Ich soll das jetzt bezahlen
(Stimme des erwachsenen Kindes)
Strophe 1
Ich hab die Ordner durchgesehen,
alle, die man lieber meidet.
Rentenbescheid, Pflegegrad,
Zahlen, die man nicht begreift.
Da steht kein Drama,
nur eine Summe pro Monat.
Und mein Name steht da nicht,
aber ich weiß: Er ist gemeint.
Strophe 2
Es ist meine Mutter.
Es ist mein Vater.
Es ist der Mensch,
der mich getragen hat.
Ich will nicht rechnen,
ich will da sein.
Aber irgendwer hat beschlossen,
dass Liebe jetzt beziffert sein muss.
Refrain
Ich soll das jetzt bezahlen.
Nicht, weil ich reich bin,
sondern weil ich da bin.
Ich soll das jetzt tragen,
als wäre Fürsorge
eine Rechnung, die man weiterreicht.
Ich soll das jetzt bezahlen
und so tun,
als wäre das normal.
Strophe 3
Ich hab ein eigenes Leben,
sagen sie mir leise.
Kinder, Miete, Arbeit,
alles auf Kante genäht.
Ich hab nicht versagt.
Ich hab nichts falsch gemacht.
Und trotzdem steh ich hier
mit einer Schuld, die keine ist.
Strophe 4
Man sagt: Das ist zumutbar.
Man sagt: Das ist Gesetz.
Aber niemand fragt,
wie sich das nachts anfühlt.
Zwischen Gewissen und Konto,
zwischen Nähe und Angst,
zwischen Ich will helfen
und Ich kann nicht mehr.
Refrain
Ich soll das jetzt bezahlen.
Und niemand sagt mir,
wie lange.
Ich soll das jetzt schultern
und bitte dabei
nicht bitter werden.
Ich soll das jetzt bezahlen,
als wäre Familie
ein stiller Kreditvertrag.
Bridge
Ich will meine Mutter besuchen
ohne Taschenrechner im Kopf.
Ich will meinen Vater ansehen
ohne den Preis zu kennen.
Ich will, dass Fürsorge
kein Luxus wird,
den man sich leisten können muss.
Strophe 5
Ich rechne nicht gegen sie.
Ich rechne gegen ein System,
das so tut,
als wäre Zeit unendlich
und Verantwortung delegierbar.
Ich will keine Sonderrolle.
Ich will nur nicht zerbrechen
an etwas,
das alle längst hätten sehen können.
Letzter Refrain
Ich soll das jetzt bezahlen.
Aber was ich wirklich zahle,
ist Sicherheit.
Zukunft.
Schlaf.
Und ein Stück Vertrauen
in ein Land,
das gesagt hat: Wir lassen niemanden allein.
Schluss
Ich bleibe.
Natürlich bleibe ich.
Aber hört endlich auf zu glauben,
dass Bleiben nichts kostet.
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Perspektive 3 von 6 · Überforderung und weitergereichte Kosten
Das erwachsene Kind
Der vollständige Text bleibt als künstlerische Stimme erhalten. Er ist keine statistische Darstellung, sondern macht eine politische Folge emotional erfahrbar.