Als wir zum Schiff und an das Gestade des Meeres gelangten, zogen zuerst wir das Fahrzeug hinab in die heiligen Fluten, legten hinein in das düstere Schiff den Mast und das Segel, luden die Schafe auch ein und betraten dann selber die Planken, mit bekümmertem Herzen Tränen in Strömen vergießend. Aber die lockige, menschlich sprechende, machtvolle Kirke sandte uns Fahrwind hinter dem dunkelgeschnäbelten Schiffe drein als nützlichen Reisebegleiter; der schwellte die Segel. Sämtliches Takelwerk brachten an Bord wir in Ordnung voll Eifer, saßen dann still, und Wind und Steuermann lenkten das Fahrzeug. Über den Tag hin spannte beim Fahren sich stetig das Segel. Unter ging die Sonne, in Dunkelheit sanken die Straßen. Nunmehr erreichte das Schiff des tiefen Okeanos Ufer. Dort befinden sich Land und Stadt der Kimmerier; ständig sind sie in Dämmer und Nebel gehüllt. Die leuchtende Sonne schaut mit den feurigen Strahlen niemals auf diese hernieder, weder wenn sie den Weg zum gestirnten Himmel hinanklimmt noch wenn sie vom Himmel herab zur Erde sich wendet; grausige Nacht bleibt über die elenden Menschen gebreitet. Ebendort landeten wir und brachten die Schafe ans Ufer, schritten dann weiter entlang am Rand des Okeanosstromes, bis wir die Stätte erreichten, die Kirke uns angezeigt hatte. Hier ergriffen Eurylochos und Perimedes die Opfer, hielten sie fest. Ich zog das schneidende Schwert von der Hüfte, grub ein Loch in den Boden, so lang und so breit wie die Elle, goß im Umkreise Weihespenden für sämtliche Toten, erst von vermischtem Honig, danach von lieblichem Weine, drittens von Wasser; dann streute ich glänzende Gerste darüber. Innig versprach ich den kraftlosen Häuptern der Toten, nach meiner Ankunft in Ithaka die vorzüglichste Sterke zu opfern in dem Palast und den Holzstoß mit köstlichen Gaben zu füllen und für Teiresias noch gesondert einen tiefschwarzen Widder zu schlachten, der aus unseren Herden hervorsticht. Unter Gelübden flehte ich zu den Scharen der Toten, packte die Schafe sodann und schlachtete sie, mit den Köpfen in die Grube gekehrt; ihr Blut rann düster zur Tiefe. Aus der Unterwelt strömten zusammen die Seelen der Toten. Bräute und Jünglinge kamen, auch Greise, von Mühsal gebeugte, blühende Mädchen, die eben erst bitterer Kummer getroffen, zahlreiche Männer dazu, von ehernen Lanzen verwundet, Opfer des Ares, deren Rüstung vom Blute noch triefte. Dicht um die Grube drängten sie sich von sämtlichen Seiten, viele, mit schrecklichem Schreien; mich packte ein bleiches Entsetzen. Dringend befahl ich nunmehr meinen Gefährten, die Schafe, die, von dem grausamen Erze getötet, am Erdboden lagen, abzuhäuten und zu verbrennen, darauf zu dem starken Hades zu flehen und zur furchtbaren Persephoneia. Selber zog ich mein schneidendes Schwert von der Hüfte und wachte, wehrte den kraftlosen Häuptern der Toten den Zutritt zum Blute, bis ich den Seher Teiresias um das Orakel gebeten. Vor den anderen nahte sich uns die Seele Elpenors. Denn er ruhte noch nicht im Schoße der Erde; wir hatten, unabsichtlich, den Toten in Kirkes Hause gelassen, ohne Bestattung und ehrende Tränen; uns drängte die Abfahrt. Tränen vergoß ich bei seinem Anblick, mich rührte das Mitleid, und ich sagte zu ihm die im Fluge enteilenden Worte: 'Warum, Elpenor, zogst du hinab in den düsteren Hades? Schneller gelangtest zu Fuß du hierher als ich mit dem Schiffe!' Derart sprach ich. Zu jammern begann er und gab mir zur Antwort: 'Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, mich verblendeten gottverhängtes Unglück und Weinrausch! Denn ich hatte mich niedergelegt auf dem Dache bei Kirke, dachte jedoch nicht daran, auf der Treppe hinunterzusteigen, sondern ich fiel kopfüber vom Dach; ich brach bei dem Sturze mir das Genick, und meine Seele flog in den Hades. Kniefällig bitte ich dich, bei deinen Lieben zu Hause, bei der Gemahlin, dem Vater, der in der Kindheit dich pflegte, und bei Telemachos, den du als einzigen ließest im Hause; denn ich weiß, du wirst aus dem Reiche des Hades zur Insel Kirkes gelangen mit deinem vortrefflich gezimmerten Schiffe: Dort, mein Gebieter, gedenke meiner, ich bitte dich herzlich! Laß mich nicht ohne Bestattung und Tränen zurück in der Fremde, sollen dir doch um meinetwillen die Götter nicht zürnen! Nein, verbrenne mich, bitte, mit meiner vollständigen Rüstung, bau mir ein Grabmal sodann an der Küste des schäumenden Meeres, mir, dem Elenden, zum Gedächtnis für künftige Zeiten! Diesen Wunsch erfüll mir und pflanze aufs Grab mir das Ruder, das ich zu Lebzeiten führte im Kreise meiner Gefährten!' Derart bat er. Ich gab ihm zur Antwort das feste Versprechen: 'Deine Wünsche, du Armer, will ich getreulich erfüllen!' Derart verweilten wir zwei im Gespräch mit traurigen Worten, diesseits der Grube ich selbst, mit der Klinge die Blutlache deckend, jenseits der Grube der Schatten des Freundes im dringenden Flehen. Nunmehr nahte die Seele meiner verstorbenen Mutter, Antikleia, des tapferen Helden Autolykos Tochter, die noch lebte, als ich zum heiligen Ilion aufbrach. Tränen vergoß ich bei ihrem Anblick, mich rührte das Mitleid. Trotzdem hielt ich, wie sehr es mich schmerzte, sie fern von dem Blute, bis ich den Seher Teiresias um das Orakel gebeten. Endlich erschien die Seele des Sehers aus Theben, mit goldnem Stabe. Sogleich erkannte er mich und begann mit den Worten: 'Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, warum kamest du, Elender, aus dem Glanze der Sonne hierher, die Toten zu schauen und die Stätte des Grauens? Weich von der Grube zurück, halt fern die schneidende Klinge! Trinken will ich vom Blut und aufrichtig Auskunft dir geben.' Derart sprach er. Ich trat zurück und barg in der Scheide mein mit Silber beschlagenes Schwert. Der kundige Seher trank vom düsteren Blut und erteilte mir dieses Orakel: 'Glückliche Heimkehr erstrebst du, ruhmbedeckter Odysseus. Doch dir wird ein Gott sie erschweren. Dem Träger der Erde wirst du kaum je entrinnen, er grollt dir, in bitterem Zorne, weil du seinem geliebten Sohne das Augenlicht raubtest. Aber ihr würdet, trotz schwerer Mühsal, die Heimat erreichen, wärst du entschlossen, dich selbst und deine Gefährten zu zügeln, wenn du dem veilchenfarbenen Meere entrinnst und mit eurem trefflich gezimmerten Schiff auf der Insel Thrinakia landest, dort auf der Weide ihr antrefft die Rinder und stattlichen Schafe, die dem Helios zugehören, dem Gotte, der alles sieht und vernimmt. Verschonst du die Tiere, betreibst nur die Heimfahrt, werdet ihr Ithaka, wenn auch nach bitteren Leiden, erreichen; rührst du sie an, so sage ich dir, dem Schiff und den Freunden Unheil voraus. Und solltest du selber tatsächlich entkommen, wirst du spät erst heimkehren, elend und ohne Gefährten, fahrend auf fremdem Schiff, und zu Hause Unglück nur treffen, maßlose Zecher, die dein Vermögen verprassen und deine göttliche schöne Gemahlin mit Freiersgaben umwerben. Ihre Gewalttaten wirst du, heimgekehrt, freilich bestrafen. Hast du jedoch die Freier durch einen listigen Anschlag oder auch offen, mit blankem Schwert, im Palaste erschlagen, nimm dir ein handliches Ruder und pilgere über die Erde, bis du das Land der Menschen erreichst, die vom Meere nichts wissen und auch niemals mit Salz gewürzte Speisen verzehren, keinerlei Kenntnis besitzen von Schiffen mit rötlichem Steven oder von handlichen Rudern, den Flügeln der eilenden Schiffe. Deutlich will ich das Ziel dir beschreiben, du sollst es behalten. Wenn dich ein Wanderer trifft auf dem Weg und behauptet, du trügest einen mächtigen Löffel auf deiner stattlichen Schulter, ramme sogleich das handliche Ruder fest in den Boden, bringe dem Herrscher des Meeres, Poseidon, köstliche Opfer, Widder und Stier, den Eber dazu, den Bespringer der Säue, kehre dann heim und opfere nochmals üppig und festlich den Unsterblichen, die den weiten Himmel bewohnen, allen der Reihe nach. Und schließlich wird dich ein sanfter Tod überkommen, ferne dem Meere, während in reichem, seligem Alter die Kräfte dir schwinden und ringsum die Völker glücklich gedeihen. Dies sage ich dir, der Wahrheit entsprechend.' So prophezeite er mir. Ich gab ihm Antwort und sagte: 'Das, Teiresias, haben die Götter wohl selbst mir beschieden. Aber so sprich und erteile untrüglich mir Auskunft: Ich sehe hier die kraftlose Seele meiner verstorbenen Mutter. Schweigend verweilt sie nahe dem Blut, doch wagt sie dem eignen Sohn nicht ins Antlitz zu schauen, noch wagt sie, ein Wort ihm zu sagen. Wie vermag sie, Gebieter, in mir den Sohn zu erkennen?' Derart fragte ich. Gleich erteilte mir Antwort der Seher: 'Leicht zu befolgen ist der Ratschlag, den ich dir gebe. Jegliche Seele der Toten, der du den Zutritt zum Blute ruhig gestattest, wird dir untrügliche Wahrheit berichten. Der du es aber verwehrst, die wird sich wieder entfernen.' Damit begab sich die Seele des Fürsten Teiresias eilig in den Hades zurück, nachdem sie die Zukunft verkündet. Sitzen blieb ich auf meinem Platz, bis die Mutter herankam und von der düsteren Blutlache trank. Sie erkannte mich plötzlich und sprach traurig zu mir die im Fluge enteilenden Worte: 'Warum, mein Sohn, besuchst du, noch lebend, den finsteren Hades? Schwierig ist es für Lebende, diese Gebiete zu schauen. Trennend ergießen dazwischen sich furchtbare Fluten und breite Ströme, vor allen der Strom des Okeanos, den man zu Fuße nie überquert, nein, bloß mit sicher gezimmertem Schiffe. Kommst du von Ilion hierher, auf langer Irrfahrt, mit deinem Schiffe und deinen Gefährten, erreichtest noch gar nicht die Heimat Ithaka, sahest auch deine Gemahlin noch gar nicht im Hause?' Derart fragte sie mich. Ich gab ihr Antwort und sagte: 'Liebe Mutter, mich führte die Pflicht in den Hades, die Seele des Thebaners Teiresias nach der Zukunft zu fragen. Denn ich erreichte Achaia noch nicht, betrat nicht den Boden unserer Heimat, nein, irre umher noch in ständigem Elend, seit ich dem göttlichen Sohne des Atreus nach Ilion folgte, nach dem Lande vorzüglicher Rosse, zum Kampf mit den Troern. Aber so sprich und erteile mir, bitte, untrüglich die Auskunft: Wie erlagst du dem Wüten des schmerzlichen Todes? Nach langer Krankheit? Oder hat dich die göttliche Herrin des Bogens, Artemis, jählings getroffen mit ihren schmerzlosen Pfeilen? Gib mir Bericht auch vom Vater, vom Sohne, den ich zurückließ! Führen mein Amt sie weiter, oder versieht es ein andrer, während das Volk die Meinung vertritt, ich kehrte nicht wieder? Gib mir auch Nachricht vom Wollen und Denken meiner Gemahlin! Harrt bei dem Sohne sie aus und behütet sicher den Hausstand, oder gewann ein Achaier, der tüchtigste Fürst, sie zur Gattin?' Derart sprach ich, und Antwort gab mir die würdige Mutter: 'Freilich, noch immer wartet in deinem Palaste geduldig deine Gemahlin; in bitterem Elend, mit Strömen von Tränen, schwinden ihr unaufhörlich dahin die Tage und Nächte. Noch verwaltet kein andrer dein ruhmreiches Amt, und in Ruhe kann dein Sohn das Krongut genießen, darf auch gebührend teilnehmen an den Schmäusen, wie es dem Rechtswahrer zusteht. Alle laden ihn ein. Dein Vater verweilt auf dem Lande, niemals besucht er die Stadt. Kein Bettgestell dient ihm zur Ruhe, keinerlei Decken und schimmernde Tücher, sondern er schlummert während des Winters dort, wo die Knechte schlafen im Hause, dicht am Feuer, im Staube, und trägt auch schäbige Kleidung; doch wenn der Sommer heraufzieht, der Herbst auch mit prangenden Früchten, schüttet er sich ein Lager zurecht aus gefallenen Blättern, auf dem Boden, im Weingarten, in beliebiger Ecke. Traurig liegt er darauf und nährt im Herzen den Kummer, sehnt sich nach deiner Heimkehr; auch plagt ihn das leidige Alter. Darum erlitt auch ich den Tod und erfüllte mein Schicksal. Weder erlegte mich im Palaste die sichere Schützin Artemis jählings mit ihren schmerzlosen Pfeilen noch drückte eine gefährliche Krankheit mich nieder, wie sie ja meistens unseren Gliedern das Leben entrafft in schmerzhaftem Siechtum. Nein, mein Sehnen nach dir, mein Denken an dich und die Liebe, edler Odysseus, zu dir, sie löschten mein wonniges Leben.' Derart sprach sie. Doch mich verlangte es, innig die Arme um die Seele meiner verstorbenen Mutter zu schlingen. Dreimal setzte ich an, es drängte mich, sie zu umfassen, dreimal entglitt sie meinen Händen, ein Schatten, ein Traumbild. Jedesmal entbrannte noch heißer mein schmerzliches Sehnen, und ich sagte zu ihr die im Fluge enteilenden Worte: 'Warum erwartest du, liebe Mutter, nicht meine Umarmung? Sollten wir beiden uns nicht, sogar im Hades, in trauter, enger Umschlingung sättigen an der bitteren Klage? Oder entsandte in dir die ruhmreiche Persephoneia nur ein Trugbild zu mir, mich noch heftiger jammern zu lassen?' Derart sprach ich, und Antwort gab mir die würdige Mutter: 'Ach, mein geliebter Sohn, du ärmster sämtlicher Helden, nein, dich betrügt nicht Persephoneia, das Kind des Kroniden, sondern es ist das Los der Menschen im Falle des Todes: Keinerlei Sehnen halten mehr Fleisch und Knochen zusammen, sondern die Glut der lodernden Flammen vernichtet die Teile, wenn die Kräfte des Lebens die weißen Gebeine verlassen und, wie ein Traumbild, die Seele davonfliegt und wesenlos flattert. Strebe aufs schnellste zurück jetzt zum Lichte und merke dir alles; späterhin sollst du es deiner lieben Gemahlin erzählen!' Derart führten wir unser Gespräch. Da nahten sich Frauen - abgesandt hatte sie alle die ruhmreiche Persephoneia -, jene, die Töchter und Gattinnen edelster Helden gewesen. Um die düstere Blutlache scharten sie eng sich zusammen; ich überlegte jedoch, wie ich einzeln sie ausfragen könnte. Folgendes Handeln erschien mir bei meiner Erwägung als bestes: Von der kraftvollen Hüfte zog ich die schneidende Klinge und verwehrte es ihnen, gemeinsam vom Blute zu trinken. Hintereinander traten sie näher, und jede erzählte einzeln von ihrer Nachkommenschaft; ich befragte sie alle. Tyro sah ich als erste, die Frau aus edlem Geschlechte, die sich rühmt, die Tochter des trefflichen Helden Salmoneus und die Gemahlin des Kretheus zu sein, des Aiolossohnes. Sie verliebte sich einst in den herrlichen Flußgott Enipeus; das ist der weitaus schönste Strom, der auf Erden dahinzieht. Deshalb besuchte sie häufig die lieblichen Wasser des Flusses. Aber Poseidon verwandelte sich in Enipeus und legte neben dem Mädchen sich hin an der Mündung des wirbelnden Stromes; purpurn türmten die Wellen sich auf und erstarrten, wie Berge, und verbargen den liebenden Gott und die sterbliche Jungfrau; er entriß ihr das Mädchentum und ließ sie entschlummern. Nach dem Spiele der Liebe drückte der Herrscher des Meeres herzlich dem Weibe die Hand und sprach die folgenden Worte: 'Freu dich der Liebe, Tyro! Du wirst im Laufe des Jahres stattlichen Kindern das Leben schenken; denn herrliche Früchte trägt die Ehe mit Göttern. Betreue und pflege sie zärtlich! Geh jetzt nach Hause und schweig, und künftig verheimliche meinen Namen; ich bin Poseidon, der Gott, der die Erde erschüttert.' Derart sprach er und tauchte hinein in die wogenden Fluten. Tyro schenkte dem Pelias und dem Neleus das Leben; mächtige Diener des großen Kroniden wurden sie beide. Pelias wohnte, mit Herden gesegnet, im weiten Iolkos, Neleus war im sandigen Pylos zu Hause. Die andern Söhne gebar sie, die Königin unter den Frauen, dem Kretheus, Aison und Pheres und Amythaon, den Kämpfer zu Wagen. Nach ihr erblickte ich Antiope, das Kind des Asopos; diese rühmte sich gar der Umarmung durch den Kroniden. Ihm gebar sie zwei stattliche Söhne, Amphion und Zethos, die mit dem Bau des siebentorigen Theben begannen und es befestigten, da sie ohne die Mauern, trotz ihrer eigenen Kraft, in dem weiten Gebiet nicht zu wohnen vermochten. Nach ihr erblickte ich des Amphitryon Gattin, Alkmene, die, vom gewaltigen Zeus in Liebe umfangen, den tapfren, standhaften Herakles einst, den löwenkühnen, geboren. Auch Megara erblickte ich, Tochter des mutigen Kreon, Gattin des Herakles, dieses unbezwinglichen Helden. Auch Epikaste sah ich, des Oidipus stattliche Mutter. Ahnungslos verübte sie Schreckliches: nahm sich den eignen Sohn zum Gemahl. Der hatte den Vater ermordet und freite nunmehr die Mutter. Doch bald enthüllten die Götter den Frevel. Oidipus herrschte, voll Kummer, im lieblichen Theben noch weiter über die Bürger, gemäß dem grausamen Ratschluß der Götter; doch Epikaste stieg in des mächtigen Torhüters Hades finsteres Reich, sie erhängte sich an dem Balken des Daches, jäh überwältigt vom Schmerz. Dem Sohn hinterließ sie ein bittres Elend, so furchtbar, wie es Erinyen der Mutter bewirken. Chloris, die schöne, erblickte ich dann, die Neleus einst freite, ihrer Anmut zuliebe, für reichliche Bräutigamsgaben. Jüngste Tochter des Sohns des Iasos war sie, Amphions, der die minyische Stadt Orchomenos kraftvoll beherrschte. Königin war sie in Pylos, gebar dort stattliche Söhne, Nestor und Chromios und Periklymenos auch, den berühmten; weiter die kräftige Pero, die alle Menschen bestaunten und die benachbarten Fürsten sämtlich umwarben; doch Neleus gab sie nur einem, der die gehörnten, breitstirnigen Rinder des Iphiklos, des mächtigen, aus Phylake entführte, eine sehr schwierige Aufgabe. Nur der vortreffliche Seher wagte sie, Held Melampus; doch Unglück, verhängt von der Gottheit, hinderte ihn, beschwerliche Haft und wachsame Hirten. Als indessen die Monde und Tage im Umlauf des Jahres gänzlich verstrichen waren und die Horen sich nahten, schenkte der mächtige König Iphiklos dem Seher die Freiheit, weil er Orakel ihm gab. So vollzog sich, was Zeus einst beschlossen. Leda erblickte ich auch, des Königs Tyndareos Gattin; ihrem Manne gebar sie zwei mutige Söhne, den Kastor, Zähmer der Rosse, und Polydeukes, den Meister im Faustkampf. Wenn auch der nährende Boden sie deckt, sie leben noch beide; unter der Erde genießen sie ein vom Kroniden geschenktes Vorrecht: Sie leben gemeinsam, sie bleiben vereint auch im Tode, einen Tag um den andern, erfreuen sich göttlicher Ehren. Iphimedeia erblickte ich dann, die Frau des Aloeus, die sich, wie stolz sie erzählte, der Liebe Poseidons erfreute. Ihm gebar sie zwei Söhne; sie lebten freilich nicht lange, Otos, der göttliche, und Ephialtes, der weithin berühmte, beide die körperlich Größten, die jemals die Erde ernährte, auch die bei weitem Schönsten, nächst dem berühmten Orion. Als sie neun Jahre alt waren, betrug neun Ellen die Breite ihres Körpers; neun Klafter erreichten sie schon in der Länge. Selbst den unsterblichen Göttern drohten sie grimmig, sie würden auf dem Olympos das Toben des wilden Krieges entfachen. Auf den Olympos wollten den Ossa sie türmen, auf diesen aber das waldreiche Pelion, um in den Himmel zu klettern. Wären sie mannbar gewesen, sie hätten den Aufstieg erzwungen. Doch sie beide erschoß der Sohn der lockigen Leto und des Zeus, bevor noch der Bartflaum unter den Schläfen aufsproß und ihre Wangen mit üppigem Wachstum bedeckte. Phaidra und Prokris erblickte ich, auch Ariadne, die schöne Tochter des unheilsinnenden Königs Minos, die Theseus einstmals von Kreta bis nach Athen, der durch Götter geschützten Stätte, zu führen gedachte, umsonst. Es tötete vorher Artemis sie, auf Dia, nach des Dionysos Weisung. Maira erblickte ich dann, Klymene und Eriphyle, die abscheuliche, die um goldenen Zierat den Gatten schnöde verriet. Kaum kann ich die Gatten und Töchter der Helden, die ich vor Augen bekam, bei Namen sämtlich euch nennen; denn es verginge darüber die göttliche Nacht. Und die Stunde drängt mich zum Schlafen, auf eilendem Schiffe im Kreise der Mannschaft oder auch hier. Den Göttern und euch obliegt der Geleitschutz." Derart sprach er, und alle verstummten in lautlosem Schweigen; spannungsreiches Entzücken umfing sie im schattigen Saale. Endlich begann die weißarmige Herrin Arete zu sprechen: "Wie, ihr Phaiaken, schätzet ihr ein den Helden, den großen, stattlichen, dessen scharfer Verstand dem Äußren nicht nachsteht? Freilich, er ist mein Gast; doch teilet ihr alle die Ehre. Deshalb entlaßt ihn nicht voreilig, schmälert ihm nicht die Geschenke, die er so dringend benötigt! Denn zahlreiche Wertstücke lagern sicher in euren Schatzkammern, durch die Gnade der Götter!" Unter ihnen ergriff jetzt das Wort der Greis Echeneos; er übertraf an Alter die andern Phaiaken bei weitem: "Freunde, es stimmt überein mit unserer Absicht und Meinung, was die verständige Königin vorschlug. Drum folget ihr alle! Aber Alkinoos muß den Anstoß zur Ausführung geben." König Alkinoos gab ihm Antwort sogleich und erklärte: "Dieser Vorschlag werde verwirklicht, so wahr ich noch lebe und den Phaiaken, den Freunden der Ruder, als Herrscher gebiete! Möge der Gast, obwohl er sich schmerzlich sehnt nach der Heimat, sich noch bis morgen gedulden! Dann habe ich seine Geschenke sämtlich bereit. Die Entlassung ist Sache aller Phaiaken, aber die meine besonders; denn ich bin Herrscher im Volke." Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "König Alkinoos, ausgezeichnet vor sämtlichen Männern, hießet ihr mich auch ein Jahr hier verbleiben - sofern ihr nur wirklich meine Entlassung betriebet und herrliche Gaben mir schenktet: nun, es wäre mir recht, und es brächte auch größeren Vorteil, kehrte zur teuren Heimat ich wieder mit größerem Gute. Höher geachtet und eher von ganzem Herzen willkommen wäre ich allen, die mich nach Ithaka heimkehren sähen." König Alkinoos gab ihm Antwort sogleich und erklärte: "Sehen wir dich, Odysseus, so hegen wir nicht die Vermutung, daß du ein Gauner seist und Betrüger, wie sie die dunkle Erde ernährt in großer Zahl und weiter Verbreitung, schlaue Erfinder von Lügen, die schwerlich einer durchschaute. Anmutig reden kannst du, jedoch auch rechtschaffen denken. Kunstgerecht ist dein Vortrag, wie jener des kundigen Sängers, über das Leid, das die Griechen und dich selber getroffen. Aber so sage mir, bitte, erteile untrüglich mir Auskunft, ob du auch einige göttliche Freunde erblicktest, die gegen Ilion zogen mit dir und dort ihr Schicksal erfüllten! Lang ist unsere Nacht, schier endlos. Es wäre zu zeitig, schlafen zu gehen. Erzähle mir weiter die Wundergeschichten! Bis zum Erscheinen der göttlichen Eos könnte ich lauschen, wolltest du bleiben im Saal und mir dein Unglück berichten!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "König Alkinoos, ausgezeichnet vor sämtlichen Männern, langes Erzählen erlaubt uns die Stunde, doch lädt auch zum Schlafen. Wünschst du mich freilich noch weiter zu hören, so will ich die Bitte abschlagen nicht, dir noch von schlimmerem Unglück berichten, dem der Gefährten, die späterhin ihren Untergang fanden, zwar dem grausigen Kampfgetümmel vor Troja entrannen, doch bei der Heimkehr starben, durch Schuld des elenden Weibes! Als die heilige Persephoneia die Seelen der Frauen sämtlich nach allen Richtungen hatte fortschweben lassen, nahte die Seele des Atreussohns Agamemnon, tieftraurig; um ihn waren die andern geschart, die neben ihm fielen in dem Palast des Aigisthos und dort ihr Schicksal erfüllten. Gleich erkannte er mich, nachdem er vom Blute getrunken. Bitterlich weinte er jetzt, ihm perlten die Tränen, er streckte sehnend die Hände nach mir, im Verlangen, mich zu umarmen. Doch er besaß nicht mehr die beständige Kraft und die Stärke, die ihm dereinst die geschmeidigen Glieder des Leibes belebte. Tränen vergoß ich bei seinem Anblick, mich packte das Mitleid, und ich sagte zu ihm die im Fluge enteilenden Worte: 'Ruhmreicher Sprößling des Atreus, Führer des Heers, Agamemnon, wie erlagst du dem Wüten des grausam schmerzenden Todes? Hetzte Poseidon das schreckliche Brausen leidiger Stürme gegen dich, ließ auf offener See mit den Schiffen dich scheitern? Schlugen dir Feinde auf dem Festlande tödliche Wunden, als du Rinder und stattliche Schafherden forttreiben wolltest oder um eine Stadt und die Frauen der Einwohner kämpftest?' Derart fragte ich ihn. Sogleich gab jener mir Antwort: 'Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, weder hetzte Poseidon das Brausen leidiger Stürme gegen mich, ließ auf offener See mit den Schiffen mich scheitern, noch verwundeten Feinde mich auf dem Festlande tödlich. Nein, Aigisthos, mit ihm mein abscheuliches Weib, sie vollzogen meine Ermordung; sie luden ins Haus mich zur Mahlzeit und schlugen plötzlich mich tot; so fällt den Stier an der Krippe ein Schlächter! Derart starb ich aufs kläglichste. Um mich fielen die Freunde bis auf den letzten Mann, ganz so wie weißzahnige Eber, die man im Hause des reichen, hochvermögenden Mannes schlachtet, zur Hochzeit, zu einfachem Essen, zu üppigem Festmahl! Zahlreiche Männer hast du im Tode schon hinsinken sehen, sei es im Zweikampf, sei es im Toben der furchtbaren Feldschlacht. Aber kein Anblick hätte so tief dich erschüttert wie dieser, als wir rings um den Mischkrug und rings um die reichlich gedeckten Tische lagen im Saal und vom Blut der Fußboden dampfte! Doch am schmerzlichsten traf mich das Schreien der Priamostochter, meiner Kassandra; die tückische Klytaimestra erschlug sie neben mir. Ich lag schon am Boden, durchbohrt von dem Schwerte, sterbend, und wollte die Hände noch heben, doch ließ sie dann sinken. Und die Schamlose ging; obwohl ich zum Hades hinabzog, drückte sie weder die Augen mir zu noch schloß mir die Lippen. Nichts ist schlimmer und hündischer als ein verwegenes Weibsstück, das sich entschließen kann zu derart unmenschlichen Taten, wie Klytaimestra sie schmählich ersann, des Ehegefährten grausigen Totschlag vollzog! Ich wähnte, als Heimkehrer einen herzlichen Gruß zum Willkommen bei meinen Kindern und meinen Knechten zu finden. Doch sie, mit besonders tückischen Plänen, hat sich selber Schande gebracht und sämtlichen Frauen künftiger Zeilen, denen sogar, die sich rechtschaffen zeigen.' Derart berichtete er. Ich gab ihm Antwort und sagte: 'Wehe, tatsächlich schlug der weithin schauende Vater furchtbar, von Anfang an, das Atridengeschlecht durch die bösen Pläne von Frauen. Um Helena starben so viele der Unsern, dir, der du ferne verweiltest, brachte die Gattin Verderben.' Derart sprach ich. Sogleich gab jener mir Antwort und sagte: 'Deshalb erweise auch du der Gemahlin jetzt niemals mehr Milde, teile nicht jeden Gedanken ihr mit, der dich ernstlich beschäftigt, sondern vertraue das eine ihr an und verbirg ihr das andre! Dich wird freilich, Odysseus, nicht die Gattin ermorden; allzu besonnen und wohlwollend auch bewährt sich die Tochter des Ikarios, deine verständige Frau Penelope. Eben vermählt erst war sie, als wir zu Hause sie ließen bei dem Aufbruch zum Feldzug; sie trug an der Brust noch den Jungen, der wohl heute im Kreise der Männer schon sitzt, der Beglückte! Wird doch sein teurer Vater ihn bei der Heimkehr erblicken, er dann natürlich den Vater mit herzlicher Freude umarmen! Meine Gemahlin vergönnte mir nicht, mich am Anblick des Sohnes satt zu sehen; sie hat mich sogar statt dessen erschlagen! Eines noch will ich dir raten, nimm es dir gründlich zu Herzen: Lande nur heimlich an der teuren Küste der Heimat, ja nicht vor aller Augen; den Frauen ist niemals zu trauen! Aber nun sage mir noch und gib untrüglich die Auskunft: Habt ihr Nachricht von meinem Sohne? Er dürfte ja leben entweder in Orchomenos oder im sandigen Pylos oder auch bei Menelaos, im weiten Gebiete von Sparta! Noch erlitt nicht auf Erden den Tod der edle Orestes.' Derart sprach er. Ich mußte indessen die Antwort ihm geben: 'Warum fragst du mich danach, Atride? Ich weiß doch bestimmt nicht, ob er noch lebt, ob er tot ist. Verdruß bringt leeres Gerede.' Derart standen wir zwei im Gespräch mit traurigen Worten, bitter betrübt, und unsere Tränen quollen in Strömen. Nunmehr erschienen die Seelen des Peleussohnes Achilleus, die des Patroklos, auch die des Antilochos, jenes erprobten Helden, und die des Aias, des schönsten und stattlichsten Kämpfers unter den übrigen Danaern, nächst dem edlen Peliden. Mich erkannte die Seele des schnellen Aiakosenkels und sprach traurig zu mir die im Fluge enteilenden Worte: 'Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, welches noch größere Wagnis, du Schrecklicher, könntest du planen? Du unterfingst dich der Fahrt in den Hades, in dem doch die Toten hausen, ganz ohne Besinnung, nur Schatten verstorbener Menschen?' Derart sprach er, und ich gab Antwort dem Helden und sagte: 'Sprößling des Peleus, Achilleus, du tapferster aller Achaier, den Teiresias mußte ich aufsuchen, mir ein Orakel geben zu lassen, wie ich zum felsigen Ithaka komme. Denn ich erreichte Achaia noch nicht, betrat nicht den Boden unserer Heimat, nein, stehe im Unglück noch immer! Doch niemand wirkte, Achilleus, beglückter als du, wird schwerlich auch wirken. Göttlich verehrten wir Griechen dich früher, als du noch lebtest; heute, im Hades, gebietest du machtvoll unter den Toten. Deshalb brauchst du dein Sterben nicht zu betrauern, Achilleus!' Derart sprach ich. Sogleich gab er mir Antwort und sagte: 'Suche mich über den Tod nicht zu trösten, berühmter Odysseus! Lieber wollte ich über der Erde um Taglohn bei einem ärmlichen Bauern, der selber nur dürftig dahinlebt, mich schinden, als in dem Kreise aller Verstorbenen König zu heißen! Aber erzähl mir doch, bitte, von meinem ruhmreichen Sohne: Nahm er am Kriege noch teil als Anführer? Blieb er zu Hause? Auch vom untadligen Peleus erzähl mir, erhieltest du Nachricht: Herrscht er noch unter den zahlreichen Myrmidonen als König, oder verlor er die Würde des Fürsten in Hellas und Phthia, weil ihn das leidige Alter schon lähmt an Händen und Füßen? Weilte ich, ihm zur Hilfe, unter den Strahlen der Sonne, kraftvoll wie damals, da ich die tapfersten Gegner im weiten Troja zu Boden streckte im Kampfe für die Argeier - käme, so kraftvoll, nur für ein Weilchen ins Haus ich des Vaters, sollte vor meiner Stärke und meinen unnahbaren Fäusten zittern, wer Peleus bedrängt und versucht, ihm die Herrschaft zu rauben!' Derart sprach er. Darauf gab ich ihm zur Antwort und sagte: 'Über den trefflichen Peleus erhielt ich keinerlei Nachricht. Über deinen geliebten Sohn Neoptolemos aber will ich ganz wahrheitsgemäß, nach deinem Wunsch, dir berichten. Selber brachte ich ihn im geräumigen, schaukelnden Schiffe zu den vorzüglich gewappneten Griechen von Skyros herüber. Hielten vor Troja wir Kriegsrat, ergriff Neoptolemos immer unter den ersten das Wort und sprach auch sicher und treffend; nur der göttliche Nestor und ich übertrafen den Helden. Kämpften wir auf dem Schlachtfeld von Troja mit mordendem Erze, blieb Neoptolemos niemals im dichten Haufen verborgen, sondern stürmte voraus, an Tapferkeit niemandem weichend, und erlegte zahlreiche Gegner im Toben der Feldschlacht. Sämtliche Feinde vermag ich nicht bei Namen zu nennen, die dein Sprößling darniederstreckte im Kampf für die Griechen. Wie gewaltig war doch, zum Beispiel, der Telephide, Held Eurypylos, den er erschlug - und viele Keteier fielen um ihn, der Preis des Geschenks, das ein Weib einst erhalten! Stattlichster Gegner war er nächst dem göttlichen Memnon. Als in das hölzerne Pferd wir stiegen, den Bau des Epeios, wir, die tapfersten Griechen, und mir die Verantwortung oblag über das Öffnen und Schließen unseres festen Versteckes, wischten die andern Gebieter und Feldherrn der Danaer Tränen sich von den Wangen, und jedem schlotterten angstvoll die Glieder. Bei Neoptolemos aber sah ich weder das frische Antlitz erblassen, noch daß er sich je von den Wangen die Tränen abwischte; dringend bat er mich wieder und wieder, ich solle aus dem Pferde ihn steigen lassen, er packte den Schwertgriff und die eherne Lanze und sann Verderben den Troern. Als wir die ragende Festung des Priamos ausgetilgt hatten, ging er an Bord mit der Beute und reichen Ehrengeschenken, ohne Verletzung, weder von Pfeilen und Speeren getroffen noch im Nahkampf verwundet, wie es im Kriege so vielfach eintritt; denn wahllos wütet der grimmige Blutsauger Ares.' Derart sprach ich. Da ging die Seele des schnellen Achilleus mit gewaltigen Schritten hinab zur Asphodeloswiese, freudig bewegt, weil ich vom Ruhme des Sohns ihr berichtet. Aber die anderen Seelen der Toten standen in tiefer Trauer und fragten nach allem, was ihnen die Herzen beschwerte. Lediglich eine, die Seele des Telamoniers Aias, hielt sich abseits, noch immer zürnend wegen des Sieges, den ich im Lager der Schiffe errang beim Streit um die Waffen des Achilleus; sie hatte als Preis gestiftet die edle Mutter. Den Streit entschieden troische Mädchen und Pallas. Hätte ich niemals den Sieg, um diesen Kampfpreis, gewonnen! Waren die Waffen doch schuld, daß die Erde solch tapferen Helden aufnahm, Aias, den Größten an Leibesgestalt und an Taten unter den übrigen Danaern, nächst dem edlen Peliden. Anzureden wagte ich ihn mit freundlichen Worten: 'Aias, du Sohn des untadligen Telamon, solltest du wirklich selbst noch im Tode wegen der heillosen Waffen mir weiter grollen? Die Götter verliehen sie den Argeiern zum Unglück! Solch ein Bollwerk verloren die Griechen in dir! Wir Achaier trauerten endlos um deinen Verlust, wie über das teure Haupt des gefallenen Helden Achilleus. Nur der Kronide trägt die Schuld: Er haßte das Heer der lanzenbewehrten Danaer furchtbar, bestimmte dir selber das Schicksal des Todes. Komme doch näher, mein König, damit du verstehst, was ich sagen möchte; bezwinge den Groll und erweiche die Härte des Trotzes!' Derart sprach ich. Er gab mir keinerlei Antwort und zog sich in das Dunkel zurück, zu den übrigen Seelen der Toten. Ansprechen können hätte er dort mich, trotz seiner Empörung, oder ich ihn; mich drängte jedoch das Verlangen, noch einen Blick auf die anderen Seelen des Totenreiches zu werfen. Minos erblickte ich dort, den herrlichen Sohn des Kroniden, wie er mit goldenem Stab zu Gericht saß über die Toten; rings um den König ließen diese das Urteil sich sprechen, sitzend und stehend neben dem breiten Tore des Hades. Nach ihm erblickte ich den gewaltigen Riesen Orion, wie er das Wild verfolgte auf der Asphodeloswiese, das er dereinst, noch lebend, erlegte auf einsamen Bergen, in den Fäusten die eherne, niemals zerschmetterte Keule. Auch den Tityos sah ich, den Sohn der ruhmreichen Gaia; hingestreckt lag er am Boden, bedeckte neun Morgen an Fläche. Beiderseits saßen bei ihm zwei Geier, zerhackten die Leber durch das Darmfell; er konnte sie nicht verscheuchen. Er hatte Leto zu schänden versucht, des Zeus berühmte Geliebte, als sie nach Pytho zog, durch die herrliche Flur von Panopeus. Tantalos sah ich desgleichen. Er stand in bitteren Qualen mitten in einem Teiche; sein Kinn umspielten die Wellen. Lechzend wollte er trinken, doch konnt er kein Wasser erhaschen. Denn sooft sich der Alte, vom Naß zu schlürfen, auch bückte, zog sich das Wasser zurück und verschwand, und unter den Füßen tauchte der düstere Grund auf; die Gottheit legte ihn trocken. Ragende Bäume ließen herniederhängen die Früchte, Birnen, Granaten und Äpfel mit prächtig beladenen Ästen, köstliche Feigen, dazu noch Oliven in prangender Fülle. Richtete sich der Alte empor, von den Früchten zu pflücken, peitschte ein Windstoß die Zweige hinauf zu den schattenden Wolken. Sisyphos auch bekam ich zu sehen. Er wälzte in schwerer Mühsal mit beiden Armen einen gewaltigen Felsblock. Angestrengt stemmte er gegen den Stein sich mit Händen und Füßen, schob ihn den Hügel hinan. Doch wollte er über den Gipfel eben ihn stoßen, dann trieb ihn zurück die beharrende Schwere; wieder zur Ebene abwärts rollte der schamlose Felsblock. Sisyphos aber begann ihn aufs neue zu wälzen, sein Körper triefte von Schweiß, und über dem Haupt stieg Staub in die Höhe. Nach ihm erblickte ich Herakles, den gewaltigen, freilich nur den Schatten. Der wirkliche labt sich im Kreise der Götter heiter am Schmaus; er hat die schlankfüßige Hebe zur Gattin, Tochter des Zeus und der Hera, der Gottheit mit goldnen Sandalen. Rings um den Schatten schwirrten die Toten wie Vögel, sie flohen ängstlich nach allen Seiten. Der Nacht, der finstren, vergleichbar, hielt der Held den Bogen entblößt und den Pfeil auf der Sehne, fürchterlich um sich blickend und stets gewärtig zu schießen. Schrecklich erglänzte ihm über der Brust das goldene Schwertband, auf dem wunderbare Ereignisse dargestellt waren: Bären und rasende Eber, auch Löwen mit funkelnden Blicken, Kämpfe und Schlachten und Blut und einander tötende Männer. Hätte es niemals geschaffen und schüfe auch künftig kein solches Schwertband der Meister, der dieses so kunstreich naturwahr gefertigt! Mich erkannte der Held, sobald sein Blick mich getroffen, und sprach klagend zu mir die im Fluge enteilenden Worte: 'Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, Armer, was schleppst du mit dir herum für ein elendes Schicksal, elend wie jenes, das ich einst getragen am Lichte der Sonne! Sohn des Kroniden war ich, doch unermeßlichen Jammer mußte ich dulden. Untertan eines schwächeren Herrschers wurde ich; dieser hieß mich gefahrvolle Kämpfe bestehen. Hierher sogar hat er mich geschickt, den Hund ihm zu bringen; darin sah er für mich den härtesten sämtlicher Kämpfe. Aber ich schleppte den Hund hervor aus dem Reiche des Hades; Hermes gab mir Geleit und die helläugig blickende Pallas.' Derart sprach er und schritt zurück in die Tiefe des Hades. Ich verharrte auf meinem Platze; es mochten vielleicht noch andere längst gestorbene Helden der Vorzeit sich nähern. Sicherlich hätte ich manchen, von dem ich es wünschte, gesehen, Theseus auch und Peirithoos, ruhmreiche Söhne der Götter. Aber noch vorher strömten zahllose Schwärme von Toten, grauenvoll brausend, zusammen; mich packte das bleiche Entsetzen, packte die Furcht, es strecke die würdige Persephoneia mir aus dem Hades das Haupt der schrecklichen Gorgo entgegen. Eilig entfloh ich zum Schiff und befahl auch meinen Gefährten, einzusteigen und die haltenden Taue zu lösen. Sie auch gingen sogleich an Bord und besetzten die Bänke. Den Okeanos abwärts trieb die Strömung das Fahrzeug, anfangs verstärkt noch durch Rudern; dann half uns ein kräftiger Fahrwind.
Gesänge 11–15
Video, Vertonungstext und dann der vollständige Gesang. Nimm, was du brauchst – und lies weiter, wenn dich etwas packt.
Elfter Gesang
Wie Odysseus von seiner Fahrt in das Totenreich berichtete
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Der Weg wird schwer, die Toten rufen mich, die Unterwelt lockt, ihr Ruf ist so frisch. Teiresias weiß mehr, der Prophet im Land, die Götter geben mir ein finsteres Band. [Verse 1: Odysseus] Durch den Fluss des Hades, ins Reich der Nacht, die Geister flimmern, der Tod erwacht. Ich bringe das Opfer, das Blut für die Seelen, die Toten umringen mich, flüsternd, sich quälen. Teiresias spricht, der Blick so klar, „Odysseus, du Held, dein Weg wird schwer, die Götter sind zornig, Poseidon bleibt böse, doch die Heimkehr bleibt, auch wenn sie ist kühn und große.“ [Refrain: Odysseus & Chorus] In der Dunkelheit, der Tod spricht zu mir, doch mein Ziel bleibt klar, der Weg führt zu dir. Von Geistern umgeben, der Weg wird hart, doch die Heimkehr ruft – das ist mein Start. [Verse 2: Odysseus] Doch auch meine Mutter, sie tritt hervor, „Mein Sohn, warum kommst du? Was suchst du hier vor?“ Tränen in meinen Augen, die Wunde ist tief, „Du musst zurück, das Schicksal bleibt schief.“ Achilles, der Krieger, so stolz und so laut, „Ein Leben im Tod, mein Herz war erbaut. Doch besser die Erde, als ewig zu geh'n, Odysseus, du hast noch viel zu besteh'n.“ [Refrain: Odysseus & Chorus] In der Dunkelheit, der Tod spricht zu mir, doch mein Ziel bleibt klar, der Weg führt zu dir. Von Geistern umgeben, der Weg wird hart, doch die Heimkehr ruft – das ist mein Start. [Bridge: Odysseus] Die Toten sprechen, doch ich bleib auf der Spur, Teiresias, der Führer, gibt mir die Zucht. „Deine Männer, sie sterben, das Schicksal ist klar, doch du wirst bestehen, du bist der Star.“ [Outro: Odysseus] Ich kehre zurück, der Weg durch das Tor, der Tod hat mir gesprochen, doch ich komm hervor. Von Geistern geführt, die Erinnerung schwer, doch Ithaka ruft – ich geh nun mehr.
Der vollständige 11. Gesang
Zwölfter Gesang
Wie Odysseus von seinen Abenteuern bei den Seirenen, bei der Skylla und Charybdis und auf Thrinakia, schließlich von dem Schiffbruch berichtete, dem alle seine Gefährten zum Opfer fielen
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Zurück auf dem Meer, der Weg ist steil, die Götter sind gnadenlos, der Sturm wird mein Teil. Sirenen, Skylla, Charybdis – das Spiel wird hart, doch Ithaka ruft, ich bin auf der Fahrt. [Verse 1: Odysseus] Die Sirenen singen, ihr Klang so rein, doch ich bin gewarnt, sie locken ins Sein. Wachs in den Ohren, die Männer am Riemen, gebunden am Mast, ich spür ihre Stimmen. Ihr Lied spricht von Ruhm, von allem, was zählt, doch ich bleib stark, auch wenn die Versuchung quält. Das Schiff zieht vorbei, die Stimmen verklingen, mein Geist bleibt klar, ich lass sie nicht gewinnen. [Refrain: Odysseus & Chorus] Von Sirenen zu Monstern, mein Weg bleibt schwer, doch Ithaka ruft – ich trotze dem Meer. Die Götter sind gnadenlos, doch ich bleib wach, Odysseus kämpft – das Schicksal im Takt. [Verse 2: Odysseus] Dann Skylla und Charybdis, das Wasser ein Feind, ein Schlund voller Zähne, der andere pein. Skylla schnappt zu, sechs Männer verloren, doch ich muss weiter, das Schicksal verschworen. Wir landen beim Helios, sein Vieh heilig und klar, ich warne die Männer: „Bleibt weg, das ist wahr!“ Doch Hunger treibt, sie schlachten das Fleisch, die Sonne zürnt, der Tod kommt gleich. [Refrain: Odysseus & Chorus] Von Sirenen zu Monstern, mein Weg bleibt schwer, doch Ithaka ruft – ich trotze dem Meer. Die Götter sind gnadenlos, doch ich bleib wach, Odysseus kämpft – das Schicksal im Takt. [Bridge: Odysseus] Die Götter entfesseln den Sturm ihrer Macht, mein Schiff zerbricht in der tiefen Nacht. Allein auf dem Floß, mein Geist bleibt klar, Kalypso ruft – das Ziel ist noch wahr. [Outro: Odysseus] Ich treibe dahin, das Meer ist mein Feind, doch Ithaka bleibt das Ziel, das vereint. Von Sirenen zu Skylla, das Ende ist fern, doch mein Wille ist stärker – ich finde den Stern.
Der vollständige 12. Gesang
Hinter sich hatte das Schiff des Okeanos Strömung gelassen, hatte die Wogen des weiten Meeres erreicht und die Insel Kirkes, wo Eos, die frühgeborene, Häuser, auch Plätze fröhlichen Tanzes besitzt und Helios Stätten des Aufgangs. Auflaufen ließen wir dort das Schiff auf das sandige Ufer. Neben der tobenden Brandung stiegen wir aus, und wir sanken tief in Schlummer und harrten schlafend der göttlichen Eos. Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, sandte ich einige meiner Gefährten zum Hause der Kirke; herbringen sollten sie uns den Leichnam des toten Elpenor. Baumstämme fällten wir gleich und verbrannten den Toten am höchsten Punkte der Steilküste, innig betrübt, mit Strömen von Tränen. Als der Leichnam mit seinen Waffen verbrannt war, da warfen wir den Grabhügel auf und zogen die Säule zur Höhe, pflanzten zum Schluß auf den Hügel das handliche Ruder des Toten. Ordnungsgemäß erfüllten wir unsre Verpflichtung. Doch Kirke hatte bemerkt die Rückkehr vom Hades, in schmuckem Gewande eilte sogleich sie herbei. Ihr folgten die Mägde und brachten Brot und reichliches Fleisch und Wein, der rötlich erglänzte. Unter uns trat die herrliche Göttin und sagte ermunternd: 'Waghälse, die ihr, noch lebend, den Hades besuchtet, ihr zweimal Sterbenden, wo doch nur einmal sterben die übrigen Menschen! Auf denn, verzehret die Speisen und trinket vom Weine, auf diesem Platze, den ganzen Tag; doch zeigt sich Eos, dann stechet wieder in See! Ich werde den Weg euch weisen und alles Nötige mitteilen; nie mehr sollt ihr, weder zu Wasser noch auf dem Lande, ins Unglück stürzen und Kummer erleiden!' Derart sprach sie; wir mutigen Männer gehorchten ihr fügsam. Nunmehr saßen den Tag wir hindurch bis zum Sinken der Sonne, aßen Mengen von Fleisch und tranken vom lieblichen Weine. Als der Sonnenball sank und das nächtliche Dunkel heraufzog, legte die Mannschaft sich hin bei des Schiffes haltenden Tauen. Mich ergriff bei der Hand die Göttin, abseits der Freunde hieß sie mich setzen und lagerte, mir zur Seite, sich selber. Danach befragte sie mich, und gebührend erteilte ich gründlich Auskunft in allem. Da sagte zu mir die mächtige Kirke: 'Dieser Verpflichtung hast du dich völlig entledigt. Nun höre meine Belehrung; dich lasse ein Gott sie im Kopfe behalten! Zu den Seirenen wirst du zuerst gelangen; sie locken jeglichen Menschen in sein Verderben, wer immer sie aufsucht. Wer den Seirenen sich ahnungslos naht und die herrlichen Stimmen anhört, der kehrt niemals zurück nach Hause, den werden Gattin und harmlose Kindlein niemals mit Freuden mehr grüßen. Denn die Seirenen bezaubern ihn mit hellem Gesange, sitzend auf blumiger Wiese; Gebeine verwesender Menschen häufen sich ringsumher, es schrumpft die Haut der Erwürgten. Steure daher an ihnen vorüber, knete dir süßes Wachs und verstopfe damit die Ohren der Mannschaft: Kein andrer darf sie hören! Du selber magst, auf Wunsch, sie vernehmen. Aber dann muß man im Schiff an den Schuh des Mastbaums dich binden, aufrecht, an Händen und Füßen, die Seile geknüpft um den Mastbaum. Darauf erst erfreue dich an dem Gesang der Seirenen! Bittest du aber dringend die Mannschaft, die Fesseln zu lösen, soll sie vielmehr mit stärkeren Seilen noch strenger dich binden! Sind die Gefährten an den Seirenen vorübergefahren, kann ich dir weitere Weisung nicht geben, welchen der beiden möglichen Wege du einschlagen sollst. Du mußt die Entscheidung selbständig treffen. Ich will dir die Wege beschreiben. Am Anfang drohen dir überhängende Felsen; gegen sie brandet mächtig der Schwall Amphitrites, der dunkeläugigen Göttin. "Prallfelsen" werden die Steine genannt von den seligen Göttern. Dort vorüber gelangt kein Vogel, nicht einmal die scheuen Tauben entschlüpfen, die Zeus, dem Vater, Ambrosia bringen. Ihnen sogar entrafft die glatte Gesteinswand so manche. Freilich entsendet der Vater andre darauf zur Ergänzung. Aber ein Fahrzeug mit Menschen entrann noch niemals den Felsen, wenn es sich nahte; die Trümmer des Schiffs wie die Leichen der Mannschaft raffte die Woge dahin und der Ausbruch verheerenden Feuers. Eines der meerüberquerenden Schiffe bezwang nur die Durchfahrt, Argo, die allseits berühmte; sie kam zurück von Aietes. Sie auch hätten die Wogen bald gegen die Felsen geschmettert; doch sie geleitete Hera vorbei; denn sie schätzte Iason. Auf der anderen Seite drohen zwei Klippen. Mit spitzem Gipfel erreicht die eine den weiten Himmel, doch düstre Wolken umballen sie. Niemals weichen die Wolken, und niemals trifft auf den Gipfel das Licht, nicht im Sommer und auch nicht im Herbste. Schwerlich vermag ihn ein Mensch zu erklettern, ja kaum zu betreten, selbst wenn er zwanzig geschickte Hände und Füße bewegte; denn der Felsen ist glatt, als hätte man rings ihn beschliffen. Mitten im Felsen befindet sich eine dämmrige Höhle, deren Öffnung nach Westen, zur Unterwelt, blickt, nach der Seite, wo das gewölbte Schiff ihr vorbeilenkt, edler Odysseus. Von dem gewölbten Schiff aus trifft auch ein rüstiger Schütze niemals mit seinem Geschoß den Eingang der bauchigen Höhle. Drinnen haust die Skylla, das grauenhaft bellende Untier. Einem noch jungen Hunde entspricht die gräßliche Stimme; aber sie ist ein entsetzliches Scheusal; des grausigen Anblicks freute sich niemand, auch keine Gottheit, die plötzlich sie träfe. Beine besitzt sie, ein Dutzend, alle häßlich verkümmert, aber sechs Hälse von riesiger Länge; auf jedem von ihnen schwankt ein furchtbarer Kopf, drei Zahnreihen drohen in jedem, stark und dicht, der bittere Tod verbirgt sich in ihnen. Mitten hinein in die bauchige Höhle duckt sich ihr Körper, aber die Köpfe streckt sie hervor aus dem schaurigen Schlunde, tastet über die Klippen nach Beute, fängt Fische im Umkreis, Seehunde und Delphine, auch größere Tiere des Meeres, wie Amphitrite zahllos sie nährt, die rauschende Göttin. Noch kein Seemann rühmt sich, er sei dort vorübergefahren ohne Verluste; das Untier errafft mit jedem der Köpfe gierig sich einen Mann aus dem düstergeschnäbelten Schiffe. Niedriger bietet sich dir die andere Klippe, Odysseus, liegen doch nur auf Pfeilschußweite die zwei auseinander. Auf ihr erhebt sich ein Feigenbaum, stattlich, mit üppigem Laubdach. Unter ihm schlürft die Göttin Charybdis das düstere Wasser. Dreimal am Tage sprudelt sie aus und schlürft auch aufs neue, fürchterlich. Komme ihr deshalb ja nicht zu nah, wenn sie einschlürft! Vor dem Verderben könnte dich auch Poseidon kaum retten. Suche denn also das Schiff dicht neben dem Felsen der Skylla schleunigst vorüberzusteuern; es ist doch immerhin besser, sechs der Gefährten an Bord zu verlieren, als alle zusammen!' Derart sprach sie. Ich gab ihr Antwort und stellte die Frage: 'Bitte, enthülle mir, Göttin, der Wahrheit entsprechend: Vermag ich nicht der Charybdis, der grausamen, mich zu entziehen und gegen Skylla vielleicht mich zu wehren, will sie mir Männer entreißen?' Derart fragte ich. Gleich gab Antwort die herrliche Göttin: 'Tollkühner Mensch, du denkst schon wieder an Kämpfen und Ringen? Nicht einmal den unsterblichen Göttern willst du dich beugen? Ist doch das Untier nicht sterblich, nein, führt ein ewiges Leben, furchtbar und schrecklich und grausam und niemals im Kampf zu bezwingen! Widerstand ist nicht möglich, die Flucht vor dem Scheusal das beste. Solltest du an dem Felsen in voller Rüstung verweilen, wird sich das Untier, fürchte ich, wieder mit sämtlichen Köpfen auf dich stürzen, noch einmal sechs Gefährten dir rauben! Rudere angestrengt lieber vorbei und flehe zur Mutter Skyllas, Krataiis, die das Unheil den Menschen geboren! Abhalten wird sie die Tochter vor einem weiteren Angriff. Danach erreichst du die Insel Thrinakia. Nahrung gewährt sie zahlreichen Rindern und stattlichen Schafen des Helios, sieben Herden von Rindern und sieben prachtvollen Herden von Schafen, fünfzig Tiere in jeder. Das Vieh vermehrt sich nicht weiter, nimmt auch nicht ab. Zwei Göttinnen führen die Aufsicht darüber, Nymphen mit lieblichen Locken, Lampetia und Phaëthusa, Töchter des Helios und der göttlich schönen Neaira. Beide gebar und erzog die würdige Mutter und sandte sie nach Thrinakia dann, dort in der Ferne zu leben, Hüter der Schafe und krummgehörnten Rinder des Vaters. Wenn du die Tiere verschonst und nur um die Heimfahrt dich kümmerst, werdet ihr Ithaka, wenn auch nach bitteren Leiden, erreichen; rührst du sie an, so sage ich dir, dem Schiff und den Freunden Unheil voraus. Und solltest du selber tatsächlich entrinnen, wirst du spät erst heimkehren, elend und ohne Gefährten.' Derart sprach sie. Schon nahte die goldenthronende Eos. Fort begab sich die herrliche Göttin über die Insel. Ich ging wieder zu unserem Schiff und befahl den Gefährten, einzusteigen und die haltenden Taue zu lösen. Sie auch gingen sogleich an Bord und besetzten die Bänke, peitschten in ihren Reihen das schäumende Meer mit den Rudern. Aber die lockige, menschlich sprechende, machtvolle Kirke sandte uns Fahrwind hinter dem düstergeschnäbelten Schiffe drein als nützlichen Reisebegleiter; der schwellte die Segel. Sämtliches Takelwerk brachten an Bord wir emsig in Ordnung, saßen dann still, und Wind und Steuermann lenkten das Fahrzeug. Nunmehr begann ich im Kreis der Gefährten traurig zu sprechen: 'Freunde, es dürfen nicht einer, nicht zwei nur die Tatsachen wissen, die mir Kirke, die herrliche Göttin, warnend enthüllte. Nein, ich will sie euch sagen, damit wir sämtlich in voller Kenntnis entweder sterben oder dem Tode entgehen! Vor dem Gesang der Seirenen, der lieblich tönenden, sollen wir uns hüten zuerst und ihrer blumigen Wiese. Mir nur erlaubt es die Göttin, den Stimmen zu lauschen; hart fesseln sollt ihr mich freilich, damit ich an Ort und Stelle verharre, aufrecht am Mastbaumschuh, die Seile geknüpft um den Mastbaum. Flehe ich aber dringend euch an, mir die Fesseln zu lösen, sollt ihr vielmehr in stärkere Bande noch strenger mich schnüren.' Derart erklärte ich alles Nötige meinen Gefährten. Währenddessen gelangte das treffliche Schiff zu der Insel der Seirenen; ein günstiger Wind ließ sicher uns segeln. Aber die Brise legte sich plötzlich, windstill erstreckte weit sich das Meer, und ein Daimon wiegte die Wellen in Schlummer. Meine Gefährten erhoben sich, refften die Segel und legten sie ins gewölbte Schiff, besetzten die Bänke und ließen schäumen das Wasser unter den Schlägen der tannenen Ruder. Eine mächtige Wachsscheibe schnitt ich in kleinere Stücke mit dem Schwerte und knetete sie in den kraftvollen Händen. Weich ward schleunig das Wachs; es erlag dem kräftigen Kneten und den Strahlen des Helios, des Gebieters der Höhe. Allen Gefährten verstopfte ich nacheinander die Ohren. Nunmehr banden sie mich im Schiffe an Händen und Füßen, aufrecht am Mastbaumschuh, die Seile geknüpft um den Mastbaum, setzten sich dann und peitschten das schäumende Meer mit den Rudern. Als wir, in schleuniger Fahrt, uns der Insel auf Rufweite nahten, merkten sogleich die Seirenen das Kommen des eilenden Schiffes, und sie begannen mit herrlich klingenden Stimmen zu singen: 'Komme doch, weithin gerühmter Odysseus, du Stolz der Achaier, steure das Schiff an das Ufer, um unsrem Gesange zu lauschen! Niemand fuhr noch im dunklen Schiff an der Insel vorüber, ohne die lieblichen Töne aus unserem Mund zu genießen, setzte die Fahrt zufrieden dann fort und reicher an Wissen. Wohlunterrichtet sind wir von allem, was Griechen und Troer nach dem Willen der Götter im weiten Troja erlitten, wissen auch sonst, was alles geschieht auf der nährenden Erde.' Derart erscholl ihr holder Gesang. Ich begehrte voll Sehnsucht, mehr noch zu hören, und gab mit den Brauen den Freunden ein Zeichen, meine Fesseln zu lösen. Sie ruderten angestrengt weiter. Aber Eurylochos und Perimedes erhoben sich eilend, legten mir stärkere Fesseln noch an und banden mich fester. Derart fuhren wir an den Seirenen vorüber und konnten schließlich ihr Lied und ihren Gesang nicht länger verstehen. Aus den Ohren holten sogleich das Wachs die Gefährten, das ich hineingestopft, und befreiten mich dann von den Fesseln. Aber sobald wir die Insel hinter uns hatten, erspähte wogenden Dunst ich und Brandung und hörte ein donnerndes Rauschen. Meine Gefährten erschraken, den Händen entsanken die Ruder, schwankten, dumpf gurgelnd, schlaff in der Strömung; es blieb auf der Stelle schaukelnd das Schiff, man bewegte nicht mehr die scharfkantigen Blätter. Da durchschritt ich das Schiff und ermutigte meine Gefährten, wandte an jeden einzelnen mich mit freundlichen Worten: 'Schon zur Genüge bestanden wir schwere Gefahren, ihr Freunde! Heute und hier bedroht uns kein schlimmeres Unglück als damals, wo der Kyklop in der Höhle uns einschloß mit riesigen Kräften. Dort auch befreiten uns meine Entschlossenheit, Einsicht und Planung. Ebenso dürften wir einst der heutigen Not uns erinnern. Auf denn, lasset uns meiner Weisung alle gehorchen! Peitschet auf euren Bänken des Meeres tiefwühlende Brandung angestrengt weiter mit euren Rudern! Der Sprößling des Kronos gönnt uns vielleicht die Errettung aus dem drohenden Unheil. Steuermann, dir befehle ich folgendes - präge es, bitte, gründlich dir ein, du lenkst ja das Steuer des bauchigen Schiffes! -: Abseits von diesem Dunst und der Brandung dränge das Fahrzeug, suche den Fels zu erreichen! Lasse nicht, wider Erwarten, dorthin entgleiten das Schiff und stürze uns alle ins Unglück!' Derart befahl ich, und schnell gehorchten sie mir. Von der Skylla, diesem unabwendbaren Unheil, sprach ich nicht weiter, sollte die Mannschaft doch nicht in Schrecken geraten, das Rudern einstellen und sich entsetzt zusammendrängen im Schiffsbauch. Nunmehr dachte ich selber nicht mehr an die leidige Weisung Kirkes - sie hatte mir abgeraten, zum Kampf mich zu rüsten -, legte die ruhmreiche Rüstung mir an und ergriff auch zwei lange Lanzen; mit ihnen bestieg ich das Deck des vorderen Schiffes. Denn ich hoffte, von dort aus zuerst die Herrin des Felsens, Skylla, zu sehen, die meine Gefährten so furchtbar bedrohte. Doch ich erspähte sie nirgends; die Augen gingen mir über, während ich über die dunstumflossene Felsklippe starrte. Durch die Meerenge fuhren wir stöhnend. Es lauerte Skylla neben uns; drüben begann gerade die Göttin Charybdis fürchterlich einzuschlürfen die salzigen Fluten des Meeres. Spie sie das Wasser zurück, dann erbrauste es weithin in Wirbeln, wie im Kessel auf lodernder Flamme, und Schaumflocken stoben aufwärts, empor zu den Spitzen der beiden ragenden Felsen. Sog sie dann wieder hinein die salzigen Fluten des Meeres, bildete sich ein tosender Trichter, die Felswände dröhnten furchtbar im Umkreis, es wurde der Meeresgrund sichtbar mit seinem düsteren Sande; ein bleiches Entsetzen packte die Mannschaft. Dorthin blickten wir alle, vom tödlichen Schrecken geschüttelt. Da entraffte mir Skylla aus dem bauchigen Schiffe sechs der Gefährten, die stärksten an Kraft der rüstigen Arme. Als ich die Augen wandte ins Schiff und auf meine Besatzung, sah ich bereits hoch über mir schweben die Beine und Arme der in die Höhe gerissenen Opfer; sie riefen mich kläglich flehend beim Namen, zum letzten Male, in grausigen Ängsten. Wie ein Fischer an langer Rute, vom Vorsprung des Ufers, für die kleineren Fische den Bissen als Köder hinabläßt in das Meer und das Röhrchen vom Horn des Weidestiers auswirft, schließlich die zappelnde Beute im Bogen ans Land schwingt: genauso zappelten meine Gefährten, aufwärts gerissen am Felsen. Dort in dem Eingang zur Höhle verschlang sie das Untier; sie schrien, streckten verzweifelt die Hände nach mir in entsetzlichem Ringen. Schlimmeres habe ich niemals vor Augen bekommen bei allem, was ich an Schwerem erlitt beim Durchfahren der Bahnen des Meeres. Als wir die Prallfelsen und die wilde Charybdis und Skylla hinter uns hatten, erreichten wir bald die göttliche, schöne Insel, auf der die breitstirnigen, prachtvollen Rinder und vielen stattlichen Schafe des Gottes der Höhe, Helios, weilten. Da vernahm ich bereits, auf hoher See noch, im dunklen Schiffe das Brüllen der Rinder, die eingepfercht waren im Viehhof, und das Blöken der Schafe. Ich mußte der Weisung des blinden Sehers von Theben gedenken, Teiresias, wie auch der Warnung Kirkes, der Göttin, die mir nachdrücklich eingeschärft hatte, nicht zu betreten des menschenerfreuenden Helios Insel. Traurig begann ich demnach im Kreis der Gefährten zu sprechen: 'Höret mich an, ihr Freunde, trotz eurer mißlichen Lage! Mitteilen muß ich die Auskunft euch des Sehers von Theben wie der aiaiischen Kirke, die mir ausdrücklich einschärfte, nicht zu betreten des menschenerfreuenden Helios Insel. Dort, so erklärte sie, lauert auf uns das furchtbarste Unheil. Steuert daher das düstere Schiff an der Insel vorüber!' Derart sprach ich, und Schrecken durchzuckte meine Gefährten. Aber Eurylochos sagte mir gleich, und mich packte das Grausen: 'Schreckliche Härte beweist du, Odysseus, überaus kraftvoll bist du und kennst kein Wanken; aus Eisen bestehst du wohl völlig: deinen Gefährten, die unter Ermattung und Müdigkeit leiden, willst du den Landgang verbieten! Dort könnten wir wieder auf einer rings umbrandeten Insel ein leckeres Mahl uns bereiten. Aber du jagst uns, zur Stunde, wo plötzlich das Dunkel hereinbricht, fort von der Insel, sinnlos, über die endlosen Fluten! Stürme zur Nacht sind furchtbar, sie bringen den Schiffen Verderben! Wo nur sollte man Zuflucht suchen vor jäher Vernichtung, falls sich, urplötzlich, ein Sturmwind erhöbe, sei es der Notos, sei es der widrige Zephyros, die in besonderem Maße Schiffe zerschmettern, auch gegen den Willen der schützenden Götter? Nehmen wir demgemäß Rücksicht auf das nächtliche Dunkel, rüsten an Land die Mahlzeit und bleiben am eilenden Schiffe, gehen des Morgens an Bord und befahren weiter die Wogen!' Derart sprach er, ihm spendeten Beifall die andern Gefährten. Da erkannte ich klar, daß ein Daimon Unglück verhängte, und zu Eurylochos sprach ich die flugs enteilenden Worte: 'Zwingen könnt ihr mich wohl, da ich mich als einziger sträube. Aber ihr müßt es mir wenigstens noch verbindlich beschwören: Sollten auf Herden von Rindern oder von Schafen wir stoßen, schlachte mir keiner ein Rind und keiner ein Schaf in verruchter, frevler Gesinnung! Verzehret vielmehr in Ruhe die Speisen, die uns die mächtige Kirke, die Unsterbliche, mitgab!' Derart sprach ich; sie schwuren den Eid sogleich, wie ich wünschte. Als sie die Worte gesprochen und richtig den Eidschwur geleistet, legten wir an in der Bucht mit dem trefflich gezimmerten Schiffe, nahe bei einem süßen Quell; die Gefährten verließen eilig das Schiff und rüsteten sachverständig die Mahlzeit. Als sie darauf sich gesättigt hatten an Trank und an Speise, mußten sie weinen, weil sie der teuren Gefährten gedachten, die das Ungetüm Skylla dem Schiffsraum entrafft und verschlungen. Während sie weinten, sanken sie tief in erquickenden Schlummer. In dem letzten Drittel der Nacht, als die Sterne sich neigten, peitschte der wolkenballende Vater heftige Winde gegen die Küste, in furchtbarem Sturm, und hüllte in Schleier Erde und Meer. Noch düsterer sank vom Himmel das Dunkel. Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, legten wir unser Schiff in einer Grotte vor Anker, wo es herrliche Tanzplätze gab und Sitze für Nymphen. Da rief ich die Gefährten zusammen und sagte zu ihnen: 'Freunde, wir haben im schnellen Schiff noch genügend Verpflegung; schonen wir also die Rinder, damit uns kein Unheil begegne! Helios nämlich, der furchtbare Gott, der alles mitansieht, alles auch hört, ist Herr der Rinder und stattlichen Schafe!' Derart sprach ich, und meine mutigen Freunde gehorchten. Einen Monat hindurch blies unaufhörlich der Notos, blies kein anderer Wind als Euros und Notos zusammen. Und solange sie Speise und rötlichen Wein noch besaßen, rührten sie auch die Rinder nicht an aus Mangel an Nahrung. Als sie jedoch des Schiffes Vorräte aufgezehrt hatten, gingen sie notgedrungen auf Beute aus, Fische und Vögel, alles, was sie mit ihren Händen zu fangen vermochten, mittels gekrümmter Haken; es quälte sie wütender Hunger. Ich begab mich jedoch landeinwärts, die Götter zu bitten, einer von ihnen möge die Heimfahrt uns gnädig gewähren. Als ich beim Gang durch die Insel mich ferne befand von der Mannschaft, wusch ich an einem windgeschützten Platz mir die Hände, flehte sodann zu sämtlichen Göttern des hohen Olympos. Köstlichen Schlummer breiteten diese mir über die Augen. Aber inzwischen verführte Eurylochos meine Gefährten: 'Höret mich an, ihr Freunde, trotz eurer traurigen Lage! Grauen erweckt zwar immer der Tod bei den elenden Menschen; doch zu verhungern bedeutet, dem kläglichsten Tod zu erliegen! Auf denn, treiben wir her die besten der Heliosrinder, opfern sie dann den Göttern, den Herren des hohen Olympos! Kommen wir wirklich nach Ithaka wieder, zur Heimat der Väter, wollen wir gleich für Helios einen prachtvollen Tempel bauen, darinnen zahlreiche köstliche Schmuckstücke weihen! Zürnt uns Helios aber, wegen der aufrecht gehörnten Rinder, und will vernichten das Schiff, mit der Billigung aller übrigen Götter, so möchte ich lieber auf einmal ertrinken als in lang dauernden Qualen auf einsamer Insel verschmachten.' Derart sprach er, ihm spendeten Beifall die andern Gefährten. Schleunig trieben sie her die besten der Heliosrinder, ganz aus der Nähe; denn dicht am dunkelgeschnäbelten Schiffe weideten die gehörnten, breitstirnigen, stattlichen Rinder. Sie umringten die Tiere, flehten empor zu den Göttern, pflückten sich schwellende Blätter vom Laub der ragenden Eiche, fehlte es doch an Gerste im trefflich gezimmerten Schiffe. Nach dem Gebete schlachteten sie und zogen das Fell ab, schnitten die Schenkelstücke heraus und hüllten sie doppelt ein in die Fettschicht und legten dann rohe Schnitzel darüber. Wein auch besaßen sie nicht zum Besprengen der flammenden Opfer, sondern sie spendeten Wasser und brieten die inneren Teile. Als das Opfer verbrannt und der Vorschmaus verzehrt war, zerschnitten sie das übrige Fleisch und steckten es schleunig auf Spieße. Währenddessen entwich mir der köstliche Schlaf von den Augen, und ich eilte zum schnellen Schiff und zum Meeresgestade. Als ich dem doppeltgeschweiften Schiffe schon nahe gekommen, wehte der lauwarme Dunst mir des Opferduftes entgegen. Da begann ich zu jammern und flehte laut zu den Göttern: 'Vater Zeus und ihr anderen glücklichen, ewigen Götter, mir zum Verderben wiegtet ihr mich in den grausamen Schlummer, während die Mannschaft, am Schiffe geblieben, Verbrechen verübte!' Schleunig hatte Lampetia schon, in langem Gewande, Helios Meldung gebracht, daß wir die Rinder geschlachtet. Gleich sprach er im Kreis der Unsterblichen, heftig erbittert: 'Vater Zeus und ihr anderen glücklichen, ewigen Götter, lasset mir büßen die Mannschaft des Sohns des Laërtes, Odysseus, die mir, maßlos im Frevel, die Rinder geschlachtet, die Tiere, deren ich ständig mich freute, beim Anstieg zum Himmel der Sterne wie auch zur Stunde, da ich zurückfuhr vom Himmel zur Erde! Zahlen die Täter mir nicht für die Rinder gebührende Buße, will in den Hades ich sinken und bei den Verstorbenen leuchten!' Ihm gab Antwort darauf der wolkenballende Vater: 'Helios, leuchte nur weiter im Kreis der unsterblichen Götter wie auch der sterblichen Menschen auf der nährenden Erde! Bald will ich das eilende Schiff der Verbrecher mit grellem Blitzstrahl zu Stücken zerschmettern, mitten auf schimmerndem Meere!' Später erfuhr ich dies von der lockigen Nymphe Kalypso; ihrerseits wollte sie es vernommen haben von Hermes. Als ich zum Schiffe gelangte und zum Gestade des Meeres, schalt ich die Frevler, Mann für Mann; doch konnten wir keinen Weg zur Errettung mehr finden; schon waren die Rinder geschlachtet. Gleich offenbarten die Götter den Übeltätern ein Wunder: Schrecklich zu kriechen begannen die blutigen Felle; laut brüllte, roh wie gebraten, das Fleisch an den Spießen, als sei es lebendig. Nunmehr schmausten, sechs Tage lang, meine teuren Gefährten Heliosrinder, die besten, die sie zum Schlachten getrieben. Als nach dem Willen des Zeus der siebente Morgen heraufzog, legte sich endlich der heftig brausende Sturmwind, wir gingen unverzüglich an Bord und fuhren hinaus auf die Fluten, richteten auf den Mast und setzten das leuchtende Segel. Als wir die Insel verlassen hatten und nirgendwo andre Küsten sich zeigten, sondern lediglich Himmel und Wasser, ballte der Sohn des Kronos über dem bauchigen Schiffe düstres Gewölk, und finster wurden darunter die Wogen. Nicht mehr lange segelte zügig das Fahrzeug; denn plötzlich heulte der Zephyros böig heran mit stürmischem Brausen. Beide Bugstage riß auseinander der Anprall des Stoßes. Hintenüber krachte der Mastbaum, das Takelwerk stürzte in den Schiffsraum hinunter. Hart traf die Spitze des Mastbaums hinten am Heck den Schädel des Steuermanns, brach ihm die Knochen sämtlich entzwei; der Getroffene flog, wie ein Taucher, kopfüber von dem Verdeck, das Leben war den Gebeinen entflohen. Nunmehr donnerte Zeus, warf gleichzeitig kraftvoll den Blitzstrahl gegen das Schiff. Von dem Schlage erzitterten sämtliche Planken. Durchdringend roch es nach Schwefel, es stürzten von Bord die Gefährten. Seekrähen gleich, so trieben sie rings um den düsteren Schiffsrumpf auf den Wellen. Zeus hatte ihnen die Heimkehr vereitelt. Unstet durchirrte, allein, ich das Schiff, bis der Anprall der Wogen Schiffswand und Kielbalken trennte und kahl den Balken dahintrug, gegen ihn aber den Mastbaum schmetterte. Über dem Maste hing noch das Backstag; es war aus fester Rindshaut gefertigt. Mit ihm band ich den Kielbalken und den Mast aneinander und trieb sitzend dahin vor den grausigen Stößen des Windes. Endlich kam des Zephyros stürmisches Brausen zur Ruhe. Aber der Notos erhob sich; ich sollte, zu neuem Entsetzen, einmal vorüber noch fahren an der wilden Charybdis. Nordwärts trieb ich, die Nacht hindurch. Beim Aufgang der Sonne kam ich zum Felsen der Skylla und zur verhaßten Charybdis. Eben schlürfte sie ein die salzigen Fluten des Meeres. Aufwärts sprang ich und klammerte mich an den ragenden Baumstamm, hielt mich fest wie die Fledermaus; es war mir nicht möglich, mich mit den Füßen anzustemmen und höherzuklettern, lag doch das untere Baumende tief, die weite und starke Krone sehr hoch; die Äste beschatteten weit die Charybdis. Standhaft hielt ich mich fest, bis der Strudel den Kiel und den Mastbaum wieder herausspeien würde. Ich wartete sehnsüchtig, endlich tauchten sie auf. Zu der Stunde, da sich ein Richter, der viele Streitigkeiten rechtsuchender Männer entschied, von dem Marktplatz heimwärts begibt, zum Essen, da kamen sie wieder zum Vorschein. Vorsichtig lockerte ich die Beine und Arme zum Fallen, plumpste hinein in den Strudel, neben die mächtigen Balken, schwang mich zum Sitzen hinauf und benutzte die Hände als Ruder Skyllas Anblick ersparte mir freilich der Vater der Menschen wie auch der Götter; kaum wäre ich sonst dem Verderben entronnen. Weiterhin trieb ich, neun Tage; am zehnten ließen, zur Nachtzeit, Götter mich auf Ogygia stranden, dem Wohnort Kalypsos, jener gelockten, mächtigen, menschlich sprechenden Göttin, die mich gastlich betreute. Wozu dies weitläufig schildern? Gestern bereits erzählte ich, hier im Saale, darüber dir und deiner machtvollen Gattin; ich kann es nicht leiden, alles, was deutlich gesagt ist, noch einmal in Worte zu kleiden."
Dreizehnter Gesang
Wie Odysseus von den Phaiaken nach Ithaka gebracht wurde und mit Athene über die weiteren Schritte seiner Rückkehr beriet
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Endlich, die Küste, Ithaka in Sicht, mein Herz schlägt schnell, die Heimat verspricht. Die Phaiaken brachten mich sicher nach Haus, doch die Arbeit beginnt, der Kampf bricht aus. [Verse 1: Odysseus] Das Schiff legt an, die Nacht ist still, ich liege im Sand, mein Geist bleibt im Will’. Athene erscheint, mit List in der Hand, „Odysseus, sei klug, das ist dein Land.“ Doch Fremde herrschen, die Freier sind dreist, sie plündern mein Haus, sie spielen den Geist. Athene verschleiert mein edles Gesicht, „Du bist ein Bettler, bis die Wahrheit spricht.“ [Refrain: Odysseus & Chorus] Ithaka, mein Ziel, doch der Kampf steht bevor, mein Geist bleibt klar, ich geh durch jedes Tor. Von List und Verkleidung – das Spiel beginnt, Odysseus kehrt heim, wie der Sturm im Wind. [Verse 2: Odysseus] Eumaios, der Schweinehirt, treu und alt, er gibt mir Zuflucht, sein Herz bleibt kalt. „Die Freier sind viele, dein Haus ist besetzt, doch Hoffnung lebt, wenn du weise schätzt.“ Athene lächelt, ihr Plan ist bereit, „Ruf deinen Sohn, es wird höchste Zeit. Telemachos kehrt zurück von der See, Vater und Sohn – die Stunde ist eh.“ [Refrain: Odysseus & Chorus] Ithaka, mein Ziel, doch der Kampf steht bevor, mein Geist bleibt klar, ich geh durch jedes Tor. Von List und Verkleidung – das Spiel beginnt, Odysseus kehrt heim, wie der Sturm im Wind. [Bridge: Odysseus] Ich bin ein König, doch verborgen im Staub, die Wahrheit wird kommen, wie der Morgen so taub. Athene führt mich, ihr Licht ist mein Schild, die Rache ist nah, der Plan ist erfüllt. [Outro: Odysseus] Von Phaiaken geführt, das Ziel ist erreicht, doch die Heimkehr allein – noch nicht meine Zeit. Ithaka, mein Reich, ich kämpf um den Thron, Odysseus kehrt heim – mein Herz, mein Lohn.
Der vollständige 13. Gesang
Derart sprach er, und alle verstummten in lautlosem Schweigen; spannungerfülltes Entzücken umfing sie im schattigen Saale. König Alkinoos gab dem Erzähler Bescheid und erklärte: "Da du, Odysseus, mein ragendes Haus mit der ehernen Schwelle einmal betratest, dürftest du ohne weitere Irrfahrt glücklich die Heimat erreichen, trotz deiner bisherigen Leiden! Dringend erteile ich jedem von euch jetzt meine Befehle, allen, die ihr den funkelnden Ehrenwein ständig in meinem Hause behaglich trinkt und die Lieder des Sängers mitanhört! In der geglätteten Truhe liegen bereits die Gewänder für den Gast, das kunstreich geschmiedete Gold und die andern Gaben, soweit die phaiakischen Fürsten zum Schlosse sie brachten. Schenken wir ihm, ein jeder von uns, noch zusätzlich einen großen Dreifuß mit Becken! Wir lassen den Wert uns vom Volke wiedererstatten; ohne Ersatz kann keiner es leisten." Derart sprach er; es billigten alle den Vorschlag des Königs. Nunmehr begab sich ein jeder nach Haus, um sich schlafen zu legen. Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, eilten zum Schiff sie und brachten die stattlichen ehernen Stücke. Diese verstaute der rüstige, kraftvolle Herrscher persönlich unter den Ruderbänken, das Schiff durchschreitend; die Gaben sollten die Mannschaft beim angestrengten Rudern nicht hindern. Danach gingen die Fürsten ins Schloß und hielten ein Festmahl. Einen Stier ließ ihnen der starke Alkinoos schlachten, Zeus, dem düster Umwölkten, zu Ehren, der allen gebietet. Nach dem Verbrennen der Schenkelstücke erquickten sie üppig sich an der Mahlzeit. Demodokos, der vom Volke verehrte göttliche Sänger, erfreute sie durch sein Lied. Doch Odysseus wandte sein Haupt stets wieder zur leuchtenden Sonne, er wünschte dringend, sie möge doch untergehen. Es zog ihn nach Hause. Wie nach der Mahlzeit sich sehnt der Landmann, dem über den ganzen Tag hin die rötlichen Stiere mit festem Pfluge die Furchen ziehen, er innig des Sinkens der Sonne sich freut, das ihm endlich stärkendes Essen vergönnt, und beim Gehen die Knie ihm wanken: ebenso freute Odysseus sich über das Sinken der Sonne. Zu den Phaiaken sprach er sogleich, den Freunden der Ruder, richtete an den Herrscher dabei besonders die Bitte: "König Alkinoos, ausgezeichnet vor sämtlichen Männern, spendet die Opfer, entlaßt mich zu sicherer Heimfahrt, ich grüße herzlich euch alle zum Abschied! Jetzt ward mir erfüllt, was ich wünschte, Heimkehr und hocherfreuliche Gaben; die Himmelsbewohner mögen sie gnädig mir segnen! Fände ich glücklich die edle Gattin daheim, im Kreise der wohlbehaltenen Lieben! Ihr, die im Lande ihr bleibt, lebt weiter zur Freude der teuren Frauen und Kinder! Und mögen die Götter euch alles gedeihen lassen, und bleibe dem Volke erspart ein jegliches Unglück!" Derart sprach er, und Beifall spendeten alle und wünschten, heimzugeleiten den Gast, weil er billig und schicklich gebeten. An den Herold wandte sich jetzt der kraftvolle König: "Mische im Kruge den Wein, Pontonoos, allen im Saale biete ihn dar! Wir wollen beten zum göttlichen Vater, anschließend unseren Gast in seine Heimat entlassen!" Derart befahl er. Den süßen Wein vermischte der Herold, reichte dann allen die Becher. Sie brachten den seligen Göttern, die den weiten Himmel bewohnen, die Spende, von seinem Platze ein jeder. Nunmehr erhob sich der edle Odysseus, gab in Aretes Hand den doppelt gehenkelten Becher und sprach herzlich zu ihr die im Fluge enteilenden Worte: "Königin, führe ein glückliches Leben, bis über dich kommen Alter und Tod, die nun einmal den Menschen bestimmt sind. Ich selber fahre nach Hause. Doch du erfreu dich in deinem Palaste weiter an deinen Kindern, dem Volk und dem kraftvollen König!" Damit begab sich der edle Odysseus über die Schwelle. Einen Herold entsandte mit ihm der mächtige Herrscher, ihn zu dem schnellen Schiff und an das Gestade zu führen. Gleichzeitig schickte Arete mit ihm drei dienende Frauen. Eine trug ihm den frischgewaschenen Mantel und Leibrock; einer befahl sie, die festverschlossene Truhe zu tragen; rötlichen Wein und Verpflegung brachte, zum Abschluß, die dritte. Als sie zum schnellen Schiffe und an das Gestade gelangten, nahm die Besatzung, die edlen Jünglinge, gleich die Geschenke und die Verpflegung entgegen und brachte im Schiffsraum sie unter. Polster und Linnen breiteten sie auf das Deck des gewölbten Hinterschiffs, für Odysseus; er sollte dort ungestört schlafen. Nunmehr ging auch Odysseus an Bord und legte sich schweigend nieder. Die Jünglinge setzten sich auf die Bänke, in strenger Ordnung, und lösten das haltende Tau vom durchlöcherten Steine; während sie rückwärts sich lehnten und mit den Rudern die Fluten peitschten, befiel erquickender Schlummer die Augen des Helden, köstlich und fest, so tief wie die ewige Ruhe des Todes. Wie auf der Ebene ein Gespann vier feuriger Hengste losstürmt in einem Anlauf und, vor den Schlägen der Geißel hohe Sätze vollführend, behende die Strecke zurücklegt, ebenso hob sich das Heck des Schiffes, und hinter ihm brausten wallend einher die mächtigen Wellen des rauschenden Meeres. Sicher und unaufhaltsam eilte das Schiff; selbst ein Falke hätte es schwerlich einholen können, der schnellste der Vögel. Derart behende durchschnitt es im Laufe die Fluten des Meeres, trug den Helden dahin, der göttliche Klugheit bewährte, ihn, der so zahlreiche furchtbare Leiden aushalten mußte in dem entsetzlichen Kampf mit dem Feind und im Anprall der Wogen, aber zur Stunde regungslos schlief, enthoben dem Unglück. Als das Gestirn emporstieg, das weithin strahlende, dessen Aufgang das Kommen der frühgeborenen Eos verkündet, näherte sich das meerüberquerende Fahrzeug der Insel. Phorkys, dem Alten vom Meere, gehört ein ithakischer Hafen. Dieser besitzt zwei schroffe, vorspringende felsige Klippen, die nach der Seite des Hafenbeckens allmählich sich senken und die von widrigen Stürmen erregten Wogen dem Hafen fernhalten; drinnen können die trefflich gezimmerten Schiffe ohne Vertäuung bleiben, sobald sie zum Liegeplatz kommen. Weiter landeinwärts, am Ende des Hafens, erhebt sich, mit langen Blättern, ein Ölbaum, daneben die liebliche, dämmrige Grotte, heilig den Nymphen der Quelle, den sogenannten Najaden. Steinerne Kessel, auch steinerne Krüge mit doppelten Henkeln stehen darinnen - in diesen bereiten Honig die Bienen -, riesige steinerne Webstühle auch, auf denen die Nymphen Schleier sich weben, tiefleuchtend wie Wogen, ein Anblick zum Staunen. Niemals versiegende Quellen entspringen im Innern der Grotte. Eingänge hat sie zwei; den nördlichen nutzen die Menschen, nur den Unsterblichen dient der südliche; diesen durchschreiten Sterbliche nie, er dient als Zugang lediglich Göttern. In den Hafen lenkte die Mannschaft; er war ihr bekannt schon. Bis zur Hälfte des Rumpfes glitt das Fahrzeug im raschen Schwung auf den Strand; so kraftvoll stemmten die rudernden Arme. Aus dem vortrefflich gezimmerten Schiffe stiegen die Leute, hoben zuerst Odysseus aus dem bauchigen Fahrzeug, mit ihm das Linnen und schimmernde Polster, und legten den immer noch von dem Schlummer Umfangenen nieder am sandigen Strande, luden die Güter auch aus, die dem Helden die edlen Phaiaken mit in die Heimat gegeben auf Antrieb der mutigen Pallas. Alles zusammen stellten sie hin am Fuße des Ölbaums, abseits des Weges; kein Vorübergehender sollte, ehe Odysseus erwachte, etwa die Schätze noch plündern. Danach traten die Heimfahrt sie an. Doch es hatte Poseidon nicht die Drohung vergessen, die einst er gegen Odysseus schleuderte, und er suchte die Meinung des Zeus zu erfahren: "Vater Zeus, ich werde nicht länger im Kreise der Götter Ehren genießen, da Sterbliche schon mir die Achtung verweigern, die Phaiaken, die doch mit meinem Geschlechte verwandt sind! Unter entsetzlichen Leiden, so lautete meine Erklärung, sollte Odysseus die Heimat erreichen; nicht völlig vereiteln wollte ich ihm die Rückfahrt, weil du sie ihm sicher versprachest. Aber sie brachten im Schlaf ihn zur See in die Heimat und legten ihn auf Ithaka nieder und schenkten ihm köstliche Gaben, Stücke aus Erz und Gold und Gewänder in Menge, so reichlich, wie er sie schwerlich aus Ilion hätte mitbringen können, wäre verlustlos mit seiner Beute nach Haus er gekommen!" Ihm gab Antwort der wolkenballende Vater und sagte: "Seltsam, du mächtiger Erderschütterer, was du da redest! Niemals verweigern die Götter dir Achtung; es wäre kaum möglich, einen so alten und vornehmen Gott mit Schmach zu bedecken. Sollte jedoch ein Mensch auf Trotz und Gewalt sich verlassen und dein Ansehen schmälern, so kannst du dich immer noch rächen. Handle getrost nach deinem Willen und deinem Belieben!" Ihm gab Antwort darauf der Gott, der die Erde erschüttert: "Handeln will ich sofort, wie du anrätst, Düsterumwölkter! Suche ich deinen Groll doch stets voll Rücksicht zu meiden. Nunmehr indessen will ich das stattliche Schiff der Phaiaken, kehrt es zurück von seiner Geleitfahrt, auf endlosem Meere scheitern lassen - sie sollen nicht länger Menschen geleiten! -, aber die Stadt der Phaiaken mit hohen Bergen umgeben!" Ihm gab Antwort der wolkenballende Vater und sagte: "Folgendes Handeln, mein Lieber, scheint mir am stärksten zu wirken: Wenn die Phaiaken das Schiff von der Stadt aus zurückkommen sehen, dann verwandle es, nahe dem Lande, zu Stein, doch belasse seine Gestalt ihm, damit es sämtliche Menschen bestaunen! Aber die Stadt der Phaiaken umgib mit ragenden Bergen!" Als der Gott, der die Erde erschüttert, die Weisung vernommen, eilte er fort nach Scheria, das die Phaiaken bewohnen. Ebendort machte er halt. Da nahte schon über die Fluten brausend das Schiff. Dicht trat Poseidon heran an das Fahrzeug, schlug es mit flacher Hand, ließ dadurch zum Felsen es werden und auf dem Meeresgrund haften. Anschließend zog er von dannen. Doch die Phaiaken, die ruhmreichen Seefahrer, Freunde der Ruder, wechselten untereinander im Fluge enteilende Worte. Da sprach mancher, den Blick auf seinen Nachbar gerichtet: "Ha! Wer hemmte das eilende Schiff auf dem Meere bei seiner Heimfahrt? Wir hatten es doch schon völlig vor unseren Augen!" So sprach mancher; sie kannten noch nicht den wirklichen Hergang. Da ergriff Alkinoos klagend das Wort in dem Kreise: "Weh! So erfüllt sich tatsächlich an mir ein altes Orakel, das mein Vater mir gab, einst werde Poseidon uns zürnen, weil wir jeden so sicher geleiteten; späterhin einmal werde der Gott ein stattliches Schiff der Phaiaken auf seiner Rückkehr von einer Geleitfahrt auf dem unendlichen Meere scheitern lassen, doch unsere Stadt mit Bergen umschließen. So prophezeite der Alte. Dies geht jetzt genau in Erfüllung. Auf denn, meinem Befehle wollen wir alle gehorchen! Gebet nicht länger Geleitschutz für Sterbliche, sollte noch jemand unsere Hauptstadt besuchen! Und zwölf erlesene Stiere wollen Poseidon wir opfern; er möge, aus Mitleid, verzichten, unsere Stadt mit ragenden Bergen rings zu umschließen!" Derart sprach er: Furcht packte das Volk, man besorgte das Opfer. Fürsten und Herren des phaiakischen Volkes umringten gleich den Altar und flehten innig zum Herrscher Poseidon. Währenddessen erwachte der edle Odysseus aus seinem Schlafe auf heimischem Boden. Er kannte nach seiner so langen Irrfahrt die Heimat nicht wieder. Mit Nebel umgab ihn die Gottheit, Pallas Athene, die Tochter des Zeus; sie wollte den Helden fremden Blicken entziehen, ihn selbst genau unterrichten, sollten doch Gattin und Freunde und Bürger ihn dann erst erkennen, wenn die Freier ihr schamloses Treiben abgebüßt hatten. Deshalb erschien dem Gebieter der Insel auch alles befremdlich, Wege, die weit sich erstreckten, Häfen, die überall Schiffen Zuflucht versprachen, ragende Felsen und grünende Bäume. Staunend fuhr er empor und faßte die Heimat ins Auge. Aber er brach in Wehklagen aus und schlug sich mit flachen Händen die Schenkel und rief in schmerzlichem Jammern die Worte: "Weh mir! Was sind das für Menschen, in deren Land ich gekommen? Sind sie Verbrecher und Wilde und Feinde des rechtlichen Handelns oder Bewahrer des Gastrechts und dienen voll Ehrfurcht den Göttern? Wohin soll ich die zahlreichen Schätze hier bringen und wohin selber noch schweifen? Ach, wären sie bei den Phaiaken geblieben, ich zu einem anderen mächtigen König gekommen, der mich bewirtet und heimgeschickt hätte! Jetzt kann ich die Schätze weder in Sicherheit bringen, noch darf ich sie hier auf dem Platze liegenlassen; sonst fallen sie bloß noch andern zur Beute! Wehe, ganz unklug, ganz ungerecht zeigten sich also die Fürsten der Phaiaken, die in ein fremdes Land mich verschleppten. Freilich, sie hatten behauptet, sie wollten mich bringen zum weithin sichtbaren Ithaka, aber sie haben ihr Wort nicht gehalten. Zeus, der Beschützer des Gastrechts, möge sie strafen - auch andre Menschen beobachtet er und bestraft sie bei jeder Verfehlung. Aber wohlan denn, zählen will ich die Stücke und sehen, ob sie mir etwas entführten auf ihrem bauchigen Schiffe!" Damit begann er die herrlichen Dreifüße, Kessel, die goldnen Wertstücke und die vortrefflich gewebten Kleider zu zählen. Nichts von den Schätzen vermißte er. Wieder beklagte er seiner Heimat Verlust und schlich an der Küste des rauschenden Meeres bitterlich jammernd entlang. Da nahte ihm Pallas Athene. Sie erschien ihm als junger Mann, als Hüter von Schafen, zart und gepflegt, wie Kinder von Fürsten, und trug um die Schultern einen vorzüglich gewebten, doppelt gefalteten Mantel, unter den glänzenden Füßen Sandalen, den Spieß in den Händen. Freudig erblickte Odysseus den Jüngling, er trat ihm entgegen, richtete an ihn sogleich die flugs enteilenden Worte: "Dir, mein Lieber, begegne ich hierzulande als erstem; deshalb sei mir gegrüßt und erweise mir freundliche Hilfe! Rette die Schätze hier, rette mich selber! Als wärest du eine Gottheit, so bitte ich dich und umschlinge dir flehend die Knie. Wahrheitsgemäß auch erteile mir Auskunft, ich möchte es wissen! Sage, wie heißen das Land und das Volk hier? Wer sind die Bewohner? Ist dies eine weit sichtbare Insel? Oder gehört die Küste, die hier am Meere sich hinstreckt, zum fruchtbaren Festland?" Ihm gab Antwort die helläugig blickende Göttin Athene: "Fremdling, du bist ein Dummkopf oder von weither gekommen, wenn du nach diesem Lande mich fragst. So unberühmt nämlich ist es durchaus nicht. Zahlreiche Menschen kennen es, alle, die nach dem Osten und zum Aufgang der Sonne hin wohnen wie, auf der anderen Seite, zum Dämmerung bringenden Abend. Freilich, das Land ist rauh, nicht geeignet zum Tummeln der Rosse, aber durchaus nicht armselig, wenn auch gering nur an Umfang. Reichlich Getreide bringt es hervor, es gedeiht auch auf seinen Fluren der Wein; nie fehlt es an köstlichem Tau ihm und Regen. Treffliche Weiden bietet es Ziegen und Rindern, besitzt auch Mischwälder, birgt auch niemals versiegende Plätze zum Tränken. Deshalb gelangte, Fremdling, Ithakas Ruhm bis nach Troja, das doch, so wird berichtet, sehr weit von Achaia entfernt liegt!" Derart sprach sie, und Freude empfand der göttliche Dulder, glücklich über die Ankunft auf heimischer Erde, wie Pallas sie ihm enthüllte, die Tochter des Zeus, des Trägers der Aigis. Er entgegnete ihr die flugs enteilenden Worte - mied indessen die Wahrheit, verhehlte sie klug und bedachtsam, ständig bereit zu listigen, vorteilhaften Entschlüssen -: "Ithaka hörte ich nennen, jawohl, im geräumigen Kreta, fernher über die See. Heut komme ich selber, mit diesen Schätzen; genausoviel hinterließ ich den Kindern: Verbannter bin ich, weil ich den Sprößling des Idomeneus erschlagen, den geschwinden Orsilochos, der im geräumigen Kreta sämtliche übrigen tätigen Menschen im Wettlauf besiegte, wollte er mir doch die ganze troische Beute entreißen, derentwegen ich bittere Mühsal aushalten mußte, leidige Kämpfe gegen den Feind und Stürme des Meeres - weil ich es ablehnte, seinem Vater vor Troja zu dienen, lieber selbst als Befehlshaber anderer Heerscharen kämpfte. Ihn erschoß ich mit ehernem Speer bei der Rückkehr vom Acker, lauerte, nahe am Wege, ihm auf mit einem Gefährten. Finstere Nacht bedeckte den Himmel, es konnte uns niemand sehen, und unbemerkt entriß ich dem Gegner das Leben. Aber sobald ich mit schneidendem Erze ihn umgebracht hatte, eilte ich flüchtend auf ein Schiff der berühmten Phoiniker, flehte sie an, gab ihnen auch reichlich teil an der Beute, bat sie, an Bord mich zu nehmen und mich nach Pylos zu bringen oder ins herrliche Elis, wo die Epeier gebieten. Doch ein gewaltiger Sturm verschlug sie von diesen Gebieten; unlieb war es ihnen, sie wollten mich nicht hintergehen. Hierher gelangten sie auf der Irrfahrt, zu nächtlicher Stunde, ruderten in den Hafen mit letzten Kräften, und keiner dachte ans Essen, wie sehr wir auch stärkender Nahrung bedurften; sondern wir gingen von Bord und legten uns hungrig zur Ruhe. Da übermannte mich köstlicher Schlummer in meiner Erschöpfung. Doch die Phoiniker luden mein Gut aus dem bauchigen Schiffe; dort, wo ich schlief am Gestade, legten sie sorgsam es nieder. Danach gingen sie wieder an Bord und fuhren zu Sidons volkreicher Küste von dannen; ich blieb, mit bekümmertem Herzen." Derart sprach er, und lächeln mußte die Göttin Athene, streichelte ihn und zeigte in wahrer Gestalt sich dem Helden, stattlich und groß, ein Weib, zu herrlicher Leistung befähigt. An ihn richtete sie die im Fluge enteilenden Worte: "Schlau und durchtrieben müßte schon sein, wer in allerlei Listen dich überträfe, und käme dir auch ein Gott in die Quere! Bösewicht, Ränkeschmied, unersättlich an listigen Plänen, auch auf dem Boden der Heimat verzichtest du nicht auf die Täuschung und den Betrug, die zu deinem innersten Wesen gehören! Reden wir aber nicht weiter darüber, wir beide verstehen klüglich zu denken - du kannst, als ein Mensch, bei weitem am besten raten und reden, und ich erfreue im Kreise der Götter ebenfalls mich des Ruhmes der Weisheit. Und trotzdem: die Göttin Pallas Athene, die Tochter des Zeus, erkanntest du gar nicht, mich, die in jeder Gefahr ich Beistand und Schutz dir gewähre, dir auch die freundliche Hilfe aller Phaiaken verschaffte! Hierher komme ich heute, gemeinsam mit dir zu beraten und zu verstecken, was dir die edlen Phaiaken an Schätzen auf die Heimreise mitgaben, meinem Willen zufolge, auch, dir zu sagen, was du in deinem stattlichen Hause noch zu erdulden hast! Ertrage es, wenn auch gezwungen; keinem der Männer und keiner der Frauen, nicht einem, verrate, daß du von deiner Irrfahrt heimkehrtest, sondern erdulde schweigend die bittere Unbill und schick dich ins Treiben der Feinde!" Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Schwerlich erkennt dich, Göttin, ein Sterblicher, der dir begegnet, mag er verständig auch sein; du erscheinst ja in allen Gestalten! Eines indessen weiß ich genau: Du hast mir schon immer Gnade erwiesen, solange wir Griechen vor Ilion kämpften. Seit wir jedoch des Priamos Festung ausgetilgt hatten, wieder die Schiffe bestiegen, ein Gott dann die Griechen zerstreute, konnte ich, Tochter des Zeus, dich weder sehen noch hören, wie du mein Schiff betratest, mich gegen Gefahren zu schützen, sondern ich irrte ständig umher mit bekümmertem Herzen, bis mich die Götter aus meinem bitteren Unglück befreiten; erst in dem fruchtbaren Land der Phaiaken hast du mir freundlich Mut zugesprochen und mich persönlich zur Hauptstadt geleitet. Nunmehr bitte ich dich, bei deinem Vater - denn schwerlich, fürchte ich, kam ich zum weithin sichtbaren Ithaka; eher treibe ich mich noch umher in der Fremde, du aber verhöhnst mich, Göttin, mit deinen schönklingenden Worten, um mich zu betrügen -, sage mir: Weile ich wirklich im teuren Lande der Väter?" Ihm gab Antwort die helläugig blickende Göttin Athene: "Immer bewahrest du dir solch eine vernünftige Vorsicht. Deshalb vermag ich dich auch im Unglück nie zu verlassen, weil du besonnen dich zeigst, von raschem Entschluß und verständig. Freudig würde ein anderer, der von der Irrfahrt zurückkehrt, vorwärtseilen, im Hause die Frau und die Kinder zu sehen. Aber du möchtest dann erst offene Auskunft dir holen, wenn du die Frau auf die Probe gestellt hast, deine Gemahlin, die noch genauso sitzt im Palaste: Im Elend, mit Tränen schwinden ihr unaufhörlich dahin die Tage und Nächte. Nie zwar hegte ich Zweifel, nein, ich wußte es sicher, daß du heimkehren wirst, obwohl nach Verlust der Gefährten; aber ich wollte den offenen Kampf mit Poseidon vermeiden, meinem Onkel, der heftig dir grollt in bitterem Zorne, weil du seinem geliebten Sohne das Augenlicht raubtest. Aber jetzt will ich dir Ithaka zeigen; dann wirst du mir trauen. Phorkys, dem Alten vom Meere, gehört hier der sichere Hafen; dort, an dem Ende des Hafens, landeinwärts, erhebt sich, mit langen Blättern, ein Ölbaum, daneben die liebliche, dämmrige Grotte, heilig den Nymphen der Quelle, den sogenannten Najaden, da die gewölbte Höhle, dir innig vertraut, wo du oftmals reiche, Erfüllung bringende Opfer geschlachtet den Nymphen; dort die bewaldeten Höhen sind die Neritonberge." Damit zerstreute die Göttin den Nebel, es wurde die Landschaft sichtbar. Da freute der göttliche Dulder Odysseus sich herzlich seiner geliebten Heimat, er küßte die nährende Erde. Danach erhob er die Hände und flehte sogleich zu den Nymphen: "Quellnymphen, Töchter des Zeus, ich mußte tatsächlich befürchten, niemals euch wiederzusehen. Jetzt seid mir, in freundlichem Beten, innig gegrüßt! Wir werden auch Gaben euch weihen, wie früher, sollte die beutespendende Pallas mich gnädig noch weiter leben lassen und meinem Sohne Gedeihen vergönnen!" Ihm gab Antwort die helläugig blickende Göttin Athene: "Sei nur getrost und mache dir darum keinerlei Sorgen! Aber verstecken wir jetzt im Winkel der göttlichen Höhle gleich die Schätze! Dort werden sie sicher erhalten dir bleiben. Danach beraten wir uns, wie am besten wir weiterhin handeln!" Damit begab sich die Göttin hinein in die dämmrige Grotte, suchte im Innern nach sichren Verstecken. Aber Odysseus trug die Stücke hinein, das Gold, die Gefäße aus festem Erz und die stattlichen Kleider, die ihm die Phaiaken verehrten. Pallas, die Tochter des Zeus, des Trägers der Aigis, verstaute sorgfältig alles und rollte dann einen Stein vor den Eingang. Hierauf ließen sich beide am Fuß des heiligen Ölbaums nieder und hielten Beratung, den maßlosen Freiern zum Unglück. Pallas ergriff das Wort, die helläugig blickende Göttin: "Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, scharf überlege dein Vorgehen gegen die schamlosen Freier, die sich drei Jahre bereits im Palast als Herren gebärden und dir die göttliche Gattin mit Freiersgaben umwerben. Ständig erwartet sie, jammernd in Sehnsucht, daß du zurückkehrst; allen erweckt sie Hoffnung und macht durch Botschaften immer wieder Versprechungen; aber sie hat ganz andres im Sinne." Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Wehe, dem kläglichen Schicksal des Atreussohns Agamemnon wäre ich jetzt tatsächlich in meinem Hause verfallen, hättest du, Göttin, mir nicht die entsprechende Auskunft gegeben! Aber jetzt rate mir, bitte, wie ich die Freier bestrafe, flöße mir Kühnheit und Zuversicht ein und gewähre mir Beistand, derart wie damals, wo Trojas glänzende Zinnen wir brachen! Trätest du, helläugig Blickende, mir so eifrig zur Seite, rückte ich dreihundert Feinden sogar zum Kampfe entgegen, mächtige Gottheit, mit dir, erwiesest du gnädig mir Hilfe!" Ihm gab Antwort die helläugig blickende Göttin Athene: "Tatkräftig will ich dir helfen, dich nicht aus den Augen verlieren, wenn wir das Unternehmen beginnen. Ich glaube, noch mancher wird sein Gehirn und Blut auf den stattlichen Fußboden spritzen aus der Rotte der Freier, die jetzt dein Vermögen verprassen. Aber wohlan, ich will dich für jedermann unkenntlich machen, einschrumpfen lassen die blühende Haut der geschmeidigen Glieder, tilgen die blonden Haare vom Haupt, in Lumpen dich hüllen, deren Anblick bei jedem Begegnenden Ekel hervorruft, schließlich noch trüben den Blick der einstmals so strahlenden Augen. Häßlich erscheinen sollst du sämtlichen Freiern, der Gattin wie auch dem Sohne, den du zurückgelassen im Hause. Danach begib dich zuerst zu dem Hirten, der sorgfältig deine Schweine behütet, genauso die Treue bewahrt auch dir selber, deinen Sohn auch verehrt und deine verständige Gattin! Antreffen wirst du ihn unter den Schweinen, dort sitzt er; die Tiere weiden am Koraxfelsen und neben dem Quell Arethusa, fressen behaglich Eicheln und trinken vom düsteren Wasser; solcherlei Nahrung läßt bei den Schweinen die Fettschicht gedeihen. Bleibe bei ihm, nimm neben ihm Platz und frage nach allem, während nach Sparta ich gehe, dem Lande der stattlichen Frauen; deinen Sprößling Telemachos möchte ich rufen, Odysseus, der Menelaos besucht im geräumigen Land Lakedaimon, um sich nach dir zu erkundigen, falls du noch irgendwo lebtest." Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Warum erteiltest du ihm nicht Auskunft, obwohl du doch alles wußtest? Es sollte auch er wohl über die endlosen Fluten mühselig irren, indes ihm andre die Güter verpraßten?" Ihm gab Antwort die helläugig blickende Göttin Athene: "Mach dir um deinen Sprößling nicht allzu quälende Sorgen! Selber gab ich Geleit ihm; er sollte Ruhm sich erwerben durch die Reise nach Sparta. Er braucht nicht zu leiden, geruhsam weilt er im Schloß des Atriden, besitzt vom Nötigen reichlich. Jünglinge liegen im Hinterhalt zwar, auf düsterem Schiffe, wollen ihn töten, bevor er wieder im Vaterland eintrifft. Aber sie schaffen es nicht. Die Erde wird eher noch manchen decken vom Schwarme der Freier, die jetzt dein Vermögen verprassen." Derart tröstete Pallas, berührte ihn dann mit dem Stabe. Einschrumpfen ließ sie die blühende Haut der geschmeidigen Glieder, tilgte die blonden Haare vom Haupt, umhüllte den ganzen Körper mit runzliger Haut, wie einem Greise sie ansteht, trübte zum Abschluß den Blick der einstmals so strahlenden Augen. Elende Lumpen von Mantel und Leibrock warf sie ihm über, schmutzig, zerschlissen, völlig verrußt vom beizenden Rauche. Abgewetzt war das Hirschfell, das sie darüber ihm hängte. Einen Knüttel gab sie ihm, einen schäbigen Ranzen voller Löcher dazu, mit einem Stricke zum Tragen. Derart hielten sie ihre Beratung und trennten sich; Pallas eilte ins herrliche Land Lakedaimon, zum Sohn des Odysseus.
Vierzehnter Gesang
Wie Odysseus von dem Schweinehirten Eumaios aufgenommen wurde
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Im Schatten des Stalls, verborgen und still, mein Königreich wartet, doch ich bleib im Will’. Eumaios, der Hirt, mein treuer Mann, er kennt nicht mein Gesicht, doch er weiß, wer ich kann. [Verse 1: Odysseus] „Fremder“, sagt er, „wo kommst du her? Das Meer hat dich gezeichnet, dein Blick ist leer.“ Ich rede von Kämpfen, von Göttern und List, doch die Wahrheit bleibt verborgen – die Zeit, sie frisst. Er gibt mir Brot, sein Herz ist rein, „Mein König ist fort, doch sein Geist bleibt mein. Die Freier zerstören, sie rauben sein Haus, doch ich warte auf ihn, ich geb ihn nicht aus.“ [Refrain: Odysseus & Chorus] Eumaios, mein Freund, dein Herz ist wahr, du bist wie ein Stern in der Dunkelheit klar. Von Schweinen umgeben, dein Stolz bleibt groß, Ithaka lebt – auch wenn alles zerfloss. [Verse 2: Odysseus] Er erzählt von den Freiern, ihr Hochmut so dreist, „Sie plündern und prassen, als ob’s ihnen reicht. Doch ich glaub an Odysseus, der Mann kehrt zurück, er wird sie vertreiben, das ist sein Glück.“ Ich nicke nur stumm, mein Plan wächst heran, die Rache wird kommen, das weiß ich dann. Athene bewacht uns, ihr Licht ist mein Pfad, doch Eumaios beweist – wahre Treue ist Tat. [Refrain: Odysseus & Chorus] Eumaios, mein Freund, dein Herz ist wahr, du bist wie ein Stern in der Dunkelheit klar. Von Schweinen umgeben, dein Stolz bleibt groß, Ithaka lebt – auch wenn alles zerfloss. [Bridge: Odysseus] Ich bin ein König, doch verborgen im Kleid, ein Bettler mit List, mein Weg ist bereit. Eumaios, dein Glaube gibt Kraft und Mut, die Rache ist nah, ich spür sie im Blut. [Outro: Odysseus] Die Nacht wird still, der Morgen erwacht, mein Herz schlägt laut, die Heimkehr gemacht. Eumaios, ich danke, dein Licht führt mich heim, Ithaka ruft – bald wird’s Wahrheit sein.
Der vollständige 14. Gesang
Aber Odysseus schritt von dem Hafen auf steinigem Pfade zwischen den Höhen quer durch den Wald, dorthin, wo Athene ihm die Behausung des Hirten gewiesen, der unter den Dienern, die Odysseus besaß, das Vermögen am tüchtigsten mehrte. Sitzend traf er den Hirten vor der Hütte; dort ragte hoch die Hofmauer auf, an ringsum gesichertem Platze, stattlich und stark, im Kreise verlaufend; selbst hatte der Hüter sie für die Schweine errichtet, in Abwesenheit des Gebieters, ohne Befehl der Herrin oder des alten Laërtes, Steine gewälzt und gekrönt mit wildem, stachligem Birnbaum. Außerhalb hatte er durchgehend Pfähle dicht aneinander in den Boden gerammt, vom entrindeten Holze des Eichbaums. Drinnen im Hofraum hatte er Koben geschaffen, ein Dutzend, nahe nebeneinander, als Pferche für Schweine; und fünfzig der im Erdboden wühlenden Tiere lagen in jedem, Mutterschweine. Die männlichen pflegten draußen zu ruhen, wesentlich weniger; ihre Anzahl verringerten laufend durch ihr Schmausen die göttlichen Freier, da ihnen der Hüter jeweils den besten gemästeten Eber ausliefern mußte. Dreihundertsechzig Tiere waren es jetzt noch im ganzen. Ständige Wache hielten, so reißend wie Löwen, vier Hunde, die der Schweinehirt, Führer der Männer, persönlich betreute. Eben schnitt er ein Rindsfell gesunder Färbung für seine Füße als Schuhzeug zurecht. Drei von den übrigen Hirten weilten bereits, mit Teilen der Schweineherde, an andern Stellen. Den vierten hatte zur Stadt er entboten; er sollte, weisungsgemäß, ein Schwein hinbringen den maßlosen Freiern. Sattessen wollten sich diese, nach festlichem Opfer, am Fleische. Plötzlich erspähten die rüstigen Kläffer Odysseus. Mit lautem Bellen stürzten sie auf ihn los. Da setzte Odysseus klug auf den Boden sich nieder und ließ den Knotenstock fallen. Übel ergangen wäre es ihm vor dem eigenen Viehhof. Aber der Hüter der Schweine setzte über den Vorplatz eilig den Hunden nach, ihm fiel aus den Händen das Rindsfell. Unter gellendem Anruf scheuchte mit kräftigem Steinwurf er auseinander die Tiere. Dann sagte er freundlich zum König: "Beinahe, Alter, hätten tatsächlich die bissigen Hunde jäh dich zerfleischt, und du hättest mit bitterer Schmach mich getroffen! Dabei bedachten die Götter schon reichlich mit Leid mich und Jammer! Sehne ich mich doch schmerzlich nach meinem göttlichen Herrscher, mäste indessen die Eber nur für andre zum Schmause; aber mein König muß vielleicht die Nahrung entbehren und die Gebiete und Städte fremder Menschen durchirren, sollte er noch am Leben sein und das Sonnenlicht schauen! Aber so folge mir, Alter, wir wollen die Hütte betreten; deinerseits sollst du, sobald du an Speise und Wein dich gesättigt, mir erzählen, woher du kommst und was du erlitten!" Damit ging der wackere Hirt voraus in die Hütte, schüttete Reisig und breitete eines zottigen Steinbocks großes und dichtes Fell darüber, sein eigenes Lager; Platz nehmen hieß er darauf den Besucher. Über die gute Aufnahme freute Odysseus sich herzlich und sprach zu dem Hüter: "Zeus und die andern unsterblichen Götter mögen dir schenken, was du dir, Freund, am sehnlichsten wünschst - weil du gütig mich einläßt!" Ihm erteiltest du Antwort, Eumaios, du Hüter der Schweine: "Fremdling, ich täte ein Unrecht, sofern den Gast ich verschmähte, wäre er elender auch als du. Es beschützt der Kronide sämtliche Fremden und Darbenden. 'Wenig, doch herzlich!', so pflegen wir es zu halten. Das gilt als Sitte bei Knechten, die ständig Sorgen empfinden, wenn junge Menschen als ihre Gebieter walten. Ach, leider verwehrten Götter die Heimfahrt dem Fürsten, der mich so innig liebte und Güter mir ausgesetzt hätte, Haus und Hof und ein stattliches Weib als Ehegefährtin, wie es ein gütiger Herr dem Diener gewährt, der sich fleißig abmüht für ihn und dessen Werk ein Unsterblicher segnet, so wie auch meine Arbeit gedeiht, die ich emsig vollführe. Reichlich entlohnte der Herr mich dafür, sofern er zu Hause alterte. Aber er starb! O wäre doch Helenas Sippe niedergestürzt, wo den Tod sie so zahlreicher Helden verschuldet! Auch mein Gebieter zog zum rossenährenden Troja, für Agamemnons Ehre, um gegen die Troer zu kämpfen." Derart sprach er, umgürtete flink sich den Leibrock und eilte hin zu den Koben, in denen die Ferkel eingesperrt waren. Zwei von den Tieren ergriff er und schlachtete beide zum Essen, sengte sie ab, zerlegte sie, steckte sie dann auf die Spieße, briet sie und setzte sie heiß, noch am Spieß, vor Odysseus zur Mahlzeit nieder, bestreute sie schließlich mit Mehl von leuchtender Gerste. Nunmehr mischte er lieblichen Wein im hölzernen Becher, setzte dem Gaste sich gegenüber und sagte ermunternd: "Iß jetzt, Fremdling, was Knechten zusteht, Braten von Ferkeln! Aber das Fleisch der gemästeten Eber verschlingen die Freier, ohne die Götter zu scheuen und ohne Erbarmen zu zeigen. Ruchloses Handeln können die seligen Götter nicht leiden, rechtliches Handeln schätzen sie und Wahrung des Rechtes. Selbst die abscheulichen Seeräuber fahren, sofern sie an fremder Küste zu landen vermochten und Zeus sie durch Beute beglückte, mit den beladenen Schiffen schleunigst zurück in die Heimat; sie auch empfinden zutiefst die Furcht vor der Strafe der Götter. Aber die Freier haben, wahrscheinlich durch Stimmen der Gottheit, Nachricht vom traurigen Tode des Herrn; sonst würden sie ihre Werbung geziemend betreiben und heimkehren. Doch sie verprassen ruhig das fremde Besitztum, ohne Schonung und maßlos! Sämtliche Nächte und Tage, die Zeus für die Menschen vollendet, bringen sie Opfer, begnügen sich nicht mit einem, mit zweien; schrankenlos schöpfen sie Wein aus den Fässern und trinken ihn gierig. Denn mein Gebieter besaß ein großes Vermögen. Kein andrer Held besitzt so viel, nicht auf dem düsteren Festland, nicht auf Ithaka selbst. Nicht zwanzig Fürsten gemeinsam freuen sich solchen Reichtums. Ich will ihn genau dir beschreiben. Auf dem Festland besitzt er zwölf Herden von Rindern; die gleiche Anzahl von Schafen, von Schweinen und weit sich zerstreuenden Ziegen wird von gemieteten Fremden und eigenen Hirten gehütet. Hier auf Ithaka weiden, zum Meer hin, elf Herden von weithin streunenden Ziegen; tüchtige Hirten führen die Aufsicht. Jeder von ihnen entsendet täglich, den Freiern zur Mahlzeit, jeweils das beste Stück von seinen gemästeten Ziegen. Ich betreue und hüte die Schweine, muß gleichfalls den Freiern sorgsam auswählen und entsenden den trefflichsten Eber!" Derart sprach er. Sein Gast aß eifrig den Braten, und gierig trank er vom Wein, stillschweigend; er sann Verderben den Freiern. Als er gegessen hatte und sich erquickt an der Mahlzeit, füllte der Hirt ihm den Becher, aus dem er selber getrunken, wieder mit Wein und reichte ihn dar. Gern nahm ihn Odysseus, richtete an den Spender die flugs enteilenden Worte: "Wer, du Guter, kaufte dich denn mit seinem Vermögen? Wer ist derartig reich und mächtig, wie du mir berichtest? Für Agamemnons Ehre, so sagtest du, sei er gefallen - nenn mir den Helden, vielleicht gehört er zu meinen Bekannten! Zeus und die andern Unsterblichen wissen es, ob ich als Zeuge über ihn Auskunft zu geben vermag. Ich reiste ja weithin!" Ihm gab Antwort der Hüter der Schweine und Führer der Hirten: "Alter, kaum einer, der wandernd hierherkommt, würde durch seine Auskünfte je die Gemahlin des Herrn und den Sohn überzeugen! Nur auf Bewirtung erpicht, erzählen die Reisenden schlechtweg Lügen; sie denken gar nicht daran, die Wahrheit zu sagen. Jeglicher Landstreicher sucht, sobald er in Ithaka eintrifft, meine Gebieterin auf und berichtet schönklingende Märchen. Wohlwollend läßt sie den Fremdling bewirten und fragt ihn nach allem; während sie jammert, tropfen ihr aus den Augen die Tränen, wie es der Gattin gebührt, wenn der Mann in der Fremde verschollen. Du auch, mein Alter, würdest sehr bald dir Geschichten ersinnen, gäbe dir jemand Mantel und Leibrock dafür, dich zu kleiden. Aber dem Fürsten rissen wohl Hunde und pfeilschnelle Vögel schon die Haut von den Knochen, nachdem ihm das Leben entflohen, oder im Meere verschlangen ihn Fische, und seine Gebeine ruhen, vom hohen Sand überhäuft, am Gestade des Festlands. Derart ist er verschollen, sämtlichen Freunden zum Kummer, aber mir selber am schmerzlichsten; keinen andern Gebieter werde, von solcher Milde, ich finden, wohin ich auch komme, selbst wenn ich wieder zum Hause des Vaters, der Mutter gelangte, wo ich geboren wurde und mich die Eltern erzogen. Aber ich sehne nach ihnen mich nicht mehr so heftig, wie gerne ich in der Heimat sie wieder vor Augen bekäme - nein, stärker packt mich die Sehnsucht nach meinem fernen Gebieter Odysseus! Freilich, ihn einfach beim Namen zu nennen, weilt er auch ferne, scheue ich mich; er hatte mich allzu gütig behandelt. Mag er auch abwesend sein, er gilt mir als teuerster Bruder!" Ihm gab Antwort darauf der göttliche Dulder Odysseus: "Da du, mein Lieber, es abstreitest, selbst nicht mehr glaubst, daß Odysseus heimkehren wird, und verharrst in deiner ungläubigen Haltung, will ich es nicht nur behaupten, sondern beschwören: Odysseus kehrt in die Heimat zurück! Ein Entgelt für die freudige Botschaft gebe man mir erst dann, wenn er eintrifft in seinem Palaste: Dann erst kleide mich stattlich ein mit Mantel und Leibrock! Vorher nehme ich nichts, wie sehr ich Gewänder entbehre! Der ist zutiefst mir verhaßt, genau wie die Tore des Hades, der, von der Armut verleitet, schönklingende Märchen berichtet! Zeuge sei der Kronide, Zeuge der gastliche Tisch hier und der Hausstand des edlen Odysseus, zu dem ich gelangte; wahrlich, es soll sich alles erfüllen, wie ich es verkünde: Noch in diesem Jahre gelangt Odysseus nach Hause! Wenn der jetzige Monat abläuft, der neue heraufzieht, wird er die Heimat erreichen und jeden bestrafen, der seine Gattin und seinen glänzenden Sohn zu beleidigen wagte!" Ihm erteiltest du Antwort, Eumaios, du Hüter der Schweine: "Alter, kaum werde ich Lohn für die freudige Botschaft dir zahlen, noch wird jener nach Hause gelangen. Trinke in Ruhe weiter, und reden wir lieber von anderen Dingen, erinnre, bitte, mich daran nicht! Mich quält doch der Kummer im tiefsten Herzen, ruft man den trefflichen König mir frisch ins Gedächtnis! Lassen wir, was du geschworen, auf sich beruhen! Odysseus komme jedoch, wie ich es ersehne und Penelope und der alte Laërtes und der göttliche Sprößling! Nunmehr beklage ich bitter jedoch den Sohn des Odysseus, seinen Telemachos. Stattlich ließen die Götter wie einen Schößling ihn aufsprießen. Keinesfalls weniger dürfte er leisten als sein Vater, so herrlich erscheint er an Wuchs und an Schönheit. Doch ihm verwirrte einer der Götter oder auch Menschen jäh den Verstand: Er machte sich auf zum heiligen Pylos, um nach dem Vater zu forschen, doch lauern die maßlosen Freier ihm bei der Heimfahrt auf; es soll aus Ithaka ruhmlos schwinden der Stamm des Arkeisios, jenes göttlichen Helden! Aber wir wollen ihn lassen, mag er den Feinden erliegen oder entrinnen und Zeus die Hände über ihn halten! Lieber erzähl mir jetzt, Alter, von deinem eigenen Schicksal, gib mir, der Wahrheit gemäß, die Auskunft, ich muß es ja wissen: Was für ein Landsmann bist du? Wo hast du Heimat und Eltern? Welch ein Schiff beförderte dich? Wie brachten die Schiffer dich nach Ithaka? Welcher Herkunft rühmten sich diese? Schwerlich bist du zu Fuß auf unsere Insel gepilgert!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Nun, die gewünschte Auskunft will ich untrüglich dir geben! Hätten wir beide auf längere Zeit zu essen und süßen Wein auch zu trinken im Innern der Hütte, so daß wir in Ruhe schmausen könnten, indes die andern der Arbeit sich widmen: ohne weiteres könnte ich über ein Jahr lang erzählen, und ich erreichte den Abschluß noch nicht in der Darstellung aller Leiden, die mir, nach dem Willen der Götter, auferlegt wurden! Stolz bekenne ich, aus dem weiten Kreta zu stammen, eines begüterten Vaters Sohn. Noch zahlreiche andre Söhne wurden geboren im Hause, in ihm auch erzogen, echte Kinder der Gattin. Mich hatte ein käufliches Kebsweib freilich geboren; doch gleich den echtgebürtigen Sprossen achtete mich mein Vater, der Sohn des Hylakos, Kastor; diesem erwies das Volk auf Kreta göttliche Ehren, weil er mit Reichtum gesegnet war und mit herrlichen Söhnen. Aber die Keren entrafften ihn, trugen ihn fort in den Hades. Nunmehr gedachten die übermütigen Söhne die Erbschaft unter sich aufzuteilen und warfen die Lose darüber. Mir überwiesen sie nur sehr wenig, darunter ein Wohnhaus. Aber ich freite ein Weib aus reichem Geschlechte, dank meiner wackeren Leistung; ich war ja durchaus kein Nichtsnutz und Feigling. Heute indessen sind die Vorzüge sämtlich verloren. Dennoch vermagst du vielleicht aus der Stoppel den einstigen Fruchthalm noch zu erkennen. Jetzt drückt mich bitteres Elend zu Boden. Kühnheit verliehen Athene und Ares mir einst und die Stärke, feindliche Reihen zu sprengen. Sooft ich mir tapfre Begleiter für den Hinterhalt auswählte, um die Gegner zu schlagen, dachte ich, tapferen Sinnes, nie an das eigene Sterben, sondern ich stürmte als erster zum Angriff und raffte mit meiner Lanze den Gegner dahin, der je mir an Schnelligkeit nachstand. Derart focht ich im Kriege; ich schätzte die Feldarbeit gar nicht, nicht das Schaffen im Hause, das doch die Nachkommen segnet, sondern ich liebte ständig die Schiffe mit kräftigen Rudern, Schlachtengetümmel und scharf geschliffene Speere und Pfeile, leidige Liebhabereien, die anderen furchtbar erscheinen. Aber ich liebte die Freuden, mit denen ein Gott mich beglückte, findet doch jeder Mensch sein Ergötzen in anderer Arbeit. Ehe die Söhne Achaias den Boden von Troja betraten, wirkte ich neunmal als Feldherr von Männern und eilenden Schiffen gegen fremdstämmige Völker und machte auch üppige Beute. Reichlich nahm ich davon, und manches erhielt ich noch später bei der Verlosung. Aufblühte mein Hausstand, schnell wuchs mein Vermögen, Einfluß und Achtung errang ich dadurch im Kreise der Kreter. Als nun der weithin schauende Zeus den leidvollen Feldzug stattfinden ließ, der das Leben so zahlreicher Helden zerstörte, sollte ich, mit Idomeneus, dem ruhmreichen Fürsten, die Flotte gegen Ilion führen. Es war mir nicht möglich, dem Auftrag mich zu verweigern, mich zwang der drohende Vorwurf des Volkes. Ganze neun Jahre fochten wir Söhne Achaias vor Troja. Als wir im zehnten die Festung des Priamos schleiften und heimwärts fuhren mit unseren Schiffen, zerstreute ein Gott die Achaier. Aber mich Elenden stürzte Zeus, der Berater, ins Unglück. Einen Monat nur durfte ich glücklich verweilen bei meinen Kindern, der treuen Gattin und meinen Bedienten. Dann packte mich das Verlangen, Schiffe mit göttergleichen Gefährten auszurüsten und nach Aigyptos zu fahren. Neun Schiffe machte ich fertig zur Abfahrt, schnell kam die Besatzung zusammen. Danach ergötzten sich meine teuren Gefährten sechs Tage lang an der Mahlzeit; ich schlachtete zahlreiche Tiere, zum Opfer für die Unsterblichen und zum festlichen Schmaus für die Mannschaft. Aber am siebenten Tage fuhren wir ab von dem weiten Kreta und segelten vor dem günstigen frischen Boreas mühelos hin, wie auf reißender Strömung. Nicht eines der Schiffe kam zu Schaden, wir saßen gesund und in prächtiger Stimmung ruhig an Bord, und Wind und Steuermann lenkten uns vorwärts. Wir erreichten den herrlichen Strom Aigyptos am fünften Tage und legten in ihm vor Anker die doppelt geschweiften Schiffe. Da gab ich die Weisung meinen teuren Gefährten, dort bei den Schiffen zu bleiben und diese scharf zu bewachen, und ließ Späher die ringsum liegenden Höhen besetzen. Aber aus Mutwillen, in Überschätzung der eigenen Stärke, gingen sie gleich daran, die fruchtbaren Felder zu plündern, schleppten die Frauen und harmlosen Kinder fort in die Knechtschaft und erschlugen die Männer. Zur Hauptstadt drang das Getöse. Die Aigypter vernahmen den Kriegsruf; im Grauen des Morgens griffen sie an. Gespanne und Fußvolk und funkelnde Waffen füllten die Ebene. Zeus, der Werfer der Blitzstrahlen, jagte meine Gefährten in schmähliche Flucht, es wagte nicht einer, sich den Aigyptern zu stellen. Rings drohte vernichtendes Unheil. Viele von uns erschlug der Gegner mit schneidendem Erze, viele auch schleppte er lebend hinweg zu erzwungener Arbeit. Da ließ Zeus mich auf folgenden Rettungsgedanken verfallen - wäre ich doch gestorben und hätte mein trauriges Schicksal dort in Aigyptos erfüllt; mehr Unglück noch sollte mich treffen! -: Ohne Verzug riß ich den trefflichen Helm mir vom Kopfe, nahm den Schild von den Schultern und warf aus den Händen die Lanze, eilte dem Wagen des Königs entgegen, umschlang ihm die Knie, küßte sie flehend; da fühlte er Mitleid und bot mir die Rettung. Mich, der ich weinte, fuhr er in seinem Wagen nach Hause. Freilich, es stürmten noch zahlreiche Gegner mit eschenen Lanzen gegen mich, um mich zu töten; sie zürnten mir allzu erbittert. Aber der König beschützte mich, scheute den Groll des Kroniden, der das Gastrecht behütet und Übertretungen ahndet. Sieben Jahre verweilte ich dort und sammelte Schätze unter dem Volk der Aigypter; ein jeder ließ mich verdienen. Als dann im stetigen Kreislauf der Jahre das achte Jahr anbrach, kam ein Phoiniker, in List und Betrug wohl erfahren, ein Gauner, der schon zahlreichen Menschen Schaden zugefügt hatte. Durch Überredung bewog er mich, mit ihm gemeinsam Phoinike aufzusuchen, wo er Häuser besaß und Vermögen. Über ein volles Jahr verweilte ich bei dem Betrüger; als indessen die Monde und Tage im Umlauf des Jahres gänzlich verstrichen waren und die Horen sich nahten, nahm er nach Libyen mich mit im meerüberquerenden Schiffe; angeblich sollte ich ihm bei der Schiffsladung helfen; in Wahrheit wollte er dort mich verkaufen und reichlichen Lohn sich gewinnen. Argwöhnisch folgte ich ihm, doch blieb mir nichts anderes übrig. Zügig segelten wir an Kreta vorüber vor frischem Hauch des Boreas. Doch Zeus sann den Phoinikern Verderben. Als wir Kreta hinter uns hatten und nirgendwo andre Küsten sich zeigten, sondern lediglich Himmel und Wasser, ballte der Sohn des Kronos über dem bauchigen Schiffe düstres Gewölk, und finster wurden darunter die Wogen. Nunmehr donnerte Zeus, warf gleichzeitig kraftvoll den Blitzstrahl gegen das Schiff. Von dem Schlage erzitterten sämtliche Planken, durchdringend roch es nach Schwefel, es stürzte von Bord die Besatzung. Seekrähen gleich, so trieben sie rings um den düsteren Schiffsrumpf auf den Wellen; Zeus hatte ihnen die Heimkehr vereitelt. Doch der Kronide ließ mich in meinem tödlichen Schrecken kräftig den riesigen Mastbaum des dunkelgeschnäbelten Schiffes packen mit meinen Fäusten; ich sollte dem Unheil entrinnen. Fest an den Balken geklammert, trieb ich vor grausigem Sturmwind volle neun Tage einher. Am zehnten warfen, in finstrer Nacht, die gewaltigen Wogen mich an den Strand der Thesproter. Gastfreundlich nahm Held Pheidon mich auf, Thesprotiens König, ohne Entgelt; übermannt war ich von Frost und Erschöpfung, als mich sein teurer Sprößling fand und ins Königsschloß führte, mir mit der Hand emporhalf, des Vaters Haus zu erreichen; außerdem gab er mir noch zur Bekleidung Mantel und Leibrock. Dort erhielt ich Nachricht über Odysseus; der König habe ihn, sprach er, bewirtet auf seinem Weg in die Heimat, zeigte mir auch die vom Helden Odysseus gesammelten Schätze, Stücke von Erz und Gold und kunstreich geschmiedetem Eisen. Diese vermochten den Herrn bis ins zehnte Glied zu versorgen; solch ein gewaltiger Reichtum befand sich im Schlosse des Königs. Weitergereist sei Odysseus, so sagte der Fürst, nach Dodona, um sich aus ragender Eiche von Zeus beraten zu lassen, wie er ins fruchtbare Ithaka heimkehren solle nach seiner langen Fahrt durch die Fremde, ob offen oder nur heimlich. Selber hörte im Haus ich den König beim Trankopfer schwören, schon auf dem Wasser schaukle das Schiff, und es harre der Abfahrt schon die Besatzung, die jenen geleiten sollte zur Heimat. Vorher jedoch entließ mich der König; ein Schiff der Thesproter fuhr zu dem weizenreichen Dulichion. Dessen Besatzung sollte getreulich dorthin zum König Akastos mich bringen. Aber die Leute beschlossen, mich schmählich ins Unglück zu stürzen; völlig sollte ich noch in das äußerste Elend geraten. Als das segelnde Schiff schon weit vom Festland entfernt war, gingen sie tückisch sogleich ans Werk, mich zum Sklaven zu machen. Mantel und Leibrock rissen sie mir vom Körper und warfen anschließend einen schmutzigen Lumpen nebst Leibrock mir über, beide zerlöchert; hier siehst du sie selber. Am Abend erreichten wir die Fluren von Ithaka, der weit sichtbaren Insel. Nunmehr fesselten mich die Schurken im tüchtigen Schiffe straff mit kräftig geflochtenem Tau; dann gingen sie selber eilig an Land und aßen am Meeresgestade die Mahlzeit. Aber die Götter halfen mir, leicht die Fesseln zu lösen. Rings um den Schädel wickelte ich die Lumpen zusammen, rutschte am glatten Balken des Steuerruders zum Wasser nieder, bis an die Schultern, und teilte schwimmend mit beiden Armen die Wellen; bald hatte ich mich entfernt von der Mannschaft. Nunmehr stieg ich an Land - dort sproßte ein grünendes Wäldchen -, duckte mich nieder und wartete. Fluchend rannten inzwischen die Thesproter umher. Doch sie wagten nicht weiter landeinwärts nach mir zu suchen, sie gingen wieder an Bord des gewölbten Schiffes. Mich hielten die Götter mit Leichtigkeit schützend verborgen, führten mich dann zu eines verständigen Mannes Behausung. Sicherlich ist mir vom Schicksal bestimmt, noch länger zu leben." Antwort erteiltest du ihm, Eumaios, du Hüter der Schweine: "Ha, du Fremdling voll Elend, mit deiner Erzählung versetzt du mich in tiefe Erregung - was hast du an Schwerem erlitten! Freilich, was über Odysseus du sagtest, das stimmt nicht, und niemals wirst du mich damit beschwatzen! Was mußt du, vom Unglück Geprüfter, derart leichtsinnig lügen? Ich weiß schon selbst zur Genüge über die Heimkehr des Fürsten Bescheid! Ihn hassen die Götter furchtbar - sonst hätten sie unter den Troern ihn hinsinken lassen oder, nach Abschluß des Kriegs, in den Armen der Lieben entschlafen. Hätten ihm dann doch sämtliche Griechen ein Grabmal errichtet, hätte er selber dem Sohne auch herrlichen Ruhm hinterlassen! Nunmehr jedoch entrafften ihn, ohne Ruhm, die Harpyien. Aber ich hocke ganz einsam hier bei den Schweinen. Ich gehe nie in die Stadt, es sei denn, es läßt Penelope, die kluge Herrin, mich kommen, falls irgendwoher sie Botschaft erreichte. Neugierig sitzt man im Schloß dann und fragt den Fremdling nach allem; bitterer Gram quält manchen um seinen verschollenen König, Freude beseelt die andern, die seinen Hausstand verprassen. Ich indessen verlor die Lust zum Fragen und Forschen, seit mich ein Mann aus Aitolien foppte durch Lügengeschichten. Weithin war er, um eines Totschlags willen, geflüchtet, trat dann in meine Behausung; ich bot ihm gastlich Willkommen. Bei Idomeneus auf Kreta wollte den Herrn er gesehen haben, beim Ausbessern seiner vom Sturm beschädigten Schiffe; heimkehren werde er sicher, im Sommer oder zum Herbste, reichliche Schätze an Bord, mitsamt den göttlichen Freunden. Du auch, Alter, vom Unglück Geschlagener, da dich ein Daimon herführte, suche mich nicht durch Lügen freundlich zu stimmen! Denn nicht deshalb will ich dich achten und freundlich bewirten, sondern aus Scheu vor dem Hüter des Gastrechts, und weil du mir leid tust!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Wirklich, Mißtrauen nur beseelt dich und leidiger Argwohn, da ich sogar durch Eid dein Vertrauen mir schwerlich erringe! Auf denn, schließen wir eine Vereinbarung! Droben die Götter, die den Olympos bewohnen, seien uns beiden die Zeugen! Kehrt dein Gebieter hierher zurück in sein Schloß, so bekleide mich mit Leibrock und Mantel und laß auf die Reise mich gehen nach der Insel Dulichion, wo ich mich aufhalten möchte. Kehrt dein Gebieter nicht wieder nach Hause, wie ich es verspreche, scheuche die Knechte auf mich, vom ragenden Fels mich zu stürzen; sollen dann andere Bettler sich hüten, den Wirt zu beschwatzen!" Ihm gab Antwort darauf der wackere Hüter der Schweine: "Fremdling, da erntete ich im Kreise der Menschen tatsächlich herrlichen Ruhm besonderer Leistung, heute wie künftig, nähme zuerst ich gastlich dich auf in meine Behausung, schlüge dich anschließend tot und entrisse dir grausam das Leben! Aufrichtig könnte ich flehen darauf noch zum Sohne des Kronos! Aber die Stunde ruft uns zum Essen; bald mögen die Leute kommen, damit wir im Hause die köstliche Mahlzeit bereiten!" Derart führten der Wirt und der Gast ihr Gespräch miteinander. Aber es kehrten die Hirten und Schweine zurück von der Weide. In die Koben sperrten die Männer die Tiere zum Schlafen; durchdringend grunzten die Schweine auf ihrem Weg in die Ställe. Nunmehr befahl der wackere Hüter seinen Gefährten: "Bringt mir den besten Eber; dem weither gewanderten Fremdling will ich ihn schlachten. Auch wollen wir selber uns laben; schon lange plagen wir uns bei der Aufzucht der weißzahnigen Schweine, während die anderen das, was wir mühsam schufen, verprassen!" Derart sprach er und spaltete Holz mit grausamem Erze. In die Behausung führte man einen fünfjährigen, fetten Eber und stellte ihn vor den Herd. Und der Hüter der Schweine, fromm, wie er war, vergaß nicht, die Götter zu ehren; das Stirnhaar des weißzahnigen Schweines schnitt er am Anfang des Opfers ab und warf es ins Feuer und flehte zu sämtlichen Göttern, heimkehren möge in seinen Palast der kluge Odysseus, holte dann aus mit dem eichenen Scheit, das vom Spalten zurückblieb, und traf tödlich das Tier. Sie durchschnitten die Kehle, sie sengten und zerlegten den Körper. Von sämtlichen Gliedern, zur Weihe, packte der Hirt jetzt rohe Stücke hinein in die Fettschicht, streute darüber Mehl von der Gerste und warf sie ins Feuer. Danach zerschnitt man das Übrige, steckte es gleich auf die Spieße, briet es mit Sorgfalt, zog es herab von den Spießen und legte alles zusammen auf Anrichtetische. Der Hüter der Schweine ging ans Vorschneiden; denn er sah auf gerechte Verteilung. Alles Gebratene teilte er ein in sieben Portionen. Davon weihte er eine den Nymphen, die andre dem Sohne Maias, mit frommen Gebeten; die anderen gab er den Männern. Mit dem Längsstück vom Rücken des weißzahnigen Ebers gab er Odysseus den Ehrenteil und erfreute den König. Nunmehr wandte sich an den Hirten der kluge Odysseus: "Möge dich Zeus so schätzen, Eumaios, wie ich dich verehre, da du mich Armen gütig beschenkst mit köstlichen Gaben!" Ihm erteiltest du Antwort, Eumaios, du Hüter der Schweine: "Iß, du vom Unglück verfolgter Fremdling, und freu dich an allem, wie wir es haben. Die Gottheit gewährt und verweigert das Gute, ganz nach ihrem Gefallen. Denn sie bringt alles zuwege." Damit bot er den Göttern die Erstlinge, brachte die Spende funkelnden Weines und reichte dem Städtezerstörer Odysseus freundlich den Becher. Dann ließ er auf seinem Platze sich nieder. Brot verteilte an alle Mesaulios, den sich Eumaios einstmals persönlich kaufte in Abwesenheit des Gebieters, ohne Befehl Penelopes und des alten Laërtes, von den Taphiern nämlich, aus seinen eigenen Mitteln. Wacker sprachen sie zu den dargebotenen Speisen. Als sie sich reichlich gesättigt hatten am Essen und Trinken, räumte Mesaulios fort das Brot, und alle begaben ohne Verzug, befriedigt vom Brot und vom Fleisch, sich zur Ruhe. Schaurig nahte die mondlose Nacht. In ihrem Verlaufe ließ der Kronide es regnen, stark wehte der nässende Zephyr. In dem Kreise ergriff Odysseus das Wort, um zu prüfen, ob ihm der Hüter der Schweine den Mantel vielleicht überließe oder es einem der Leute befähle, aus ehrlicher Sorge: "Hört mich jetzt, bitte, Eumaios und all ihr andern Gefährten! Erst ein Wunsch, dann eine Geschichte: Der Wein übermannt mich, der den Besonnenen auch zu lautem Singen verleitet, ihn zu herzlichem Lachen reizt und zum Tanzen, zuweilen Dinge ihn ausschwatzen läßt, die er lieber zurückhalten sollte! Da ich nun aber schon losplatzte, will ich es weiter noch treiben. Wäre ich jung doch, so unerschütterlich kraftvoll wie damals, als wir unter den Mauern von Troja den Hinterhalt legten! Anführer waren Odysseus und der Fürst Menelaos, dritter Führer ich selbst; das hatten die beiden befohlen. Als wir nach Troja gelangten und an die ragende Mauer, legten wir nahe der Stadt in dichtem Strauchwerk uns nieder, quer durch Röhricht und Sumpf, und duckten uns unter die Schilde. Schaurig nahte die Nacht; zwar hörte der kalte Boreas auf zu wehen, doch Schnee fiel nieder, gleich frostiger Reifschicht; unsere Schilde bedeckten sich mit körnigem Eise. Alle anderen hatten Mantel und Leibrock, sie schliefen ruhig, die Schultern hineingeschmiegt in die schützenden Schilde. Ich nur hatte beim Aufbruch den Mantel aus Leichtsinn bei meinen Leuten gelassen, wähnte ich doch, es werde nicht frieren, hatte mich angeschlossen mit Schild nur und glänzendem Schurze. In dem letzten Drittel der Nacht, als die Sterne sich neigten, stieß ich Odysseus, der neben mir lag, mit dem Ellbogen kräftig an und sagte zu ihm - er lauschte sofort auf mein Klagen -: 'Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, unter den Lebenden weile ich nicht mehr lange; die Kälte lähmt mich. Mir fehlt ein Mantel. Ein Daimon hat mich verleitet, nur im Leibrock zu bleiben. Jetzt kann ich nicht länger mich halten.' Derart sprach ich. Er hatte sogleich den rettenden Einfall, tüchtig, wie er im Rat und im Kampfe immer gewesen. Flüsternd erhob er die Stimme und gab die dringende Weisung: 'Schweige jetzt still, es darf kein andrer Achaier dich hören!' Auf den Ellbogen stützte er seinen Kopf und bemerkte: 'Höret mich, Freunde! Ein göttlicher Traum erschien mir soeben! Allzu entfernt sind wir von den Schiffen. So melde denn einer dem Agamemnon, dem Sohne des Atreus, dem Hirten der Völker, aus dem Schiffslager möge er noch Verstärkung uns senden!' Derart sprach er. Darauf erhob sich der Sohn des Andraimon, Thoas, in Eile, warf ab den purpurnen Mantel und rannte hin zum Lager der Schiffe. Ich hüllte erleichtert in seinen Mantel mich ein; bald nahte die goldenthronende Eos. Wäre ich heute so jung noch, so unerschütterlich kraftvoll! Sicherlich gäbe dann einer der Hirten im Viehhof mir einen Mantel, aus Liebe und Achtung vor diesem wackeren Helden! Heute verachtet man mich in meiner erbärmlichen Kleidung!" Antwort erteiltest du ihm, Eumaios, du Hüter der Schweine: "Deine Geschichte, mein Alter, ist durchaus nicht zu tadeln, keines der Worte, die du gesagt, war unnütz und unklug. Deshalb soll es dir weder an Kleidern noch anderem fehlen, was dem flehenden Armen zusteht, der uns begegnet, heut, für die Nacht. Doch morgen schüttle nur weiter die Lumpen! Denn wir besitzen nicht zahlreiche Mäntel und Röcke zum Austausch, jeder von unseren Hirten nennt nur einen sein eigen. Sollte jedoch der geliebte Sohn des Odysseus erscheinen, wird er bestimmt dich einkleiden gern in Mantel und Leibrock und auch Geleitschutz dir geben, wohin du abreisen möchtest." Damit erhob er sich, rückte dem Gaste die Bettstatt ans Feuer und bedeckte sie sorglich mit Fellen von Schafen und Ziegen. Darauf legte Odysseus sich nieder, und über ihn deckte jener den großen, wolligen Mantel, der ständig bereitlag für ihn selber, falls außergewöhnliches Unwetter drohte. Derart schlief in der Hütte Odysseus, und neben ihn legten sich die Jünglinge nieder. Jedoch der Hüter der Schweine wollte nicht drinnen bleiben, nicht schlafen getrennt von den Ebern, sondern er rüstete sich, um nach draußen zu gehen. Odysseus freute sich, wie er das Gut des verschollenen Fürsten betreute. Über die kraftvollen Schultern warf sich der Hüter die Klinge, fuhr in den wolligen Mantel, sich gegen den Sturmwind zu schützen, hängte den Pelz vom starken, stattlichen Ziegenbock über, griff dann zum scharfen Speer, dem Schrecken der Hunde und Menschen, und begab sich zum Schlafen in die Stallung der Eber, unter dem felsigen Hang, den der kalte Boreas verschonte.
Fünfzehnter Gesang
Wie Telemachos nach Ithaka zurückkehrte und wie Odysseus den zweiten Abend bei Eumaios verbrachte
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Telemachos zieht los, Athene gibt Gas, „Dein Vater wartet, Junge, jetzt gib mal Spaß!“ Von Sparta zurück, der Sohn auf der Spur, ich sitz bei Eumaios, halt die Stellung pur. [Verse 1: Odysseus] Telemachos packt ein, Menelaos schaut streng, „Du gehst jetzt nach Hause, bevor es dich drängt. Die Freier sind fies, ihr Ziel ist klar, doch Ithaka ruft – der Kampf wird wahr.“ Mit Geschenken beladen und Weisheit im Kopf, zieht er los, der Junge, sein Mut im Galopp. Athene flüstert: „Die Zeit ist knapp, dein Vater plant schon – bald gibt’s nen Klapp.“ [Refrain: Odysseus & Chorus] Von Sparta bis Ithaka, der Weg ist gesetzt, Telemachos, mein Sohn, dein Herz bleibt vernetzt. Die Götter lenken, doch der Plan ist mein, Odysseus kämpft – bald ist alles rein. [Verse 2: Odysseus] Zurück bei Eumaios, der Hirt ist loyal, wir reden von Treue, von Leben, von Qual. Doch dann kommt mein Sohn, sein Schatten im Licht, Athene hat recht, die Bühne verspricht. „Wer ist der Fremde?“, fragt er misstrauisch laut, doch Eumaios schützt mich, sein Vertrauen gebaut. Ich grins im Verborgnen, mein Plan wird real, Vater und Sohn – jetzt wird’s brutal. [Refrain: Odysseus & Chorus] Von Sparta bis Ithaka, der Weg ist gesetzt, Telemachos, mein Sohn, dein Herz bleibt vernetzt. Die Götter lenken, doch der Plan ist mein, Odysseus kämpft – bald ist alles rein. [Bridge: Odysseus] Der Junge kehrt heim, sein Blick wird klar, mein Sohn, dein Mut macht dich so wahr. Doch ich halt die Fassade, die Zeit noch nicht reif, bald kommt die Wahrheit – und die Freier sind steif. [Outro: Odysseus] Die Stunde rückt näher, der Kampf ist geplant, Telemachos und ich, Seite an Seite, gebannt. Von Sparta bis Ithaka, der Kreis schließt sich bald, Odysseus kehrt heim – und ich mach es knallhart.
Der vollständige 15. Gesang
Pallas Athene hatte das weite Gebiet Lakedaimons nunmehr erreicht; sie gedachte den stattlichen Sprößling des tapfren Helden Odysseus zu schleuniger Fahrt in die Heimat zu mahnen. Held Telemachos und der glänzende Sprößling des Nestor ruhten im Vorbau des Schlosses des ruhmreichen Fürsten in Sparta. Dabei fand sie Athene. Tief schlummerte der Nestoride, doch Telemachos konnte nicht schlafen; ihn quälte die Sorge, während der göttlichen Nacht, um das Los des verschollenen Vaters. Neben ihn trat die helläugig blickende Göttin und sagte: "Länger, Telemachos, darfst du nicht fernbleiben deinem Palaste, wo du doch Güter zurück im Hause gelassen und derart maßlose Frevler! Wenn sie nur nicht dein Vermögen sich teilen und es verprassen, indes du erfolglos die Reise beendest! Bitte sofort Menelaos, den Meister im Schlachtruf, dich heimwärts fahren zu lassen, damit du die Mutter noch unvermählt findest! Vater und Brüder drängen sie nämlich schon lange zur Ehe mit Eurymachos; der übertrifft ja durch reiche Geschenke sämtliche übrigen Freier und steigert die Brautgaben weiter. Daß dir die Mutter nur ja nicht noch Güter vom Hause mit fortschleppt! Kennst du doch selber die Neigungen und die Pläne der Frauen: Jede fördert den Hausstand ihres jeweiligen Gatten, denkt nicht mehr an die früheren Kinder, nicht mehr an den ersten Ehemann, falls er gestorben, und fragt nicht weiter nach ihnen. So übergib denn zu Hause persönlich sämtliche Güter einer der Mägde, die du für die tüchtigste hältst, zur Verwaltung, bis dir die Götter ein treues Weib als Gattin vergönnen. Eines noch will ich dir sagen, nimm es mit Fassung zur Kenntnis! Gierig lauern die tapfersten Freier auf dich in dem Sunde zwischen der Insel Ithaka und dem zerklüfteten Same, wollen dich töten, bevor du wieder im Vaterland eintriffst. Aber sie schaffen es nicht. Die Erde wird eher noch manchen decken vom Schwarme der Freier, die jetzt dein Vermögen verprassen. Lenke fernab an den Inseln vorüber das treffliche Fahrzeug, nachts wie bei Tage; günstigen Wind wird hinter dem Schiffe dir ein Unsterblicher hersenden, der dich beschützt und behütet. Steigst du auf Ithaka aus, am zunächstgelegenen Punkte, schicke zur Stadt das Fahrzeug und alle deine Gefährten. Danach begib dich zuerst zu dem Hirten, der sorgfältig deine Schweine behütet, genauso die Treue bewahrt auch dir selber. Dort verbringe die Nacht; zur Stadt entsende den Hirten, um Penelope, der klugen Gebieterin, Nachricht zu geben, daß du gesund bist und glücklich von Pylos die Heimat erreichtest." Damit entschwand die Göttin, hinauf zum hohen Olympos. Aber Telemachos weckte durch einen bedachtsamen Fußstoß Nestors Sohn aus seinem erquickenden Schlummer und sagte: "Wache doch auf, Peisistratos, schirre die stampfenden Rosse gleich an den Wagen, damit wir die Reise durchführen können!" Aber Peisistratos gab ihm, der Sprößling des Nestor, zur Antwort: "Niemals, Telemachos, können wir durch das nächtliche Dunkel eilig die Strecke zurücklegen! Bald wird Eos erscheinen. Warte nur, bis der ruhmreiche Speerwerfer, Held Menelaos, Sprößling des Atreus, uns auf den Wagen packt die Geschenke und uns zur Heimat abfahren läßt mit freundlichen Worten. Ständig behält ein Gast die Erinnerung fest im Gedächtnis an den gütigen Gastgeber, der ihn wohlwollend aufnahm." Derart sprach er. Schon nahte die goldenthronende Eos. Held Menelaos trat zu den beiden, der Meister im Schlachtruf, der von der Seite der lockigen Helena aufstand soeben. Als ihn herankommen sah der geliebte Sohn des Odysseus, zog er sich über die Glieder sogleich den schimmernden Leibrock, warf sich den großen Mantel über die kraftvollen Schultern, trat durch die Tür zu dem Fürsten und richtete an ihn die Worte, er, der tapfre Telemachos, Sohn des edlen Odysseus: "Günstling des Zeus, Menelaos, Atride, Gebieter der Völker, bitte, entlasse mich jetzt zur teuren Heimat der Väter! Lange schon drängt mich die Sehnsucht, zurück nach Hause zu kehren." Ihm gab Antwort darauf Menelaos, der Meister im Schlachtruf: "Niemals, Telemachos, will ich zurück im Palaste dich halten, wenn es dich heimwärts zieht. Ich nehme dem Wirt es genauso übel, sofern er im Übermaß Gastlichkeit oder auch Abscheu walten läßt; das richtige Maß bleibt immer das beste. Wer den Gastfreund zur Abreise nötigt, erweist sich nicht minder schäbig als einer, der einen Besucher gewaltsam zurückhält. Bleibt der Gast, so pflege ihn - möchte er reisen, entlaß ihn! Warte jedoch, bis ich auf den Wagen dir packe die schönen Gaben, vor deinen Augen, und ich den Frauen befehle, Frühstück zu rüsten von dem, was im Hause reichlich vorhanden! Beides bedeutet es, glanzvollen Ruhm wie köstliche Labung, ziehen die Gäste nach kräftiger Stärkung hinaus in die Weite. Wünschst du durch Hellas und Argos zu fahren und soll ich mich selber dir für den Reiseweg anschließen, werde ich anspannen lassen und dir die Städte der Einwohner zeigen; es dürfte kaum einer ohne Geschenk uns entlassen, man bietet uns wenigstens etwas, einen Dreifuß oder ein Becken aus trefflichem Erze oder ein Maultiergespann, auch einen goldenen Becher." Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort: "Günstling des Zeus, Menelaos, Atride, Gebieter der Völker, heimkehren möchte ich lieber sofort. Denn keinen Betreuer ließ ich im Hause zum Schutz des Vermögens. Ich will ja beim Forschen nach dem göttlichen Vater nicht selber den Untergang finden; auch kein wertvolles Schmuckstück möchte im Hause ich missen." Als Menelaos, der Meister im Schlachtruf, die Antwort vernommen, gab er sogleich der Gemahlin wie auch den Mägden die Weisung, Frühstück zu rüsten von dem, was im Hause reichlich vorhanden. Zu ihm trat des Boëthoos Sohn, Eteoneus, soeben aufgestanden vom Lager; er wohnte nicht fern dem Gebieter. Feuer entzünden hieß ihn der Fürst, der Meister im Schlachtruf, Fleisch auch braten; aufs Wort gehorchte der treue Gefährte. Danach stieg der König hinab in die duftende Kammer, nicht allein; ihn begleiteten Helena und Megapenthes. Als sie zur Lagerstätte der kostbaren Schätze gelangten, nahm der Atride sich einen Becher mit doppeltem Henkel; seinen Sohn Megapenthes ließ er den silbernen Mischkrug tragen. Inzwischen begab sich Helena hin zu den Truhen, wo sie die bunten Gewänder, die selber sie stickte, verwahrte. Eines entnahm dem Vorrat die Göttliche unter den Frauen, weitaus das schönste an Buntstickerei und das größte; es strahlte wie ein Gestirn und lag von allen zuunterst. Dann schritten durch den Palast sie eilig zurück zum Sohn des Odysseus. An ihn wandte sich jetzt der blonde Fürst Menelaos: "Möge, Telemachos, dir der Kronide, der donnernde Gatte Heras, die glückliche Heimkehr nach deinem Wunsche gewähren! Mancherlei liegt, zum Geschenke geeignet, in meinem Palaste; davon will ich das schönste und wertvollste dir überreichen. Einen kunstreichen Mischkrug will ich dir geben; aus reinem Silber besteht er, und an den Rändern ist er vergoldet, Arbeit des Gottes Hephaistos. Der tapfere König von Sidon, Phaidimos, schenkte ihn mir; sein Haus gewährte mir Obdach während der Heimfahrt. Das Schmuckstück werde ich dir überlassen." Damit gab der Atride den Becher mit doppeltem Henkel seinem Gast in die Hand. Der kraftvolle Sohn Megapenthes setzte den blanken silbernen Krug vor Telemachos nieder. Dann trat Helena näher, die Frau mit den lieblichen Wangen, das Gewand in den Händen, und sprach die freundlichen Worte: "Dies überreiche ich dir, mein Junge, Erinnerungsgabe an die Handarbeit Helenas. Möge zu freudiger Hochzeit deine Gemahlin es tragen! Bis dahin liege es sicher bei der geliebten Mutter im Hause. Du aber erreiche glücklich dein prachtvolles Schloß und die teure Heimat der Väter!" Damit reichte sie ihm das Gewand; er nahm es mit Freuden. Gleich verstaute im Kasten des Wagens alle Geschenke Held Peisistratos und betrachtete jedes mit Staunen. Nunmehr führte der blonde Held Menelaos die Gäste in den Saal; sie ließen sich nieder auf Stühlen und Sesseln. Waschwasser brachte die Magd in prächtiger goldener Kanne, goß es zum Waschen über die Hände ins silberne Becken, setzte darauf den geglätteten Tisch vor den Herrn und die Gäste. Brot trug auf die achtbare Schaffnerin, legte mit Freuden ihnen die Speisen reichlich vor vom Bestande des Hauses. Neben ihnen zerschnitt und verteilte das Fleisch Eteoneus, und als Mundschenk wirkte der Sohn des ruhmreichen Fürsten. Als sie sich wacker gesättigt hatten an Trank und an Speise, schirrten Telemachos und der stattliche Sprößling des Nestor sorglich die Pferde ins Joch und bestiegen den kunstreichen Wagen, lenkten zum Hoftor hinaus und aus der dröhnenden Halle. Sie begleitete noch der blonde Fürst Menelaos, trug in der Rechten erquickenden Wein in goldenem Becher; erst nach vollzogenem Trankopfer sollten die Fahrt sie beginnen. Vor das Gespann trat er und reichte den Becher zum Abschied: "Glück auf den Weg, ihr Jünglinge - Glück auch dem Hirten der Völker, Nestor! Der Herrscher zeigte sich mir so mild wie ein Vater, während vor Troja im Kampfe wir lagen, wir Söhne Achaias!" Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort: "Günstling des Zeus, wir werden nach unserer Ankunft sehr gerne all dies berichten, nach deinem Wunsch; ach, könnte genauso ich nach der Heimkehr Odysseus treffen im Haus und ihm sagen, wie ich, von dir nur liebreich bedacht, nach Ithaka komme, außerdem noch so zahlreiche herrliche Schmuckstücke bringe!" Während er sprach, flog ihm zur Rechten ein Adler vorüber, trug in den Fängen eine weiß leuchtende, riesige, zahme Gans von dem Hofe hinweg; ihm folgten mit gellendem Schreien Männer und Frauen. Er schoß vorbei am Gespann, auf der rechten Seite, und vor den Rossen dahin. Sein Anblick erfreute Gäste und Gastgeber, gleich ergriff sie heitere Stimmung. Unter ihnen begann der Sprößling des Nestor zu sprechen: "Günstling des Zeus, Menelaos, Gebieter der Völker, erkläre: Sendet die Gottheit dies Zeichen uns beiden oder dir selber?" Derart sprach er. Der Fürst überlegte, der Liebling des Ares, wie er das Zeichen verständig und richtig auslegen solle. Helena kam ihm zuvor, die Gattin im wallenden Kleide: "Höret mir zu, ich möchte versuchen, das Zeichen zu deuten, wie es die Götter mir eingeben, wie es auch eintreffen dürfte. So wie der Adler die Gans, die im Hause gefütterte, raubte, fern von den Bergen sich nahend, dem Stammplatz seines Geschlechtes, ebenso wird Odysseus, nach bitteren Leiden und langer Irrfahrt, heimkehren und die Strafe vollziehen. Vielleicht auch weilt er daheim schon und plant Verderben für sämtliche Freier!" Der verständige Jüngling Telemachos gab ihr zur Antwort: "Möge es Zeus, der donnernde Gatte der Hera, so fügen! Dann will dankbar auch dort ich göttliche Ehren dir zollen." Damit schwang er die Geißel über die Rosse; sie stürmten eifrig voran durch die Stadt, dem freien Gelände entgegen. Über den Tag hin schüttelten sie das Joch, das sie trugen. Und die Sonne versank, und Dunkel bedeckte die Wege. Da erreichten sie Pherai, das Haus des Diokles, des Sohnes des Ortilochos, den der Flußgott Alpheios einst zeugte. Dort übernachteten sie; Diokles betreute sie gastlich. Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, schirrten die Pferde sie an und bestiegen den kunstreichen Wagen, lenkten zum Hoftor hinaus und aus der dröhnenden Halle, spornten darauf mit der Geißel die Rosse; froh stürmten sie vorwärts. Bald erreichten sie das hochgelegene Pylos. Nunmehr sagte Telemachos zu dem Sohne des Nestor: "Könntest du, Nestoride, einen Wunsch mir erfüllen? Nennen wir uns doch schon immer voll Stolz seit den Zeiten der Freundschaft unserer Väter Gastfreunde, sind auch Altersgenossen; diese gemeinsame Fahrt wird enger noch knüpfen die Bande. Günstling des Zeus, fahr nicht an meinem Schiffe vorüber! Lasse mich hier! Sonst würde dein greiser Vater im Schlosse mich noch bewirten wollen - doch ich muß schleunigst nach Hause!" Derart sprach er, und Nestors Sohn überlegte, auf welche Weise dem Freund er den Wunsch nach Gebühr zu erfüllen vermöge. Folgendes Handeln erschien ihm bei seiner Erwägung als bestes: Hin zu dem Schiffe lenkte er das Gespann, ans Gestade, lud auf das Hinterdeck die herrlichen Gaben, die goldnen Stücke, dazu das Gewand, die der Fürst dem Gastfreund verehrte. Danach spornte er ihn mit den flugs enteilenden Worten: "Gehe sogleich an Bord, laß einsteigen auch die Gefährten, ehe ich, nach der Ankunft, dem greisen Vater berichte! Kenne ich doch genau sein überaus heftiges Wesen: Niemals wird er dich abreisen lassen, sondern persönlich hierher eilen, dich einzuladen; er würde dich sicher mitnehmen! Mächtig wird er, in jedem Fall, sich erregen!" Derart sprach er und peitschte die Rosse, die prächtig bemähnten, und gelangte nach Pylos geschwind, zum Palaste des Vaters. Aber Telemachos spornte seine Gefährten und sagte: "Bringet das Takelwerk, Freunde, an Bord des düsteren Schiffes! Steigen wir selber dann ein, zurückzulegen die Reise!" Seinem Befehle gehorchten sie willig und leisteten Folge, gingen sogleich an Bord und nahmen Platz an den Dollen. Derart vollzog er das Nötige, betete, brachte das Opfer dar für Athene, am Heck des Schiffes. Da nahte ein Fremdling, einer, der wegen Totschlags aus Argos verbannt war, ein Seher, seiner Abstammung nach vom Geschlecht des berühmten Melampus. Dieser hatte gewohnt einst in Pylos, der Mutter der Schafe, hochbegütert unter dem Volke, in prachtvollen Häusern. Aber er war dann ins Ausland geflüchtet vor Neleus, dem tapfren König, dem weitaus berühmtesten unter den lebenden Menschen, der ihm, ein Jahr lang, die Nutzung des großen Vermögens gewaltsam sperrte. Indessen mußte Melampus in grausamen Banden schmachten im Hause des Phylakos, um der Tochter des Neleus willen und wegen seiner eigenen schweren Verblendung, mit der ihn die Erinys geschlagen, die furchtbare Gottheit. Trotzdem entrann er dem Tode und trieb die brüllenden Rinder von Phylake nach Pylos, ließ auch büßen für seine schmachvolle Tat den göttlichen Neleus und führte des Herrschers Tochter dem Bruder als Gattin ins Haus. Dann zog er ins Ausland, in das rosseernährende Argos. Dort sollte er wohnen, nach der Bestimmung des Schicksals, und vielen Argeiern gebieten. Dort auch schloß er die Ehe und baute sein ragendes Wohnhaus und ward Vater des Mantios und Antiphates, der tapfren Helden. Und Antiphates zeugte den mutigen Oikles, dieser den Amphiaraos, der die Heerscharen antrieb, dem der Kronide, der Träger der Aigis, und mit ihm Apollon mannigfach Liebe erwiesen; das Alter erreichte er freilich nicht, er fiel vor Theben, weil ihn die Gattin verraten. Er ward Vater des Amphilochos und des Alkmaon. Mantios seinerseits zeugte den Polypheides und Kleitos. Letzteren hatte entführt die goldenthronende Eos, seiner Schönheit zuliebe, damit bei den Göttern er lebe. Doch Polypheides, den stolzen, erhob Apollon zum weitaus größten Propheten der Welt, nach dem Tode des Amphiaraos; der entzweite sich mit dem Vater und siedelte über nach Hyperesia, wo er den Menschen Orakel erteilte. Dessen Sohn, Theoklymenos, war der Fremdling, der nunmehr neben Telemachos trat. Er traf ihn, wie er soeben betend am schnellen, dunklen Schiffe die Weinspende brachte, sagte sogleich zu dem Jüngling die flugs enteilenden Worte: "Weil ich dich, Freund, an dieser Stelle beim Rauchopfer treffe, bitte ich dich, bei dem Opfer, der Gottheit, dann schließlich bei deinem eigenen Haupt und den Häuptern der Freunde, die Folge dir leisten: Sag mir die Wahrheit auf meine Frage, verhehle mir gar nichts! Was für ein Landsmann bist du? Wo hast du Heimat und Eltern?" Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort: "Wahrheitsgemäß will ich dir, Fremdling, die Auskunft erteilen. Ithaka ist mein Heimatland und Odysseus mein Vater - wenn er es jemals gewesen! Er fand ein trauriges Ende. Deshalb stach ich in See mit Gefährten und düsterem Schiffe, Nachricht mir zu verschaffen vom lange verschollenen Vater." Und Theoklymenos sagte zu ihm, der göttliche Seher: "Ebenso weile auch ich dem Vaterland fern, weil ich einen Mitbürger totschlug. In Argos, der Heimat der Rosse, besitzt er zahlreiche Brüder und Vettern; sie herrschen weit in Achaia. Tod und Verderben drohten sie mir, doch konnte ich ihnen grad noch entrinnen; nun muß ich wohl unstet die Länder durchschweifen. Nimm mich an Bord - ich flehe dich an als Flüchtling -, sonst werden mich die Gegner ermorden; sie sind mir bestimmt auf den Fersen." Der verständige Sohn des Odysseus gab ihm zur Antwort: "Abweisen will ich dich nicht vom Schiffe mit deinem Verlangen, komme nur mit! Wir bewirten dich hier, so gut wir es können." Damit nahm er dem Flüchtling den ehernen Speer ab und legte lang ihn über das Deck des Schiffes, des doppelt geschweiften, ging dann selber an Bord des meerüberquerenden Fahrzeugs, nahm auf dem Hinterdeck Platz und bat Theoklymenos, neben ihn sich zu setzen. Die Mannschaft löste die haltenden Taue. Danach befahl der Sohn des Odysseus seinen Gefährten, klarzumachen das Takelwerk. Sie gehorchten der Weisung, richteten hoch empor den Mastbaum aus fichtenem Holze in der Höhlung des Mastbarrens, spannten ihn fest in die Stagen, hißten das leuchtende Segel mit wohlgeflochtenen Riemen. Günstigen Wind entsandte für sie die Göttin Athene. Stürmisch brauste er unter dem heiteren Himmel; das Fahrzeug sollte in schnellem Laufe die salzige Flut überqueren. Krunoi ließen sie hinter sich und das liebliche Chalkis. Unter ging die Sonne, und Dunkel bedeckte die Straßen. Pheai entgegen lenkte der Jüngling, vorm Wind des Kroniden, und am herrlichen Elis vorbei, das Epeier beherrschen, segelte hin zu den eilig sich nähernden Inseln, in stetem Sinnen, ob er dem Tode entkomme oder verfalle. Aber inzwischen aßen der wackere Hirt und Odysseus in der Hütte zu Abend, bei ihnen die übrigen Männer. Als sie sich reichlich gesättigt hatten an Trank und an Speise, nahm Odysseus das Wort in dem Kreise, um zu erfahren, ob ihn Eumaios noch länger als Gast auf dem Hofe behalten oder ihn drängen würde, sich in die Stadt zu begeben: "Hört mich jetzt, bitte, Eumaios und all ihr andern Gefährten! Morgen möchte ich zeitig zur Stadt mich begeben, als Bettler, dir und deinen Gehilfen nicht länger lästig zu fallen. Weise mich ein und gib mir einen wackren Gefährten, der mich geleitet; dort muß ich allein dann streunen und schnorren, ob man ein Schlückchen mir bietet zum Trinken, ein Häppchen zum Essen, möchte auch gehen zum Schloß des göttlichen Helden Odysseus und Penelope, der klugen Gebieterin, Nachrichten bringen, mich auch gesellen dem Schwarm der übermütigen Freier; Essen vielleicht gewähren sie mir aus der üppigen Fülle. Flink auch bediente ich sie, in allem, was sie nur wünschen. Denn ich sage dir eines, hör es und nimm es zu Herzen: Dank dem geleitenden Hermes, der den Arbeiten aller Sterblichen Anmut verleiht und Ruhm und göttlichen Segen, dürfte kaum einer mit mir in der Kunst des Bedienens sich messen, in dem Schichten von Brennholz, im Spalten trockener Kloben, weiter im Braten und Vorschneiden, auch im Wirken des Mundschenks, kurz, in allem, was einfache Leute für Adlige leisten." Voller Empörung gabst du ihm Antwort, du Hüter der Schweine: "Wehe, wie konnte dich, Fremdling, ein solcher Gedanke beschleichen? Wahrlich, du bist wohl versessen darauf, hier zugrunde zu gehen, wenn du die Absicht hegst, dich unter die Freier zu mischen, deren frevle Gewalttat aufschreit zum ehernen Himmel! Diesen stehen ganz andre Bediente als du zur Verfügung; Jünglinge, schmuck und sauber gekleidet in Mantel und Leibrock, schimmernd gesalbt an den Häuptern und in den frischen Gesichtern, mühen sich um sie; und die trefflich geglätteten Tafeln biegen sich unter den Lasten von Brot und Fleisch und dem Weine. Bleibe doch hier! Dein Verweilen bereitet niemandem Kummer, weder mir selber noch einem anderen meiner Gefährten. Sollte jedoch der geliebte Sohn des Odysseus erscheinen, wird er bestimmt dich einkleiden gern in Leibrock und Mantel und auch Geleitschutz dir geben, wohin du abreisen möchtest!" Ihm gab Antwort darauf der göttliche Dulder Odysseus: "Möge dich Zeus so schätzen, Eumaios, wie ich dich verehre, da du vor weiterer Irrfahrt und schrecklicher Not mich bewahrtest! Nichts trifft härter den Menschen, als unstet umherschweifen müssen! Bittere Qualen bereitet der knurrende Magen dem Armen, der sich verurteilt sieht zum Wandern, zu Elend und Mühsal. Da du verweilen mich heißt und den Sohn des Königs erwarten, gib mir doch Auskunft über die Mutter des edlen Odysseus und den Vater, den er an der Schwelle des Alters zurückließ: Freuen sie sich noch des Lebens unter den Strahlen der Sonne, oder sind sie gestorben und weilen im Reiche des Hades?" Ihm gab Antwort der Hüter der Schweine, der Führer der Hirten: "Darüber will ich dir, Fremdling, die Auskunft untrüglich erteilen. Unter den Lebenden weilt noch Laërtes, doch immer aufs neue fleht er zu Zeus, ihn möge der Tod im Hause erlösen. Über die Maßen sehnt er sich nach dem verschollenen Sohne und der verständigen Gattin, deren Sterben ihn furchtbar traf und frühzeitig altern ließ. Doch seine Gemahlin ging an dem Kummer um ihren ruhmreichen Sprößling zugrunde, ach, ein kläglicher Tod, den ich niemandem wünsche, der jemals hierzulande mein Freund war und Freundschaft mir ehrlich erwiesen. Als sie noch lebte, obwohl schon in ihrer Betrübnis verbittert, suchte ich gerne sie auf, um mir mancherlei Auskunft zu holen, hatte sie mich doch erzogen mit ihrer Tochter Ktimene, ihrer Jüngsten, dem kraftvollen Mädchen im langen Gewande. Bei dem gemeinsamen Leben schätzte sie kaum mich geringer. Als wir beide das liebliche Alter der Reife erreichten, wurde Ktimene nach Same verheiratet, brachte ein reiches Brautgeld. Mich aber kleidete stattlich in Leibrock und Mantel meine Gebieterin, gab mir Sandalen unter die Füße, schickte mich dann aufs Land und erwies mir noch größere Liebe. Nunmehr muß ich die Liebe entbehren. Die glücklichen Götter segnen mir aber reichlich die Arbeit, die ich verrichte. Davon esse und trinke ich, gebe auch ehrbaren Leuten. Von der Gebieterin ist kein Trost zu gewärtigen, weder Taten noch Worte, seitdem das Unglück den Hausstand getroffen, diese trotzigen Freier! Und Knechte möchten doch gerne vor der Herrin berichten und Fragen im einzelnen stellen, essen und trinken, auch etwas mit sich hinausnehmen dürfen - eine Behandlung, die Knechten immer Freude bereitet!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Wehe, wie jung noch warst du, Eumaios, Hüter der Schweine, als du so weithin verschlagen wurdest von Heimat und Eltern! Auf denn, berichte mir doch und erzähle, der Wahrheit entsprechend: Wurde die volkreiche Stadt mit den breiten Straßen, wo Vater dir und würdige Mutter wohnten, im Kriege vernichtet? Oder ergriffen dich Räuber, als du bei Schafen und Rindern einsam weiltest, und schafften zur See dich herüber zum Hause deines jetzigen Herrn, der dich angemessen bezahlte?" Da berichtete ihm der Hüter, der Führer der Hirten: "Lieber Gastfreund, weil du auch danach genau dich erkundigst, höre behaglich nur zu und trinke still von dem Weine! Endlos dehnen sich jetzt die Nächte. Man kann sie verschlafen, kann auch erfreulichen Worten lauschen. Du brauchst nicht zu zeitig schlafenzugehen. Von Übel ist auch zu reichliches Schlafen! Wer von den anderen Lust hat, sich niederzulegen zur Ruhe, gehe hinaus und schlafe! Und gleich mit dem Grauen des Morgens esse er Frühstück und ziehe hinaus mit den Schweinen des Fürsten! Bleiben wir beide jedoch in der Hütte und trinken und schmausen, frischen dabei die Erinnerung auf, mit Behagen, an unsre bitteren Leiden! Denn hinterher freut man sich auch der erlebten Schmerzen, erlitt man so vieles und wurde so weithin verschlagen! Aber ich will dir berichten, wonach du dich eifrig erkundigst. Syria heißt ein Eiland im Meere, vielleicht dir bekannt schon, hinter Ortygia, dort, wo täglich der Sonnengott umkehrt. Nicht sehr volkreich ist es, doch fruchtbar; Rindern und Schafen bietet es Nahrung und trägt auch Weintrauben reichlich und Weizen. Hunger bedrängt die Bevölkerung nie, auch keinerlei andre Plage, die sonst entsetzlich die elenden Sterblichen heimsucht. Altert ein Mensch in der Stadt, so naht ihm Apollon mit seiner Schwester, der Herr des silbernen Bogens, und ganz überraschend tötet er ihn mit seinen sanften, schmerzlosen Pfeilen. Zwei Gemeinden bestehen, jede ein Teil des Gesamtvolks; beide beherrschte mein Vater als König, des Ormenos Sprößling, Ktesios, stattlich und klug, den unsterblichen Göttern vergleichbar. Einstmals kamen Phoiniker dorthin, die Meister der Seefahrt, Gauner freilich; Schmucksachen hatten an Bord sie in Menge. Eine Phoinikerin lebte als Sklavin damals bei meinem Vater, stattlich und groß, zu tüchtiger Arbeit befähigt. Diese beschwatzten die schlauen Phoiniker. Sie war bei der Wäsche tätig; da trieb, am bauchigen Schiffe, einer der Gauner heimlich das Spiel der Liebe mit ihr, das schwächere Frauen leicht, überwältigt, sollten sie sonst auch sich rechtschaffen zeigen. Anschließend fragte sie der Phoiniker nach Namen und Herkunft, und sie bezeichnete gleich das ragende Wohnhaus des Vaters: 'Sidon, die erzreiche Hafenstadt, nenne voll Stolz ich als Heimat, nenne als meinen Vater den überaus reichen Arybas. Taphische Räuber entführten mich, als ich einstmals vom Felde heimging, und schleppten mich über das Meer hierher, zu dem Hause meines jetzigen Herrn, der mich angemessen bezahlte.' Nunmehr fragte der Mann, der ihr heimlich beigewohnt hatte: 'Möchtest du dich uns anschließen also zur Fahrt in die Heimat, um das ragende Wohnhaus der Eltern wiederzusehen und sie selber? Sie leben noch, heißen auch reich und begütert!' Ihm gab Antwort darauf die phoinikische Sklavin und sagte: 'Einverstanden wäre ich, wolltet ihr Seefahrer eidlich mir das Versprechen geben, mich sicher nach Hause zu bringen.' Derart sprach sie, und ihren Wunsch beschwuren sie alle. Als sie die Worte gesprochen und richtig den Eidschwur geleistet, nahm die Phoinikerin wieder das Wort und sagte den Männern: 'Still jetzt! Ansprechen darf mich keiner von euren Gefährten, sollte er auf der Straße oder am Quell mir begegnen! Jemand könnte zum Hause sonst eilen und Nachricht dem Alten bringen und dieser Argwohn schöpfen, in Fesseln mich legen und Erwägungen anstellen, euch ins Verderben zu stürzen! Haltet geheim die Verabredung, ladet schleunig die Rückfracht! Habt ihr mit eingetauschten Waren das Fahrzeug beladen, bringet mir Nachricht sofort ins Haus! Ich werde an goldnen Schmuckstücken mitnehmen, was ich in meine Hände bekomme. Gerne möchte ich noch ein höheres Fahrgeld bezahlen. Denn ich betreue den Sohn des edlen Gebieters im Hause; pfiffig ist der Junge, er läuft mir nach auf die Straße. Gerne brächte ich ihn an Bord; er trüge euch einen reichen Gewinn ein, wohin ihr ihn auch ins Ausland verkauftet.' Derart sprach sie und eilte zurück zu dem prächtigen Hause. Doch die Phoiniker verweilten ein Jahr lang auf unserer Insel, füllten durch Handeln den Frachtraum des Schiffes mit zahlreichen Gütern. Als sie das bauchige Fahrzeug beladen hatten zur Heimfahrt, schickten sie einen Boten, der Sklavin Nachricht zu geben. Dieser, ein schlauer Bursche, brachte zum Hause des Vaters eine Kette aus Gold, durchreiht mit Stückchen von Bernstein. Während die Mägde und meine würdige Mutter im Saale prüfend das Stück betasteten und in Augenschein nahmen, kauflustig, gab der Bote der Sklavin heimlich ein Zeichen. Danach begab er sich eilend zurück zum bauchigen Schiffe. Aber die Sklavin führte mich an der Hand aus dem Hause. Dabei fand sie im Vorraum aufgestellt Becher und Tische für die Gäste, die meinen Vater besuchten. Sie waren eben zum Rate gegangen und zur Versammlung des Volkes. Drei der Becher entraffte die Sklavin, verbarg sie im Kleide, eilte von dannen; ich folgte ihr nach, in kindlicher Einfalt. Unter ging die Sonne, in Dunkel sanken die Straßen. Da erreichten wir schnellen Schrittes den trefflichen Hafen, wo der phoinikische Schnellsegler unser harrte zur Abfahrt. Mit uns gingen die Leute an Bord und befuhren des Meeres Bahnen. Der Sohn des Kronos sandte uns günstige Winde. Ununterbrochen brausten wir über die Wogen, sechs Tage. Als nach dem Willen des Zeus der siebente Morgen heraufzog, traf mit dem Pfeile die Schützin Artemis tödlich die Sklavin; schnell wie ein Seetaucher stürzte die Frau hinab in den Kielraum. Über die Bordwand warf man sogleich die Tote, zur Beute Robben und Fischen. Ich blieb zurück, aufs tiefste bekümmert. Winde und Wellen ließen das Schiff auf Ithaka landen, wo mich Laërtes kaufte aus seinen Mitteln. Auf solche Weise bekam ich, als Sklave, diese Insel vor Augen." Ihm gab Antwort darauf der zeusentstammte Odysseus: "Ach, Eumaios, mit deiner Erzählung versetzt du mich wirklich tief in Erregung - was hast du alles an Schwerem erlitten! Doch der Kronide gewährte dir, neben dem Bösen, auch Gutes; denn du gelangtest, nach mancherlei bitterer Mühsal, zum Hause eines recht gütigen Herrn, der aufmerksam Trank dir und Speise bietet; so führst du ein ruhiges Leben. Ich Elender freilich komme hierher auf unsteter Fahrt durch die Städte der Menschen." Derart tauschten sie aus die Erlebnisse untereinander, legten sich dann, nur kurze Zeit noch, zur Ruhe; bald strahlte nämlich die goldenthronende Eos. Nahe der Küste löste derweilen des Telemachos Mannschaft die Schoten, ließ den Mastbaum herab und ruderte weiter zum Ankern, warf dann die Senksteine aus und knüpfte die haltenden Taue. Nunmehr gingen die Leute von Bord am Meeresgestade, rüsteten sich die Mahlzeit und mischten vom funkelnden Weine. Als sie sich reichlich gesättigt hatten an Trank und an Speise, richtete gleich der kluge Telemachos an sie die Worte: "Rudert nunmehr zur Stadt mit dem dunklen Schiffe, ich selber möchte die Ländereien und Hirten aufsuchen, meine Güter besichtigen und erst abends zur Stadt mich begeben. Morgen gedenke ich euch den Lohn für die Reise zu bieten, eine üppige Mahlzeit von Fleisch und köstlichem Weine." Doch Theoklymenos fragte ihn jetzt, der göttliche Seher: "Wohin begebe ich mich, mein Freund? In wessen Behausung unter den Fürsten, die im felsigen Ithaka herrschen - oder sogleich zu deinem und deiner Mutter Palaste?" Ihm gab Antwort darauf der verständige Sohn des Odysseus: "Unter anderen Umständen hieße ich dich auch in unsrem Hause einkehren; Aufnahme würdest du finden, doch schlechter fahren dabei: Ich bin nicht zugegen, kaum würde die Mutter dich zu sehen bekommen; sie zeigt sich im Hause den Freiern selten; ferne von ihnen webt sie im oberen Stockwerk. Aber du könntest an einen anderen Helden dich wenden, an des verständigen Polybos Sprößling, Eurymachos; stattlich ist er, und Ithakas Volk erweist ihm göttliche Ehren. Als der bei weitem Edelste wünscht er am eifrigsten, meine Mutter zu heiraten und des Odysseus Amt zu erhalten. Aber es weiß der Olympier Zeus, der Bewohner des Äthers, ob er die Freier noch vor der Hochzeit trifft mit Verderben!" Während er sprach, flog ihm zur Rechten ein Habicht vorüber, Phoibos Apollons eilender Bote. Er hielt in den Fängen eine Taube und rupfte sie, ließ die Federn zur Erde flattern zwischen dem dunklen Schiff und dem Sohn des Odysseus. Da rief ihn Theoklymenos abseits von seinen Gefährten, drückte ihm kräftig die Hand und sprach die prophetischen Worte: "Freund, nach göttlichem Willen flog dir der Vogel zur Rechten! Deutlich erkannte ich in dem Habicht das Zeichen der Zukunft: Anspruch auf Herrschaft gebührt in Ithaka keinem Geschlechte mehr als dem euren, auf immer besitzt ihr die Würde des Königs!" Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort: "Fände doch, Fremdling, dieses Orakel seine Erfüllung! Dankbar erwiese ich Freundschaft dir und beschenkte dich reichlich; alle, die je dir begegnen, sollten glücklich dich preisen!" Derart sprach er und rief Peiraios, den treuen Gefährten: "Sprößling des Klytios, immer befolgtest du unter den Freunden, die mir nach Pylos folgten, am trefflichsten meine Befehle. Führe mir deshalb auch jetzt in deine Wohnung den Fremdling, biete ihm, bis ich zurückkehre, höflich und aufmerksam Obdach!" Ihm gab Antwort darauf Peiraios, der Meister im Speerwurf: "Bliebest du auch, Telemachos, längere Zeit auf dem Lande, will ich den Gast doch betreuen; nichts Nötiges soll er vermissen." Damit ging er an Bord und befahl auch seinen Gefährten, einzusteigen und die haltenden Taue zu lösen. Gleich betrat die Mannschaft das Schiff und besetzte die Bänke. Aber Telemachos fuhr in die schmucken Sandalen und langte von dem Verdeck des Schiffes die mächtige Lanze mit scharfer eherner Spitze herunter. Die Leute lösten die Taue, stießen dann ab und fuhren zur Stadt, gemäß dem Befehle, den Telemachos gab, der Sohn des edlen Odysseus. Diesen trugen die Füße eilend vorwärts, zum Viehhof, wo die Schweine wimmelten, unter denen der wackre Hüter zu nächtigen pflegte, treu ergeben der Herrschaft.