen die Sehne, den Pfeil durch die Beile zu schießen. Wirklich, er hätte bespannt ihn beim vierten gewaltsamen Ziehen, aber sein Vater nickte ihm zu und hemmte den Eifer. Da rief unter den Freiern der kraftvolle Sohn des Odysseus: "Wehe, ich muß wohl auch künftig schwach und untüchtig bleiben, oder ich bin noch zu jung, muß zweifeln am eignen Vermögen, einen, der dreist mich herausfordert, mir vom Leibe zu halten! Auf denn, die ihr mich weit übertrefft an Stärke, ihr Freier, wagt euch beherzt an den Bogen, wir wollen den Wettkampf entscheiden!" Derart rief er und stellte die Waffe ab auf den Boden, lehnte sie gegen die festen, geglätteten Flügel des Eingangs, lehnte den schnellen Pfeil auch neben den kräftigen Haken. Wiederum nahm er Platz auf dem Sessel, den er verlassen. Nunmehr erhob Antinoos, Sohn des Eupeithes, die Stimme: "Hintereinander erprobt euch, von links nach rechts, ihr Gefährten, von dem Platze des Mundschenken aus, der die Becher uns nachfüllt!" Derart befahl Antinoos; Zustimmung gaben die andern. Und Leiodes erhob sich als erster, der Sprößling des Oinops, der, als Opferbeschauer, ständig im hinteren Winkel neben dem prächtigen Kruge saß; als einziger haßte er das schamlose Treiben, er zürnte sämtlichen Freiern. Dieser ergriff den schnellen Pfeil und den Bogen als erster, trat an die Schwelle und wollte kühn die Waffe bespannen. Aber er schaffte es nicht, ihm versagten vorher die zarten, wenig geübten Hände; da rief er in die Versammlung: "Freunde, den spanne ich nicht, es sollen auch andre versuchen! Wird doch der Bogen noch manchem Helden an Leben und Seele weh tun, weil es viel besser erscheint zu sterben, als lebend schmählich das Ziel zu verfehlen, um dessentwillen wir ständig hier uns vereinen und Tag für Tag nur hoffen und harren! Mancher noch hegt zur Stunde den Wunsch und die frohe Erwartung, sich Penelope ins Haus zu führen, die Frau des Odysseus. Hat er sich aber am Bogen versucht und sieht sich versagen, wird er sich eine andere schmucke Achaierin suchen und mit Geschenken umwerben; doch nehme die Fürstin den Helden, der ihr das meiste bietet und den das Schicksal ihr zuführt!" Derart sprach er und stellte die Waffe wieder zur Seite, lehnte sie gegen die festen, geglätteten Flügel des Eingangs, lehnte den schnellen Pfeil auch neben den kräftigen Haken, setzte sich dann erneut auf den Sessel, den er verlassen. Aber Antinoos schalt ihn und sagte erregt und verächtlich: "Was, Leiodes, entfloh da dem Geheg deiner Zähne für ein entsetzliches, furchtbares Wort? Mich empört es zu hören, daß der Bogen dort manchem Helden an Seele und Leben weh tun sollte - weil du bloß zu schwach bist, ihn zu bespannen! Wahrlich, die würdige Mutter gebar dich durchaus nicht als Kämpfer, der den Bogen bedient und treffsicher Pfeile entsendet! Aber es werden bald andere ruhmreiche Freier ihn spannen." Derart sprach er, befahl dann dem Hüter der Ziegen, Melantheus: "Los, ein Feuer entzünde im Saale, Melanthios, rücke einen der Sessel heran und breite ein Schaffell darüber, bringe auch eine große Scheibe von Talg aus dem Vorrat! Anwärmen wollen wir Jungen den Bogen und ausgiebig fetten, weiter im Spannen versuchen uns dann und den Wettkampf entscheiden!" Derart sprach er. Melantheus entfachte ein loderndes Feuer, rückte den Sessel heran und legte ein Schaffell darüber, brachte auch eine große Scheibe von Talg aus dem Vorrat. Wärmend und fettend versuchten die Freier ihr Glück, doch nicht einer konnte den Bogen bespannen; bei weitem nicht reichten die Kräfte. Aber Antinoos und Eurymachos, Führer der Freier, hielten sich wartend zurück noch; die Tüchtigsten waren sie beide. Gleichzeitig traten inzwischen hinaus aus dem Saale die beiden Hirten des edlen Odysseus, Philoitios wie auch Eumaios. Hinter ihnen verließ das Haus auch der göttliche König. Als sie durch Saaltür und Hof auf der Straße angelangt waren, wandte Odysseus sich an die beiden mit freundlichen Worten: "Rinderhirt, du auch, Schweinehirt, etwas will ich euch sagen - oder schweige ich lieber? Doch möchte ich gern es enthüllen. Wie verhieltet ihr euch, wenn es gälte, Odysseus zu helfen, käme er plötzlich jetzt heim und brächte ein Gott ihn zur Stelle? Würdet ihr dann den Freiern helfen oder Odysseus? Redet ganz offen, wie Neigung und Willen zum Handeln euch spornen!" Ihm gab Antwort darauf der getreue Hüter der Rinder: "Vater Zeus, ach, wenn du doch diesen Wunsch mir erfülltest: Kehrte Odysseus jetzt heim und führte ihn gnädig ein Daimon! Wahrnehmen solltest du, wie mir die kräftigen Fäuste gehorchen!" Ebenso betete auch Eumaios zu sämtlichen Göttern, heimkehren möge in seinen Palast der kluge Odysseus. So überzeugte der König sich von der Treue der Hirten; wieder ergriff er das Wort und enthüllte den beiden die Wahrheit: "Ja doch, daheim ist Odysseus - ich bin es! Nach bitterer, schwerer Mühsal erreichte ich im zwanzigsten Jahre die Heimat. Ihr, ich erkenne es deutlich, wünscht als die einzigen meiner Diener, daß ich zurückkomme; keinen der anderen hörte ich zu den Göttern für mich um glückliche Wiederkehr flehen. Darum möchte ich ehrlich euch mitteilen, was euch bevorsteht. Wenn es ein Gott mir vergönnt, die stolzen Freier zu schlagen, will ich euch beide verheiraten, ausstatten euch mit Vermögen, Häuser euch bauen, in meiner Nähe, und künftig euch beide ganz wie Freunde und Brüder meines Telemachos schätzen. Außerdem möchte ich euch ein sicheres Merkmal noch zeigen, das euch erlaubt, mich genau zu erkennen und voll mir zu trauen, hier die Narbe, die einst mir ein Eber mit leuchtendem Hauer schlug am Parnassos, beim Jagdzug im Kreis der Autolykossöhne!" Damit zog er die Lumpen hinweg von der mächtigen Narbe. Beide erblickten das Merkmal und erkannten es wieder, und sie umarmten den klugen Odysseus und weinten vor Freude, boten ihm herzlich Willkommen und küßten auf Haupt ihn und Schultern. Ebenso küßte Odysseus ihnen Häupter und Hände. Über den freudigen Tränen wäre die Sonne gesunken, hätte Odysseus nicht Einhalt geboten und weise befohlen: "Höret jetzt auf mit dem heftigen Weinen! Man soll uns vom Saale ja nicht erblicken und drinnen etwa die Nachricht verbreiten! Gehen ins Haus wir, hintereinander, nicht alle auf einmal, ich als erster, dann ihr! Wir vereinbaren folgenden Ablauf: Auch nicht einer der ruhmreichen Freier wird es gestatten, Bogen und Köcher nebst Pfeilen mir in die Hände zu geben. Dennoch trage, mein wackrer Eumaios, das Schießzeug ganz ruhig quer durch den Saal und reiche es mir! Dann erteile den Frauen Weisung, des Saales sichere Hintertür fest zu verschließen; sollten sie später im abgeschlossenen Raume der Männer Stöhnen vernehmen oder Getöse, müssen in ihrem Zimmer sie bleiben und still die gewohnte Arbeit verrichten. Du, mein wackrer Philoitios, sollst das Hoftor verriegeln und den Riegel festbinden gleich und sicher verknoten." Derart befahl Odysseus und trat in das prächtige Wohnhaus, ließ auf dem Sessel sich nieder, von dem er sich vorhin erhoben. Später folgten die beiden Knechte des göttlichen Fürsten. Eben bewegte Eurymachos schon in den Händen die Waffe, wärmte sie beiderseits über dem leuchtenden Feuer. Doch trotzdem konnte er nicht den Bogen bespannen; der mutige Jüngling stöhnte vor bittrer Enttäuschung und sprach verärgert die Worte: "Ach, wie bedrückt mich der Kummer um mich wie um alle Gefährten! Nicht der Hochzeit traure ich nach, obwohl es mir leid tut; zahlreiche andre achaische Frauen gibt es, auf unsrer Insel Ithaka und genauso in weitren Gemeinden. Nein, mich bedrückt es, wie weit wir an Kräften dem edlen Odysseus nachstehen, weil wir unfähig sind zum Bespannen des Bogens! Bittere Schmach erwächst uns daraus, auch im Urteil der Nachwelt." Aber Antinoos sagte zu ihm, der Sohn des Eupeithes: "Nicht so, Eurymachos! Einsehen wirst du das sicher noch selber. Heute begeht das Volk zu Ehren Apollons die fromme Feier; wer sollte dabei den Bogen bespannen? Nein, ruhig legt die Waffe beiseite! Die Beile können wir freilich stecken lassen. Es dürfte sie schwerlich jemand entwenden, eindringen deshalb ins Haus des Laërtiaden Odysseus! Auf denn, der Mundschenk fülle wiederum unsere Becher! Spenden wollen wir, dann beiseite legen den Bogen. Morgen befehlt dem Hirten Melanthios, Ziegen zu bringen, die vortrefflichsten Tiere sämtlicher Herden! Wir wollen opfern die Schenkelstücke dem ruhmreichen Schützen Apollon, weiter im Spannen versuchen uns dann und den Wettkampf entscheiden!" Derart mahnte Antinoos; Zustimmung gaben die andern. Herolde gossen ihnen das Waschwasser über die Hände, Jünglinge füllten die Krüge mit dem Getränk bis zum Rande, reichten allen die Becher und schenkten ein für die Weihe. Als sie gespendet hatten und nach Belieben getrunken, sagte, mit schlauer Berechnung, der kluge Odysseus zu ihnen: "Höret auf mich, die ihr euch bewerbt um die ruhmreiche Fürstin! Aussprechen will ich, wozu Verlangen und Neigung mich spornen. Aber Eurymachos möchte vor allen andern ich bitten, auch den edlen Antinoos, weil er so schicklich geraten, heute vom Bogen zu lassen, den Göttern getrost zu vertrauen! Morgen verleiht die Gottheit den Wettkämpfern Kraft nach Belieben. Aber so gebet doch, bitte, mir den geglätteten Bogen! Prüfen will ich die Arme, ob mir die Kräfte noch immer treulich gehorchen, die einst die geschmeidigen Glieder belebten, oder ob Irrfahrt und Mangel an sorgender Pflege sie lähmten!" Derart sprach er, und helle Entrüstung packte die Freier sämtlich, aus Furcht, es könne der Bettler den Bogen bespannen. Aber Antinoos schalt ihn und rief die drohenden Worte: "Elender Fremdling, du bist wohl tatsächlich nicht völlig bei Troste! Reicht es dir nicht, in unserem Kreise, bei mächtigen Fürsten, ruhig zu schmausen und nichts zu entbehren, im Gegenteil, unsern Reden noch lauschen zu dürfen? Es darf doch kein anderer Fremdling unsre Gespräche mitanhören, und erst recht nicht ein Bettler! Dich umnebelt der köstliche Wein, der auch andere Zecher schädigt, die gierig ihn trinken und nicht mit maßvoller Vorsicht! Auch den berühmten Kentauren Eurytion betörte einstmals im Hause des tapfren Peirithoos, bei den Lapithen, schmählich der Wein; als dieser die Sinne ihm vollständig trübte, ließ er, wie rasend, im Hause des Gastgebers schändlich sich gehen. Voller Empörung schleppten die Helden sogleich durch den Torweg in das Freie den Frevler und schnitten mit grausamem Erze Nase und Ohren ihm ab; und seiner Sinne nicht mächtig, zog er von dannen und mußte die Folgen des Unverstands tragen. Deshalb entzweite Kentauren und Lapithen der Hader; Eurytion jedoch litt an dem Rausche am schwersten. So verkünde ich dir auch Verderben, sofern du den Bogen etwa bespannst. Denn keinerlei Wohlwollen sollst du in unserm Volke noch ernten, sondern wir werden auf düsterem Schiffe dich zu dem König Echetos, dem Verderber der Menschheit, schicken; dem würdest du niemals entrinnen! Nein, trinke in Ruhe weiter und suche dich nicht mit jüngeren Männern zu messen!" Doch Penelope, die kluge Fürstin, hielt ihm entgegen: "Ungerecht wäre es doch, des Telemachos Gastfreunden etwa Schaden zu tun, wer immer in diesem Wohnhause einkehrt. Wähnst du, Antinoos, daß mich der Bettler, sofern er den großen Bogen meines Gemahls, gestützt auf kraftvolle Fäuste, wirklich bespannte, deshalb als Gattin heimführen würde? Solch ein vermessenes Ziel erstrebt er nicht im geringsten. Keiner von euch braucht daher in diesem Saale mit schwerer Sorge sein Mahl zu verzehren, er hat es tatsächlich nicht nötig!" Aber des Polybos Sohn, Eurymachos, gab ihr zur Antwort: "Tochter des Fürsten Ikarios, du verständige Herrin, daß dich der Bettler heiratet, fürchten wir niemals - natürlich! Aber wir schämen uns vor dem Gerede der Männer und Frauen! Könnte doch mancher Achaier, auch niederer Herkunft, behaupten: 'Wesentlich schwächere Männer bewerben sich um die Gemahlin eines so edlen Helden, bespannen nicht einmal den Bogen! Aber ein Bettelmann kam, ein Landstreicher; dieser bespannte mühelos gleich den Bogen, durchschoß auch sämtliche Beile!' Derart würden sie höhnen und uns mit Schande bedecken." Ihm gab Antwort darauf die verständige Fürstin und sagte: "Niemals, Eurymachos, wird man im Volke mit Achtung von denen sprechen, die ohne Rücksicht die Güter des trefflichsten Königs aufzehren! Warum gilt euch die Schlappe im Wettkampf als Schande? Äußerst stattlich erscheint der Fremdling, mit stämmigem Körper, nennt sich voll Stolz auch Abkömmling eines vornehmen Vaters. Gebt ihm den Bogen, sehen wollen wir, wie er ihn handhabt! Folgendes will ich versprechen und werde die Zusage halten: Wenn er die Waffe bespannt, Apollon den Sieg ihm ermöglicht, werde ich sorglich ihn einkleiden lassen in Leibrock und Mantel, einen Wurfspieß ihm geben, zur Abwehr von Hunden und Menschen, ein zweischneidiges Schwert auch, Sandalen unter die Füße, schließlich Geleit ihm verschaffen, wohin er aufbrechen möchte." Doch der verständige Jüngling Telemachos gab ihr die Weisung: "Mutter, keiner als ich darf über den Bogen bestimmen, kann nach Belieben ihn jemandem geben oder verweigern, keiner von allen, die im steinigen Ithaka herrschen oder auf Inseln in Richtung der rossenährenden Elis. Niemand von ihnen wird mich gewaltsam abhalten, diesen Bogen auch ganz und gar dem Gast als Geschenk zu verehren. Geh jetzt in deine Gemächer, erledige deine Geschäfte: Wirke mit Webstuhl und Spindel und halte die Mägde zu stetem Arbeiten an! Der Bogen ist Sache sämtlicher Männer, aber die meine vor allen; denn ich bin Gebieter im Hause." Staunen ergriff die Fürstin, zurück in ihre Gemächer schritt sie sogleich; sie erwog das Wort des verständigen Sohnes. Als sie das obere Stockwerk mit ihren Mägden erreichte, weinte sie wieder um ihren geliebten Gatten Odysseus, bis ihr Athene die Augen schloß mit erquickendem Schlummer. Aber der wackere Schweinehirt nahm indessen den Bogen. Drohend begannen sämtliche Freier im Saale zu schelten. Mancher der übermütigen Jünglinge rief voll Empörung: "Wohin schleppst du den krummen Bogen, du elender Sauhirt, Tollkopf? Demnächst zerfleischen dich ferne den Menschen bei deinen Säuen die Hunde, die du selber erzogen, wenn Phoibos Gnade uns schenkt, mit ihm die andern unsterblichen Götter!" Derart drohten sie. Nieder legte Eumaios den Bogen auf der Stelle, vor Schreck, weil so viele im Saale ihn schalten. Aber Telemachos drohte ihm gleich von der anderen Seite: "Alterchen, her mit dem Bogen! Dein Unglück, auf alle zu hören! Bin ich auch jünger, so will ich mit Steinwürfen dennoch dich jagen fern auf das Land. Denn weit überlegen bin ich an Kräften. Könnte ich sämtliche Freier, die im Hause sich tummeln, ebenso weit übertreffen mit meinen kräftigen Armen! Fortscheuchen würde ich dann gar manchen, nach Hause, aus diesem Saale, geschwind, voll Haß, denn sie haben nur Böses im Sinne." Derart rief er. Die Freier begannen schallend zu lachen über die Drohung, ihr heftiger Groll auf Telemachos legte sich allmählich. Der Hüter der Schweine brachte den Bogen Quer durch den Saal und reichte die Waffe dem klugen Odysseus, rief dann heraus die Pflegerin Eurykleia und sagte: "Auf den Befehl des Telemachos, Eurykleia, verschließe fest des Saales sichere Hintertür! Sollten die Frauen später im abgeschlossenen Raume der Männer ein lautes Stöhnen vernehmen oder Getöse, so müssen in ihrem Zimmer sie bleiben und still die gewohnte Arbeit verrichten." Derart sprach er. Die treue Pflegerin fragte nicht weiter, sondern verschloß die hintere Tür des wohnlichen Saales. Schweigend eilte Philoitios jetzt aus dem Hause ins Freie und verschloß das Tor des sicher umfriedeten Hofraums. Unter der Halle lag ein Tau, von doppelt geschweiftem Schiffe, aus Byblosbast, mit dem er die Torflügel zuband. Danach ging er zurück und setzte sich wieder auf seinen Sessel, den Blick auf Odysseus gerichtet. Der drehte den Bogen eben nach allen Seiten, prüfend, ob etwa der Wurmfraß Schaden gestiftet am Horn in der Abwesenheit des Gebieters. Da sprach mancher der Freier und schaute besorgt auf den Nachbarn: "Wirklich, der Kerl versteht sich auf Bogen, er mustert ihn pfiffig! Selber besitzt er vielleicht ein solches Schießzeug zu Hause, oder er möchte sich eines nachmachen. Wie er auf allen Seiten die Waffe befingert, der Landstreicher, dieser verruchte!" Mancher andre der übermütigen Jünglinge sagte: "Seien ihm Glück und Erfolg doch ebenso reichlich beschieden, wie er den Bogen vermag zu bespannen, der häßliche Bettler!" Derart sprachen die Freier. Jedoch der kluge Odysseus hatte geprüft schon den großen Bogen und allseits betrachtet. Wie ein erfahrener Harfenspieler und Sänger sich ohne Mühe mit einem anderen Wirbel die Saite neu einspannt, festknüpft an beiden Enden den trefflich gezogenen Schafdarm, ebenso mühelos konnte Odysseus den Bogen bespannen. Anschließend prüfte er mit der Rechten die Spannung der Sehne; kraftvoll erklang der Rindsdarm, so hell wie das Zwitschern der Schwalbe. Schrecken packte die Freier, und alle Gesichter erblaßten. Laut ließ Zeus es donnern, den Menschen deutlich zum Zeichen. Freude empfang der göttliche Dulder Odysseus darüber, daß ihm der Sohn des tückischen Kronos ein Vorzeichen sandte. Eilig ergriff er den spitzen Pfeil, der entblößt auf dem Tische neben ihm lag; im Köcher noch ruhten die anderen Pfeile, deren Schärfe die Freier in Kürze auskosten sollten. Diesen hielt er am Bügel, zog mit der Sehne die Kerbe kräftig zurück und zielte, vom Sessel, im Sitzen, mit Sorgfalt, ließ dann entschwirren den Pfeil. Und über das obere Ende sämtlicher Beile streifte im Fliegen die eherne Spitze durch die Öffnungen hin. Zu Telemachos sagte der Schütze: "Keinerlei Schande, Telemachos, bringt dir der Fremdling in deinem Saale! Ich habe durchaus nicht versagt beim Bespannen des Bogens, traf auch genau das Ziel. Noch blieb die Kraft mir erhalten, anders, als vorhin die Freier mit kränkenden Worten mich schmähten. Aber es drängt die Zeit, den Achaiern das Essen zum Abend noch bei Tage zu rüsten, sie dann noch am Spielen und Singen Kurzweil finden zu lassen; das bildet die Würze der Mahlzeit." Derart sprach er und gab mit den Brauen ein Zeichen. Der treue Sohn des Odysseus hängte die schneidende Klinge sich über, schloß die Faust um die Lanze und stellte sich neben den Sessel, nahe dem Vater, zum Kampfe gerüstet mit funkelndem Erze.

22. Gesang

Zweiundzwanzigster Gesang

Wie Odysseus mit den Freiem abrechnete

Text der Vertonung

[Intro: Odysseus]
Die Masken sind gefallen, die Wahrheit ist raus,
Odysseus kehrt heim – jetzt fliegt jeder raus.
Die Freier erstarren, ihr Hochmut zerbricht,
mein Zorn spricht laut – ich halt mich nicht.

[Verse 1: Odysseus]
Der erste Pfeil fliegt, Antinoos fällt,
sein Lachen verstummt – das Spiel ist gestellt.
„Ihr Freier, ihr Diebe, mein Haus, mein Land,
ich bin zurück – das Schwert in der Hand.“

Chaos bricht aus, die Freier sind blind,
doch Telemachos kämpft – mein Blut im Wind.
Eumaios und Philoitios, treu bis zuletzt,
die Halle wird rot – mein Wille besetzt.

[Refrain: Odysseus & Chorus]
Von Pfeilen und Schwertern, das Urteil ist hart,
Odysseus kehrt heim – der König am Start.
Die Götter schauen zu, mein Zorn ist klar,
mein Thron ist zurück – die Rache so wahr.

[Verse 2: Odysseus]
Melanthios, der Feige, versucht noch Verrat,
doch Eumaios greift zu – sein Ende naht.
Die Freier versuchen, doch keiner entkommt,
mein Bogen singt weiter, die Halle wird prompt.

Telemachos steht, sein Schwert so fest,
„Vater, wir siegen – das Haus wird ein Fest.“
Doch die Gnade bleibt fern, die Rache ist echt,
mein Reich, meine Heimat – ich mach es gerecht.

[Refrain: Odysseus & Chorus]
Von Pfeilen und Schwertern, das Urteil ist hart,
Odysseus kehrt heim – der König am Start.
Die Götter schauen zu, mein Zorn ist klar,
mein Thron ist zurück – die Rache so wahr.

[Bridge: Odysseus]
Athene wacht, ihr Licht führt mein Ziel,
die Freier am Boden, ihr Ende ist Spiel.
Der Zorn in der Halle, die Stunde so rein,
Odysseus kehrt heim – das muss jetzt sein.

[Outro: Odysseus]
Von Blut und Chaos zum Frieden im Haus,
mein Reich ist gerettet – die Freier fliegen raus.
Die Götter haben gesprochen, mein Ziel ist gemacht,
Odysseus kehrt heim – das Haus ist entfacht.

Der vollständige 22. Gesang

Aber der kluge Odysseus streifte die Lumpen vom Leibe, sprang, in den Fäusten den Bogen mit vollem Köcher, zur hohen Schwelle hinauf und schüttete sich vor die Füße die flinken Pfeile. Dann rief er mit lauter Stimme den Freiern entgegen: "Dieser entscheidende Wettkampf ging zu Ende. Ein andres Ziel erstrebe ich jetzt, das noch kein Schütze getroffen. Ob ich es glücklich erreiche, Apollon den Sieg mir ermöglicht?" Und auf Antinoos zielte er mit dem tödlichen Pfeile. Eben erhob der Sohn des Eupeithes den prächtigen goldnen, doppeltgehenkelten Becher und schwang ihn bereits in den Händen, um von dem Weine zu schlürfen. Ihm war nicht nach Sterben zumute. Wer aus dem Kreise der Schmausenden hätte auch annehmen können, einer unter so vielen, und wäre er ausnehmend tapfer, würde es wagen, ihm mit Tod und Verderben zu drohen? Aber Odysseus traf den Freier genau in die Kehle, durch das zarte Genick drang jenem die eherne Spitze. Seitwärts sank der Getroffene, jäh entglitt ihm der Becher; gleichzeitig quoll ihm durch die Löcher der Nase ein starker Blutstrom empor. Mit zuckenden Füßen stieß er den Eßtisch von sich und schleuderte durch den Stoß die Speisen zu Boden. Blut übersprühte Brot und Fleisch. Die Freier erhoben lautes Geschrei im Saale beim Anblick des Niedergestürzten, sprangen in wilder Verwirrung von ihren Sesseln und spähten, aufgescheucht, ringsumher auf die fest errichteten Wände. Aber kein Schild war greifbar und keine mächtige Lanze. Da überschütteten sie Odysseus mit wütenden Worten: "Fremdling, zu deinem Unglück schießt du auf Männer! Nicht länger nimmst du an Wettkämpfen teil, du mußt unweigerlich sterben! Umgebracht hast du nämlich Ithakas tüchtigsten jungen Helden! Zur Strafe fressen dich hierzulande die Geier!" Derart riefen sie, weil sie noch glaubten, es habe der Fremdling unabsichtlich den Helden erschossen; sie ahnten noch gar nicht, daß für sie alle bereits das Netz des Verderbens gespannt war. Finsteren Blickes maß sie der kluge Odysseus und sagte: "Hunde! Ihr wolltet nicht glauben, daß ich von Troja zur Heimat wieder gelange; denn meinen Hausstand verpraßtet ihr schamlos, habt auch die Dienerinnen in meinem Palast vergewaltigt, warbet sogar, derweil ich noch lebte, um meine Gemahlin, ohne Scheu vor den Göttern, des weiten Himmels Bewohnern, ohne Scheu auch vor späterer Strafe durch menschliche Hände! Über euch alle spannt sich heute das Netz des Verderbens." Derart rief er, und bleiches Entsetzen packte sie sämtlich. Umschau hielt ein jeder nach einem rettenden Ausweg. Nur Eurymachos wagte dem Schützen Antwort zu geben: "Kehrte in dir tatsächlich Odysseus, der Ithaker, wieder, hast du berechtigt die Freveltaten der Freier getadelt, die sie reichlich im Hause wie auf dem Lande verübten. Tot liegt aber der eine bereits, der alles verschuldet, dort, Antinoos! Dieser veranlaßte alle Verbrechen, sehnte sich gar nicht so sehr nach der Hochzeit, sondern erstrebte andere Ziele, die Zeus ihm verwehrte: Er wollte persönlich König im trefflich bebauten Gebiet von Ithaka werden, deinen Telemachos aber hinterhältig ermorden! Dafür erlitt er den Tod, nach Gebühr! Du aber verschone deine Bevölkerung! In der Gemeinde ersetzen wir alles, was wir in deinem Palaste an Trank und Speise verbrauchten; Buße im Werte von zwanzig Rindern wollen wir, jeder, zahlen an Erz und Gold, bis du zur Verzeihung geneigt bist; vorher freilich sollte man dir den Groll nicht verargen!" Finsteren Blickes maß ihn der kluge Odysseus und sagte: "Wolltet, Eurymachos, ihr mir sämtliche Erbgüter geben, die ihr zur Stunde besitzt, sie aus anderen Mitteln noch mehren - trotzdem sollte mein Arm vom Blutvergießen nicht ruhen, ehe ihr Freier für eure Verbrecher gehörig bestraft seid! Eines nur habt ihr zu wählen: entweder offen zu kämpfen oder zu fliehen; vielleicht entrinnt noch einer dem Tode. Niemand jedoch, das hoffe ich, wird dem Verderben entgehen!" Derart rief er. Den Freiern erbebten die Knie vor Entsetzen. Aber aufs neue erhob Eurymachos mahnend die Stimme: "Freunde, der Mann will seine unnahbaren Fäuste nicht hemmen, sondern, nachdem er sich einmal des Bogens und Köchers bemächtigt, wird er solange von der geglätteten Schwelle aus schießen, bis er uns alle umgebracht hat. Drum wollen wir kämpfen! Ziehet die Schwerter und strecket den tödlichen Pfeilen die Tische, euch zum Schutze, entgegen! Wir wollen alle auf einmal gegen ihn stürmen, vielleicht von Tür und Schwelle ihn drängen und in die Stadt gelangen! Gleich würde Gefechtslärm entstehen, sicher alsbald auch der Bettler den letzten Pfeilschuß versuchen!" Derart rief er, zog das doppelschneidige, scharfe eherne Schwert und stürmte mit gellendem, gräßlichem Schreien gegen den Schützen. Gleichzeitig ließ der edle Odysseus seinen Pfeil entschwirren und traf ihm die Brust an der Warze. Tief in die Leber drang ihm das flinke Geschoß. Aus der Rechten sank ihm die Klinge; er stürzte über die Platte des Tisches und blieb hängen, vorwärts gebeugt, stieß fallend die Speisen und den doppeltgehenkelten Becher herab. Mit der Stirne schlug er im Todeskampfe den Boden und hieb mit den Füßen gegen den Sessel; finstere Nacht umwob ihm die Augen. Nunmehr stürmte Amphinomos gegen den ruhmreichen Helden, hatte die schneidende Klinge gezogen und wollte Odysseus zwingen, den Eingang ihm freizugeben. Telemachos aber traf ihn zuvor mit seiner ehernen Lanze von hinten zwischen den Schultern und trieb zur Brust heraus ihm die Spitze. Nieder stürzte Amphinomos, schlug mit der Stirne den Boden. Aber Telemachos ließ die mächtige Lanze im Leichnam stecken und zog sich zurück; er fürchtete, einer der Freier könnte ihn, wenn er die Waffe herauszuzerren versuchte oder sich bückte, mit seinem Sehwerte im Vorstürmen treffen. Eiligen Laufes erreichte er seinen Vater Odysseus; neben ihn trat er und sprach die im Fluge enteilenden Worte: "Vater, ich möchte dir einen Schild, zwei Lanzen und einen ehernen Helm auch bringen, der schützend den Schläfen sich anschmiegt, selber mich wappnen, Philoitios dann und Eumaios mit Waffen ausstatten; denn in voller Rüstung kämpft es sich besser." Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Bringe sie schnell! Inzwischen kann ich mit Pfeilen mich wehren. Wenn sie mich einzelnen bloß nicht zurückdrängen, fort von dem Eingang!" Derart sprach er. Telemachos folgte der Weisung des Vaters, eilte zur Kammer hinauf, wo die prachtvollen Rüstungen lagen, nahm aus dem Vorrat vier Schilde, acht Lanzen, dazu noch vier Helme, eherne, fest geschmiedete, prangend mit Buschen von Roßhaar, stieg dann mit ihnen schleunigst zum teuren Vater hinunter. Selber hüllte er sich zuerst in die eherne Rüstung, ebenso taten es dann die beiden wackeren Hirten; kampfbereit traten sie neben den klugen, gewandten Odysseus. Dieser streckte, solange die Pfeile zur Abwehr ihm reichten, jeweils mit einem gezielten Schusse einen der Freier nieder im Saale; sterbend sanken sie übereinander. Endlich hatte der Fürst die Pfeile verschossen; er lehnte gegen den Pfosten des trefflich errichteten Saales den Bogen, an die schimmernde seitliche Wand, und warf sich den starken, aus vier Schichten bestehenden Schutzschild über die Schulter, setzte sich auf das mächtige Haupt den roßhaargeschmückten sicheren Helm - entsetzlich nickte von oben der Buschen -, packte zuletzt die beiden gewaltigen ehernen Lanzen. Etwas erhöht lag eine Tür in der stattlichen Saalwand; neben dem oberen Schwellenrande des Saales befand sich dort ein Durchgang zum Flur; ihn schützten gesicherte Flügel. Zu ihm schickte Odysseus den wackeren Hüter der Schweine, ihn zu bewachen; von innen nur war die Tür zu erreichen. Doch Agelaos richtete an die Freier die Worte: "Könnte nicht einer hinaufsteigen, Freunde, dort zu dem Durchgang, Nachricht geben dem Volke? Dann würde sich Kampflärm erheben, sicher alsbald auch der Bettler den letzten Pfeilschuß versuchen!" Ihm gab Antwort darauf der Hüten der Ziegen, Melantheus: "Günstling des Zeus, Agelaos, das ist nicht möglich! Sehr nahe liegt ja die Hoftür, die Mündung des Flurs ist schwer zu durchschreiten! Auch ein einzelner, zeigt er sich tapfer, sperrt sie für alle. Aber ich werde euch aus der Kammer Rüstungen bringen, euch zur Bewaffnung! Dort drinnen, vermute ich, haben Odysseus und sein stattlicher Sohn die Waffen des Saales verborgen!" Derart erbot sich Melanthios. Durch die Luken des Raumes kletternd, erreichte er bald die Kammern des Helden Odysseus. Ihnen entnahm er zwölf Schilde, die gleiche Anzahl von Lanzen und zwölf eherne Helme mit wallenden Buschen von Roßhaar, eilte mit ihnen zurück und übergab sie den Freiern. Heftigen Schrecken empfand Odysseus, ihm bebten die Knie, als er die Feinde Rüstungen anlegen, riesige Lanzen schwingen sah; mit hartem Widerstand mußte er rechnen. Zu Telemachos sprach er die flugs enteilenden Worte: "Sicher, Telemachos, hetzte uns eine der Mägde im Hause diesen furchtbaren Kampf auf den Hals, vielleicht auch Melantheus!" Der verständige Sohn gab seinem Vater zur Antwort: "Vater, das habe ich selber verschuldet, es stiftete niemand anders den Schaden: Ich ließ die sichere Tür zu der Kammer offen, und nur zu deutlich bemerkte ein Späher mein Säumen! Auf denn, wackrer Eumaios, verschließe die Türen der Kammer, such zu erfahren, ob eine der Mägde den Anschlag verübte oder, wie ich es vermute, des Dolios Sprößling, Melantheus!" Derart besprachen sie sich miteinander. Der Hüter der Ziegen aber, Melantheus, eilte aufs neue zur Kammer, die dringend nötigen Waffen zu holen. Ihn sah der wackre Eumaios, sagte es gleich dem neben ihm stehenden Helden Odysseus: "Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, wiederum eilt der Verruchte, den wir im Verdachte schon haben, in die Kammer! Erteile mir unzweideutig den Auftrag: Soll ich ihn töten, sofern ich ihn überwältige, oder hierher schleppen zu dir, damit du ihn strafst für die vielen bösen Vergehen, die er verübte in deinem Palaste?" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Ich und Telemachos wollen die trotzigen Freier im Saale festhalten, wenn sie auch wütend uns angreifen. Aber inzwischen bindet dem Schurken auf den Rücken die Füße und Hände, werft in die Kammer ihn, schließet hinter ihm sicher die Türe, schlingt ein geflochtenes Seil um seinen gefesselten Körper, zieht ihn empor an der ragenden Säule bis unter die Decke! Lange noch soll er am Leben bleiben in furchtbaren Qualen." Derart befahl er; sogleich gehorchten die beiden dem Auftrag, eilten zur Kammer, ohne daß drinnen Melantheus es merkte; emsig durchsuchte er noch die Winkel des Raumes nach Waffen. Rechts und links des Eingangs erwarteten ihn die Verfolger. Endlich trat der Hüter der Ziegen über die Schwelle, einen prachtvollen Helm in der einen Hand, in der andern einen sehr breiten, alten, vom Roste zerfressenen Schutzschild, den der junge Laërtes getragen; er lagerte lange außer Gebrauch; vermodert waren die ledernen Nähte. Jetzt überfielen die beiden Melantheus, packten und schleiften den Bestürzten am Haar in die Kammer und warfen ihn nieder. Hände und Füße schnürten sie ihm mit quälender Fessel kräftig und derb auf dem Rücken zusammen, wie es der edle Sohn des Laërtes, der Dulder Odysseus, ihnen befohlen, schlangen ein festes Seil um den wehrlosen Körper und zogen ihn an der ragenden Säule empor bis unter die Decke. Höhnend sprachst du zu dem Gebundenen, Hüter der Schweine: "Ausgiebig kannst du, Melanthios, jetzt, gestreckt auf dein weiches Lager, die Nacht als Wächter verbringen, wie es dir zusteht! Sicher entdeckst du zeitig die goldenthronende Eos, steigt sie heran von der Flut des Okeanos, wenn du die Ziegen wieder den Freiern zuführst, den Festschmaus im Schlosse zu rüsten!" Derart ließen Melantheus sie hängen in grausamen Fesseln, wappneten sich erneut und verschlossen den glänzenden Eingang, eilten zurück zu dem tapfren, erfindungsreichen Odysseus. Kampfentschlossen standen die vier auf der Schwelle und hatten zahlreiche tüchtige Feinde im Saale sich jetzt gegenüber. Doch zu den vieren trat das Kind des Kroniden, die Göttin Pallas Athene, mit der Gestalt und Stimme des Mentor. Freudig gewahrte Odysseus das Kommen des Freundes und sagte: "Hilf mir im Unglück, Mentor! Gedenke des teuren Gefährten, der dir Gutes getan! Du bist ja mein Altersgenosse!" Freilich, er ahnte, es sei die männerspornende Pallas. Doch von der anderen Seite lärmten die Freier. Vor allen drohte dem Ankömmling Agelaos, der Sohn des Damastor: "Mentor, lasse dich ja nicht durch Odysseus beschwatzen, gegen die Freier zu kämpfen und jenem Beistand zu leisten! Folgendes haben wir vor und werden es sicher vollziehen: Wenn wir diese erschlagen, Vater und Sohn, dann erleidest du auch mit ihnen den Tod - für alles, was du im Palaste ausführen willst; mit deinem Haupte sollst du es büßen! Haben wir euch mit dem Erze das Leben entrissen, so werden deinen Besitz, den drinnen wie draußen, wir ebenso teilen wie den Besitz des Odysseus und weder die Söhne in deinem Haus noch die Töchter am Leben lassen, auch deiner getreuen Gattin den weitren Verbleib in Ithakas Grenzen verwehren!" Über sein Drohen ergrimmte die Göttin Athene noch stärker, und sie richtete gegen Odysseus den zornigen Tadel: "Nicht mehr bewährst du, Odysseus, den Mut und die Stärke, mit denen du um Helena, die weißarmige Tochter des großen Zeus, neun Jahre hindurch mit den Troern ruhelos kämpftest und in den furchtbaren Schlachten so zahlreiche Helden erlegtest, bis das prächtige Ilion fiel - dank deinem Entschlusse! Jetzt, wo du glücklich dein Haus und dein Besitztum erreichtest, kannst, vor den Augen der Freier, du kläglich der Kampfkraft entsagen? Auf denn, mein Lieber, nahe dich mir und schau, was ich leiste! Wahrnehmen sollst du die Fähigkeit Mentors, des Alkimossohnes, Wohltaten dir zu vergelten im Ansturm erbitterter Feinde!" Trotzdem gewährte die Göttin noch nicht den Umschwung zum Siege, sondern gedachte die Standhaftigkeit und den Mut des Odysseus wie des ruhmreichen Sohnes erneut auf die Probe zu stellen. In Gestalt einer Schwalbe schwang sie sich aufwärts und setzte sich auf einen der rußgeschwärzten Balken des Daches. Aber die Freier spornte Damastors Sohn, Agelaos, mit ihm Eurynomos, Demoptolemos und Amphimedon, auch der Sprößling Polyktors, Peisandros, desgleichen der tapfre Polybos, die bei weitem tüchtigsten unter den Freiern, die noch am Leben waren und sich verteidigen wollten; aber die anderen hatte erlegt schon der Hagel der Pfeile. Und Agelaos wandte sich an die noch lebenden Freier: "Freunde, bald läßt der Mann die unnahbaren Fäuste doch sinken! Mentor hat ihn bereits, nach leerem Prahlen, verlassen, vier allein sind vorn an der Tür noch stehengeblieben. Deshalb schleudert nicht alle auf einmal die riesigen Lanzen, sondern ihr sechs nur werfet zum Anfang! Der große Kronide läßt euch vielleicht Odysseus treffen und Ehre gewinnen! Fiel erst Odysseus, bereiten die andern uns keinerlei Sorgen!" Und nach seinem Befehle warfen die sechs, mit gespannten Kräften. Athene jedoch vereitelte sämtliche Würfe. Einer der Schleudernden traf den Pfeiler des prächtig erbauten Saales, ein zweiter den Flügel der festen Tür; und des dritten erzbeschwerte eschene Lanze fuhr in die Mauer. Derart entgingen die vier den Wurfgeschossen der Freier, und der göttliche Dulder Odysseus sprach zu den Seinen: "Freunde, jetzt werde ich unsererseits befehlen, die Lanzen gegen den Schwarm der Freier zu schleudern, die uns zu allem früheren Unglück nunmehr blutgierig umbringen wollen!" Derart befahl er; sie zielten und warfen die schneidenden Speere gegen den Feind. Und Odysseus traf Demoptolemos tödlich, aber Telemachos den Euryades, der Hüter der Schweine Elatos, schließlich der Hüter der Rinder den Helden Peisandros; und in den Boden schlugen die Sterbenden krampfhaft die Zähne. Weit in die Tiefe des Saales entwichen die übrigen Freier. Vorwärts stürmten die vier und entrissen den Leichen die Lanzen. Wiederum warfen die Freier die schneidenden Speere, aus allen Kräften. Athene jedoch vereitelte sämtliche Würfe. Einer der Schleudernden traf den Pfeiler des prächtig erbauten Saales, ein zweiter den Flügel der festen Tür; und des dritten erzbeschwerte eschene Lanze fuhr in die Mauer. Nur Amphimedon berührte die Hand des Telemachos flüchtig, dicht an der Wurzel - die Haut ward leicht geritzt von dem Erze -, und Ktesippos streifte Eumaios über dem Schilde knapp an der Schulter; der Speer flog über den Hirten zur Erde. Nunmehr entsandte der Trupp des tapfren, klugen Odysseus seine schneidenden Speere erneut ins Getümmel der Freier. Und der Städtezerstörer Odysseus traf Eurydamas, weiter Telemachos den Amphimedon, der Hüter der Schweine Polybos. Aber der Rinderhirt jagte den Speer dem Ktesippos tief in die Brust und rief ihm frohlockend die Worte entgegen: "Sprößling des Polytherses, du grausamer Spötter, nie wieder prahle in deiner Torheit, nein, überlasse den Göttern tunlich das Wort; sie sind ja wesentlich stärker als Menschen! Nimm dies als Ausgleich für den Rindsknochen, den du Odysseus schenktest, dem edlen, als er den Saal noch bettelnd durchstreifte!" Derart höhnte der Hirt der gehörnten Rinder. Odysseus aber durchstach Agelaos im Nahkampf mit riesigem Speere. Dem Leiokritos bohrte Telemachos kraftvoll die Lanze mitten hinein in die Weichen, heraus drang hinten die Spitze; vorwärts sank der Getroffne, sein Antlitz schlug auf den Boden. Pallas indessen zeigte die menschenvernichtende Aigis hoch von der Decke herab; Entsetzen packte die Freier. Durch den Saal hin flüchteten sie, wie weidende Rinder, die der Anflug der schwirrenden Bremse wild vor sich herjagt während der Wochen des Frühlings, wenn schon die Tage sich dehnen. So wie die Lämmergeier, mit krummen Schnäbeln und Klauen, hoch von den Bergen herunter auf Beutevögel sich stürzen, die vor der Wolkenhöhe im Flachland angstvoll sich ducken, und sie im Ansturme töten, ohne das Widerstand oder Flucht die Opfer errettet, ein spannender Anblick für Menschen: ebenso stürzten die vier sich auf die Freier im Saale, metzelten ringsum sie nieder; Hiebe trafen die Schädel, gräßliches Stöhnen erhob sich; es schwamm vom Blute der Boden. Nunmehr warf sich Leiodes dem Helden Odysseus zu Füßen. Schutzflehend stieß er hervor die im Fluge enteilenden Worte: "Bitte, Odysseus, erweise mir Rücksicht, erbarme dich meiner! Keiner der Frauen im Hause tat ich jemals ein Unrecht, weder im Reden noch Handeln, im Gegenteil, suchte die andern Freier von solchem Frevel immer zurück noch zu halten; doch ich vermochte sie nicht zu bewegen, vom Bösen zu lassen. Deshalb erreicht sie nun auch, für das Unrecht, schmählich ihr Schicksal. Ich jedoch soll unschuldig sterben, der Opferbeschauer; dankt man doch schwerlich jemals für redlich erwiesenes Gute!" Finsteren Blickes maß ihn der kluge Odysseus und sagte: "Wenn du voll Stolz dich bekennst als Opferbeschauer der Freier, mußt du ja oftmals gebetet haben im Saale, es möge niemals mir glückliche Heimkehr aus weiter Ferne vergönnt sein, aber mein Weib dir gehören und Kinder dir schenken! Aus diesem Grunde wirst du dem schmerzlichen Tode durchaus nicht entrinnen!" Derart sprach er und hob mit der kraftvollen Rechten das Schwert auf, das Agelaos im Todeskampfe fallen gelassen. Mit der Waffe durchschlug er Leiodes den Nacken. Ein lauter Aufschrei erscholl, dann rollte das Haupt auf den staubigen Boden. Phemios aber entrann dem düstren Verhängnis, der Sänger, der nur gezwungen die Lieder vortrug im Kreise der Freier. Dicht an der hohen Seitentür stand er, die klingende Harfe noch in den Händen, erwog zwei mögliche Wege zur Rettung: aus dem Saale zu schlüpfen und auf den Altar sich zu setzen, der dem Beschützer des Hauses errichtet war, Zeus - wo Laërtes wie auch Odysseus reichlich Rindsschenkel dargebracht hatten -, oder sich schutzflehend dem Odysseus zu Füßen zu werfen. Schließlich erschien es ihm bei seiner Erwägung am besten, ohne Verzug des Laërtessohnes Knie zu umfassen. Nieder setzte er gleich die bauchige Harfe zur Erde zwischen dem Mischkrug und dem silberbeschlagenen Sessel, stürzte sich dann dem Helden Odysseus zu Füßen und flehte dringend und innig ihn an mit den flugs enteilenden Worten: "Bitte, Odysseus, erweise mir Rücksicht, erbarme dich meiner! Selber würdest du später dich grämen, sofern du den Sänger umbrächtest, mich, der ich singe zu Ehren der Götter und Menschen! Niemand erteilte mir Unterricht; mancherlei Lieder zu singen, hat mir die Gottheit vergönnt. Dir hoffe ich Lieder wie einem Gotte zu widmen. So schlage mir nicht das Haupt von den Schultern! Auch Telemachos dürfte, dein teurer Sohn, dir bezeugen, daß ich dein Haus nicht willig betrat - durchaus nicht mit einem eigennützigen Wunsch! -, nach der Mahlzeit den Freiern zu singen, nein, mich die Übermacht zwang, zu deinem Schlosse zu kommen!" Derart bat er. Ihn hörte der kraftvolle Sohn des Odysseus, richtete gleich an den neben ihm stehenden Vater die Worte: "Halt, verschone ihn mit der Waffe, er hat nichts verbrochen! Medon auch wollen am Leben wir lassen, den Herold, der ständig während der Kindheit in unserem Hause mich redlich betreute - falls nicht Philoitios oder Eumaios bereits ihn erschlugen oder er dir zum Opfer fiel, als den Saal du durchstürmtest!" Derart sprach er. Die Worte vernahm der verständige Medon. Unter dem Sessel kauerte er, ein noch blutiges Rindsfell hatte er um sich geschlungen; so war er dem Tode entgangen. Nunmehr kroch er hervor und streifte die Rindshaut vom Leibe, warf sich sogleich dem Sohn des Odysseus zu Füßen und flehte dringend und innig zu ihm mit den flugs enteilenden Worten: "Teurer, hier bin ich! Verschone mich! Bitte den Vater, in seiner alles bezwingenden Kraft mich nicht mit dem schneidenden Erze niederzuhauen, aus Zorn auf die Freier, die hier sein Vermögen schamlos verpraßten und töricht dir keinerlei Achtung erwiesen!" Lächeln mußte der kluge Odysseus und gab ihm zur Antwort: "Sei nur getrost, mein Sohn hat dich vor dem Tode errettet! Deutlich erkenne, verhilf auch andern zu dieser Erkenntnis: Bessere Früchte trägt es, gut als böse zu handeln! Aber verlaßt jetzt den Saal und setzet im Hofe euch nieder, fern dem Gemetzel, du und der Sänger, der Meister des Liedes, bis ich im Hause sämtliche Pflichten getreulich erfüllte!" Derart sprach er. Den Saal verließen sie beide und setzten an dem Altar des großen Kroniden sich nieder, nach allen Seiten sorgenvoll spähend, noch immer des Todes gewärtig. Aber Odysseus durchstreifte den Saal, ob einer der Freier etwa dem Tode entrann und lebend verborgen sich hielte. Sämtlich sah er sie liegen jedoch im blutigen Staube, ganz wie die schuppige Beute des Meeres, die emsige Fischer aus der schäumenden Flut in ihrem engmaschigen Netze in der Bucht an das Festland zogen; es liegen die Fische weithin im Sande und lechzen nach ihrem salzigen Wasser, aber die glühende Sonne läßt sie elend verschmachten: ebenso lagen die Leichen der Freier übereinander. An Telemachos wandte sich jetzt der kluge Odysseus: "Ruf mir die Pflegerin Eurykleia herbei, die getreue! Eines noch liegt mir am Herzen, ich will es dir dringend befehlen!" Derart sprach er. Telemachos folgte der Weisung des Vaters, klopfte sogleich an die Tür und sprach zu der redlichen Greisin: "Hierher, bitte, ehrwürdige Mutter, die du beständig sämtliche Mägde genau überwachst in unserem Hause! Komme heraus! Dich ruft mein Vater, dir etwas zu sagen." Derart sprach er. Die Greisin gab ihm keinerlei Antwort, öffnete schweigend die Tür des wohnlichen Zimmers und eilte in den Saal. Voran ging ihr der Sohn des Gebieters. Bei den Toten fanden sie den Fürsten Odysseus. Schmutziges Blut überkrustete ihn, als sei er ein Löwe, der sich gesättigt hat an einem weidenden Stiere; völlig mit Blut besudelt hat er die Brust und auf beiden Seiten die Kiefer, sein Antlitz erregt des Betrachters Entsetzen: ebenso triefte Odysseus vom Blut an Füßen und Händen. Als die Greisin die Blutlachen sah und die Haufen der Toten, wollte sie aufjauchzen angesichts des errungenen Sieges; aber Odysseus hemmte den Freudenausbruch der Alten und sprach mahnend zu ihr die im Fluge enteilenden Worte: "Freu dich im stillen, Mütterchen, zähme den Willen zum Jubel! Gottlos wäre es, über getötete Menschen zu jauchzen. Göttliche Fügung und eigene Schuld vertilgte die Freier. Denn sie achteten keinen der Menschen auf Erden, den Armen nicht wie den Vornehmen, wer sie auch immer besuchte; aus diesem Grunde erfüllten sie auch, für den Frevel, schmählich ihr Schicksal. Aber wohlan, bezeichne genau mir die Frauen im Hause, die mich mißachtet haben und die sich schuldlos gehalten!" Auskunft gab ihm die Pflegerin Eurykleia, die teure: "Nun, so werde ich dir, mein Sohn, die Wahrheit berichten! Hier im Palaste befinden sich fünfzig dienende Frauen. Arbeiten lehrten wir sie gewissenhaft ausführen, Wolle krempeln und überhaupt in den Dienst sich fleißig zu schicken. Zwölf von ihnen gerieten auf Abwege, zeigten sich schamlos, weder mir noch der Herrin persönlich erwiesen sie Achtung. Freilich, Telemachos reifte seit kurzem zum Manne; die Mutter aber verwehrte es ihm, den Mägden Befehl zu erteilen. Nunmehr will ich im schimmernden oberen Stockwerke deiner Gattin berichten; ein Gott versenkte bereits sie in Schlummer." Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Wecke sie, bitte, noch nicht! Laß erst die Mägde erscheinen, jene, die bis zum heutigen Tage sich schändlich benahmen!" Derart befahl er. Die Greisin verließ den Saal, um den Mägden Weisung zu geben und sie zu eiligem Kommen zu spornen. Aber Odysseus rief inzwischen den Sohn und die beiden Hirten heran und sprach die im Fluge enteilenden Worte: "Tragt jetzt die Toten hinaus und laßt auch die Mägde sie tragen! Reinigt darauf die prächtigen Sessel und scheuert die Tische gründlich mit Wasser und mit Hilfe der porigen Schwämme. Aber sobald ihr im ganzen Saale Ordnung geschaffen, führt aus dem stattlich errichteten Haus in den Hofraum die Mägde, zwischen die Mauer und das runde Wirtschaftsgebäude, und erschlagt sie mit langen Schwertern, bis ihr sie sämtlich umgebracht habt und sie die Wonnen der Kypris vergaßen, die sie unter der Herrschaft der Freier heimlich genossen!" Derart befahl er. Dichtgedrängt, erschienen die Frauen, alle zwölf, in kläglichem Jammern und bitteren Tränen. Aus dem Saale mußten zuerst die Leichen sie tragen und in die Halle des sicher umfriedeten Hofes sie schichten; Aufsicht führte Odysseus persönlich und trieb sie zur Eile. Angespannt schleppten die Mägde, gebeugt vom gewaltsamen Zwange. Anschließend reinigten sie die prächtigen Sessel und Tische gründlich mit Wasser und mit Hilfe der porigen Schwämme. Aber Telemachos und die beiden Hüter der Herden kratzten mit Rechen den Boden des fest errichteten Saales sauber; die Frauen trugen aus dem Hause den Unrat. Aber sobald sie im ganzen Saale Ordnung geschaffen, trieb man die Mägde aus dem stattlichen Haus in den Hofraum, zwischen die Mauer und das runde Wirtschaftsgebäude, alle in einen Winkel, der kein Entrinnen erlaubte. Dort sprach zu den Hirten der kluge Sohn des Odysseus: "Nicht eines ehrlichen Todes möchte die Frauen ich sterben lassen, die mich und unsere Mutter mit Schmach überhäuften, während der Nächte jedoch sich bei den Freiern vergnügten!" Damit knüpfte er eines düstergeschnäbelten Schiffes Seil an die ragende Säule und zog es straff in der Höhe um den Rundbau, die daran Erhängten schweben zu lassen. Wie wenn flügelstreckende Drosseln oder auch Tauben in die Schlinge geraten, die ausgelegt wurde im Strauchwerk, und den Nestheimkehrer ein schreckliches Lager erwartet: ebenso hingen an ihren Köpfen die Mägde, um ihre Hälse die würgenden Schlingen, dem kläglichsten Tode verfallen, zappelten mit den Beinen ein wenig, jedoch nicht mehr lange. Auch den Melanthios schleppten sie her durch Torweg und Hofraum, schnitten die Nase ihm ab und die Ohren mit grausamem Erze, rissen das Glied ihm aus und gaben es Hunden zu fressen, hieben erbittert ihm schließlich die Arme noch ab und die Beine. Danach wuschen sie sich die Hände und Füße und traten wieder ins Haus zu Odysseus; vollzogen war die Vergeltung. Nunmehr wandte zur teuren Pflegerin sich der Gebieter: "Mütterchen, bringe zur Abwehr des Übels mir Schwefel und Feuer! Ausräuchern will ich den Saal. Dann bitte sogleich Penelope, hierher zu kommen, begleitet von ihren dienenden Frauen! Lasse auch alle die übrigen Mägde im Hause erscheinen!" Ihm gab Antwort die Pflegerin Eurykleia, die teure: "Ja, mein Junge, was du mir befiehlst, ist schicklich und richtig. Bringen will ich dir Mantel und Leibrock, dich stattlich zu kleiden; derart mit schmutzigen Lumpen bedeckt die mächtigen Schultern, darfst du nicht weilen im Saale; das gäbe doch Anlaß zum Tadel!" Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Feuer benötige ich vor allem andren im Saale!" Derart befahl er. Die teure Pflegerin folgte ihm willig, brachte ihm Feuer und Schwefel herbei. Der edle Odysseus räucherte gründlich den Saal und den Hof und die Zimmer der Mägde. Nunmehr durcheilte die Greisin das prächtige Schloß des Odysseus, Weisung zu geben den Mägden und sie zur Eile zu spornen. Fackeln in Händen, traten sie aus dem Frauengemache, drängten sich um Odysseus und boten ihm herzlich Willkommen, küßten ihm innig Haupt und Schultern und griffen nach seinen Händen. Doch ihn übermannte ein süßes Verlangen, zu weinen und zu seufzen, erkannte er alle Getreuen doch wieder.

23. Gesang

Dreiundzwanzigster Gesang

Wie Penelope ihren Gatten wiedererkannte

Text der Vertonung

[Intro: Odysseus]
Die Schlacht ist vorbei, das Blut ist still,
mein Herz schlägt laut, weil ich zu ihr will.
Penelope, mein Licht, mein Ziel, mein Traum,
ich steh vor dir – nach all den Jahren im Raum.

[Verse 1: Odysseus]
Eurykleia rennt, „Penelope, wach auf,
Odysseus ist heim – das Schicksal nimmt Lauf!“
Doch sie bleibt kühl, ihr Blick so klar,
„Beweist mir die Wahrheit, bevor ich erfahr.“

Ich trete vor, mein Herz schwer und laut,
„Penelope, mein Licht, glaubst du nicht, was du schaust?“
Doch sie stellt die Prüfung, der Test ist geschickt,
mein Wissen vom Bett – das hat sie entzückt.

[Refrain: Odysseus & Chorus]
Von Jahren der Trennung zur Liebe zurück,
Odysseus und Penelope – das wahre Glück.
Das Bett, das spricht, die Wahrheit so rein,
wir sind vereint – die Götter am Sein.

[Verse 2: Penelope]
„Mein Herr, mein König, die Zeit war so lang,
mein Herz blieb treu, doch die Zweifel so bang.
Jetzt seh ich dich hier, mein Traum wird wahr,
Odysseus, mein Licht, du bist endlich da.“

Die Tränen fließen, wir halten uns fest,
die Jahre der Trennung – die Liebe bleibt best.
Athene schaut zu, ihr Segen so groß,
„Das Schicksal ist erfüllt – ihr seid das Los.“

[Refrain: Odysseus & Chorus]
Von Jahren der Trennung zur Liebe zurück,
Odysseus und Penelope – das wahre Glück.
Das Bett, das spricht, die Wahrheit so rein,
wir sind vereint – die Götter am Sein.

[Bridge: Odysseus]
Die Götter lenkten, der Sturm war hart,
doch Liebe und Treue – mein größter Start.
Penelope, mein Licht, mein Stern so klar,
Ithaka lebt – mein Ziel ist wahr.

[Outro: Odysseus]
Die Nacht wird still, der Morgen erwacht,
die Liebe ist ewig, das Schicksal entfacht.
Von Trennung zur Einheit, die Reise ist voll,
Odysseus kehrt heim – die Liebe mein Soll.

Der vollständige 23. Gesang

Aber die Greisin stieg frohlockend ins obere Stockwerk, um der Fürstin die Rückkehr des teuren Gatten zu melden. Eilig hob sie die Knie, sie drohte vor Eifer zu stolpern. Oben trat sie der schlummernden Fürstin zu Häupten und sagte: "Liebes Kind, Penelope, wach auf! Mit eigenen Augen sollst du erblicken, wonach du unaufhörlich dich sehntest! Heimkam Odysseus, kehrte nach Hause, wenn spät auch, erlegte sämtlich die trotzigen Freier, die seinem Palaste nur Schaden brachten, die Güter verpraßten und schamlos den Sohn ihm bedrängten!" Doch Penelope, die kluge Fürstin, gab ihr zur Antwort: "Teure Mutter, dich schlugen mit Wahnsinn die Götter, die manchmal einen hervorragend klugen Menschen der Einsicht berauben, freilich den Törichten auch auf den Weg der Besonnenheit führen. Sicher verwirrten sie dich, du warst ja doch früher verständig! Warum verspottest du mich in meiner tiefen Betrübnis, redest der Wahrheit zum Hohne und weckst mich aus köstlichem Schlummer, der mir die tränenden Augen schloß in erquickender Wohltat? Denn noch niemals schlief ich so sanft, seit Odysseus davonzog, um das verfluchte, nicht auszusprechende Troja zu schauen! Geh jetzt hinunter, begib dich zurück ins Zimmer der Frauen! Hätte mir eine andere meiner dienenden Mägde solches gemeldet und mich dazu aus dem Schlafe gerissen, würde ich grob sie, in bitterem Ärger, fortgejagt haben wieder ins Frauengemach! Dir kommt dein Alter zugute." Ihr gab Antwort die Pflegerin Eurykleia, die teure: "Liebes Kind, ich verspotte dich nicht! Tatsächlich, Odysseus kehrte zurück und weilt im Hause, so wie ich berichte, eben der Fremdling, den alle im Saal so verächtlich beschimpften! Lange schon wußte Telemachos von der Ankunft des Vaters, aber aus Vorsicht hielt er geheim die Pläne des Fürsten, um die Frevel der übermütigen Freier zu rächen!" Derart sprach sie. Da wurde die Herrin von Freude ergriffen, sprang von dem Lager empor, umarmte die Greisin und weinte, richtete gleich an sie die im Fluge enteilenden Worte: "Mütterchen, liebes, berichte mir jetzt die lautere Wahrheit, wenn er tatsächlich nach Hause gelangte, so wie du berichtest: Wie nur vermochte er gegen die schamlosen Freier zu kämpfen, er als einzelner, während sie drinnen in Scharen sich drängten?" Ihr gab Antwort die Pflegerin Eurykleia, die teure: "Weder erfuhr noch sah ich den Hergang, vernahm nur das Stöhnen sterbender Männer. Wir saßen hinten in unserer Wohnung, voller Entsetzen; die festen Türflügel waren verschlossen, bis mich dein Sohn Telemachos aus dem Frauengemache vortreten ließ; ihn hatte sein Vater geschickt, mich zu holen. Nunmehr fand ich Odysseus, wie er unter den Toten dastand. Um ihn lagen die Leichen übereinander auf dem gestampften Boden; dich hätte sein Anblick begeistert; schmutziges Blut überkrustete ihn, als sei er ein Löwe! Alle Erschlagenen liegen jetzt draußen am Hoftor, geschichtet. Er durchräuchert soeben mit Schwefel, mit mächtiger Flamme, gründlich den prachtvollen Saal; mir gab er Befehl, dich zu rufen. Folge mir, schnell, damit ihr euch beide von Herzen der Freude hingeben könnt, nachdem ihr so viel und so bitter gelitten! Heute erfüllte die lange gehegte Sehnsucht sich endlich: Wohlbehalten erreichte der Fürst den Herd in der Heimat, fand im Palaste dich und den Sohn; an sämtlichen Freiern, die ihm unrecht getan, vollzog er die Rache im Hause." Doch Penelope entgegnete ihr, die verständige Herrin: "Mütterchen, liebes, noch darfst du nicht derart jubeln und jauchzen! Weißt du doch selber, wie herzlich wir alle im Schloß ihn begrüßen würden, besonders ich und mein Sohn, den ich ihm geboren. Aber die Meldung, die du erstattest, entspricht nicht der Wahrheit. Einer vom Kreis der Unsterblichen schlug die maßlosen Freier, über ihr böses, die Götter kränkendes Treiben erbittert! Denn sie achteten keinen der Menschen auf Erden, den Armen nicht wie den Vornehmen, wer sie auch immer besuchte; für ihren Übermut büßten sie furchtbar. Odysseus indessen verspielte, fern von Achaia, die Heimkehr, verspielte das eigene Leben." Ihr gab Antwort die Pflegerin Eurykleia, die teure: "Welch ein Verdacht entfloh, mein Kind, dem Geheg deiner Zähne! Niemals kehre dein Gatte zurück - und er weilt schon im Hause, neben dem Herd! Du verharrst in deiner ungläubigen Haltung. Auf denn, so will ich ein sicheres Merkmal dir nennen: die Narbe, die ihm ein Eber ehemals schlug mit leuchtendem Hauer! Als ich die Füße ihm wusch, erkannte ich sie, und ich wollte gleich es dir sagen; aber Odysseus hielt mir den Mund zu, hinderte mich, in seiner bewährten Klugheit, am Sprechen. Folge mir, bitte! Ich möchte mein Leben zum Pfande dir setzen; habe ich falsch dir berichtet, so laß mich aufs kläglichste sterben!" Ihr gab Antwort darauf die verständige Herrin und sagte: "Mütterchen, liebes, du kannst die Pläne der ewigen Götter schwerlich erforschen, trotz deiner Klugheit und reichen Erfahrung! Gehen wir dennoch zu meinem Sohne, damit ich die toten Freier mir ansehen kann und den Fremdling, der sie erschlagen." Damit verließ sie das obere Stockwerk. Es plagten sie Zweifel, ob sie noch Abstand bewahren, den Gatten bloß ausfragen solle oder ihm nahen, sein Haupt und die Hände ergreifen und küssen. Nunmehr betrat sie den Saal, überschritt die steinerne Schwelle, setzte sich dann, gegenüber Odysseus, im Glanze des Feuers vor die andere Wand. Er saß an ragender Säule, niedergeschlagenen Blickes, und wartete, ob ihn die edle Gattin, sobald sie ihn selber erblickte, anreden würde. Lange verharrte sie schweigend, empfand ein tiefes Erstaunen. Angestrengt schauend, glaubte sie bald den Gemahl zu erkennen, bald verwarf sie den Glauben auf Grund der schäbigen Kleidung. Endlich erhob Telemachos, voller Vorwurf, die Stimme: "Mutter, nein, Unmutter möchte ich sagen bei deiner Verstocktheit, warum bewahrst du einen so weiten Abstand vom Vater, setzt dich nicht neben ihn, stellst ihm auch keinerlei klärende Fragen! Derart starrsinnig würde sich keine andere Gattin fernhalten ihrem Gemahl, der nach vielen bitteren Leiden endlich die teure Heimat erreicht im zwanzigsten Jahre! Aber dein Herz übertraf schon immer die Steine an Starrheit." Ihm gab Antwort darauf die verständige Fürstin und sagte: "Lieber Junge, ein tiefes Staunen hält mich umfangen, nicht ein Wörtchen vermag ich zu sprechen oder zu fragen, ihm auch nicht offen ins Antlitz zu schauen. Sollte in Wahrheit er mein Odysseus und heimgekehrt sein, so werden wir beide sicherlich uns noch deutlich erkennen. Wir haben ja unsre Merkmale, unsre geheimen, die wir nur wissen, kein andrer." Lächeln mußte der göttliche Dulder Odysseus darüber, sprach zum Sohne sogleich die flugs enteilenden Worte: "Laß nur die Mutter im Hause, Telemachos, mich auf die Probe stellen! Sie dürfte sehr bald zu besserer Einsicht gelangen. Weil ich verwahrlost bin und mit häßlichen Lumpen bekleidet, weigert sich mir die Achtung und wähnt, ich sei nicht Odysseus. Doch überlegen wir, wie wir weiter am besten verfahren! Tötete jemand auch nur einen der Bürger im Volke, einen, der wenige Freunde besitzt als künftige Rächer, meidet er, als ein Verbannter, dennoch Verwandtschaft und Heimat. Wir indessen haben die Säule des Staates vernichtet, Ithakas adlige Jugend. Das gebe ich dir zu erwägen." Und der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort: "Vater, das mußt du selber bedenken; unter den Menschen preist man ja deine Klugheit als höchste, und wetteifern würde schwerlich mit dir ein Sterblicher noch auf diesem Gebiete. Eifrig werden wir folgen, ich will es an Tapferkeit gar nicht fehlen lassen, bestimmt nicht, soweit die Kräfte mir reichen!" Ihm gab Antwort daruf der kluge Odysseus und sagte: "Darlegen möchte ich denn, worin ich das Nützlichste sehe. Badet zuerst und zieht euch stattliche Leibröcke über, lasset die Mägde im Hause sich schmücken mit Festtagsgewändern! Aber der göttliche Sänger eröffne mit klingender Harfe für uns alle in heiterem Spiel den fröhlichen Reigen. Wer in der Nachbarschaft wohnt und wer auf der Straße vorbeigeht, soll aus den festlichen Klängen auf ein Hochzeitsfest schließen. Dann erst soll sich die Nachricht von der Ermordung der Freier unter den Städten verbreiten, wenn wir, fern dem Palaste, unser mit Bäumen reichlich bepflanztes Landgut erreichten; dort überlegen wir, was uns Zeus an Ersprießlichem eingibt!" Derart befahl er. Sofort gehorchten die andern der Weisung, badeten erst und zogen sich stattliche Leibröcke über; aber die Frauen schmückten sich eifrig. Der göttliche Sänger griff zur bauchigen Harfe und weckte in sämtlichen Hörern Lust am erheiternden Spiel und Freude am herrlichen Reigen. Ringsum erscholl das ragende Schloß vom Stampfen der Männer und der reizvoll gegürteten Frauen bei fröhlichem Tanze. Draußen vernahm man deutlich die freudigen Klänge und sagte: "Sicher, da heiratet einer die eifrig umworbene Fürstin! Schändlich, die Frau! Sie vermochte den reichen Hausstand des Gatten nicht bis zu seiner glücklichen Heimkehr treu zu behüten!" Derart sprach man und ahnte nichts von dem wirklichen Hergang. Aber den tapfren Odysseus badete nunmehr im Hause Eurynome, die Schaffnerin, salbte ihn dann mit dem Öle und bekleidete ihn mit Leibrock und prachtvollem Mantel. Anmut breitete über das Haupt ihm die Göttin Athene; größer und kraftvoller ließ sie den Helden erscheinen, vom Kopfe Locken ihm wallen, so dicht wie die Blätter der Lilienblüten. Wie ein erfahrener Meister, den Hephaistos und Pallas mancherlei Kenntnis und Fertigkeit lehrten, silberne Stücke kunstreich vergoldet und kostbare, herrliche Werke vollendet: so umwob ihm die Göttin mit Anmut das Haupt und die Schultern. Stattlich wie einer der Götter entstieg der König dem Bade, setzte sich auf den Sessel zurück, den er vorhin verlassen, seiner Frau gegenüber, und sprach zu der Fürstin die Worte: "Seltsame, wahrlich, ein hartes Herz verliehen vor allen zartempfindenden Frauen dir die olympischen Götter! Derart starrsinnig würde sich keine andere Gattin fernhalten ihrem Gemahl, der nach vielen bitteren Leiden endlich die teure Heimat erreicht im zwanzigsten Jahre! Richte mir, Mütterchen, bitte, das Lager! Hinlegen möchte ich mich allein; ein Herz von Eisen besitzt ja die Herrin." Ihm gab Antwort darauf die verständige Fürstin und sagte: "Seltsamer, mich beherrschen nicht Stolz, Geringschätzung oder Staunen. Ich weiß genau, wie du aussahst, als du auf deinem langberuderten Schiffe von Ithaka aufbrachst zum Feldzug. Richte ihm, Eurykleia, die feste Bettstatt, doch draußen, vor dem prächtigen Schlafzimmer, das er selber einst baute! Dorthin stelle sein Bett ihm hinaus und packe zum Schlafen zottige Felle darüber und Decken und schimmernde Kissen!" Derart befahl sie, um ihn auf die Probe zu stellen. Odysseus aber geriet in Zorn und sprach zu der treuen Gemahlin: "Herrin, der Auftrag, den du erteiltest, kränkt mich aufs schwerste. Wer vermag mein Bett zu verrücken? Selbst ein geschickter Meister bewegte es kaum, sofern nicht einer der Götter mühelos, nach Belieben, von seinem Platze es schöbe! Keiner der Sterblichen, selbst nicht im kräftigsten Alter, vermöchte es von der Stelle zu wuchten: Denn seine eigne Bewandtnis hat es mit diesem Bette; ich baute es selber, kein andrer. Innerhalb unsres Gehöftes wuchs ein Ölbaum mit langen Blättern, in Vollkraft blühend, wie ein Säule so stattlich. Rings um den Stamm erbaute ich unser Schlafzimmer, fügte Stein auf Stein und versah es mit einer sicheren Decke, setzte festschließende Türen auch ein mit metallenen Bändern, kappte darauf die Krone des üppig grünenden Baumes, hieb mit dem Beile den Stamm mir zurecht von unten nach oben, glättete sachkundig ihn und genau, nach der Richtschnur, und schuf mir derart den Bettpfosten, bohrte dann Löcher in sämtliche Teile; anschließend zimmerte über dem Pfosten ich fertig die Bettstatt, legte mit Elfenbein kunstreich sie aus, mit Gold und mit Silber und bespannte sie mit stierledernen, purpurnen Riemen. Somit enthülle ich dir das Geheimnis des Bettes. Ich weiß nicht, ob das Lager noch steht wie einstmals oder ob jemand abschnitt den Pfosten vom Wurzelgeflecht und die Bettstatt versetzte." Derart sprach er. Die Fürstin erbebte vor glücklicher Freude, als sie die Zeichen erkannte, die er ihr untrüglich enthüllte. Heftig begann sie zu weinen, eilte herzu und umarmte innig den Nacken des Gatten, küßte das Haupt ihm und sagte: "Sei mir nicht böse, Odysseus! Du überragtest ja immer sämtliche Menschen an Klugheit. Uns stürzten ins Unglück die Götter, die es uns beiden mißgönnten, die schönsten Jahre gemeinsam froh zu genießen, gemeinsam auch in Frieden zu altern. Aber jetzt zürne mir nicht und nimm es mir, bitte, nicht übel, daß ich nicht gleich beim ersten Anblick dich herzlich begrüßte! Ständig bedrückte mich nämlich im tiefsten Herzen die Sorge, irgendein Sterblicher könnte erscheinen und listig mich täuschen. Suchen doch zahlreiche Menschen Vorteil auf unrechten Wegen. Auch die Tochter des Zeus, die Argeierin Helena, würde kaum mit dem Fremdling vereinigt sich haben zu inniger Liebe, hätte genau sie gewußt, daß die streitbaren Söhne Achaias später gewaltsam sie in die Heimat zurückbringen sollten. Aber die Gottheit verleitete sie zu dem schmählichen Unrecht; vorher bedachte sie nicht das grauenhafte Verderben, das auch für uns den Anlaß gab zu Jammer und Elend. Nunmehr jedoch, da du deutlich mir schilderst das traute Geheimnis unseres Lagers, in das kein anderer eingeweiht wurde außer uns beiden und einer Bedienten, der Tochter des Aktor, die mir mein Vater beim Aufbruch nach Ithaka fürsorglich mitgab, ihr, die den Eingang zum festen Schlafraum uns wachsam behütet - jetzt überzeugst du mich endlich, wie hart ich bisher auch mich sträubte!" Derart sprach sie und steigerte noch die Wehmut des Gatten; Tränen vergoß er, im Arm die liebe, die treue Gemahlin. Wie den Anblick des Landes von Herzen die Schwimmer begrüßen, deren vortrefflich gezimmertes Schiff Poseidon auf hohem Meere zerschlug im Andrang der Winde und mächtigen Wogen, die sich, nur wenige, aus den schäumenden Fluten ans Festland schwimmend zu retten vermochten, ringsum verkrustet vom Salzschaum, aufatmend nunmehr die Küste betreten, dem Unglück entronnen: ebenso freute sich jetzt Odysseus des Anblicks der Gattin, löste sich auch noch gar nicht aus ihren leuchtenden Armen. Über den Tränen wäre die schimmernde Eos gekommen, hätte die helläugig blickende Göttin nicht anders entschieden. Kurz vor dem Ende des Weges zwang sie die Nacht zum Verweilen. hielt am Okeanos fest die goldthronende Eos und verbot ihr, die flinken Rosse Phaëthon und Lampos anzuschirren, die das Licht für die Sterblichen bringen. Nunmehr sagte der kluge Odysseus zu seiner Gemahlin: "Liebe, wir stehen noch nicht am Endpunkt sämtlicher Kämpfe, sondern es warten auf mich noch unübersehbare Pflichten, bitter und schwer; ich muß sie in vollem Umfang erfüllen. Diesen Befehl erteilte mir des Teiresias Seele, an dem Tage, da ich hinabstieg zum Reiche des Hades, um die Heimkehr meiner Gefährten bemüht und die meine. Aber so komme jetzt, Liebe, wir gehen schlafen! Wir wollen endlich, zur Ruhe gebettet, den köstlichen Schlummer genießen." Ihm gab Antwort darauf die verständige Fürstin und sagte: "Vorfinden wirst du jetzt immer ein Lager, nach deinem Belieben, da die Unsterblichen dir die glückliche Rückkehr vergönnten in dein stattliches Haus und zum teuren Lande der Väter. Weil du sie aber erwähntest, ein Gott sie, erinnernd, dir eingab, nenne mir, bitte, die Pflichten! Zwar würde ich sicher von ihnen später noch hören, doch ist es nicht übler, sie gleich zu erfahren!" Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Seltsame! Warum ersuchst du mich derart dringend um Auskunft? Aber ich will dir die Antwort geben und nichts dir verhehlen. Freilich, du wirst dich ihrer nicht freuen, genau wie ich selber. Denn mir befahl Teiresias, durch die Städte der Menschen weithin zu pilgern, in meinen Händen ein handliches Ruder, bis ich zu Menschen gelange, die vom Meere nichts wissen und auch niemals mit Salz gewürzte Speisen verzehren, keinerlei Kenntnis besitzen von Schiffen mit rötlichen Steven oder von handlichen Rudern, den Flügeln der eilenden Schiffe. Deutlich beschrieb er das Ziel mir, ich will es auch dir nicht verhehlen. Wenn mich ein Wanderer trifft unterwegs und behauptet, ich trüge einen mächtigen Löffel auf meiner stattlichen Schulter, soll ich das handliche Ruder fest in den Erdboden rammen, köstliche Opfer bringen dem Herrscher des Meeres Poseidon, Widder und Stier, den Eber dazu, den Bespringer der Säue, heimkehren dann und nochmals opfern, üppig und festlich, den Unsterblichen, die den weiten Himmel bewohnen, allen der Reihe nach. Und schließlich wird mich ein sanfter Tod überkommen, ferne dem Meere, während in reichem, seligem Altern die Kräfte mir schwinden und ringsum die Völker glücklich gedeihen. So würde ich, sprach er, alles vollenden." Ihm gab Antwort darauf die verständige Fürstin und sagte: "Wenn dir die Götter ein Alter voll größeren Glückes bescheren, dürfen wir hoffen, du werdest dem Verderben entrinnen." Derart führten die beiden ihr Gespräch miteinander. Eurynome jedoch und die Pflegerin machten mit weichem Bettzeug das Lager zurecht im Scheine brennender Fackeln. Als sie voll Eifer die beste Bettstatt zum Schlafen bereitet hatten, begab sich die Greisin zur Ruhe ins eigene Zimmer. Eurynome, als Kammerfrau, führte den Herrscher und seine Gattin ins Schlafzimmer, in den Händen die leuchtende Fackel. Nach dem Erreichen des Zimmers entfernte sie sich. Doch die Gatten grüßten mit Freuden des alten Lagers ehrwürdige Stätte. Aber Telemachos, mit ihm Philoitios wie auch Eumaios, ruhten inzwischen vom Tanze, ließen die Frauen auch ruhen, legten darauf zum Schlafen sich nieder im schattigen Hause. Innig genossen die Gatten nunmehr die Freuden der Liebe; danach erzählten einander sie froh, wie es ihnen ergangen. Erst berichtete ihm die göttliche Fürstin von allem, was sie erlitt, den abscheulichen Schwarm der Freier vor Augen, die, mit dem Vorwand, um sie zu werben, Rinder und fette Schafe in Menge schlachteten und die Weinfässer leerten. Aber Odysseus erzählte, wie bittere Leiden er andern Menschen gebracht, wie furchtbare selber er aushalten mußte. Voller freudiger Spannung lauschte die Gattin, kein Schlummer senkte sich über die Augen, bevor er alles berichtet. Mit dem Überfall auf die Kikonen begann er, erzählte weiter die Ankunft im fruchtbaren Lande der Lotophagen, schilderte, was der Kyklop ihm getan und wie er die edlen Freunde gerächt, die der Unhold ohne Erbarmen verschlungen; wie er zu Aiolos kam, der Obdach ihm bot und Geleit ihm zusagte, aber das Schicksal ihm noch die Heimfahrt verwehrte und ihn aufs neue ein wilder Orkan jäh packte und fortriß über das fischreiche Meer, indes er bitterlich klagte; wie er die Stadt der laistrygonischen Riesen erreichte, die ihm die Schiffe vernichteten und die gewappneten Freunde, sämtlich; Odysseus allein entrann auf düsterem Fahrzeug. Danach berichtete er von der Tücke und Klugheit der Kirke, weiter, wie er zum dumpfigen Reiche des Hades gelangte, sich von Teiresias das Orakel geben zu lassen, hinfuhr auf reichlich berudertem Schiff und sämtliche Freunde sah, auch die Mutter, die einst ihn gebar und als Kindlein betreute; wie er dem lockenden Lied der Seirenen angespannt lauschte, wie er den Prallfelsen nahte, der wilden Charybdis und Skylla, die noch niemanden ohne Schaden vorbeifahren ließen; wie die Gefährten die Heliosrinder sträflich geschlachtet; wie der hochdonnernde Zeus mit schwefligem Blitzstrahl das schnelle Fahrzeug zerschlug und die edlen Gefährten den Untergang fanden, alle zusammen, er ganz allein sich zu retten vermochte; wie er Ogygia und die Nymphe Kalypso erreichte, die ihn als Gatten begehrte und deshalb in ihrer gewölbten Grotte zurückhielt und pfleglich betreute, mit ewigem Leben ihn zu beschenken versprach, desgleichen mit ewiger Jugend, aber ihn trotzdem nicht überreden konnte zum Bleiben; wie er nach bitterer Mühsal zu den Phaiaken gelangte, die ihm von Herzen, wie einem Unsterblichen, Ehre erwiesen, ihm zur See, in die teure Heimat, Geleitschutz auch gaben, vorher noch reich ihn beschenkten mit Erz und Gold und Gewändern. Dies noch berichtete er; dann ergriff ihn erquickender Schlummer, ließ ihm die Glieder erschlaffen und linderte trostreich die Sorgen. Weiteres plante derweilen die helläugig blickende Göttin. Als sich Odysseus, nach ihrer Meinung, im köstlichen Schlafe neben der teuren Gemahlin hinreichend ausgeruht hatte, ließ sie sogleich die goldenthronende Göttin der Frühe vom Okeanos kommen, den Menschen zu leuchten. Vom weichen Lager sprang Odysseus empor und sprach zu der Gattin: "Liebe, wir beide kosteten bittere Not zur Genüge, du in der Heimat, dich härmend um meine leidige Rückkehr, während mich Zeus und die übrige Götter durch Leiden, trotz meines Strebens, stets ferne hielten vom teuren Lande der Väter. Nunmehr, da wir nach schmerzlichem Sehnen uns wieder vereinten, sorge im Hause für alle mir noch verbliebenen Güter. Aber das Vieh, das mir die trotzigen Freier verpraßten, will ich durch Beute reichlich ergänzen; das übrige sollen mir die Achaier erstatten, bis sie die Ställe mir füllten. Ich begebe mich auf das baumbestandene Landgut, meinen edlen Vater in seinem Gram zu besuchen. Dir befehle ich folgendes - Einsicht bewährst du ja selber -, wird sich doch bald nach Anbruch des Tages die Kunde verbreiten von den Freiern, die ich erschlug in meinem Palaste: Geh in das Obergeschoß, sitz ruhig im Kreise der Mägde, halte nach niemandem Ausschau und stelle auch niemandem Fragen!" Damit warf er sich um die Schultern die prächtige Rüstung, weckte Telemachos gleich und Philoitios wie auch Eumaios und erteilte die Weisung, die Waffen zum Kampf zu ergreifen. Schleunigst gehorchten sie ihm und wappneten sich mit dem Erze, öffneten dann die Türen und gingen; sie führte Odysseus. Schon überströmte das Licht die Erde; doch Pallas Athene hüllte in Dunkel die vier und geleitete sie aus dem Städtchen.

24. Gesang

Vierundzwanzigster Gesang

Wie die Seelen der Freier in die Unterwelt gelangten, Odysseus sich seinem Vater zu erkennen gab und Athene Frieden auf Ithaka stiftete

Text der Vertonung

[Intro: Odysseus]
Die Reise ist vollbracht, das Ziel ist erreicht,
mein Herz schlägt ruhig – die Schatten erweicht.
Von Kampf und Chaos zur Stille im Land,
Odysseus, der König – das Glück in der Hand.

[Verse 1: Odysseus]
Die Toten klagen, doch der Frieden regiert,
die Götter lenken – mein Reich ist verziert.
Zeus spricht zu Athene: „Lass Ruhe entstehen,
die Feinde sind fort, das Leben kann gehen.“

Penelope lacht, ihr Blick so klar,
„Odysseus, mein Held, du bist endlich da.“
Telemachos steht, sein Stolz ist groß,
die Familie vereint – der Schmerz ist los.

[Refrain: Odysseus & Chorus]
Von Sturm zu Frieden, das Glück ist hier,
Odysseus kehrt heim – mit Liebe in mir.
Ithaka lebt, das Land ist rein,
die Götter segnen – wir sind daheim.

[Verse 2: Odysseus]
Laertes im Garten, sein Herz wird weit,
sein Sohn ist zurück, nach so langer Zeit.
Ich fall ihm um den Hals, die Tränen sind echt,
„Vater, ich bin hier – mein Heim ist gerecht.“

Das Volk sieht den König, die Worte so laut,
„Odysseus ist zurück – die Freiheit erbaut!“
Die Götter lächeln, der Krieg ist vorbei,
Ithaka blüht – das Leben ist frei.

[Refrain: Odysseus & Chorus]
Von Sturm zu Frieden, das Glück ist hier,
Odysseus kehrt heim – mit Liebe in mir.
Ithaka lebt, das Land ist rein,
die Götter segnen – wir sind daheim.

[Bridge: Odysseus]
Die Jahre der Trennung, die Wunden im Geist,
doch die Liebe war stärker – das Leben beweist.
Penelope, mein Licht, mein Sohn, mein Reich,
Ithaka lebt – die Freude ist reich.

[Outro: Odysseus]
Der Kreis schließt sich, das Schicksal erfüllt,
die Götter lenkten, mein Herz bleibt wild.
Von Chaos zu Frieden, das Glück ist wahr,
Odysseus kehrt heim – für immer da.

Der vollständige 24. Gesang

Hermes, der Gott von Kyllene, rief die Seelen der Freier aus dem Palast des Odysseus. Er hielt den prächtigen goldnen Stab in den Händen, mit dem er die Augen der Menschen zum Schlummer schließt, nach Belieben, doch andere Sterbliche weckt aus dem Schlafe. Mit ihm scheuchte empor er die Seelen, sie folgten ihm schwirrend. Wie wenn Fledermäuse im Winkel der göttlichen Höhle aufschwirren, wenn ein Tier aus der Reihe des Schwarmes herabsinkt von der Felswand, und flatternd nebeneinander sich halten, derart entschwirrten im Haufen die Seelen, und Hermes, der Bringer rettender Hilfe, führte den Schwarm auf dumpfigen Wegen. Längs des Okeanos zogen sie und des Leukadischen Felsens, flogen am Tore der Sonne und am Traumland vorüber und erreichten in kurzer Zeit die Asphodeloswiese, wo sich die Seelen befanden, die Schatten der Toten. Dort trafen sie auf die Seelen des tapfren Peleussohnes Achilleus, die des Patroklos, auch die des Antilochos, jenes erprobten Helden, und die des Aias, des stattlichsten, tapfersten Kämpfers unter den übrigen Danaern, nächst dem edlen Peliden. Um Achilleus waren die Helden versammelt. Da nahte ihnen die Seele des Atreussohns Agamemnon, tieftraurig; um ihn waren die andern geschart, die neben ihm fielen in dem Palast des Aigisthos und dort ihr Schicksal erfüllten. An ihn wandte sich jetzt die Seele des tapfren Peliden: "Sprößling des Atreus, wir glaubten, Zeus, der Lenker der Blitze, schätze dich immer besonders vor allen übrigen Helden, weil du der Heerführer warst der zahlreichen kraftvollen Streiter dort vor Ilion, wo wir Achaier so Schweres erlitten. Aber es sollte auch dich, zu früh noch, das tödliche Schicksal treffen, dem keiner entrinnt von den sterblich geborenen Menschen. Hättest du doch im vollen Besitz der Würde des Herrschers dort im Gebiet von Troja den Tod im Kampfe gefunden! Hätten dir dann doch sämtliche Griechen ein Grabmal errichtet, hättest du deinem Sohn auch herrlichen Ruhm hinterlassen! Aber es war dein Los, dem kläglichsten Tod zu verfallen!" Ihm gab Antwort darauf die Seele des tapfren Atriden: "Glücklicher Sohn des Peleus, göttergleicher Achilleus, glücklich, jawohl! Denn du fielest vor Troja, ferne von Argos; deinen Leichnam umkämpften die tapfersten Söhne der Troer wie der Achaier; du aber lagst im Staubwirbel, riesig, weithin gestreckt, und dachtest nicht mehr an das Lenken des Wagens. Über den ganzen Tag hin fochten wir, hätten auch schwerlich ausgekämpft, trennte nicht Zeus die Gegner durch Sturmwind und Regen. Anschließend trugen wir dich aus der Schlacht zum Lager der Schiffe, reinigten deinen stattlichen Körper mit lauwarmem Wasser, salbten mit Öl ihn und bahrten ihn auf, und die Danaer weinten heiße Tränen rings um die Bahre und schoren ihr Haupthaar. Auf die Nachricht entstieg im Kreise der Meernymphen deine Mutter dem Meere. Laut hallte der Wehruf der Göttinnen weithin über die Fluten, Entsetzen packte sämtliche Griechen. Angstbebend wollten sie in die bauchigen Schiffe sich stürzen; aber es hielt sie zurück ein Held von reicher Erfahrung, Nestor; es hatte sein Rat sich bisher schon als trefflich erwiesen. Einsichtsvoll ergriff er das Wort und sagte zu ihnen: 'Halt, ihr Argeier, fliehet nicht weiter, ihr Männer Achaias! Hier entsteigt, mit den Nymphen des Meeres, die Mutter des Toten trauernd den Fluten, zur Teilnahme an der Bestattung des Sohnes!' Derart rief er; die mutigen Griechen flohen nicht weiter. Deinen Leichnam umringten die Töchter des Alten vom Meere, bitterlich klagend, und hüllten dich in ambrosische Kleider. Alle neun Musen trugen, im Wechselgesange, mit schönen Stimmen ihr Trauerlied vor. Da erblickte man keinen Argeier, der sich der Tränen enthielt. So erschütterte jeden das Grablied. Siebzehn Tage und Nächte beklagten wir ununterbrochen deinen Tod, unsterbliche Götter wie sterbliche Menschen, und übergaben am achtzehnten deinen Leichnam den Flammen, schlachteten rings um den Holzstoß gemästete Schafe und Rinder. Du verbranntest in Göttergewändern, man opferte reichlich Öl und erquickenden Honig. Viele achaische Helden tummelten sich gewappnet rings um den brennenden Leichnam, Fußvolk und Kämpfer zu Wagen; es scholl ein lautes Getöse. Völlig verzehrte dich die Glut des Hephaistos. Am Morgen sammelten wir dein weißes Gebein, Achilleus, in reinem Weine und Öl. Es brachte uns deine Mutter die goldne, doppeltgehenkelte Urne, die ihr Dionysos schenkte, wie sie erzählte, ein Werk des ruhmreichen Meisters Hephaistos. Darin ruht dein weißes Gebein, berühmter Achilleus, innig vereint mit dem des Menoitiossohnes Patroklos, aber gesondert von dem des Antilochos, den du am höchsten schätztest von allen Gefährten, nächst dem toten Patroklos. Um die Gebeine errichteten wir, die kraftvolle Heerschar der gewappneten Griechen, ein riesiges, herrliches Grabmal, über dem Vorsprung der Küste am breiten Sunde der Helle; weither vom hohen Meere sollen die Menschen es sehen, unsere Zeitgenossen wie auch die Menschen der Zukunft. Aber die Mutter erbat von den Göttern prachtvolle Preise, setzte sodann zum Wettkampf sie aus den tüchtigsten Griechen. Du erlebtest bereits die Begräbnisse zahlreicher Helden, wenn sich am Grabmal eines gefallenen Fürsten die jungen Streiter zum Wettkampf gürteten und die Spiele begannen. Aber du hättest besonders bestaunt die prachtvollen Preise, die zu deinen Ehren die silberfüßige Thetis ausgesetzt hatte; dich liebten gewiß vor allen die Götter! Derart verlorst du deinen Namen nicht einmal im Tode, nein, dein glänzender Ruhm wird ewig dir bleiben, Achilleus! Aber was nützte es mir, daß ich lebend den Krieg überstanden? Während der Heimkehr ließ der Kronide mich jämmerlich sterben unter der Faust des Aigisthos und meiner abscheulichen Gattin!" So unterhielten sich miteinander die Seelen der Helden. Nunmehr kam der geleitende Töter des Argos zu ihnen, führte zum Hades die Seelen der von Odysseus erlegten Freier. Da staunten die Helden und gingen den Neuen entgegen. Und die Seele des Atreussohns Agamemnon erkannte gleich Amphimedon, den teuren Sprößling des wackren Melaneus; der war nämlich sein auf Ithaka wohnhafter Gastfreund. Und des Atriden Seele sprach zu dem Sohne des Freundes: "Was für ein Schicksal führt euch ins Dunkel hinab, Amphimedon, alles erlesene Helden und Altersgenossen? Denn grundlos wählte man schwerlich aus einer Stadt die tüchtigsten Männer! Hetzte Poseidon widrige Winde und mächtige Wogen gegen euch, ließ euch auf hoher See mit den Schiffen versinken? Schlugen euch Feinde auf dem Festlande tödliche Wunden, als ihr Rinder und stattliche Schafherden forttreiben wolltet, oder auch Gegner, die ihre Stadt und die Frauen beschützten? Antworte mir! Ich kann mich voll Stolz als dein Gastfreund bezeichnen! Hast du vergessen die Zeit, da in eurem Hause ich weilte, als ich Odysseus bewog, Menelaos, dem göttlichen Helden, auf den vortrefflich gezimmerten Schiffen nach Troja zu folgen? Erst nach einem Monat befuhren wir wieder die Fluten, hatten mit Mühe den Städtezerstörer Odysseus gewonnen." Ihm gab Antwort darauf Amphimedons Seele und sagte: "Ruhmreicher Sprößling des Atreus, Führer des Heers, Agamemnon, Günstling des Zeus, noch gedenke, nach deinem Wort, ich der Tage! Aber jetzt will ich genau und der Wahrheit gemäß dir berichten, wie uns das unheilvolle Geschick des Todes ereilte. Um des verschollenen Helden Odysseus Gemahlin bewarben wir uns als Freier. Sie sagte nicht Nein und nicht Ja zu der Hochzeit, die sie verabscheute, wünschte im stillen uns Tod und Verderben. Folgende List auch, unter anderen, hat sie gesponnen: Einen Webstuhl stellte sie auf im Gemach und begann ein feines und riesiges Linnen zu weben. Uns gab sie die Auskunft: 'Jünglinge, die ihr um mich euch bewerbt, ach, dränget mich, bitte, da ja der edle Odysseus starb, nicht länger zur Heirat, bis ich das Laken vollendet - nicht unnütz verderbe der Faden! - für den Helden Laërtes als Leichentuch, Gabe der Stunde, da ihn das düstre Geschick des schmerzlichen Todes dahinrafft; keine Achaierin soll im Lande mir Vorwürfe machen, läge der Fürst, der so vieles erworben, ohne Bedeckung!' Derart sprach sie und konnte uns mannhafte Helden beschwatzen. Eifrig webte sie am Tage das riesige Linnen, trennte es aber zur Nacht, im Fackelschein, stets auseinander. Damit betrog sie die Freier und hielt sie im Glauben, drei Jahre. Als dann endlich das vierte Jahr kam und die Horen sich nahten im Entrinnen der Monde und länger wurden die Tage, plauderte eine der Mägde es aus, die unfehlbar es wußte, und wir ertappten die Frau beim Trennen des prächtigen Lakens. Nunmehr mußte sie, wider Willen, die Arbeit vollenden. Als sie das riesige Linnen, fertig gewebt und gewaschen, sehen ließ - es glänzte so hell wie der Mond und die Sonne -, führte ein böser Daimon den Helden Odysseus nach Hause, fern auf das Land, wo der Hüter der Schweine die Hütte bewohnte. Dorthin kam auch der teure Sohn des göttlichen Fürsten, heimgekehrt vom sandigen Pylos auf düsterem Schiffe. Beide besprachen den Plan, uns Freier schmählich zu morden, und gelangten zur ruhmreichen Stadt. Der edle Odysseus kam als zweiter, sein Sohn Telemachos vorher. Der Sauhirt diente als Führer dem kläglich und schäbig gekleideten König, der wie ein Greis und elender Bettler aussah und mühsam hinkte am Knüttel; er trug auf dem Leibe erbärmliche Lumpen. Keiner von uns erkannte in ihm den Fürsten Odysseus, wie er so plötzlich erschien, auch nicht die älteren Freier, nein, wir beschimpften den Fremdling, benutzten ihn kränkend als Wurfziel. Eine Zeitlang ertrug der vermeintliche Bettler in seinem Hause geduldig die Schimpfreden und die höhnischen Würfe. Aber sobald ihn der Wille des Trägers der Aigis zum Handeln spornte, trug mit Telemachos er die herrlichen Waffen fort in die Kammer und sperrte den Zugang mit sicheren Riegeln. Seiner Gemahlin befahl er mit kluger Berechnung, den Freiern Bogen und Beile von grauem Eisen zu bringen, zum Wettkampf uns vom Verderben Geschlagenen und zum Anfang des Mordens. Keiner vermochte von uns mit der Sehne den mächtigen Bogen neu zu bespannen, uns fehlten zu dieser Arbeit die Kräfte. Als jetzt Odysseus den riesigen Bogen handhaben sollte, sträubten wir alle uns drohend dagegen, daß ihm die Waffe hingebracht würde, und wenn er es noch so dringend erbäte. Aber Telemachos setzte es durch, ihm die Waffe zu geben. Gleich ergriff der göttliche Dulder Odysseus den Bogen; ohne Mühe bespannte er ihn, durchschoß auch die Beile, trat auf die Schwelle, schüttete grimmigen Blickes das flinken Pfeile zu Boden, schoß und traf Antinoos tödlich. Danach entsandte er gegen die andern die bittren Geschosse, zielte genau, und die Opfer sanken übereinander. Unverkennbar half ein Unsterblicher ihm und den Seinen; rasend stürzten sie nämlich sich dann in den Saal und erschlugen ringsum uns Freier; wuchtige Hiebe trafen die Schädel, gräßliches Schreien erhob sich; es schwamm vom Blute der Boden. So, Agamemnon, mußten wir sterben. Noch ohne Bestattung liegen geschichtet unsere Leiber im Haus des Odysseus. Noch erreichte die Kunde nicht unsere Lieben zu Hause, die uns das Blut aus den Wunden waschen, uns aufbahren, innig um uns trauern könnten; als Ehre gebührt das den Toten." Ihm gab Antwort darauf die Seele des tapfren Atriden: "Glücklicher Sohn des Laërtes, erfindungsreicher Odysseus, wahrlich, ein Weib mit vortrefflichen Gaben hast du errungen! Wie verständig bewährte sich doch Penelope, die kluge Tochter des Fürsten Ikarios! Wie fest wahrte sie ihrem Gatten Odysseus die Treue! Der Ruhm der vortrefflichen Herrin währet ewig. Lieblich werden die Götter besingen lassen auf Erden, was die besonnene Fürstin geleistet! Keine Verbrechen verübte sie wie des Tyndareos Tochter, die den Gatten erschlug und Lieder des Abscheus nur ernten dürfte von seiten der Menschen und über sämtliche Frauen Schande nur brachte, auch jene, die sich rechtschaffen zeigen!" Derart führten die Seelen ihr Gespräch miteinander, standen dabei im Reiche des Hades, tief unter der Erde. Aber inzwischen erreichten Odysseus und seine Getreuen bald das vorzüglich bestellte Gut des Laërtes, das dieser selber sich einstmals erwarb, als Lohn für wackere Taten. Dort besaß er sein Haus, umgeben vom Wirtschaftsgebäude, wo die Sklaven, die seinen Befehlen fleißig gehorchten, aßen, sich niederließen und die Nächte verbrachten. Eine betagte Frau aus Sizilien wohnte darinnen, die den Alten, ferne der Stadt, mit Sorgfalt betreute. Nunmehr sagte Odysseus zu seinem Sohn und den Hirten: "Tretet jetzt in das stattlich errichtete Wohnhaus und schlachtet ohne Verzug das beste Schwein aus der Herde zur Mahlzeit! Feststellen will ich inzwischen, ob unser Vater noch deutlich mich zu erkennen und wahrzunehmen vermag mit den Augen oder mich nicht mehr erkennt nach einem so riesigen Zeitraum." Damit gab er den Hirten seine eigenen Waffen. Schleunig betraten die drei das Wohnhaus. Aber Odysseus eilte zum Obstgarten, um sich nähere Auskunft zu holen. Dolios fand er, den Aufseher, nicht beim Durchschreiten des großen Gartens, auch seine Knechte nicht und die Söhne. Sie waren fortgegangen, um Dornen für die Umzäunung zu sammeln. Dolios führte, der ehrliche Alte, bei ihnen die Aufsicht. Nur den Vater entdeckte Odysseus im trefflich gepflegten Garten; er grub die Baumscheiben. Schäbig, beschmutzt und geflickt auch war sein Leibrock. Er trug an den Beinen rindslederne Stiefel, gleichfalls geflickt, sich gegen Ritzwunden sorglich zu schützen, Handschuhe auch, den dornigen Ranken zu wehren. Und eine Ziegenfellkappe machte das Bild des Jammers vollkommen. Als ihn der göttliche Dulder Odysseus erblickte, in seiner leidigen Altersschwäche und unter der Bürde des Kummers, barg er sich hinter einem ragenden Birnbaum und weinte. Zweifelnd erwog er, im Widerstreit von Verstand und Empfindung, ob er den Vater umarmen und küssen sollte und alles mitteilen ihm, die glückliche Rückkehr des Sohnes zur Heimat, oder zuerst ihn allseitig prüfen und vorsichtig fragen. Schließlich erschien es ihm bei seiner Erwägung am besten, ihn mit berechneten, schmerzlich erinnernden Worten zu fragen. Dazu entschlossen, nahte der edle Odysseus dem Alten, der mit gesenktem Kopfe emsig die Baumscheibe umgrub; neben den Vater trat der stattliche Sprößling und sagte: "Wirklich, im Gartenbau, Alter, fehlt es dir nicht an Erfahrung! Alles wurde vortrefflich bestellt; nicht eins der Gewächse, ob ein Gesträuch, die Feige, der Wein, der Ölbaum, die Birne oder die Beete - nichts in dem Garten entbehrt die Betreuung. Eines nur muß ich bemerken, sei mir, bitte, nicht böse: Selber fehlt dir die nötige Pflege. Das leidige Alter drückt dich, du starrest vor Schmutz und bist auch schäbig gekleidet. Nicht zur Strafe für Trägheit vernachlässigt dich der Gebieter; denn nichts Knechtisches läßt sich bemerken beim Anschauen deines stattlichen Äußren; für einen König kann man dich halten, einen, der sich, sofern er sein Bad und die Mahlzeit genossen, hinlegt auf weichem Lager zum Schlaf. So gebührt es den Alten! Aber nun sage mir, bitte, und gib mir untrüglich die Auskunft: Welchem Gebieter dienst und wessen Garten betreust du? Sage mir auch, der Wahrheit gemäß - denn ich möchte es wissen -, ob ich tatsächlich hier in Ithaka bin, wie auf meinem Wege hierher ein Begegnender mir es bestätigte, freilich nicht sehr höflich; denn er vermochte sich nicht zu entschließen, deutlich mir Rede und Antwort zu stehen, als ich ihn fragte, ob mein Gastfreund auf Ithaka noch sich am Leben befindet oder bereits verstarb und zum Reiche des Hades hinabzog. Darlegen will ich das Nötige, hör es und nimm es zur Kenntnis: Einstmals hatte ich einen Fremdling zu Gaste in meiner Heimat, in unserem Hause; von sämtlichen Gastfreunden grüßte niemanden ich in unserer Wohnung mit größerer Freude. Ithaka nannte er stolz als Geburtsland; nach seinem Berichte war der Sohn des Arkeisios, Held Laërtes, sein Vater. Freundlich nahm ich ihn auf in unserm Palaste, und sorglich bot ich Verpflegung ihm dar vom reichlichen Vorrat des Hauses, gab ihm auch Gastgeschenke, wie sie dem Freunde gebührten: sieben Talente von Gold in ganz vorzüglicher Arbeit, einen Mischkrug aus reinem Silber mit blumigem Muster, weiter ein Dutzend einfacher Mäntel, auch Decken ein Dutzend, ebensoviel an Leibröcken wie an Obergewändern, außerdem noch vier Frauen, zu trefflicher Arbeit befähigt, stattlich und schön, wie er sie selber sich aussuchen mochte." Ihm gab Antwort darauf der Vater, in bitteren Tränen: "Fremdling, tatsächlich, du weilst in dem Lande, nach dem du mich fragtest, aber Verbrecher und maßlose Frevler hausen darinnen. Deine Geschenke, so reichlich sie waren, du hast sie verschwendet. Träfest du deinen Gastfreund noch lebend in Ithakas Fluren, würde er seinerseits dich nach guter Bewirtung mit reichen Gegengeschenken entlassen; denn Gutem gebührt die Vergeltung. Aber berichte mir eines und gib mir untrüglich die Auskunft: Wieviel Jahre vergingen, seitdem du bewirtet den armen Gastfreund, meinen Sohn, sofern er es jemals gewesen, den vom Unglück verfolgten? Ferne der Heimat und seinen Lieben verschlangen auf See ihn die Fische - oder am Festland fiel er dem Raubwild und Vögeln zur Beute; wir, Vater und Mutter, konnten ihn nicht bei ehrenvoller Bestattung beweinen. Und Penelope, die kluge, freigebige Gattin, sie durfte ihrem Gemahl die Augen nicht schließen, ihn an der Bahre auch nicht geziemend beweinen; als Ehre gebührt das den Toten! Sag mir nun, bitte, der Wahrheit gemäß, ich möchte es wissen: Was für ein Landsmann bist du? Wo hast du Heimat und Eltern? Wo auch ankert dein Schiff, das dich und die edlen Gefährten herbrachte? Oder benutztest du gegen Vergütung ein fremdes Schiff, und die Seeleute luden dich aus und segelten weiter?" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Nun, die gewünschte Auskunft will ich untrüglich dir geben. Aus Alybas stamme ich, wo ich in meinem Palaste wohne, der Sohn des Königs Apheidas, des Sohns Polypemons. Und Eperitos lautet mein Name. Ein Daimon verschlug mich fort von Sizilien, zwang mich zur Landung an Ithakas Strande. Ferne der Stadt liegt hier mein Schiff an der offenen Küste. Schon fünf Jahre vergingen, seit Odysseus aus meiner Vaterstadt fortging und von meiner Heimat sich fernhielt. Armer! Ihm flogen beim Aufbruch glückbringende Vögel zur Rechten; froh der günstigen Vorzeichen ließ ich ihn abfahren damals, froh auch stach er in See. Uns beide beseelte die Hoffnung, wieder uns gastlich zu treffen und herrliche Gaben zu tauschen." Derart sprach er. Den Vater umwölkte finster der Kummer. Schwärzlichen Staub erraffte er mit den Händen und streute über den grauen Schädel ihn hin mit furchtbarem Stöhnen. Tiefe Erregung packte Odysseus; der Anblick des Greises ließ durch die Nase die kommenden bitteren Tränen ihn spüren. Zu ihm sprang er, umarmte und küßte ihn herzlich und sagte: "Vater, ich bin es, wahrhaftig, dein Sohn, nach dem du mich ausfragst! Endlich erreichte ich meine Heimat, im zwanzigsten Jahre. Höre doch auf mit dem Jammern, hemme die schmerzlichen Tränen! Eines nur will ich dir sagen, mich zwingt die Stunde zur Kürze: umgebracht habe ich sämtliche Freier in unserm Palaste, streng sie bestraft für den kränkenden Hohn und alle Verbrechen!" Ihm gab Antwort darauf der greise Laërtes und sagte: "Kehrte in dir tatsächlich mein Sohn Odysseus nach Hause, nenn mir ein sicheres Zeichen; dann werde ich Glauben dir schenken!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Hier, betrachte zuerst mit eigenen Augen die Narbe, die am Parnassos ein Eber mir schlug mit leuchtendem Hauer! Du und die würdige Mutter schickten mich damals zum lieben Vater der Mutter, Autolykos, zu dem Empfang der Geschenke, die mir bei seinem Besuche der Großvater freundlich versprochen. Weiter will ich die Bäume dir nennen im trefflich bestellten Garten, die du mir einstmals schenktest - ich folgte als Knabe dir durch den Garten und äußerte einzeln die Bitten. Wir schritten durch die Pflanzungen hin, du erklärtest ausführlich die Arten. Dreizehn Birnbäume schenktest du mir, zehn Bäume mit Äpfeln, vierzig mit Feigen; fünfzig Reihen von Weinstöcken sagtest du mir namentlich zu, in verschiedenen Zeiten zu ernten - Trauben von mannigfaltigen Arten reiften an ihnen -, wenn nur die Horen des Zeus sie wirksam ausreifen ließen!" Derart sprach er. Laërtes erbebte vor glücklicher Freude, als er die Zeichen erkannte, die er ihm untrüglich enthüllte, Um den geliebten Sohn schlang er die Arme, ihm schwanden plötzlich die Sinne. An sich zog ihn der göttliche Dulder. Als der Vater aufs neue zu atmen begann, sein Bewußtsein wieder sich regte, setzte er an zum Sprechen und sagte: "Vater Zeus, ja, wirklich, ihr lebet auf hohem Olymp noch, Götter, sofern die Freier in Wahrheit den Übermut büßten! Aber jetzt quält mich die schreckliche Sorge, die Ithaker alle könnten uns plötzlich hier überfallen und Botschaften senden ringsumher, in sämtliche kephallenischen Städte!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Sei nur getrost, du brauchst dich darum gar nicht zu kümmern! Treten wir gleich ins Haus, es liegt ja neben dem Garten! Meinen Telemachos und Philoitios wie auch Eumaios schickte ich dorthin voraus, die Mahlzeit schleunigst zu rüsten." Derart besprachen sie sich und gingen zum stattlichen Hause. Als sie die wohnlichen Räume erreichten, trafen in ihnen sie Telemachos an, Philoitios wie auch Eumaios; reichlich zerlegten sie Fleisch und mischten den Wein in den Krügen. Die sizilische Dienerin badete gleich noch im Hause sorglich den neu ermutigten Alten, salbte ihn eifrig und bekleidete ihn mit einem prachtvollen Mantel. Pallas nahte und stärkte dem Hirten der Völker die Glieder, höher und kraftvoller ließ sie seinen Körper erscheinen. Aus dem Bade begab sich Laërtes. Beim Anblick des Vaters staunte der Sohn; der Greis war stattlich wie einer der Götter. Zu ihm sagte Odysseus die flugs enteilenden Worte: "Vater, wahrlich, einer der ewigen Götter erhöhte eben dein Aussehen, stattlicher wirkst du und größer und schöner!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Laërtes und sagte: "Hätte ich, Vater Zeus, Athene, Apollon, so kraftvoll, wie ich einst Nerikos einnahm, das trefflich gelegene Städtchen, an der Küste des Festlands, als kephallenischer Herrscher, hätte ich gestern in unserm Palast, auf den Schultern die Rüstung, ebenso kraftvoll im Kampfe gegen die Freier dir helfen dürfen! Dann hätte in unserem Saal ich zahlreiche Gegner niedergestreckt, du hättest herzliche Freude empfunden!" Derart führten Vater und Sohn ihr Gespräch miteinander. Als nun die andern das Essen fertig bereitet, da nahmen alle der Reihe nach Platz auf den Lehnstühlen und auf den Sesseln. Eben wollten sie mit dem Essen beginnen, da nahte Dolios; dem betagten Aufseher folgten die Söhne, matt von der Arbeit auf den Feldern. Es hatte die Mutter sie gerufen, die alte Sizilierin, die sich der Söhne sorglich annahm und Dolios pfleglich im Alter betreute. Als sie Odysseus vor Augen bekamen und deutlich erkannten, blieben vor Staunen sie stehen im Saale. Aber Odysseus wandte sich gleich den Kommenden zu mit freundlichen Worten: "Setz dich zu Tische, mein Alter! Ihr braucht nicht länger zu staunen! Lange schon wollen wir mit dem Essen beginnen und harren nur in der steten Erwartung eurer Ankunft im Saale." Derart sprach er, und Dolios trat, mit gebreiteten Armen, ihm entgegen, ergriff, an der Wurzel, die Hand des Gebieters, küßte sie innig und sagte die flugs enteilenden Worte: "Teurer, du kehrtest zur Heimat, wie wir es dringend erhofften, freilich kaum noch erwarteten: aber dich führten die Götter! Sei uns denn herzlich willkommen, es mögen die Götter dich segnen. Sage mir, bitte, der Wahrheit gemäß, ich möchte es wissen: Ist Penelope, die kluge Fürstin, bereits unterrichtet über dein Kommen, oder sollen wir Nachricht ihr senden?" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Alter, sie weiß es bereits. Du brauchst dich nicht darum zu kümmern." Derart sprach er, der Greis nahm Platz auf geglättetem Sessel. Auch die Söhne des Alten umringten zu froher Begrüßung ihren berühmten Herrn und drückten ihm herzlich die Hände, setzten sich dann der Reihe nach hin an der Seite des Vaters. Derart waren sie dort im Saale mit Essen beschäftigt. Ossa jedoch, die Botin, durchflog inzwischen das Städtchen und erzählte vom bittren Tod und Verderben der Freier. Und die Betroffenen hörten es alle und strömten zusammen, jammernd und stöhnend, vor dem Palast des Odysseus. Sie trugen aus dem Hofe die Toten, bestatteten jeder den seinen, luden schließlich die Toten aus andern Gemeinden auf Schiffe, gaben sie Seeleuten mit zur Fahrt in die eigene Heimat. Anschließend eilten sie auf den Marktplatz, traurig und zornig. Als sie dann alle sich zur Versammlung eingestellt hatten, trat Eupeithes auf und ergriff das Wort in dem Kreise, quälte ihn doch unerträglich der Schmerz um Antinoos, seinen Sohn, den der edle Odysseus als ersten durch Pfeilschuß erlegte. Um den Erschossenen weinend, ergriff er das Wort und erklärte: "Freunde, ein furchtbares Unglück brachte der Mann den Achaiern. Schon mit der Flotte entführte er zahlreiche tüchtige Streiter, und er verlor die bauchigen Schiffe, verlor auch die Mannschaft; heimgekehrt, mordete er die edelsten Helden des Landes. Auf denn! Bevor er in eiliger Flucht noch Pylos erreicht hat oder das fruchtbare Elis, wo die Epeier gebieten, laßt uns ihm nachsetzen! Andernfalls wird man uns immer verachten. Bittere Schande brächte es, auch im Urteil der Nachwelt, wenn wir die Mörder unserer Söhne und Brüder nicht straften! Keinerlei Freuden könnte das Leben in Zukunft mir bieten, nein, zu den Toten wünschte ich selber schleunigst zu ziehen. Auf! Es sollen die Mörder uns nicht auf dem Seeweg entkommen!" Derart rief er, in Tränen, und Mitleid ergriff die Achaier. Medon stieß jetzt zu ihnen, mit ihm der göttliche Sänger, aus dem Palast des Odysseus, nachdem sie aufgewacht waren. Unter die Menge traten sie, jeder bestaunte die beiden. Und der verständige Medon begann in dem Kreise zu sprechen: "Schenkt mir Gehör, ihr Männer von Ithaka! Niemals vermochte gegen den Willen der Götter Odysseus die Tat zu vollführen. Selber erblickte ich einen Unsterblichen; neben Odysseus hat er gestanden und glich in sämtlichen Zügen dem Mentor. Doch als unsterblicher Gott ermutigte er, vor Odysseus stehend, den Fürsten; dann scheuchte er wieder die Freier in wilder Flucht durch den Saal; die Sterbenden sanken übereinander." Derart sprach er, und bleiches Entsetzen packte die Hörer. Unter ihnen ergriff der betagte Held Halitherses, Sohn des Mastor, das Wort; er konnte, als einziger, Zukunft wie auch Vergangenheit schauen. Verständig sprach er zum Volke: "Höret, ihr Bürger von Ithaka, jetzt auf meine Erklärung! Euer Leichtsinn, ihr Freunde, trägt die Schuld an dem Unheil! Weder gehorchtet ihr mir noch Mentor, dem Hirten der Völker, euren Söhnen das törichte Handeln streng zu verbieten, denen, die in gottlosem Freveln Unrecht verübten und das Vermögen unseres edlen Fürsten verpraßten, seine Gemahlin entehrten - im Wahn, er kehre nicht wieder! Folgendes schlage ich vor, beherzigt mein Wort: Unterlassen wir die Verfolgung, sonst schafft sich mancher nur selber sein Unglück!" Derart riet er. Mit lautem Beifall erhoben sich viele, mehr als die Hälfte, zum Fortgehen; aber die anderen blieben. Diese verwarfen den guten Rat, sie wollten Eupeithes folgen und eilten sogleich davon, um sich Waffen zu holen. Als sie die blinkende eherne Rüstung sich angelegt hatten, kamen sie vor dem weithin sich dehnenden Städtchen zusammen. An die Spitze des Haufens trat Eupeithes, aus Torheit, wähnte er doch die Ermordung des Sohnes zu rächen und sollte selber nicht wiederkehren, nein, dort sein Schicksal erfüllen! Aber Athene sagte zu Zeus, dem Sprößling des Kronos: "Großer Kronide, unser Vater, erhabenster Herrscher, gib mir, bitte, die Antwort: Was für Absichten hegst du? Willst du entsetzlichen Krieg und furchtbares Kampfgeschrei stiften oder die beiden Gegner in ehrlicher Freundschaft versöhnen?" Antwort gab ihr darauf der wolkenballende Vater: "Warum fragst du mich danach, mein Kind, und möchtest es wissen? Hast du nicht selber dieses Geschehen geplant, des Odysseus Heimkehr und seine Rache an den maßlosen Freiern? Handle nach deinem Belieben; doch will ich das Rechte dir raten. Da nun der edle Odysseus die Strafe vollzog an den Freiern, sollen nach festem Vertrag Odysseus das Königsamt führen, aber die Gegner auf unser Gebot der Ermordung der Söhne wie auch der Brüder nicht länger gedenken; sie sollen einander lieben wie vorher, und Glück und Frieden sollen gedeihen!" Damit spornte er Pallas, die das nämliche wünschte; eilig schwang sich die Göttin vom Haupt des Olympos hernieder. Nunmehr hatten die Freunde am köstlichen Mahl sich gesättigt, und in dem Kreise sprach der göttliche Dulder Odysseus: "Gehe doch einer und spähe, ob unsere Gegner schon nahen!" Derart befahl er. Ein Sohn des Dolios folgte dem Auftrag, trat auf die Schwelle und sah die Feinde ganz nahe im Anmarsch. Gleich sprach er zu Odysseus die flugs enteilenden Worte: "Dicht vor den Toren stehen sie! Rüsten wir schnell uns zum Kampfe!" Derart rief er. Sie sprangen empor, die vier um Odysseus und die sechs Söhne des Dolios, und ergriffen die Waffen. Rüstungen legten auch Dolios an und der alte Laërtes, schon ergraut, wie sie waren, jedoch zum Kämpfen gezwungen. Als sie in funkelndes Erz sich eingehüllt hatten, da rückten aus dem geöffneten Tore sie vorwärts; sie führte Odysseus. Doch zu der Gruppe trat das Kind des Kroniden, die Göttin Pallas Athene, mit der Gestalt und der Stimme des Mentor. Herzlich erfreute ihr Anblick den edlen Dulder Odysseus; an den Sohn Telemachos richtete gleich er die Worte: "Nunmehr, Telemachos, wirst du im Vorrücken selber verstehen, dort, wo im Kampfe der Männer die tapfersten Streiter sich messen, keinerlei Schande zu machen den Vätern, die wir in aller Welt schon früher durch Kraft und Tapferkeit Ruhm uns erwarben!" Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort: "Wünschst du es, lieber Vater, so wirst du es sehen: Ich werde niemals, nach deiner Ermahnung, den Ahnen Schande bereiten!" Derart sprach er, und Freude empfand Laërtes und sagte: "Was für ein Tag, ihr teuren Götter! Ich freue mich innig. Sohn und Enkel wetteifern um die vortrefflichste Leistung!" Neben ihn trat die helläugig blickende Göttin und mahnte: "Sohn des Arkeisios, den ich schätze vor allen Gefährten, flehe zu Zeus und seiner helläugig blickenden Tochter, hole zum Wurfe frisch aus und schleudre die riesige Lanze!" Damit ermutigte Pallas Athene kraftvoll den Alten. Dringend flehte er gleich zur Tochter des großen Kroniden, holte dann aus und schleuderte frisch die riesige Lanze. Und durch den Helm mit den ehernen Wangen traf er Eupeithes; gar nicht hemmte der Helm, hindurch drang tödlich die Spitze. Dröhnend schlug er zu Boden, ihm klirrten die Waffen am Leibe. Unter die vordersten Gegner stürzten sich nunmehr Odysseus und sein stattlicher Sohn, sie hieben und stießen mit Schwertern wie mit den Lanzen und hätten die Feinde sämtlich erschlagen. Doch es erhob Athene, die Tochter des Trägers der Aigis, schallend die Stimme und brachte die feindliche Heerschar zum Stehen: "Männer von Ithaka, setzet ein Ende dem leidigen Morden, trennt auf der Stelle euch, ohne noch weiteres Blut zu vergießen!" Derart rief sie, und bleiches Entsetzen packte die Feinde. Aus den Händen ließen vor Schreck die Waffen sie gleiten, nieder sank das Erz beim Erklingen der göttlichen Stimme. Angstvoll floh man zur Stadt, um das nackte Leben zu retten. Furchtbar erhob der göttliche Dulder Odysseus den Kampfruf, duckte sich, schnellte voran zur Verfolgung, ein Adler der Höhe. Doch der Kronide entsandte sogleich den rauchenden Blitzstrahl, ließ ihn einschlagen vor der Tochter des mächtigen Vaters. Warnend sprach zu Odysseus die helläugig blickende Göttin: "Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, halte jetzt ein, beende den Streit, der alle vernichtet! Zürnen könnte dir sonst der weithin donnernde Vater!" Derart warnte die Göttin, und freudig gehorchte Odysseus. Friedliches Bündnis ließ, für die Zukunft, die Gegner beschwören Pallas Athene, die Tochter des mächtigen Trägers der Aigis, völlig dem Mentor gleichend, im Körperbau wie in der Stimme. ENDE

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