Ich brauche Hilfe
(Stimme des Pflegebedürftigen)
Strophe 1
Ich war mal der, der getragen hat.
Der Sachen repariert,
der nachts aufgestanden ist,
wenn jemand geweint hat.
Jetzt stehe ich hier
und brauche Zeit.
Nicht viel.
Nur genug, um nicht zu fallen.
Strophe 2
Man nennt es Pflegegrad,
als wäre das ein Titel.
Man spricht über mich,
als wäre ich ein Fall.
Aber ich bin noch da.
Ich höre jedes Wort.
Und ich merke genau,
wenn man schneller spricht,
weil es unangenehm wird.
Refrain
Ich brauche Hilfe.
Nicht Mitleid.
Nicht Geduld auf Raten.
Ich brauche Hände,
die wissen,
was sie tun.
Und Gesichter,
die mich ansehen,
nicht die Uhr.
Strophe 3
Ich weiß, was ich koste.
Man hat es mir gesagt.
Nicht böse,
nur sachlich.
Als wäre ich ein Auto
mit Ersatzteilen.
Ich habe genickt.
Was soll man auch sagen,
wenn man selbst
zur Rechnung wird?
Strophe 4
Ich will niemandem
zur Last fallen.
Ich hab diesen Satz
mein Leben lang geübt.
Aber jetzt wird er gefährlich,
weil er mich still macht,
wenn ich eigentlich
sprechen müsste.
Refrain
Ich brauche Hilfe.
Nicht als Gnade.
Nicht als Ausnahme.
Ich brauche Hilfe,
weil ein Körper
irgendwann ehrlich wird.
Und weil Würde
nicht daran hängen darf,
ob jemand zahlen kann.
Bridge
Ich habe gearbeitet.
Ich habe Steuern gezahlt.
Ich habe geglaubt,
das reicht.
Jetzt hoffe ich nicht
auf Dank,
sondern auf Ordnung.
Auf ein System,
das mich nicht
zu spät entdeckt.
Strophe 5
Ich sehe die Angst
in den Augen der Kinder.
Nicht vor mir.
Vor den Zahlen.
Und das tut mehr weh
als jedes Gelenk.
Ich will nicht,
dass sie sich schämen,
mich zu lieben.
Letzter Refrain
Ich brauche Hilfe.
Und ich schäme mich nicht mehr,
das zu sagen.
Denn ein Land,
das alt werden will,
muss lernen,
dabei zuzuhören.
Ich brauche Hilfe.
Und ich bin noch ein Mensch.
Schluss
Wenn ihr fragt,
was mich trägt:
Es ist nicht Geld.
Es ist die Hoffnung,
dass Fürsorge
kein Fehler im System ist,
sondern sein Sinn.
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Perspektive 4 von 6 · Angst, Scham und Würde
Der pflegebedürftige Mensch
Der vollständige Text bleibt als künstlerische Stimme erhalten. Er ist keine statistische Darstellung, sondern macht eine politische Folge emotional erfahrbar.