Derart ruhte im Dickicht der göttliche Dulder Odysseus, von der Ermattung und vom Verlangen nach Schlaf überwältigt. Aber Athene begab sich ins Land und zur Stadt der Phaiaken. Diese bewohnten früher das weite Gebiet Hypereia, nahe beim überheblichen Volk der Kyklopen gelegen, das sie ständig beraubte; es war an Kraft überlegen. Auswandern ließ sie der göttlich schöne Nausithoos deshalb und auf Scheria siedeln, ferne den tätigen Menschen, ließ mit Mauern die Stadt umgeben, Häuser erbauen, Tempel den Göttern errichten, dazu den Boden verteilen. Aber er war schon gestorben und in den Hades gezogen. König Alkinoos herrschte, mit Klugheit begabt von den Göttern. Seinen Palast betrat die helläugig blickende Göttin, um für die Heimkehr des mutigen Helden Odysseus zu sorgen, und begab sich sofort in das kunstvoll errichtete Zimmer, wo Nausikaa schlief, des edlen Alkinoos Tochter, den Unsterblichen gleich an stattlichem Wuchs und an Schönheit; bei ihr schliefen, zu beiden Seiten der Türe, zwei Mägde, reizvoll durch Gunst der Chariten; verschlossen waren die blanken Türflügel. Wie ein Windhauch schwebte die Göttin Athene hin zu dem Lager des schlummernden Mädchens, trat ihr zu Häupten, in der Gestalt der Tochter des ruhmreichen Seefahrers Dymas, die ihr gleichaltrig war und ihre innigste Freundin, und begann zu ihr mit folgenden Worten zu sprechen: "Sag mir, Nausikaa, hast du die Trägheit geerbt von der Mutter? Liederlich liegen, vernachlässigt, deine glänzenden Kleider! Und bald heiraten wirst du! Dann brauchst du saubere Stücke für dich selbst wie für jene, die dich heimführen werden. Denn aus der sauberen, schönen Bekleidung erwächst auch ein guter Leumund, erwächst auch die Freude des Vaters, der würdigen Mutter! Auf denn, gehen wir waschen, sogleich bei Anbruch des Morgens! Ich auch will als Gehilfin dir folgen, damit du die Arbeit schleunigst beendest; du wirst ja nicht lange als Jungfrau mehr leben. Ernstlich werben um dich die edelsten aller Phaiaken, Kinder des Volkes, mit dem dein eigenes Blut dich verbindet. Bitte noch vor dem Aufgang der Sonne den ruhmreichen Vater, Maultiere dir und Fahrzeug zu stellen; sie sollen die Gürtel dir und die Frauengewänder und schimmernden Decken befördern. Selber auch legst du die Strecke bequemer zurück in dem Wagen als zu Fuß, da die Waschgruben ferne der Stadt sich befinden." Damit begab sich die helläugig blickende Göttin Athene auf den Olympos zurück, wo die Götter, so glaubt man, für ewig wohnen. Kein Sturmwind erschüttert den Gipfel, kein Regen benetzt ihn, niemals berieseln ihn Schneeflocken. Wolkenlos breitet der Äther über die Stätte sich hin, sie leuchtet in strahlendem Glanze. Allzeit in Freuden leben dort oben die seligen Götter. Dahin begab sich die Göttin, nachdem sie das Mädchen verständigt. Eos erschien sehr bald auf prachtvollem Throne und weckte eilig Nausikaa. Staunend gedachte das Mädchen des Traumes und durcheilte die Wohnung, dem Vater wie auch der Mutter davon Bericht zu erstatten. Sie traf die beiden im Hause. Neben dem Herde saß die Mutter, von Mägden umgeben, spann mit Fäden, die leuchteten tief wie das Meer. In der Türe kam dem Mädchen der Vater entgegen; er ging zur Versammlung ruhmreicher Fürsten, zu der ihn die edlen Phaiaken entboten. Dicht vor den Herrscher trat die Tochter und sagte: "Mein lieber Vater, so laß mir doch, bitte, den hohen Wagen mit starken Rädern anspannen! Fahren will ich die schönen Gewänder, die jetzt beschmutzt herumliegen, an das Flußbett zur Wäsche. Mußt du doch selber beim Rat im Kreise der höchsten Phaiaken saubere Kleider am Leibe tragen, schicklicherweise! Fünf erwachsene Söhne hast du im Schlosse hier wohnen, zwei schon verheiratet, drei, im blühenden Alter, noch ledig; diese auch gehen immer sehr gerne in reinen Gewändern hin zum Tanze. Für all dies habe ich Sorge zu tragen." Derart sprach sie. Aus Scham erwähnte sie nichts von der eignen frühen Vermählung. Der Vater verstand sie und gab ihr zur Antwort: "Alles, mein Kind, gewähre ich dir, das Gespann und das andre. Geh nur, dir sollen die Knechte den hohen Wagen mit starken Rädern anspannen und dem geräumigen Kasten zum Laden!" Damit erteilte Befehl er den Knechten; sie leisteten Folge. Vor dem Palaste rüsteten sie das rollende Fahrzeug, führten die Maultiere her und schirrten sie fest an die Deichsel. Aus der Kammer brachte das Mädchen die schimmernde Wäsche, lud sie mit Sorgfalt auf den vorzüglich geglätteten Wagen. Aber die Mutter verpackte reichlich Verpflegung in einer Kiste, auch Zukost dabei, und füllte den ledernen Schlauch mit Wein. Inzwischen hatte die Tochter den Wagen bestiegen. Salböl reichte zum Schluß ihr die Mutter in goldener Flasche; einreiben sollte sie sich, nach Arbeit und Bad, mit den Mägden. Nunmehr ergriff Nausikaa Geißel und glänzende Zügel, knallte ermunternd; die Maultiere stampften ziehend den Boden. Rastlos trabten sie, zogen die Wäsche und mit ihr das Mädchen; außerdem folgten, zu Fuß, der Königstochter die Mägde. Als sie zum Ufer des stattlich strömenden Flusses gelangten, wo in den Waschgruben ständig das saubere Wasser in Fülle aus der Tiefe hervorquoll, zum Säubern auch schmutzigster Wäsche, schirrten sie ab das Maultiergespann von der Deichsel des Wagens, trieben es längs der wirbelnden Fluten dahin auf die Weide köstlicher Gräser und Kräuter, hoben sodann von dem Fahrzeug sämtliche Wäsche und trugen sie hin zum dunkelnden Wasser; wetteifernd stampften geschwind sie in den Gruben die Kleider. Nach dem Auswaschen und dem Entfernen jeglicher Flecken breiteten sie die Stücken in Reihen am Meeresgestade, wo die Wellen landeinwärts am stärksten die Kiesel bespülten, nahmen darauf ein Bad und salbten sich ein mit dem Öle. Schließlich hielten sie Mahlzeit am Ufer des Flusses; sie wollten warten, bis unter den Strahlen der Sonne die Wäsche getrocknet wäre. Nachdem sich Nausikaa und die Mägde gesättigt, warfen die Schleier sie ab und begannen ein fröhliches Ballspiel. Erste im Spielen war die weißarmige Tochter des Königs. Herrlich, wie Artemis schreitet, die Schützin, über die Berge, über den hohen Taygetos oder auch den Erymanthos, voller Vergnügen beim Anblick der Eber und eilenden Hirsche, und sich die Nymphen, die Töchter des Trägers der Aigis, Bewohner ländlicher Fluren, rings um sie tummeln, zur Wonne der Leto, Artemis alle jedoch überragt mit dem Haupt und der Stirne, leicht zu erkennen, wie schön auch die anderen sämtlich sich zeigen: ebenso strahlte hervor aus dem Schwarm der Mägde die Jungfrau. Als Nausikaa wieder die Maultiere anspannen wollte, falten die herrliche Wäsche und die Heimfahrt beginnen, dachte sich einen Zwischenfall aus die Göttin Athene: aufwachen sollte Odysseus und sehen das liebliche Mädchen, das ihn hineinführen würde in die Stadt der Phaiaken. Einer der Mägde warf die Tochter des Königs den Ball zu, warf ihn daneben, und er versank in der strudelnden Tiefe; gellend kreischten sie auf. Da erwachte der edle Odysseus, richtete sitzend sich auf und erwog, von Zweifeln gepeinigt: Weh mir! Was sind das für Menschen, in deren Land ich gekommen? Sind sie Verbrecher und Wilde und Feinde des rechtlichen Handelns oder Bewahrer des Gastrechts und dienen voll Ehrfurcht den Göttern? Trafen doch eben das Ohr mir die hellen Stimmen von Mädchen, Nymphen vielleicht, die auf steilen Gipfeln der Berge die Wohnung haben, an Quellen der Ströme sowie auf grasreichen Auen! Bin ich wirklich ganz nahe menschlich redenden Wesen? Auf denn, nachschauen muß ich, mir selber Gewißheit verschaffen! So überlegte der edle Odysseus; unter den Sträuchern kroch er hervor und brach sich mit kraftvoller Hand aus dem Buschwerk einen belaubten Zweig, um seine Blöße zu decken. Wie ein Löwe der Berge schritt er vorwärts, der, seiner Stärke vertrauend, durch Regen und Sturm dahinzieht; die Augen glühen; den Rindern und Schafen wie auch den Hirschen der Wildnis gilt sein Angriff; ihn treibt der nagende Hunger, an Schafe dreist sich zu wagen und kühn in behütete Ställe zu dringen: ebenso mußte Odysseus den lockigen Mädchen sich nahen, nackt, wie er war; ihn zwang die außergewöhnliche Lage. Schrecklich erschien er den Spielenden, furchtbar entstellt durch die Salzflut; weit auseinander stoben sie, bis zu den Klippen am Strande. Nur des Alkinoos Tochter blieb. Ihr hatte Athene Mut eingeflößt und hatte jegliche Furcht ihr genommen. Stehenblieb sie, gefaßt, und sah ihm ins Auge. Odysseus schwankte, ob flehend die Knie er des lieblichen Mädchens umfassen solle oder von fern bloß mit schmeichelnden Worten sie bitten, ihm den Weg zu weisen zur Stadt und ihm Kleider zu geben. Dieser Entschluß erschien ihm bei seiner Erwägung als bester: bloß aus der Ferne mit schmeichelnden Worten das Mädchen zu bitten; hätte sie ihm vielleicht doch gezürnt, falls ihr Knie er umfaßte. Schmeichelnd begann er sogleich und mit klüglich berechneten Worten: "Herrin, ich flehe dich an! Als Göttin erscheinst du mir - oder bist du ein Mensch? Gehörst du zu den Bewohnern des Himmels, halte ich dich am ehesten noch für das Kind des Kroniden, Artemis, nach der Gestalt, nach deiner Größe und Schönheit. Bist du eine der Sterblichen, wie sie die Erde bewohnen, preise ich dreifach dir glücklich den Vater, die würdige Mutter, dreifach glücklich die Brüder; sie müssen sich ständig von hoher Freude durchdrungen fühlen um deiner Lieblichkeit willen, sehen sie solch ein holdes Geschöpf zum Reigentanz schreiten. Der ist freilich im Herzen der Glücklichste sämtlicher Menschen, der die Bewerber mit Brautgaben aussticht und dich als Gemahlin heimführt! Solch einen Menschen wie dich erblickte ich niemals vorher, nicht Mann, nicht Weib; zum Staunen zwingt mich dein Anblick. An dem Altare Apollons auf Delos sah ich schon einmal einen so stattlichen Palmenschößling kraftvoll sich recken. Ja, auch dorthin kam ich, von zahlreichen Männern begleitet, auf dem Zuge, der mir zum Verderben ausschlagen sollte! Derart betrachtete lange ich staunend den prächtigen Schößling - niemals vorher entsproßte ein solcher Baumstamm dem Erdreich! -, wie ich, Herrin, jetzt dich bewundre und heftig mich scheue, deine Knie zu umfassen; doch bitteres Elend bedrängt mich. Gestern entrann ich, nach zwanzig Tagen, dem schimmernden Meere. Wogen und reißende Stürme trieben bis dahin mich ständig, von der Insel Ogygia aus. Jetzt warf mich ein Daimon hier an die Küste, mich weiterhin leiden zu lassen. Denn schwerlich endet mein Unglück, hart werden die Götter noch vorher mich quälen. So erbarm dich denn meiner, Herrin! Du bist ja die erste, der ich nach schmerzlicher Mühsal begegne. Ich kenne nicht einen unter den Menschen, die hier die Stadt und den Landstrich bewohnen. Zeig mir die Wohnstätten - schenk mir ein Stückchen Stoff zur Bekleidung, brachtest vielleicht du ein Tuch mit zum Einschlagen schmutziger Wäsche! Mögen die Götter dir alles, was du dir wünschest, gewähren, Gatten und Hausstand, und euch mit fester Eintracht beglücken! Gibt es doch nichts, das besser und vortrefflicher wäre, als wenn Mann und Frau einträchtigen Sinnes den Hausstand führen, zu neidvollem Kummer den Feinden, zu ehrlicher Freude aber den Lieben; den höchsten Genuß empfinden sie selber." Das weißarmige Mädchen Nausikaa gab ihm zur Antwort: "Nicht als schlechter und törichter Mensch erscheinst du mir, Fremdling. Zeus, der Olympier, selbst verteilt an die Menschen den Segen, jedem von ihnen, den guten und schlechten, nach seinem Belieben. Dir auch teilte dein Unglück er zu, du mußt es ertragen. Heute, da unsere Stadt und unser Land du erreichtest, soll es dir weder an Kleidern fehlen noch anderer Hilfe, wie sie dem flehenden Armen zusteht, der uns begegnet. Zeigen will ich die Wohnstatt, dir nennen den Namen des Volkes: Die Phaiaken bewohnen die Stadt hier und diese Gebiete; ich bin des Alkinoos Tochter, des mutigen Königs, dem die Phaiaken die höchste Gewalt und Macht übertrugen." Derart sprach sie und gab den lockigen Mädchen die Weisung: "Bleibt mir doch stehen, ihr Mägde! Was flieht ihr beim Anblick des Mannes? Bildet ihr etwa euch ein, er gehöre zu grollenden Feinden? Niemand lebt als Sterblicher, niemand wird auch geboren, der mit feindlicher Absicht in das Land der Phaiaken eindringen könnte; zu sehr sind ihnen die Götter gewogen. Leben wir fern doch, im brandenden Meer, am Rande der Erde; keiner besucht uns sonst aus dem Kreise der übrigen Menschen. Nein, der Mann hier geriet zu uns als elender Flüchtling, den wir betreuen müssen. Denn Zeus beschützt sie ja alle, Fremde und Darbende; Gaben, auch kleine, sind herzlich willkommen. Gebet denn, Mägde, dem Fremden zu essen und gebt ihm zu trinken, badet ihn auch im Fluß, an windgesicherter Stelle!" Stehenblieben die Mägde und mahnten sich untereinander, führten Odysseus hinunter zur windgesicherten Stelle, wie es die Tochter des mutigen Königs ihnen befohlen, legten, zu seiner Bekleidung, ihm Mantel und Leibrock daneben, reichten ihm Salböl in goldener Flasche und forderten schließlich freundlich ihn auf, sich in der Strömung des Flusses zu baden. Aber der edle Odysseus sagte darauf zu den Mägden: "Tretet, ihr Mädchen, ein wenig zurück; ich möchte allein mir von den Schultern spülen die schmutzige Kruste des Salzschaums, dann mich einölen; lange entbehrte mein Körper das Salböl. Baden vor euren Augen möchte ich nicht. Mir verbietet strenge die Scham, mich nackt zu bewegen vor lockigen Mädchen." Derart sprach er, sie traten zurück und sagten es ihrer Herrin. Odysseus wusch sich im Fluß den salzigen Schmutz ab, der ihm den Rücken sowie die mächtigen Schultern bedeckte, rieb sich vom Kopfe sodann die Kruste des wogenden Meeres. Als er nun aber sich gründlich gewaschen und eingeölt hatte, zog die Gewänder er an, die ihm die Jungfrau gegeben. Aber Athene, die Tochter des Zeus, ließ größer den Helden und weit stattlicher noch erscheinen, sie ließ auch vom Haupte Locken ihm wallen, so dicht wie die Blättchen der Lilienblüten. Wie ein erfahrener Meister, den Hephaistos und Pallas mancherlei Kenntnis und Fertigkeit lehrten, silberne Stücke kunstreich vergoldet und kostbare, herrliche Werke vollendet: so umwob ihm die Göttin mit Anmut das Haupt und die Schultern. Nieder ließ sich, abseits, am Strande des Meeres, Odysseus, strahlend in reizvoller Schönheit. Nausikaa sah ihn mit Staunen, und sie richtete gleich an die lockigen Mägde die Worte: "Hört mich, weißarmige Mägde, ich habe euch etwas zu sagen. Sicherlich kam nach dem Willen aller olympischen Götter dieser Held zu dem Volke der göttergleichen Phaiaken. Während er anfangs mir kläglich entstellt und armselig vorkam, scheint er ein Gott jetzt zu sein, ein Bewohner des riesigen Himmels. Würde doch solch ein stattlicher Mann mein Gatte und wohnte hierzulande und wäre zufrieden, auch hier zu verbleiben! Gebet denn, Mägde, dem Fremdling zu essen und gebt ihm zu trinken!" Ihrem Befehle lauschten sie willig und leisteten Folge, brachten Speise und Trank und setzten sie hin dem Odysseus. Nunmehr aß und trank der göttliche Dulder, recht gierig, hatte er doch sehr lange nichts Eßbares zu sich genommen. Weiteres plante inzwischen das weißarmige Mädchen, faltete sorglich die Wäsche, belud mit dieser den schönen Wagen, schirrte die stampfenden Maultiere fest an die Deichsel, stieg auf das Fahrzeug und sprach zu dem Helden ermunternd die Worte: "Auf denn, Fremdling, begib dich zur Stadt! Ich werde zum Hause meines verständigen Vaters dich bringen. Von allen Phaiaken wirst du dort kennenlernen die edelsten, tüchtigsten Helden. Handle jetzt folgendermaßen - du scheinst mir ja klug und vernünftig -: Während noch durch das Land wir ziehen und über die Äcker, laufe nur hinter dem Maultiergespann, im Kreise der Mägde, zügig voran. Ich werde die richtige Strecke dir weisen. Kommen wir aber zur Stadt mit der ragenden Mauer und schönen Häfen auf beiden Seiten, so folge dem Fahrzeug nicht länger. Schmal ist der Zugang; ihn säumen aufs Ufer gezogene Schiffe, doppelt geschweifte; es ist der Standplatz für sämtliche Bürger. Dort liegt rings um den schönen Poseidontempel der Marktplatz, prachtvoll erbaut aus herbeigeschleiften, vergrabenen Steinen. Hier auch verfertigt man alle Geräte für düstere Schiffe, Taue und Segel, und schärft die Kanten der Blätter am Ruder. Denn die Phaiaken befassen sich nicht mit Bogen und Köcher, sondern mit Masten und Rudern und den sich wiegenden Schiffen; freudig durchfurchen auf ihnen sie, stolz, die schäumenden Fluten. Übles Gerede von ihnen möchte ich meiden, es sollte niemand uns tadeln; lästernde Mäuler gibt es im Volke. Irgendein Nichtsnutz, der uns begegnete, könnte ja sagen: 'Was für ein Fremdling folgt der Nausikaa dort, so ein großer, stattlicher Mann? Wo fand sie ihn? Heiraten wird er sie sicher! Weit aus der Ferne verschlug ihn der Sturm, nun bringt sie von seinem Schiffe ihn her; in der Nähe wohnt ja kein anderer Volksstamm. Oder ein Gott stieg auf ihr flehendes Bitten vom Himmel nieder, zu ihr, und wird sie als Gatte für immer behalten. Besser schon war es, daß sie sich selber den Mann in der Fremde ausfindig machte; für unwürdig hielt sie im Volk der Phaiaken alle, die um sie werben, so zahlreich sie sind und so edel!' Derart werden sie lästern; mir würde es Schande bereiten. Selber tadelte ich ein solches Verhalten bei andern Mädchen, die gegen den Willen der teuren Eltern mit fremden Männern verkehren, bevor sie offen die Hochzeit begehen! Laß dir geschwind von mir raten, Fremdling, damit dich auf schnellstem Wege mein Vater in deine Heimat geleite! Auf einen herrlichen Pappelhain der Athene wirst du am Wege stoßen; drin sprudelt ein Quell, im Umkreis erstrecken sich Wiesen. Dort besitzt mein Vater ein stattliches Krongut mit einem blühenden Garten, auf Rufweite vor der Hauptstadt gelegen. Setze an dieser Stelle dich nieder und warte ein Weilchen, bis wir betraten die Stadt und das Haus des Vaters erreichten. Sind wir, nach deiner Schätzung, zum Königspalaste gekommen, mache dich selbst auf den Weg in die Stadt der Phaiaken und frage nach dem Palast des Alkinoos, meines hochherzigen Vaters. Leicht ist das Schloß zu erkennen; ein Kindlein könnte dich dorthin führen, sind doch die Häuser der andern phaiakischen Bürger nicht so erbaut wie des Helden Alkinoos prächtige Wohnung. Aber sobald du das Haus und den Vorhof betratest, so schreite schnell durch den Saal, um zuerst dich an meine Mutter zu wenden. Neben dem Herde sitzt sie, im Scheine des Feuers, mit Fäden spinnend, die leuchten so tief wie das Meer, ein Anblick zum Staunen; gegen die Säule lehnt sie sich, hinter ihr sitzen die Mägde. Gleichfalls gerückt an die Säule steht der Sessel des Vaters; wie ein Unsterblicher thront er auf diesem und trinkt von dem Weine. Geh an dem Vater vorbei und umschling mit den Armen die Knie meiner Mutter; dann wirst du den Tag der Heimkehr zu deiner Freude erleben, sehr bald, und wohntest du noch so entlegen. Ist dir die Mutter nämlich gewogen, so darfst du erwarten, glücklich die Lieben wiederzusehen, dein trefflich gebautes Haus zu erreichen und die teure Heimat der Väter." Derart sprach sie und trieb durch einen Schlag mit der blanken Geißel die Maultiere an. Sie entfernten sich eilig vom Flusse, liefen in munterem Trabe und setzten sicher die Hufe. Sorgsam lenkte das Mädchen, damit der Mann und die Mägde nachkommen könnten, und schwang verständig die schimmernde Geißel. Und der Sonnenball sank. Sie gelangten zum heiligen, schönen Wäldchen Athenes; dort ließ der edle Odysseus sich nieder, richtete gleich sein Gebet an die Tochter des großen Kroniden: "Höre mich, siegreiche Tochter des Zeus, des Trägers der Aigis! Tue es wenigstens jetzt, da du früher mich niemals erhörtest, als mir der ruhmreiche Herrscher Poseidon die Schiffe zerschmettert! Laß die Phaiaken ein freundlich Willkommen und Mitleid mir spenden!" Derart flehte der Held; ihn erhörte Pallas Athene. Aber sie zeigte sich ihm noch nicht. Die Rücksicht auf ihren Onkel bewog sie. Der grollte dem göttlichen Helden Odysseus weiterhin heftig, so lange, bis er die Heimat erreichte.
Gesänge 6–10
Video, Vertonungstext und dann der vollständige Gesang. Nimm, was du brauchst – und lies weiter, wenn dich etwas packt.
Sechster Gesang
Wie die phaiakische Königstochter Nausikaa dem schiffbrüchigen Odysseus ihren Beistand gewährte
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Erschöpft lieg ich da, am Strand allein, mein Körper zerschunden, mein Geist wie Stein. Doch Hoffnung blitzt auf, ein Licht im Blick, Nausikaa erscheint – ein göttliches Glück. [Verse 1: Odysseus] Im Morgengrauen, mit Freundinnen am Fluss, Nausikaa lacht, voller Lebenslust. Doch als ich erscheine, gezeichnet vom Meer, zögert sie kurz – doch ihr Herz ist mehr. „Fremder, wer bist du?“, ihr Ton ist klar, ich verbeug mich tief, sie ist wunderbar. „Ich bin ein Mann, den das Schicksal zerbrach, doch du gibst mir Kraft, du bist, was ich brach.“ [Refrain: Odysseus & Chorus] Nausikaa, ein Licht in der Nacht, dein Herz voller Mut, dein Lächeln gibt Kraft. Von Phaiaken geführt, mein Weg wird neu, doch Ithaka bleibt mein Ziel – so treu. [Verse 2: Odysseus] Sie führt mich zum Palast, ihr Stolz ist groß, die Tochter des Königs, mit Anmut und Los. „Sei klug, Fremder, und halt dich zurück, mein Vater entscheidet, dein Schicksal, dein Glück.“ Ich folge dem Plan, mein Kopf bleibt klar, Athene lenkt Schritte, die Hoffnung ist nah. Die Phaiaken, ein Volk, das Göttern gleicht, doch mein Herz schlägt für Heimat – das Ziel, das reicht. [Refrain: Odysseus & Chorus] Nausikaa, ein Licht in der Nacht, dein Herz voller Mut, dein Lächeln gibt Kraft. Von Phaiaken geführt, mein Weg wird neu, doch Ithaka bleibt mein Ziel – so treu. [Bridge: Odysseus] Ein Moment der Gnade, am Rande der Welt, eine Hand, die mich hält, ein Herz, das mich stellt. Nausikaa, du bist wie ein Stern so klar, doch Ithaka ruft, der Heimweg ist wahr. [Outro: Odysseus] Von Strand zu Palast, mein Schicksal erhellt, ein Schritt näher zu Ithaka, zur Heimat, zur Welt. Nausikaa, ich danke dir, für deinen Mut, doch die Reise geht weiter – mein Herz, mein Blut.
Der vollständige 6. Gesang
Siebter Gesang
Wie Odysseus von dem König Alkinoos aufgenommen wurde
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Im Palast der Phaiaken, ein fremder Mann, Odysseus auf Mission, ich fang neu an. Athene lenkt mich, verkleidet im Spiel, der Plan ist gesetzt – ich komm ans Ziel. [Verse 1: Odysseus] Die Stadt erstrahlt, Gold in den Hallen, Phaiaken feiern, die Becher prallen. Doch ich bleib ruhig, mein Auftritt präzis, vor König Alkinoos – ich mach mein Biz. „Oh König, hör zu, ich bin nicht von hier, ein Mann ohne Heimat, der sucht sein Revier. Der Sturm hat mich gejagt, das Meer mich gefüllt, doch mit eurer Hilfe wird mein Ziel enthüllt.“ [Refrain: Odysseus & Chorus] Phaiaken, ich danke, doch ich bin auf der Flucht, Ithaka ruft – das ist meine Sucht. Vom Palast bis zum Meer, mein Weg wird wahr, Odysseus kehrt heim, das Ende ist nah. [Verse 2: Odysseus] Die Königin sieht mich, Arete ihr Name, „Wer bist du, Fremder, erzähl uns dein Drama!“ Ich rede vom Sturm, von Kalypso und mehr, mein Blick bleibt ernst, doch die Gier leuchtet her. Alkinoos nickt, er bietet mir Schutz, „Bleib hier, mein Freund, in unserem Glanz und Nutz. Doch willst du nach Ithaka, wir geben dir Kraft, ein Schiff, das dich bringt, mit göttlicher Macht.“ [Refrain: Odysseus & Chorus] Phaiaken, ich danke, doch ich bin auf der Flucht, Ithaka ruft – das ist meine Sucht. Vom Palast bis zum Meer, mein Weg wird wahr, Odysseus kehrt heim, das Ende ist nah. [Bridge: Odysseus] Die Götter schmunzeln, sie sehen mein Spiel, doch ich bleib schlau, mein Ziel ist stabil. Phaiaken, ihr Helden, ich nehm eure Hand, doch tief in mir brennt das Ithaka-Land. [Outro: Odysseus] Die Nacht bricht an, der Wein fließt schwer, mein Herz bleibt wach, mein Blick aufs Meer. Von Gold zu den Wellen, der Heimweg ist nah, Odysseus zieht weiter – mein Wort ist da.
Der vollständige 7. Gesang
Derart flehte im Hain der göttliche Dulder Odysseus, aber die kräftigen Maultiere zogen das Mädchen zur Hauptstadt. Als sie die ruhmreiche Wohnstätte ihres Vaters erreichte, hielt sie am Torweg. Da scharten sich um sie die tüchtigen Brüder, stattlich, wie es Unsterbliche sind. Sie schirrten die Tiere ab von dem Wagen und trugen die Wäsche ins Innre des Hauses. Doch Nausikaa ging auf ihr Zimmer; und Eurymedusa aus Apeire, die alte Kammerfrau, machte ihr Feuer. Doppeltgeschweifte Schiffe hatten sie einst aus Apeire hierher gebracht, als ein Ehrengeschenk für Alkinoos; diesem Fürsten gehorchte wie einem Gotte das Volk der Phaiaken. Aufgezogen hatte die Alte die Tochter des Königs, schürte ihr heute das Feuer und brachte die Mahlzeit ins Zimmer. Nunmehr begab sich auch Odysseus zur Stadt. Ihn umhüllte Pallas Athene mit wallendem Dunkel, in liebreicher Sorge; keiner der tapfren Phaiaken, der ihm begegnete, sollte ihn durch Schmähungen kränken und nach dem Namen ihn fragen. Als er gerade die Grenze der lieblichen Stadt überschritten, kam ihm die helläugig blickende Göttin Athene entgegen, wie ein Mädchen, mit einem Kruge zum Schöpfen von Wasser. Vor ihn trat sie. Da fragte sie gleich der edle Odysseus: "Kannst du mir, Mädchen, den Weg zum Haus des Alkinoos weisen, der den Menschen in diesem Lande als König gebietet? Weither komme ich nämlich, ein Fremdling, ein bitter geprüfter, aus entlegener Gegend. Daher auch kenne ich keinen unter den Menschen, die hier die Stadt und den Landstrich bewohnen." Ihm gab Antwort darauf die helläugig blickende Göttin: "Gerne, ehrwürdiger Fremdling, zeige ich dir das gewünschte Wohnhaus. Es liegt bei dem Hause meines untadligen Vaters. Gehe nur schweigend so weiter, ich will die Strecke dich führen; richte auf keinen Phaiaken den Blick, vermeide auch Fragen! Sind doch die Leute den Fremden nicht allzu günstig gesonnen, öffnen auch dem, der von auswärts herankommt, nicht herzlich die Türen. Nur schnellsegelnden Schiffen vertrauen sie und überqueren rasch die Tiefen der See; das gewährte ihnen Poseidon. Ihre Fahrzeuge fliegen wie Fittiche oder Gedanken." Derart ermahnte Pallas Athene den Helden und schritt ihm eilig voran; er folgte der Herrin sogleich auf dem Fuße. Die phaiakischen ruhmvollen Seefahrer sahen ihn gar nicht, wie, in der Stadt, er an ihnen vorbeiging; die lockige Pallas sorgte dafür, die mächtige Göttin, die heiliges Dunkel um den Helden gebreitet hatte in liebreicher Sorge. Staunend betrachtete er die Häfen und schaukelnden Schiffe, Marktplätze der phaiakischen Helden und riesige Mauern, ragend, mit Schanzpfählen sicher befestigt, ein Anblick zum Staunen. Als sie den weithin berühmten Palast des Königs erreichten, da begann zu erzählen die helläugig blickende Göttin: "Das ist das Haus, ehrwürdiger Fremdling, das ich dir zeigen sollte; du wirst die zeusbegünstigten Fürsten beim Schmause antreffen. Geh nur hinein, du brauchst dich gar nicht zu scheuen! Denn ein beherzter Mann gelangt bei jedem Beginnen besser ans Ziel als ein Feigling, und kommt er aus fernen Gebieten. Wende dich drinnen im Saale zuerst an die Herrin; Arete lautet ihr Name, sie stammt von dem gleichen Paare der Eltern, das den Alkinoos auch geboren, den König. Am Anfang hat den Nausithoos einst Poseidon, der Träger der Erde, mit Periboia gezeugt, der schönsten sämtlicher Frauen, jüngster Tochter des mutigen Eurymedon; der herrschte ehemals über das trotzige Volk der Giganten. Er stürzte in das Verderben die Frevler, sich selber desgleichen. Mit seiner Tochter verband sich Poseidon und zeugte als Sprößling den tapfren Helden Nausithoos, den Gebieter im Land der Phaiaken. Dieser zeugte Rhexenor und Alkinoos. Jenen raffte Apollon dahin, als jungen Gatten und ohne männlichen Erben; er hinterließ in seinem Palaste nur die Tochter Arete. Alkinoos nahm sie zur Gattin und erwies ihr Ehren, wie sie nicht eine von allen Frauen genießt, die heute, vermählt, den Hausstand verwalten. Derart empfing und empfängt Arete herzliche Ehrung seitens der lieben Kinder, des Gatten Alkinoos selber wie auch des Volkes, das sie als Göttin betrachtet und voller Ehrfurcht begrüßt, wenn sie die Straßen der Hauptstadt durchschreitet. Freilich, sie zeigt ja auch ihrerseits Klugheit und nützliche Einsicht; unter Männern sogar, die sie achtet, schlichtet sie Hader. Schenkte sie dir die Gunst und erwiese dir aufrichtig Achtung, dürftest du hoffen, die Lieben wiederzusehen und deinen hohen Palast und deine Heimat sehr bald zu erreichen." Damit entschwand die helläugig blickende Göttin Athene über das ruhlose Meer, aus Scherias lieblichen Fluren, flog nach Marathon und zu Athens breitbahnigen Straßen, trat in den festen Palast des Erechtheus. Aber Odysseus nahte dem herrlichen Schloß des Alkinoos. Vieles erwog er, stehenbleibend, bevor er zur ehernen Schwelle gelangte. Denn genauso wie Strahlen der Sonne oder des Mondes leuchtete blendend der hohe Palast des mutigen Königs. Eherne Wände erstreckten sich beiderseits fort von der Schwelle weit in die Tiefe, sie krönte ein Fries von bläulichem Glasfluß; goldene Torflügel schlossen von innen das feste Gebäude, silberne Pfosten erhoben sich über der ehernen Schwelle. Silbern war auch der Torsims, aus Gold gefertigt der Türring. Rechts wie links erhoben sich Hunde von Gold und von Silber, die Hephaistos mit kunstverständigem Scharfsinn geschmiedet hatte, als Wache für den Palast des hochherzigen Königs, Tiere, die ewig lebten und niemals dem Alter verfielen. Drin an den Wänden lehnten nach allen Seiten hin Sessel, tief in den Saal von der Schwelle, in Reihen, und feine Gewebe, kunstreiche Arbeit von Frauen, lagen darüber gebreitet. Die phaiakischen Fürsten ließen auf ihnen sich immer nieder und aßen und tranken; sie hatten ja reichlichen Vorrat. Jünglinge standen, aus Gold, auf kunstvoll gemauerten Sockeln, trugen in ihren Händen lodernde Fackeln; mit ihnen leuchteten sie die Nächte hindurch den Gästen im Hause. Fünfzig Dienerinnen waren im Schlosse beschäftigt; goldgelben Weizen zermahlten die einen auf handlichen Mühlen, andere webten und spannen die Fäden, sitzend sie alle, dicht aneinandergereiht wie die Blätter schlank ragender Pappeln; Öltropfen fielen herab von der trefflich geketteten Leinwand. Wie die phaiakischen Männer am besten die eilenden Schiffe über das Meer zu lenken verstehen, so kennen die Frauen sich in der Webekunst aus; mit größrem Erfolge als andre lehrte sie Pallas, prachtvolle, nützliche Arbeit zu leisten. Jenseits des Hofs, vor dem Tore, erstreckte, vier Morgen bedeckend, sich ein herrlicher Garten; allseitig war er umfriedet. Ragende Bäume standen darinnen, in üppigem Grünen, Birnen, Granaten und Äpfel, behangen mit prächtigen Früchten, köstliche Feigen, dazu noch Oliven in prangender Fülle. Niemals gehen hier aus und niemals verderben hier Früchte, Winter wie Sommer, das ganze Jahr; nein, immerfort schmeicheln westliche Winde, lassen die Früchte hier keimen, dort reifen. Birne auf Birne gelangt zur Reife, Apfel auf Apfel, Feige auf Feige, am Weinstock jedoch auch Traube auf Traube. Dort ließ ja der Herrscher ein Rebengelände bepflanzen; ein Teil dieses Geländes, der Platz zum Trocknen, an flacher Stelle, dörrt in der Sonne; im zweiten liest man die Trauben, keltert sie dann; vorn tragen die Stöcke noch unreife Trauben, die zum Teile die Blüten abstoßen, teils auch schon dunkeln. Daran im Anschlusse zogen, mit mancherlei Arten Gemüse, Reihen von Beeten sich hin, das Jahr durch voll frischen Ertrages. Drinnen entsprangen zwei Quellen; die eine verteilte sich durch den Garten, die andre ergoß sich unter der Schwelle des Hofes hin zu dem hohen Palaste; dort schöpften die Bürger sich Wasser. Derart beschenkten das Haus des Alkinoos glänzend die Götter. Immer noch stand der göttliche Dulder Odysseus und staunte. Als er nach Herzenslust den köstlichen Anblick genossen, trat er über die Schwelle geschwind in das Innre des Schlosses. Dort fand er die Anführer und Berater des Volkes; eben spendeten sie dem spähenden Töter des Argos, dem man als letztem opfert, sofern man zu Bett gehen möchte. Aber den Saal durchschritt der göttliche Dulder Odysseus, völlig bedeckt von dem Dunkel, mit dem ihn Athene umhüllte, bis er den König Alkinoos und Arete erreichte. Um die Knie Aretes schlang Odysseus die Arme; da zerstreute sich rings um ihn das göttliche Dunkel. Alle verstummten, als sie den Helden im Saale erblickten, schauten ihn an und staunten. Flehend sagte Odysseus: "Herrin Arete, Tochter des göttlichen Helden Rhexenor, kniefällig bitte ich deinen Gatten und dich und die Gäste, nach entsetzlicher Drangsal! Mögen die Götter euch allen Glück für das Leben gewähren, vermache ein jeder den Kindern seinen Besitz und die Würden, die ihm das Volk übertragen! Aber verschafft mir schleunig Geleit zur Fahrt in die Heimat; denn schon lange verfolgt mich, ferne den Meinen, das Unglück." Derart sprach er und ließ am Herd in der Asche sich nieder, neben dem Feuer; und alle verstummten in lautlosem Schweigen. Endlich ergriff das Wort der betagte Held Echeneos, der die andern Phaiaken an Alter und Redegewandtheit weit übertraf, ein Mann von langer und reicher Erfahrung. Dieser begann verständig zu reden und sprach in dem Kreise: "Gar nicht ehrenvoll ist es, Alkinoos, auch nicht geziemend, muß ein Gast auf dem Boden sitzen, am Herd in der Asche, während die Fürsten auf deine Befehle warten und zögern. Aufstehen lasse den Fremdling, biete auf silberbeschlagnem Sessel ihm Platz, erteile den Herolden Weisung, aufs neue Wein zu mischen; wir wollen Zeus, dem Werfer der Blitze, spenden, der achtbare Hilfeflehende treulich begleitet! Und die Schaffnerin gebe vom Vorrat dem Fremdling zu essen!" Als der rüstige, kraftvolle König die Worte vernommen, faßte er gleich bei der Hand den tapferen, klugen Odysseus, hieß ihn vom Herd sich erheben und sitzen auf schimmerndem Sessel; aufstehen ließ er vorher den mannhaften Sohn Laodamas, der dicht neben ihm saß, da er ihn am innigsten liebte. Waschwasser brachte die Magd in prächtiger goldener Kanne, goß es zum Waschen über die Hände ins silberne Becken, stellte danach die geglättete Tafel bereit für die Mahlzeit. Brot trug auf die achtbare Schaffnerin, setzte mit Freuden jenem die Speisen reichlich hin vom vorhandenen Vorrat. Nunmehr aß und trank der göttliche Dulder Odysseus. An den Herold wandte sich jetzt der kraftvolle König: "Mische im Kruge den Wein, Pontonoos, allen im Saale biete ihn dar! Wir wollen Zeus, dem Werfer der Blitze, spenden, der achtbare Hilfeflehende treulich begleitet." Derart befahl er. Den süßen Wein vermischte der Herold, reichte dann allen die Becher und schenkte ein für die Weihe. Als sie gespendet hatten und nach Belieben getrunken, da ergriff der König das Wort in der Runde und sagte: "Höret, die ihr das Volk der Phaiaken führt und beratet! Aussprechen will ich, wozu Verlangen und Neigung mich spornen. Gehet jetzt heim, nachdem ihr gespeist, und leget euch schlafen! Morgen berufen die Ältesten wir in größerer Menge, wollen den Fremdling im Saale bewirten, gehörige Opfer spenden den Göttern und dann das gewünschte Geleit überdenken; soll doch der Fremdling ohne Gefahren und ohne Beschwerden unter unsrem Geleitschutz das Land der Väter erreichen, glücklich und schnell, und läge es auch in weiter Entfernung, und ihm soll unterwegs kein weiteres Unheil begegnen, bis er die heimischen Fluren betritt. Dort freilich erlebt er, was ihm sein Schicksal bestimmte und was die spinnenden Schwestern bei der Geburt in den Faden des Lebens strenge ihm spannen. Stieg in dem Fremden jedoch ein Gott vom Himmel hernieder, haben bestimmt die Unsterblichen damit Besondres im Sinne! Ständig erscheinen uns sonst ja die Götter ganz deutlich in ihrer eignen Gestalt, wenn wir ihnen herrliche Festopfer bringen, und sie schmausen bei uns, auf denselben Plätzen bei Tische. Auch wenn ihnen am Wege nur ein Phaiake begegnet, wahren sie ihre Gestalt. Denn wir stehen ihnen so nahe wie die Kyklopen und das wilde Geschlecht der Giganten." Ihm entgegnete gleich der kluge Odysseus und sagte: "König Alkinoos, hege nicht solche Vermutung! Ich gleiche nicht den Unsterblichen, die den riesigen Himmel bewohnen, weder an Wuchs noch an Schönheit, sondern den sterblichen Menschen. Kennt ihr Menschen, die in besondrem Maße am Elend schleppten, so könnte ich ihnen in meiner Not mich vergleichen. Ja, ich wüßte sogar von noch schlimmerem Leid zu berichten, nach alledem, was ich durch göttlichen Willen erlebte! Aber vergönnt mir doch, bitte, zu essen, trotz meiner Betrübnis! Nichts ist nämlich so schamlos wie ein knurrender Magen, der unvermeidlich die Menschen an seinen Anspruch erinnert, selbst wenn harte Bedrängnis und bitterer Kummer sie aufreibt, so wie mich der Kummer bedrängt, doch der Hunger mich ständig antreibt zum Essen und Trinken und meine zahllosen Leiden aus dem Gedächtnis mir tilgt und seine Befriedigung fordert! Ihr indessen beeilet euch, bitte, bei Anbruch des Morgens mich vom Unglück Verfolgten in meine Heimat zu bringen, muß ich auch Schweres noch leiden; ich möchte erblicken nur meine Güter, die Knechte, mein ragendes Schloß - dann sterbe ich gerne!" Derart sprach er, und alle stimmten ihm zu und verlangten, heimzugeleiten den Gast, weil gerecht er und schicklich gebeten. Als sie gespendet hatten und nach Belieben getrunken, gingen sie fort zum Schlafen, in seine Wohnung ein jeder. Aber es blieb im Saale der edle Odysseus. Es saßen bei ihm Arete und der den Göttern gleichende König, Held Alkinoos; Mägde räumten derweil das Geschirr ab. Unter ihnen ergriff das Wort die weißarmige Herrin, hatte sie doch erkannt den Mantel nebst Leibrock, die schönen Stücke, die einstmals sie selbst mit den Mägden hergestellt hatte. Und sie sprach zu dem Gast die im Fluge enteilenden Worte: "Fremdling, ich meinerseits möchte vor allem dich folgendes fragen: Was für ein Landsmann bist du? Wer gab dir diese Gewänder? Sagtest du nicht, du triebest, zur See, an unsere Küste?" Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Herrin, es ist sehr schwierig, dies alles genau zu erzählen; denn mich suchten die Himmlischen heim mit furchtbarem Elend. Aber ich will dir berichten, wonach du dich fragend erkundigst. Fern liegt eine Insel, Ogygia, mitten im Meere; auf ihr wohnt die lockige Tochter des Atlas, die schlaue, mächtige Göttin Kalypso; zu ihr gesellt sich nicht einer der unsterblichen Götter oder der sterblichen Menschen. Mich nur, den Elenden, führte zu ihrem Herde ein Daimon, ohne meine Gefährten, nachdem auf schimmerndem Meere Zeus mir das eilende Schiff mit grellem Blitzstrahl zertrümmert. Alle die übrigen edlen Gefährten gingen zugrunde. Ich bloß umschlang den Kiel des geschweiften Schiffes, neun Tage trieb ich umher. Am zehnten ließen mich Götter, in finstrer Nacht, auf der Insel Ogygia stranden, dem Wohnsitz Kalypsos, jener schlauen und mächtigen Göttin, die freundlich mich aufnahm und mich als Gast mit Liebe betreute; sie gab das Versprechen, ewiges Leben mir und ewige Jugend zu schenken. Doch sie vermochte sich meine Neigung nicht zu gewinnen. Don verweilte ich sieben Jahre, ununterbrochen, netzte mit Tränen die göttlichen Kleider, die Gaben Kalypsos. Als dann im stetigen Kreislauf der Jahre das achte Jahr anbrach, spornte sie mich zur Heimfahrt, entweder auf des Kroniden Weisung, oder weil selber sie ihren Vorsatz geändert. Sie entließ mich auf sicher verklammertem Floße und schenkte reichlich mir Nahrung und süßen Wein, auch göttliche Kleidung. Aufkommen ließ sie zur Fahrt mir eine erquickende Brise. Siebzehn Tage hindurch befuhr ich die wogenden Fluten, aber am achtzehnten zeigten sich fern die schattenden Berge eures Landes, und innige Freude empfand ich in meinem Elend - doch länger noch sollte mich furchtbarer Jammer verfolgen, den der Gott, der die Erde erschüttert, über mich brachte. Gegen mich hetzte er stürmische Winde und hemmte die Heimfahrt, rührte entsetzlich das Meer auf; die schwellenden Wogen verboten mir, der ich bitterlich klagte, die weitere Fahrt auf dem Floße. Auseinander rissen die Böen das Fahrzeug. Ich konnte schwimmend die letzten Tiefen des brandenden Meeres bezwingen, bis mich die Winde und Wellen an eure Steilküste warfen. Fast überwältigt hätten beim Landungsversuch mich die Wogen, mich an die ragenden Felsen geschmettert, die Stätte des Grauens. Aber ich schwamm zurück und weiter entlang an der Küste, bis ich den Fluß erreichte. Die Stelle erschien mir sehr günstig, frei von Gestein; auch bot sie mir Sicherheit gegen die Winde. Ohnmächtig sank ich ans Land, kam spät zur Besinnung. Es nahte göttliches Dunkel. Da legte ich, abseits des himmelentströmten Flusses, zum Schlafen mich nieder und häufte, um mich zu bedecken, Blätter empor. Mir vergönnte ein Gott langdauernden Schlummer. Unter den Blättern schlief ich, trotz meiner Betrübnis, die ganze Nacht hindurch und über den Morgen hinaus bis zum Mittag. Schon sank tiefer die Sonne; da wich mein köstlicher Schlummer. Spielen sah ich die Mägde deiner Tochter am Strande, unter ihnen sie selber, wie eine Göttin so stattlich. Hilfe erbat ich von ihr, und sie traf im Handeln das Rechte, wie man es seitens jüngerer Menschen, die einem begegnen, schwerlich erwartet; ein Jüngerer handelt nur selten mit Einsicht. Speisen gab sie und funkelnden Wein mir in reichlicher Menge, ließ mich baden im Flusse und reichte mir diese Gewänder. Damit enthüllte ich dir, trotz meines Kummers, die Wahrheit." Ihm gab König Alkinoos Antwort darauf und bemerkte: "Freilich, in einem verfehlte meine Tochter das Rechte, Fremdling: sie führte dich nicht im Kreise der Mägde zu unsrem Schlosse! Sie war doch die erste, die du um Hilfe ersuchtest!" Antwort erteilte darauf ihm der kluge Odysseus: "Du tapfrer König, deswegen schilt nicht deine untadlige Tochter! Gab sie die Weisung mir doch, ihr im Kreise der Mägde zu folgen. Aber ich lehnte es ab, aus Scheu und schuldiger Rücksicht, sollte dich doch bei diesem Anblick nicht Zorn übermannen: Leicht zu erregen sind wir menschlichen Wesen auf Erden!" Ihm gab König Alkinoos Antwort darauf und bemerkte: "Fremdling, es liegt nicht in meinem Wesen, in Zorn zu geraten ohne vernünftigen Grund. Maßhalten ist immer das beste! Hätte doch, Vater Zeus, Athene und Phoibos Apollon, solch ein Gatte wie du, mit mir von gleicher Gesinnung, meine Tochter zum Weibe und bliebe in unserem Lande, hieße mein Schwiegersohn! Ich gäbe dir Haus und Vermögen, wolltest du bleiben. Doch kein Phaiake sollte dich wider Willen festhalten. Das verhüte der große Kronide! Nimm es zur Kenntnis: Ich setze für dich die Fahrt in die Heimat fest auf morgen! Dann wirst in tiefem Schlummer du liegen, während man über die ruhige See dich rudert, in deine Heimat, dein Haus, auch zu jedem beliebigen anderen Ziele, läge es auch noch weiter entfernt als Euboia; die Insel liegt in größter Entfernung, nach Auskunft unserer Leute, die sie erblickten, als Rhadamanthys, den blonden, sie fuhren, der den Sprößling der Gaia, den Tityos, aufsuchen wollte. Ja, auch dorthin gelangten sie, mühelos kamen am gleichen Tag sie ans Ziel und bewältigten glücklich die Rückfahrt zur Heimat. Selber noch wirst du erfahren: am besten verstehen es meine Schiffe und ihre Besatzung, das Meer mit den Rudern zu peitschen!" Derart sprach er, und Freude empfand der göttliche Dulder. Innig begann er zu beten und sprach die flehenden Worte: "Könnte doch, Vater Zeus, Alkinoos seine Versprechen sämtlich erfüllen! Ihm würde, weit über die nährende Erde, endloser Ruhm zuteil - und ich gelangte nach Hause!" Derart führten sie untereinander ihre Gespräche. Und die weißarmige Fürstin erteilte den Mägden die Weisung, in die Halle das Bett zu bringen, purpurne, schöne Kissen daraufzupacken, sie zu beziehen mit Laken, wollene Decken dazu, als Überbetten, zu breiten. Aus dem Gemache eilten die Mägde, Fackeln in Händen. Als sie voll Eifer die feste Bettstatt aufgestellt hatten, traten sie zu Odysseus und mahnten mit freundlichen Worten: "Lege zum Schlafen dich nieder, Fremdling; dein Lager ist fertig." Derart mahnten sie; freudig hieß er die Ruhe willkommen. Nunmehr schlief im Palaste der edle Dulder Odysseus, unter der dröhnenden Halle, auf dichtgegurtetem Lager. Aber Alkinoos ruhte im Innern des ragenden Schlosses; mit ihm teilte die Gattin, die Herrin des Hauses, das Lager.
Achter Gesang
Wie die Volksversammlung der Phaiaken beschloß, Odysseus in seine Heimat zu geleiten, und zu Ehren des Gastes Kampfspiele, Gesang und Tanz veranstaltet wurden
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Ein Fest für den Fremden, ich spiel meine Rolle, die Phaiaken feiern, die Stimmung ist volle. Doch tief in mir brodelt der Schmerz, mein Herz schlägt für Ithaka, das Ziel ist nicht fern. [Verse 1: Odysseus] Alkinoos ruft: „Zeigt, was ihr könnt! Musik, Tanz und Spiele, ein Fest, das brennt.“ Die Krieger ringen, die Diskusse fliegen, doch ich bleib ruhig – das Drama wird siegen. Ein Jüngling spottet, sein Blick voll Hochmut, „Fremder, du bist schwach, dir fehlt unser Blut.“ Ich lach nur leise, steh auf, pack den Stein, werf ihn durch die Luft – die Phaiaken schrein. [Refrain: Odysseus & Chorus] Ein König auf Reisen, doch sie kennen mich nicht, ich spiel meinen Part, mein Ziel bleibt in Sicht. Von Spielen und Tänzen zurück zu dem Plan, Odysseus bleibt stark – ein Mann mit ’nem Bann. [Verse 2: Odysseus] Ein Sänger erhebt sich, die Lyra erklingt, er singt von Troja, das Feuer, das springt. Die Freuden, die Schmerzen, der Krieger Stolz, doch in mir brennt Wut, verborgen im Holz. Tränen rinnen, doch ich bleibe still, die Phaiaken sehen, was der Fremde will. „Wer bist du, Fremder, erzähl uns dein Leid, dein Blick spricht Bände, von Schmerz und Zeit.“ [Refrain: Odysseus & Chorus] Ein König auf Reisen, doch sie kennen mich nicht, ich spiel meinen Part, mein Ziel bleibt in Sicht. Von Spielen und Tänzen zurück zu dem Plan, Odysseus bleibt stark – ein Mann mit ’nem Bann. [Bridge: Odysseus] Ich atme tief, die Wahrheit kommt raus, „Ich bin Odysseus, der König von Haus. Von Troja bis hier hab ich alles durchlebt, doch Ithaka ruft – mein Herz, das bebt.“ [Outro: Odysseus] Die Phaiaken schweigen, sie hören mein Wort, ein Mann auf der Flucht, ein König am Ort. Das Meer ruft laut, der Heimweg ist nah, Odysseus zieht weiter – mein Schicksal ist klar.
Der vollständige 8. Gesang
Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, stand Alkinoos auf, der rüstige, kraftvolle Herrscher, gleichfalls der zeusentstammte Städtebezwinger Odysseus. Letzterem ging voran der rüstige, kraftvolle König zu dem Versammlungsplatz der Phaiaken, dicht bei den Schiffen. Nebeneinander ließen sie dort sich nieder auf glatten Sitzsteinen. Pallas Athene durcheilte indessen die Straßen, einem der Herolde gleichend des klugen Phaiakengebieters, auf die Heimkehr bedacht des mutigen Helden Odysseus, trat auf jeden der Ältesten zu und gab ihm die Weisung: "Auf denn, die ihr das Volk der Phaiaken führt und beratet, geht auf den Marktplatz, euch Auskunft über den Fremden zu holen, der in das Schloß des klugen Alkinoos kürzlich gelangte, über das Meer verschlagen, ein Held, den Unsterblichen gleichend!" Damit erweckte sie jedem den Wunsch, Genaues zu hören. Plätze und Sitzreihen füllten sich schnell mit Menschen, die eifrig sich versammelten. Und in zahlreicher Menge bestaunten sie den verständigen Sohn des Laërtes. Ihm hatte Athene Haupt und Schultern mit überirdischer Anmut umwoben und ihm höheren Wuchs und stärkere Kräfte verliehen, sollte er doch die Zuneigung aller Phaiaken gewinnen, Achtung und Rücksicht, und sollte die mancherlei Spiele, zu denen ihn die Phaiaken einladen würden, erfolgreich bestehen. Als sie sich vollzählig zur Versammlung eingestellt hatten, da ergriff der König das Wort in dem Kreise und sagte: "Höret, die ihr das Volk der Phaiaken führt und beratet! Aussprechen will ich, wozu Verlangen und Neigung mich spornen. Hier der Fremdling - ich kenne ihn nicht - gelangte auf seiner Irrfahrt zu meinem Schlosse, vom Osten her oder vom Westen, bittet, nach Haus ihn zu senden, und fleht um sichren Geleitschutz. Lasset uns also, wie üblich, den Gast in die Heimat befördern! Denn auch kein andrer, der Zuflucht in meinem Palaste gefunden, braucht hier lange voll Kummer auf seine Heimfahrt zu warten. Ziehen wir in die heiligen Fluten hinunter ein neues dunkles Schiff und lassen als Mannschaft Jünglinge wählen unter dem Volk, zweiundfünfzig, die Besten in jeglicher Hinsicht! Habt ihr die Ruder an ihren Dollen mit Sorgfalt befestigt, gehet wieder von Bord und nehmet in unsrem Palaste eilig die Mahlzeit ein; euch allen gebe ich reichlich. Dies mein Befehl für die Jünglinge! Aber ihr übrigen, Fürsten, Träger der Zepter, begebt euch zu meinem herrlichen Schlosse, gastlich bewirten wollen wir noch im Saale den Fremdling! Niemand verweigre die Teilnahme! Auch den göttlichen Sänger rufet, Demodokos; ihm gewährte die Gottheit den Vorzug, durch Gesang zu erfreuen, wenn ihn die Begeisterung fortreißt." Derart befahl er und ging voran. Die Träger der Zepter folgten ihm gleich; der Herold berief den göttlichen Sänger. Die erwählte Besatzung, an Zahl zweiundfünfzig, begab sich, wie es der König verlangte, zum Strande des wogenden Meeres. Als sie zum Schiff und an das Gestade des Meeres gelangten, zogen zunächst sie das Fahrzeug hinab ins tiefere Wasser, legten hinein in das dunkle Schiff den Mast und das Segel, hängten darauf die Ruder fest in die ledernen Schlingen, ordnungsgemäß, und setzten schließlich das leuchtende Segel. Fest verankerten sie das schwimmende Schiff am Gestade, gingen danach in das ragende Schloß des verständigen Königs. Hallen und Höfe und Räume füllten geschwind sich mit Menschen, die sich versammelten. Zahlreich waren sie, junge und alte. Schlachten ließ Alkinoos für die Besucher zwölf Schafe, acht hellzahnige Schweine dazu und zwei trottende Rinder. Eifrig wurde gehäutet, gebraten, der Festschmaus gerichtet. Nunmehr brachte der Herold den achtbaren Sänger; den liebte innig die Muse. Sie hatte ihm Gutes und Schlechtes erwiesen, ihm die Sehkraft geraubt, doch Kraft des Gesanges verliehen. Mitten im Kreis der Besucher rückte Pontonoos einen silberbeschlagenen Sessel für ihn an die ragende Säule, hängte an einen Riegel die lieblich klingende Harfe über das Haupt des Sängers und zeigte ihm, wie er sie greifen könne; dann setzte er einen gedeckten Tisch mit dem Brotkorb vor ihn hin, den Weinbecher auch, nach Belieben zu trinken. Kräftig sprach man zu den dargebotenen Speisen. Aber sobald man den ersten Durst gestillt und den Hunger, spornte die Muse den Sänger, von Heldentaten zu singen; aus dem Kranze der Lieder, die damals Ruhm bis zum Himmel ernteten, sang er den Streit des Odysseus und des Peliden, wie sie beim köstlichen Festmahl der Götter mit heftigen Worten einstmals in Hader gerieten und Fürst Agamemnon im stillen über den Streit der tapfersten griechischen Helden sich freute. Dieses Ereignis hatte ihm nämlich Apollon geweissagt im hochheiligen Pytho, als er die steinerne Schwelle überschritt, ein Orakel zu holen. Es leitete dorther sich, auf Beschluß des Zeus, das Unheil für Troer und Griechen. Diesen Gesang trug vor der ruhmreiche Sänger. Odysseus griff nach dem weiten purpurnen Mantel mit kraftvollen Händen, zog ihn sich über den Kopf und verhüllte sein redliches Antlitz; denn er schämte sich seiner Tränen im Kreis der Phaiaken. Endete einen Abschnitt des Liedes der göttlichen Sänger, wischte er ab die Tränen, zog sich den Mantel vom Kopfe, nahm den doppelt gehenkelten Becher und brachte die Spende. Hub der Sänger erneut an und spornten zu weiterem Singen ihn die phaiakischen Fürsten, da sie des Liedes sich freuten, barg auch Odysseus aufs neue den Kopf in dem Mantel und klagte. Allen Phaiaken entging es, daß ihm Tränen entströmten; nur Alkinoos gab auf ihn acht und bemerkte die Tränen, weil er neben ihm saß, und vernahm sein bitteres Stöhnen. Deshalb sprach er sogleich zu den Männern, den Freunden der Ruder: "Höret, die ihr das Volk der Phaiaken führt und beratet, hinreichend labten wir uns bereits am gehörigen Essen und an der Harfe, dem wertvollen Teile des festlichen Mahles. Gehen wir jetzt hinaus und beginnen wir allerlei Kämpfe, wetteifernd; soll doch der Fremdling zu Hause, im Kreise der Lieben, davon berichten, wie hoch wir alle anderen schlagen in dem Kampf mit den Fäusten, im Ringen, im Sprung und im Laufe!" Derart sprach er und ging voran; ihm folgten die andern. Hoch an den Riegel hängte der Herold die klingende Harfe, griff des Demodokos Hand und geleitete ihn aus dem Schlosse, führte auf gleichem Wege ihn, den auch die anderen Fürsten der Phaiaken beschritten, gespannt auf den Anblick der Kämpfe. Eilig erreichten den Markt sie, nach schob sich die Menge des Volkes, Tausende; zahlreiche tüchtige Jünglinge drängten zum Kampfspiel. Da erhob sich Akroneos, auch Okyalos, Elatreus, weiterhin Nauteus, Prymneus, Anchialos wie auch Eretmeus, Ponteus und Proreus, Anabesineos, ferner noch Thoon und Amphialos, Sprößling des Polyneos, des Sohnes Tektons; auch Euryalos, stark wie der mordende Ares, Sohn des Naubolos, nach Gestalt und Haltung der schönste aller Phaiaken nächst Laodamas, dem herrlichen Helden. Da erhoben sich auch drei Söhne des trefflichen Königs, nach Laodamas Held Halios, dann Klytoneos, so stattlich wie ein Unsterblicher. Messen wollten sie erst sich im Wettlauf. Von der Schranke aus stürmten sie los, und alle auf einmal flogen in rasendem Lauf, staubwirbelnd, über die Strecke. Weitaus der Schnellste war der untadlige Held Klytoneos. Weit, wie ein Maultiergespann den Pflug zieht, ohne zu rasten, holte er seinen Vorsprung heraus vor den übrigen Läufern. Andre erprobten die Kräfte im Schmerzen erregenden Ringkampf; dabei bewährte Euryalos sich als Bester der Besten. Held Amphialos wurde im Springen der erste von allen; mit der Wurfscheibe hielt sich bei weitem am besten Elatreus, schließlich im Faustkampf der wackere Königssohn Laodamas. Als die Teilnehmer hinreichend Freude gefunden am Wettkampf, sprach in dem Kreise der Sohn des Alkinoos, Held Laodamas: "Fragen wir, Freunde, den Fremdling, ob er auch von Wettkämpfen etwas kennt und geübt hat! Ein Schwächling ist er durchaus nicht, nach seinem Wuchse zu schließen, den Schenkeln und Waden und Fäusten, dem festen Nacken, der ganzen starken Gestalt; an männlichen Kräften fehlt es ihm nicht. Doch wird ihn sein bitteres Unglück gebrochen haben; denn nichts vermag den Menschen mehr zu entkräften - sei er auch noch so standhaft - als die Schrecken des Meeres." Zustimmend äußerte sich Euryalos gleich und erklärte: "Das, Laodamas, was du gesprochen, ist schicklich und richtig. Gehe doch zu ihm und fordre ihn auf, unterbreite den Vorschlag!" Als des Alkinoos wackerer Sohn ihn zustimmen hörte, trat er sofort in die Mitte des Kreises und sprach zu Odysseus: "Auf denn, ehrwürdiger Fremdling, versuche auch du dich im Wettkampf, falls du einen beherrschst! Wahrscheinlich verstehst du zu kämpfen. Denn der gewaltigste Ruhm des Mannes beruht doch, solange er zu atmen vermag, auf der Leistung der Füße und Hände. Wage es denn, dich im Wettkampf zu messen, verscheuche den Kummer! Brauchst du der Heimfahrt doch nicht mehr lange zu harren, ins Wasser wurde das Schiff schon gezogen, die Mannschaft steht in Bereitschaft!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Warum fordert ihr höhnisch zum Kampf mich heraus, Laodamas? Liegt mir mein Kummer doch näher als der Gedanke an Wettkampf, wo ich bis heute so vielerlei Schmerzen und Mühsal erlitten, aber zur Stunde in eurer Versammlung sitze, voll Heimweh, Hilfe erflehend vom König und vom Volk der Phaiaken!" Offen ins Antlitz schmähte Euryalos jetzt ihn und sagte: "Fremdling, ich glaube ja auch, daß du gar nichts verstehst von den Kämpfen, wie man in großer Zahl sie eifrig betreibt bei den Menschen, sondern nur ständig dahinfährst auf reichlich berudertem Schiffe, einer von denen, die Seeleute führen und Gelder erraffen, auf die Ladung bedacht sind und Ausschau halten nach Rückfracht und verlockendem Lohn! Zum Wettkampf scheinst du nicht fähig!" Finsteren Blickes maß ihn der kluge Odysseus und sagte: "Fremdling, dein Vorwurf ist unberechtigt. Dich treibt wohl der Hochmut. Sicher verleihen die Götter nicht sämtlichen Menschen die guten Gaben, stattlichen Wuchs und Verstand und Anmut der Rede. Mancher besitzt ein elendes Aussehen, aber die Gottheit zeichnet durch Schönheit die Worte ihm aus; die Zuhörer schauen voller Entzücken auf ihn; er redet besonnen und sicher, mit gewinnender Rücksicht, und strahlt hervor in dem Kreise; man betrachtet beim Gang durch die Stadt ihn als göttliches Wesen. Mancher wiederum gleicht im Äußern den stattlichen Göttern, seinem mündlichen Vortrag jedoch fehlt jegliche Anmut. Du auch besitzt ein glänzendes Aussehen, herrlicher konnte nicht einmal ein Gott dich gestalten; doch fehlt dir die Einsicht. Durch dein ungebührliches, schmähendes Reden erregtest du mich zutiefst. Ich bin nicht unbewandert im Wettkampf, wie du behauptest, sondern ich durfte mich unter die Ersten stellen, solange auf Jugend und kraftvolle Arme ich baute. Heute belasten mich Elend und Kummer; denn Furchtbares mußte ich im Krieg mit dem Feind und im Anprall der Wogen erleben. Aber trotz schmerzlichen Leides will ich im Kampf mich versuchen. Bitter verletzt mich dein Vorwurf, du stachelst und spornst mich zum Handeln!" Flink ergriff er, im Mantel, einen steinernen Diskos; größer und dicker und wesentlich schwerer war er als jene, deren zum Wurf um die Wette sich die Phaiaken bedienten. Diesen schwang er im Kreise und ließ ihn aus kraftvoller Rechten fliegen; fort sauste der Stein. Zu Boden duckten sich angstvoll die Phaiaken, die Freunde der Ruder, die ruhmreichen Schiffer, unter der Wucht des Diskos. Weit über sämtliche Marken schnellte er leicht aus der Hand. Gekennzeichnet hatte, in eines Mannes Gestalt, Athene die früheren Würfe und rief jetzt: "Fremdling, es dürfte ein Blinder sogar das Zeichen hier tastend ausfindig machen! Es liegt nicht im Schwarm der Marken, sondern weit an der Spitze! Du kannst dich auf deine Leistung verlassen. Kein Phaiake wirft bis hierher oder noch weiter!" Derart rief sie. Der göttliche Dulder freute sich herzlich, einen ihm günstig gesonnenen Mann in der Menge zu sehen; leichteren Herzens sagte er nun im Kreis der Phaiaken: "Den hier erreicht jetzt, ihr Jünglinge! Bald gedenke ich einen zweiten Diskos zu werfen, gleich weit, vielleicht auch noch weiter! Auch wer zu anderen Kämpfen die Lust verspürt und die Neigung, trete nur gegen mich an - ihr habt mich zu heftig erbittert! -, sei es im Faustkampf, im Ringen, im Laufen: ich scheue nicht einen! Jeder Phaiake versuche es, freilich nicht Laodamas! Gastgeber ist er für mich; wer kämpft mit dem freundlichen Wirte? Ohne Verstand tatsächlich und wertlos zeigt sich der Fremde, der im Ausland den Freund, der gastlich ihn aufnimmt, zum Wettkampf fordert; er schädigt nur sich selber in jeglicher Hinsicht. Keinen der anderen möchte ich ablehnen oder verschmähen, vielmehr kennenlernen sie alle, mit ihnen mich messen! Gar nicht untüchtig bin ich in sämtlichen Kämpfen der Männer. Umzugehen weiß ich genau mit geglättetem Bogen; sicher als erster träfe ich im Gedränge der Feinde mit dem Pfeile den Gegner, sollten auch viele Gefährten neben mir stehen und die feindlichen Scharen beschießen. Nur Philoktetes hat mich in dieser Waffe geschlagen, wenn wir Achaier vor Troja mit Pfeil und Bogen uns übten. Sämtlichen anderen bin ich im Schießen weit überlegen, sämtlichen Menschen, die heute auf Erden vom Brote sich nähren. Wetteifern möchte ich freilich nicht mit den Helden der Vorzeit, weder mit Herakles noch dem Oichalier Eurytos. Diese nahmen es mit Unsterblichen auf in den Künsten des Bogens. Deshalb mußte auch plötzlich der riesige Eurytos sterben, durfte nicht altern zu Hause; im Zorne erschoß ihn Apollon, weil ihn der König zum Wettkampf mit Pfeil und Bogen gefordert! Mit dem Speere treffe ich weiter, als mancher mit Pfeilen. Nur in dem Wettlaufe dürften manche Phaiaken mich schlagen; denn die vom Sturme gepeitschten Wogen haben mich allzu fürchterlich zugerichtet, da ja das Fahren zu Schiffe stets Unterbrechung erfuhr. So schwand mir die Spannkraft der Glieder." Derart sprach er, und alle verstummten in lautlosem Schweigen. Lediglich König Alkinoos gab ihm Antwort und sagte: "Deine Entgegnung, Fremdling, mißfällt mir durchaus nicht; du möchtest nur die Vorzüge, die dir innewohnen, enthüllen, heftig gereizt, weil Euryalos hier in dem Kreise dich schmähte; derart dürfte kein Sterblicher das, was du leistest, bemängeln, der mit Verstand zu erörtern vermag, was die Lage erfordert! Höre mir, bitte, jetzt zu, damit du auch anderen Helden Auskunft erteilen kannst, wenn du ruhig in deinem Palaste schmausest bei deiner Gattin und deinen Kindern und unsrer Leistungen dich erinnerst, wie sie auch uns der Kronide stets zu vollbringen vergönnt, schon seit den Tagen der Väter. Freilich, im Faustkampf, im Ringen sind wir nicht immer unfehlbar, aber wir laufen geschwind und wirken als Meister der Seefahrt. Festmähler haben wir gern, das Spiel auf der Harfe, das Tanzen, Wechsel der Kleidung, warme Bäder und üppige Lager. Auf denn, ihr trefflichsten Tänzer im Kreis der Phaiaken, beginnet frisch mit dem Reigen! Der Fremdling möge nach glücklicher Heimkehr seinen Lieben erzählen, wie weit wir es andern zuvortun in der Beherrschung des Meeres, im Laufen, im Tanzen und Singen! Für den Sänger Demodokos bringe man, ohne zu säumen, her die klingende Harfe; sie hängt noch in unserem Schlosse." Derart befahl der den Göttern gleichende König. Der Herold eilte davon, um die bauchige Harfe vom Schlosse zu holen. Nunmehr erhoben sich, neun an der Zahl, die vom Volke gewählten Kampfrichter, die bei den Spielen das Nötige ständig besorgten, ebneten und erweiterten eifrig die Stätte des Tanzes. Dem Demodokos brachte der Herold die klingende Harfe. In den Kreis begab sich der Sänger, die blühenden Jungen, mannbar bereits, umringten ihn, Meister im Tanzen, und schlangen stampfend den göttlichen Reigen. Odysseus sah, wie die Füße flimmernd wirbelten, und bewunderte ehrlich die Tänzer. Aber der Spieler der Harfe stimmte das herrliche Lied an über die Liebe des Ares zu Kypris, der reizvoll umkränzten, wie sie im Haus des Hephaistos zum ersten Male sich heimlich trafen und Ares, nach reichlichen Gaben, das Lager der Gattin schmählich entehrte. Doch Helios brachte Hephaistos die Nachricht, sah er doch deutlich, wie sich die beiden in Liebe vereinten. Gott Hephaistos vernahm die Kunde, die bitter ihn kränkte; ingrimmig sann er auf Rache und eilte sogleich in die Schmiede, hob auf den Block den gewaltigen Amboß und schmiedete feste, ewige Bande; in ihnen sollten die beiden sich fangen. Als er in seiner Wut die Falle für Ares vollendet, ging er ins Schlafzimmer, wo er sein teures Ehebett hatte. Rings um die Bettpfosten spannte er aus die Fesseln, nach allen Seiten; sie hingen auch dicht herab von der Decke des Zimmers, ebenso fein wie Spinnengewebe, die keiner erspähte, auch nicht die seligen Götter; so täuschend wirkte die Arbeit. Als er vollständig das Netz um die Bettstelle ausgespannt hatte, ging er zum Scheine nach Lemnos, ins wohnlich errichtete Städtchen; schätzte er doch die Insel am höchsten von allen Gebieten. Scharf hielt Ausschau inzwischen der golden glänzende Ares: Ausgehen sah er tatsächlich den ruhmreichen Meister Hephaistos. Da begab er sich gleich in das Haus des gepriesenen Schmiedes, heftig geplagt vom Verlangen nach Kypris, der herrlich umkränzten. Heimgekehrt war sie soeben vom Vater, dem starken Kroniden, hatte sich niedergesetzt. Da betrat schon Ares die Wohnung, schüttelte herzlich die Hand der Göttin und sagte: "Geliebte, komme zum Lager! Genießen im Bett wir unsere Freuden! Nicht zu Hause verweilt Hephaistos; er ging wohl nach Lemnos, hin zu den Sintiern, deren Stimmen so rauh uns erklingen." Derart sprach er; das Beilager schien ihr willkommen. Sie gingen gleich in das Bett und wünschten zu ruhen. Da schlangen um ihre Leiber sich plötzlich die kunstreichen Fesseln des klugen Hephaistos. Keines der Glieder konnten sie regen oder gar heben. Einsehen mußten sie, daß sie nicht mehr zu entrinnen vermochten. Ihnen nahte sich schon der berühmte, kraftvolle Meister; umgekehrt war er, noch ehe er Lemnos erreichte. Es hatte Helios für ihn gewacht und gleich ihm Meldung erstattet. Schleunig begab sich Hephaistos nach Haus, mit beklommenem Herzen, trat in die Schlafzimmertür; da packte unbändige Wut ihn. Furchtbar begann er zu schreien, die Götter vernahmen ihn alle: "Vater Zeus und ihr anderen ewigen, glücklichen Götter, kommet, zu sehen, Sachen zum Lachen - doch nicht zu ertragen! Mich, den Gelähmten, entehrt die Tochter des Zeus, Aphrodite, schamlos für immer, sie liebt den schrecklich mordenden Ares, weil er so stattlich und flink ist, indes ich selber erbärmlich lahme. Doch dieses Gebrechen haben lediglich meine Eltern verschuldet, sie sollten mich niemals gebären und zeugen! Schaut nur genau, wie die beiden sich sielen und lieben, in meinem eigenen Bette, und ich muß über den Anblick mich grämen! Freilich, sie werden, das hoffe ich, nur noch ein Weilchen so liegen, wenn sie auch brennend verliebt sind. Bald werden sie gar nicht mehr wünschen, derart zu ruhen. Doch hemmt sie die listig geschmiedete Fessel, bis mir der Vater sämtliche Bräutigamsschätze erstattet, die ich ihm zahlte, als Preis für das hundsäugig blickende Mädchen; schön ist Kypris, jawohl - doch kann sie sich gar nicht beherrschen." Derart rief er. Die Götter strömten zur ehernen Schwelle. Eilig nahten Poseidon, der Träger der Erde, auch Hermes, Bringer des Segens, mit ihnen der sichere Schütze Apollon. Nur die Göttinnen blieben, weil sie sich schämten, zu Hause. In der Zimmertür standen die göttlichen Spender des Glückes; unwiderstehliches Lachen erhoben die seligen Götter, als sie das kunstreiche Netz des klugen Hephaistos erblickten. Da sprach mancher von ihnen, den Blick auf den Nachbarn gerichtet: "Unrecht gedeiht nicht! Einholen kann der Lahme den Flinken, so wie Hephaistos, der Langsame, heute den Ares ereilte, ihn, der am schnellsten läuft von allen olympischen Göttern - er, der Gelähmte, durch List! Jetzt muß er den Ehebruch büßen!" Derart tauschten sie ihre Bemerkungen untereinander. Aber den Hermes fragte der Sohn des Kroniden, Apollon: "Hermes, du Sprößling des Zeus, du Geleiter, du Spender des Guten, wärst du bereit, auch bedrängt von den tückischen, mächtigen Fesseln, auf dem Bette zu ruhen, neben der goldenen Kypris?" Ihm gab Antwort darauf der geleitende Töter des Argos: "Wenn es doch einträte, weithin treffender Herrscher Apollon! Wenn uns auch dreimal so starke, unzählige Fesseln umstrickten, ihr auch, ihr Götter und Göttinnen alle, die Zuschauer spieltet: schlafen möchte ich dennoch zur Seite der goldenen Kypris!" Derart sprach er, und lautes Gelächter erhoben die Götter. Aber Poseidon stimmte nicht ein, er setzte dem Meister inständig zu mit Bitten, die Fesseln des Ares zu lösen. Flehentlich sprach er zu ihm die im Fluge enteilenden Worte: "Mache ihn los! Ich bürge dafür, daß Ares, nach deinem Wunsche, im Kreis der Götter dir alles gebührend entrichtet!" Darauf erwiderte ihm der ruhmreiche, kraftvolle Meister: "Fordere das nicht weiter von mir, du Träger der Erde! Bürgschaft für einen Nichtsnutz kann auch selber nichts nützen. Kann ich im Kreise der Götter etwa in Fesseln dich legen, sollte sich Ares den Banden entziehen - und seiner Verpflichtung?" Darauf entgegnete ihm der Gott, der die Erde erschüttert: "Sollte, Hephaistos, sich Ares durch Flucht von seiner Verpflichtung drücken, dann werde ich dir persönlich die Buße entrichten." Ihm gab Antwort darauf der ruhmreiche, kraftvolle Meister: "Deinem Versprechen darf ich die Zustimmung niemals verweigern!" Damit löste der kräftige Meister Hephaistos die Fesseln. Ares und Kypris fühlten sich kaum der drückenden Bande ledig, da stürmten sie auf und davon, nach Thrakien Ares, doch Aphrodite, die lieblich lächelnde Göttin, nach Kypros, nämlich nach Paphos, wo sie ein Heiligtum hatte mit reichem Opferaltar. Dort badeten sie die Chariten und salbten sie mit heiligem Öl, wie es ewige Götter umleuchtet, hüllten sie dann in liebliche Kleider, ein Anblick zum Staunen. Diesen Gesang trug vor der ruhmreiche Sänger. Odysseus freute sich herzlich beim Hören des Liedes, die andern Phaiaken gleichfalls, die Freunde der Ruder, die ruhmvollen Meister der Seefahrt. Nunmehr hieß Alkinoos Halios und Laodamas einzeln tanzen, da hierin keiner mit ihnen es aufnahm. Als sie den hübschen, purpurnen Ball in die Hände genommen, den der geschickte Polybos für sie hergestellt hatte, beugte der eine sich rückwärts und schleuderte weit ihn zur Höhe, bis zu den schattenden Wolken, sprang der andre vom Boden hoch und fing ihn, bevor noch sein Fuß den Boden berührte. Derart versuchten sie eifrig, den Ball in die Höhe zu werfen; danach tanzten sie auf der nährenden Erde, in häufig wechselnden Stellungen; dazu klatschten die übrigen Jungen rings auf dem Tanzplatz; laut dröhnte vom Stampfen und Klatschen der Boden. Zu Alkinoos sprach der edle Odysseus die Worte: "Herrscher Alkinoos, ausgezeichnet vor sämtlichem Volke, wie du voll Stolz erklärt hast, ihr seiet die tüchtigsten Tänzer, so entspricht es der Wahrheit. Ich sehe die Tänze mit Staunen." Darüber freute sich herzlich der rüstige, kraftvolle König, sagte zu den Phaiaken sogleich, den Freunden der Ruder: "Höret, die ihr das Volk der Phaiaken führt und beratet! Höchst verständig, so möchte ich meinen, erweist sich der Fremdling. Auf denn, wir wollen ihm Gastgeschenke gebührlich verehren! Glänzende Fürsten, zwölf an der Zahl, versehen als Herrscher unter dem Volke die Pflichten; als dreizehnter walte ich selber. Jeder von ihnen gebe dem Fremdling einen recht schmucken Mantel nebst Leibrock, dazu ein Talent des kostbaren Goldes! Lasset uns alles sogleich zusammentragen; der Fremdling soll sich, erfreut durch Besitz der Geschenke, zum Essen begeben. Aber Euryalos soll ihn persönlich mit Worten und Gaben zu begütigen suchen; zu Unrecht erhob er den Vorwurf." Derart sprach er, und alle spendeten Beifall und Zuspruch; jeder der Fürsten schickte den Herold, die Gaben zu bringen. Aber dem Könige gab Euryalos Antwort und sagte: "Herrscher Alkinoos, ausgezeichnet vor sämtlichem Volke, ja, ich möchte, wie du es wünschest, den Fremdling versöhnen. Anbieten will ich dies eherne Schwert ihm; silberne Nägel zieren den Griff, und frischgeschnittenes Elfenbein zieht sich rings um die Scheide. Es wird für den Fremden ein Wertstück bedeuten." Derart sprach er, reichte dem Helden die silberbeschlagne Waffe und sagte zu ihm die im Fluge enteilenden Worte: "Glück dir, ehrwürdiger Fremdling! Und wurde ein Vorwurf erhoben, der dich gekränkt hat, so mögen ihn spurlos die Winde verwehen! Mögen die Götter den Anblick der Gattin und Heimkehr dir schenken, wo du so lange schon, ferne den Deinen, Unglück erduldest!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Dir auch, mein Lieber, wünsche ich Glück! Dich mögen die Götter segnen! Und mögest du künftig dies Schwert auch niemals vermissen, das du soeben mir gabst zur Versöhnung mit freundlichen Worten!" Damit hängte er sich um die Schultern die silberne Waffe. Unter ging die Sonne; da waren die Gaben zur Stelle. Wackere Herolde trugen sie gleich zum Schlosse des Herrschers. Hier empfingen die Söhne des edlen Gebieters die schönen Stücke und legten bei der achtbaren Mutter sie nieder. Aber den anderen ging voran der rüstige König. Alle ließen im Schloß auf hohen Sesseln sich nieder. Und der kraftvolle Herrscher Alkinoos sprach zu Arete: "Lasse von unseren prächtigen Truhen, Herrin, die beste bringen und lege hinein den schmucken Mantel nebst Leibrock! Setzet den ehernen Kessel aufs Feuer und wärmet das Wasser, soll doch der Fremdling, gebadet, vor Augen die trefflich verwahrten Gaben, die ihm hierhergebracht die edlen Phaiaken, sich an der Mahlzeit erfreuen und am Vortrag der Lieder. Ich auch möchte ihm schenken meinen prachtvollen goldnen Becher, damit er aus ihm in seinem Palaste zu meinem steten Gedächtnis dem Zeus und den andern Unsterblichen spende!" Derart sprach er. Arete erteilte den Mägden die Weisung, einen gewaltigen Dreifuß schleunigst aufs Feuer zu setzen. Einen Badekessel stellten sie über die Flamme, schütteten Wasser hinein und nährten mit Scheiten das Feuer; Flammen umspielten des Kessels Wölbung, warm wurde das Wasser. Aber Arete brachte inzwischen die prachtvolle Truhe für den Gast aus der Kammer; drin barg sie die herrlichen Stücke, Gold und Gewänder, die ihm die Phaiaken als Gaben verehrten, legte auch selber den Mantel hinein und den glänzenden Leibrock, richtete dann an Odysseus die flugs enteilenden Worte: "Mustere selber den Deckel, schließ ihn gewandt mit dem Knoten! Unterwegs soll keiner durch Diebstahl dich schädigen, während du in erquickendem Schlummer auf düsterem Schiffe dahinfährst." Ihren Ratschlag vernahm der göttliche Dulder Odysseus, schloß den Deckel und knüpfte gewandt den kunstvoll verschlungnen Knoten, wie es die mächtige Kirke ihn eindringlich lehrte. Darauf erschien die Schaffnerin gleich und bat ihn, zum Baden in die Wanne zu steigen. Odysseus erblickte das warme Wasser mit Freude; er hatte nicht häufig Betreuung erfahren, seit er die Wohnung der lockigen Nymphe Kalypso verlassen! Ständig hatte man dort ihn bedient wie einen der Götter. Als ihn die Mägde gebadet und eingeölt hatten, mit einem prächtigen Mantel und Leibrock danach ihn sorglich bekleidet, trat er hervor aus dem Bade und wollte hinein zu den Zechern gehen. Da stand Nausikaa, von den Göttern mit hoher Schönheit begnadet, am Eingang des fest errichteten Saales. Staunend betrachtete sie den herrlichen Helden Odysseus, wandte sich zu ihm und sprach die im Fluge enteilenden Worte: "Fremdling, leb wohl - damit du auch in der Heimat noch meiner eingedenk bleibst; denn mir vor allen verdankst du dein Leben!" Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Tochter des edlen Phaiakengebieters, Nausikaa, derart möge es Zeus, der donnernde Gatte der Hera, mir gönnen, wieder nach Haus zu gelangen, die Heimkehr noch zu erleben! Dann will dankbar auch dort ich göttliche Ehren dir spenden, immer und ewig; du hast mir ja, Mädchen, das Leben gerettet." Derart sprach er und ließ an der Seite des Königs sich nieder. Diener verteilten die Fleischstücke schon und mischten den Wein auch. Nunmehr führte der Herold herbei den achtbaren Sänger, den vom Volke verehrten Demodokos, hieß ihn sich setzen mitten im Kreis der Gäste, gelehnt an die ragende Säule. Aber der kluge Odysseus schnitt ein Stück von dem Rücken des hellzahnigen Schweines, ein Stück in üppiger Fettschicht - freilich verblieb ihm der größere Teil noch -, und sprach zu dem Herold: "Nimm hier das Fleischstück und bring es Demodokos, Herold, zum Essen! Ihm auch möchte ich freundlich mich zeigen, trotz eigenen Kummers. Sämtliche Menschen auf unserer Erde erweisen den Sängern Ehren und Achtung; es unterwies die Muse persönlich sie in der Kunst des Gesanges, aus Liebe zur Sippe der Sänger." Derart sprach er. Der Herold reichte die Gabe dem edlen Helden Demodokos. Dieser empfing sie und freute sich innig. Wacker sprach man zu den dargebotenen Speisen. Aber sobald man den ersten Durst gestillt und den Hunger, wandte sich an den Sänger der kluge Odysseus und sagte: "Dich, Demodokos, preise ich hoch vor sämtlichen Menschen; dich unterwies die Muse, das Zeuskind, oder Apollon. Denn du besingst höchst kunstreich das bittere Schicksal der Griechen, was sie vollbrachten und litten und wie sie sich quälten, als wärest du ein Mitkämpfer oder eines Mitkämpfers Zeuge. Wechsle das Thema und singe vom Bau des hölzernen Pferdes, das Epeios mit Hilfe der Göttin Athene gezimmert, aber der edle Odysseus mit List in die Festung geschafft hat, voll besetzt mit Bewaffneten, die dann Troja zerstörten! Wenn du von diesem Ereignis kunstgerecht mir berichtest, will ich sogleich auch allen Menschen erzählen, daß gnädig dir ein Unsterblicher göttliche Sangesgabe verliehen!" Derart sprach er. Der Sänger hub an, vom Gotte begeistert, damit, wie die Argeier den Brand in ihr Zeltlager warfen und an Bord der trefflich gezimmerten Schiffe von dannen fuhren, jedoch die Schar des ruhmreichen Helden Odysseus heimlich im Bauche des Rosses hockte, inmitten der Troer, hatten es doch die Troer selbst in die Festung gezogen. Ebendort stand es, und ringsum weilten die Feinde und brachten vielerlei Ratschläge vor; drei Meinungen galten vor allen: erstens, das hohle Gebälk zu zerschlagen mit grausamem Erze, oder es, zweitens, vom Rande des Burgbergs hinunterzustoßen, oder, zum dritten, als riesiges Standbild es stehen zu lassen zur Versöhnung der Götter - was dann tatsächlich auch eintrat. Ilion sollte zugrunde gehen, sofern es das große hölzerne Pferd in sich einließ, in dem die tapfersten Griechen saßen, bereit, den Trojanern Tod und Verderben zu bringen. Weiterhin sang er, wie aus dem Hinterhalte die Griechen, aus dem Pferde, hervorbrachen und die Festung zerstörten, wie sie, verschiedenen Orts, verheerten das ragende Troja, aber Odysseus vordrang zum Hause des Dëiphobos, stürmend wie Ares, mit Menelaos, dem göttlichen Helden, wie er sich dort dem gefährlichsten Kampfe voll Wagemut stellte und am Ende auch siegte, mit Hilfe der tapfren Athene. Dies trug vor der ruhmreiche Sänger. Aber Odysseus härmte sich weinend, die Tränen rannen ihm über die Wangen. Wie sich ein Weib in Tränen wirft auf den sterbenden Gatten, der zum Schutze der Heimat und ihrer Bewohner gefallen, um der Stadt und den Kindern den Todestag zu ersparen, sie ihn erblickte, wie er im Todesringen noch zuckte, ihn mit den Armen umschlang und gellend schreit, doch die Feinde Rücken und Schultern mit den Schäften der Lanzen ihr schlagen und in die Knechtschaft sie schleppen, zu qualvoller, mühsamer Arbeit, und im erbarmungswürdigsten Kummer die Wangen ihr welken: ebenso ließ auch Odysseus die Tränen erbarmenswert fließen. Allen Phaiaken entging es, daß ihm Tränen entströmten; nur Alkinoos gab auf ihn acht und bemerkte die Tränen, weil er neben ihm saß, und vernahm sein bitteres Stöhnen. Deshalb sprach er sogleich zu den Männern, den Freunden der Ruder: "Höret, die ihr das Volk der Phaiaken führt und beratet! Möge Demodokos schweigen lassen die klingende Harfe; denn sein Gesang erweckt nicht bei allen dankbare Freude! Seit wir speisen und der göttliche Sänger im Vortrag anfing, verharrt der Fremdling ununterbrochen in tiefer, bitterer Trübsal; vermutlich bedrückt ihm Kummer die Seele. Höre der Sänger denn auf! Wir alle sollen uns freuen, Gastgeber wie auch der Gast; so verlangt es nun einmal der Anstand. Dieses Festmahl widmen wir unsrem ehrwürdigen Gaste, wie das Geleit und die Gaben, die wir in Freundschaft ihm spenden. Seinen Bruder erblickt im hilfeflehenden Fremdling, wer sich auch nur ein wenig bewahrt Verstand und Empfindung. Deshalb verschweige mir jetzt nicht mehr in berechnender Vorsicht, was ich dich frage; auch derlei Auskunft rechnet zum Anstand. Sag uns den Namen, mit dem dich zu Hause Mutter und Vater nennen, die Mitbürger deiner Heimatstadt und die Nachbarn! Niemand verbleibt ja völlig namenlos unter den Menschen, sei er gering, sei er edel, sofern er nur einmal geboren; nach der Geburt verleihen die Eltern doch jedem den Namen! Sag mir dein Vaterland auch, dein Volk und die Bürgergemeinde; unsere Schiffe sollen, des Zieles bewußt, dich geleiten. Denn die Phaiakenschiffe brauchen nicht Leute zum Steuern, auch keine Steuerruder, wie andere Schiffe es haben, sondern sie wissen von sich aus die Pläne ihrer Besatzung, kennen die Städte und fruchtbaren Länder sämtlicher Menschen und überqueren aufs schnellste die Schlünde des salzigen Meeres, völlig in Nebel gehüllt; auch brauchen sie niemals ein Unglück oder den Untergang etwa auf wogender See zu befürchten. Einst nur hörte ich meinen Vater Nausithoos sagen, eifersüchtiger Unwillen werde Poseidon ergreifen, weil wir jeden so sicher geleiteten; späterhin einmal werde Poseidon ein tüchtiges Schiff der Phaiaken auf seiner Rückkehr von einer Geleitfahrt auf dem unendlichen Meere scheitern lassen, doch unsere Stadt mit Bergen umschließen. So prophezeite der Alte. Dies mag nun die Gottheit erfüllen oder auch unerfüllt lassen, völlig nach ihrem Belieben. Aber wohlan denn, sprich und erteile untrüglich mir Auskunft: Wohin verschlug dich das Meer und welche von Menschen bewohnten Länder erreichtest du? Nenne die Völker, die wohnlichen Städte! Sind sie Verbrecher und Wilde und Feinde des rechtlichen Handelns oder Bewahrer des Gastrechts und dienen voll Ehrfurcht den Göttern? Sage, worüber du weinst und schmerzlichen Kummer empfindest, wenn du vom Schicksal der Danaer hörst und vom Untergang Trojas! Götter verhängten das Schicksal, bestimmten den Menschen Verderben; auch für die Nachwelt sollte als Stoff zu Gesängen es dienen. Büßtest vielleicht auch du im Kampfe vor Ilion einen edlen Verwandten ein, den Schwiegersohn oder den Schwager - diese stehen uns ja, nach dem eigenen Blute, am nächsten -, oder auch einen wackeren Freund von treuer Gesinnung? Denn von keinem geringeren Wert als ein leiblicher Bruder zeigt sich ein treuer Freund, ein verständiger, kluger Gefährte!"
Neunter Gesang
Wie Odysseus den Phaiaken seine Irrfahrten erzählte und zunächst von den Abenteuern bei den Kikonen und Lotophagen sowie bei dem Kyklopen Polyphemos berichtete
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Ich setz mich hin, das Fest wird still, „Ihr wollt meine Geschichte? Dann hört, was ich will. Von Troja bis hier war der Weg kein Spiel, Gefahren und Blut – mein Leben, mein Ziel.“ [Verse 1: Odysseus] Wir segelten los, die Kikonen im Blick, nahmen, was wir konnten, doch die Rache war dick. Ein Hinterhalt – Männer starben im Kampf, die See nahm den Rest, ihr unendlicher Schlamm. Dann Lotophagen, sie boten den Schein, ihre Blüten versprachen, die Welt sei rein. Doch ich zog sie fort, meine Männer und Mut, „Bleibt wachsam, Brüder, oder das Ende ist gut.“ [Refrain: Odysseus & Chorus] Ich bin Odysseus, ein Mann auf der Flucht, von Blut und Göttern getrieben – meine Sucht. Von Feinden umringt, doch mein Geist bleibt klar, der Heimweg ruft – Ithaka ist nah. [Verse 2: Odysseus] Dann kamen wir zu Polyphem, dem Zyklopen, sein Höhlenblick wild, sein Atem am Toben. Er fraß meine Männer, sein Hunger war groß, doch ich schmiedete Pläne – der Sieg war famos. „Niemand“ war mein Name, ich gab ihm den Wein, er taumelte, fiel – sein Auge ward mein. Mit brennendem Holz, ein Schrei durch die Nacht, wir flohen ins Meer – die Freiheit erwacht. [Refrain: Odysseus & Chorus] Ich bin Odysseus, ein Mann auf der Flucht, von Blut und Göttern getrieben – meine Sucht. Von Feinden umringt, doch mein Geist bleibt klar, der Heimweg ruft – Ithaka ist nah. [Bridge: Odysseus] Doch Poseidon sah alles, sein Zorn war heiß, der Zyklop, sein Sohn – ich zahlte den Preis. Von Wellen gejagt, mein Schiff drohte zu brechen, doch mein Wille blieb stark, ließ sich nicht schwächen. [Outro: Odysseus] Das Meer tobt weiter, die Götter sind wild, doch meine Geschichte bleibt unzerstört, ungestillt. Von Kikonen zu Zyklopen, der Weg ist hart, doch Ithaka ruft – mein Ziel ist klar.
Der vollständige 9. Gesang
Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Herrscher Alkinoos, ausgezeichnet vor sämtlichen Männern, angenehm ist es, einem Sänger zu lauschen wie diesem, dessen Gesang so herrlich erklingt wie Stimmen der Götter! Keinen höheren Gipfel des Lebens kann ich mir denken, als wenn ein ganzes Volk sich freudiger Stimmung anheimgibt und im Schlosse die Gäste lauschen den Liedern des Sängers, nebeneinander sitzend, vor ihnen die reichlich gedeckten Tische voll Brot und Fleisch sich erheben und ständig der Mundschenk aus dem Mischkruge schöpft und die Becher füllt mit dem Tranke. Darin erblicke ich wirklich die höchste Freude des Daseins! Freilich, du möchtest jetzt Aufschluß erhalten über den bittren Kummer, damit ich in meiner Klage noch schmerzlicher stöhne. Womit soll den Bericht ich beginnen und womit ihn schließen? Suchten mich doch die Himmlischen heim mit furchtbarem Elend. Nennen will ich zu Anfang den Namen: Ihr müßt ihn erfahren - ich will künftig, sofern ich dem Tage des Todes entrinne, gastlich euch aufnehmen, wohne ich auch in der Ferne! Odysseus bin ich, der Sohn des Laërtes, durch allerlei listige Taten weltbekannt. Den Himmel erreicht mein Ruhm. Ich bewohne Ithaka, das weit sichtbare Eiland. Ein hoher Gebirgszug, Neriton, reich an Laubwäldern, fesselt von fernher die Blicke. Zahlreiche Inseln liegen im Umkreis, dicht beieinander, Same, Dulichion und das waldbedeckte Zakynthos. Ithaka selbst erstreckt sich im Meere, als letzte, mit seinen flachen Gebieten nach Westen, die andern nach Osten und Süden. Rauh ist Ithaka, aber die Heimat wackerer Männer; Lieberes als mein Land vermag ich nicht zu erspähen. Ja, auf Ogygia hielt mich die herrliche Göttin Kalypso fest in gewölbter Grotte, sie wollte zum Manne mich haben; ebenso suchte auch Kirke, die tückische Herrin Aiaias, mich im Palast zu behalten und wollte zum Garten mich haben. Aber mich konnte nicht eine von ihnen zum Bleiben bewegen. Nichts bereitet doch süßere Freuden als Heimat und Eltern, mag man auch ferne in einem reichlich gesegneten Hausstand wohnen, irgendwo in der Fremde, getrennt von den Lieben! Lasse dir jetzt von mir die leidige Heimfahrt berichten, die der Kronide mir nach dem Aufbruch von Troja bescherte! Fort von Ilion trieb mich der Wind zur Stadt der Kikonen, Ismaros. Diese zerstörten wir und erschlugen die Männer. Frauen und reichliche Schätze erbeuteten wir und verteilten alles; nicht einer sollte den rechten Anteil entbehren. Rasch zu entfliehen riet ich im Anschluß meinen Gefährten; aber sie wollten in ihrer sträflichen Torheit nicht hören. Reichlich sprachen dem Weine sie zu und schlachteten Schafe, dicht am Gestade, und krummgehörnte, trottende Rinder. Doch die Kikonen, die uns entrannen, boten inzwischen ihre Landsleute auf, die weiter im Inneren wohnten, stärker an Zahl und tapferer; trefflich verstanden vom Wagen sie mit dem Feinde zu kämpfen, auch, wo es nottat, zu Fuße. Diese rückten, so zahlreich wie Blätter und Blüten im Frühling, gegen uns vor in der Frühe. Da traf des Kroniden Verhängnis uns vom Unglück Geschlagene; furchtbar mußten wir büßen. Neben den schnellen Schiffen stellten zum Kampf sich die Gegner, suchten einander mit ihren ehernen Lanzen zu treffen. Während noch Vormittag war und der heilige Tag sich emporschwang, wehrten wir ab die Feinde, trotz ihrer größeren Anzahl. Als die Sonne zur Stunde des Stierausspannens sich neigte, nötigten die Kikonen siegreich uns Griechen zum Rückzug. Sechs Gefährten, trefflich gerüstet, von jedem der Schiffe fielen; wir anderen konnten dem tödlichen Schicksal entrinnen. Weiterhin fuhren wir über das Meer mit bekümmertem Herzen, froh der Errettung, obwohl wir die teuren Gefährten verloren. Aber es stachen dann erst in See die doppelt geschweiften Schiffe, nachdem wir jeden der elenden Freunde, die kämpfend den Kikonen am Lande erlagen, noch dreimal gerufen. Und nun peitschte der wolkenballende Zeus den Boreas gegen die Schiffe in furchtbarem Sturm und hüllte in Schleier Erde zugleich und Meer. Nacht brach vom Himmel hernieder. Vorwärts geneigt, so jagten die Schiffe; die Macht des Orkanes riß die Segel in Fetzen, in drei und in vier, auseinander. Um zu entgehen dem Schiffbruch, ließen wir nieder die Segel und erreichten, angestrengt rudernd, das rettende Festland. Dort verbrachten wir notgedrungen zwei Tage und Nächte, härmten uns ab in schwerer Erschöpfung und bohrendem Kummer. Als die gelockte Eos zum Anbruch des dritten erstrahlte, richteten auf wir die Masten und setzten die leuchtenden Segel, saßen dann still, und Wind und Steuermann lenkten die Schiffe. Wohlbehalten wäre ich jetzt in die Heimat gekommen. Als wir jedoch Malea umfuhren, da trieben uns Seegang, Strömung und steifer Boreas zurück, vorbei an Kythera. Weiterhin trieb ich, neun Tage hindurch, vor schrecklichen Stürmen über die fischreiche See. Wir erreichten am zehnten die Küste der Lotophagen, die nur pflanzliche Nahrung genießen. Wir betraten das Festland und schöpften uns Wasser, und meine Freunde verzehrten sogleich bei den schnellen Schiffen die Mahlzeit. Als wir uns alle gesättigt hatten an Trank und an Speise, sandte ich einige Leute ins Innre; sie sollten erkunden, wer in dem Lande lebte und von Getreide sich nährte; zwei Mann wählte ich aus, dazu den dritten als Herold. Kurz nach dem Aufbruch bereits erreichten sie die Lotophagen. Diese führten jedoch durchaus nichts Böses im Schilde gegen die Unseren, sondern ließen vom Lotos sie kosten. Jeder freilich, der einmal genascht von den leckeren Früchten, möchte nicht mehr Bericht erstatten und heimwärts sich wenden, sondern an Ort und Stelle verbleiben bei den Lotophagen, ständig nur Lotos rupfend, und gar nichts von Heimfahrt mehr wissen. Nur mit Gewalt - sie weinten! - brachte ich sie zu den Schiffen, zog sie an Bord und band sie unter die Balken des Deckes. Danach befahl ich den anderen teuren Gefährten, sich gleichfalls schnell zu begeben an Bord der eilenden Fahrzeuge; keiner sollte vom Lotos mehr kosten und auf die Heimfahrt verzichten. Schleunigst stiegen sie ein und nahmen Platz an den Dollen, peitschten in ihren Reihen die schäumende See mit den Rudern. Weiterhin fuhren wir über das Meer mit bekümmertem Herzen. Zu den Kyklopen gelangten wir jetzt, den rechtlosen Frevlern, die sich auf die unsterblichen Götter verlassen und weder pflanzen und säen noch pflügen mit ehrlicher Arbeit der Hände. Alles sprießt auf bei ihnen ohne Säen und Ackern, Weizen und Gerste und Weinstöcke, die in üppigen Trauben Wein hervorbringen; Zeus bewässert ihn für die Kyklopen. Ratsversammlungen kennen sie nicht und feste Gesetze, hausen sie doch auf den Gipfeln ragender Berge in tiefen Höhlen, und jeder handhabt eigne Gesetze für seine Frauen und Kinder, und keiner von ihnen beachtet die andern. Schräg gegenüber der Bucht des Kyklopenlandes erstreckt sich, weder zu nah noch zu ferne, eine Insel mit flachem Strande und dicht bewaldet; dort leben zahllose wilde Ziegen; die Tiere verscheucht kein Gehen und Kommen von Menschen, niemals betreten auch Jäger das Eiland, die leidige Mühsal auf sich nähmen, wenn Wald sie und Berggipfel spürend durchstreiften. Weder beweiden Herden noch ackern Pflüger den Boden; niemals besät und niemals durchfurcht, so dehnt sich die Insel, leer von Menschen; nur meckernden Ziegen bietet sie Nahrung. Denn die Kyklopen besitzen nicht Schiffe mit rötlichem Steven; Baumeister fehlen dem Lande, die solche Fahrzeuge kunstreich zimmerten, treffliche Schiffe, die allen Verkehr übernähmen hin zu den menschlichen Wohnstätten, wie ja die Menschen sehr häufig über das Meer einander besuchen mittels der Schiffe. Solche geschickten Baumeister machten die Insel bewohnbar! Fruchtbar ist sie und brächte rechtzeitig alle Erträge. Wiesen enthält sie längs der Gestade des schäumenden Meeres, reichlich bewässert und üppig; ständig gediehen hier Reben. Ebenes Ackerland gibt es; hochwogende Saatflächen ließen immer zur Zeit sich mähen, denn fett ist unten das Erdreich. Sicherheit bietet der Hafen; dort braucht man keinerlei Seile, weder zum Werfen der Anker noch zum Vertäuen des Heckes; auflaufen muß man bloß und abwarten, bis die Besatzung abfahren möchte und günstige Winde aufmunternd wehen. Klares Wasser entquillt, landeinwärts, am Ende des Hafens, einer felsigen Höhlung; Schwarzpappeln ragen im Umkreis. Ebendort landeten wir. Uns geleitete sicher die Gottheit durch die finstere Nacht; nichts Helles bot sich dem Auge. Tiefes Dunkel umballte die Schiffe, vom Himmel erglänzte nicht der Mond, der hinter düstrem Gewölk sich versteckte. Deshalb vermochte auch niemand die Insel genau zu erspähen, sahen wir nicht die weithin gestreckten Wogen zur Küste rollen, bevor die tüchtigen Schiffe das Ufer erreichten. Nach dem Anlegen bargen wir sämtliche Segel und gingen neben der tobenden Brandung an Land. Wir sanken in Schlummer und erwarteten schlafend die Ankunft der göttlichen Eos. Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, sahen wir staunend die Insel und durchstreiften sie eifrig. Und die Nymphen, die Töchter des Zeus, des Trägers der Aigis, scheuchten die Bergziegen auf, zur Mahlzeit für meine Gefährten. Bogen holten wir gleich von den Schiffen und Spieße mit langer eherner Tülle und gingen auf Jagd, in Scharen gegliedert, drei an der Zahl; ein Gott bescherte uns reichliche Beute. Schiffe folgten mir zwölf, auf jedes entfielen neun Ziegen bei der Verlosung; zehn Tiere wählte ich aus für mich selber. Danach saßen den Tag wir hindurch, bis zum Sinken der Sonne, aßen Mengen von Fleisch und tranken vom lieblichen Weine. Längst nicht erschöpft war der Vorrat des rötlichen Trunks auf den Schiffen, nein, er bestand noch; wir hatten für jedes Schiff in die Krüge reichlich geschöpft, nachdem wir die Stadt der Kikonen erobert. Rauch erblickten wir nahe im Land der Kyklopen und hörten ihre Stimmen, auch Blöken von Schafen und Meckern von Ziegen. Als der Sonnenball sank und das nächtliche Dunkel heraufzog, legten zum Schlaf wir uns nieder, neben der rauschenden Brandung. Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, rief ich meine Gefährten zusammen und sagte zu ihnen: 'Bleibet jetzt hier, ihr anderen teuren Gefährten! Ich selber möchte mit meinem Schiffe und meiner Besatzung die Insel der Kyklopen besuchen und ihre Bewohner erkunden: Sind sie Verbrecher und Wilde und Feinde des rechtlichen Handelns oder Bewahrer des Gastrechts und dienen voll Ehrfurcht den Göttern?' Damit ging ich an Bord und befahl auch meinen Gefährten, einzusteigen und die haltenden Taue zu lösen. Sie auch gingen sogleich an Bord und besetzten die Bänke, peitschten in ihren Reihen die schäumende See mit den Rudern. Wir erreichten die nahe gelegene Insel und sahen vorn an der Küste, dicht am Meere, eine sehr hohe Grotte, von Lorbeer beschattet. Dort pflegte zahlreiches Kleinvieh, Schafe und Ziegen, nächtlich zu lagern. Die ragende Mauer ringsum war errichtet aus tief vergrabenen Steinen, mächtigen Fichten und Eichen mit hohen, laubreichen Kronen. In der Höhle lebte ein Riese, der ständig die Herden für sich allein auf die Weiden trieb. Er verkehrte mit andern gar nicht, er hauste gesondert und billigte keinerlei Satzung. Einen erstaunlichen Anblick gewährte der Unhold, nicht einer, der sich vom Brote ernährt, nein, ein bewaldeter Gipfel mitten im hohen Gebirge, der einsam vor allen emporragt. Nunmehr erteilte ich Weisung den übrigen teuren Gefährten, dort bei dem Schiffe zu bleiben und streng zu bewachen das Fahrzeug. Zwölf, die Tüchtigsten, wählte ich mir und begab mich landeinwärts, hatte den ziegenledernen Schlauch dabei mit dem dunklen köstlichen Wein, den Maron mir gab, der Sohn des Euanthes, der, als Priester Apollons, zum Schutze von Ismaros wirkte; hatten wir ihn doch verschont, samt dem Weib und dem Kinde, in frommer Ehrfurcht; er wohnte nämlich im heiligen Haine Apollons. Dafür beschenkte er uns mit wertvollen, prächtigen Gaben, sieben Talenten von Gold in ganz vorzüglicher Arbeit, einem Mischkrug dazu von Silber; zu diesen noch schöpfte er zwölf Krüge mir voll mit dem reinen, lieblichen Weine, einem Getränk für Götter; von dieser Kostbarkeit wußte keiner der Knechte in seinem Hause und keine der Mägde, er nur, sein Weib und allein noch die Schaffnerin, treu und verschwiegen. Wollten sie trinken von diesem süßen, rötlichen Safte, goß er einen Becher von ihm auf zwanzig Maß Wasser; dann entströmte dem Mischkrug ein Duft von ungemein starkem, köstlichem Reiz; kaum hätte sich jemand des Trankes enthalten. Damit hatte den großen Schlauch ich gefüllt, und im Beutel trug ich noch Essen. Mich hatte ja schon die Ahnung beschlichen, daß uns ein Riese begegnen werde mit mächtigen Kräften, wild und ohne Verständnis für Recht und geheiligte Satzung. Wir erreichten geschwind die Höhle, doch fanden den Riesen nicht zu Hause; er weidete schon die üppigen Herden. Und wir betraten die Grotte und musterten alles mit Staunen. Horden waren mit Käse belastet, und Lämmer und Böckchen drängten sich wimmelnd in Buchten; gesondert waren in Pferchen jeweils die älteren Schafe, die Tiere mittleren Alters und die erst kürzlich geworfenen. Schwappend füllte die Molke alle Gefäße, Eimer und Bütten, in die er zu melken pflegte. Da baten zuerst mich flehentlich meine Gefährten, Käse zu nehmen und dann zu gehen, doch schließlich, in Eile Böckchen und Lämmer heraus aus den Ställen zu treiben zum schnellen Schiffe und fort mit der Beute über die Salzflut zu segeln. Aber ich gab nicht nach - und es wäre doch besser gewesen! -, wollte den Riesen noch sehen und seine Bewirtung erfahren. Gar nicht willkommen sollte er meinen Gefährten sich zeigen! Feuer entzündeten wir und brachten ein Brandopfer, aßen selber vom Käse und blieben sitzen im Innern der Höhle, bis er die Herde nach Haus trieb. Er schleppte ein riesiges Bündel trockenen Holzes; das sollte beim Abendessen ihm dienen. In der Grotte warf er es ab mit donnerndem Krachen. Schrecken ergriff uns, wir stoben davon in den hintersten Winkel. In die geräumige Höhle trieb er sein prachtvolles Kleinvieh, alles, was er zu melken gedachte. Die Widder und Böcke ließ er draußen zurück, im hochumfriedeten Hofraum. Einen gewaltigen Felsblock hob er und setzte, als Türstein, ihn vor den Eingang. Nicht zweiundzwanzig vierrädrige starke Fahrzeuge hätten ihn von der Schwelle fortschaffen können. So hoch ragte der Felsblock, den vor den Eingang er packte. Sitzend melkte der Riese die Schafe und meckernden Ziegen, ganz nach Gebühr, und legte den Müttern die Jungtiere unter, ließ von der leuchtenden Milch sogleich die Hälfte gerinnen, ballte sie fest und legte sie auf die geflochtenen Horden, während das Übrige er in Gefäßen verwahrte; er wollte trinken davon, es sollte zum Abendessen ihm dienen. Als er voll Eifer die nötigen Arbeiten ausgeführt hatte, fachte er Feuer sich an, erspähte uns plötzlich und fragte: 'Leute, wer seid ihr? Von wo aus befahrt ihr die Bahnen des Meeres? Reist ihr umher in Geschäften? Schweifet ihr ziellos und planlos über die Fluten, als Seeräuber, die sich umhertreiben, dabei unter dem Einsatz des Lebens Verderben bringen den Fremden?' Derart sprach er. Uns packte ein jähes Entsetzen vor seiner dröhnenden Stimme und vor dem Umfang des riesigen Leibes. Trotzdem ermannte ich mich sogleich und gab ihm zur Antwort: 'Laß dir berichten! Achaier sind wir, von Troja verschlagen über die furchtbaren Tiefen des Meeres durch vielerlei Stürme, wollten nach Hause, doch kamen in falscher Richtung und falschen Bahnen hierher; so wünschte uns wohl der Kronide zu lenken. Stolz bekennen wir uns als Kämpfer vom Heer Agamemnons, dessen Ruhm sich unter dem Himmel am weitesten ausdehnt, solch gewaltige Festung, so zahlreiche feindliche Streiter hat er vernichtet. Wir aber möchten dich kniefällig bitten: Gastlich empfange uns, bitte, oder gewähre uns eine andere Art der Gabe, die flehenden Fremdlingen zusteht! Scheue, du Stärkster, die Götter! Von dir erflehen wir Hilfe, doch der Kronide beschützt die hilfeheischenden Fremden, Zeus, der Hüter des Gastrechts, der ehrbare Fremde begleitet!' Derart sprach ich, doch ohne Erbarmen gab er mir Antwort: 'Fremdling, du bist ein Dummkopf oder von weither gekommen, wenn du mich anweist, die Götter zu fürchten oder zu scheuen! Die Kyklopen kümmern sich nicht um den Träger der Aigis, nicht um die seligen Götter; wir sind ja wesentlich stärker! Schwerlich verschonte ich dich aus Scheu vor dem Groll des Kroniden, dich und deine Gefährten, sofern ich nicht selber es wünschte! Sag mir jedoch: Wo legtest du an mit dem tüchtigen Schiffe, weit entlegen oder ganz nahe? Ich möchte es wissen.' Derart fragte er tückisch; doch ich, der so manches erlebte, merkte es wohl und gab ihm zur Antwort die listigen Worte: 'Scheitern ließ der Gott, der die Erde erschüttert, mein Fahrzeug, schmetterte es, an eurer Grenze, gegen die Klippen, hatte dem Kap es genähert; zum Lande trieb es der Sturmwind. Ich nur, mit diesen Gefährten, entrann dem jähen Verderben.' Darauf gab er mir, ohne Erbarmen, keinerlei Antwort, nein, sprang auf und reckte die Arme nach meinen Gefährten, packte zwei und schlug sie, wie Hunde, gegen den Boden; auf den Felsgrund spritzte ihr Hirn und netzte die Erde. Glied für Glied zerlegte er sie, zum Schmaus für den Abend, schlang sie restlos hinunter, vergleichbar dem Löwen der Berge, alles, die Eingeweide, das Fleisch wie das Mark mit den Knochen. Auf zum Kroniden erhoben wir weinend die Hände beim Anblick dieses entsetzlichen Mahles, doch konnten nicht raten, nicht helfen. Als der Kyklop sich den Wanst, den riesigen, vollgestopft hatte mit dem Fleische der Menschen und unverwässertem Milchtrank, streckte er, quer durch das Vieh, in der Höhle zum Schlafen sich nieder. Da erwog ich, von mutigem Zorne gedrängt, auf den Unhold loszugehen, mein schneidendes Schwert von der Hüfte zu ziehen, ihm, wo das Zwerchfell die Leber umfaßt, die Brust zu durchbohren, wenn ich die Stelle ertastet. Bedenken zerstreuten die Absicht. Wir auch wären im Innern der Höhle zugrunde gegangen: Schwerlich vermochten aus eigener Kraft wir vom riesigen Eingang jenen Felsblock zu wälzen, den er davorgerückt hatte! Jammernd erwarteten wir demnach die göttliche Eos. Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, machte der Riese sich Feuer und melkte die Schafe und Ziegen, ganz nach Gebühr, und legte den Müttern die Jungtiere unter. Als er voll Eifer die nötigen Arbeiten ausgeführt hatte, packte er wiederum zwei der Gefährten und fraß sie zum Frühstück. Nach dem Essen entfernte er leicht den gewaltigen Türstein, trieb das üppige Vieh aus der Höhle und stellte den Felsblock wieder zurück, als schlösse ein Schütz mit dem Deckel den Köcher. Unter gellendem Lockruf trieb er die prächtige Herde fort ins Gebirge. Ich blieb zurück in eifrigem Grübeln, ob ich mich rächen, Athene Erfolg mir zuschanzen könne. Folgender Plan erschien mir bei meiner Erwägung als bester: Neben den Pferchen lag des Kyklopen mächtige Keule, grün noch, vom Holze des Ölbaums. Er hatte zurecht sie geschnitten, um sie, sobald sie ausgedörrt wäre, zu tragen. Wir konnten sie dem Maste des zwanzigrudrigen Schiffes vergleichen, das die Tiefen der See überquert als geräumiger Frachter; ebenso lang und ebenso dick bot sie sich den Augen. Davon hieb ich ein Ende heraus, so lang wie die Klafter, gab den Gefährten es hin und befahl, es glättend zu schaben. Sie erfüllten den Auftrag. Ich schärfte den Pfahl an der Spitze, drehte die Spitze sodann bis zum Glühen in lodernder Flamme. Schließlich verbarg ich den Pfahl recht sorgfältig unter der Mistschicht, die den Boden der Höhle in reichlicher Stärke bedeckte. Meinen Gefährten befahl ich, das Los darüber zu werfen, wer sich entschließen sollte, mit mir dem Kyklopen die Spitze tief in das Auge zu stoßen, wenn köstlicher Schlaf ihn befallen. Eben diejenigen traf das Los, die ich selber mir wünschte, vier aus der Schar; ich rechnete mich als fünfter zu ihnen. Abends kehrte der Riese zurück mit der stattlichen Herde. Gleich in die weite Grotte trieb er die üppigen Tiere, alle zusammen; er ließ kein Stück im umfriedeten Hofraum, sei es aus Argwohn, sei es auf Wunsch der schützenden Gottheit. Vor den Eingang setzte er wieder den riesigen Türstein. Sitzend melkte darauf er die Schafe und meckernden Ziegen, ganz nach Gebühr, und legte den Müttern die Jungtiere unter. Als er in Eile die nötigen Arbeiten ausgeführt hatte, packte er wiederum zwei der Gefährten und fraß sie zum Abend. Nunmehr trat ich heran an den Riesen und sagte recht freundlich, einen Napf tiefrötlichen Weins mit den Händen ihm reichend: 'Nimm, Kyklop, und trinke den Wein auf die Menschenfleischmahlzeit! Kennen sollst du den Trank, den unser Fahrzeug geladen. Dir zur Trankspende brachte ich ihn - ob vielleicht du, aus Mitleid, uns die Heimfahrt vergönntest; doch wütest du, kaum noch erträglich! Schrecklicher Unhold, kein Mensch - und ihrer sind viele! - wird künftig dich noch besuchen, nachdem du so ungebührlich gehandelt!' Derart sprach ich. Er nahm und trank und freute sich maßlos über den köstlichen Wein und verlangte aufs neue zu kosten: 'Gib mir noch einmal, gefälligst, und nenne sogleich mir auch deinen Namen: Ein Gastgeschenk will ich, zu deiner Freude, dir geben! Auch den Kyklopen nämlich spendet der nährende Boden Wein in üppigen Trauben, und Zeus bewässert ihn reichlich. Das hier jedoch ist ein Saft von Ambrosia wie auch von Nektar!' Derart sprach er. Ich reichte erneut ihm vom funkelnden Weine. Dreimal reichte ich ihm, und dreimal trank er, ganz arglos. Schon umnebelte das Getränk dem Kyklopen die Sinne, da erteilte ich Auskunft ihm in schmeichelndem Tone: 'Meinen berühmten Namen, Kyklop, begehrst du zu wissen - nun, ich will ihn dir nennen. Gib du das versprochne Geschenk mir! Niemand lautet mein Name. Als Niemand bezeichnen mich meine Eltern, Mutter wie Vater, und alle meine Gefährten.' Derart sprach ich, und ohne Erbarmen gab er zur Antwort: 'Aufessen will ich den Niemand als letzten im Kreise der Seinen, vorher die anderen alle; das mag dir als Gastgeschenk gelten!' Damit sank er rücklings zu Boden, bog noch den feisten Nacken zur Seite und streckte sich hin. Der Schlummer, der jeden bändigt, bezwang auch ihn. Und seinem Schlunde entquollen Wein und Menschenfleischbrocken; im Rausch erbrach sich der Riese. Nunmehr schob ich die Pfahlspitze lief in den Haufen der Asche, um sie schnell zu erhitzen; dann sprach ich meinen Gefährten Mut zu; es sollte sich keiner aus Angst vor dem Ungetüm drücken. Aber sobald der Pfahl von dem Ölbaum Feuer zu fangen drohte, so frisch wie er war, und durchscheinend schrecklich erglühte, zog ich ihn aus der Flamme; sogleich umringten mich meine treuen Gefährten. Ein Daimon flößte uns Mut in die Herzen. Kräftig packten den Pfahl sie und stießen die Spitze dem Riesen tief in das Auge. Ich stemmte mich über das Ende und drehte, ganz wie ein Meister den Drillbohrer preßt in das Holz für den Schiffsbau, während die Helfer darunter den Riemen beiderseits kräftig packen und ziehen, so daß der Bohrer beharrlich herumschnurrt: ebenso drehten im Auge des Riesen die glühende Spitze kräftig wir um, und heiß umquoll sie das Blut, das hervorbrach. Völlig versengte der Gluthauch, während der Augapfel brannte, Brauen und Lider; die Augwurzel zischte im Wüten der Flamme. Wie ein Schmied die gewaltige Streitaxt oder das Schlichtbeil unter betäubendem Zischen eintaucht ins eiskalte Wasser, um sie zu härten; denn darauf beruht die Härte des Eisens: so umzischte die Spitze des Ölbaumholzes das Auge. Fürchterlich heulte der Unhold auf, rings gellte der Felsen. Grausen ergriff uns, wir stoben davon. Wild zerrte der Riese sich aus dem Auge den Pfahl, den das quellende Blut überströmte, warf ihn von sich und schlug wie rasend umher mit den Fäusten; brüllend rief er die andern Kyklopen herbei, die im Umkreis auf den vom Sturme gepeitschten Höhen in Felsgrotten hausten. Auf das Geschrei hin strömten von hier sie und dort zusammen, stellten sich rings um die Höhle und fragten nach seiner Bedrängnis: 'Was, Polyphemos, verursacht dir Schmerzen, daß du so aufbrüllst durch das ambrosische Dunkel und uns den kostbaren Schlaf raubst? Will dir einer der Sterblichen etwa den Viehbestand rauben? Möchte dich jemand gar töten, listig oder gewaltsam?' Ihnen entgegnete aus der Grotte darauf Polyphemos: 'Niemand, ihr Freunde, tötet mich listig, schon gar nicht gewaltsam!' Da erwiderten sie die flugs enteilenden Worte: 'Wenn dich denn niemand bedrängt, so allein, wie du bist in der Höhle, ist es nicht möglich, der Krankheit, die Zeus verhängt, zu entrinnen; bete zu deinem Vater Poseidon, dem Herrscher des Meeres!' Derart rieten sie ihm und gingen. Mir lachte das Herze, daß mein Name sie täuschte, der treffliche Einfall mit Niemand. Aber der blinde Kyklop wehklagte vor quälenden Schmerzen, rückte, mit seinen Händen tastend, den Felsblock vom Eingang, setzte sich selber ins Tor, die Arme gebreitet, und hoffte, einen, der zwischen den Schafen zu fliehen versuchte, zu greifen, wähnte er doch, ich würde mich derartig töricht benehmen. Ich überlegte inzwischen und suchte den sichersten Ausweg, der die Gefährten und mich vor dem drohenden Tode bewahrte. Alle nur möglichen listigen Pläne entwarf ich, das Leben stand auf dem Spiele; denn nahe schon drohte das bittre Verderben. Folgender Plan erschien mir bei meiner Erwägung als bester: Widder gab es im Stalle, feist, mit zottigem Felle, stattlich und groß, mit Wolle bekleidet, so dunkel wie Veilchen. Lautlos band ich die Tiere zusammen mit den geflochtnen Ruten, auf denen der ruchlose Unhold zu nächtigen pflegte, jeweils zu dritt; das mittlere Tier trug einen Gefährten, während die anderen, rechts und links, beim Trotten ihn deckten. Derart trugen drei Widder immer einen der Leute. Einer der Widder ragte nun weit hervor aus der Herde. Dessen Rücken ergriff ich, schmiegte mich gleitend an seinen zottigen Bauch und hing; die Finger gekrallt in die reiche Wolle, so hielt ich geduldig mich fest, mit standhaftem Mute. Leise nur ächzend, erwarteten wir die göttliche Eos. Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, drängten die männlichen Tiere sich eilig hinaus auf die Weide. Aber die Weibchen blökten, von keinem gemolken, im Pferche; in den Eutern drängte die Milch. Doch ihr Herr, von den Schmerzen bitter gepeinigt, befühlte die Rücken sämtlicher Tiere, zwang sie zum Stehen dabei. Der Dummkopf wollte nicht merken, daß die Gesuchten unter der Brust der wolligen Schafe hingen. Als letzter der Herde stapfte mein Widder zum Ausgang, von der Wolle belastet und mir, dem Schöpfer des Planes. Ihm auch betastete Held Polyphemos den Rücken und sagte: 'Widderchen, liebes, als letzter brachest du auf aus der Höhle? Sonst doch schleichest du niemals hinter den übrigen Schafen her, sondern pflückst dir bei weitem als erster, mit mächtigen Schritten, saftige Blüten der Wiese, gelangst als erster zum Flusse, möchtest als erster zurück in den Stall dich begeben am Abend! Heute kommst du als letzter von allen! Vermißt du das Auge deines Herren? Mir raubte ein Feigling die Sehkraft mit seiner elenden Bande, hat vorher mit Wein mir die Sinne umnebelt, Niemand - doch soll mir der Schurke noch nicht dem Verderben entwischt sein! Könntest mit mir du empfinden und sprechen und folglich mir sagen, wo sich der Lump verkriecht, um meinem Zorn zu entgehen! Ha, dann sollte sein Hirn, auf den Boden geschmettert, nach allen Seiten hin durch die Felsgrotte spritzen, ich selbst mich erleichtern von dem Unglück, das mir der Nichtsnutz brachte, der Niemand!' Derart sprach er und ließ den Widder vorüber ins Freie. Als wir einigen Abstand gewonnen vom Hof und der Höhle, ließ ich zuerst den Widder los und befreite die Freunde. Eilig trieben wir vorwärts die feisten, flink trabenden Tiere, häufig noch furchtsam uns umwendend, bis wir zum Schiffe gelangten. Herzlich willkommen hießen die lieben Gefährten uns alle, die wir dem Tode entrannen, beklagten bitter die Toten. Doch ich verbot ein weiteres Weinen, ich nickte zur Warnung jedem noch zu und befahl, die mit prächtiger Wolle besetzten zahlreichen Tiere geschwind zu verladen, in See dann zu stechen. Schleunigst stiegen sie ein und nahmen Platz an den Dollen, peitschten in ihren Reihen das schäumende Meer mit den Rudern. Als von der Höhle des blinden Riesen uns Rufweite trennte, schrie dem Kyklopen ich zu die höhnisch frohlockenden Worte: 'He, du, Kyklop! Der Fremdling, dessen Gefährten du grausam fraßest in deinem gewölbten Loch, war schwerlich ein Feigling! Dich indessen sollte noch bitteres Ungemach treffen, Schrecklicher, weil du in deiner Behausung die Gäste verschlangest, ohne Erbarmen. Da straften dich Zeus und die übrigen Götter!' Derart rief ich, und immer stärker ergrimmte der Riese, riß vom hohen Gebirgskamm einen Gipfel und warf ihn vor dem düstergeschnäbelten Schiff in die Fluten; im Fliegen hätte der Felsblock beinahe die Spitze des Ruders getroffen. Brandend wallte das Wasser unter dem stürzenden Felsen, und die zum Lande hin rauschende Woge riß rückwärts das Fahrzeug, zwang es, von hoher See her flutend, zurück zum Gestade. Ich ergriff die riesige Stange zum Staken und stemmte seitwärts das Schiff aus der Strömung; durch kräftiges Nicken des Kopfes spornte ich meine Gefährten zu heftigem Rudern, damit wir dem Verderben entkämen; sie legten sich wild in die Riemen. Zweimal so weit schon hatten, vom Land aus, das Meer wir durchfahren, als ich den Riesen wiederum anrufen wollte. Die Freunde suchten mich eindringlich schmeichelnd von allen Seiten zu hemmen: 'Allzu Verwegener, willst du den Rohling stärker noch reizen? Eben erst hat er durch seinen Steinwurf ins Meer uns das Fahrzeug wieder zur Küste gedrängt - wir rechneten dort mit dem Tode! Hätte er einen Laut, gar eine Stimme vernommen, würde er unsere Schädel und Schiffsplanken völlig zerschmettert haben durch Schleudern scharfkantiger Steine, so fürchterlich wirft er!' Derart warnten sie, aber sie konnten den Mut mir nicht beugen. Wiederum rief ich, in heftigem Zorn, zu dem Riesen hinüber: 'Sollte, Kyklop, dich ein Sterblicher fragen, weshalb du so schmählich deines Augenlichtes beraubt bist, so gib nur zur Antwort, daß dich Odysseus geblendet hat, der Städtezerstörer, der auf Ithaka wohnt, der listige Sohn des Laërtes!' Derart rief ich. Laut heulte er auf und erwiderte jammernd: 'Weh! So erfüllt sich tatsächlich an mir ein altes Orakel! Einstmals lebte bei uns ein Seher, tüchtig und stattlich, Telemos, Sprößling des Eurymos, der als Prophet sich hervortat und den Kyklopen, bis in sein Alter, Orakel erteilte. Er prophezeite mir alles, was heute zur Wirklichkeit wurde: Einbüßen würde ich durch die Hand des Odysseus mein Auge! Nun, da glaubte ich immer, ein großer und stattlicher Kämpfer werde dereinst hier erscheinen, ein Held mit gewaltigen Kräften! Heute jedoch entriß mir ein Zwerg das Auge, ein feiger Nichtsnutz und Schwächling, nachdem er durch Wein die Kräfte mir lähmte! Aber so komm doch, Odysseus, damit ich dich gastlich empfange und den gepriesnen Poseidon um sichres Geleit für dich bitte! Ich bin nämlich sein Sprößling, er rühmt sich meiner als Vater! Er auch könnte mich heilen, sofern er es wünschte, sonst niemand aus dem Kreise der seligen Götter und sterblichen Menschen!' Derart jammerte er. Ich rief ihm zur Antwort entgegen: 'Könnte ich dir doch ebenso sicher Atem und Leben rauben und dich in das düstere Reich des Hades entsenden, wie auch der Erderschütterer kaum dir die Sehkraft zurückgibt!' Derart rief ich. Jedoch der Riese erhob zum gestirnten Himmel die Hände und flehte zum Herrscher des Meeres, Poseidon: 'Hör mich, Poseidon, dunkelgelockter Träger der Erde, bin ich tatsächlich dein Sohn und rühmst du dich meiner als Vater, mache die Heimfahrt zunichte dem Städtezerstörer Odysseus, der auf Ithaka wohnt, dem listigen Sohn des Laërtes! Soll er freilich die Lieben wiedersehen und lebend in sein stattliches Schloß und seine Heimat gelangen, kehre er spät erst heim, im Elend und ohne Gefährten, fahrend auf fremdem Schiffe, und treffe zu Hause auf Unglück!' Derart flehte er, ihn erhörte der Träger der Erde. Einen noch größeren Felsblock erhob jetzt der Riese, im Kreise wirbelte er und warf ihn mit einem gewaltigen Schwunge. Hinter dem düstergeschnäbelten Schiffe traf er ins Wasser, hätte beinahe im Fliegen die Spitze des Ruders getroffen. Brandend wallten die Fluten unter dem stürzenden Felsen; vorwärts drängten die Wogen das Schiff, zum rettenden Strande. Als wir die Ziegeninsel erreichten, wo noch die andern trefflich gezimmerten Schiffe zusammenlagen, die Freunde traurig bei ihnen saßen und unser immerfort harrten, ließen das Schiff wir auflaufen auf das sandige Ufer, gingen dann selber von Bord dicht neben der Brandung des Meeres, luden aus dem gewölbten Schiffe die Widder des Riesen und verteilten sie; jeder sollte gebührend erhalten. Vor der Verteilung noch gaben die trefflich gerüsteten Freunde meinen Widder an mich; ich opferte ihn am Gestade für den düster umwölkten Kroniden, der allen gebietet, und verbrannte die Schenkelstücke; jedoch der Kronide nahm das Opfer nicht an, er sann auf den Untergang aller unserer tüchtigen Schiffe und meiner treuen Gefährten. Danach saßen den Tag wir hindurch, bis zum Sinken der Sonne, aßen Mengen von Fleisch und tranken vom lieblichen Weine. Als der Sonnenball sank und das nächtliche Dunkel heraufzog, legten zum Schlaf wir uns nieder, neben der rauschenden Brandung. Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, da erteilte ich schleunig die Weisung meinen Gefährten, einzusteigen und die haltenden Taue zu lösen. Und sie gingen sogleich an Bord und besetzten die Bänke peitschten in ihren Reihen das schäumende Meer mit den Rudern. Weiterhin fuhren wir über die See mit bekümmertem Herzen, froh der Errettung, obwohl wir die teuren Gefährten verloren.
Zehnter Gesang
Wie Odysseus von seinen Abenteuern bei Aiolos, bei den Laistrygonen und bei Kirke berichtete
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Von Sturm zu Sturm, die Götter sind hart, doch Aiolos hilft uns – ein göttlicher Start. Ein Sack voller Winde, die Freiheit zum Greifen, doch Gier bringt uns zurück – die Wellen uns schleifen. [Verse 1: Odysseus] Aiolos, der Herr der Lüfte, sprach klar: „Dieser Sack bringt dich heim, dein Ziel ist nah.“ Doch meine Crew, sie öffnet das Siegel, die Winde entfesselt, der Kurs wird ein Spiegel. Zurück zum Start, Aiolos ist kalt, „Ich helf euch nicht, das Schicksal ist alt.“ Wir treiben weiter, zum nächsten Ort, die Laistrygonen warten – der Tod ein Wort. [Refrain: Odysseus & Chorus] Von Wind zu Sturm, mein Weg bleibt schwer, doch Ithaka ruft – ich trotze dem Meer. Von Gier und Gefahren, mein Geist bleibt stark, ein König auf Reisen, mein Ziel so klar. [Verse 2: Odysseus] Die Laistrygonen, gigantisch und roh, sie warfen Felsbrocken, mein Herz schlug so. Schiffe zertrümmert, Männer geschluckt, ich floh mit dem Rest, die Hoffnung gedrückt. Doch dann Kirke, die Zauberin, lockt, mein Mut zögert, doch mein Geist ist geblockt. Mit List und Kraft, Hermes zur Hand, ich bezwing ihre Magie – der Sieg ist geplant. [Refrain: Odysseus & Chorus] Von Wind zu Sturm, mein Weg bleibt schwer, doch Ithaka ruft – ich trotze dem Meer. Von Gier und Gefahren, mein Geist bleibt stark, ein König auf Reisen, mein Ziel so klar. [Bridge: Odysseus] Kirke, sie sieht mich, ihr Blick wird weich, „Bleib hier, mein Held, mein Herz ist dein Reich.“ Doch die Zeit drängt, mein Kurs bleibt gesetzt, mein Schiff bereit, mein Wille verletzt. [Outro: Odysseus] Von Aiolos bis Kirke, die Reise ist weit, mein Herz bleibt wach, trotz aller Zeit. Die Götter spielen, doch mein Geist bleibt frei, Odysseus kämpft – der Heimweg ist nah.
Der vollständige 10. Gesang
Die aiolische Insel erreichten wir; Aiolos wohnte auf ihr, der Sohn des Hippotes, ein Freund der Unsterblichen. Diese Insel schwimmt auf dem Meere, und eine eherne, feste Mauer umgibt sie, und schroffe Felswände starren im Umkreis. Aiolos hatte in seinem Palaste zwölf leibliche Kinder, Töchter und Söhne, je sechs an der Zahl, in blühendem Alter; deshalb hatte er auch die Töchter vermählt mit den Söhnen. Ständig speisen sie bei dem geliebten Vater und ihrer sorglichen Mutter; sie haben köstliche Nahrung in Fülle, Braten duften im Schloß, und der Hof hallt wider von frohen Klängen, am Tage; zur Nacht schläft jeder der Söhne bei seiner ehrbaren Gattin, in Decken, auf fest vergurtetem Lager. Deren Burg und herrliche Wohnung erreichten wir. Einen Monat bewirtete Aiolos mich und fragte nach allem, was den Feldzug nach Troja betraf und die Heimfahrt der Griechen, und nach Gebühr erteilte ich gründlich in allem ihm Auskunft. Als ich ihn bat, mich fahren zu lassen, Geleit mir zu geben, schlug er die Bitte nicht ab und rüstete sichren Geleitschutz. Einen Schlauch aus dem Felle eines neunjährigen Stieres gab er mir, hatte darinnen gebannt die heulenden Winde. Denn ihn hatte zum Wächter der Winde ernannt der Kronide; wehen und einschlafen lassen konnte er sie nach Belieben. Fest band er den Schlauch im geräumigen Schiffe mit einem glänzenden silbernen Faden; es sollte kein Lüftchen entweichen. Aber den Zephyros ließ er für mich, in Fahrtrichtung, wehen; Schiffe und Mannschaft sollte er treiben. Doch keine Erfüllung war ihm beschieden; wir stürzten ins Unglück durch eigene Torheit. Ununterbrochen fuhren wir über die Wogen, neun Tage. Aber am zehnten zeigten sich uns die Fluren der Heimat, und wir sahen schon, ganz in der Nähe, die Wachtfeuer brennen. Da übermannte mich, in der Erschöpfung, erquickender Schlummer, handhabte ich doch ständig das Lenkseil und gab es auch keinem meiner Gefährten, damit wir recht schnell die Heimat erreichten. Nunmehr besprachen die Leute sich untereinander, sie wähnten, Schätze für mich, an Gold und an Silber, brächte ich reichlich heim als Geschenke des edelmütigen Sohns des Hippotes. Da sprach mancher, den Blick auf seinen Gefährten gerichtet: 'Seltsam! Wie sehr ist Odysseus beliebt und geachtet bei allen sterblichen Menschen, deren Städte und Länder er aufsucht! Zahlreiche herrliche Kleinode bringt er sich mit aus der Beute Ilions, während wir selber, die wir den Feldzug genauso mühsam bestanden, mit leeren Händen die Heimat erreichen! Jetzt verehrte ihm Aiolos großzügig auch noch aus Freundschaft dieses Geschenk! Schnell, gucken wir nach, was es eigentlich darstellt, wieviel an Gold und an Silber in diesem Schlauch sich befindet!' Derart sprach man, und Beifall fand der leidige Ratschlag. Und sie lösten den Faden; da brausten die Winde von dannen. Jählings entraffte zurück in das hohe Meer sie die Windsbraut, fort von der Heimat, wie laut sie auch weinten. Empor aus dem Schlummer schreckte ich und überlegte, so tapfer ich sonst auch mich zeigte, ob ich von Bord in das Wasser mich stürzen sollte und sterben oder es stillschweigend dulden und unter den Lebenden bleiben. Aber ich schickte mich drein und blieb, sank nieder, verhüllte mich und lag auf den Planken. Der Sturm trieb unsere Schiffe zur aiolischen Insel zurück; laut klagten die Freunde. Wir betraten die Insel und schöpften uns Wasser, und meine Freunde verzehrten sogleich bei den schnellen Schiffen die Mahlzeit. Als wir uns alle gesättigt hatten an Trank und an Speise, ging ich, in der Begleitung des Herolds und eines Gefährten, zu dem berühmten Palaste des Aiolos hin. Bei der Mahlzeit traf ich den Hausherrn, im Kreise der Gattin, der Söhne und Töchter. Wir betraten das Schloß und setzten uns neben die Pfosten auf die Türschwelle. Da erschraken sie heftig und fragten: 'Warum kommst du, Odysseus? Welch finsterer Daimon verfolgt dich? Eifrig sorgten wir uns um dein sicheres Fahren, du solltest Heimat und Wohnstatt erreichen und jedes beliebige Fahrtziel!' Derart fragten sie. Niedergeschlagen gab ich zur Antwort: 'Ach, mich stürzten ins Unglück die argen Gefährten, mit ihnen elender Schlummer! Schafft Abhilfe, Freunde! Ihr seid in der Lage.' Derart sprach ich zu ihnen mit schmeichelnden, flehenden Worten. Aber sie hüllten sich finster in Schweigen. Der Vater nur sagte: 'Scher dich sofort von der Insel, du Schändlichster unter den Menschen! Keinen darf ich gastlich betreuen und schützend geleiten, den die glückseligen Götter mit ihrem Hasse verfolgen. Scher dich von dannen, du kommst ja zurück, weil die Götter dich hassen!' Damit vertrieb er mich aus dem Palaste; ich stöhnte verzweifelt. Weiterhin fuhren wir über das Meer mit bekümmertem Herzen. Völlig zermürbte das leidige Rudern die Mannschaft, infolge unserer Torheit; es bot sich nicht länger ein sichrer Geleitschutz. Ununterbrochen fuhren wir über die Wogen, sechs Tage, kamen am siebenten schließlich zur ragenden Festung des Lamos, zur Laistrygonenstadt Telepylos, wo sich die Hirten, einer, der eintreibt, der andre, der austreibt, durch Anruf begrüßen. Hier empfinge doppelten Lohn, wer auf Schlafen verzichtet, einmal als Rinderhirt, dann als Hirt hellschimmernder Schafe. Nah beieinander liegen die Bahnen der Nacht und des Tages. Als wir den dortigen trefflichen Hafen erreichten, den schroffe Felswände lückenlos von beiden Seiten umschließen, während sich vorn an der Einfahrt felsige Spitzen einander, vorspringend, nähern und dadurch den Zugang zum Becken verengen, steuerten meine Gefährten sämtlich die schaukelnden Schiffe dort hinein und vertäuten sie in dem felsigen Kessel, dicht beieinander. Denn niemals erheben im Hafen sich Wellen, niedrige nicht noch hohe; ganz windstill schimmert die Fläche. Ich allein hielt draußen zurück mein düsteres Fahrzeug, dort an dem Rande, und band es mit Tauen fest an den Felsen. Darauf erstieg ich die steinige Höhe, um Ausschau zu halten. Nirgendwo boten dem Blick sich bebaute Felder und Gärten, Rauch nur sahen wir von dem Erdboden aufwärts sich kräuseln. Einige Leute schickte ich los, sie sollten erkunden, wer in dem Lande lebe und von Getreide sich nähre; zwei Mann wählte ich aus, dazu den dritten als Herold. Diese verließen das Schiff und zogen dahin auf der Straße, wo von den ragenden Höhen die Wagen sonst Holzlasten fuhren, trafen ein Mädchen, kurz vor der Stadt, das Wasser sich schöpfte, des Laistrygonenbeherrschers Antiphates kräftige Tochter. Zu der lieblich fließenden Quelle Artakia stieg sie eben hinunter; man holte von dorther zur Stadt sich das Wasser. Zu ihr traten die Boten, begrüßten sie freundlich und fragten, wer als König hier walte und welchem Volk er gebiete. Ihnen wies sie sogleich den Weg zum Palaste des Vaters. Sie betraten das herrliche Schloß und trafen des Königs Gattin; sie war so groß wie ein Berg. Es graute den Boten. Aus der Versammlung rief sie den Gatten sofort, den berühmten Herrscher; der wollte die Boten auf schreckliche Weise verderben. Auf der Stelle ergriff er den einen und wollte ihn fressen. Zwar entwischten die andern, erreichten auch lebend die Schiffe, aber der König erhob durch die Stadt den Alarmruf; ihn hörten die Laistrygonen und kamen, kraftvolle Riesen, von allen Seiten, in Massen, nicht Menschen vergleichbar, sondern Giganten. Steine schleuderten sie, wie kaum sie ein Sterblicher anhebt, von den Felsen herab. In der Flotte gellten die Schreie Sterbender, krachten zerschmetterte Schiffe. Man spießte die Männer auf gleich Fischen und schleppte sie fort zum gräßlichen Mahle. Während die Riesen im Kessel des Hafens die Unsern erschlugen, riß ich mein schneidendes Schwert von der Hüfte, durchhieb mit der Waffe schleunigst die haltenden Taue des düstergeschnäbelten Schiffes und erteilte sogleich den Befehl an meine Gefährten, sich in die Riemen zu legen, damit wir dem Unheil entkämen. Angespannt peitschten, aus Furcht vor dem Tod, sie das Meer mit den Rudern. Glücklich entrann noch mein Schiff den überhängenden Felsen, fort auf die See; die anderen gingen dort sämtlich zugrunde. Weiterhin fuhren wir über das Meer mit bekümmertem Herzen, froh der Errettung, obwohl wir die teuren Gefährten verloren. Wir gelangten zur Insel Aiaia. Dort wohnte die menschlich sprechende, prachtvoll gelockte Kirke, die machtvolle Göttin, leibliche Schwester des unheilsinnenden Fürsten Aietes. Beide stammten von Helios, der den Menschen das Licht bringt, und von der Tochter des Erdenstromes Okeanos, Perse. An der Küste der Insel liefen wir still mit dem Schiffe ein in die schützende Bucht; es diente ein Gott uns als Führer. Wir verließen das Schiff und ruhten zwei Tage und Nächte, härmten uns ab in schwerer Erschöpfung und bohrendem Kummer. Als die gelockte Eos zum Anbruch des dritten erstrahlte, griff ich zum Speer und zum schneidenden Schwert und eilte vom Schiffe, einen Hügel hinan, der weiten Ausblick mir schenkte; Ackerland hoffte ich zu erspähen und Stimmen zu hören. Nach dem Anstieg betrat ich den felsigen Ausguck. Da glaubte Rauch ich zu sehen, der von der weiten Insel emporstieg, in dem Palaste der Kirke, hinter Gehölzen und Dickicht. Ich erwog, im Streit von Verstand und Empfindung, beim Anblick dieses hellschimmernden Rauchs, zur Erkundung mich hinzubegeben. Folgender Plan erschien mir bei meiner Erwägung als bester: erst zum schnellen Schiffe zu gehen und an das Gestade, essen zu lassen die Mannschaft und Kundschafter gleich zu entsenden. Als ich dem doppeltgeschweiften Schiffe schon nahe gekommen, hatte ein Gott Erbarmen mit mir, der ich einsam dahinschritt, schickte mir einen stattlichen Hirsch mit ragenden Stangen über den Weg. Aus der Weide des Waldes sprang er zum Flusse, lechzend vor Durst; ihn quälten die glühenden Strahlen der Sonne. Als er das Dickicht verließ, traf ich ihn mitten ins Rückgrat. Völlig durchdrang den Körper die eherne Spitze; mit lautem Aufbrüllen sank das Tier in den Staub und verendete jählings. Stemmend den Fuß auf den Körper, zog ich die eherne Lanze aus der Wunde und legte sie auf den Erdboden nieder. Anschließend brach ich mir dünne und biegsame Zweige und Ruten, drehte mit beiden Händen, klafterlang, sie zu einem Seile und band die Beine des mächtigen Tieres zusammen. Auf dem Rücken schleppte ich dann zum Schiffe die Beute, mühsam gestützt auf die Lanze; man konnte den Hirsch nicht auf einer Schulter und nicht mit einer Hand tragen; er war zu gewaltig. Vor dem Schiffe warf ich ihn ab. Zu jedem Gefährten trat ich darauf und ermunterte alle mit freundlichen Worten: 'Freunde, wir ziehen noch nicht, trotz unserer traurigen Stimmung, in den Hades hinab - erst dann, wenn die Stunde gekommen! Auf denn, solange an Bord noch Trank sich und Speise befinden, wollen wir essen, uns nicht vom Hunger aufreiben lassen!' Derart sprach ich, sie ließen sich leicht von mir überreden. Sie enthüllten die Häupter, am Strande des ruhlosen Meeres, und bestaunten den Hirsch; das Tier war wirklich gewaltig. Als sie mit Freuden die Beute genügend angeschaut hatten, wuschen sie sich die Hände und rüsteten eifrig den Festschmaus. Danach saßen den Tag wir hindurch bis zum Sinken der Sonne, aßen Mengen von Fleisch und tranken vom lieblichen Weine. Als der Sonnenball sank und das nächtliche Dunkel heraufzog, legten zum Schlaf wir uns nieder, neben der rauschenden Brandung. Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, rief ich meine Besatzung zusammen und sprach zu den Leuten: 'Höret mich an, Gefährten, trotz eurer traurigen Lage! Freunde, wir wissen ja gar nicht Bescheid um Westen und Osten, nicht um den Untergang der den Sterblichen leuchtenden Sonne, nicht um den Aufgang. Nein, wir müssen recht schnell jetzt erwägen, ob sich ein Ratschluß ergibt. Zur Stunde sehe ich keinen. Von dem zerklüfteten Ausguck erkannte ich nämlich: Auf einer Insel befinden wir uns, rings dehnt sich endlos das Weltmeer! Flach erstreckt sich die Insel; und in der Mitte des Eilands sah ich Rauch sich erheben, hinter Gehölzen und Dickicht.' Derart sprach ich, und Schrecken durchzuckte meine Gefährten, da sie der Schandtaten des Laistrygonenbeherrschers gedachten und der Verbrechen des menschenverschlingenden, wilden Kyklopen. Bitterlich weinten sie und vergossen Tränen in Strömen. Aber das Klagen zeitigte für sie keinerlei Nutzen. Nunmehr teilte die Mannschaft ich ein in zwei gleichstarke Scharen und gab jeder den Anführer mit; ich führte die eine, Held Eurylochos aber, der göttliche Streiter, die andre. In dem ehernen Helme schüttelten gleich wir die Lose, und das Los des tapfren Eurylochos sprang aus dem Helme. Er brach auf, ihm folgten zweiundzwanzig Gefährten, weinend; auch wir, die jene am Schiffe zurückließen, klagten. Tief im Walde stießen sie auf die Wohnstätte Kirkes, die aus geglätteten Steinen erbaut war, an ringsum geschütztem Platze; im Umkreis lagerten Wölfe und Löwen der Berge, Menschen, die Kirke verzaubert hatte durch Darreichen böser Säfte! Die Tiere gingen nicht los auf die Männer, sie standen zutraulich auf und umwedelten sie mit den mächtigen Schweifen. Ganz wie den Herrn, der vom Essen zurückkehrt, die Hunde umschmeicheln, weil er zum Stillen des Hungers leckere Bissen stets mitbringt, ebenso schwänzelten um sie starkkrallige Wölfe und Löwen. Freilich erschraken die Männer beim Anblick der furchtbaren Tiere. Nunmehr standen sie vor dem Hoftor der lockigen Göttin. Drinnen hörten sie Kirke singen mit lieblicher Stimme, während sie hin- und herschritt am göttlichen, großen Gewebe; prächtig und reizend war es und fein, wie Göttinnen weben. Da sprach Held Polites zu ihnen, der Führer der Männer, der mir der liebste und teuerste war von allen Gefährten: 'Freunde, drin schreitet ein Weib hin und wider am mächtigen Webstuhl, singt so herrlich - es dröhnt der Hausflur -, sei sie nun Göttin, sei sie ein Mensch; auf, rufen wir sie doch sofort aus dem Hause!' Derart sprach er; die Freunde ließen die Stimmen erschallen. Gleich trat Kirke heraus, schloß auf das schimmernde Hoftor, lud sie zu Gaste; sie folgten ihr alle, nichts Böses vermutend. Bloß Eurylochos blieb; er argwöhnte Listen und Tücke. Platz nehmen ließ sie im Hause die Gäste auf Sesseln und Stühlen, rührte für sie ein Getränk an, Mehl und Käse und gelben Honig in pramnischem Wein, und mischte verderbliche Säfte in das Getränk; sie sollten die Heimat völlig vergessen. Dieses reichte sie ihnen. Sie tranken, und Kirke berührte sie mit dem Stabe - und sperrte sie ein in den Koben für Schweine; denn sie besaßen schon Leib und Kopf und Borsten und Stimme völlig wie Schweine; nur ihre Empfindungen blieben wie vorher. Jammernd ließen sie in den Koben sich sperren. Doch Kirke schüttete eßbare Eicheln und Hartriegelfrüchte zum Fraß hin, wie die am Boden liegenden Schweine gewöhnlich sie kauen. Aber Eurylochos kehrte zurück zu dem düsteren Schiffe, um zu berichten über das schmähliche Schicksal der Freunde. Doch er vermochte zuerst nicht zu sprechen, obwohl er es wollte; derart bedrückte der Kummer sein Herz. Ihm schwammen die Augen schmerzlich in Tränen, er ahnte ein jammervolles Verhängnis. Als wir ihm lange, voll Staunen, mit Fragen zugesetzt hatten, gab er uns endlich Auskunft über das Unglück der andern: 'Wir durchschritten das Dickicht, wie du es, berühmter Odysseus, uns befohlen, und fanden im Walde ein stattliches Wohnhaus aus geglätteten Steinen, an ringsum gesichertem Platze. Drin sang schallend ein Weib bei der Arbeit am mächtigen Webstuhl, Göttin vielleicht, vielleicht auch Mensch. Die anderen riefen. Gleich trat jene ins Freie, schloß auf das schimmernde Hoftor, lud sie zu Gaste; sie folgten ihr alle, nichts Böses vermutend. Ich allein blieb draußen; ich argwöhnte Listen und Tücke. Spurlos verschwanden sie sämtlich, es kam nicht einer von ihnen wieder heraus, obwohl ich noch lange verweilte und spähte.' Derart berichtete er. Ich hängte das eherne, große, silberbeschlagene Schwert um die Schulter, auch Bogen und Köcher, und befahl ihm, auf gleichem Wege mich hinzugeleiten. Doch er umschlang mir die Knie, begann inständig zu flehen und sprach jammernd zu mir die im Fluge enteilenden Worte: 'Schleppe mich, Günstling des Zeus, nicht dorthin! Nein, laß mich am Schiffe! Niemals kehrst du zurück, ich weiß es, und bringst auch keinen deiner Gefährten! Nein, fliehen wir mit den restlichen Leuten schleunigst! Noch können vielleicht wir dem Tag des Verderbens entrinnen!' Derart flehte er. Aber ich gab ihm Antwort und sagte: 'Meinetwegen, Eurylochos, bleibe doch hier, auf der Stelle, trinke gemütlich und iß am dunklen, geräumigen Schiffe! Gehen will ich allein, ich kann mich der Pflicht nicht entziehen!' Damit begab ich mich vom Schiff und vom Ufer landeinwärts. Als ich bereits, auf dem Weg durch das heilige Waldtal, dem hohen Hause der kräuterkundigen Zauberin Kirke mich nahte und dem Gebäude zuschritt, da kam mir der Träger des goldnen Stabes entgegen, Hermes, als stattlicher Jüngling; ihm keimte eben der erste Bartwuchs, er blühte in lieblicher Jugend. Kräftig drückte er mir die Hand und sagte mir freundlich: 'Wohin, du Armer, ziehst du schon wieder, allein, durch die Berge, ohne die Insel zu kennen? Eingesperrt wurden im Hause Kirkes deine Gefährten, als Schweine, in festem Gewahrsam! Gehst du zu ihrer Befreiung dorthin? Du würdest auch selber nie mehr zurückkehren, sondern im Kreise der anderen bleiben! Aber ich will dich befreien aus deiner Bedrängnis und retten. Nimm hier dies nützliche Kraut und gehe mit ihm in die Wohnung Kirkes; es wird dein Haupt vor dem Tage des Unheils bewahren. Laß dir die tückischen Anschläge Kirkes sämtlich enthüllen! Anrühren wird sie ein Mischgetränk dir und mit Giften versetzen. Trotzdem wird sie dich nicht verzaubern können; das Heilkraut, das ich dir gebe, verhindert es. Höre den weiteren Hergang: Wenn dich Kirke mit ihrem langen Stecken berührt hat, ziehe sogleich dein schneidendes Schwert von der Hüfte und gehe wild auf sie los, als wenn du sie umbringen wolltest. In jähem Schrecken wird sie dich bitten, mit ihr das Lager zu teilen. Weigre dich dann nicht länger, dem Bitten der Göttin zu folgen: Freilassen wird sie darauf die Gefährten, dich selber bewirten! Lasse sie aber den bindenden Eid der Seligen leisten, gegen dich kein weiteres Unheil zu planen, dich niemals, bist du entblößt, zu schwächen und deiner Kraft zu berauben!' Derart sprach der Töter des Argos, pflückte vom Boden ab die Pflanze, gab sie und zeigte mir gleich, wie sie aussah. Schwarz an der Wurzel war sie, wie Milch erglänzte die Blüte. Moly nennen die Götter das Kraut; die Sterblichen können schwerlich es ausgraben. Aber die Götter erreichen doch alles. Nunmehr begab sich Hermes, über die waldige Insel, auf den Olympos zurück. Ich eilte zum Hause der Kirke. Während des Gehens bewegten mich zahlreiche schwere Gedanken. Endlich stand ich am Hoftor der lockigen Göttin; die Stimme ließ ich kräftig erschallen, und Kirke hörte mich rufen. Gleich trat sie heraus, schloß auf das schimmernde Hoftor, lud mich zu Gaste; ich folgte ihr mit bekümmertem Herzen. Platz nehmen hieß sie mich höflich auf einem kunstreichen, schönen, silberbeschlagenen Sessel; die Fußbank befand sich darunter. Anschließend mischte sie mir das Getränk in goldenem Becher und verrührte das Gift in ihm mit tückischer Absicht. Danach bot sie ihn dar, ich trank ihn; er zeitigte freilich keinerlei Wirkung. Dann schlug sie mich leicht mit dem Stabe und sagte: 'Geh in den Koben der Schweine und leg dich zu deinen Gefährten!' Derart sprach sie. Ich zog mein schneidendes Schwert von der Hüfte und drang ein auf Kirke, als ob ich sie umbringen wollte. Aufschreiend lief sie gebückt auf mich zu, umschlang mir die Knie und rief kläglich mir zu die im Fluge enteilenden Worte: 'Was für ein Landsmann bist du? Wo hast du Heimat und Eltern? Staunen ergreift mich, weil mein Getränk dich gar nicht verzaubert! Keiner der Sterblichen, der es getrunken und dem es hindurchglitt durch das Gehege der Zähne, entging der Wirkung des Saftes. Aber dir schlägt in der Brust ein Herz von besonderer Härte. Sicherlich bist du Odysseus, der Listige - dieser, so sagte oft mir der Träger des goldenen Stabes, der Töter des Argos, werde einst kommen mit eilendem Schiff, auf der Rückfahrt von Troja, Stecke denn, bitte, dein Schwert in die Scheide, wir wollen gemeinsam unsere Lagerstatt aufsuchen: Dann, in herzlicher Liebe innig verbunden, werden wir beide Vertrauen uns schenken!' Derart rief sie. Ich gab ihr Antwort darauf und erklärte: 'Kirke, wie kannst du mich auffordern, dir mich freundlich zu zeigen! Hast du im Hause doch meine Gefährten in Schweine verwandelt, hältst mich selber hier fest und bittest mich tückischen Sinnes, drinnen im Schlafzimmer innig mit dir das Lager zu teilen, um mich zu schwächen, bin ich entblößt, und die Kraft mir zu rauben! Schwerlich erkläre ich mich bereit, zu dir mich zu legen, wenn du nicht feierlich, Göttin, durch bindenden Eid mir bekräftigst, nicht ganz anderen Absichten, mir zum Verderben, zu folgen!' Derart sprach ich; sie schwor mir sogleich, ganz wie ich es wünschte. Als sie die Worte gesprochen und richtig den Eidschwur geleistet, stieg ich, gemeinsam mit ihr, auf das herrliche Lager der Göttin. Tätig waren inzwischen die Mägde im Hause, vier Nymphen, die im Palast für Kirke die nötigen Arbeiten leisten; Töchter der sprudelnden Quellen sind es, der schattigen Haine und der heiligen Ströme, die in die Salzfluten münden. Eine von ihnen belegte die Sessel mit herrlichen Decken, purpurne oben, doch unter diesen schlichte von Linnen. Vor die Sessel rückte die zweite die silbernen Tische, setzte danach auf die Platten goldene Körbe; die dritte mischte in silbernem Kruge den herzhaft erquickenden, süßen Wein und stellte auf jeden der Tische goldene Becher. Wasser brachte die vierte und zündete unter dem großen Dreifuß ein starkes Feuer an; heiß wurde das Wasser. Als es zu sieden begann in dem funkelnden Kessel, da führte sie mich zur Wanne, mischte das Wasser zu schmeichelnder Wärme, goß es mir dann aus dem Dreifuß über das Haupt und die Schultern, meinen Gliedern die kräftelähmende Mattheit zu nehmen. Als sie mich fertig gebadet und glänzend eingeölt hatte, kleidete sie mich in einen Leibrock und prächtigen Mantel, führte mich in den Saal und bot mir den kunstreichen, schönen, silberbeschlagenen Sessel; die Fußbank befand sich darunter. Waschwasser brachte die Magd in herrlicher goldener Kanne, goß es zum Waschen über die Hände ins silberne Becken, stellte darauf den geglätteten Tisch vor den Gast und die Herrin. Brot trug auf die achtbare Schaffnerin, setzte mit Freuden ihnen die Speisen reichlich vor vom vorhandenen Vorrat. Zugreifen hieß mich Kirke; ich mochte aber nichts essen. Schweigend saß ich, zerstreut; ich war aufs tiefste bekümmert. Als mich Kirke dasitzen sah in schmerzlicher Trauer, ohne daß ich die Speisen mit meinen Händen berührte, trat sie zu mir und sprach die im Fluge enteilenden Worte: 'Warum, Odysseus, sitzt du so schweigsam bei Tisch, wie ein Stummer, härmst dich ab und sprichst nicht zu dem Trank und der Speise? Argwöhnst du immer noch Tücke? Du brauchst dich doch gar nicht zu fürchten! Denn ich habe für dich den verbindlichen Eidschwur geleistet.' Derart sprach sie. Doch ich entgegnete folgende Worte: 'Kirke, welch ein Mann, der das Recht und Gerechtigkeit achtet, könnte bereit sich finden zu festlichem Essen und Trinken, ehe er seine Gefährten befreit und sie selber gesehen? Forderst du freundlich zum Trinken und Essen mich auf, so vollziehe erst die Befreiung, damit ich die teuren Gefährten erblicke!' Derart sprach ich, und Kirke verließ, den Stab in den Händen, gleich das Gemach, schloß auf die Stalltür und trieb die Gefährten aus dem Koben; neunjährigen Mastschweinen sahen sie ähnlich. Nunmehr traten sie an in doppelter Reihe; die Göttin schritt durch die Gasse, und jeden bestrich sie mit heilsamer Salbe. Von den Gliedern fielen die Borsten, die das von Kirke meinen Gefährten gebotene giftige Mischgetränk hatte aufstarren lassen. Jetzt wurden sie Männer, jünger als vorher, wirkten auch stattlicher noch und größer und wesentlich schöner. Alle erkannten mich gleich und drückten mir kräftig die Hände. Aber sie brachen jetzt nachträglich aus in die Klage der Trennung; laut widerhallte das Haus, und Kirke wurde von tiefer Rührung ergriffen. Es wandte sich zu mir die herrliche Göttin: 'Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, gehe zum schnellen Schiffe sofort, an die Küste des Meeres, ziehet zuerst das Fahrzeug aufs Trockene, anschließend berget Güter und Schiffsgeräte sämtlich in schützenden Höhlen; komme dann wieder und bringe auch mit die teuren Gefährten!' Derart sprach sie, mein männlicher Trotz ließ fügsam sich beugen. Ich enteilte zum schnellen Schiff und zur Küste des Meeres. Neben dem schnellen Schiffe fand ich die teuren Gefährten; unter schmerzlichen Klagen vergossen sie Ströme von Tränen. Wie auf dem ländlichen Viehhof die Kälber den Kühen der Herde, die auf der Weide sich sättigten und zum Stall sich begeben, alle voll Freude entgegenspringen, die Pferche nicht länger sie zu halten vermögen, sondern die Tiere mit lautem Brüllen die Mütter umdrängen: so scharten die Freunde bei meinem Anblick sich weinend um mich; sie hegten die gleichen Gefühle wie bei der Ankunft im Vaterland und in der Hauptstadt des rauhen Ithaka, wo sie geboren waren, die Kindheit verlebten. Jammernd sagten sie mir die im Fluge enteilenden Worte: 'Günstling des Zeus, wir freuen uns deiner glücklichen Rückkehr, als gelangten nach Ithaka wir, zur Heimat der Väter! Bitte, berichte uns von dem Unglück der andern Gefährten!' Derart riefen sie. Ich gab Antwort mit freundlichen Worten: 'Ziehen zuerst wir das Fahrzeug aufs Trockene, anschließend wollen Güter und Schiffsgeräte sämtlich in Höhlen wir bergen! Selber beeilt euch darauf, mir alle Folge zu leisten: Sehen sollt ihr die Freunde in Kirkes heiligem Hause, wie sie essen und trinken; sie haben ja reichlichen Vorrat.' Derart sprach ich; die Freunde gehorchten schnell dem Befehle. Bloß Eurylochos suchte sie alle am Weggehn zu hindern, darum sprach er zu ihnen die flugs enteilenden Worte: 'Elende, wohin gehen wir? Warum wünscht ihr das Unglück, euch zu begeben zum Hause der Kirke? Sie wird uns doch alle gleich in Schweine, in Wölfe oder in Löwen verwandeln, und wir müssen ihr, notgedrungen, die Wohnung bewachen, wie der Kyklop uns bezwang, als die Unsern in seine Behausung eindrangen, unter ihnen Odysseus, furchtlos und tollkühn! Seine Verwegenheit trieb die anderen in das Verderben!' Derart sprach er, und allen Ernstes erwog ich, das lange, schneidende Schwert von der kraftvollen Hüfte zu reißen und jenem mit der Waffe das Haupt von den Schultern herunterzuschlagen, wenn er auch nahe verwandt mir war. Doch meine Gefährten suchten von allen Seiten mich eindringlich bittend zu hemmen: 'Zeusentstammter, wir wollen ihn, wenn du es wünschest, beim Schiffe bleiben und unser Fahrzeug bewachen lassen! Du aber geh uns voran auf dem Wege zu Kirkes heiliger Wohnung!' Damit begaben sie sich vom Schiff und vom Ufer landeinwärts. Aber Eurylochos blieb nicht bei dem geräumigen Schiffe, sondern er folgte; ihn schreckte der Ausbruch meiner Empörung. Kirke hatte inzwischen im Hause die andern Gefährten sorglich baden und glänzend einölen lassen, sie hatte ihnen zur Kleidung auch wollige Mäntel und Röcke gegeben; sämtlich im Saale trafen wir sie bei üppigem Schmause. Als sie einander sahen und Auge in Auge erkannten, weinten sie schmerzlich, es hallte das Haus vom Wehklagen wider. Aber die herrliche Göttin wandte sich zu mir und sagte: 'Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, jammert nicht länger in schmerzlicher Klage! Ich weiß ja schon selber, was ihr auf fischreichem Meere an Leiden durchstehen mußtet, was auf dem Festlande auch die Feinde an Wunden euch schlugen. Auf denn, verzehret genußvoll die Speisen und trinket vom Weine, bis ihr aufs neue die kraftvolle Zuversicht schöpfet, die damals stark euch beseelte, als ihr die Heimat verließet, das rauhe Ithaka. Heute seid ihr noch völlig erschöpft und entmutigt, habt nur stets die leidige Irrfahrt im Sinne und widmet niemals euch herzlicher Freude nach all den furchtbaren Schlägen!' Derart sprach sie; wir mutigen Männer gehorchten ihr fügsam. Tag für Tag, ein Jahr lang, verweilten wir nun bei der Göttin, schmausten Mengen von Fleisch und tranken vom köstlichen Weine. Aber das Jahr verfloß, die Horen kehrten schon wieder im Entrinnen der Monde, und länger wurden die Tage. Abseits riefen mich da die teuren Gefährten und sagten: 'Unbegreiflicher, heute gedenke doch endlich der Heimat - wenn dir die Götter tatsächlich Rettung vergönnen und Rückkehr in dein ragendes Schloß und zu den Fluren der Väter!' Derart mahnten sie; ich, der Mutige, ließ mich bestimmen. Danach saßen den Tag wir hindurch bis zum Sinken der Sonne, aßen Mengen von Fleisch und tranken vom lieblichen Weine. Als der Sonnenball sank und das nächtliche Dunkel heraufzog, legten sich meine Gefährten zur Ruhe im schattigen Hause. Ich indessen bestieg die prachtvolle Lagerstatt Kirkes, flehte sie kniefällig an - und die Göttin erhörte mich gnädig - und sprach bittend zu ihr die im Fluge enteilenden Worte: 'Kirke, erfülle mir jetzt das Versprechen, das damals du gabest, mich nach Haus zu entlassen! Ich sehne mich dringend nach Heimkehr, meine Gefährten desgleichen, die mir mit Jammern und Klagen hartnäckig zusetzen, falls du dich einmal außerhalb aufhältst!' Derart bat ich. Sogleich gab Antwort die herrliche Göttin: 'Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, ungern braucht ihr nicht länger in meinem Hause zu weilen. Vorher müßt ihr ein anderes Ziel noch erreichen: des Hades und der schrecklichen Persephoneia düstere Fluren, euch ein Orakel zu holen von der Seele des blinden Sehers aus Theben, Teiresias, der noch bei vollem Verstand ist. Ihm nur verlieh, noch im Tode, Persephoneia Bewußtsein wie auch Vernunft; die anderen Toten schweben als Schatten.' Derart sprach sie, doch mich erschütterte jähes Entsetzen. Auf der prächtigen Lagerstatt saß ich und weinte; nicht länger mochte ich leben und aufschauen zu den Strahlen der Sonne. Als ich sattsam geweint und klagend gewälzt mich am Boden, wandte ich mich an die Göttin und gab ihr Bescheid mit den Worten: 'Wer soll, Kirke, als Führer auf diesem Weg mich geleiten? Niemand erreichte bisher auf dunklem Schiffe den Hades!' Derart sprach ich. Sogleich gab Antwort die herrliche Göttin: 'Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, einen Geleiter des Schiffes brauchst du nicht zu verlangen. Richte den Mastbaum empor und spanne die leuchtenden Segel! Sitze dann ruhig: es wird der Boreas dein Fahrzeug schon lenken! Aber sobald du zu Schiff den Okeanos ganz überquertest, hin zu der Flachküste und den Hainen Persephoneias, riesigen Schwarzpappeln neben früchteabstoßenden Weiden, lande daselbst an dem Ufer des tiefen, strudelnden Stromes und begib dich selber zur dumpfigen Wohnung des Hades. Dorthin, wo der Arm des stygischen Wassers, Kokytos, und der Pyriphlegethon in den Acheron münden, neben dem Fels, wo die beiden tosenden Flüsse sich einen, dorthin pilgre, ganz nahe, Odysseus, ich mahne dich dringend, grabe ein Loch in den Boden, so lang und so breit wie die Elle, gieße im Umkreis Weihespenden für sämtliche Toten, erst von vermischtem Honig, danach von lieblichem Weine, drittens von Wasser; streue dann glänzende Gerste darüber. Innig gelobe den kraftlosen Häuptern der Toten, nach deiner Ankunft in Ithaka die vorzüglichste Sterke zu opfern in dem Palast und den Holzstoß mit köstlichen Gaben zu füllen und für Teiresias noch gesondert einen tiefschwarzen Widder zu schlachten, der aus euren Herden hervorsticht. Batest du unter Gelübden die ruhmreichen Scharen der Toten, schlachte zwei Schafe, ein männliches und ein weibliches, schwarze, wende die Köpfe der Tiere zuvor nach der Tiefe; du selber kehre dich um zu den Wassern der Ströme; dann werden in Menge Seelen von Abgeschiedenen aus dem Totenreich strömen. Deinen Gefährten erteile nunmehr den Auftrag, die Schafe, die, von dem grausamen Erze getötet, am Erdboden liegen, abzuhäuten und zu verbrennen, darauf zu dem starken Hades zu flehen und zur schrecklichen Persephoneia. Selber ziehe dein schneidendes Schwert und halte die Wache: Wehre den kraftlosen Häuptern der Toten den Zutritt zum Blute, bis du den Seher Teiresias um das Orakel gebeten. Dann wird bald der Seher hervorkommen, Führer der Völker. Mitteilen wird er dir Richtung und Länge des Weges und sagen, wie du über das fischreiche Meer die Heimfahrt vollendest.' Derart sprach sie; schon nahte die goldenthronende Eos. Mantel und Leibrock gab mir die Nymphe als Kleidung; sie selber warf sich einen weißglänzenden Rock aus feinem Gewebe über, ein prächtiges Stück, schlang um die Hüften den schönen goldenen Gürtel und bedeckte das Haupt mit dem Schleier. Ich durchschritt das Haus; zu jedem meiner Gefährten trat ich dabei und ermunterte alle mit freundlichen Worten: 'Jetzt überlaßt euch nicht länger dem köstlichen Schlummer! Wir wollen aufbrechen; Kirke, die mächtige, hat mir die Weisung gegeben.' Derart sprach ich, und meine mutigen Freunde gehorchten. Aber ich sollte auch hier nicht abfahren ohne Verluste. Ein Gefährte, Elpenor, der jüngste, nicht sonderlich tapfer auf dem Schlachtfeld und auch nicht von scharfem und hellem Verstande, hatte im Weinrausch, Abkühlung suchend, sich abseits der Freunde niedergelegt auf dem Dache von Kirkes heiliger Wohnung. Von dem Aufbruch der andern vernahm er die Stimmen und Schritte, schreckte ganz plötzlich empor und vergaß, noch völlig benommen, über die lange Treppe ins Haus herniederzusteigen, sondern er fiel kopfüber vom Dach in die Tiefe; beim Sturze brach er sich das Genick, und die Seele flog in den Hades. Während des Fortgehens sagte ich meinen andern Gefährten: 'Offenbar glaubt ihr, nunmehr nach Hause zu fahren, zur teuren Heimat; doch Kirke bestimmte ein anderes Ziel uns, des Hades und der schrecklichen Persephoneia düstere Fluren; um ein Orakel sollen wir den Teiresias bitten.' Derart sprach ich; doch jene erschütterte jähes Entsetzen. Nieder sanken sie jammernd und rauften betrübt sich die Haare. Aber das Klagen zeitigte für sie keinerlei Nutzen. Während zum schnellen Schiff und zur Küste des Meeres wir gingen, kummervoll Tränen in Strömen vergießend, eilte auch Kirke hin zum Gestade und band bei dem düsteren Fahrzeug zwei Schafe vorsorglich fest, ein männliches und ein weibliches, schwarze, hatte uns, heimlich, leicht überholt; wer könnte denn eine Gottheit, die es nicht wünscht, beim Kommen und Gehen erblicken?