Aber inzwischen besorgte der wackere Hirt mit Odysseus in der Hütte das Frühstück, zeitig, bei flackerndem Feuer, schickte darauf die Helfer hinaus mit den Herden. Derweilen traf Telemachos ein; die sonst so lärmenden Kläffer drängten, still wedelnd, sich um den Jüngling. Odysseus bemerkte das Gebaren der Hunde, vernahm die sich nähernden Schritte und sprach gleich zu Eumaios die flugs enteilenden Worte: "Sicherlich sucht dich, Eumaios, ein Freund auf oder ein andrer guter Bekannter; denn ohne zu bellen umschmeicheln ihn, freundlich wedelnd, die Hunde; ich höre ganz deutlich des Ankömmlings Tritte." Während er dies noch sagte, erschien auf der Schwelle der Hütte sein geliebter Sohn. Empor fuhr staunend der Hüter; seinen Händen entsanken die Becher, in denen er eben mischte den funkelnden Wein. Entgegen trat er dem jungen Fürsten und küßte ihm Haupt und leuchtende Augen und beide Hände; er selber vergoß dabei die Tränen der Freude. Wie ein Vater herzlich Willkommen entbietet dem Sohne, der aus der Fremde im zehnten Jahre zurückkehrt, dem Liebling, seinem einzigen, den er mit schmerzlicher Mühe umsorgte, ebenso küßte der wackere Hüter den göttlichen Jüngling, hielt ihn umschlungen, als sei er soeben vom Tode erstanden. Schluchzend sprach er zu ihm die im Fluge enteilenden Worte: "Endlich zurück, Telemachos, Licht mir und Freude! Nie wieder glaubte ich dich zu erblicken, seitdem du nach Pylos gefahren! Tritt doch näher, mein lieber Junge, damit ich mich richtig satt sehen kann an dir, wo du eben vom Auslande heimkommst! Wirklich, nicht oft besuchst du die Ländereien und Hirten, sondern verweilst zu Hause. Vermutlich macht es dir Freude, immer den widrigen Haufen der Freier vor Augen zu haben!" Ihm entgegnete der verständige Sohn des Odysseus: "Eintreten will ich, mein Alter! Ich komme ja eben deswegen, weil ich dich sehen möchte und Auskunft darüber erhalten, ob noch die Mutter im Hause sich aufhält oder ein andrer Gatte bereits sie besitzt und das Lager des Vaters schon ohne Bettzeug dasteht, bedeckt von leidigen Spinnengeweben!" Ihm gab Antwort der Hüter der Schweine, der Führer der Hirten: "Nicht doch! Es wartet die Herrin noch immer geduldig in deinem hohen Palaste; in bitterem Kummer, mit Strömen von Tränen, schwinden ihr unaufhörlich dahin die Nächte und Tage." Damit nahm er dem Gaste den ehernen Speer ab. Der Jüngling überschritt die steinerne Schwelle und trat in die Hütte. Vor ihm erhob sich vom Sitz der Vater, der edle Odysseus; aber Telemachos drängte zurück den Bettler und sagte: "Bleibe nur sitzen, Fremdling! Wir finden auf unserem Viehhof anderswo Platz noch. Hier steht der Hausherr, er wird ihn beschaffen." Derart sprach er, Odysseus setzte sich wieder. Der Hüter breitete frisches Gezweig und ein Schaffell darüber zum Sitzen; nieder ließ sich darauf der geliebte Sohn des Odysseus. Schüsseln gebratenen Fleisches bot der Hüter den Gästen; übrig hatten sie das von der letzten Mahlzeit gelassen. Brotstücke häufte er diensteifrig in den Körben und mischte schließlich den honigsüßen Wein im hölzernen Napfe, setzte dem göttlichen Helden Odysseus sich dann gegenüber. Wacker sprachen sie zu den dargebotenen Speisen. Als sie sich reichlich gesättigt hatten am Essen und Trinken, wandte Telemachos sich an den wackeren Hüter der Schweine: "Was für ein Landsmann ist das, mein Alter? Wie brachten die Schiffer ihn nach Ithaka? Welcher Herkunft rühmten sich diese? Schwerlich ist er zu Fuß auf unsere Insel gepilgert." Antwort erteiltest du ihm, Eumaios, du Hüter der Schweine: "Wahrheitsgemäß, mein Junge, will ich dir alles berichten. Stolz bezeichnet der Fremdling das weite Kreta als Heimat. Wie er berichtet, ward er auf weiter Irrfahrt zu vielen Städten der Menschen verschlagen; ein Daimon beschied ihm dies Schicksal. Schließlich entlief er von einem thesprotischen Schiff und gelangte hierher zu meinem Gehöft; ich möchte ihn dir übergeben. Handle nach deinem Ermessen. Er bittet um Schutz dich und Hilfe." Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort: "Schmerzlich berührt mich der Wunsch, den du an mich richtest, Eumaios! Kann ich denn wirklich den Fremdling in meinem Hause empfangen? Selber bin ich noch jung, muß zweifeln am eignen Vermögen, einen, der dreist mich herausfordert, mir vom Leibe zu halten. Aber die Mutter leidet unter dem bitteren Zwiespalt, ob sie verbleiben solle bei mir und walten im Hause, Ehrfurcht erweisend der Ehe sowie der Meinung des Volkes, oder als Gattin dem Tüchtigsten folgen von sämtlichen Freiern in dem Palaste, der auch die kostbarsten Brautgaben bietet. Doch wo der Fremdling nun einmal deine Behausung erreichte, will ich ihn einkleiden wenigstens, stattlich, in Leibrock und Mantel, ein zweischneidiges Schwert ihm geben und feste Sandalen, schließlich Geleit ihm gewähren, wohin er abreisen möchte. Wünschst du es aber, behalte ihn selbst und betreu ihn im Viehhof! Hierher will die Gewänder ich schicken und alle Verpflegung, dadurch dir und den Leuten die Last der Bewirtung ersparen. Doch in die Stadt, zu den Freiern, möchte ich niemals ihn gehen lassen; sie treiben den gottlosen Frevel zu sehr auf die Spitze. Kränken würden sie unseren Gast, mich würde es grämen. Gegen die vielen richtet der einzelne, sei er auch kraftvoll, schwerlich Entscheidendes aus; sie sind ihm weit überlegen." Nunmehr sagte zu ihnen der göttliche Dulder Odysseus: "Dürfte auch ich, mein Lieber, mich äußern, so will ich bekennen, daß es mir wirklich das Herz zerreißt, hier hören zu müssen, was die Freier an gottlosem Frevel in eurem Palaste schamlos verüben, dir, solch wackerem Jüngling, zum Trotze. Sage mir: Fügst du dich willig? Oder hassen die Männer deines Volkes dich etwa, veranlaßt von einem Orakel? Oder gibst du die Schuld den Brüdern, auf die sich ein Kämpfer immer verläßt in der Schlacht, und entbrannte sie noch so entsetzlich? Wäre, mit meinem Mute, ich heute so jugendlich kraftvoll oder ein Sohn des edlen Odysseus, oder er käme selber nach Hause von seiner Irrfahrt - noch lebt ja die Hoffnung -: nun, dann sollte gleich einer das Haupt vom Rumpfe mir trennen, wenn ich nicht eindränge in den Palast des Sohns des Laërtes und den Verbrechern allen zum strafenden Unheil erwüchse! Sollte jedoch die Übermacht mich, den einzelnen, schlagen, wollte ich lieber in meinem Palaste von Mörderhand fallen, als für immer das schmachvolle Treiben mitansehen müssen, wie sie die Gastfreunde schändlich mißhandeln, die Mägde zur Stillung ihrer Begierde herumzerren durch die prächtigen Zimmer, wie sie die Weinfässer leeren und sämtliche Speisen vertilgen, ziellos und endlos, in einem unerfüllbaren Streben!" Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort: "Fremdling, ich will die gewünschte Auskunft untrüglich dir geben. Weder grollt mir das ganze Volk in wütendem Hasse noch beschuldige ich die Brüder, auf die sich ein Kämpfer immer verläßt in der Schlacht, und entbrannte sie noch so entsetzlich. Jeweils durch einen Nachkommen nur erhielt der Kronide nämlich unser Geschlecht. Arkeisios zeugte Laërtes, dieser Odysseus. Und letzterer ließ als einzigen Sprößling mich im Hause zurück und konnte sich meiner nicht freuen. Deshalb tummeln sich heute die Feinde in seinem Palaste. Sämtliche Fürsten nämlich, die über Dulichion herrschen, über Same und über das waldbedeckte Zakynthos, auch die im felsigen Ithaka eine Herrschaft verwalten, werben um meine Mutter, verprassen darüber den Hausstand. Meine Mutter verweigert nicht die erzwungene Hochzeit, kann sie freilich auch nicht vollziehen. Die Freier indessen zehren mein Gut auf und werden in Kürze mich selber zerreißen. Aber der Ausgang liegt im Schoße der ewigen Götter. Mach dich, mein Alter, gleich auf und sag der verständigen Herrin, daß ich gesund bin und glücklich von Pylos nach Hause zurückkam! Warten möchte ich hier; du kehre zurück, wenn du deine Meldung ihr, ohne Zeugen, erstattet: Kein andrer Achaier darf sie erfahren; denn mancher will ins Verderben mich stürzen." Antwort erteiltest du ihm, Eumaios, du Hüter der Schweine: "Ja, ich verstehe. Es deckt sich dein Wunsch mit meinen Gedanken. Aber so sprich und gib mir die unzweideutige Weisung: Soll ich auf meinem Weg auch dem armen Laërtes die Botschaft ausrichten, der so lange, in tiefem Schmerz um Odysseus, über die Feldarbeit wachte und unter den Knechten im Hause aß und trank, sooft er nur das Bedürfnis verspürte? Nunmehr jedoch, seitdem du zu Schiffe nach Pylos gefahren, soll überhaupt er jegliches Essen und Trinken verweigern, auch auf die Arbeit nicht schauen; nein, traurig, mit Seufzen und Stöhnen sitzt er umher, es schrumpft ihm das Fleisch auf den Knochen zusammen." Ihm entgegnete der verständige Sohn des Odysseus: "Um so schlimmer! Doch müssen wir ihn dem Schmerz überlassen, tut es uns bitter auch weh! Ach, könnte der Mensch sich sein Schicksal selber doch wählen - wir wünschten vor allem die Heimkehr des Vaters! Also begib dich zurück, nachdem du die Meldung erstattet, schweif nicht umher auf dem Landgut, den alten Laërtes zu suchen! Bitte die Mutter jedoch, ihm die Schaffnerin heimlich zu schicken, möglichst geschwind; sie könnte dem Greise die Neuigkeit melden!" Damit drängte er ihn zum Aufbruch. Gleich nahm sich der Hüter seine Sandalen und band sie sich unter. Dann eilte er stadtwärts. Pallas bemerkte genau den Aufbruch des Hirten vom Viehhof, und sie näherte sich. Sie erschien in andrer Gestalt jetzt, stattlich und groß, ein Weib, zu herrlicher Leistung befähigt, trat auf den Vorplatz der Hütte und zeigte sich dort dem Odysseus. Aber Telemachos sah und bemerkte gar nicht die Gottheit, werden die Götter doch nicht für alle Sterblichen sichtbar. Außer Odysseus sahen die Hunde sie nur, und sie hielten Ruhe und drückten sich winselnd zur anderen Seite des Hofes. Mit den Brauen winkte sie ihm, und Odysseus verstand sie, ging aus der Hütte, vorbei an der ragenden Mauer des Grundstücks, trat vor Athene hin, und diese sprach zu dem Helden: "Zeusentsprossener Sohn des Laërtes, kluger Odysseus, sprich jetzt offen zu deinem Sohn und verstell dich nicht länger! Habt ihr gemeinsam den Plan zum Tode der Freier geschmiedet, macht auf den Weg euch zur ruhmreichen Stadt. Ich selber gedenke nicht mehr lange euch fern zu bleiben, es drängt mich zum Kampfe!" Derart sprach Athene, berührte ihn dann mit dem goldnen Stabe. Die Brust umhüllte sie ihm mit sauberer Kleidung, Mantel und Leibrock, verlieh ihm Schönheit und Kräfte der Jugend. Bräunlich färbte die Haut sich wieder, voll wurden die Wangen, rings um das Kinn entsproßte dunkel der kräftige Bartwuchs. Danach verschwand Athene. Odysseus trat in die Hütte. Staunen empfand der geliebte Sohn bei dem Anblick des Helden, wandte zur Seite den Blick, im Schrecken, ein göttliches Wesen käme, und sprach zu Odysseus die flugs enteilenden Worte: "Eben erschienst du mir anders, Fremdling, ganz neue Gewänder trägst du am Leibe, auch zeigt sich dein Körper völlig verändert! Wahrlich, du bist ein Gott, ein Bewohner des riesigen Himmels! Gnade erweise uns! Opfer nach Wunsch und kunstreichen Goldschmuck wollen wir eifrig dir darbringen, du gewähre uns Schonung!" Ihm gab Antwort darauf der göttliche Dulder Odysseus: "Nimmermehr bin ich ein Gott. Wie kommst du zu dieser Vermutung? Nein, ich bin dein Vater, um dessentwillen du klagend bittere Leiden erduldest und Übergriffe von Feinden!" Derart sprach er und küßte den Sohn. Ihm rannen die Tränen über die Wangen zur Erde. Er hatte sich ihrer so lange standhaft enthalten. Telemachos aber konnte nicht fassen, daß der Fremdling sein Vater war, und gab ihm zur Antwort: "Nimmermehr bist du mein Vater Odysseus, sondern ein Daimon will mich betören, damit ich noch tiefer in Schmerzen versinke. Schwerlich vermag ein Sterblicher solche Verwandlung aus eigner Kraft zu bewirken. Ein Gott nur könnte, sofern er es wünschte, mühelos einen zum Jüngling verändern oder zum Greise. Eben noch warst du ein alter Mann und schäbig gekleidet, gleichst jetzt an Schönheit den Göttern, des weiten Himmels Bewohnern!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Über die Heimkehr des Vaters, Telemachos, darfst du nicht allzu heftig dich wundern, nicht allzu betroffen in Staunen verfallen! Wahrlich, nie wird ein andrer Odysseus nach Ithaka pilgern, ich nur, in dieser Gestalt, ich erreichte nach bitteren Leiden, weithin verschlagen, im zwanzigsten Jahre endlich die Heimat. Meine Gestalt ist Werk der beutespendenden Pallas, die mich verwandelt nach ihrem Wunsch - sie besitzt ja die Kräfte -, bald mich zum Bettler verunstaltet, bald mich als kraftvollen Jüngling auftreten läßt, mit sauberen, festen Gewändern am Leibe. Mühelos können die Götter, des weiten Himmels Bewohner, Menschen durch Schönheit beglücken oder sie schmählich entstellen." Derart sprach er und setzte sich nieder. Telemachos aber schlang um den edlen Vater innig die Arme und schluchzte. Beide empfanden das starke Verlangen zur Klage, sie weinten bitterlich; lauter jammerten sie und heller als Vögel, Seeadler etwa und Lämmergeier mit krallenden Fängen, denen die Landleute ihre nicht flüggen Jungen entrissen. Ebenso ließen sie beide die Tränen erbarmenswert fließen. Über ihrem Gejammer wäre die Sonne gesunken, hätte Telemachos nicht an den Vater die Worte gerichtet: "Vater, auf welchem Schiffe setzten dich Seeleute nunmehr über nach Ithaka? Welcher Herkunft rühmten sich diese? Schwerlich bist du zu Fuß auf unsere Insel gepilgert!" Ihm gab Antwort darauf der göttliche Dulder Odysseus: "Nun, so werde ich dir, mein Sohn, die Wahrheit berichten. Ruhmreiche Seefahrer brachten, Phaiaken, mich her, die auch andern Menschen Geleitschutz gewähren, wer immer bittflehend sie aufsucht. Über die Wogen brachten sie schnell mich, im Schlafe, und setzten mich auf Ithaka ab und verehrten mir kostbare Gaben, Stücke von Erz und Gold und bestickte Gewänder in Menge. Diese liegen, nach göttlichem Willen, in sicherer Höhle. Hierher begab ich mich jetzt auf Weisung der Göttin Athene; über den Tod der Freier müssen wir nämlich beraten. Deshalb nenne zuerst mir genau die Anzahl der Freier; wissen muß ich, wieviele sie sind und welcherlei Männer. Habe ich dann, wie ich oft es erprobte, alles erwogen, will ich bestimmen: können wir zwei es allein mit den Gegnern aufnehmen oder müssen wir noch Verbündete suchen!" Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort: "Vater, ich habe gehört von deinem herrlichen Ruhme; wacker im Kampfe erwiesest du dich und besonnen im Rate. Aber jetzt sprachst du allzu vermessen, Staunen ergreift mich; schwerlich bekämpfen zwei Männer so zahlreiche kraftvolle Gegner! Sind doch der Freier nicht eben bloß zehn, nicht eben bloß zwanzig, sondern weit mehr! Gleich sollst du genau die Anzahl erfahren: Zweiundfünfzig auserlesene Jünglinge kamen von Dulichion her; sechs Diener gehören zu ihnen. Vierundzwanzig tapfere Helden stammen von Same, zwanzig achaische Adlige von der Insel Zakynthos, zwölf aus Ithaka selbst - und lediglich vornehme Leute! Medon, der Herold, bemüht sich um sie, auch der göttliche Sänger, und zwei Diener dazu, der Kunst des Vorschneidens mächtig. Wollten mit diesen allen wir im Palaste uns messen, träfe die Rache, die du vollziehst, nur schrecklich uns selber! Nein, überlege: kannst du noch Mitstreiter ausfindig machen, die uns beiden mit freudigem Herzen Beistand gewähren?" Ihm gab Antwort darauf der göttliche Dulder Odysseus: "Eines will ich dir sagen, hör es und nimm es zu Herzen - prüfe, ob uns Athene im Bund mit dem göttlichen Vater ausreicht oder ich ausschauen muß nach weiteren Helfern!" Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort: "Tüchtige Mitstreiter nennst du in diesem göttlichen Paare, hoch in den Wolken thronen die beiden und führen auch über alle andern die Herrschaft, Menschen wie ewige Götter!" Danach sagte zu ihm der göttliche Dulder Odysseus: "Sicherlich werden die beiden nicht lange sich abseits vom wilden Kampfgewühl halten, läßt der wütende Ares in meinem Schlosse die Freier und uns zum entscheidenden Austrag sich treffen! Aber begib dich zur Stadt jetzt sogleich bei Anbruch des Tages, pflege auch weiter Verkehr mit den übermütigen Freiern! Mich soll später der Hüter der Schweine zur Stadt hin geleiten, aussehen will ich erneut wie ein Greis und ein elender Bettler. Sollten die Freier im Schlosse mich schmähen und häßlich beschimpfen, trage die Kränkungen, die mich treffen, geduldig und standhaft; schleift man sogar an den Füßen mich aus dem Palaste ins Freie oder benutzt mich als Wurfziel, ertrage mit Ruhe den Anblick! Freilich, du kannst es versuchen, den Freiern ihr törichtes Treiben freundlich begütigend auszureden; sie werden dir schwerlich folgen; doch nahe bevor steht ihnen bereits das Verhängnis. Eines noch will ich dir sagen, nimm es dir gründlich zu Herzen: Wenn es Athene, die Meisterin guten Rates, mir eingibt, will mit dem Kopf ich dir zunicken. Hast du das Zeichen erhalten, hebe die Waffen, die sich im großen Saale befinden, auf und lege sie ab in der Kammer des oberen Stockwerks, sämtlich. Vermißt man die Waffen und fragt dich nach ihnen, so suche sie zu beruhigen mit dem freundlichen Hinweis: 'Ich möchte fort aus dem Rauche sie hängen; sie gleichen schon gar nicht mehr denen, die einst Odysseus bei seinem Aufbruch nach Troja zurückließ, sondern sie sind schon völlig verrußt vom Qualme des Feuers. Triftiger noch erweist sich die Sorge, die Zeus mir erweckte, daß ihr im Weinrausch in Streit geratet, euch untereinander Wunden zufügt und damit das Mahl und die Werbung entwürdigt, ziehen den Mann doch selbsttätig an die eisernen Waffen!' Griffbereit lasse, nur für uns beide, zwei Schwerter, zwei Lanzen und zwei Schilde aus Rindshaut zurück; wir wollen zum Angriff gleich sie benutzen. Dann werden den Feinden Pallas Athene und der beratende Zeus den Mut und die Kräfte schon lähmen! Weiter noch will ich dir sagen, nimm es dir gründlich zu Herzen: Bist du tatsächlich mein Sohn und ein Träger unseres Blutes, lasse zu keinem ein Wort von der Heimkehr des Vaters verlauten! Weder Laërtes noch der Hüter des Viehhofes dürfen etwas erfahren, kein Diener, auch nicht Penelope persönlich, sondern wir beiden nur wollen das Trachten der Frauen erforschen; auch das Verhalten der Diener laß uns genau überprüfen, wer uns gebührende Ehren erweist und schuldige Achtung, wer uns mißachtet und dir als Gebieter Gehorsam verweigert!" Antwort gab ihm darauf sein stattlicher Sohn und erklärte: "Vater, du lernst mich, hoffe ich, später noch gründlicher kennen; Leichtsinn und Mangel an Tatkraft bestimmen durchaus nicht mein Handeln. Aber ich zweifle daran, daß dein Vorschlag zur Prüfung uns beiden Vorteile bringt. Überlege doch selbst, ich bitte dich dringend! Zeit nur verlierst du, sofern du, um jeden einzeln zu prüfen, sämtliche Landgüter aufsuchst. Indessen verprassen die Freier ruhig im Haus dein Vermögen, ohne Schonung und maßlos. Freilich, die Haltung der Frauen solltest genau du erforschen, wer dich von ihnen mißachtet und wer sich schuldlos gehalten. Daß wir jedoch die Männer uns vornehmen auf den Gehöften, möchte ich ablehnen. Später können wir dies noch besorgen, wenn du ein sicheres Zeichen empfingst vom Träger der Aigis." Derart besprachen sich Vater und Sohn miteinander. Inzwischen lenkte zur Stadt von Ithaka hin der treffliche Segler, der von Pylos Telemachos und die Gefährten zurücktrug. Als man das tiefe Wasser des Hafenbeckens erreichte, zog man sogleich das dunkelfarbige Schiff ans Gestade. Mutige Diener trugen das Takelwerk fort von dem Fahrzeug, brachten zum Hause des Klytios auch die herrlichen Gaben. Danach entsandten sie einen Herold zum Schloß des Odysseus, um Penelope, der klugen Gebieterin, melden zu lassen, daß Telemachos auf dem Lande verweile, doch Weisung ihnen gegeben habe, zur Stadt zu segeln; die edle Herrin sollte nicht perlende Tränen vor Sorge vergießen. Beide, der Herold wie auch der wackere Hüter der Schweine, trafen sich auf dem Wege, der Fürstin das Gleiche zu melden. Als sie zu zweit den Palast des göttlichen Königs erreichten, brachte der Herold die Botschaft in Gegenwart sämtlicher Mägde: "Herrin, es kehrte dein Sohn aus Pylos schon glücklich zur Heimat!" Aber der Herrin nahte Eumaios und meldete alles, was ihm der treue Sohn des Odysseus eingeschärft hatte. Nach Erledigung seines Auftrags trat er den Rückweg schleunig an zu den Schweinen, verließ den Palast und den Vorhof. Aber die Freier waren betroffen und niedergeschlagen, traten heraus aus dem Saale, vorbei an der Mauer des Hofes. Dort, vor dem Tore, ließen sie zur Beratung sich nieder, und Eurymachos, Sohn des Polybos, sagte zu ihnen: "Freunde, Telemachos hat es geschafft, vollendete wirklich trotzig die Hinfahrt und Rückfahrt! Wir wähnten, er schaffe es niemals! Ziehen wir denn das beste der düsteren Schiffe zu Wasser, bieten auch Seeleute auf zum Rudern! Sie sollen in Eile unsre Gefährten auf kürzestem Wege heimfahren lassen!" Während er dies noch sprach, erblickte Amphinomos, seewärts schauend, ein Schiff im tiefen Wasser des Hafens; die Mannschaft reffte soeben die Segel und hielt in den Händen die Ruder. Herzlich lachte er auf und sagte zu seinen Gefährten: "Nichts mehr brauchen wir eilig zu melden. Sie sind schon im Hafen! Ihnen verriet wohl ein Gott den Hergang, oder sie selber sahen das Schiff entschwinden und konnten es nicht mehr erreichen." Derart sprach er. Sie standen auf und gingen ans Ufer. Schleunig zog man das dunkelfarbige Schiff ans Gestade; mutige Diener trugen das Takelwerk fort von dem Fahrzeug. Nunmehr versammelten sich die Freier, doch ließen sie keinen anderen, weder Junge noch Alte, zu ihnen sich setzen. Unter ihnen begann Antinoos, Sohn des Eupeithes: "Ha! Die Götter haben den Knaben vorm Tode errettet! Tagsüber saßen auf windumfächelten Höhen die Späher, lösten sich kurzfristig ab; doch zugleich mit dem Sinken der Sonne weilten wir nicht mehr am Lande zur Nacht, nein, kreuzten mit schnellem Schiffe auf See und harrten der göttlichen Eos im Lauern auf Telemachos; abfangen wollten wir ihn und erschlagen. Doch unterdessen führte ein Daimon ihn glücklich nach Hause! Wollen wir also auf Ithaka ihn dem kläglichen Tode weihen! Er soll uns ja nicht entrinnen! Wir werden zu seinen Lebzeiten, glaube ich, niemals unsere Ziele erreichen. Er bewährt sich durch seinen verständigen Rat als besonnen, uns erweist die Bevölkerung nicht mehr einhellig Hilfe! Auf denn zur Tat, bevor er das Volk zur Versammlung entbietet! Sicherlich wird er nicht säumig sich zeigen, sondern gewaltig zürnen und aufstehen und vor allem Volke enthüllen, daß wir ihn umbringen wollten, aber das Opfer verfehlten. Hören die Leute die Schandtat, werden sie diese nicht loben, könnten vielleicht uns schmählich behandeln, aus unserer eignen Heimat uns jagen, wir aber müßten ins Ausland uns flüchten! Töten wir lieber ihn vorher, fern der Stadt, auf dem Lande, oder auch wenn er zurückkommt, behalten sein großes Vermögen, wenn wir es ordentlich unter uns aufgeteilt haben, doch lassen sämtliche Häuser der Mutter und ihrem künftigen Gatten! Sollte euch dieser Vorschlag mißfallen und wolltet ihr lieber jenen am Leben und im Besitze der Erbgüter lassen, dürfen wir künftig nicht länger in seinem Haus uns versammeln und ihm die reichen, köstlichen Güter verprassen. Nein, jeder werbe mit Gaben aus eigenem Hause. Doch Penelope nehme den Mann, der das meiste ihr bietet und der ihr bestimmt ist!" Derart sprach er, und alle verstummten in lautlosem Schweigen. Endlich ergriff Amphinomos mahnend das Wort in dem Kreise, stattlicher Sohn des Königs Nisos, des Aretiaden, Führer der Freier, die von der grünen, an Weizen so reichen Insel Dulichion stammten; ihn hörte die Herrin von allen stets noch am liebsten sprechen; denn rechtschaffen war er und bieder - dieser ergriff verständig das Wort und sagte zu ihnen: "Freunde, Telemachos umzubringen, das muß ich verwerfen! Furchtbar der Mord an dem Abkömmling eines Königsgeschlechtes! Nein, erkundigen wir uns zunächst, was die Götter uns raten! Sollten uns Zustimmung geben die Sprüche des großen Kroniden, werde ich selber ihn töten, es auch den andern befehlen; sprechen die Götter ihr Nein, so lasset Telemachos leben!" Derart mahnte Amphinomos; Beifall spendeten alle. Schleunig erhoben sie sich und eilten zum Schloß des Odysseus, ließen sich nieder im Saal auf den trefflich geglätteten Sesseln. Anders als sonst, entschloß sich die kluge Gebieterin heute, unter den maßlos frevelnden Freiern selbst zu erscheinen, war sie vom Mordplan gegen den Sohn doch wohlunterrichtet; Medon verriet ihr den Anschlag, der Herold, der ihn erlauschte. Eilig stieg sie hinunter zum Saal, von Mägden begleitet, und blieb stehen am Eingang des fest errichteten Raumes, hatte den glänzenden Schleier sich über die Wangen gezogen. Voller Empörung rief sie dem Sohn des Eupeithes entgegen: "Frecher Antinoos, Stifter von Unheil, man rühmt dich im Volke Ithakas, du überträfest die Altersgenossen an Einsicht wie in der Kunst der Rede. Doch niemals entsprach dies der Wahrheit! Rasender, warum entwirfst du gegen Telemachos solchen Mordplan, verachtest die Schutzbedürftigen, die der Kronide stets unterstützt? Ein Verbrechen, einander Unheil zu stiften! Hast du vergessen, wie einstmals dein Vater, aus Furcht vor dem Volke, flehend uns aufsuchte? Ithakas Volk war furchtbar erbittert, weil er sich taphischen Seeräubern anschloß und den Thesproten Schaden zufügte. Diese waren doch unsere Freunde! Umbringen wollten sie ihn, das Herz aus dem Leibe ihm reißen, auch noch verzehren seine reichlich vorhandenen Güter. Aber Odysseus besänftigte ihre wilde Empörung. Dafür verpraßt du heute sein Gut, umwirbst die Gemahlin, willst den Sohn ihm erschlagen und mir aufs furchtbarste weh tun! Übe nicht weiter Verbrechen, verleite nicht weiter die andern!" Aber der Polybos Sohn, Eurymachos, gab ihr zur Antwort: "Tochter des Fürsten Ikarios, du verständige Herrin, sei nur getrost, du brauchst dich darüber nicht ernstlich zu sorgen! Niemand lebt, wird leben oder geboren noch werden, der den Sprößling Telemachos dir zu behelligen wagte, niemand, solange ich atme und Augen habe auf Erden! Offen beteuere ich und werde es, wahrlich, erfüllen: Triefen sollte sogleich von meiner Lanze des Frevlers düsteres Blut! Oft ließ ja der Städtezerstörer Odysseus mich auch auf seinen Knien reiten und gab mir gebratnes Fleisch in die Hände und reichte vom rötlichen Wein mir zu trinken. Darum schätze Telemachos ich am höchsten von allen Menschen, er braucht den Tod nicht zu fürchten von seiten der Freier; nur der von Göttern verhängte bleibt unausweichlich." So wollte er sie beruhigen, wo er doch selber den Mordplan gebilligt! Doch Penelope begab sich hinauf in die glänzende Wohnung, weinte dann wieder um ihren geliebten Gatten Odysseus, bis ihr Athene die Augen schloß mit erquickendem Schlummer. Abends kehrte der Hirt zurück zu Odysseus und seinem Sohne. Die beiden waren beim eifrigen Rüsten des Mahles, hatten ein Schwein, einjährig, geschlachtet. Und Pallas Athene war zu dem Sohn des Laërtes getreten und hatte durch einen Schlag mit dem Stabe ihn wieder zum alten Manne verwandelt, ihn auch aufs neue in Lumpen gehüllt; der Hüter der Schweine sollte ihn nicht erkennen und nicht der verständigen Herrin eilend die Nachricht bringen, anstatt sie klug zu verschweigen. An den Kommenden wandte sich gleich der Sohn des Odysseus: "Glücklich zur Stelle, wackrer Eumaios! Was sagt man im Städtchen? Kehrten bereits vom Hinterhalt wieder die trotzigen Freier, oder lauern sie etwa noch weiter auf meine Zurückkunft?" Antwort erteiltest du ihm, Eumaios, du Hüter der Schweine: "Daran dachte ich nicht, die Stadt zu durchstreifen und Fragen an die Bewohner zu richten. Nach Überbringen der Botschaft wollte ich lieber schleunigst mich auf den Rückweg begeben. Aber ein eilender Bote begegnete dort mir von deiner Mannschaft, ein Herold; er meldete deiner Mutter als erster. Außerdem weiß ich noch etwas, ich hatte es deutlich vor Augen. Oberhalb unserer Stadt, auf dem Rückweg, am Hügel des Hermes, sah ich ein Schiff in eiliger Fahrt in unseren Hafen einlaufen; zahlreiche Männer weilten an Bord, und mit Schilden war es und doppelt gespitzten Speeren aufs schwerste befrachtet. Das, vermute ich, waren sie; aber ich weiß es nicht sicher." Lächelnd suchte der rüstige Jüngling Telemachos seines Vaters Blick, doch ohne den Hirten es merken zu lassen. Als sie die Arbeit beendet und sich die Mahlzeit bereitet, aßen sie; keiner von ihnen brauchte sein Teil zu entbehren. Aber sobald sie an Trank und Speise gesättigt sich hatten, legten sie müde sich hin und genossen die Gabe des Hypnos.
Gesänge 16–20
Video, Vertonungstext und dann der vollständige Gesang. Nimm, was du brauchst – und lies weiter, wenn dich etwas packt.
Sechzehnter Gesang
Wie Odysseus sich seinem Sohne zu erkennen gab und sich mit ihm über die nächsten Maßnahmen besprach
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Die Stunde ist da, mein Sohn steht vor mir, Telemachos, mein Blut, jetzt enthüll ich’s dir. Die Masken fallen, der Plan wird scharf, Vater und Sohn – jetzt wird’s gefährlich und stark. [Verse 1: Odysseus] Telemachos fragt, sein Blick voller Pein, „Wer bist du, Fremder, dein Spiel ist gemein.“ Doch Athene lächelt, sie hebt den Schleier, „Schau mich an, Junge, dein Vater, der Geier!“ Er taumelt zurück, sein Herz schlägt wild, „Bist du es wirklich?“ – „Ja, Junge, erfüllt!“ Wir fallen uns in die Arme, die Rache erwacht, die Freier ahnen nichts von der kommenden Schlacht. [Refrain: Odysseus & Chorus] Vater und Sohn, das Schicksal vereint, die Freier im Palast – bald werden sie weinen. Von List und Taktik, der Plan ist klar, Odysseus kehrt heim – der Sieg ist nah. [Verse 2: Odysseus] Im Stall bei Eumaios schmieden wir’s aus, die Freier im Palast – die machen wir raus. „Geh rein, mein Sohn, tu so, als wär nichts, doch ich komm nach – und dann gibt’s Gewichts!“ Telemachos nickt, sein Blick wird hart, „Wir holen unser Reich, wir spielen die Karte.“ Athene schaut zu, ihr Lächeln wie Stahl, die Götter sind mit uns – die Freier in Qual. [Refrain: Odysseus & Chorus] Vater und Sohn, das Schicksal vereint, die Freier im Palast – bald werden sie weinen. Von List und Taktik, der Plan ist klar, Odysseus kehrt heim – der Sieg ist nah. [Bridge: Odysseus] Die Intrigen sind dick, der Verrat ist nah, doch wir spielen die List – und machen sie klar. Telemachos, mein Sohn, wir kämpfen als eins, die Freier sind blind – ihr Ende ist meins. [Outro: Odysseus] Vater und Sohn, ein Duo aus Macht, von Ithakas Stall bis zur nächtlichen Schlacht. Die Rache ist süß, die Heimkehr ein Traum, Odysseus kehrt heim – wir holen den Raum.
Der vollständige 16. Gesang
Siebzehnter Gesang
Wie Odysseus als Bettler sein Haus betrat
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Die Maskerade bleibt, mein Spiel ist geschickt, Telemachos geht vor, die Freier betickt. Eumaios und ich, wir ziehen ins Licht, doch der Weg wird härter – die Rache verspricht. [Verse 1: Odysseus] Telemachos betritt den Palast, die Freier spotten, ihr Hochmut verfasst. Er bleibt cool, doch sein Blick ist scharf, sie merken nicht, dass er längst an der Straf’. Eumaios führt mich, mein Mantel ist alt, ein Bettler auf Mission, doch mein Geist ist kalt. Melanthios, der Ziegenhirte, ein frecher Hund, spuckt vor mir aus – sein Ende wird bunt. [Refrain: Odysseus & Chorus] Von Stall bis Palast, mein Ziel ist nah, die Freier ahnen nichts – mein Zorn ist da. Verkleidet, verborgen, ich spiele das Spiel, Odysseus kämpft – das Ende wird real. [Verse 2: Odysseus] Beim Tor des Palasts, mein treuer Hund, Argos liegt da, die Zeit hat ihn wund. Doch er erkennt mich, sein Blick wird klar, mein Herz bricht kurz, doch die Mission ist wahr. Im Palast, die Freier prassen und lachen, doch Telemachos plant – bald wird es krachen. Ich sitze am Rand, der Bettler im Spiel, doch tief in mir lodert der kriegerische Stil. [Refrain: Odysseus & Chorus] Von Stall bis Palast, mein Ziel ist nah, die Freier ahnen nichts – mein Zorn ist da. Verkleidet, verborgen, ich spiele das Spiel, Odysseus kämpft – das Ende wird real. [Bridge: Odysseus] Die Freier, sie prahlen, ihr Hochmut steigt, doch mein Blick bleibt ruhig – bis der Sturm sich zeigt. Athene flüstert, ihr Plan ist groß, mein Schwert wartet still – bald geht es los. [Outro: Odysseus] Im Schatten des Palasts, die Zeit wird knapp, mein Sohn und ich – wir ziehen die Klapp. Von Stall bis Palast, die Stunde ist nah, Odysseus kehrt heim – der Sieg ist da.
Der vollständige 17. Gesang
Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, band sich Telemachos gleich, der teure Sprößling des edlen Helden Odysseus, unter die Füße die schmucken Sandalen und ergriff die riesige, handliche Lanze. Er wollte gehen zur Stadt und sagte zu seinem wackeren Hirten: "Alter, ich gehe zur Stadt jetzt, damit die Mutter mich endlich wieder zu sehen bekommt. Sie dürfte dem bitteren Klagen und den schmerzlichen Tränen dann erst Einhalt gebieten, wenn sie mich lebend erblickt. Dich bitte ich, guter Eumaios: Führe zur Stadt den vom Unglück verfolgten Fremdling; er möge dort sich die Nahrung erbetteln. Ihm gibt schon ein Häppchen, ein Schlückchen jeder Bewohner, der Lust hat. Ich kann mich nicht selber mit allen Fremden belasten, in meinem eigenen bohrenden Kummer! Sollte der Fremdling etwa böse werden darüber, nun, um so schlimmer für ihn; ich liebe es, offen zu sprechen." Ihm gab Antwort darauf der edle Odysseus und sagte: "Lieber, ich möchte mich selber nicht länger zurückhalten lassen. Günstiger holt sich ein Bettler im Städtchen als auf dem Lande, was er zum Essen benötigt. Wer Lust hat, wird mir schon geben. Auf dem Gehöft noch länger zu bleiben, verwehrt mir mein Alter; denn ich vermag nicht dem Hirten jeden Befehl zu erfüllen. Geh nur! Der Hüter, dem du es befohlen, wird mich geleiten, wärmte ich mich am Feuer und stieg die Sonne erst höher. Scheußlich die Lumpen, die dürftig mich decken! Wenn mich der Frühreif nur nicht noch lähmte! Es heißt ja, die Stadt sei ziemlich entlegen!" Derart sprach er. Telemachos aber, mit mächtigen Schritten, eilte zum Viehhof hinaus. Er sann Verderben den Freiern. Als er gekommen war zum Gebäude des wohnlichen Schlosses, lehnte er seinen Speer an die ragende Säule des Eingangs, trat dann hinein in das Innere über die steinerne Schwelle. Eurykleia, die Pflegerin, sah als erste den Jüngling, während sie kunstreiche Sessel mit Fellen bedeckte. In Tränen brach bei dem Anblick sie aus und lief ihm entgegen. Die andern Mägde umringten gleichfalls den Sohn des Dulders Odysseus, boten ihm herzlich Willkommen und küßten auf Haupt ihn und Schultern. Da verließ Penelope, die kluge Fürstin, ihr Zimmer, strahlend schön wie Artemis oder die goldene Kypris. Tränen im Auge, umschlang sie den teuren Sohn mit den Armen und bedeckte mit Küssen sein Haupt und die leuchtenden Augen. Schluchzend sprach sie zu ihm die im Fluge enteilenden Worte: "Endlich zurück, Telemachos, Glück mir und Freude! Nie wieder glaubte ich dich zu sehen, seitdem du nach Pylos gefahren, heimlich und mir zum Trotze, vom Vater Nachricht zu holen! Auf denn, erzähl mir ausführlich, was du auf der Reise erlebtest!" Der verständige Jüngling Telemachos gab ihr zur Antwort: "Laß mich nicht wiederum jammern, Mutter, versetz nicht aufs neue mich in Erregung, wo ich erst eben dem Unglück entgangen! Bade dich lieber, ziehe dann saubere Kleider dir über, gehe mit deinen Mägden ins Obergeschoß und gelobe sämtlichen Göttern Erfüllung bringende, festliche Opfer, falls der Kronide das Werk der Vergeltung uns durchführen ließe! Ich will mich zum Marktplatz begeben, einladen einen Fremdling, der sich mir auf der Fahrt nach Ithaka anschloß. Diesen sandte bereits ich voraus mit den edlen Gefährten, habe Peiraios gebeten, ihn aufzunehmen im Hause und, bis ich selber zurückkehre, höflich und reich zu bewirten." Derart erwiderte er. Der Fürstin verschlug es die Sprache, aber sie badete sich, zog sauber sich an und gelobte sämtlichen Göttern Erfüllung bringende, festliche Opfer, falls der Kronide das Werk der Vergeltung sie durchführen ließe. Aber Telemachos war aus dem Schlosse geeilt mit der Lanze, nicht allein; ihm folgten zwei Hunde, schnellfüßige Tiere. Über ihn breitete Pallas Athene bezaubernde Anmut; staunend betrachteten ihn bei der Ankunft sämtliche Männer. Um ihn wollten die trotzigen Freier sich scharen; sie sprachen freundliche Worte, doch ihre Gedanken kreisten um Unheil. Aber Telemachos ging dem wimmelnden Schwarm aus dem Wege; dort, wo Mentor saß und Antiphos und Halitherses, die schon seit langem mit seinem Vater befreundet gewesen, ließ er sich nieder. Sie fragten nach allem, was er erlebte. Auch Peiraios, der ruhmreiche Speerwerfer, nahte sich ihnen, führte den Gast durch die Stadt auf den Marktplatz. Telemachos wandte nicht mehr sich ab von dem Fremden, sondern trat ihm entgegen. An den Kommenden richtete gleich Peiraios die Worte: "Sende sofort in mein Haus, Telemachos, dienende Frauen! Fortschicken will ich die Gaben, die dir Menelaos verehrte." Ihm gab Antwort darauf der verständige Sohn des Odysseus: "Noch, mein Peiraios, wissen wir nicht, wie das Vorhaben ausgeht. Sollten die trotzigen Freier in meinem Palaste mich meuchlings umbringen, dann mein Erbgut unter sich teilen, so möchte lieber ich dich als Nutznießer wissen der Gaben als jene. Kann ich selber jedoch mit Tod und Verderben sie schlagen, schicke, zu unser beider Freude, ins Haus mir die Gaben!" Damit führte den schmerzlich geprüften Gast er nach Hause. Als sie im prächtigen, wohnlichen Schlosse angelangt waren, legten sie ihre Mäntel über die Stühle und Sessel, stiegen in die geglätteten Wannen und badeten. Mägde wuschen sie, salbten sie ein mit dem Öle und kleideten beide sorglich mit wolligen Mänteln und Röcken. Im Anschluß ans Baden ließen Telemachos und sein Gast auf Stühlen sich nieder. Waschwasser brachte die Magd in prächtiger goldener Kanne, goß es zum Waschen über die Hände ins silberne Becken, setzte darauf vor den Gast und den Herrn die geglättete Tafel. Brot trug auf die achtbare Schaffnerin, setzte mit Freuden ihnen die Speisen reichlich hin vom vorhandenen Vorrat. Ihnen saß gegenüber die Mutter, gelehnt in den Sessel neben dem Eingang des Saales, und spann mit hauchdünnen Fäden. Wacker sprachen sie zu der dargebotenen Mahlzeit. Als sie sich reichlich gesättigt hatten an Trank und an Speise, da ergriff die verständige Herrin das Wort in dem Kreise: "Nunmehr, Telemachos, soll ich wohl wieder das obere Stockwerk aufsuchen, auf mein Schmerzenslager mich packen, das meine Tränen ständig benetzen, seitdem Odysseus nach Troja zog mit den beiden Atriden! Du konntest dich gar nicht entschließen, ehe die trotzigen Freier heimkommen, mir zu erzählen, ob du über die Rückkehr des Vaters Neues erfuhrest!" Ihr entgegnete der verständige Sohn des Odysseus: "Nun, die gewünschte Auskunft will ich untrüglich dir geben. Wir gelangten nach Pylos, zu Nestor, dem Hirten der Völker. Freundlich empfing mich der Fürst in seinem ragenden Schlosse; fürsorglich pflegte er mich wie ein Vater den eigenen Sprößling, der nach geraumer Zeit aus der Fremde soeben zurückkehrt. Derart bewirtete er mich und seine ruhmreichen Söhne. Aber vom Tode oder vom Leben des kühnen Odysseus hat ihm, versicherte er, kein Sterblicher etwas berichtet. Doch zu dem ruhmreichen Speerwerfer schickte er mich, dem Atriden, zu Menelaos, mit Rossen und ehern beschlagenem Wagen. Helena sah ich dort, um derentwillen die Griechen wie auch die Troer, nach göttlichem Ratschluß, so Furchtbares litten. Fürst Menelaos fragte mich gleich, der Meister im Schlachtruf, welches Anliegen in das göttliche Sparta mich führe. Wahrheitsgemäß erzählte ich ihm von unserer Lage. Antwort erteilte mir Fürst Menelaos darauf und erklärte: 'Schande, sie wollen tatsächlich auf des tapferen Helden Lager sich betten, sie, die kraftlos und feige sich zeigen! Wie in dem Wildlager eines gewaltigen Löwen die Hirschkuh ihre noch zarten, saugenden Kälbchen ablegt und selber weidend die Wälder durchstreift und die grasreichen Schluchten der Berge, ganz überraschend der Löwe sodann in sein Lager zurückkehrt und die Hirschkuh und ihre Jungen erbarmungslos tötet: ebenso wird Odysseus die Freier erbarmungslos töten! Käme doch, Vater Zeus, Athene und Phoibos Apollon, käme Odysseus, so stark, wie er einstmals im wohnlichen Lesbos gegen den König Philomeleides zum Wettringen antrat und ihn zu Boden schmetterte, allen Achaiern zur Freude - käme Odysseus derart gewaltig über die Freier: Sterben würden sie gleich, sie feierten traurige Hochzeit! Aber wonach du mich fragst und worum du mich bittest, das werde offen und ohne Umschweif ich sagen und werde nicht lügen, sondern von dem, was der ehrliche Meergreis genau mir erzählte, nicht ein einziges Wort dir verschweigen oder verhehlen. Dieser hatte den Helden auf einer Insel gesehen, wo ihm das Heimweh zusetzt im Haus der Nymphe Kalypso, die ihn gewaltsam festhält; er kann nicht ins Vaterland kommen, Ruderschiffe und Mannschaft stehen ihm nicht zur Verfügung, die ihn geleiteten über den weiten Rücken des Meeres.' Derart sprach der ruhmreiche Speerwerfer, Fürst Menelaos. Als ich mein Ziel erreicht hatte, stach ich in See, und die Götter schickten mir günstigen Wind und brachten mich schnell in die Heimat." Damit versetzte er seine Mutter in tiefe Erregung. Doch Theoklymenos nahm jetzt das Wort, der göttliche Seher: "Fürstin, ehrwürdige Gattin des Laërtiaden Odysseus, wenig nur wußte dein Sohn. Drum höre, was ich dir berichte! Weissagen will ich dir unumwunden und nichts dir verhehlen. Zeuge sei der Kronide, Zeuge der gastliche Tisch hier und der Hausherd des edlen Odysseus, zu dem ich gelangte: Sicherlich weilt Odysseus bereits im Lande der Väter, sitzend oder auch gehend, erkundet die schreckliche Lage und überlegt, wie er sämtlichen Freiern den Untergang bringe! Dies erschloß ich, an Bord des trefflich gezimmerten Schiffes, aus dem Fluge des Vogels und ließ es Telemachos wissen." Und Penelope sagte zu ihm, die verständige Fürstin: "Fände doch, Fremdling, dieses Orakel seine Erfüllung! Dankbar erwiese ich Freundschaft dir und beschenkte dich reichlich; alle, die je dir begegnen, sollten glücklich dich preisen." Derart führten die drei bei Tisch ihr Gespräch miteinander. Vor dem Palast des Odysseus übten inzwischen die Freier fröhlich das Werfen mit Diskos und Jagdspieß auf wacker gestampftem Boden, dem üblichen Platze, übermütig und maßlos. Als die Essenszeit kam und vom Lande das Schlachtvieh von allen Seiten herbeiströmte und die Hirten wie üblich es trieben, sprach zu den Freiern Medon, den sie am höchsten von allen Herolden schätzten und der an ihren Mahlzeiten teilnahm: "Tüchtig, ihr Jünglinge, habt ihr bis jetzt euch im Wettkampf getummelt; tretet nunmehr ins Haus, damit wir das Essen bereiten! Ist es doch besser, zur rechten Stunde die Mahlzeit zu nehmen." Derart sprach er, sie brachen auf und folgten der Mahnung. Als sie im prächtigen, wohnlichen Schlosse angelangt waren, legten sie ihre Mäntel über die Stühle und Sessel. Danach schlachteten sie die stattlichen Schafe und fetten Ziegen, auch Mastschweine und ein Rind von der Weide, und machten fertig das Essen. Inzwischen betrieben den Aufbruch vom Viehhof hin zur Stadt Odysseus, desgleichen der wackere Hüter. Drängend ergriff Eumaios das Wort, der Führer der Hirten: "Fremdling, du wünschest also zur Stadt zu gehen, noch heute, wie es mein Herr dir befohlen. Ich hätte es lieber gesehen, glaub mir, du wärest hier als Wächter des Hofes geblieben. Aber ich achte und scheue den Herrn; er soll mich nicht später schelten; und Vorwürfe seitens der Herrschaft bereiten mir Kummer. Brechen wir also auf! Schon längst ist Mittag vorüber; aber sehr bald verschärft sich, gegen Abend, die Kälte!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Ja, ich verstehe. Es deckt sich dein Wunsch mit meinen Gedanken. Gehen wir, du gewähre mir freundlich Geleit bis zum Ziele! Solltest du einen behauenen Knüttel besitzen, so reiche mir ihn zur Stütze. Der Weg ist, nach euren Worten, sehr holprig." Damit warf er sich über die Schultern den schäbigen Ranzen; der war stark durchlöchert, es diente ein Strick ihm als Tragband. Angenehm war dem Alten der Stock, den Eumaios ihm reichte. Beide gingen. Den Viehhof bewachten indessen die Hunde und die verbleibenden Hirten. Eumaios führte den König, der wie ein Greis und elender Bettler aussah und mühsam hinkte am Knüttel; er trug auf dem Leib die erbärmlichen Lumpen. Wandernd näherten sich die beiden auf steinigem Wege langsam der Stadt und erreichten den stattlich ummauerten, schönen Brunnen, aus dem die Bewohner der Stadt ihr Wasser sich schöpften. Angelegt hatten ihn Ithakos, Neritos wie auch Polyktor. Rund wie ein Kreis, erstreckte sich rings um den Brunnen ein Wäldchen feuchtigkeitsliebender Schwarzpappeln; nieder von felsiger Höhe rauschte das eiskalte Wasser. Droben, den Nymphen zu Ehren, stand ein Altar, wo Wanderer opfernd zu huldigen pflegten. Dort traf unsere beiden des Dolios Sprößling Melantheus, Hüter der Ziegen, der eben die trefflichsten Tiere von allen Herden zum Schmaus für die Freier herbeitrieb; ihm folgten zwei Hirten. Als er die beiden erblickte, begann er gellend zu schimpfen, maßlos und häßlich, und brachte das Blut des Odysseus zum Wallen: "Wirklich, wahrhaftig, da schleppt ein Lump den andern spazieren, wie ja die Gottheit immer Gleiche und Gleiche verkuppelt! Wohin führst du den Dreckfresser da, erbärmlicher Sauhirt, diesen ekligen Schnorrer, der alles verputzt, was vom Tisch fällt? Abschubbern wird er an zahlreichen Türpfosten gierig die Schultern, Brocken erbettelnd, beileibe nicht Schwerter und stattliche Kessel! Könntest du mir den Kerl überlassen als Wächter des Viehhofs, Mist aus den Ställen zu harken und Laub den Böckchen zu reichen, würde er bald sich mit Molken ansaufen mächtige Schenkel! Weil er nun aber nur Unfug gelernt hat, wird er nicht ehrlich arbeiten wollen, viel lieber unter dem Volke durch Buckeln Nahrung für seinen unersättlichen Wanst sich erbetteln. Deutlich will ich dir sagen, und sicher naht die Erfüllung: Sollte er den Palast des edlen Odysseus betreten, werden ihm drinnen Schemel in Menge die Ohren umfliegen, werden, von Männerfäusten geschleudert, die Rippen ihm scheuern!" Damit trat er, dumm wie er war, im Ansprung den Bettler grob in die Hüfte. Doch konnte er nicht aus dem Wege ihn stoßen, fest schritt weiter der Alte. Zunächst überlegte Odysseus, ob er ihm nachstürzen und mit dem Knüttel ihn totschlagen solle oder am Fuße ihn packen und seinen Schädel zu Boden schmettern; aber geduldig beherrschte er sich. Doch Eumaios schalt den Lästerer offen, er hob die Hände und flehte: "Nymphen des Brunnens, Töchter des Zeus, wenn jemals Odysseus Schenkel von Schafen und jungen Ziegen in üppiger Fettschicht euch zu Ehren verbrannte, so schenkt mir, worum ich euch bitte! Kehrte Odysseus doch heim und führte ihn gnädig ein Daimon! Austreiben würde er sicher dir dann den leidigen Hochmut, den du jetzt lästernd zur Schau trägst beim steten Durchstromern des Städtchens, während inzwischen säumige Hirten das Viehzeug verderben!" Aber Melantheus gab ihm zur Antwort, der Hüter der Ziegen: "Ha, was kläfft da der Köter, der Ausbund von Bosheit! Den gebe einmal ich noch auf trefflich gezimmertem, düsterem Schiffe weg von Ithaka - einbringen soll er mir reichlichen Kaufpreis! Träfe Apollon mit silbernem Bogen Telemachos heute noch in dem Saale oder erschlügen die Freier den Knaben derart gewiß, wie Odysseus im Ausland die Heimkehr verspielte!" Derart sprach er und überholte die beiden, die langsam schritten. Und schnell erreichte er den Palast des Gebieters, trat in das Innere gleich und setzte sich unter die Freier, grad vor Eurymachos; diesen schätzte er nämlich am höchsten. Fleischstücke legten ihm vor die damit beauftragten Diener, und die achtbare Schaffnerin brachte ihm Brot für die Mahlzeit. Nunmehr nahten Odysseus und der wackere Hüter. Stehenblieben sie beide. Die Klänge der bauchigen Harfe hörten sie; Phemios stimmte sein Lied an im Kreise der Freier. Da ergriff Odysseus die Hand des Hirten und sagte: "Wahrlich, Eumaios, dies prächtige Haus gehört dem Odysseus! Leicht zu erkennen auch wäre es unter zahlreichen andern. Ein Gebäude stößt an das andre, dran schließt sich der Hofraum, kunstreich, mit Mauer und Zinnen; das Tor schützt sicher, zweiflüglig; schwerlich wird es ein Gegner mit frevlem Mut überwinden. Gäste in Menge schmausen im Saale, ich merke es deutlich; denn es duftet köstlich darinnen, es klingt auch die Harfe, die nach dem Willen der Götter die festliche Mahlzeit begleitet." Ihm erteiltest du Antwort, Eumaios, du Hüter der Schweine: "Mühelos trafst du das Rechte; denn sonst auch bist du verständig. Doch überlegen wollen wir jetzt, wie wir weiter verfahren. Entweder geh als erster hinein in das stattliche Wohnhaus, tritt zu den Freiern; dann will ich ein wenig draußen noch bleiben. Oder, sofern du es möchtest, bleib noch; dann gehe ich selber. Aber wart nicht zu lange! Sonst sieht man dich draußen und dürfte schlagen dich oder bewerfen. Das mußt du gründlich bedenken." Ihm gab Antwort darauf der göttliche Dulder Odysseus: "Ja, ich verstehe! Dein Vorschlag deckt sich mit meinen Gedanken. Gehe voraus, ich werde ein wenig draußen noch warten! Etwas Erfahrung besitze ich schon mit Schlägen und Würfen. Standhalten kann ich; denn Schweres erlitt ich bereits auf den Wogen wie auf dem Schlachtfeld. Zu allem mag jetzt auch dieses noch kommen! Nicht unterdrücken läßt sich die schlimme Begierde des leeren Magens, die Unheil in Fülle den elenden Menschen bereitet. Sie zwingt trefflich gezimmerte Schiffe zur Kaperfahrt über ruhelos wogende Meere, den Feinden zu bitterem Unglück." Derart besprachen sich untereinander der Hirt und der Bettler. Plötzlich hob ein Hund auf dem Lager den Kopf und die Ohren, Argos, der treue Begleiter des kühnen Odysseus, der einstmals aufzog ihn, ohne sich seiner lang zu erfreuen. Noch vorher zog er zum heiligen Troja. Die Jünglinge hetzten ihn früher gerne auf Wildziegen wie auch zur Jagd auf Rehe und Hasen. Später, nach Aufbruch des Herren, lag er, vergessen, verachtet, stets auf dem hohen Misthaufen, der sich erhob vor dem Tore, Kot der Rinder und Maultiere; abfahren sollten des Königs Knechte ihn immer, die weiten Krongüter damit zu düngen. Dort lag Argos, der Hund, bedeckt von wimmelnden Läusen, witterte jetzt das Herannahen seines Herren Odysseus, wedelte sacht mit dem Schweif und senkte die lauschenden Ohren; nicht mehr reichte die Kraft ihm, sich seinem Gebieter zu nahen. Dieser blickte zur Seite, und unbemerkt von dem Hirten, wischte er Tränen sich ab; dann sprach er fragend die Worte: "Seltsam, tatsächlich, da liegt ein solcher Hund auf dem Miste! Stattlich ist er gebaut; indessen kann ich nicht wissen, ob er, bei diesem Aussehen, auch im Lauf sich bewährte oder ein Tischhund nur war, wie manche Leute sie halten, Tiere, die ihr Gebieter betreut aus reinem Vergnügen!" Ihm erteiltest du Antwort, Eumaios, du Hüter der Schweine: "Freilich, das ist der Hund des ferne verschollenen Helden! Wäre er noch so stattlich und leistungsfähig wie damals, als ihn Odysseus beim Aufbruch nach Troja im Hause zurückließ, sähest sofort du die Schnelligkeit und die Stärke des Tieres. Keinerlei Wild entrann ihm in der Tiefe des Waldes, wenn er es aufgescheucht hatte; auch Spuren las er vortrefflich. Heute umfängt ihn das Elend, sein Herr starb ferne der Heimat, und die gefühllosen Frauen versagen ihm jegliche Pflege. Ja, wenn die Herrschaft nicht weiter mit Strenge die Weisungen durchsetzt, wollen auch nicht mehr die Dienstleute ihre Verpflichtung erfüllen, nimmt doch der weithin schauende Zeus dem Menschen die halbe Tüchtigkeit schon, sobald ihn ereilt die Stunde der Knechtschaft." Derart sprach Eumaios und trat in das ragende Wohnhaus, gradenwegs in den Saal, in die Mitte der trotzigen Freier. Aber den Argos entraffte die Faust des düsteren Todes, gleich nachdem er, im zwanzigsten Jahr, den Gebieter erspähte. Weitaus als erster sah der göttliche Sohn des Odysseus, wie Eumaios den Saal durchschritt. Er rief ihn durch einen Wink heran. Er schaute sich um und nahm sich den leeren Stuhl, der gewöhnlich als Platz zum Sitzen dem Vorschneider diente, der in dem Saale die Fleischmengen unter die Freier verteilte. An den Tisch des Telemachos rückte den Stuhl sich Eumaios, ließ gegenüber dem Jüngling sich nieder. Ihm legte der Herold Fleischstücken vor zum Essen und holte auch Brot aus dem Korbe. Bald nach dem Hirten Eumaios betrat den Saal auch Odysseus, der wie ein Greis und elender Bettler aussah und mühsam hinkte am Knüttel; er trug auf dem Leibe die kläglichen Lumpen. In der Tür, auf der eschenen Schwelle, ließ er sich nieder, lehnte sich an den zypressenen Pfosten sodann, den der Meister einstmals geschickt geglättet und nach der Schmitze gerichtet. Aber Telemachos rief sich den Hirten dicht an die Seite, langte ein ganzes Brot aus dem prächtigen Korbe und reichte Fleisch ihm dazu, soviel er mit Händen zu fassen vermochte: "Bringe dem Fremdling dies hin und erteil ihm die Weisung, nun selber sämtliche Freier nacheinander um Essen zu bitten! Schüchternheit hilft dem Manne, der Mangel leidet, nicht weiter." Derart sprach er. Eumaios ging, dem Auftrag gehorsam, trat zu dem Bettler und sprach die im Fluge enteilenden Worte: "Fremdling, Telemachos bietet dir dies und erteilt dir die Weisung, selbst jetzt die Freier nacheinander um Essen zu bitten; Schüchternheit, sagt er, vermag dem Bettler nicht weiterzuhelfen." Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Herrschender Zeus, o beschenk mir Telemachos unter den Menschen reichlich mit Segen und erfülle ihm sämtliche Wünsche!" Derart sprach er, empfing mit den Händen die Gabe und legte vor den Füßen sie nieder, auf seinen schäbigen Ranzen, aß dann, solange im Saale der Vortrag des Sängers ertönte. Als er gegessen, kam auch der göttliche Sänger zum Ende. Lärmend begannen im Saale die Freier zu schwatzen. Doch Pallas trat zu Odysseus, dem Sohn des Laërtes, und mahnte ihn dringend, Brot von den Freiern zu sammeln und damit sich Klarheit zu schaffen, wer noch maßvoll sich aufführe, wer sich dem Unrecht verschreibe; trotzdem wollte sie keinen beim Strafgerichte verschonen. So unternahm denn Odysseus, rechtshin, den Bittgang zu jedem einzeln und reckte die Hände, als sei er ein Bettler seit langem. Mitleidig gaben sie ihm und bestaunten seine Erscheinung, fragten sich untereinander nach Namen und Herkunft des Alten. Auch Melanthios sprach in dem Kreise, der Hüter der Ziegen: "Laßt euch von mir, ihr Freier der ruhmreichen Herrin, berichten über den Fremdling! Ich habe ihn nämlich vor kurzem gesehen. Hierher geleitete zweifellos ihn der Hüter der Schweine. Aber ich weiß nicht, wen er als seine Vorfahren angibt." Derart sprach er. Antinoos aber schalt den Eumaios: "Weithin bekannter Sauhirt, was führtest du hierher den Lumpen? Streunen nicht andere Landstreicher schon herum zur Genüge, eklige Schnorrer, die das, was vom Tisch fällt, gierig verputzen? Reichen die Männer dir nicht, die hier in Scharen des Fürsten Güter verzehren, daß du auch den noch herbeirufen mußtest?" Ihm erteiltest du Antwort, Eumaios, du Hüter der Schweine: "Tüchtig, Antinoos, bist du, jedoch ist häßlich dein Vorwurf! Wer denn begibt sich zu einem Fremden und läßt ihn von auswärts kommen, sofern er nicht Nutzen stiftet für das Gemeinwohl, sei es als Seher, als heilender Arzt, als Baumeister oder göttlicher Sänger, der andern durch Lieder Freude bereitet? Solcherlei Leute beruft man überall gerne auf Erden. Aber den Bettler beruft man kaum, der den Wirt nur belästigt! Freilich, schon immer behandelst du, mehr als die übrigen Freier, hart die Knechte des Fürsten, besonders mich. Doch die Härte kümmert mich nicht, solange mir noch die besonnene Herrin lebt im Palast, Telemachos auch, der göttliche Jüngling!" Warnend entgegnete ihm der verständige Sohn des Odysseus: "Schweig doch, so wortreich darfst du dem Hitzkopf nicht widersprechen! Pflegt doch Antinoos immer mit schroffen und kränkenden Worten Händel zu suchen, verleitet dazu auch die anderen Freier." Und zu Antinoos sprach er die flugs enteilenden Worte: "Trefflich, Antinoos, sorgst du für mich, wie ein leiblicher Vater, wenn den Befehl du erteilst, durch ein Machtwort den Fremdling aus meinem Hause zu jagen! Die Gottheit möge mich davor bewahren! Nimm nur und gib ihm! Ich gönne es dir, ja, ich bitte dich darum! Brauchst dich beim Schenken auch gar nicht vor meiner Mutter zu scheuen, auch nicht vor einem der Knechte im Hause des edlen Odysseus! Aber in Wirklichkeit hemmen dich solche Bedenken mitnichten: Selber verschlingen willst du viel lieber als anderen geben!" Höhnisch rief ihm Antinoos gleich die Antwort entgegen: "Prahler Telemachos, schneidiger Trotzkopf, was schimpfst du so maßlos! Reichten die übrigen Freier dem Bettler so viel wie ich selber, wehrte das Haus drei Monate lang dem Schnorrer den Zutritt!" Damit langte er unter dem Tische hervor sich den Schemel, den er beim Schmausen als Stütze der glänzenden Füße benutzte. Aber die anderen gaben ihm alle, sie füllten des Bettlers Ranzen mit Brot und Fleisch. Schon wollte Odysseus die Schwelle aufsuchen wieder, um dort von den Gaben der Freier zu essen, doch zu Antinoos trat er noch vorher und bat ihn: "Mein Lieber, schenke mir auch! Du erscheinst mir nicht als Geringster der Griechen, sondern als Bester! Nach deinem Aussehen bist du ein König. Deshalb mußt du auch reichlicher spenden als andre, vom Essen. Dafür will ich dich preisen in sämtlichen Ländern der Erde. Ich auch bewohnte dereinst als begüterter Bürger ein reiches Haus und beschenkte oftmals unstet schweifende Bettler, gleich, wer sie waren und welche Bedrängnis ihr Kommen bewirkte. Knechte besaß ich zu Tausenden und noch zahlreiche andre Güter, die man zum Wohlleben braucht und zum Glanze des Reichtums. Doch der Kronide vernichtete alles; das war wohl sein Wille. Denn zur Fahrt in die Ferne verlockte er mich, nach Aigyptos, mit weitschweifender Seeräuberschar - zu meinem Verderben. Ankern ließ ich im Strome Aigyptos die doppelt geschweiften Schiffe. Da gab ich die Weisung meinen teuren Gefährten, dort bei den Schiffen zu bleiben und diese scharf zu bewachen, und ließ Späher die ringsum liegenden Höhen besetzen. Aber aus Mutwillen, in Überschätzung der eigenen Stärke, gingen sie gleich daran, die fruchtbaren Felder zu plündern, schleppten die Frauen und harmlosen Kinder fort in die Knechtschaft und erschlugen die Männer. Zur Hauptstadt drang das Getöse. Die Aigypter vernahmen den Kriegsruf; im Grauen des Morgens griffen sie an. Gespanne und Fußvolk und funkelnde Waffen füllten die Ebene. Zeus, der Werfer der Blitzstrahlen, jagte meine Gefährten in schmähliche Flucht; es wagte nicht einer, sich den Aigyptern zu stellen. Rings drohte vernichtendes Unheil. Viele von uns erschlug der Gegner mit schneidendem Erze, viele auch schleppte er lebend hinweg zu erzwungener Arbeit. Mich übergab man zur Fahrt nach Kypros dem Gastfreunde Dmetor, Sohn des Iasos, dem Herrscher von Kypros, der eben dort eintraf. Hierher gelangte ich jetzt von dort, vom Kummer gepeinigt." Aber Antinoos gab ihm wütend zur Antwort und sagte: "Welcher Daimon schleppte dies Kummerstück her, uns die Mahlzeit frech zu verekeln? Ab in die Mitte, weg von dem Tische! Sonst wirst bald du ein bittres Aigyptos und Kypros erleben, schamlos und dreist, wie du dich gebärdest als lästiger Bettler! Drängst dich an alle heran, nacheinander! Und wirklich, aus Leichtsinn geben sie! Maßlos und schonungslos nämlich vermag man von fremdem Gute zu schenken, steht es jedem so reich zur Verfügung!" Rückwärts wich der kluge Odysseus und gab ihm zur Antwort: "Leider entsprechen Herz und Verstand nicht deiner Erscheinung! Schenktest du doch vom Eignen nicht einmal das Salz dem Bedrängten, wo du sogar an fremder Tafel mir nichts von dem Essen abzugeben vermagst - und bist doch so reichlich versehen!" Derart sprach er. Antinoos aber ergrimmte noch stärker, maß ihn mit finsterem Blick und rief die enteilenden Worte: "Glimpflich sollst du mir jetzt nicht mehr aus dem Saale entwischen, meine ich, wo du noch derart verletzende Schmähungen ausstößt!" Damit warf er den Schemel dem Bettler rechts an die Schulter, oben am Rücken. Doch fest wie ein Felsen verharrte Odysseus, gar nicht ließ ihn der kraftvolle Wurf des Antinoos wanken. Schweigend nur schüttelte er sein Haupt und gedachte der Sühne. Danach begab er zurück sich zur Schwelle und setzte sich, legte nieder den vollen Ranzen und sprach zur Runde der Freier: "Höret mein Wort, die ihr euch bewerbt um die ruhmreiche Fürstin! Aussprechen muß ich, wozu Verlangen und Willen mich spornen. Keinerlei Kummer und keine Betrübnis peinigt den Helden, der in dem Kampfe um seine eigenen Güter, um seine Rinder und leuchtenden Schafe Wunden empfängt von den Feinden. Aber Antinoos warf nach mir aus Anlaß des bösen Hungers, der den Sterblichen bittere Qualen verursacht. Nun, wenn Erinyen und Götter zum Schutze der Bettler noch wirken, soll den Antinoos vor der Hochzeit sein Schicksal ereilen!" Aufgebracht rief ihm Antinoos zu, der Sohn des Eupeithes: "Setze dich, Fremdling, und iß in Ruhe oder verschwinde! Sonst, zum Lohn für dein Schwatzen, werden an Füßen und Händen dich die Freier hinausschleifen und dich völlig zerschinden!" Über sein Drohen gerieten die anderen tief in Empörung. Mancher der übermütigen Jünglinge sagte voll Sorge: "Wahrlich, zu Unrecht, Antinoos, trafst du den elenden Stromer! Wehe dir, ist der Alte ein Gott, ein Himmelsbewohner! Pflegen doch Götter zuweilen in mancherlei bunten Gestalten, Fremdlingen gleichend, die Wohnstätten hier zu besuchen und Ausschau nach den bösen und guten Taten der Menschen zu halten!" Aber Antinoos achtete nicht auf die Worte der Freier. Schmerzlich empfand Telemachos zwar den Wurf auf den Vater, ließ indessen nicht eine Träne den Lidern entrinnen; schweigend nur schüttelte er sein Haupt und gedachte der Sühne. Auch Penelope, die kluge Fürstin, vernahm, wie Odysseus unten im Saale getroffen wurde, und sprach zu den Mägden: "Ebenso sollte der ruhmreiche Schütze Apollon dich treffen!" Eurynome, die Schaffnerin, sagte darauf zu der Herrin: "Wäre Erfüllung beschieden unseren innigen Wünschen, sähe nicht einer der Freier die goldenthronende Eos!" Ihr gab Antwort darauf die verständige Fürstin und sagte: "Mutter, ich hasse sie alle; sie führen ja Böses im Schilde. Aber Antinoos ähnelt am stärksten dem düsteren Tode. Unseren Saal durchstreift ein elender Fremdling und bettelt reihum die Jünglinge an; ihn zwingt die bittere Armut. Alle bedachten ihn reichlich, so daß er sich sättigen konnte; nur Antinoos warf ihm den Schemel rechts an die Schulter." Derart sprach Penelope im Kreise der Mägde, in ihrem Wohnzimmer sitzend. Inzwischen aß der edle Odysseus. Sie rief zu sich den wackeren Hüter der Schweine und sagte: "Guter Eumaios, gehe hinunter und lasse den Fremdling kommen! Ich möchte ihn freundlich begrüßen und Fragen ihm stellen; Nachricht besitzt er vielleicht von dem Dulder Odysseus, vielleicht auch sah er ihn selber! Wahrscheinlich wurde er weithin verschlagen." Ihr erteiltest du Antwort, Eumaios, du Hüter der Schweine: "Könnten, Gebieterin, die Achaier endlich doch schweigen - herrlich würde er sprechen, durch seinen Bericht dich bezaubern! Hatte ich ihn doch drei Tage, drei Nächte in meiner Behausung, weil er als ersten mich traf, nachdem er vom Schiffe entlaufen. Aber er fand in seinem Leidensbericht noch kein Ende. Wie man gespannt den Sänger betrachtet, der, von den Göttern innig begeistert, rührende Lieder den Sterblichen vorträgt, und die Versammelten aufmerksam seiner Darbietung lauschen: derart bezauberte mich in meiner Hütte der Bettler. Gastfreund des Helden Odysseus, von seiten des Vaters, behauptet er zu sein, als Bürger von Kreta, der Heimat des Minos. Hierher gelangte er jetzt von dort, vom Kummer gepeinigt, mühsam sich vorwärtsschleppend; er will die Kunde erhalten haben, Odysseus sei nahe, im fruchtbaren Land der Thesproter, wohlbehalten, und brächte zahlreiche Schätze zur Heimat." Und Penelope sagte zu ihm, die verständige Herrin: "Gehe und rufe ihn her! Er soll mir persönlich berichten! Mögen die Freier sich draußen hinsetzen und sich vergnügen oder auch hier im Hause; sie sind ja in heiterer Stimmung. Ungeschmälert befindet sich ihr Vermögen zu Hause, Speisen und köstlicher Wein; das Gesinde nur zehrt von dem Vorrat. Aber sie tummeln sich Tag für Tag in unserem Hause, schlachten unsere fetten Ziegen und Schafe und Rinder, halten Festschmäuse ab und trinken vom funkelnden Weine, ohne Rücksicht. Verbraucht wird vieles. Ein Mann wie Odysseus fehlt uns, befähigt, von solcher Plage das Haus zu erlösen. Käme Odysseus glücklich zur Heimat, er würde mit seinem Sohne sogleich die frevle Gewalttat der Freier bestrafen!" Derart sprach sie. Da nieste Telemachos laut, und der helle Klang durchdröhnte das Haus. Penelope zeigte ein Lächeln, sagte darauf zu Eumaios die flugs enteilenden Worte: "Gehe und rufe den Fremden geschwind hierher, vor mein Antlitz! Merkst du? Mein Sohn benieste alles, was ich gesprochen! Treffe der Tod denn unentrinnbar sämtliche Freier, möge nicht einer von ihnen seinem Verhängnis entrinnen! Weiter noch will ich dir sagen, behalte es fest im Gedächtnis: Sehe ich erst, daß der Bettler mir volle Wahrheit berichtet, will ich zum Dank ihn einkleiden, stattlich, mit Leibrock und Mantel!" Derart sprach sie. Eumaios ging, dem Auftrag gehorsam, trat zu dem Fremden und sprach die im Fluge enteilenden Worte: "Alter, dich ruft Penelope, unsre verständige Herrin, Mutter des jungen Telemachos; Nachricht möchte sie haben über den Gatten, wie bitter sie auch vom Kummer geplagt wird. Wenn sie erkennt, daß du ihr die volle Wahrheit berichtest, will sie in Mantel und Leibrock dich kleiden, was du besonders dringend benötigst. Dein Essen erbettelst du unter dem Volke, um dir den Magen zu füllen; wer Lust hat, wird dir schon geben." Ihm gab Antwort darauf der göttliche Dulder Odysseus: "Gerne, Eumaios, erzählte ich gleich, der Wahrheit entsprechend, alles der klugen Gebieterin, der Ikariostochter: Vielerlei weiß ich von ihm, ein Unglück erlitten wir beide. Aber ich fürchte den lärmenden Schwarm der leidigen Freier, deren freche Gewalttat emporschreit zum eisernen Himmel. Jetzt auch bewarf mich Antinoos, als ich bettelnd im Saale umging und gar nichts Böses verübte, und traf mich recht schmerzhaft; aber Telemachos half mir so wenig wie irgendein andrer. Bitte daher Penelope, sie möge für jetzt noch im Zimmer warten, wie sehr sie auch Nachricht ersehnt, bis zum Sinken der Sonne. Dann erst mag sie mich fragen nach der Heimkehr des Gatten, vorher ans Feuer mich setzen lassen; ich trage ja Lumpen! Selber weißt du Bescheid; dich bat ich als ersten um Obdach." Derart sprach er. Eumaios ging, dem Auftrag gehorsam. Über die Schwelle trat er, da fragte bereits ihn die Fürstin: "Bringst du ihn wirklich nicht mit, Eumaios? Was denkt sich der Bettler? Fürchtet er eine Gewalttat? Scheut er aus anderen Gründen sich im Palaste? Dem Landstreicher steht Bescheidenheit übel!" Ihr erteiltest du Antwort, Eumaios, du Hüter der Schweine: "Meiden möchte der Bettler, mit Recht - so würden auch andre denken - das frevle Treiben der übermütigen Freier. Deshalb bittet er dich, bis zum Sinken der Sonne zu warten. Wesentlich günstiger, Herrin, wäre es auch für dich selber, könntest du unter vier Augen den Fremdling sprechen und hören." Ihm gab Antwort darauf die verständige Fürstin und sagte: "Wer der Fremdling auch ist: von Einsicht zeugt sein Bedenken. Nirgendwo anders auf Erden gibt es sterbliche Menschen, die mit solcher Frechheit schamloses Unrecht verüben." Derart sprach sie. Der wackere Hirte begab sich aufs neue unter die Freier, nachdem er den Auftrag ausgeführt hatte, neigte sein Haupt zu dem des Telemachos nieder - die andern sollten ihn nicht verstehen - und sprach die enteilenden Worte: "Lieber, ich kehre zurück jetzt, Schweine und Viehhof zu hüten, deinen und meinen Besitz. Erfüll die Pflichten im Hause. Nimm dich vor allem selber in acht und suche ein jedes Unglück zu meiden! Böses erstreben viele Achaier - möge sie Zeus vernichten, bevor sie noch Unheil uns stiften!" Ihm gab Antwort darauf der verständige Sohn des Odysseus: "Sei es denn so, mein Alter! Iß noch zu Abend, dann gehe. Kehre zurück in der Frühe und bringe die stattlichen Opfer! Sämtliche Pflichten im Hause obliegen mir und den Göttern." Derart sprach er, und auf dem vortrefflich geglätteten Stuhle setzte der Hüter sich hin und erquickte an Trank sich und Speise, eilte sodann zu den Schweinen, verließ den Palast und den Hofraum, wo sich die Schmausenden tummelten. Eben erfreuten sich diese laut an Gesang und Tanz. Es war schon später Nachmittag.
Achtzehnter Gesang
Wie Odysseus sich mit dem Bettler Iros im Faustkampf maß und mancherlei Schmähungen hinnehmen mußte, Penelope aber den Freiern Geschenke entlockte
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Im Palast der Freier, die Luft wird dick, ihr Hochmut wächst – ich spiel meinen Trick. Der Bettler im Eck, doch ich bleib nicht still, bald kracht es gewaltig – weil ich es will. [Verse 1: Odysseus] Da kommt Iros, der Bettler, sein Mund ist groß, er starrt mich an, sein Blick: gnadenlos. „Hey Fremder, das ist mein Revier, zieh weiter, sonst wird’s ungemütlich hier!“ Ich grinse nur leise, die Freier lachen laut, „Zwei Bettler im Ring, das wird nicht vertraut.“ Doch ich pack ihn hart, mein Schlag ist präzis, Iros liegt flach – und keiner vermisst. [Refrain: Odysseus & Chorus] Im Palast der Freier, die Spannung steigt, Odysseus spielt, doch die Wahrheit zeigt. Von Provokation zur List, der Sturm ist nah, der König kehrt heim – die Rache ist da. [Verse 2: Odysseus] Die Freier prahlen, ihr Hochmut im Blut, doch mein Blick bleibt scharf, ich kenne die Wut. Einer wirft Brot, sein Lachen ist kalt, doch Telemachos sieht’s – sein Zorn wird bald. Penelope erscheint, die Königin stark, sie spricht zu den Freiern, ihr Blick so klar: „Ihr wollt meine Hand, doch ihr seid zu schwach, zeigt euer Können, ihr seid nur Krach.“ [Refrain: Odysseus & Chorus] Im Palast der Freier, die Spannung steigt, Odysseus spielt, doch die Wahrheit zeigt. Von Provokation zur List, der Sturm ist nah, der König kehrt heim – die Rache ist da. [Bridge: Odysseus] Athene lächelt, sie kennt das Spiel, mein Plan wird schärfer, mein Ziel ist viel. Die Freier sind blind, ihr Stolz wird ihr Fall, doch ich bleib verborgen – bis zum letzten Knall. [Outro: Odysseus] Der Abend vergeht, die Maskerade bleibt, die Spannung im Raum, die Stunde ist reif. Von Bettler zum König, der Wandel ist klar, Odysseus kehrt heim – bald ist’s offenbar.
Der vollständige 18. Gesang
Nunmehr erschien ein auf Ithaka weithin berüchtigter Bettler, der in der Stadt sich schmarotzend herumtrieb, bekannt als ein Vielfraß, ständig auf Essen und Trinken erpicht; ihm eigneten weder Spannkraft noch Stärke, doch wirkte sein mächtiger Körper recht stattlich. Ursprünglich hieß er Arnaios; so rief ihn die würdige Mutter seit der Geburt. Doch die Jünglinge pflegten ihn Iros zu nennen, weil er Botschaften austrug, sofern es einer verlangte. Dieser versuchte, Odysseus vom eigenen Haus zu verjagen; giftig beschimpfte er ihn mit den flugs enteilenden Worten: "Weiche vom Torweg, Alter! Sonst wird man dich gleich an den Füßen fortschleifen! Merkst du denn nicht, wie sie spornend mir zublinzeln alle, dich aus dem Wege zu zerren? Noch hemmt mich indessen die Rücksicht. Los doch! Sonst müssen den Streit wir austragen gleich noch mit Fäusten!" Finsteren Blickes maß ihn der kluge Odysseus und sagte: "Elender, schädigen will ich dich weder mit Taten noch Worten, neide die Spenden dir nicht, und seien sie noch so ergiebig. Platz auch bietet die Schwelle uns beiden; mißgönne nicht andern ihren Gewinn! Du scheinst die Länder wie ich zu durchschweifen; sicherlich sollen die Götter dir erst noch den Reichtum verschaffen! Fordre mich nicht zu stürmisch zum Faustkampf! Du könntest mich reizen, alt, wie ich bin, dir Brust noch und Lippen blutig zu schlagen. Größere Ruhe könnte darauf ich morgen genießen. Einkehren würdest du schwerlich noch einmal, möchte ich meinen, in den Palast des Sohns des Laërtes, des Helden Odysseus!" Heftig ergrimmte der Bettler Iros und gab ihm zur Antwort: "Ha, mit welcher geläufigen Zunge plappert der Schmutzfink, wie ein altes Backofenweib! Ich möchte mit beiden Fäusten dich übel zerdreschen und möchte dir sämtliche Zähne ausschlagen wie der Wildsau, die fremde Saaten verwüstet! Schürze dich höher, gleich sollen sämtliche Gäste des Kampfes Zuschauer sein! Du willst dem jüngeren Gegner dich stellen?" Derart ereiferten sich die beiden in wütendem Zorne, vor dem ragenden Eingang, auf trefflich geglätteter Schwelle. Aber der rüstige, starke Antinoos hörte sie zanken; schallend begann er darüber zu lachen und sagte den Freiern: "Freunde, noch niemals ward uns ein solches Schauspiel geboten! Köstlich der Spaß, den uns die Gottheit im Schlosse beschert hat! Iros und dieser Landstreicher wollen im Faustkampf sich messen. Auf denn, hetzen wir sie geschwind zum Streit aufeinander!" Derart rief er, und lachend sprangen sie alle von ihren Sitzen empor und umringten die beiden zerlumpten Gestalten. Und Antinoos, Sohn des Eupeithes, sprach in dem Kreise: "Hört mich, ihr tapferen Freier, ich habe euch etwas zu sagen! Mägen von Ziegen liegen hier in dem Feuer, wir füllten sie mit Blut und mit Fett und hoben sie auf für die Mahlzeit. Wer von den beiden siegt und sich als der Stärkere ausweist, trete heran und nehme davon nach seinem Belieben; immer darf er in Zukunft schmausen bei uns, und wir werden keinem anderen Stromer den Zutritt zum Betteln gestatten!" Derart sprach Antinoos; alle bekundeten Beifall. Listig bemerkte darauf zu den Freiern der kluge Odysseus: "Niemals, ihr Lieben, vermag sich ein Greis, entkräftet vom Elend, einem noch jüngeren Gegner zu stellen. Mein tückischer Magen zwingt mich jedoch zu dem Kampfe, in dem ich Prügel beziehe. Aber wohlan denn, schwöret mir, bitte, alle verbindlich: Niemand versetzte mir, Iros zuliebe, mit wuchtigen Fäusten frevelhaft Schläge und schwäche mich damit zugunsten des Gegners!" Derart sprach er, und alle beschwuren, was er verlangte. Als sie die Worte gesprochen und richtig den Eidschwur geleistet, sagte Telemachos in dem Kreise, der rüstige Jüngling: "Fremdling, spornen dich Mut und tapfre Gesinnung, dich gegen Iros zu wehren, so fürchte keinen der andern Achaier; wer dich schlägt, bekommt es zu tun mit mehreren Gegnern! Hausherr und Wirt bin ich, und eidliche Zustimmung gaben Fürsten, Antinoos und Eurymachos, beide verständig!" Derart sprach er, es billigten alle die Warnung. Odysseus schürzte die Lumpen rings um die Scham und entblößte die starken, stattlichen Schenkel; die breiten Schultern kamen zum Vorschein, auch die Brust und die kraftvollen Arme. Dicht neben den Helden stellte sich Pallas und stärkte dem Hirten der Völker die Glieder. Sämtliche Freier gerieten in fassungsloses Erstaunen. Da sprach mancher von ihnen, den Blick auf den Nachbarn gerichtet: "Iros, der elende Iros, verschuldet sein eigenes Unglück. Was für gewaltige Schenkel der Alte aus Lumpen hervorzeigt!" Derart sprachen sie. Angst und bange wurde dem Iros. Trotzdem umgürteten ihn gewaltsam die Knechte und führten ihn auf den Kampfplatz. Ihm schlotterten sämtliche Glieder am Leibe. Aber Antinoos schalt ihn und rief die drohenden Worte: "Weder zu leben verdientest du noch geboren zu werden, Prahlhans, wenn du so schrecklich dich fürchtest und zitterst vor diesem Alten, den bitter das Elend geschwächt hat, in das er geraten! Eines will ich dir sagen, und sicher naht die Erfüllung: Falls dich der Alte besiegt und sich als der Stärkere ausweist, will ich aufs Schiff dich verfrachten, ans Festland dich bringen zum König Echetos, diesem Verderber des ganzen Menschengeschlechtes; Nase und Ohren soll er mit grausamem Erze dir stutzen, ausreißen dir den Schwanz und roh an die Hunde verfüttern!" Derart drohte er, und noch stärker schlotterte Iros. Aber sie führten ihn vorwärts. Die Gegner hoben die Fäuste. Da überlegte im stillen der göttliche Dulder Odysseus, ob er mit einem Schlage ihn tödlich hinschmettern solle oder nur leicht ihn schlagen und auf den Fußboden strecken. Schließlich erschien ihm bei seiner Erwägung als bestes, nur glimpflich Iros zu treffen, damit nicht die Freier Verdacht auf ihn würfen. Beide holten sie aus, und Iros traf ihm die rechte Schulter, Odysseus den Hals am Ohr; er zerbrach ihm den Kiefer. Purpurnes Blut entströmte sogleich dem Munde. Laut brüllte Iros und sank in den Staub, schlug klappernd die Zähne zusammen, stampfte den Boden mit zappelnden Füßen. Die würdigen Freier schwenkten die Arme und wollten sich totlachen. Aber Odysseus schleifte am Fuße ihn durch den Torweg hinaus in den Hofraum, bis an den Eingang der Halle. Dort lehnte er Iros im Sitzen gegen die Hofmauer, drückte ihm einen Stab in die Rechte und sprach höhnisch zu ihm die im Fluge enteilenden Worte: "Bleibe jetzt ruhig hier sitzen, als Scheuche für Schweine und Hunde, aber gebärde dich nicht als Gebieter für Fremde und Bettler, kläglicher Schwächling, sonst dürfte es dir noch übler ergehen!" Damit warf er sich über die Schultern den schäbigen Ranzen, das durchlöcherte Stück; es diente ein Strick ihm als Tragband. Wieder zur Türschwelle ging er und setzte sich. Aber die Freier traten laut lachend hinein in den Saal und grüßten Odysseus: "Zeus und die übrigen ewigen Götter mögen dir, Fremdling, schenken, was du am sehnlichsten wünschst und innig begehrest! Setztest du doch dem Streunen des Nimmersatts unter dem Volke glücklich ein Ende! Bald bringen wir ihn auf das Festland, zum König Echetos, diesem Verderber des ganzen Menschengeschlechtes." Gerne vernahm Odysseus die Worte; als günstiges Omen. Einen gewaltigen Magen, gefüllt mit Fett und mit Blute, setzte Antinoos vor ihm nieder. Amphinomos aber legte zwei Brote ihm vor aus dem Korbe und grüßte ihn höflich durch Überreichen des goldenen Bechers und sagte die Worte: "Glück dir, ehrwürdiger Fremdling! Sei dir die Zukunft gesegnet! Freilich, zur Stunde bedrängt dich noch ein bitteres Elend." Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Meines Erachtens, Amphinomos, zeigst du dich äußerst verständig, deinem Vater Nisos entsprechend - ich hörte ihn weithin rühmen -, Dulichions edlem und reich begütertem Fürsten. Als sein Sprößling erweckst du den Eindruck besonnener Klugheit. Lasse dir sagen deshalb, genau gib Obacht und höre: Nährt doch die Erde den Menschen als schwächlichstes Wesen von allen, die da über den Boden der Erde hin schnaufen und laufen! Niemals gedenkt er künftigen Unheils, solange die Götter reiches Gedeihen ihm schenken und rüstig die Glieder sich regen. Lassen jedoch die seligen Götter ins Unheil ihn stürzen, muß er, obschon widerstrebend, geduldigen Herzens es tragen. Denn es entspricht die Sinnesart der Erdenbewohner jeweils dem Tag, den der Vater der Menschen und Götter heraufführt. Mir auch bescherte das Schicksal einst Segen unter den Menschen; doch ich verließ mich auf Trotz und Gewalt und verübte Verbrechen, weil ich auf meinen Vater baute und meine Geschwister. Deshalb verlasse ja keiner der Menschen die Wege des Rechtes, sondern bewahre sich still, was immer die Götter ihm geben. Was für schamlose Frevel der Freier muß ich erblicken: Sie verprassen das Gut und entehren die Gattin des Helden, der sich nicht lange mehr ferne der Heimat und seinen Verwandten aufhalten wird; er verweilt in der Nähe schon! Aber ein Daimon führe dich vorher heimwärts; meide die offne Begegnung mit Odysseus, wenn er zurückkehrt zur Heimat der Väter! Sicherlich werden die Freier und er, betrat er sein Wohnhaus, nicht voneinander sich trennen, ohne Blut zu vergießen!" Derart sprach er, spendete, trank von dem köstlichen Weine, reichte sodann den Becher zurück dem Gebieter des Volkes. Dieser durchschritt den Saal mit schmerzlich bekümmertem Herzen, nachdenklich hielt er gesenkt das Haupt; er ahnte schon Unheil. Trotzdem entrann er nicht dem Verhängnis. Athene umstrickte ihn wie die andern, Telemachos sollte durch Speerwurf ihn töten. Wiederum nahm er Platz auf dem Sessel, den er verlassen. Nunmehr bewog die helläugig blickende Göttin Athene des Ikarios Tochter, die verständige Fürstin, unter die Freier zu treten; sie sollte die Hoffnung der Freier aufflammen lassen, dazu auch bei ihrem Gatten und ihrem Sohne für sich noch höhere Achtung erringen als vorher. Zu verlegenem Lächeln zwang sich die Herrin und sagte: "Eurynome, anders als früher, möchte ich heute unter den Freiern mich zeigen, obwohl ich erbittert sie hasse. Abraten will ich dem Sohn, zu seinem eigenen Vorteil, dauernd im Kreise der übermütigen Freier zu weilen; schönklingend reden sie zwar, doch hinterrücks planen sie Böses!" Eurynome, die redliche Schaffnerin, gab ihr zur Antwort: "Wirklich, dein Anliegen, liebes Kind, ist völlig berechtigt. Gehe und warne den Sohn und verhehle nicht deine Befürchtung! Aber du solltest dich vorher noch baden, die Wangen auch salben; geh nicht mit einem derart verweinten Antlitz hinunter! Ständig und maßlos zu trauern, verschlimmert ja bloß noch das Unglück. Einen so prächtigen Sohn besitzt du! Ihn möchtest du gerne noch im Bartschmuck erblicken, so klingt dein Gebet zu den Göttern!" Ihr gab Antwort darauf die verständige Fürstin und sagte: "Eurynome, ich schätze sehr hoch dein sorgliches Walten, aber du solltest mich niemals ermuntern zum Baden und Salben! Freude am Schmuck verdarben mir die olympischen Götter, seit Odysseus in See stach an Bord der bauchigen Schiffe! Rufe mir, bitte, Autonoë und Hippodameia; unten im Saale sollen sie neben mir stehen. Ich möchte nicht allein zu den Männern gehen, mein Schamgefühl hemmt mich." Derart sprach sie. Die alte Schaffnerin ging aus dem Zimmer, um die Mägde zu rufen und zur Eile zu spornen. Weiteres plante indessen die helläugig blickende Göttin: Sie umfing Penelope mit erquickendem Schlummer. Hingestreckt schlief sie ein, die Glieder entspannten sich wohlig auf dem bequemen Lehnstuhl. Nunmehr verlieh ihr die Göttin herrliche Reize; die Freier sollten die Fürstin bestaunen. Erstlich bestrich sie schmückend ihr liebliches Antlitz mit jenem köstlichen Mittel, mit dem Aphrodite, im prächtigen Stirnband, immer sich salbt, wenn im reizenden Chor der Chariten sie schreitet; höher und stattlicher ließ sie darauf den Körper erscheinen, heller noch leuchtend als Elfenbein unter der Säge des Meisters. Nach vollbrachtem Werk entschwebte die herrliche Göttin. Plaudernd nahten bereits die weißarmigen Mägde aus ihrem Zimmer; da wich von der Fürstin sogleich der erquickende Schlummer. Mit den Händen fuhr sie sich über die Wangen und sagte: "Wirklich, im Kummer hat mich ein sanfter Schlaf überwältigt! Ließe mich ebenso sanft die keusche Artemis sterben, jetzt, auf der Stelle! Dann brauchte ich mich nicht länger in meiner Trauer zu härmen, aus Sehnsucht nach meinem Gatten, dem teuren; er überragt an Tüchtigkeit alle Achaier bei weitem!" Damit stieg sie hinunter vom schimmernden oberen Stockwerk, nicht allein; die zwei Mägde bildeten ihre Begleitung. Als die göttliche Fürstin zum Platz der Freier gelangte, blieb sie stehen am Eingang des fest errichteten Saales, hatte den glänzenden Schleier sich über die Wangen gezogen; beiderseits traten die treuen Mägde neben die Herrin. Staunen durchzuckte die Freier sogleich, sie entbrannten vor Sehnsucht, jeden bewegte der Wunsch, mit der Fürstin das Lager zu teilen. Zu dem geliebten Sohne Telemachos sagte die Herrin: "Klugheit und Einsicht, Telemachos, halten dir nicht mehr die Treue! Reiferes Urteil ließest du, wahrlich, als Knabe noch walten. Jetzt, wo du größer schon bist und die Reife der Jugend erreichtest, wo auch ein Fremder, sieht er auf dein so stattliches Äußre, dich als den Sprößling eines gesegneten Machthabers einschätzt, jetzt mißachtet dein Sinnen und Trachten die Bahnen des Rechtes! Ja doch, ein schmählicher Vorfall hat sich im Saale ereignet: Zusehen konntest du, wie man den Fremdling so übel beschimpfte! Wie denn: ein Fremder ließ sich nieder in unserem Hause, um dann auf derart entehrende Weise mißhandelt zu werden? Dafür werden die Menschen mit Schimpf und Schande dich treffen!" Ihr gab Antwort darauf der verständige Sohn des Odysseus: "Mutter, ich kann dir den Zorn darüber durchaus nicht verdenken. Aber ich selber erkenne und weiß im einzelnen alles, Gutes wie Böses; früher noch zeigte ich kindliche Einfalt. Durchsetzen kann ich indessen nicht immer die rechten Entschlüsse. Denn mich verwirren ringsum die Freier; sie führen nur Böses ständig im Schilde, erweisen mir niemals ehrliche Hilfe. Gar nicht verlief der Faustkampf zwischen dem Fremdling und Iros ihrer Erwartung gemäß; der Fremde erwies sich als stärker! Ließen doch, Vater Zeus, Athene und Phoibos Apollon, ließen doch ebenso heute die Freier in unserem Hause, kraftvoll bezwungen, hängen die Köpfe, teils in dem Hofe, teils auch im Innern des Hauses, völlig betäubt und gebrochen, wie jetzt der Bettler Iros sich lehnt an den Eingang des Hofes, wie ein Betrunkener schwankend, mit hilflos wackelndem Kopfe, und nicht aufrecht zu stehen vermag, nicht einmal sich dorthin noch zu verkriechen in seiner Schlappheit, woher er gekommen!" Derart führten Mutter und Sohn ihr Gespräch miteinander. Aber Eurymachos wandte sich an Penelope und sagte: "Tochter des Fürsten Ikarios, du verständige Herrin, sähen dich im ionischen Argos alle Achaier, wahrlich, dann schmausten schon morgen Freier in größerer Menge hier in eurem Palaste! An Schönheit und stattlichem Äußren schlägst du sämtliche Frauen, nicht minder an Einsicht und Scharfsinn!" Antwort gab ihm darauf die besonnene Herrin und sagte: "Vorzüge, Schönheit und stattliches Aussehen, machten die Götter ganz mir zunichte, Eurymachos, seit die Argeier nach Troja zogen und ihrer Heerschar Odysseus sich anschloß, mein Gatte. Kehrte er glücklich zurück und beschützte mich sorglich und eifrig, würde mein Ruhm sich erhöhen, mein Leben sich reicher gestalten. Jetzt bedrückt mich der Kummer; so bitter schlug mich ein Daimon. Ach, als Odysseus verließ den Boden der Heimat und aufbrach, packte er fest mir die rechte Hand, an der Wurzel, und sagte: 'Meine Liebe, kaum werden die trefflich gewappneten Griechen alle von Ilion glücklich wieder die Heimat erreichen; denn auch die Troer, erzählt man, bewähren sich wacker im Kampfe, sei es im Schleudern der Lanzen oder im Schnellen der Pfeile, sei es zu Wagen, als Lenker der sprengenden Rosse, die immer noch auf das schnellste den Krieg, der jeden belastet, entscheiden. Deshalb kann ich nicht wissen, ob Zeus mir die Heimfahrt ermöglicht oder vor Troja ich falle. Du mußt hier alles betreuen. Sorg auch für meinen Vater und meine Mutter im Hause wie schon immer, oder noch emsiger, während ich fehle. Siehst du bei unserem Jungen den Bartwuchs der Reifezeit keimen, heirate einen, der dir gefällt, und zieh aus dem Hause!' Derart sprach er; das geht jetzt alles bestimmt in Erfüllung. Kommen wird die Nacht der erzwungenen, bitteren Hochzeit für mich geschlagene Frau, der Zeus den Segen entraffte. Aber nun traf mich zutiefst noch ein anderer bohrender Kummer. Niemals benahmen sich Freier vormals so zuchtlos wie diese. Wer um ein edles Weib und eine Tochter aus reichem Haus sich bewirbt und ehrlich den Wettstreit mit anderen aufnimmt, bringt aus dem eignen Besitz den Verwandten des Mädchens zum Schmause Rinder und fettes Kleinvieh, dazu noch reiche Geschenke, doch er verpraßt nicht, ohne Ersatz, ein fremdes Vermögen!" Derart sprach sie, und Freude empfand der Dulder Odysseus, weil sie den Freiern Geschenke entlockte und ihre Gemüter freundlich beschwichtigte, während sie doch ganz anderes dachte. Aber Antinoos sagte zu ihr, der Sohn des Eupeithes: "Tochter des Fürsten Ikarios, du verständige Herrin, mag nach Belieben ein jeder Achaier Geschenke dir bringen, nimm sie nur an! Sie abzulehnen wäre nicht schicklich. Doch wir begeben uns weder nach Haus noch zu anderen Zielen, eh du dich nicht mit dem besten aller Achaier vermähltest!" Dies erklärte Antinoos; Beifall zollten die Freier. Jeder befahl dem eigenen Herold, Geschenke zu bringen. Für Antinoos trug er herbei ein prächtiges buntes Obergewand; es befanden im ganzen zwölf goldene Spangen sich an dem Kleide, versehen mit zierlich gebogenen Häkchen. Für Eurymachos eine kunstreich gefertigte Kette, Gold mit Bernstein durchreiht; sie leuchtete hell wie die Sonne. Für Eurydamas zwei dreigliedrige Ohrengehänge, beerenartig zusammengesetzt, von lieblichem Glanze. Aus dem Palaste des Freiers Peisandros, des Sohnes Polyktors, brachte der Diener ein Halsband, ein überaus herrliches Schmuckstück. So überreichte ein jeder Achaier andere Gaben. Wieder ins obere Stockwerk begab sich die göttliche Fürstin; hinter ihr trugen die Mägde hinauf die prachtvollen Gaben. Weiterhin suchten die Freier im Tanzen und lieblichen Singen ihr Vergnügen und blieben im Saal bis zum Anbruch des Dunkels. Über dem heiteren Treiben nahte der finstere Abend. Leuchtpfannen stellte man, drei an der Zahl, gleich auf in dem Saale, Helligkeit zu verbreiten; man schichtete kreisförmig Brennholz, völlig getrocknetes, eben mit eherner Axt erst gespalten, legte dann Kienspäne an. Die Mägde des Dulders Odysseus schürten hintereinander die Flammen. Aber der kluge zeusentsprossene Sohn des Laërtes sagte zu ihnen: "Mägde des schon so lange verschollenen Fürsten Odysseus, geht in die Räume, in denen die achtbare Herrin sich aufhält, dreht, ihr zur Seite, geschäftig die Spindel, erheitert bei eurem Sitzen im Zimmer die Fürstin oder krempelt die Wolle! Selber kann ich inzwischen das Licht für die Freier betreuen. Wachten sie auch bis zum Aufgang der goldenthronenden Eos - mich überbieten sie nicht; ich kann schon manches vertragen!" Derart sprach er. Da lachten sie auf und warfen belustigt Blicke sich zu, und Melantho, des Dolios stattliche Tochter, höhnte ihn schimpflich. Die Herrin hatte sie selber erzogen, zärtlich gepflegt wie ihr eigenes Kind, sie erfreut auch mit Spielzeug; trotzdem ging ihr der bittere Schmerz Penelopes nicht nahe, sondern sie fand ihr Vergnügen in des Eurymachos Armen. Sie fuhr los auf Odysseus mit den kränkenden Worten: "Elender Fremdling, du bist wohl völlig mit Wahnsinn geschlagen, daß du nicht endlich zum Pennen im Hause des Schmiedes verschwindest oder im Schlafhaus für Bettler, nein, hier weiter herumschwatzt, dreist in dem Kreise so zahlreicher Männer und ohne Bedenken! Wahrlich, dir stieg der Wein in den Schädel, oder du neigest immer zu solcher Dummheit, nach deinem sinnlosen Faseln! Juckt dich vielleicht der Erfolg, daß du Iros, den Bettler, geschlagen? Daß nur nicht plötzlich ein stärkerer Streiter noch auftritt als Iros, der dich mit wuchtigen Ohrfeigen freigebig eindeckt und schleunigst blutüberströmt dich aus dem Saal und dem Hause hinausjagt!" Finsteren Blickes entgegnete ihr der kluge Odysseus: "Hündin, wie schimpfst du! Sogleich will ich zu Telemachos gehen, Nachricht ihm geben; er soll dich sofort zu Stücken zerhauen!" Derart drohte er grimmig und scheuchte die Weiber von dannen. Durch den Saal enteilten sie fliehend, vor Schrecken erbebten jeder von ihnen die Glieder; sie glaubten aufs Wort ihm die Drohung. Aber Odysseus stand an den leuchtenden Becken und schürte eifrig die Flammen, sämtliche Freier beobachtend. Andre Pläne bewegten ihn tief; sie sollten auch bald sich erfüllen. Freilich vergönnte Athene durchaus nicht den trotzigen Freiern jeden Verzicht auf kränkende Schmähung; noch heftiger sollte bohrender Kummer Odysseus, den Sohn des Laërtes, erbittern. Diesen zu reizen, sagte Eurymachos unter den Freiern höhnisch, des Polybos Sprößling, und brachte die andern zum Lachen: "Höret auf mich, die ihr euch bewerbt um die ruhmreiche Fürstin! Aussprechen will ich, wozu Verlangen und Neigung mich spornen. Göttlicher Wille führte den Bettler ins Haus des Odysseus, strömt doch, sofern ich nicht irre, der Glanz der Späne von seinem Schädel - verständlich, der trägt kein Härchen, nicht das geringste!" Danach wandte er sich zum Städtezerstörer Odysseus: "Fremdling, wolltest du dienen, wenn ich mich deiner erbarmte, fern auf dem Lande - genügenden Lohn auch sollst du erhalten -, Dornen mir sammeln zum Zaun und ragende Bäume mir pflanzen? Dabei wollte ich ständig Essen und Trinken dir reichen, haltbare Kleidung dir geben und Schuhzeug unter die Füße. Weil du nun aber nur Unfug gelernt hast, wirst du nicht ehrlich arbeiten wollen, viel lieber unter dem Volke durch Buckeln Nahrung für deinen unersättlichen Wanst dir erbetteln!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Könnten wir beide, Eurymachos, wacker im Mähen uns messen, in den Wochen des Frühlings, wenn schon die Tage sich dehnen, weithin im Heu - und ich führte eine vortrefflich gekrümmte Sichel, die gleiche wie du, und wir könnten, ohne zu essen, arbeiten bis zur Nacht, solange die Wiesen uns reichten -, wäre dann auch ein Gespann der tüchtigsten Stiere zu treiben, rotbraune, stattliche Tiere, beide vorzüglich gefüttert, eines so alt und so stark wie das andere, kaum zu ermüden, über vier Morgen, und wichen die Erdschollen zügig der Pflugschar: anschauen solltest die Furchen du dir, die ich durchgehend zöge! Bräche ein Krieg auch aus, nach dem Wunsch des Kroniden, noch heute, hätte ich einen Schild zur Verfügung, zwei Lanzen und einen ehernen Helm, der genau an die Schläfen, zum Schutze, sich schmiegte - nun, du erblicktest mich in der Reihe der vordersten Streiter, brauchtest nicht schmähend gefräßige Faulheit zur Last mir zu legen! Nein, du gebärdest dich anmaßend, zeigst nur Härte und Grobheit, hältst dich vielleicht für einen gewaltigen, mächtigen Herren, weil du mit wenigen Leuten Verkehr pflegst, und nicht mit den besten! Käme jedoch Odysseus zurück in die Heimat, so würde plötzlich die Tür dir zu enge, wie breit man sie einstmals gezimmert, wenn du in wilder Flucht durch den Torweg ins Freie dich stürztest!" Derart sprach er. Da packte die Wut den lästernden Spötter; finster maß er den Bettler und rief die enteilenden Worte: "Elender, eintränken will ich dir gleich die Frechheit! Du schwatzest dreist in dem Kreise so zahlreicher Männer und ohne Bedenken! Wahrlich, dir stieg der Wein in den Schädel, oder du neigest immer zu solcher Dummheit, nach deinem sinnlosen Faseln! Juckt dich vielleicht der Erfolg, weil du Iros, den Bettler geschlagen?" Derart rief er und griff nach dem Schemel. Da setzte Odysseus sich vor die Knie des Amphinomos, des dulichischen Fürsten, um dem Wurf zu entgehen. Den Mundschenken traf an der rechten Hand Eurymachos, dröhnend fiel die Kanne herunter, laut schrie auf der Diener und stürzte rücklings zu Boden. Aber die Freier begannen zu lärmen im schattigen Saale. Mancher von ihnen sagte, den Blick auf den Nachbarn gerichtet: "Wäre der Landstreicher anderswo umgekommen, noch ehe er uns besuchte - er hätte erspart uns ein solches Getümmel! Streiten müssen wir jetzt uns um Bettler und haben vom guten Essen nichts mehr, da die häßlichen Störungen dauernd sich mehren!" Unter ihnen sagte der kraftvolle Sohn des Odysseus: "Narren, ihr seid von Sinnen und lasset erkennen, wie wacker ihr schon geschmaust und gezecht habt; ein Gott versetzt euch in Aufruhr! Geht nach der reichlichen Mahlzeit nur heim und leget euch schlafen, wollt ihr euch ausruhen! Freilich, vertreiben möchte ich keinen." Derart sprach er. Da bissen sie alle sich fest auf die Lippen und bestaunten des jungen Mannes furchtlose Worte. Nunmehr ergriff Amphinomos mahnend das Wort in dem Kreise, stattlicher Sohn des Königs Nisos, des Aretiaden: "Freunde, es sollte angesichts eines berechtigten Vorwurfs niemand erbitterten Widerspruch üben noch zornig sich streiten! Laßt auch den Fremdling künftig in Ruhe und sämtliche Knechte, die im Palaste des edlen Odysseus Dienste verrichten! Auf denn, der Mundschenk fülle die Becher zum Weihguß, wir wollen spenden und uns nach Hause begeben zur Ruhe! Den Fremdling lassen wir hier im Schloß des Odysseus, Telemachos nehme seiner sich an; von ihm erflehte der Bettler sich Obdach." Derart sprach er, sein Vorschlag erntete Beifall von allen. Ihnen mischte den Wein im Kruge Held Mulios, Herold aus Dulichion, des Amphinomos redlicher Diener, reichte dann jedem den Becher; sie brachten den seligen Göttern betend die Spende und tranken dann selber vom köstlichen Weine. Als sie gespendet hatten und nach Belieben getrunken, ging ein jeder eilig nach Hause, sich schlafen zu legen.
Neunzehnter Gesang
Wie Odysseus unerkannt mit Penelope Zwiesprache hielt, Eurykleia dem Bettler die Füße wusch und Penelope sich entschloß, die Wahl des neuen Gatten durch einen Bogenwettkampf zu entscheiden
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Die Nacht wird lang, das Spiel ist fein, ich sitze bei Penelope – ihr Herz ist allein. Doch die Wahrheit bleibt stumm, verborgen im Licht, mein Ziel ist nah, doch ich zeig es nicht. [Verse 1: Odysseus] Penelope spricht, ihr Ton ist klar, „Fremder, erzähl mir, wer du bist, wo du warst.“ Ich spinne Geschichten, von Troja und List, doch ich seh ihren Schmerz – das Leben vermisst. „Odysseus“, sagt sie, „war mehr als ein Mann, sein Geist war wie Feuer, das niemand bezwang.“ Ich nicke nur leise, mein Herz schlägt laut, doch die Maske bleibt fest – ich bin nicht vertraut. [Refrain: Odysseus & Chorus] Die Wahrheit liegt nah, doch der Moment ist nicht reif, ich bin der König, doch mein Spiel bleibt mein Pfeil. Von Fragen zu Rätseln, das Ziel wird klar, Odysseus kehrt heim – der Sieg ist nah. [Verse 2: Odysseus] Eurykleia, die treue, mit Wasser zur Hand, „Lass mich waschen, Fremder, die Last von dem Sand.“ Doch als sie die Narbe berührt, wird’s klar, „Du bist Odysseus, dein Zeichen ist wahr!“ Ich greif ihre Hand, mein Finger auf ihr Gesicht, „Schweig, alte Freundin, sprich es nicht.“ Ihr Blick ist treu, ihr Herz voller Licht, „Die Stunde wird kommen, ich schweige, verspricht.“ [Refrain: Odysseus & Chorus] Die Wahrheit liegt nah, doch der Moment ist nicht reif, ich bin der König, doch mein Spiel bleibt mein Pfeil. Von Fragen zu Rätseln, das Ziel wird klar, Odysseus kehrt heim – der Sieg ist nah. [Bridge: Odysseus] Penelope träumt, ihr Schmerz wiegt schwer, doch ich bin so nah, ich spür es mehr. Die Götter beobachten, Athene wacht, die Stunde rückt näher – die letzte Nacht. [Outro: Odysseus] Von Täuschung zur Wahrheit, der Kreis wird sich schließen, mein Reich, mein Thron – ich werde sie genießen. Penelope, mein Licht, ich kämpf für dich, Odysseus kehrt heim – die Geschichte spricht.
Der vollständige 19. Gesang
Aber der edle Odysseus blieb zurück in dem Saale, sann, unterstützt von Athene, auf die Vernichtung der Freier. Zu Telemachos sprach er sogleich die enteilenden Worte: "Nunmehr, Telemachos, müssen im Innern des Hauses wir alle Waffen verbergen! Vermißt man die Waffen und fragt dich nach ihnen, magst du die Freier freundlich beruhigen: 'Fort aus dem Rauche hängte ich sämtliche Waffen; sie glichen schon gar nicht mehr denen, die einst Odysseus bei seinem Aufbruch nach Troja zurückließ, sondern sie sind schon völlig verrußt vom Qualme des Feuers. Schwerer bedrängt mich die Sorge, die mir ein Daimon erweckte, daß ihr im Weinrausch in Streit geratet, euch untereinander Wunden zufügt und damit das Mahl und die Werbung entwürdigt; ziehen den Mann doch selbsttätig an die eisernen Waffen!'" Derart sprach er. Telemachos folgte dem Auftrag des Vaters, rief die Pflegerin Eurykleia heran und befahl ihr: "Mütterchen, halte die Frauen zurück in ihren Gemächern, bis ich zur Kammer gebracht des Vaters prächtige Waffen, die hier im Saale der Rauch entstellt - es betreut sie ja keiner! -, seit mein Vater davonzog; ich selber war noch ein Knabe. Aufheben will ich sie dort, wo Qualm und Ruß sie verschonen." Darauf bemerkte die Pflegerin Eurykleia, die treue: "Ach, übernähmest du, Junge, doch endlich im ganzen verständig unseres Hauses Verwaltung, den Schutz auch des großen Vermögens! Aber wer soll bei der Arbeit dir leuchten? Es hätten die Mägde das besorgen können - doch ihnen verwehrst du den Zutritt!" Ihr gab Antwort darauf der verständige Sohn des Odysseus: "Leuchten wird mir der Fremdling! Niemand bleibe untätig, den ich beköstige, käme er auch aus weitester Ferne." Derart sprach er. Die treue Pflegerin fragte nicht weiter, sondern verschloß die Türen der wohnlichen Frauengemächer. Schleunig begaben Odysseus und sein stattlicher Sprößling sich an die Arbeit, sie trugen die Helme, gebuckelten Schilde und die gespitzten Lanzen hinein in die Kammer; vor ihnen leuchtete Pallas strahlend einher mit goldener Lampe. Staunend bemerkte Telemachos gleich zu dem rüstigen Vater: "Seltsam! Ich sehe ein großes Wunder mit eigenen Augen! Sämtliche Wände des Saales, die festen Querbalken innen wie auch die fichtenen Längsbalken und die ragenden Säulen sehe ich strahlend erglänzen, so hell wie von loderndem Feuer! Sicher verweilt hier ein Gott, ein Bewohner des riesigen Himmels!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Schweig und behalte für dich die Gedanken und frage nicht weiter! Solch ein Gebaren zeigen nun einmal olympische Götter. Aber jetzt lege dich schlafen. Ich möchte noch länger hier bleiben, möchte die Mägde zum Plaudern verlocken, genauso die Mutter; alles wird sie in ihrer Trauer einzeln mich fragen." Derart sprach er. Telemachos ging aus dem Saale, in seinem Zimmer sich schlafen zu legen, beim Scheine der Fackeln; dort pflegte stets er zu ruhen, sooft erquickender Schlummer ihm nahte. Heute auch ruhte er dort und harrte der göttlichen Eos. Aber der edle Odysseus blieb zurück in dem Saale, sann, unterstützt von Athene, auf die Vernichtung der Freier. Da verließ Penelope, die kluge Fürstin, ihr Zimmer, strahlend schön wie Artemis oder die goldene Kypris. Neben das Feuer rückten ihren Sessel die Mägde; ausgelegt war er mit Silber und Elfenbein, kunstreich gedrechselt, Werk des Ikmalios; unten hatte der Meister die Fußbank fest ihm verbunden; den Sitz bedeckte ein zottiges Schaffell. Auf dem Sessel ließ die verständige Fürstin sich nieder. Aus dem Gemache der Frauen traten weißarmige Mägde, räumten die reichlichen Reste der Speisen beiseite, die Tische wie auch die Becher, aus denen die Übermütigen tranken, schütteten aus den Pfannen die Glutreste, schichteten frische Scheiter darauf, in reichlicher Menge, zum Leuchten und Heizen. Wieder beschimpfte Melantho dabei den Dulder Odysseus: "Fremdling, du möchtest auch jetzt noch herumstreunen, nächtens, im Hause und uns weiter belästigen, Augen machen den Weibern? Scher dich hinaus, du Schamloser, laß dir dein Essen genügen, oder du fliegst gleich hinaus, von einem Brandscheit getroffen!" Finsteren Blickes maß sie der edle Odysseus und sagte: "Törichtes Weib, was rückst du mir derart erbittert zu Leibe? Weil ich nicht glänze von Salben, sondern in Lumpen mich hülle, bettelnd die Stadt durchstreife? Mich zwingt doch das bittere Elend! Darin besteht ja das Schicksal der landfremden Leute und Bettler! Ich auch bewohnte dereinst als begüterter Bürger ein reiches Haus und beschenkte oftmals unstet schweifende Bettler, gleich, wer sie waren und welche Bedrängnis ihr Kommen bewirkte. Knechte besaß ich zu Tausenden und noch zahlreiche andre Güter, die man zum Wohlleben braucht und zum Glanze des Reichtums. Doch der Kronide vernichtete alles; das war wohl sein Wille. So überlege denn: einbüßen könntest du selber noch einmal Schönheit und Stolz, die jetzt dich auszeichnen unter den Mägden, könnte die Herrin Groll auf dich werfen und ernstlich dir zürnen oder Odysseus heimkehren; noch besteht ja die Hoffnung. Starb er jedoch tatsächlich und sieht die Heimat nicht wieder, lebt doch sein Sprößling Telemachos, durch die Gnade Apollons; dem wird schwerlich entgehen, was Mägde im Hause an frevlem Übermut treiben; er handelt nicht länger als törichter Knabe." Derart mahnte er. Und Penelope verstand ihn, die kluge Fürstin, und wandte sich gegen Melantho mit drohenden Worten: "Schamlose Hündin, dreistes Geschöpf, ich durchschaue dein freches Handeln genau; du sollst es mit deinem Haupte mir büßen! Alles wußtest du, hattest von mir es ja deutlich vernommen, daß ich in meinem Hause den Fremdling über den Gatten ausfragen wollte, da ein so furchtbarer Kummer mich peinigt!" Danach gab sie der Schaffnerin Eurynome die Weisung: "Bringe mir, Eurynome, Sessel und Schaffell darüber! Setzen soll sich der Fremdling darauf und berichten und meine Fragen sich anhören; Auskünfte möchte von ihm ich erbitten." Derart befahl sie, und emsig brachte die Schaffnerin einen trefflich geglätteten Sessel und legte das Fell noch darüber. Platz nahm auf dem Sessel der göttliche Dulder Odysseus. Nunmehr ergriff Penelope das Wort, die verständige Fürstin: "Fremdling, ich möchte vor allem anderen folgendes fragen: Was für ein Landsmann bist du? Wo hast du Heimat und Eltern?" Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Schwerlich, Gebieterin, wird dich ein Mensch auf der endlosen Erde tadeln; steigt doch empor dein Ruhm bis zum riesigen Himmel, gleich dem Ruhme eines untadligen Königs, der unter zahlreichem, kraftvollem Volke gottesfürchtig gebietet und sich des Rechtes befleißigt; ihm trägt die fruchtbare Erde Weizen und Gerste, voll hängen die Bäume von Früchten, beständig mehrt sich das Vieh, und Fische bietet das Meer in der Fülle bei solcher Herrschaft; ein solcher König beglückt die Beherrschten. Darum befrag mich in deinem Palaste nach allem - doch, bitte, nicht nach meiner Heimat und nicht nach meinem Geschlechte! Durch die Erinnerung würdest du mich noch tiefer betrüben; bitteres Elend bedrängt mich. Auch muß ich dem Wunsch widerstehen, jammernd und klagend in einem fremden Hause zu sitzen; ständig und maßlos zu trauern verschlimmert ja bloß noch das Unglück. Tadeln soll mich auch keine der Mägde oder du selber, etwa behaupten, ich schwömme in Tränen, vom Weinrausch bezwungen!" Ihm gab Antwort darauf die verständige Herrin und sagte: "Vorzüge, Schönheit und stattliches Aussehen, machten die Götter ganz mir zunichte, Fremdling, seit die Argeier nach Troja zogen und ihrer Heerschar Odysseus sich anschloß, mein Gatte. Kehrte er glücklich zurück und beschützte mich sorglich und eifrig, würde mein Ruhm sich erhöhen, mein Leben sich reicher gestalten. Jetzt bedrückt mich der Kummer; so furchtbar schlug mich ein Daimon. Sämtliche Fürsten nämlich, die über Dulichion herrschen, über Same und über das waldbedeckte Zakynthos, die auch ringsum im weithin sichtbaren Ithaka wohnen, werben um mich, obwohl ich mich sträube, verprassen den Hausstand. Darum beachte ich kaum die Fremdlinge, kaum die um Hilfe Flehenden, auch nicht die Herolde, die um das Volkswohl sich mühen; nur um Odysseus härme ich mich in schmerzlicher Sehnsucht. Die dort drängen zur Hochzeit - ich kämpfe listig um Aufschub. Anfangs gab mir ein Daimon den Plan ein, den mächtigen Webstuhl aufzustellen im Zimmer und ein feines und großes Linnen zu weben. Den Freiern gab ich folgende Auskunft: 'Jünglinge, die ihr um mich euch bewerbt nach dem Tode des edlen Helden Odysseus, dränget mich, bitte, nicht länger zur Heirat, bis ich das Laken vollendet - nicht unnütz verderbe der Faden! - für den Helden Laërtes als Leichentuch, Gabe der Stunde, da ihn das düstre Geschick des schmerzlichen Todes dahinrafft; keine Achaierin soll im Lande mir Vorwürfe machen, läge der Fürst, der vieles erworben, ohne Bedeckung!' Derart sprach ich und konnte die mannhaften Helden beschwatzen. Eifrig webte ich nun am Tage das riesige Linnen, trennte es aber zur Nacht, im Fackelschein, stets auseinander. Damit betrog ich die Freier und hielt sie im Glauben, drei Jahre. Als dann endlich das vierte Jahr kam und die Horen sich nahten im Entrinnen der Monde, nach Ablauf so zahlreicher Tage, kamen sie mir auf die Schliche mit Hilfe schamloser, frecher Mägde und trieben zum Weben mich an mit drohenden Worten. Abschließen mußte ich, notgedrungen, die leidige Arbeit. Nunmehr vermag ich die Heirat nicht länger zu meiden und finde keinerlei weitere List. Mich drängen die Eltern zur Ehe, unwillig duldet mein Sohn die Vermögensverluste; denn immer stärker gelangt er zur Einsicht. Schon zeigt er sich fähig, den Hausstand selbst zu verwalten, ein Mann, dem Zeus Erfolge ermöglicht. Trotzdem kannst du, bitte, Geschlecht und Herkunft mir nennen, stammst du doch nicht von der Eiche und nicht von dem Felsen der Sage!" Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Fürstin, ehrwürdige Gattin des Laërtiaden Odysseus, fährst du beharrlich fort, nach meiner Herkunft zu forschen? Sei es: ich werde die Auskunft dir geben; freilich, noch härter wirst du mein Elend mich spüren lassen; so geht es dem Menschen, wenn er so lange wie ich von der teuren Heimat entfernt weilt, zahlreiche Städte der Menschen durchschweift, vom Kummer gepeinigt! Aber ich will dir berichten, wonach du dich fragend erkundigst. Mitten im schimmernden Meer liegt Kreta, lieblich und fruchtbar, rings von den Wogen umbrandet. Dort gibt es zahlreiche Menschen, kaum übersehbar an Menge, und neunzig blühende Städte. Sprachen erklingen in buntem Gemisch; dort leben Achaier, leben die mutigen Urkreter und die Kydonen, auch Dorer, die in drei Stämme zerfallen, und die edlen Pelasger. Wichtigste unter den Städten ist Knossos, wo Minos als König jeweils neun Jahre gebot, als Vertrauter des großen Kroniden, Vater des Helden Deukalion, meines mutvollen Vaters. Letzterer zeugte nun mich sowie Idomeneus, den Fürsten; dieser zog mit den Söhnen des Atreus auf seinen geschweiften Schiffen nach Troja. Ich selber trage den ruhmreichen Namen Aithon. An Alter und tapferem Mut überragt mich mein Bruder. Dort auf Kreta sah ich Odysseus und wurde sein Gastfreund. Während der Fahrt nach Troja hatte ein wütender Sturmwind ihn, an Males vorüber, bis nach Kreta verschlagen. Knapp nur entrann er dem Sturm und ging in gefährlichen Buchten, bei Eileithyias Grotte, in Amnisos, vor Anker, eilte sogleich zur Stadt und fragte nach Idomeneus; denn er bezeichnete ihn als teuren und achtbaren Gastfreund. Zehnmal oder auch elfmal war schon Eos erschienen, seit er mit seinen geschweiften Schiffen nach Ilion abfuhr. Freundlich nahm ich ihn auf in unserm Palaste, und sorglich bot ich Verpflegung ihm dar vom reichlichen Vorrat des Hauses. Auch die Gefährten, die ihn begleiteten, ließ ich aus Mitteln unsrer Gemeinde mit Brot und funkelndem Weine versorgen, Rinder auch schlachten; die Gäste sollten sich köstlich erquicken. Ganze zwölf Tage blieben die edlen Achaier; so lange hielt sie der starke Boreas zurück, der sogar auf dem Lande keinem zu stehen erlaubte; ihn sandte ein grausamer Daimon. Erst am dreizehnten legte der Sturm sich, da fuhren sie weiter." Derart vermischte er beim Erzählen Erfindung und Wahrheit. Weinen mußte die Lauschende, Tränen benetzten ihr Antlitz. Wie auf den ragenden Bergen der Schnee, den der Zephyros brachte, den aber Euros zu tauen beginnt, im Schmelzen sich auflöst und die Flußläufe unter den Massen des Schmelzwassers steigen, so überströmten Tränen die lieblichen Wangen der Fürstin, die den Gatten beweinte, der neben ihr saß. Doch Odysseus spürte ein inniges Mitleid mit seiner weinenden Gattin; starr wie Horn, wie Eisen standen ihm unter den Lidern, reglos, die Augen; gewaltsam drängte zurück er die Tränen, klug und besonnen. Als sich die Fürstin ausgeweint hatte, setzte erneut zum Sprechen sie an und sagte bedachtsam: "Fremdling, ich müßte ein wenig dich jetzt auf die Probe noch stellen, ob du tatsächlich in Knossos meinem Gemahl, wie du sagtest, mit ihm den edlen Gefährten, ein gastliches Obdach gewährtest. Sag mir genau, wie Odysseus bekleidet war, wie er selber aussah und wie die Gefährten, die ihm nach Ilion folgten!" Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Herrin, nach einem so langen Zeitraum ist es sehr schwierig, jemanden klar zu beschreiben. Schon zwanzig Jahre vergingen, seit er von Kreta aufbrach und meinem Vaterland fernblieb. Aber ich will es versuchen, so wie er mir immer noch vorschwebt. Einen purpurnen, wolligen, doppelt gefalteten Mantel trug der edle Odysseus; zwei Hülsen besaß des Gewandes goldene Spange, trug außen ein Kunstwerk: zwischen den Pfoten hielt ein Jagdhund rittlings gepackt ein scheckiges Hirschkalb, biß in den Nacken des zuckenden Opfers; man mußte die goldnen Tiere bewundern, den Hund, der das Hirschkalb gepackt hielt und würgte, während das Opfer zappelnd sich sträubte, um zu entkommen. Weiterhin sah ich am Körper des Helden den schimmernden Leibrock, der wie die Schale einer getrockneten Zwiebel erglänzte. Schmeichelnd und weich war sein Gewebe, so hell wie die Sonne. Staunend, tatsächlich, betrachteten zahlreiche Frauen den Fürsten! Eines noch will ich dir sagen, nimm es zur Kenntnis: Ich weiß nicht, ob Odysseus diese Bekleidung daheim schon getragen oder ihm, als er an Bord ging, einer der Freunde sie mitgab oder ein andrer, der gastlich ihn aufnahm; denn zahlreiche Menschen schätzten Odysseus sehr hoch. Ihm glichen nicht viele Achaier. Ich auch gab ihm Geschenke, ein ehernes Schwert und zu diesem einen prachtvollen, breit umsäumten, purpurnen Leibrock; ehrenvoll ließ ich ihn ziehen auf trefflich gezimmertem Schiffe. Weiterhin folgte dem Helden ein Herold, ein wenig nur älter als der Gebieter; sein Aussehen möchte ich gleichfalls beschreiben. Rund in den Schultern war er, von bräunlicher Haut und ein Krauskopf, hieß Eurybates; ihn schätzte Odysseus höher als alle andern Gefährten, weil er ihm redliche Freundschaft bewährte." Damit erhöhte er noch den Schmerz, der die Fürstin bewegte; denn sie erkannte als zutreffend, was ihr Odysseus erzählte. Bittere Tränen vergoß sie; als sie sich ausgeweint hatte, setzte aufs neue zum Sprechen sie an und sagte dem Bettler: "Fremdling, du galtest bis jetzt mir als würdig des Mitleids - doch nunmehr wird man in meinem Palast auch Freundschaft und Achtung dir zollen! Ja, die erwähnten Gewänder gab ich selber dem Gatten, hatte sie sorgsam zusammengelegt aus der Kammer, zur Zierde ihm auch die glänzende Spange darangeheftet! Ach, niemals werde ich ihn nach glücklicher Heimkehr zu Hause begrüßen! Fuhr doch Odysseus zum Unglück davon auf den bauchigen Schiffen, um das verfluchte, nicht auszusprechende Troja zu schauen!" Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Fürstin, ehrwürdige Gattin des Laërtiaden Odysseus, jetzt entstelle nicht länger dein liebliches Aussehen, härme nicht um den Gatten dich ab! Zwar kann ich dein Trauern nicht tadeln; manche Gemahlin wird den Verlust des Mannes beklagen, dem sie Kinder geschenkt hat, wäre er auch mit Odysseus nicht zu vergleichen, der, wie man sagt, den Unsterblichen ähnelt. Dennoch klage nicht weiter, beherzige, was ich dir sage! Wahrheitsgemäß will ich dir berichten und nichts dir verhehlen, was von der Heimkehr des Helden Odysseus ich hörte: Schon nahe weilt er, wohlbehalten, im fruchtbaren Land der Thesproter. Zahlreiche herrliche Schätze bringt er nach Hause; sie werden ihm von dem Volke gespendet. Seine teuren Gefährten und sein gewölbtes Fahrzeug verlor er auf schimmerndem Meere, auf der Fahrt von der Insel Thrinakia; zornig verfolgten nämlich ihn Zeus und Helios, dessen Rinder die Mannschaft frevelhaft schlachtete; dafür ertrank sie im brandenden Meere. Er nur vermochte den Schiffskiel zu packen; so warfen die Wogen ihn an das Festland, im Reich der den Göttern verwandten Phaiaken, die ihm von Herzen, wie einem Unsterblichen, Ehren erwiesen, reich ihn beschenkten und sichres Geleit in die Heimat ihm geben wollten; schon lange könnte Odysseus im Vaterland weilen. Aber er glaubte, es bringe ihm größeren Vorteil, noch weiter durch die Länder der Erde zu ziehen und Schätze zu sammeln. So übertrifft Odysseus im Wahrnehmen jeglichen Vorteils sämtliche Menschen, es dürfte sich keiner darin mit ihm messen. Dies berichtete Pheidon mir, der thesprotische König. Selber hörte im Haus ich den König beim Trankopfer schwören, schon auf dem Wasser schaukle das Schiff, und es harre der Abfahrt schon die Besatzung, die jenen geleiten sollte zur Heimat. Vorher jedoch entließ mich der Herrscher - ein Schiff der Thesproter sollte zur weizenreichen Insel Dulichion fahren -, zeigte mir noch die vom Helden Odysseus gesammelten Schätze; diese vermochten den Herrn bis ins zehnte Glied zu versorgen, solchen gewaltigen Reichtum besaß er im Schlosse des Königs. Weitergereist sei Odysseus, so sagte der Fürst, nach Dodona, um sich aus ragender Eiche von Zeus beraten zu lassen, wie er ins teure Vaterland heimkehren solle nach seiner langen Fahrt durch die Fremde, ob offen oder nur heimlich. Demnach befindet dein Gatte sich wohl und kehrt jetzt nach Hause. Nahe schon weilt er, nicht lange mehr wird er der Heimat und seinen Lieben fehlen! Das kann ich in jedem Fall dir beschwören! Zeuge sei der Kronide, der höchste und stärkste der Götter, und des untadligen Helden Odysseus Herd, den ich bittend aufsuchte: All dies wird sich nach meinen Worten erfüllen! Eintreffen wird noch in diesem Jahre der edle Odysseus, ja, noch am Ende des laufenden Monats, zum Anfang des neuen!" Antwort gab ihm darauf die verständige Herrin und sagte: "Fänden doch, Fremdling, deine Worte alsbald die Erfüllung! Dankbar erwiese ich Freundschaft dir und beschenkte dich reichlich; alle, die je dir begegnen, sollten glücklich dich preisen. Aber ich ahne ja schon voll Bangen den wirklichen Ausgang. Weder gelangt Odysseus zur Heimat noch wird dir Geleitschutz jemals gewährt; denn wir haben nicht Herren im Haus, wie Odysseus einer gewesen - sofern überhaupt er lebte! -, befähigt, achtbaren Gästen ein Obdach und sichres Geleit zu gewähren! Aber so wascht ihm die Füße, ihr Mägde, und richtet sein Lager, Bettgestell, Decken darüber und prächtig schimmernde Tücher! Warm soll schlafen der Gast bis zur Ankunft der goldenen Eos. Zeitig am Morgen badet und salbt ihn. Er soll an der Seite meines Sohnes Telemachos sitzen im Saal und die Mahlzeit ehrenvoll einnehmen. Um so schlimmer für einen der Freier, der ihn mit tödlicher Drohung belästigt! Nichts weiteres sollte dieser hier ausrichten, wäre er noch so furchtbar erbittert! Könntest du, Fremdling, denn wirklich erfahren, ob ich vor andern Frauen durch Klugheit mich auszeichne und durch verständigen Ratschluß, müßtest zerlumpt du und ungewaschen speisen im Saale? Kurz nur währet das Leben, das die Sterblichen führen. Wer sich hartherzig zeigt und ebenfalls hartherzig handelt, den verwünschen, solange er lebt, die Sterblichen alle, höhnen ihn dann aber laut, sobald er sein Leben beschlossen. Wer sich indessen anständig zeigt und anständig handelt, dessen verdienten Ruhm verbreiten die Gastfreunde weithin über die Erde, ihn preisen zahlreiche Menschen als edel." Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Fürstin, ehrwürdige Gattin des Laërtiaden Odysseus, bitter verleidet wurden mir Decken und schimmernde Tücher, seit ich von Kretas schneebedeckten Gebirgen mich trennte und an Bord des langberuderten Schiffes in See stach. Ruhen möchte ich, wie schon seit langem in schlaflosen Nächten. Nächte in Menge verbrachte ich nämlich auf elendem Lager, wartete schmerzlich dabei auf die goldenthronende Eos. Auch dein Befehl an die Mägde, mir pfleglich die Füße zu waschen, kommt mir durchaus nicht erwünscht; von allen in deinem Palaste tätigen Frauen lasse ich keine den Fuß mir berühren. Solltest du freilich eine betagte, verständige, treue Dienerin haben, die so viel Schweres erlitt wie ich selber, würde ich dieser gestatten, mir die Füße zu waschen." Antwort gab ihm darauf die besonnene Herrin und sagte: "Werter Gast, ich empfing noch niemals in meinem Palaste einen derart verständigen Fremdling mit größerer Freude; so überlegt und weise durchdacht war deine Erklärung. Eine betagte, vernünftige Dienerin weilt mir im Hause; sie erzog und betreute den unglücklichen Odysseus, hatte, sobald ihn die Mutter gebar, auf den Arm ihn genommen. Trotz der Schwäche des Alters wird sie die Füße dir waschen. Bitte, erhebe dich, Eurykleia, du redliche Seele, wasche den Altersgenossen deines Gebieters! Odysseus dürfte genauso entkräftet schon sein an Füßen und Händen; vorzeitig altern die Menschen im Banne des grausamen Elends." Derart sprach sie. Die Greisin barg das Gesicht in den Händen, brach in bittere Tränen aus und jammerte kläglich: "Wehe, mein Junge! Ich Arme! Von sämtlichen Menschen verfolgte Zeus dich besonders mit Haß, obwohl du so fromm dich erwiesen. Keiner verbrannte zu Ehren des Werfers der Blitze so viele üppige Schenkelstücke und reiche, erlesene Opfer, wie du sie betend ihm dargebracht hast, um einstmals behaglich altern und deinen glänzenden Sprößling erziehen zu können. Nunmehr vereitelte dir der Kronide völlig die Heimkehr. Ebenso werden auch ihn die Weiber ausgelacht haben, fern in der Fremde, wenn flehend ein reiches Haus er betreten, grade wie dich die Hündinnen hier mit Hohn überschütten, deren verächtlichem, schmachvollem Schimpfen du ausweichen möchtest, wenn du das Fußbad ausschlägst. Ich gehorche indessen gerne dem Auftrag der Herrin, der klugen Ikariostochter. Deshalb will ich die Füße dir waschen, der Fürstin zuliebe wie auch um deinetwillen, da mir das Herz vor Betrübnis weh tut. Doch höre jetzt, bitte, was ich noch aussprechen möchte: Hierher gelangte schon mancher vom Unglück geschlagene Fremdling; aber noch keinen bekam ich vor Augen, der meinem Odysseus derartig gleichsah wie du, an Gestalt, an Füßen, an Stimme!" Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Gute Alte, das sagen sie alle, die jemals uns beide nebeneinander gesehen, wir seien zum Staunen uns ähnlich, ganz wie du selber, in scharfer Beobachtung, richtig es feststellst!" Derart sprach er. Die Greisin ergriff das schimmernde Becken, das ihr zum Fußwaschen diente; reichlich schüttete kaltes Wasser sie ein und vermischte es mit dem heißen. Odysseus saß an dem Herde; jetzt rückte er eilig zur Seite, ins Dunkel. Denn ihn beschlich die Befürchtung, die Greisin könnte beim Waschen seine Narbe entdecken, er selber zur Unzeit erkannt sein. Nahe kam sie und wollte waschen den Herrn. Da erkannte gleich sie die Narbe, die einst ihm ein Eber mit leuchtendem Hauer schlug, am Parnassos, bei Autolykos, dem wackren Vater seiner Mutter, und dessen Söhnen. Der Großvater glänzte weithin durch List und Meineid. Die Gaben hatte ihm Hermes dankbar verliehen; willkommene Schenkel von Schafen und Ziegen opferte nämlich ihm jener, und Hermes beschützte ihn gnädig. Einstmals besuchte Autolykos Ithakas fruchtbare Fluren, als dort die Tochter soeben ihm einen Enkel geboren. Nach der Mahlzeit hatte ihm Eurykleia das Knäblein auf die Knie gesetzt und den Großvater scherzend gebeten: "Finde jetzt selber den Namen, Autolykos, den du dem lieben Enkelkind geben möchtest, das du so innig dir wünschtest!" Und Autolykos hatte die Antwort gegeben: "Ihr Lieben, Tochter und Schwiegersohn, nennet das Kind mit dem folgenden Namen! Hierher kam ich als einer, der zahlreiche Sterbliche hassen lernte, Männer wie Frauen, weit über die nährende Erde. Deshalb trage mein Enkel den Namen Odysseus, der Hasser. Kommt er, zum Jüngling gereift, auf Besuch zu meinem Palaste am Parnassos, wo meine Schätze sich finden, so werde davon ich abgeben ihm, ihn als glücklich Beschenkten entlassen!" Später kam dann Odysseus, die reichen Geschenke zu holen. Herzlich entboten Autolykos, mit ihm die Söhne, dem Gaste ihren Willkommen, mit kräftigem Handschlag und freundlichen Worten; auch Amphithea, die Großmutter, schloß den Ankömmling innig in die Arme und küßte ihm Haupt und leuchtende Augen. Und Autolykos hieß die ruhmreichen Söhne das Essen rüsten; sie folgten sogleich der Weisung des Vaters und führten einen fünfjährigen Stier zum Schlachten herbei. Sie betrieben eifrig das Häuten, Zurichten wie auch Zerlegen; in Stücke schnitten geschickt sie das Fleisch und steckten es gleich auf die Spieße, brieten es sorgfältig und verteilten es unter die Gäste. Über den ganzen Tag, bis zum Sinken der Sonne, erfreuten sie sich der Mahlzeit, und keiner brauchte sein Teil zu entbehren. Als die Sonne versank und das nächtliche Dunkel heraufzog, legten sie sich zur Ruhe, genossen die Gabe des Hypnos. Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, brachen sie auf zur Jagd, des Autolykos Söhne und ihre Meute; am Jagdzug beteiligte sich der edle Odysseus. Aufwärts klommen sie steil den waldbedeckten Parnassos und erreichten sehr bald die vom Winde durchpfiffenen Schluchten. Aus des Okeanos tiefer und ruhiger Strömung erhob sich eben die Sonne und traf mit ihren Strahlen die Fluren; da durchstreiften ein waldiges Tal die Jäger; vor ihnen suchten die Hunde nach Spuren, und des Autolykos Söhne folgten dichtauf. Beim Vorrücken hielt sich der edle Odysseus nahe der Meute und schwang in der Rechten den mächtigen Jagdspieß. Mitten in dichtem Gebüsch lag dort ein riesiger Eber. Niemals durchdrang ein stürmischer, naßkalter Luftzug das Dickicht, niemals traf es mit ihren Strahlen die leuchtende Sonne, niemals durchschlug es der Regen bis auf den Boden; so sicher war es geschützt. Drin lagen reichlich Blätter geschichtet. Bis zu dem Eber drang das Getrappel der Jäger und Hunde, als sie heranrückten; wütend brach er hervor aus dem Dickicht, aufwärts gesträubt die Borsten, mit flammensprühenden Augen; dicht vor den Jägern verharrte er. Gegen ihn stürmte vor allen andern Odysseus, erhob in der kraftvollen Rechten den Jagdspieß, um ihn zu treffen. Aber noch vorher schlug ihn der Eber über dem Knie und zerschlitzte im Ansturm wild mit dem Hauer seitlich das Fleisch; doch erreichte er nicht den Knochen des Helden. Glücklich noch traf Odysseus den Angreifer rechts in die Schulter, quer durch den Körper drang die Spitze der schimmernden Waffe; aufbrüllend sank das Tier in den Staub und verendete jählings. Um den Verwundeten mühten sich gleich des Autolykos Söhne, sachkundig legten sie dem untadligen göttlichen Helden einen Verband um, stillten das tiefrote Blut durch Beschwörung, traten dann eilig den Rückweg an zum Palaste des Vaters. Gründlich verheilen ließen Autolykos, mit ihm die Söhne, des Getroffenen Wunde, beschenkten ihn reichlich und sandten ohne Verzug ihn liebreich nach Ithaka, sie wie Odysseus freudig gestimmt. Froh nahmen ihn Vater und würdige Mutter auf bei der Heimkehr und fragten ihn, wie er die Narbe erhalten habe. Ausführlich gab er den Eltern Bericht, wie der Eber ihm am Parnassos mit leuchtendem Hauer die Wunde geschlagen während der Jagd im Kreise der wackren Autolykossöhne. Diese Narbe ertastete Eurykleia, erkannte sie auf der Stelle und ließ vor Schreck den Schenkel entgleiten. Hart in das Becken prallte das Bein, die Erzwand erdröhnte dumpf, es kippte die Schüssel, das Wasser schwappte zu Boden. Freude und Schmerz zugleich empfand die Greisin, mit Tränen füllten sich ihre Augen, es stockte zunächst ihr die Stimme. Endlich berührte am Kinn sie den Helden und stammelte glücklich: "Wirklich, du bist Odysseus, mein Junge! Jetzt erst erkenne ich den Gebieter in dir, nachdem ich dich ringsum betastet!" Damit richtete sie die Blicke auf Penelope, ihr zu verstehen zu geben, der Gatte weile im Hause. Aber die Herrin konnte weder dem Blicke begegnen noch ihn bemerken; Athene lenkte sie ab. Doch Odysseus griff mit der Rechten behutsam nach der Kehle der Greisin, zog sie darauf mit der Linken heran und sagte ihr leise: "Mütterchen, willst du ins Unglück mich stürzen? Du hegtest mich selber einst an der Brust. Jetzt bin ich nach mancherlei bitterer Mühsal endlich, im zwanzigsten Jahre, zurück in die Heimat gekommen. Nunmehr, wo es ein Gott dir ermöglichte, mich zu erkennen, schweige darüber! Kein anderer darf es im Hause erfahren. Anderenfalls - das lasse dir sagen, ich will es vollziehen! - würde ich, läßt mich ein Gott die stolzen Freier bezwingen, dich auch schwerlich verschonen, obwohl du mich treulich erzogen, wenn ich die übrigen Mägde in meinem Hause erschlage!" Eurykleia, die kluge Pflegerin, gab ihm zur Antwort: "Welch ein Verdacht entfloh, mein Kind, dem Geheg deiner Zähne? Sicherlich weißt du, wie standhaft ich bin und nicht zu verführen! Schweigen werde ich wie ein Steinblock oder wie Eisen. Eines noch will ich dir sagen, nimm es, bitte, zur Kenntnis: Wenn es ein Gott dir vergönnt, die stolzen Freier zu schlagen, will ich im Schlosse dir ganz genau die Mägde bezeichnen, die dich mißachtet haben und die sich schuldlos gehalten." Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Mütterchen, warum willst du sie nennen? Das hast du nicht nötig. Selber beobachte ich sie genau und lerne sie kennen. Schweig nur darüber und überlasse den Ausgang den Göttern!" Derart sprach er. Die Greisin durcheilte das Zimmer, um neues Wasser zum Fußbad zu holen. Das erste war ja verschüttet. Als sie die Füße gewaschen und glänzend eingeölt hatte, rückte Odysseus den Sessel erneut sich näher ans Feuer, um sich zu wärmen, und verbarg mit den Lumpen die Narbe. Wieder ergriff Penelope das Wort, die verständige Fürstin: "Fremdling, nur eines möchte ich noch, ein wenig, dich fragen! Naht doch bereits die Stunde der köstlichen Ruhe, für jenen wenigstens, den erquickender Schlummer umfängt auch im Elend. Mich indessen stürzte ein Daimon in maßlosen Kummer. Tagsüber finde ich, trotz des Jammers, noch etwas Zerstreuung, sehe ich mich und die Mägde im Hause eifrig beschäftigt. Naht sich die Nacht und umfängt der Schlummer die übrigen Menschen, liege ich wachend im Bett, und es quälen die bitteren Sorgen grausam mein ruhelos pochendes Herz, in zahlloser Fülle. Wie des Pandareos Tochter, die Nachtigall, rostrot und gelblich, reizvolle Lieder zu singen beginnt beim Eintritt des Frühlings, sitzend im dichten Blättergewirr der Bäume, und ihre klangreiche Stimme erschallen läßt in dauerndem Wechsel, klagend um Itylos, den sie dem König Zethos geboren, ihren Liebling, den sie erstach, im Irrtum befangen - ebenso schwanken auch meine Erwägungen hierhin und dorthin: Harre ich aus bei dem Sohn und behüte sicher den Hausstand, meinen Besitz, das Gesinde, das stattliche, ragende Wohnhaus, Ehrfurcht erweisend der Ehe sowie der Meinung des Volkes? Folge ich lieber als Gattin dem tüchtigsten Freier im Hause, der mir auch reichliche Brautgaben bietet? Solange noch meinen Jungen kindliche Einfalt beherrschte, verbot mir die Rücksicht auf die Erziehung, zu heiraten und das Haus zu verlassen. Jetzt, wo er größer schon ist und die Reife der Jugend erreichte, drängt er mich selber bereits, aus dem Hause wieder zu scheiden, bitter verärgert, weil ihm die Freier sein Erbe verprassen. Aber wohlan, vernimm, was ich träumte, und gib mir die Deutung! Zwanzig Gänse füttere ich im Hause, sie fressen wassergeweichten Weizen; ihr Anblick bereitet mir Freude. Aber es kam, aus den Bergen, mit krummem Schnabel, ein starker Adler; der brach den Tieren die Hälse. Tot lagen sie alle, still, im Palaste. Ihr Mörder erhob sich zum göttlichen Äther. Tränen vergoß ich und mußte bitterlich schluchzen im Traume; um mich versammelten lockige Frauen sich, während ich kläglich jammerte, weil mir der Adler die Gänse getötet. Da kehrte dieser zurück und ließ sich auf ragendem Dachbalken nieder, suchte mit menschlicher Stimme mich freundlich zu trösten und sagte: 'Tochter des weithin berühmten Ikarios, banne den Kummer! Keinerlei Traumbild siehst du, nein, günstige, sichere Wahrheit! Sind doch die Gänse die Freier, ich selber erschien dir soeben noch als Adler, jetzt aber bin ich gekommen, dein Gatte, über die Freier alle ein schmähliches Ende zu bringen!' Derart sprach er; doch mich verließ der köstliche Schlummer. Ausschau hielt ich sofort nach den Gänsen im Hause, und alle sah ich fressen am Trog, an der gleichen Stelle wie früher." Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Achtbare Herrin, es ist nicht möglich, das Traumbild in anderm Sinne zu deuten. Denn eben erklärte Odysseus dir selber, wie er den Traum zu erfüllen gedenkt. Verderben bedroht schon sämtliche Freier, nicht einer entrinnt dem tödlichen Schicksal!" Ihm entgegnete gleich die verständige Fürstin und sagte: "Fremdling, es gibt doch Träume, die nichtig sich zeigen und ohne jede Bedeutung, nicht alle enthüllen den Menschen die Zukunft. Durch zwei Tore vermögen die flüchtigen Träume zu treten. Eines besteht aus Horn, aus Elfenbein aber das andre. Wer von den Träumen durch das geschnittene Elfenbein schreitet, täuscht uns, und seine Aussage findet keine Erfüllung. Wer in das Freie entweicht durch das Tor aus geglättetem Horne, zeigt den Sterblichen, die ihn erblicken, tatsächlich die Zukunft. Schwerlich erschien mir aus diesem Tore das schreckliche Traumbild; freilich, es wäre mir selbst und dem Sohne herzlich willkommen. Eines noch will ich dir sagen, nimm es, bitte, zur Kenntnis! Morgen beginnt der abscheuliche Tag, der mich endgültig scheiden läßt aus dem Haus des Odysseus: Ich werde zum Wettkampf die Beile vorlegen, die mein Gatte in seinem Palaste zu reihen pflegte, wie Schiffsrippen hintereinander, ein Dutzend im ganzen; danach schoß er, aus weitem Abstand, den Pfeil durch die Beile. Aufrufen will ich zu diesem Wettkampf nunmehr die Freier. Wer mit den Fäusten die Sehne am leichtesten zieht auf den Bogen und den Pfeil durch die Öffnungen aller zwölf Beile hindurchschießt, diesem werde als Gattin ich folgen und scheiden vom Hause meines Odysseus, dem prächtigen, reich begüterten Schlosse, dessen ich sicherlich oft noch gedenke, sogar auch im Traume." Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Herrin, du achtbare Gattin des Laërtiaden Odysseus, schiebe den Wettkampf nicht länger noch auf in deinem Palaste! Dürfte der kluge Odysseus doch seine Heimat erreichen, ehe die Freier, versuchen sie sich am geglätteten Bogen, ihn mit der Sehne bespannen und sämtliche Beile durchschießen!" Ihm entgegnete gleich die verständige Fürstin und sagte: "Wolltest du, Fremdling, beim Sitzen im Saale mich weiter zerstreuen, würde kein Schlummer sich über die Augenlider mir breiten. Aber die Sterblichen können nicht immer auf Schlafen verzichten; denn die Unsterblichen setzten das Maß für jedes Bedürfnis sämtlichen Menschen auf unserer nahrungspendenden Erde. Somit werde ich nunmehr wieder das obere Stockwerk aufsuchen, auf mein Schmerzenslager mich packen, das ständig meine Tränen benetzen, seitdem Odysseus davonzog, um das verfluchte, nicht auszusprechende Troja zu schauen. Droben werde ich ruhen. Du schlafe im Hause auf einem einfachen Polster, oder man mache dir fertig ein Tragbett!" Damit stieg sie hinauf ins schimmernde obere Stockwerk, nicht allein, ihr schlossen sich an die übrigen Mägde. Als sie die Wohnung mit ihren Dienerinnen erreichte, weinte sie wieder um ihren geliebten Gatten Odysseus, bis ihr Athene die Augen schloß mit erquickendem Schlummer.
Zwanzigster Gesang
Wie die Freier wiederum einen Festschmaus hielten und Odysseus die Rache vorbereitete
Text der Vertonung
[Intro: Odysseus] Die Nacht ist still, doch mein Geist bleibt wach, mein Herz schlägt laut, ich spür den Krach. Die Freier feiern, ihr Hochmut steigt, doch die Rache kommt – mein Ziel ist bereit. [Verse 1: Odysseus] Ich lieg auf dem Boden, der Zorn in der Brust, die Freier prassen, ihr Gelächter ist Frust. Doch Athene erscheint, ihr Lächeln so klar, „Odysseus, bleib ruhig – der Tag ist nah.“ Penelope träumt, ihr Herz ist schwer, doch Zeus sendet Zeichen, der Sturm wird mehr. Ein Donner am Himmel, ein Licht in der Nacht, die Götter sind mit mir – die Rache erwacht. [Refrain: Odysseus & Chorus] Von Dunkelheit zur Wahrheit, der Moment ist nah, Odysseus kämpft – wie ein Sturm, so klar. Die Götter lenken, der Plan ist gesetzt, mein Thron kehrt zurück – das Ziel wird besetzt. [Verse 2: Odysseus] Die Freier im Palast, ihr Hochmut so laut, sie spotten und lachen – der Tod wird vertraut. Melanthios keift, sein Blick voller Gift, doch ich bleib still – mein Zorn ist mein Schwertgriff. Eumaios sieht’s, sein Blick ist tief, „Mein König, sei stark, dein Geist ist so schief.“ Doch ich nicke nur leise, der Morgen erwacht, die Götter beobachten – bald kommt die Schlacht. [Refrain: Odysseus & Chorus] Von Dunkelheit zur Wahrheit, der Moment ist nah, Odysseus kämpft – wie ein Sturm, so klar. Die Götter lenken, der Plan ist gesetzt, mein Thron kehrt zurück – das Ziel wird besetzt. [Bridge: Odysseus] Ich höre das Flüstern, die Zeichen sind da, der Donner am Himmel, so göttlich, so nah. Penelope, mein Licht, ich kämpfe für dich, die Freier, sie fallen – mein Schicksal spricht. [Outro: Odysseus] Die Nacht vergeht, der Morgen wird klar, mein Ziel ist nah – das Ende so wahr. Von Schlaflosigkeit zur Tat, der König erwacht, Odysseus kehrt heim – die letzte Schlacht.
Der vollständige 20. Gesang
Doch in der Halle begab sich der edle Odysseus zur Ruhe. Über ein ungegerbtes Rindsfell legte er reichlich Häute von Schafen, wie die Achaier ständig sie schlachten. Als er schon dalag, zog Eurynome die Decke ihm über. Schlaflos ruhte Odysseus und sann den Freiern Verderben. Nunmehr verließen das Schloß, durch die Halle, diejenigen Frauen, die schon seit längerer Zeit mit den Freiern näher verkehrten; Scherzworte tauschten sie heiter untereinander und lachten. Bitterer Zorn und tiefe Empörung packten den König; ingrimmig dachte er nach und erwog, ob er aufspringen solle, nachsetzen und sie sämtlich erschlagen oder noch einmal ihnen vergönnen das Liebesspiel mit den maßlosen Freiern, heute zum letzten Male. Sein Herz schlug wild vor Erregung. So wie die Hündin beim Anblick eines ihr noch nicht bekannten Mannes zum Schutze der Jungen bellt und zum Kampfe sich anschickt, ebenso bellte sein Herz aus Erbitterung über das freche Treiben. Er schlug sich die Brust und suchte den Aufruhr zu dämpfen: "Halte nur aus, mein Herz! Du mußtest noch Schlimmeres tragen, als der Kyklop, der an Kräften unwiderstehliche Riese, meine so tapferen Freunde verschlang. Du hast es ertragen, um dich, den Tod schon vor Augen, durch List aus der Höhle zu retten!" Derart ermahnte er sich mit lebhaftem Vorwurfe selber. Standhaft verharrte sein Herz in unbedingtem Gehorsam. Planend ließ die Gedanken er schweifen, hierhin und dorthin. Wie man über dem lodernden Feuer den Magen der Ziege, den man gefüllt hat mit Fett und Blut, voll Ungeduld wendet, von dem Wunsche beseelt, ihn schleunigst gebraten zu sehen: ebenso wanderten seine Erwägungen hierhin und dorthin, wie er den Kampf mit den schamlosen Freiern aufnehmen könne, er, als einzelner, gegen so viele. Da schwebte vom Himmel Pallas herab, als Frauengestalt, und nahte dem Helden, trat ihm zu Häupten und sagte zu ihm die tröstenden Worte: "Warum kannst du nicht schlafen, du ärmster sämtlicher Helden? Dieser Palast ist deiner, dein Weib wohnt treulich darinnen, mit ihr dein Sohn - man kann sich keinen besseren wünschen!" Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Alles, was du mir sagtest, Göttin, entspricht wohl der Wahrheit; aber zur Stunde belastet mich doch die schwere Entscheidung, wie ich den Kampf mit den schamlosen Freiern aufnehmen werde, ich, als einzelner, während sie drinnen in Scharen sich tummeln. Außerdem peinigt mich, schlimmer noch, eine ganz andere Sorge: Sollten mir Zeus und du es vergönnen, die Freier zu töten - wohin entrinne ich dann? Überlege das, bitte, doch selber!" Ihm gab Antwort darauf die helläugig blickende Göttin: "Seltsamer! Einem schwächeren Freunde auch schenkt man Vertrauen, einem sterblichen Wesen mit einem beschränkten Gesichtskreis. Ich bin aber die Göttin, die ständig in allen Gefahren treu dich behütet. Ich gebe dir offen heraus das Versprechen: Sollten auch fünfzig Scharen sterblicher Menschen uns beide drohend umringen, gewillt, dich im Kampfe zu töten, du könntest dennoch die Rinder und fettes Kleinvieh ihnen entführen! Jetzt überlaß dich dem Schlummer! Die Nacht zu durchwachen bedeutet Plage und Kummer. Du wirst bestimmt dem Verderben entrinnen!" Derart mahnte die herrliche Göttin, schloß ihm die Augen lindernd mit Schlummer und kehrte zurück zum hohen Olympos. Während der Schlaf ihn packte, Entspannung schenkte den Gliedern und ihm die Sorgen zerstreute, erwachte die treue Gemahlin, richtete sich empor auf dem weichen Lager und weinte. Als sich die göttlich schöne Gebieterin ausgeweint hatte, wandte zuerst sie an Artemis sich mit der innigen Bitte: "Artemis, Tochter des Zeus, du machtvolle Göttin, entreiße mir auf der Stelle das Leben durch einen tödlichen Pfeilschuß tief in die Brust! Sonst möge ein Sturmwind jäh mich entraffen, über die düsteren Bahnen hinweg mich tragen und nieder mich an der Mündung des kreisenden Stroms Okeanos werfen! Wie einst Stürme die Töchter des Pandareos raubten - hatten doch Götter den Mädchen die Eltern entrissen, im Hause waren verwaist zurück sie geblieben; es nährte sie aber Kypris mit Käse, mit süßem Honig und köstlichem Weine. Hera verlieh den Mädchen vor allen sterblichen Frauen Schönheit und Einsicht, Artemis ließ sie stattlich erscheinen, Pallas lehrte sie, treffliche Handarbeit kunstreich zu meistern. Als Aphrodite schließlich hinaufstieg zum hohen Olympos, um von dem Werfer der Blitze die Heirat in blühendem Alter für die Schützlinge zu erwirken - denn alles, das Unglück wie auch das Glück der sterblichen Menschen, beherrscht der Kronide -, rissen die eklen Harpyien die Mädchen jäh in die Höhe und übergaben als Sklavinnen sie den verhaßten Erinyen: ebenso mögen auch mich die olympischen Götter entführen, oder mich sollte die lockige Artemis treffen; dann zöge ich in den Hades hinab, um Odysseus wiederzusehen, brauchte nicht einem geringeren Manne Freude zu spenden! Noch zu ertragen ist freilich das Übel, wenn man am Tage zwar mit bekümmertem Herzen bitterlich weint, in den Nächten aber zu schlummern vermag; denn der Schlaf läßt alles vergessen, Gutes wie Böses, sobald er einmal die Augen umdunkelt. Mich indessen peinigt ein Daimon mit nächtlichen Träumen. Schlief doch soeben noch jemand bei mir, leibhaftig Odysseus, wie er zum Feldzuge aufbrach. Von Herzen empfand ich die Freude, weil ich an Träumen nicht dachte, sondern an echtes Erleben!" Derart sprach sie; schon nahte die goldenthronende Eos. Schluchzen und Worte der Gattin vernahm der edle Odysseus. Angespannt dachte er nach, ihn quälte die Sorge, sie habe ihn schon erkannt und träte neben sein Haupt. Und er raffte Decke und Felle, in denen er ruhte, zusammen und legte sie in den Saal, auf einen der Sessel. Dann trug er die Stierhaut rasch in den Hof und flehte zu Zeus mit erhobenen Händen: "Zeus und ihr anderen Götter, wenn über die Länder und Meere gnädig ihr heimwärts mich führtet, nachdem ihr so furchtbar mich schluget, spreche ein Wachender drinnen ein Wort von guter Bedeutung, lasse auch Zeus noch draußen ein günstiges Zeichen erscheinen!" Derart sprach er, und Zeus, der Berater, erhörte sein Flehen. Donnern ließ er es gleich vom strahlend hellen Olympos, hoch aus den Wolken. Da freute sich innig der edle Odysseus. Günstige Worte jedoch ließ eine Müllerin fallen, ganz aus der Nähe, im Hause, dem Platz für die Mühlen des Königs, wo zwölf Frauen im ganzen emsig die Mühlen bedienten, Mehl zu bereiten, die Kraftkost für Männer, von Gerste und Weizen. Elf von den Frauen schliefen, nachdem sie den Weizen zermahlen; eine nur hatte ihr Tagwerk noch nicht vollendet, die schwächste. Sie unterbrach die Arbeit und sprach, dem König zum Omen: "Vater Zeus, du mächtiger Herrscher der Götter und Menschen, kraftvoll gedonnert hast du vom Himmel der Sterne, und nirgends zeigt sich ein Wölkchen! Jemandem gibst du sicher ein Zeichen! Ach, so erfülle auch mir geplagtem Weibe mein Flehen: Sollen die Freier zum allerletzten Male doch heute in dem Palast des Odysseus die köstliche Mahlzeit genießen! Sie, die mich grausam zwangen, bis zur vollen Erschöpfung Mehl zu bereiten, sie sollen zum letzten Male heut schmausen!" Freudig vernahm der edle Odysseus die Worte, als Omen, wie auch den Donner des Zeus; er hoffte die Freier zu strafen. Nunmehr versammelten sich in dem Schloß die anderen Mägde; auf dem Herde entfachten sie rastlos flackerndes Feuer. Auch der göttliche Sohn des Odysseus erhob sich vom Lager, zog die Gewänder an, hängte das schneidende Schwert um die Schulter, band sich unter die glänzenden Füße die schmucken Sandalen und ergriff die ehern gespitzte, wuchtige Lanze. Auf der Schwelle sprach er zu Eurykleia die Worte: "Boten wir, Mütterchen, ordentlich unserem Gaste im Hause Essen und Nachtlager, oder liegt er ohne Betreuung? Pflegt doch zuweilen die Mutter, trotz ihres verständigen Denkens, wahllos einen Geringeren unter den Menschen zu ehren, aber den edleren Fremdling nur spärlich geehrt zu entlassen." Eurykleia, die kluge Pflegerin, gab ihm zur Antwort: "Bitte, mein Junge, beschuldige nicht zu Unrecht die Mutter! Ausgiebig saß der Fremdling und trank von dem Wein nach Belieben; mehr noch zu essen verlangte er nicht; ihn fragte die Herrin. Als er sich niederzulegen und einzuschlafen gedachte, gab sie den Mägden Befehl, das Lager für ihn zu errichten. Aber der Fremdling, so furchtbar geschlagen von Kummer und Elend, wollte nicht schlafen auf weichem Bett und in üppigen Kissen, sondern auf ungegerbtem Rindsfell und Häuten von Schafen ruhte er, vorn in der Halle; wir zogen die Decke ihm über." Derart sprach sie. Telemachos ging aus dem Saale mit seiner Lanze. Ihm folgten die beiden Hunde, schnellfüßige Tiere. Auf den Marktplatz eilte er, zu den gewappneten Griechen. Aber die redliche Pflegerin gab den Mägden die Weisung, Eurykleia, die Tochter des Ops, des Sohnes Peisenors: "Tummelt euch! Ihr da sprenget den Saal und feget ihn emsig, breitet anschließend über die kunstreich gezimmerten Sessel purpurne Teppiche! Ihr da wischet sämtliche Tische sorgfältig ab mit den Schwämmen und säubert die Krüge und schönen Becher mit doppeltem Henkel! Ihr übrigen schließlich begebt euch gleich zu dem Quell, holt Wasser und bringet es schleunig nach Hause! Ausbleiben werden die Freier bestimmt nicht mehr lange im Saale, sondern frühzeitig kommen, ist doch für alle heut Festtag!" Derart befahl sie. Die Mägde leisteten willig Gehorsam. Zwanzig eilten sofort zur dunkel strömenden Quelle; flink und geschickt vollführten die andern die Arbeit im Hause. Bald betraten die Diener der Freier den Hof und begannen sachkundig mit dem Spalten von Brennholz. Es kehrten derweilen von der Quelle die Mägde zurück. Der Hüter der Schweine trieb drei gemästete Tiere herbei, die besten von allen. Schnüffeln ließ er sie frei umher im stattlichen Hofraum, richtete an Odysseus dabei die freundlichen Worte: "Fremdling, betrachten dich jetzt die Achaier mit höherer Achtung, oder behandeln sie dich im Saale so schmählich wie vorher?" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Wenn doch die Götter, Eumaios, das schmachvolle Unrecht bestraften, wie es die Freier so schamlos und ohne Rücksicht verüben, hier in dem fremden Palaste, übermütig und maßlos!" Derart besprachen der Hirt und der Fremdling sich untereinander. Nunmehr nahte Melanthios ihnen, der Hüter der Ziegen, trieb die fettesten Tiere herbei von sämtlichen Herden, für die Freier zum Schmause; ihm folgten zwei andere Hirten. Während er seine Ziegen unter der dröhnenden Halle festband, sagte er frech zu Odysseus die höhnenden Worte: "Fremdling, du möchtest auch heute noch hier im Palaste die Männer durch dein Betteln belästigen, willst du nicht endlich verschwinden? Sicherlich trennen wir beide uns dann erst, wenn wir einander unsere Fäuste zu kosten gegeben; beim Betteln mißachtest du die gehörige Ordnung! Auch anderswo schmausen Achaier." Keinerlei Antwort erteilte der edle Odysseus dem Hirten; schweigend nur schüttelte er sein Haupt und gedachte der Sühne. Zu den Genannten stieß Philoitios, Führer der Männer, brachte den Freiern eine Sterke und stattliche Ziegen. Fährleute hatten vom Festland sie übergesetzt, die auch andern Leuten, die solcherlei Anliegen äußern, Fährdienste leisten. Fest band dieser die Tiere unter der dröhnenden Halle, trat zu dem Hüter der Schweine sogleich und stellte die Fragen: "Was für ein Fremdling besuchte dort kürzlich, Hüter der Schweine, unsern Palast? Wer sind die Eltern, zu denen er rühmend sich bekennt? Wo lebt sein Geschlecht, erstreckt sich sein Erbgut? Armer! Sein Aussehen trägt die Züge fürstlicher Herren! Aber die Götter stürzen ins Unglück die irrenden Menschen, wie sie auch über Könige Not und Elend verhängen!" Derart sprach er, trat zu dem Bettler, streckte die Rechte freundlich ihm hin und sprach die im Fluge enteilenden Worte: "Glück dir, ehrwürdiger Fremdling! Sei dir die Zukunft gesegnet! Freilich, zur Stunde bedrängt dich noch ein bitteres Elend. Vater Zeus, der Grausamste bist du von sämtlichen Göttern! Ohne Erbarmen läßt du die Menschen, für deren Entstehen du die Verantwortung trägst, in Jammer und Elend geraten! Heiß überlief es mich bei dem Anblick, es traten mir Tränen gleich in die Augen bei dem Gedanken, es könnte Odysseus ebenfalls derart zerlumpt sich herumtreiben weit in der Fremde, weilt er noch unter den Lebenden, schaut noch die Strahlen der Sonne! Ist er gestorben bereits und zog in die Wohnstatt des Hades, wehe dann über den edlen Odysseus, der mich als Jungen schon mit dem Hüten der kephallenischen Rinder betraute! Schwerlich zu zählen vermag man heute die Herden, es dürfte keinem ein solcher Stamm breitstirniger Rinder gedeihen! Freilich, es zwingen mich Fremde, sie ihnen zum Schmause zu liefern, Rücksicht nehmen sie keinerlei auf den Erben des Hauses, scheuen auch nicht die Vergeltung der Götter; sie planen schon gierig, sich in die Güter des lange verschollenen Königs zu teilen! Vielfach erwäge ich, immer aufs neue, in bohrendem Kummer folgendes: Sicherlich wäre es unrecht, zu Lebzeiten eines Erben, mitsamt den Rinderherden ins Ausland zu ziehen, fort in die Fremde; doch furchtbarer ist es, hier zu verbleiben und sich für Herden, die Feinden gehören, sinnlos zu plagen! Lange schon hätte ich einen anderen mächtigen Herrscher schutzflehend aufgesucht, weil ich den Frevel nicht weiter ertrage. Aber ich denke noch immer an meinen armen Gebieter. Könnte er heimkehren und die Freier im Hause verscheuchen!" Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte: "Hüter der Rinder, ich halte dich weder für schlecht noch für töricht, sondern erkenne, daß du zu vernünftiger Ansicht gelangt bist. Deshalb erkläre ich dir und will es verbindlich beschwören; Zeuge sei der Kronide, Zeuge der gastliche Tisch hier und der Hausherd des edlen Odysseus, zu dem ich gelangte: Selber noch wirst du die Heimkehr des Königs Odysseus erleben, wirst auch, sofern du es möchtest, als Zeuge dem Tode der Freier beiwohnen, die sich zur Stunde als Herren im Hause gebärden!" Ihm gab Antwort darauf der Hüter der Rinder und sagte: "Wenn der Kronide doch, Fremdling, erfüllte, was du jetzt beschworen! Wahrnehmen solltest du, wie mir die kräftigen Fäuste gehorchen." Ebenso betete auch Eumaios zu sämtlichen Göttern, heimkehren möge in seinen Palast der kluge Odysseus. Derart besprachen sich Fremdling und Hirten untereinander. Fest schon beschlossen hatten die Freier, den Sohn des Odysseus umzubringen. Doch linksher begegnete ihnen ein Adler, hoch in den Lüften, der eine furchtsame Taube gepackt hielt. Da ergriff Amphinomos gleich das Wort in dem Kreise: "Freunde, die Absicht, den Sohn des Odysseus zu töten, sie dürfte kaum uns gelingen. Wohlan denn, laßt uns die Mahlzeit bereiten!" Derart mahnte Amphinomos; Zustimmung gaben die Freier. Sie betraten das Haus des göttlichen Helden Odysseus, legten die Mäntel über die Stühle und Sessel und gingen gleich an das Schlachten der fetten Ziegen und stattlichen Schafe, schlachteten Mastschweine auch und ein Rind von der Weide. Sie brieten und verteilten den Vorschmaus, mischten auch Wein in den Krügen. Becher verteilte unter den Freiern der Hüter der Schweine. Brot in prächtigen Körben reichte Philoitios ihnen, Führer der Hirten. Als Mundschenk waltete emsig Melantheus. Wacker sprach man zu den dargebotenen Speisen. Aber Telemachos ließ aus Berechnung Odysseus im festen Saale sich niedersetzen, neben der steinernen Schwelle, stellte ein Tischchen ihm hin und einen schäbigen Sessel, reichte den Anteil des Vorschmauses ihm, in den goldenen Becher schenkte er Wein und sprach zu dem Bettler die freundlichen Worte: "Hier bleib sitzen und trinke vom Wein im Kreise der Zecher! Gegen den Hohn und die Tätlichkeiten von seiten der Freier werde ich selber dich schützen; dies Schloß ist nämlich kein Gasthaus, sondern gehört dem Odysseus, er hat es für mich einst erworben. Meidet, ihr Freier, scheltende Worte und jede Gewalttat; ja nicht sollen Hader und Streit im Saale entstehen!" Derart sprach er. Da bissen sie alle sich fest auf die Lippen und bestaunten des jungen Mannes furchtlose Mahnung. Aber Antinoos sagte den Freiern, der Sohn des Eupeithes: "Einstecken müssen wir schon des Telemachos Worte, Achaier, hart, wie sie klingen! Er schwingt sich auf zu furchtbarer Drohung. Leider verbot es Kronion - sonst hätten wir längst schon im Saale ihn zum Schweigen gebracht, trotz seiner schallenden Reden!" Aber Telemachos achtete nicht auf diese Bemerkung. Herolde führten inzwischen die den Göttern geweihten Festopfer durch die Stadt. Die haupthaarumwallten Achaier sammelten sich in dem schattigen Hain des Schützen Apollon. Als man das Fleisch gebraten und von den Spießen gezogen hatte, teilte man aus die Stücke und schmauste behaglich. Und die Bedienten reichten Odysseus die nämliche Menge, die auch sie selber empfingen; Telemachos hatte die Weisung ihnen gegeben, der teure Sohn des edlen Odysseus. Freilich hielt Athene durchaus nicht die trotzigen Freier ab von schimpflich kränkender Schmähung; noch heftiger sollte bohrender Kummer Odysseus, den Sohn des Laërtes, erbittern. Unter den Freiern befand sich ein Mann von frevler Gesinnung, der den Namen Ktesippos trug; er wohnte in Same. Dieser bewarb sich, auf ausnehmend große Besitzungen pochend, um die Gemahlin des lange verschollenen Herrschers Odysseus. Heute ergriff er das Wort im Kreise der maßlosen Freier: "Hört mich, ihr tapferen Freier, ich habe euch etwas zu sagen! Längst schon erhält zwar der Fremdling sein Teil, das ihm zusteht, sein gleiches; ungerecht wäre es doch, des Telemachos Gastfreunden etwa Schaden zu tun, wer immer in diesem Wohnhause einkehrt. Aber auch ich will jenem ein Gastgeschenk geben; er möge dieses der Badewärterin schenken oder auch einer anderen unter den Mägden im Hause des edlen Odysseus!" Derart sprach er, nahm aus dem Korbe den Knochen von einem Rindsbein und schleuderte kraftvoll ihn gegen den Bettler. Odysseus wandte nur leicht den Kopf und lächelte, höhnisch und bitter, in sich hinein. Der Werfende traf die standfeste Mauer. Aber Telemachos tadelte heftig Ktesippos und sagte: "Wirklich, Ktesippos, das war dein Glück! Du verfehltest den Fremdling. Knapp noch vermochte er auszuweichen deinem Geschosse. Sonst, im Ernste, hätte ich dich mit schneidendem Speere mitten durchbohrt, und dein Vater hätte, anstelle der Hochzeit, hier ein Begräbnis bereitet. So wage mir keiner im Hause frevle Gewalttat! Jetzt nehme genau ich alles zur Kenntnis, Gutes wie Böses; früher bewies ich kindliche Einfalt. Trotzdem ertragen wir noch zur Stunde geduldig den Anblick, wie man das Mastvieh schlachtet und Wein und Speisen hinabschlingt; schwerlich vermag sich ein einzelner gegen so viele zu wehren. Aber verzichtet mir wenigstens auf die offne Gewalttat! Heget ihr freilich den Wunsch, mich sogleich mit der Waffe zu töten, nun, es wäre mir recht, und lieber wollte ich sterben, als für immer das schmachvolle Treiben mitansehn zu müssen, wie ihr die Gastfreunde tätlich beschimpft und die Mägde zur Stillung eurer Begierde herumzerrt durch die prächtigen Zimmer!" Derart sprach er, und alle verstummten in lautlosem Schweigen. Endlich ergriff Agelaos das Wort, der Sohn des Damastor: "Freunde, es sollte angesichts eines berechtigten Vorwurfs niemand erbitterten Widerstand üben und zornig sich streiten! Laßt auch den Fremdling künftig in Ruhe und sämtliche Knechte, die im Palast des edlen Odysseus Dienste verrichten! Aber Telemachos möchte ich, wie auch der Mutter, jetzt einen Vorschlag zur Güte machen; vielleicht gefällt er den beiden. Während der Jahre, da euch noch begründete Hoffnung beseelte, heimkehren werde in seinen Palast der kluge Odysseus, war es euch kaum zu verargen, daß ihr sehnsüchtig harrtet, hinhieltet auch die Freier im Hause; besser gewesen wäre es schon, wenn Odysseus den Rückweg zur Heimat gefunden! Heute ergibt sich deutlich, daß er niemals zurückkehrt. Setze dich also zur Mutter und gib ihr den Ratschlag, den besten Freier zu wählen, der auch die reichsten Brautgaben bietet; dann genieße in Freuden dein Erbteil, schmause und trinke, während die Mutter das Haus des neuen Gatten verwaltet!" Ihm erwiderte der verständige Sohn des Odysseus: "Nein, beim Zeus, Agelaos, und bei dem Unglück des Vaters, der wohl, ferne von Ithaka, umkam oder umherschweift, keineswegs hemme ich meine Mutter, nein, dränge sie, endlich einen zu wählen, verspreche auch selbst noch reichliche Gaben. Aber ich scheue mich, durch ein Machtwort die Mutter gewaltsam aus dem Hause zu treiben; das mögen die Götter verhüten!" Derart sprach er. Da zwang Athene die Freier zu einem wilden Gelächter, schlug sie mit Blindheit und böser Verwirrung. Laut, mit verzerrten Gesichtern, lachten sie, bissen in Stücke rohen, noch blutigen Fleisches, mit Tränen füllten sich ihre Augen; sie fühlten im tiefsten Herzen das bittre Verhängnis. Und Theoklymenos sagte zu ihnen, der göttliche Seher: "Ha, ihr Elenden, welch ein Unheil bedrängt euch! Das Dunkel finsterer Nacht umschwebt eure Häupter, Gesichter und Knie, Wehklagen schallen, Tränen ergießen sich über die Wangen, Wände und stattliche Deckenbalken triefen vom Blute. Schatten wimmeln im Torweg und wimmeln im Hofe, sie drängen eilig hinab sich zur düsteren Unterwelt; völlig erloschen ist am Himmel die Sonne, und Dunkel trat an die Stelle!" Derart sprach er, doch schallend verlachten sie alle den Seher. Aber Eurymachos sagte, des Polybos Sohn, zu den Freiern: "Töricht benimmt sich der soeben gekommene Fremdling. Los doch, ihr Jungen, geleitet ihn schleunig hinaus in das Freie, bis auf den Marktplatz; im Saale erblickt er nur nächtliches Dunkel!" Doch Theoklymenos gab ihm, der göttliche Seher, die Antwort: "Niemals, Eurymachos, bitte ich dich, mir Geleiter zu stellen. Augen besitze ich, Ohren und sichere Füße, auch einen wachen Verstand, der in keiner Weise vom Richtigen abweicht. Diese geleiten mich aus dem Saal; denn ich sehe Verderben über euch kommen; nicht einer der Freier wird ihm entrinnen, die ihr im Hause des göttergleichen Gebieters Odysseus Fremdlinge schmähend verhöhnt und gottlose Schandtaten ausübt!" Damit verließ er das wohnliche Schloß und begab sich zu seinem Gastfreund Peiraios, der ihm bereitwillig Obdach geboten. Aber die Freier maßen einander mit staunenden Blicken, suchten den Sohn des Odysseus zu reizen, verlachten die Gäste. Mancher der übermütigen Jünglinge äußerte spottend: "Niemand gewährte, Telemachos, jemals übleren Gästen Obdach als du! Als durchtriebener Landstreicher zeigt sich der eine, giert nach Essen und Wein, versagt in der Arbeit, versagt auch in der Bewährung von Kraft, belastet nur unnütz die Erde. Aber der andre erhob sich sogar, um Orakel zu geben! Läßt du von mir dich beraten - das brächte doch größeren Vorteil -, schicken die Fremden wir fort auf reichlich berudertem Schiffe zu den Siziliern, wo du sie losschlägst für gute Bezahlung!" Aber Telemachos achtete nicht auf die Worte der Freier, blickte nur still auf den Vater, ständig die Stunde erwartend, da er den Kampf mit den schamlosen Feinden aufnehmen dürfe. Grad gegenüber, im Frauengemach, auf prächtigem Sessel, saß Penelope derweilen, die kluge Ikariostochter, lauschte genau den Worten jedes der Männer im Saale. Lachend verzehrten die Freier die köstliche, stärkende Mahlzeit; reichlich hatte man ja geschlachtet. Doch sollte kein andres Abendessen dafür noch bitterer munden als jenes, das jetzt Athene, mit ihr der starke Odysseus, den Freiern vorsetzen sollten; die hatten freilich die Schuld an dem Blutbad.