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Inhaltsverzeichnis
2. Kleki-petra. [Klekih-petra.]
4. Zweimal um das Leben gekämpft.
Abraham H. Maslow
Jeder Mensch ist ein Mystiker
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David Steindl Rast - Zur Einführung
Abraham H. Maslow - Was Gipfelerlebnisse uns lehren (1961)
Abraham H. Maslow - Religionen, Werte und Gipfelerlebnisse (1964)
I EinleitungAnhänge
A Religiöse Aspekte der Gipfelerlebnisse
B Die dritte Psychologie
C Ethnozentrismus in der Formulierung der Gipfelerlebnisse
D Wie verlässlich ist das in Gipfelerlebnissen erlangte Wissen?
E Vorwort zu »New Knowledge in Human Values« 137
F Rhapsodische, isomorphe Kommunikation G S-Werte als Beschreibung der Wahrnehmung während Gipfelerlebnissen
H Natürliche Gründe, bei guten Bedingungen Werte des Wachstums denen der Regression vorzuziehen
I Beispiel einer S-Analyse
Literatur
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David Steindl-Rast wurde 1926 in Wien geboren, wo er Kunst und Anthropologie studierte und in Psychologie promovierte. 1953 trat er einem kontemplativen Zweig des Benediktinerordens in den USA bei. Ihm ist es unter anderem durch seine Erfahrung mit Zen-Buddhismus gelungen, Brücken zwischen christlicher Spiritualität und östlicher Weisheit zu schlagen; durch sein interdisziplinäres, soziales Engagement trägt er zu Verständnis und Frieden auf der Welt bei. Er teilt heute seine Zeit zwischen Klosterleben und Vortragsreisen und widmet sich der Website https://www.gratefulness.org Veröffentlichungen u.a.: Wendezeit im Christentum (zusammen mit Fritjof Capra; dev, München 1994): Die Achtsamkeit des Herzens (Goldmann, München 1997) und Credo: Ein Glaube, der alle verbinder (Herder, Freiburg 2010).
Zur Einführung
Weltbewegende Bücher sind selten dicke Schmöcker. Von Platon bis Einstein sind es oft nur dünne Bändchen. Ihr äußerer Umfang verrät nicht ihr inneres Gewicht. Auch das schlanke Büchlein, das Sie in Händen halten, enthält mehr geistigen Ex-plosionsstoff als ganze Bibliotheken. Es hat mit einem Schlag eine bisher ungeahnte, innige Verknüpfung zwischen Wissenschaft und Religion aufgedeckt. Und doch waren diese umwälzenden Einsichten Abraham Maslows bisher niemandem in deutscher Sprache zugänglich. Großer Dank gebührt daher Erhard Doubrawa sowie dem Peter Hammer Verlag für diese erste deutsche Ausgabe. Sie ist ein gewichtiger, längst fälliger
Kulturbeitrag.
Maslow drehte in der Mitte des 2o. Jahrhunderts die bis dahin übliche Fragestellung der Psychotherapie völlig um. Er fragte nicht mehr, »Was macht Menschen psychisch krank?« son-dern, »Was zeichnet psychisch besonders gesunde Menschen aus?« Dadurch stieß er auf eine ganz überraschende und für ihn selber als Agnostiker kaum akzeptable Tatsache: Psychisch besonders gesunde Menschen tendieren zu » mystischen Erfah-rungen. « Wie die meisten seiner Kollegen, hatte Maslow solche Erlebnisse als » pathologisch « klassifiziert; jetzt wurde ihm bewusst, dass sie zum innersten Wesen gesunden Menschseins gehören. Damit löste sich die bisher streng gezogene Trennungslinie zwischen Wissenschaft und Religion in nichts auf:
Religion würde von nun an anerkennen müssen, dass ihre Grunderfahrungen wissenschaftlich untersuchbar seien, und Wissenschaft war mit einem Bereich konfrontiert, der über das Materielle hinausreicht. Die Folgen dieser Entdeckung sind auch heute, ein halbes Jahrhundert später, noch kaum absehbar.
Weil Maslow ein ehrlicher und wagemutiger Wissenschaftler war, verschloss er sich seiner Entdeckung nicht, obwohl sie den Rahmen der vorhandenen Wissensstruktur sprengte. Er forschte kühn und nüchtern weiter. Dabei fand er nach und nach eine zweite überraschende Tatsache: Soweit man in der Psychologie verallgemeinern kann, darf man sagen: Überwältigend viele - vielleicht alle - Menschen machen solche mystischen Erfahrungen. Er nannte sie jetzt »Gipfelerlebnisse«, um die akademische Welt nicht durch einen religiös tönenden Begriff vor den Kopf zu stoßen, bestand aber darauf, dass es sich dabei um das handelt, was traditionell »Mystik« heisst, also um eine Ergriffenheit, die tiefere Einsicht schenkt als ein begriffliches Begreifen. Dies ist von entscheidender Bedeutung für ein Verständnis dessen, was es heisst Mensch zu sein. Es will ja sagen: Mystiker sind nicht einzigartige Menschen, sondern jeder Mensch ist ein einzigartiger Mystiker.
Je klarer wir dies einsehen und danach leben, desto psychisch gesünder - lebendiger, schöpferischer, selbstsicherer und gelassener - können wir werden. Freilich kann man Gipfel-erlebnisse nicht willentlich erzeugen. Sie sind immer ein überraschendes Geschenk. Aber wir können uns durch innere Of
8fenheit vorbereiten und das Bewusstsein der Allzugehörigkeit, das uns am Gipfel geschenkt wird, dankbar in unseren Alltag einfliessen lassen. Wer dies tut, wird im täglichen Leben anders
- behutsamer, herzlicher - mit Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen umgehen und einfach glücklicher sein durch Ausrichtung auf echte, bleibende Werte.
Wohl die wichtigste Entdeckung Maslows entspringt nämlich einem weiteren Schritt seiner Forschung: Er deckte den Zusammenhang zwischen Gipfelerlebnis und der Erfahrung von Werten auf. Wertverlust ist, wie Maslow feststellte, unsere erschreckendste Zeiterkrankung, gefährlicher als je zuvor eine Verfallserscheinung in der Menschheitsgeschichte es war. In Gipfelerlebnissen aber werden uns »Seinswerte«, wie Maslow sie nennt, ganz spontan bewusst. Er schreibt: »Auf den Gipfeln wird die Natur des Seins oft nackt und bloß wahrgenommen; die ewigen Werte scheinen dann Eigenschaften der Wirklichkeit selbst zu sein. « Als seien wir plötzlich mit neuen Augen er-wacht, sehen wir einen Augenblick lang alles, was es gibt, als ein einziges, wahres, schönes, gutes, unendlich wertvolles Ge-schenk, das uns mit der Freude überwältigender Dankbarkeit erfüllt. Und alle Kennzeichen des Seins, die uns da aufleuchten
- Einheit, Wahrheit, Schönheit, Gutsein - leuchten uns zugleich als grundlegende, unleugbare, allgemeingültige Werte ein. In jenen Augenblicken, in denen wir ja eigentlich jede Bewertung fallen lassen, werden wir staunend gewahr: Die Seins-Struktur der Welt ist zugleich ihre innerste Wert-Struktur.
»Oder« (so Maslow) » um es auf eine andere Weise zu sagen:
Der Himmel ist überall um uns herum, steht im Prinzip immer zur Verfügung.«
Fassen wir kurz die umwälzenden und herausfordernden Einsichten zusammen, die Abraham Maslow durch die Erforschung von Gipfelerlebnissen uns schenkte. Schrittweise wurde es klar: Zum vollen gesunden Menschsein gehören Er. lebnisse, die sich von mystischen Erfahrungen, wie die Religionen sie kennen, nicht unterscheiden lassen. Diese Gipfelerie. nisse lassen sich wissenschaftlich untersuchen. Das verlangt nun aber von der Wissenschaft eine große Erweiterung hier Methodik, um dem erweiterten Umfang ihres Forschungsbereiches gerecht zu werden. Es verlangt zunächst engste Zu. sammenarbeit von Geistes- und Naturwissenschaften, aber auch gegenseitige Anerkennung und Verständigung zwischen Wissenschaft und Religion. Zugleich fordert es von der Religion eine Rückbesinnung auf ihre mystischen Wurzeln.
Jede Religion entspringt ja einem Gipfelerlebnis. Dies gilt für ihr innerstes Wesen, aber auch für ihre Entstehung und Entfaltung in der Geschichte. Lehre, Ethik und Ritual, drei Säulen jeder religiösen Tradition, lassen sich auf das mystishe Erlebnis zurückführen. Die Lehre ist letztlich der Versuch, seinen Inhalt verstandesmässig zu deuten; die Ethik gibt Anweisungen, wie die beglückende Allzugehörigkeit, die wir auf dem Gipfel er-leben, auch im Tal des Alltags willig verwirklicht werden kann; im Ritual feiert die Religion den Gefühlsgehalt mystischer Erfahrung und erreicht ihn sogar in ihren geglücktesten Formen.
In Gemüt, Willen und Verstand, entfaltet sich also die Mystik geistig und leiblich in jeder Religion - will sich zumindest so verwirklichen.
In der Praxis stellen sich leider häufig Fehlentwicklungen ein: Im kalten Klima von Institutionalisierung, Abstumpfung durch Gewöhnung und Vergessen des Wesentlichen gefriert das lebendige Wasser mystischer Erfahrung und wird zu Eis; Lehre verhärtet sich dann zu Dogmatismus, Ethik zu Moralismus, der Kult zu Ritualismus. Nur der Tauwind persönlich mystischer Herzenswärme kann diese Ismen wieder zum Schmelzen bringen und lebenspendendes Wasser zum Sprudeln. Verstand, Wille und Gemüt - der ganze Mensch, versinnbildlicht durch das Herz - ist also angefordert. Das Herz jeder Religion ist ja die Religion des Herzens. Nur Rückkehr in die mystischen Tiefen des Herzens kann eine Religion wieder religiös machen.
Auf dieser Ebene mystischer Erfahrung sind die Religionen einander sehr ähnlich. So verschieden die Auslöser für Gipfel-erlebnisse, so ähnlich doch die ausgelöste Erfahrung. In Mas-lows Worten: »Die Stimuli sind sehr unterschiedlich, die subjektive Erfahrung ist tendenziell ähnlich. « Eine Parallele dazu bilden unsere inneren Erfahrungen von Glück, die sich ja auch sehr ähneln, unabhängig von der großen Vielfalt dessen, was Menschen glücklich macht. Die Mystiker aller religiösen Traditionen »sprechen eine gemeinsame Sprache, haben gemeinsame Erfahrungen und leben in derselben Welt. « Hier bilden Maslows Forschungsergebnisse eine solide Grundlage für gegenseitige Anerkennung und Zusammenarbeit zwischen den Religionen - für eine Aufgabe also, von der heute das Überleben der Menschheit abhängt, die wir aber noch kaum in Angriff genommen haben.
Für meine eigene lebenslange Mitarbeit am interreligiösen Dialog boten Maslows Entdeckungen unersetzliche Ansatz-punkte. Im Rückblick erkenne ich eine klare Linie, die von meiner ersten Begegnung mit Maslows Forschungsergebnissen hinführt bis zu meiner Auslegung des christlichen Glaubensbekenntnisses in Worten allgemeinmenschlicher innerer Erfah-rung. Nur die Mystik erwies sich als Brücke mit genügend Trag-kraft, um es dem Dalai Lama zu ermöglichen, mein Buch über das Credo mit einem Vorwort zu ehren. Selbst ein Unikum in der Religionsgeschichte, wie es diese unsere Zusammenarbeit darstellt, wird durch Maslows Einsichten verständlich.
Aber nicht nur in den Bereichen von Religion und Wissenschaft erschließen Maslows Entdeckungen ein unüberschaubar weites Forschungsgebiet und fordern zu ihrer Auswertung heraus. Ihre große Bedeutung für Noetik, Psychotherapie und Bewusstseinsforschung ist noch nicht erkannt worden. Die Glücksforschung hat die zentrale Stellung des Gipfelerlebnisses
- durch das wir ja überhaupt erst wissen was Glück ist - noch nicht ausgewertet. Und wie müsste unser Erziehungssystem sich wandeln, um der Einsicht gerecht zu werden, dass mystische Erfahrung zum vollen Menschsein gehört? Es ist ja kein Zufall, dass Gipfelerlebnisse, wie Maslow aufzeigte, in Kindheit und Jugend häufiger vorkommen, als später im Leben.
Heikle, hart umstrittene Untersuchungen werden dadurch herausgefordert, dass durch Psychodelika mystische Erfahrungen gewonnen werden können, die sich von spontanen Gipfel-erfahrungen nicht unterscheiden lassen. In beiden Fällen ist das Entscheidende nicht die Erfahrung, sondern ihre Anwendung im täglichen Leben, aber vor der Anwendung muss die Erfahrung kommen. Andere Kulturen beweisen ihre innere Offenheit für Mystik durch ihre Bereitschaft, sich durch rituelle Verwendung von psychodelischen Stoffen auf mystische Erlebnisse vorzubereiten. In unserer Kultur stehen dem grosse Vorurteile im Weg. Wozu das führt, wissen wir. Wenn wir aber Maslows Einsicht von der zentralen Wichtigkeit der Gipfelerlebnisse für volles Menschsein ernst nehmen, werden wohl auch wir lernen, konstruktiver mit Psychodelika umzugehen, als ihre Anwendung zu kriminalisieren.
Erziehung zur Dankbarkeit erscheint mir persönlich als der naheliegendste und meistversprechende Weg zu einer Kultur, die Maslows Verständnis gesunden Menschseins verwirklicht.
Mystik im Alltag - und um die geht es hier - besteht ja darin, im Jetzt zu leben. Das ist letztlich das Ziel jeder spirituellen Trainingsmethode. Und dankbares Leben ist eine solche Me-thode, denn dankbar ist man immer im Jetzt. (Man kann für Vergangenheit und Zukunft dankbar sein, aber immer nur jetzt.) Die Entdeckung der Dankbarkeit als zentrale Triebkraft in der Erziehung und die bemerkenswerten pädagogischen Experimente in dieser Hinsicht, ob von Maslow angeregt oder nicht, stellen heute jedenfalls etwas dar, was er sich erhofft hätte. Dankbarkeitserziehung ist auch ein sicherer Weg zur Wiederbesinnung auf allgemeingültige Werte, denn sie nimmt jene mystische Tiefe des Lebens ernst, in der die Werte verankert sind.
Die neuen Forschungswege, die sich aus Maslows Entdeckung der Gipfelerlebnisse ergeben, erfordern mutiges Vor-angehen; sie sind aber auch vielversprechend. Sollte dieses Buch nicht den Anstoß geben, das eine oder das andere dieser Versprechen zu erfüllen? Das dürfen wir wohl mit freudiger Spannung erwarten.
Dr. David Steindl-Rast OSB
Europakloster Gut Aich, 20. Oktober 2013
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Abraham H. Maslow - Was Gipfelerlebnisse uns lehren:
Worüber ich heute Abend sprechen werde, ist eine Erkundung der Psychologie der Gesundheit oder der besten Seite des Men-schen. Ich berichte von einem Weg, von einer Aufgabe, die noch nicht vollbracht ist, eine Art Aufbruch ins Unbekannte, bei welchem ich mich wissenschaftlich sehr verletzlich gemacht habe. Das sei eine Warnung an jene unter Ihnen, die nach vollbrachten Aufgaben Ausschau halten. Diese ist noch nicht voll-bracht.
Als ich die Psychologie der Gesundheit zu erforschen be-gann, nahm ich die besten, gesündesten Menschen, die besten Exemplare der Menschheit, die ich finden konnte, und studierte sie, um zu sehen, was sie auszeichne. Sie waren sehr anders, in gewisser Weise verwirrend anders als der Durchschnitt. Der Biologe hatte Recht, der bekannt gab, er habe das fehlende Bindeglied zwischen Menschenaffen und zivilisierten Menschen gefunden. »Das sind wir!«3
Von diesen Menschen lernte ich viel. Aber eins ist jetzt vor allem unser Anliegen. Ich fand heraus, dass diese Menschen da-zu tendierten, von mystischen Erfahrungen zu berichten, von Augenblicken großer Ehrfurcht, Augenblicken des intensivsten Glücks oder sogar der Verzückung, Ekstase oder Glückseligkeit (weil das Wort »Glück« zu schwach sein kann, um diese Er-fahrung zu beschreiben).
Diese Augenblicke warn das reine, positive Glück. Alle Zweifel, alle Ängste, alle Hemmungen, alle Spannungen, alle Schwächen wurden zurückgelassen. Sogar das Bewusstsein ih-fer selbst verlor sich. Alle Getrenntheit und Entfernung von der Welt schwanden. Sie wurden eins mit der Welt, verschwammen mit ihr, gehörten ihr wirklich zu und an, statt außen vor zu blei-ben und nur hineinzuschauen. (Eine Versuchsperson sage zum Beispiel: »Ich fühlte mich wie das Mitglied einer Familie, nicht wie ein Waisenkind. «)
Vielleicht das wichtigste in diesen Erfahrungen war vor allem aber der Bericht über das Gefühl, dass sie wirklich die ultimative Wahrheit, das Wesen der Dinge, das Geheimnis des Lebens gesehen hätten, als wäre ein Schleier beiseite gezogen worden. Alan Watts hat dieses Gefühl als »Das ist es!« beschrieben,+ als sei man endlich dort angekommen, als ob das gewöhnliche Leben angestrengt irgendwohin strebe und dies war die Ankunft, das »Being There«, das Ende der Anstrengung und des Strebens, die Erfüllung des Begehrens und der Hoffnung, die Antwort auf die Sehnsucht und das Seufzen. Jeder weiß, wie es sich anfühlt, etwas zu wollen und nicht zu wis-sen, was es ist. Diese mystischen Erfahrungen fühlen sich an wie die ultimative Antwort auf die vagen, unbefriedigten Seufzer.
Sie sind wie ein plötzliches Stolpern in den Himmel; wie das Wunder, das geschehen ist, wie die schließlich erlangte Voll-kommenheit.§
Dabei hatte ich hier schon etwas Neues gelernt. Das Weni-ge, was ich jemals über mystische Erfahrungen gelesen hatte, band sie an Religion mit ihren übernatürlichen Visionen. Und wie die meisten Wissenschaftler hatte ich sie ungläubig abgetan und hielt sie für Unsinn, möglicherweise für Halluzinationen, möglicherweise für Hysterie, fast immer für pathologisch.
Aber die Leute, die mir mündlich oder schriftlich von diesen Erfahrungen berichteten, waren nicht solche Menschen, sie waren die gesündesten Menschen! Da hatte ich etwas gelernt!
Und ich darf hinzufügen, dass ich etwas erfuhr über die Grenzen des kleinen (nicht des großen) orthodoxen Wissenschaft-lers, der Informationen nicht als Wissen oder als Realität aner-kennt, die nicht in die bereits vorhandene Wissensstruktur pas-sen. (»Ich bin der Direktor dieses Colleges; was ich nicht weiß, ist kein Wissen.«)
Diese Erfahrungen hatten meist nichts mit Religion zu tun, zumindest nicht im normalen übernatürlichen Sinne. Sie entstammten den großen Augenblicken von Liebe und Sex, den großen ästhetischen Augenblicken (insbesondere Musik), den Ausbrüchen von Kreativität und kreativem Furor (der großen Inspiration), den großen Augenblicken der Einsicht und der Entdeckung, bei Frauen dem Erleben einer natürlichen Geburt
- oder der bloßen Liebe zu den Kindern, den Augenblicken der Verschmelzung mit der Natur (im Wald, an einer Küste, auf den Bergen, etc.), gewissen sportlichen Erfahrungen wie Schnor-cheln, Tanzen, etc.
Die zweite große Lektion, die ich gelernt habe, lautete, dass dies eine natürliche, keine übernatürliche Erfahrung war, und ich gab die Bezeichnung » mystische Erfahrungen « auf und nannte sie »Gipfelerlebnisse«. Sie können wissenschaftlich untersucht werden. (Ich habe begonnen, dies zu tun.) Sie befinden sich innerhalb der Reichweite des menschlichen Wissens, sind keine ewigen Geheimnisse. Sie befinden sich in der Welt, nicht außerhalb der Welt. Nicht bloß Priester machen sie, sondern die ganze Menschheit. Sie stellen nicht länger Gegenstände des Glaubens dar, sondern öffnen sich der menschlichen Erforschung und des menschlichen Wissens. Man beachte, in welcher Weise die Worte »Offenbarung«, »Himmel«, » Erlö-sung«, etc. einen auch natürlichen Sinn haben. Die Geschichte der Wissenschaften erzählt, dass die Wissenschaften den Geltungsbereich der Religion Stück für Stück an sich gerissen ha-ben. Jetzt scheint das wieder zu geschehen. Oder, um das alles anders auszudrücken: Gipfelerlebnisse können als wahrhaft religiöse Erfahrungen im besten und tiefsten, universellsten und humanistischsten Sinne des Wortes gelten. Es kann sich heraus-stellen, dass die wichtigste Konsequenz aus dieser Arbeit darin besteht, die Religion in den Geltungsbereich der Wissenschaft eindringen zu lassen.
Die nächste große Lektion, die ich gelernt habe, war, dass Gipfelerlebnisse weitaus häufiger vorkommen, als ich jemals erwartet hatte: Sie waren nicht auf gesunde Menschen be-schränkt. Diese Gipfelerlebnisse hatten auch durchschnittliche und sogar psychisch kranke Menschen. In der Tat vermute ich jetzt, dass sie bei praktisch allen auftreten, allerdings unerkannt oder nicht als das genommen, was sie sind.
Denken Sie für einen Augenblick daran, wie verrückt diese Erkenntnis in ihren Auswirkungen ist. Ich habe lange ge-braucht, sie zu realisieren. Praktisch jeder berichtet von Gipfel-erlebnissen, wenn auf sie angesprochen und befragt und in der richtigen Weise ermutigt wird. Ich habe auch gelernt, dass es reicht, darüber zu reden, wie ich es jetzt tue, um aus den Tiefen geheime Erinnerungen an Gipfel zu lösen, die man niemandem je zuvor enthüllte, vielleicht nicht einmal sich selbst gegenüber.
Warum sind wir so schüchtern angesichts ihrer? Wenn uns etwas Wunderbares widerfährt, warum verschweigen wir es?
lemand wies einmal darauf hin: »Einige Leute haben Angst zu sterben, aber andere haben Angst zu leben. «6 Vielleicht ist es
das.
Es gibt erhebliche Überschneidungen zwischen den Eigenschaften des Gipfelerlebnisses und den Eigenschaften der psychischen Gesundheit (Stärker integriert, lebendiger, individuel-ler, weniger gehemmt, weniger ängstlich, etc.), so bin ich ver-sucht, das Gipfelerlebnis als eine punktuelle Episode des Übergangs zur Selbstverwirklichung oder zur Gesundheit zu be-zeichnen. Wenn diese Vermutung sich als richtig erweist, läuft sie darauf hinaus, dass fast alle, auch die kränkesten Menschen, psychisch zeitweise gesund sein können.
Eine weitere Lektion, derer ich mir mittlerweile sehr sicher bin: Gipfelerlebnisse sprudeln aus vielen, vielen Quellen und jede Art Mensch kann sie haben. Meine Liste von Quellen wird immer langer, je mehr ich mich mit diesen Forschungen be. schäftige. Manchmal bin ich versucht zu denken, dass fast jede Situation, in der Vollkommenheit winkt, oder eine Hoffnung sich erfüllt, oder in der vollkommene Befriedigung erreicht wird, oder wenn alles glatt gegangen ist, bei manchen Menschen manchmal ein Gipfelerlebnis hervorrufen kann. Das kann in einem bescheidenen Bereich des Lebens oder der Alltagswelt stattfinden, die Situation kann sich tausendmal zuvor wiederholt haben, ohne dass es zu einem Gipfelerlebnis gekom-
men ist.
»Wenn Ihr Alltag Ihnen arm scheint«, schrieb Rilke in seinen Briefen an einen jungen Dichter, »klagen Sie ihn nicht an; klagen Sie sich an, sagen Sie sich, daß Sie nicht Dichter genug sind, seine Reichtümer zu rufen; denn für den Schaffenden gibt es keine Armut und keinen armen, gleichgültigen Ort. «?
Zum Beispiel: Eine junge Mutter hastete in ihrer Küche her-um, um das Frühstück für ihren Mann und ihre Kinder zu be-reiten. Die Sonne fiel durchs Fenster, die Kinder waren sauber und schön gekleidet, schnatterten beim Essen. Der Mann spielte entspannt mit ihnen. Plötzlich übermannte sie die Schönheit und ihre große Liebe für sie, durchflutete sie ein Gefühl von Glück, dass es zu einem Gipfelerlebnis kam. (Das erinnert mich an mein Erstaunen über solche Berichte von Frauen. Das Erstaunen belehrte mich, wie sehr wir all dies vermännlicht hatten.)
Ein junger Mann, der sich sein Medizinstudium als Drummer in einer Jazz-Band verdiente, berichtete Jahre später, dass er während all seinem Trommeln drei Gipfel hatte, als er sich plötzlich als ein großer Schlagzeuger fühlte und seine Darbietung für perfekt hielt.
Nach einer Dinner-Party, die ideal gelaufen war, verabschiedete eine Gastgeberin ihren letzten Gast dieses schönen Abends, setzte sich in einen Stuhl, schaute auf das ganze Durcheinander und kam zum Gipfel vor großem Glück und Heiter-keit.
Zu milderen Gipfeln kam es, als ein Mann nach einem guten Abendessen mit engen Freunden eine Zigarre rauchte, oder nachdem eine Frau ihre Küche wirklich gründlich geputzt hatte und alles leuchtete und funkelte und perfekt aussah.
Derart wird es klar, dass viele Wege zu solchen Erfahrungen des Hingerissenseins führen. Sie sind nicht unbedingt abge-dreht, okkult, obskur oder esoterisch. Sie benötigen nicht unbedingt eine jahrelange Ausbildung oder ein Studium. Sie beschränken sich nicht auf randständige Menschen, d. h. Mönche, Heilige oder Yogis, Zen-Buddhisten, Orientalen oder Menschen in einem besonderen Stand der Gnade. Gipfelerlebnisse sind nicht etwas, das im Fernen Osten vorkommt, an besonderen Orten oder einem speziell geschulten oder auserwählten Volk. Es findet statt in der Mitte des Lebens, widerfährt alltäglichen Menschen in alltäglichen Berufen. Dies ist eine klare Bestätigung für die Autoren, die über Zen und dessen Konzept des
»nichts Besonderes « schreiben.8
Nun noch eine weitere Verallgemeinerung, der ich mir inzwischen ziemlich sicher bin. Egal, was die Quelle der Gipfelerlebnisse ist, scheint allen Gipfelerlebnissen etwas gemeinsam zu sein, neigen sie dazu, sich zu ähneln. Ich kann nicht sagen, dass sie identisch miteinander sind - das sind sie nicht. Aber sie sind viel näher daran, identisch zu sein, als ich mir jemals habe träumen lassen. Es war erstaunlich für mich zu hören, wie eine Mutter ihre ekstatischen Gefühle während der Geburt ihres Kindes beschreibt und dabei zum Teil die gleichen Worte und Sätze verwendet, die ich in den Schriften der heiligen Theresa von Avila? oder Meister Eckhardt'° gelesen hatte, oder in japanischen oder hinduistischen Beschreibungen der Erfahrungen von »satori «Il oder »samadhi«.# (Aldous Huxley macht den gleichen Punkt in » Die ewige Philosophie «.) 13
Ich habe das alles noch nicht vollständig erforscht, denn bisher handelt es sich nur erst um ein vorläufiges Pilotprojekt, aber ich bin mir sicher, dass sich alle Gipfelerlebnisse bis zu einem gewissen Grad verallgemeinern lassen. Die Stimuli sind sehr unterschiedlich, die subjektive Erfahrung ist tendenziell ähnlich. Oder um es anders auszudrücken: Unser Hochgefühl gleicht sich, wir beziehen es nur aus unterschiedlichen Quellen, bei weniger starken Leuten vielleicht gar aus »Rock and Roll«, Drogen und Alkohol. Ich bin mir dessen umso sicherer, nachdem ich Literatur über die mystischen Erfahrungen, das kosmische Bewusstsein, ozeanische Erfahrungen, ästhetische Er-fahrungen, kreative Erfahrungen, Liebeserfahrungen, elterliche Erfahrungen, sexuelle Erfahrungen und Erfahrungen der Erkenntnis konsultiert habe. Sie alle überschneiden sich, nähern sich der Ähnlichkeit und sogar der Identität an.
Ein Hauptvorteil, den ich aus dieser Entdeckung gezogen habe und den wir möglicherweise alle aus ihr ziehen können, ist, dass sie uns hilft, einander besser zu verstehen. Wenn ein Mathematiker und ein Dichter ähnliche Worte verwenden, um ihre Gipfelerlebnisse aufgrund eines gelungenen Gedichts und eines erfolgreichen mathematischen Beweises zu beschreiben, sind sie sich subjektiv ähnlicher, als wir gedacht haben. Ich kann solche Parallelen ziehen zwischen einem Highschool-Athleten, der einen Touchdown erläuft, 14 einem Business-Mann, der seine Gefühle über Pläne für eine perfekte Fabrik zur Herstellung von konservierten Feigen beschreibt, und einem Musikstuden-ten, dem es gelingt, beim Adagio in Beethovens Neunter Symphonie mitzuhalten. Ich habe das Gefühl, Männer können mehr über das innere Leben der Frauen lernen (und umge-kehrt), wenn sie lernen, was bei ihnen höchste Befriedigung und das Gefühl der Kreativität auslöst. Zum Beispiel berichten College-Mädchen signifikant häufiger als College-Jungs, dass sie ihre Höhepunkte daraus ziehen, geliebt zu werden. Die Jungs gewinnen signifikant häufiger ihre glücklichsten Augenblicke über Erfolg, Eroberung und Leistung. Dieser Befund entspricht sowohl dem gesunden Menschenverstand als auch
der klinischen Erfahrung.
er Wenn sich unsere inneren Esfahrungen von Glück sehr ah. neln, unabhängig davon, was sie auslöst und wie unterschied. ich die Menschen sind, denen diese Erfahrungen widerfahren (das heißt, wenn wir uns innerlich ähnlicher sind als äußerlich), dann kann dies uns einen Weg weisen, mehr Sympathie und Verständnis für Menschen aufzubringen, die sehr verschieden von uns sind: Sportler und Intellektuelle, Frauen und Männer, Erwachsene und Kinder, etc. Ein Künstler und eine Hausfrau sind nicht 1000 Meilen auseinander. In manchen Augenblicken sprechen sie eine gemeinsame Sprache, haben gemeinsame Erfahrungen und leben in derselben Welt.
Kann man diese Erfahrungen willentlich herbeiführen?
Nein! Oder nahezu völlig nein! Im Allgemeinen werden wir von Freude überrascht,' um den Buchtitel von C. S. Lewis auf diese Frage anzuwenden. Gipfel kommen unerwartet, plötzlich sind sie uns unterlaufen. Man kann nicht auf sie zählen. Und nach ihnen zu jagen, ist ein wenig wie die Jagd nach Glück. Am besten macht man das nicht auf direktem Wege. Es stellt sich nebenbei ein, als Epiphänomen, wenn einem etwas Wertvolles prima gelingt, mit dem man sich identifizieren kann.
Selbstredend können wir aufgrund unserer vergangenen Erfahrungen machen, dass ein Gipfelerlebnis mehr oder weniger wahrscheinlich eintritt. Einige glückliche Menschen haben fast immer ein Gipfelerlebnis beim Sex. Einige können auf gewisse Musikstücke oder Lieblingsaktivitäten wie etwa Tanzen oder Schnorcheln zählen. Aber nichts davon wird garantiert immer ein Gipfelerlebnis bringen. Die günstigste Geistesverfassung, um sie zu »empfangen«, ist fast eine Art Passivität, ein Vertrauen oder eine »Kapitulation«, eine taoistische16 Haltung des Gewährenlassens ohne Störung oder Eingriff. Man muss in der Lage sein, Stolz, Wille, Macht, Steuerung, Kontrolle 7ª auf-zugeben. Man muss in der Lage sein zu entspannen und es passieren zu lassen.
Ich denke, das wird Ihr genauso wie mein Interesse am Tao-ismus und an seinen Lehren verstärken. Gleiches gilt für Zen.
(Im Großen und Ganzen kann ich sagen, dass meine Ergebnisse den Philosophien des Zen und des Tao besser entsprechen als jeder anderen religiösen Mystik.)
Ich bin mir heute sehr sicher, dass die Unaussprechbarkeit solcher Erfahrungen übertrieben wurde. Es ist möglich, über sie zu sprechen, sie zu beschreiben und zu kommunizieren. Ich mache das jetzt die ganze Zeit, nachdem ich gelernt habe, wie das geht. »Unaussprechlich« bedeutet in Wirklichkeit »nicht kommunikabel durch eine rationale, logische, abstrakte, wört-liche, analytische, gegenständliche Sprache«. Die Gipfelerleb-nisse lassen sich ziemlich gut beschreiben und kommunizieren, wenn (1) beide solche Erfahrungen selbst gemacht haben und wenn man (2) in der Lage ist, sich poetisch oder rhapsodisch 17b auszudrücken, sich erlaubt, »archaisch« im Sinne C. G. Jungs zu sein,'& metaphorisch auf der Grundlage primärer Prozesse zu »denkfühlen«*9 - oder was Heinz Werner die » physiognomi.
sche Sprache« genannt hat. 20
Es ist wahr, die Psyche ist allein, eingekapselt - abgeschnit. ten von allen anderen - und für zwei solche isolierten Psychen über die große Kluft zwischen ihnen hinweg sich zu verständi gen, erscheint wie ein Wunder. Nun, das Wunder passiert.
Wie steht das Gipfelerlebnis in Beziehung mit demjenigen, der es erlebt?, lautet meine nächste Frage. Es scheint mir bereits festzustehen, dass irgendeine Art von dynamischem Isomor-phismus im Gange ist, eine Art gegenseitiger und paralleler Rückkoppelung oder ein Nachhall zwischen den Eigenschaften des Wahrnehmenden und der wahrgenommenen Welt, so dass sie dazu neigen, sich gegenseitig zu beeinflussen.
Um es ganz kurz zu machen, hat der Wahrnehmende sich der Wahrnehmung würdig zu zeigen. Oder besser gesagt, sie müssen einander wie gut oder schlecht verheiratete Ehepaare verdienen. Güte kann eigentlich nur von einem gütigen Mensch wahrgenommen werden. Eine psychopathische Persönlichkeit wird nie imstande sein, Güte, Gewissen, Moral oder Schuld zu verstehen, da sie selbst nichts davon hat. Aber die Person, die gut, wahrhaftig und schön ist, kann dies auch in der äußeren Welt wahrnehmen - oder: Je gefestigter und integrer wir sind, desto besser sind wir in der Lage, Integrität in der Welt wahrzunehmen..
Aber es gibt auch einen Effekt in der entgegengesetzten Richtung. Je integrer die Welt, je schöner oder auch je gerechter die Welt ist, um so stärker neigt sie dazu, den Wahrnehmenden integer, schön, gerecht etc. zu machen oder zu festigen. Ausschau nach den höchsten Werten in der Welt zu halten, zu de. nen wir aufschauen können, hilft, sie in uns hervorzubringen und zu stärken. So erwies ein Experiment, das wir an der Bran-deis University durchgeführt haben, dass in einem schönen Raum die Gesichter der Menschen mehr Lebendigkeit, Achtsamkeit und Wohlbefinden ausdrücken als in einem hässlichen Raum. Oder um es anders auszudrücken: Gipfelerlebnisse haben tendenziell eher nette Leute, und je besser die Umweltbedingungen für jemanden, um so eher kommt es zu Gipfel-
erlebnissen.
Diese Thesen benötigen noch viele weitere Beispiele, um sie zu festigen. Ich beabsichtige, darüber in größerer Ausführlichkeit zu schreiben. Es ist ein sehr wichtiger Punkt.
In Gipfelerlebnissen finden das »Sein« und das »Sollen« zueinander, anstatt sich zu scheiden oder zu widersprechen. Die Wahrnehmung sagt, dass das, was ist, auch so sein sollte. Was ist, ist genau das Richtige. Dies wirft so viele schwierige Fragen auf, dass ich an dieser Stelle nicht zu viel Aufhebens darum machen möchte, außer den Hinweis, dass es das ist, was geschieht.
Schließlich ein Befund, der bestimmten mythischen Vor-stellungen, besonders des Ostens widerspricht: Ich fand heraus, dass alle Gipfelerlebnisse vorübergehende Erfahrungen sind, nicht dauerhafte. Einige der Wirkungen oder Nachwirkungen mögen von Dauer sein, aber der Höhepunkt selbst ist es nicht.
Probleme und Fragen
Gipfelerlebnisse erwiesen sich für manche Menschen als sehr therapeutisch; und bei anderen hat sich der ganze Blick aufs Leben nach einem großen Augenblick der Einsicht, Inspiration oder Bekehrung für immer verändert. Dies ist leicht zu versiehen: Als habe man einen Augenblick im Himmel verbrach und erinnere sich dann daran in den trüben Augenblicken des alltäglichen Lebens. Eine charakteristische Aussage dazu: »lch weiß, dass das Leben schön und gut und dass das Leben lebens. wert sein kann, und ich versuche, mich daran zu erinnern, wenn ich es in den düsteren Tagen brauche.« Eine Frau, der nach der natürlichen Geburt eines Kindes immer noch angesichts dieses Wunders der Atem wegbleibt, sagte zu ihrem Mann: »Dies ist nie zuvor geschehen!« Eine andere erinnert sich der gleichen Erfahrung: »Für einmal war ich eine Königin, die vollkommenste Königin der Erde.« Ein Mann erinnerte sich an seine Erfahrung der Ehrfurcht: In einer Nacht ohne Licht befand er sich während des Krieges in einem Konvoi. Er verschmolz mit der Weite des Universums und war nicht getrennt von dessen ganzen Schönheit. Ein anderer erinnerte sich an einen Ausbruch von Übermut, der in schiere verrückte, kindliche Freude mündete, als er wie ein Fisch im Wasser ganz allein schwamm, so dass er seine große Freude über sein perfektes physisches Dasein hinausschreien konnte. Und selbstredend wird oft berich-tet, dass Sex unter den richtigen Umständen Wirkungen dieser Art zeitigt.
Es ist leicht zu verstehen, wie derart schöne Erfahrungen therapeutische Wirkungen entfalten, veredelnde und verschönernde Wirkungen auf den Charakter ausüben, auf die Lebens-sicht, auf die Weltsicht, und darauf, wie der Mann, wie das Kind angeschaut wird. Schwer zu verstehen ist dagegen, warum es so oft nicht der Fall ist. Praktisch jeder kann dahin gebracht werden zu erkennen, dass er solche Erfahrungen gemacht hat. Warum sind die Menschen dann so ein armseliger Haufen, so voller Eifersucht, Angst und Feindseligkeit vor lauter Elend? Dies ist, was ich nicht verstehen kann.
Ein Hinweis kommt von einer laufenden Untersuchung, die einige aus unserem Team durchführen über solche Menschen, die Gipfelerlebnisse haben, und solche, die sie nicht haben, also solche, die ihre Gipfelerlebnisse leugnen oder unterdrücken oder die vor ihnen Angst haben. Wir vermuten, dass Gipfel nicht positiv wirken, wenn sie auf diese Weise abgewehrt wer-
den.
Am Anfang dachten wir, einige Menschen hätten einfach keine Gipfel. Aber, wie ich oben sagte, fanden wir später heraus, viel wahrscheinlicher sei, dass die Menschen ohne Gipfelerleb-nisse sie zwar haben, aber unterdrücken oder falsch interpretie-ren oder sie aus irgendeinem Grund ablehnen und daher nicht
nutzen.
Einige der Gründe für diese Ablehnung, die wir bislang ge-funden haben: (r) Eine strikte marxistische Haltung wie die von Simone de Beauvoir, 1 die überzeugt war, dass diese Gip-felerlebnise eine Schwäche, eine Krankheit seien (ebenso Arthur Koestler). 22 Ein Marxist solle » hart « sein. Warum Freud seine Gipfelerlebnisse ablehnte, kann man nur vermuten: vielleicht (2) seine mechanistisch-wissenschaftliche Haltung des
19. Jahrhunderts, vielleicht (3) sein pessimistischer Charakter.
In meinen verschiedenen Untersuchungen habe ich manchmal angetroffen, dass beide Ursachen wirken. Bei anderen habe ich
(4) eine enge rationalistische Haltung entdeckt, die ich ansehe als eine Verteidigung gegen die Überschwemmung durch Emo-tionen, durch Irrationalität, durch den Verlust der Kontrolle, durch unlogische Zartheit, durch gefährliche Weiblichkeit, oder durch die Angst vor dem Wahnsinn. Man trifft solche Haltungen öfters an bei Ingenieuren, bei Mathematikern, bei analytischen Philosophen, bei Buchhaltern und Wirtschafts-prüfern, und ganz allgemein bei obsessiven Menschen.
Die Auswirkungen, Gipfelerlebnisse zurückzuweisen, müssen zahlreich sein. Wir versuchen, sie herauszufinden.
Eine Sache, die ich schon herausgefunden habe, ist, dass diese Erfahrungen eher zugegeben werden, wenn es eine Genehmigung durch eine Autoritätsperson gibt. Wenn ich zum Beispiel zu meinen Studenten oder vor anderen Gruppen von diesen Gipfeln offensichtlich zustimmend spreche, geschieht es immer, dass meinen Zuhörern viele Gipfelerlebnisse zu Bewusstsein kommen oder dass sie überhaupt zum ersten Mal
»erinnert« werden - oder, wie ich es heute bevorzuge, auszu-drücken, sie entstehen aus chaotischer, unorganisierter vorbe-wusster Erfahrung, der nun ein Name gegeben, der Aufmerksamkeit geschenkt wird, die sich als Figur aus einem Hintergrund schält. In einem Wort, die Menschen » realisieren « oder
»verstehen « dann, was ihnen widerfahren ist. Viele von Ihnen, die jetzt zuhören, werden das bestätigen. Es ist wie eine Parallele zur Entstehung der sexuellen Gefühle in der Pubertät. Aber dieses Mal sagt Papa, dass alles in Ordnung sei.
Das letzte Thema hat mich noch etwas weiteres gelehrt, das hier relevant sein könnte, nämlich: Es ist möglich, ein Gipfel-erlebnis (wie etwa die Frau bei der Geburt eines Kindes) zu haben, ohne dabei zu erkennen, dass es sich wie andere Gipfel-erlebnisse anfühlt, aber diese sind dennoch alle gleich struktu-riert. Vielleicht ist solches Nichterkennen der strukturellen Gleichheit der Gipfelerlebnisse ein Grund für fehlende therapeutische Nutzung von Gipfeln, ein Grund, warum sich ihre Wirkung manchmal nicht verallgemeinern lässt. Zum Beispiel hat die Frau schließlich begriffen, dass ihre Gefühle, als ihr Mann ihr einst das Gefühl gab, gebraucht zu werden und für ihn wichtig zu sein, ihren Gefühlen während der Geburt äh-neln, ebenso ihrem Gefühl überbordender Mütterlichkeit und Liebe, als sie einem verwaisten Kind begegnete. Jetzt kann sie die Erfahrungen verallgemeinern und für das ganze Leben nut-zen, nicht nur in einem isolierten Winkel.
Diese Arbeit wirft auch etwas Licht auf eine alte Fragestellung vieler religiöser Schriftsteller, besonders von denen, die über Bekehrung geschrieben haben wie William James oder Begbie,"3 ebenso wie viele der alten Mystiker. Sie gehen oft davon aus, dass es notwendig war, eine »Dunkle Nacht der Seele« zu durchlaufen, ganz unten anzukommen - Verzweiflung zu erleben als Voraussetzung für mystische Ekstase. Ich ziehe aus einigen dieser Schriften das Gefühl, als sei es notwendig, dass menschlicher Wille, Stolz und Arroganz sich zunächst voll entfalten. Nachdem sich erwiesen hat, dass Wille und Stolz ins. gesamt nur Elend hervorbringen, kann es sein, dass die Person dann fähig ist, sich aus den Tiefen heraus zu ergeben, zu emp. fangen, demütig zu werden, ihren Kopf zu senken und ihr Knie zu beugen; sich selbst auf dem Altar darzubieten; und sagen:
»Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.«24 Ich möchte betonen, dass dies nicht nur ein religiöses Phänomen ist; etwas von der gleichen Art kann dem Alkoholiker wider-fahren, dem Psychotiker, der Frau im Streit mit ihrem Mann oder dem Jugendlichen im Streit mit seinen Eltern.
Das Problem mit dieser Sichtweise war, meine ich jetzt, dass jene Haltung entweder eine gesunde oder eine kranke Form annehmen kann. So läuft die ganze Sache nicht bloß in religiöser Bekehrung oder mystischer Erfahrung ab, sondern auch in der Sexualität. Es ist sehr einfach, sexuelle Elemente in der mystischen Literatur ausfindig zu machen, und man kann leicht ein-sehen, dass eine sexualfeindliche Religion etwas Derartiges ablehnen musste und dass ein Satiriker wie H.L. Mencken die ganze Chose lächerlich machen kann.'$ Für alle Menschen, für die Sex und Religion (im »höheren « Leben) nicht zusammen-gehen, war dies ein Dilemma, das sie gefangen nahm. Nun, dieser Teil des Problems ist sicher kein Problem mehr, zumindest nicht für diejenigen, die denken, dass Sex (oder zumindest sexuelle Liebe) eine wunderbare und schöne Sache sei, und die gern bereit sind, ihn als ein Tor zum Himmel anzusehen.
Jedoch gibt es andere Probleme. Stolz kann leicht krank machen, aber ebenso kann es auch der Mangel an Stolz, d.h.
Masochismus. Es sieht so aus, als müssen die Menschen in der Lage sein, sowohl sich selbst zu bestätigen (stur, halsstarrig, wachsam, aufmerksam, dominant, aggressiv, selbstbewusst, etc.) als auch zu vertrauen, sich zu entspannen und empfänglich und taoistisch zu sein, Dinge ohne Einzugreifen laufen zu lassen, demütig zu sein und sich zu fügen. Zum Beispiel wissen wir jetzt, dass beides, in der richtigen Reihenfolge, notwendig ist für Kreativität, für ein gutes Denken und Analysieren, für zwischenmenschliche und sicherlich für sexuelle Beziehungen.
Es scheint wahr, dass Frauen besonders gut darin sind, zu vertrauen und zu ernten, während Männer sich besser selbstbewusst zur Geltung bringen können; aber beide müssen in der Lage sein, beides zu tun.
Wir haben gesehen, dass, soweit es die Gipfel betrifft, scheinbar die meisten von ihnen Phänomene des Empfangens sind. Sie fallen der Person zu und diese muss in der Lage sein, es zuzulassen. Man kann sie nicht erzwingen, fassen, oder herbei-befehlen. Willenskraft ist nutzlos, gleichfalls Sehnsucht und Anstrengung. Notwendig ist vielmehr, in der Lage zu sein, los-zulassen, die Dinge geschehen zu lassen. Ich kann Ihnen an einigen sehr einfachen Beispielen zeigen, was ich meine. Es war Angyal, 26 der mir sagte, dass seiner Erfahrung nach wirklich zwanghafte Menschen sich nicht im Wasser »treiben « lassen können. Sie können einfach nicht loslassen oder aufhören sich zu kontrollieren. Um sich treiben zu lassen, muss man sich dem Wasser anvertrauen. Bekämpft man es, geht man unter. Gleiches gilt für Wasserlassen, Stuhlgang, Schlafen, Entspannung, etc. Alles das beinhaltet die Fähigkeit, loszulassen, die Dinge geschehen zu lassen. Willenskraft stört nur. In diesem gleichen Sinne scheint es, als ob der Einsatz von Willenskraft Gipfel-erlebnisse hemme.
Ein letztes Wort zu diesem Punkt. »Loslassen«, »Ver. trauen« und dergleichen meint nicht unbedingt »Dunkle Nacht der Seele«, »pure Verzweiflung«, Brechen des Stolzes oder In-die-Knie-Zwingen. Gesunder Stolz geht gut mit gesunder Empfänglichkeit einher. Nur ungesunder Stolz muss »ge-brochen « werden.
Das ist übrigens ein weiterer Unterschied zwischen mystischer Erfahrung und diesen Gipfelerlebnissen.
An anderer Stelle habe ich auf das ungelöste Problem hinge-wiesen, dass Gipfelerlebnisse einige Leute wacher, engagierter machen und in Hochstimmung versetzen, während andere sich entspannen, ruhiger und gelassener werden. Ich weiß nicht, was dieser Unterschied bedeutet oder wo er herkommt. Vielleicht bedeutet letzteres vollständigere Befriedigung als ersteres. Vielleicht nicht. Mindestens eine Person ist mir begegnet, die von Gipfelerlebnissen Spannungskopfschmerzen bekommt, vor allem von ästhetischen. Sie berichtet von Rigidität, Anspannung und großer Erregung, unterdessen sie sehr gesprächig wird. Der Kopfschmerz ist nicht unangenehm und sie vermeidet ihn nicht, sondern sucht nach mehr. Dieser Kopfschmerz passt zu anderen, üblicheren Berichten. Zum Beispiel, ich zitiere: »Die Welt sieht freundlich aus und ich fühle mich freundlicher. Ich habe ein Gefühl der Hoffnung (was nicht üblich ist für mich).
Das sind die Augenblicke, wenn ich weiß, was ich will - klar, weniger Zweifel. Ich bin effizienter und treffe schneller Ent-scheidungen, bin weniger verwirrt. Ich weiß besser, was ich will
- was ich mag. Ich fühle mich nicht nur hoffnungsvoll, sondern habe mehr Verständnis und Mitgefühl. « Etc. etc.
Die Fragen, die ich gestellt habe, lauteten nach den Augenblicken der Verzückung, des größeren Glücks. Sie hielten sich darum auch an die bekannte Tatsache, dass Tragödie, Schmerz und Konfrontation mit dem Tod die gleichen kognitiven oder therapeutischen Wirkungen entfalten können bei Menschen mit genügend Mut und Kraft. So muss auch die Verwobenheit des Glücks mit der Traurigkeit - die Nähe des Lachens zu den Tränen - untersucht werden. Oft wurde mir berichtet von Trä-nen, die mit enormen Glück einhergingen (z. B. Weinen bei der glücklichen Hochzeit) oder mit dem Iriumph der Gerechtigkeit (z. B. Tränen am happy end), oder von dem Frosch im Hals (z.B. beim Höhepunkt einer besonders schönen Tanz-Veran-staltung), oder von Schüttelfrost, Gänsehaut, Zittern und - in einem Fall - sogar von einsetzender Übelkeit bei musikalischen Gipfeln. Diese Fragen erfordern intensivere und umfangreichere Untersuchungen.
Das Studium der Gipfelerlebnisse bringt unweigerlich eine sehr schwierige Aufgabe mit sich, der sich die Psychologie im nächsten Jahrhundert widmen muss. Das ist, was einige der alten Mystiker und einige Theologen die » Unitive Conscious-ness« usw. genannt haben.27 Das Problem, das die Religiösen formuliert haben, bestand darin, wie man ein gottgefälliges Leben in einer gottlosen Welt führen kann, wie man leben kann unter dem Aspekt der Ewigkeit, wie man an einer Vision der Vollkommenheit in einer unvollkommenen Welt festzuhalten vermag, wie man Wahrheit, Güte und Schönheit aufrecht erhält inmitten von Lüge, Bosheit und Hässlichkeit. In der Vergangenheit haben vielerart Menschen der Welt den Rücken zu-gekehrt, um diese Vision zu verwirklichen, etwa eingemauert in Klöstern oder durch ein asketisches Leben, etc. Und manch einer hat versucht, sich des Fleisches, des Körpers, des Hungers zu entledigen in dem Irrglauben, dass diese Dinge dem ewigen, dem vollkommenen und dem göttlichen Reich des Seins widersprechen.
Aber halt! Gipfelerlebnisse können sinnvollerweise von den unreifen Konzepten aufgenommen werden (oder diese sogar ersetzen), in denen der Himmel so etwas wie ein Country-Club an irgendeinem bestimmten Ort ist, vielleicht über den Wol ken. In den Gipfeln wird die Natur des Seins selbst oft nackt und bloß wahrgenommen; die ewigen Werte scheinen dann Eigenschaften der Wirklichkeit selbst zu sein. Oder um es auf eine andere Weise zu sagen: Der Himmel ist überall um uns herum, steht im Prinzip immer zur Verfügung, bereit, für in ein paar Minuten betreten zu werden. Er ist überall - in der Küche, bei der Arbeit oder auf einem Basketballplatz - überall dort, wo Vollkommenheit passieren kann, wo Mittel zum Zweck werden oder wo ein Job richtig gemacht wurde. Das Leben allseitiger Verbundenheit ist leichter erreichbar, als jemals erträumt, und eine Sache ist ganz offenbar - Forschung bringt es noch näher und macht es verfügbar.
Ein letztes Wort. Es muss inzwischen denen klar geworden sein, die mit der Literatur der mystischen Erfahrungen vertraut sind, dass diese Gipfelerlebnisse diesen sehr ähneln und sich mit ihnen überlappen, aber nicht mit ihnen identisch sind. Was ihre wahre Beziehung ist, weiß ich nicht. Meine Vermutung lau-tet, dass ein zwar gradueller, aber kein prinzipieller Unterschied besteht, Alle mystische Erfahrung, wie sie klassisch beschrieben wird, wurde mehr oder weniger durch Gipfelerlebnisse erlangt.
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Abraham H. Maslow - Religionen, Werte und Gipfelerlebnisse
Widmung
Für Andy und Mary Kay
Seit dieses Buch geschrieben wurde,48 ist viel los gewesen in der Welt, und daher gab es viel zu lernen. Viel von dem, was ich inzwischen gelernt habe, ist für das Thema hier relevant, zumindest in dem Sinne, dass es eine hilfreiche Ergänzung zu der Hauptthese des Buches darstellt. Oder vielleicht sollte ich es Warnungen davor nennen, einen übertriebenen, gefährlichen und einseitigen Gebrauch von dieser These zu machen. Selbstredend ist das generell eine Gefahr für Denker, die versuchen, ganzheitlich, integrativ und umfassend zu sein. Sie erfahren zwangsläufig, dass die meisten Leute atomistisch denken, nach den Schemen eines Entweder-Oder, Schwarz-Weiß, Alles-oder-Nichts, einer gegenseitigen Ausschließlichkeit und Getrennt-heit. Eine gute Illustration für das, was ich meine, ist die Mutter, die ihrem Sohn zwei Krawatten zu seinem Geburtstag schenkte. Als er eine von beiden antat, um ihr zu gefallen, fragte sie traurig: » Und warum hasst du die andere Krawatte?«
Meine Warnung vor Polarisierung und Einseitigkeit kann ich, wie ich glaube, am besten mit einem historischen Ansatz darlegen. In der Geschichte vieler organisierter Religionen sehe ich eine Tendenz zu zwei extremen Flügeln: der »mystische« und individuelle einerseits sowie der legalistische und organisatorische andererseits. Ein zutiefst und authentisch religiöser Mensch integriert diese Flügel mühelos und automatisch. Die Formen, Rituale, Zeremonien und Formeln, in denen er erzo. gen wurde, bleiben für ihn in der Erfahrung verwurzelt, symbo. isch bedeutsam, archetypisch, verbindend. Solch ein Mensch kann die gleichen Bewegungen und Verhaltensweisen durch. laufen wie seine immer zahlreicheren Glaubensgenossen, er lässt sich aber nie auf das Verhalten reduzieren wie die meisten von ihnen. Die meisten Menschen verlieren oder vergessen die subjektiv religiöse Erfahrung, und definieren »Religion «29 um zu einem Bündel von Gewohnheiten, Verhaltensweisen, Dog. men und Formeln, das im extremen Fall völlig legalistisch und bürokratisch, konventionell, leer und im wahrsten Sinne des Wortes anti-religiös wird. Die mystische Erfahrung, die Er-leuchtung, das große Erwachen werden vergessen, verdrängt oder in ihr Gegenteil verwandelt genauso wie der charismatische Seher, mit dem das Ganze begann. Organisierte Religio-nen, die Kirchen, können schließlich zu Hauptfeinden religiöser Erfahrung und religiöser Menschen werden. Das ist eine zentrale These dieses Buches.
Auf der anderen, mystischen (oder erfahrungsorientierten)
Seite lauern aber auch Fallen, die ich nicht ausreichend betont habe. Während der mehr apollinische Typus?° in die extreme Richtung einer Reduktion aufs rein Verhaltensmäßige schlingern kann, so läuft der mystische Typus Gefahr, aufs reine Erlebnis reduziert zu werden. Aus Freude an seinen und Erstaunen über seine Ekstasen und Gipfelerlebnisse ist er bestrebt, sie zu suchen, sofort, und sie als ausschließliches, einziges oder zumindest höchstes Gut des Lebens zu werten und dabei andere Kriterien von Recht und Unrecht aufzugeben. Fokussiert auf diese wunderbaren subjektiven Erfahrungen läuft er Gefahr, sich von der Welt und von anderen Menschen abzuwenden bei seiner Suche nach Auslösern für Gipfelerlebnisse, jedweden Auslösern. Mit einem Wort, anstatt vorübergehend mit sich selbst beschäftigt zu sein und nach innen zu schauen, wird er womöglich ausschließlich selbst-bezogen, strebt nur noch seine persönliche Erlösung an, will nichts als in den »Himmel« kommen, auch wenn andere es nicht können, und schließlich benutzt er vielleicht sogar andere Menschen als Auslöser, als Mittel für sein alleiniges Ziel eines höheren Bewusstseinszu-standes. Mit einem Wort, er kann nicht nur selbst-bezogen wer-den, sondern auch böse. Aus der Geschichte der Mystik habe ich den Eindruck gewonnen, dass dieser Trend bisweilen zu Ge-meinheit, Bösartigkeit, Verlust des Mitgefühls oder im Extremfall sogar zu Sadismus führt.
Eine weitere mögliche Sprengfalle für (polarisierende) Mystiker war im Verlaufe der Geschichte die Gefahr, die Auslöser sozusagen ständig steigern zu müssen. Das heißt, stärkere und immer stärkere Impulse wurden benötigt, um die gleiche Antwort zu erzeugen. Sieht man als alleiniges Gut im Leben Gipfel-erlebnisse an und heiligt dieser Zweck alle Mittel, sind mehr Gipfelerlebnisse besser als weniger, dann kann man sie erzwingen wollen, sie aktiv anstreben, sich um sie bemühen, ihnen nachjagen und für sie kämpfen. So wurden sie oft zu Magie, Ge-heimwissen, Esoterik, Exotik, Okkultismus, zu Drama, Gefahr und Kult. Gesunde Offenheit für das Geheimnisvolle, die demütige realistische Erkenntnis, dass wir nicht viel wissen, die bescheidene und dankbare Hinnahme grundloser Gnade und einfach bloßen Glücks - all dies kann anti-rational, anti-em-pirisch, anti-wissenschaftlich, anti-verbal, anti-konzeptionel überschattet werden. Gipfel-Erleben mag sich dann zum besten oder sogar einzigen Weg der Erkenntnis stilisieren lassen und dadurch werden all die Tests und Prüfungen, ob die Erleuchtung gültig sei, beiseite geschoben.
Die Möglichkeit, dass sich die inneren Stimmen, die »Of. fenbarungen«, auch falsch verstehen lassen, eine laute und deutliche Lehre aus der Geschichte, wird ausgeschlossen, und es gibt dann keine Möglichkeit herauszufinden, ob die inneren Stimmen die Stimmen des Guten oder des Bösen sind. (George Bernard Shaws »Saint Joan« konfrontiert mit diesem Pro-blem.)3r Spontaneität (das sind Impulse aus unserem besten Selbst) wird verwechselt mit Impulsivität und Ausagieren (das sind Impulse aus unserem kranken Selbst), und es gibt dann keine Möglichkeit, dazwischen zu unterscheiden.
Ungeduld (vor allem die natürliche Ungeduld der Jugend) diktiert Verkürzungen aller Art. Drogen, die, wenn sinnvoll ein-gesetzt, hilfreich sein können, werden gefährlich, wenn dumm angewendet. Die plötzliche Einsicht wird » alles «, Geduld und diszipliniertes »Durcharbeiten « aufgeschoben oder abgewer-tet. Statt sich »von Freude überraschen « zu lassen, plant man das »Eintakten«,37 verspricht es, wirbt dafür, verkauft es, wurschtelt es ins Leben und sieht es sogar als Ware an. Sexuelle Liebe, sicherlich ein möglicher Weg, um Heiligkeit zu erfahren, kann zum bloßen »Aufreißen« werden, d. h. wird entheiligt. Immer exotischere, künstlichere, bewusstseinserweiterndere „Techniken« eskalieren, bis man ohne sie nicht mehr kann und sie in Erschöpfung und Impotenz münden.
Die Suche nach dem Exotischen, dem Fremden, dem Au-Bergewöhnlichen, dem Besonderen, tritt oft auf in der Form von Wallfahrten, von Abwendung von der Welt, von »Reisen in den Osten«, in andere Länder oder andere »Religionen«.
Die große Lehre wahrer Mystiker, Zen-Mönche und heute auch humanistischer und transpersonaler Psychologen - das Heilige liege in der Normalität, im Alltag, bei Freunden und in der Familie, auf dem eigenen Hinterhof, und die Einsicht, dass die Reise möglicherweise Flucht im Angesicht des Heiligen darstelle - diese Lehre geht leicht verloren. Anderswo nach Wundern zu suchen, ist für mich ein sicheres Zeichen dafür, die Tatsache zu verkennen, dass alles wunderbar ist.
Die Ablehnung einer Priesterkaste, die behauptete, sie verfüge über einen exklusiv zu hütenden privaten heißen Draht zum Heiligen, war, meiner Meinung nach, ein großer Schritt vorwärts in der Emanzipation der Menschheit, und diese Leistung haben wir - unter anderem - den Mystikern zu verdanken.
Aber diese gültige Einsicht kann ebenfalls eine ungute Anwendung finden, wenn sie von törichten Leuten vereinseitigt und übertrieben wird. Sie lässt sich verbiegen zur Ablehnung von Führern, Lehrern, Weisen, Therapeuten, Beratern, Älteren, Helfern auf dem Weg zur Selbstverwirklichung und in den Kreis des Seins. Oft ist das eine große Gefahr und immer ein unnötiges Handicap.
Um Zusammenzufassen: Das gesunde Apolinische (was be-deutet, integriert mit den gesunden Anteilen des Dionysi-schen)33 kann sich auswachsen zu einer extremen, übertriebenen und vereinseitigten zwangsneurotischen Krankheit, Aber auch das gesunde Dionysische (was bedeutet, integriert mit der gesunden Anteilen des Apolnischen) kann in seiner extremen Form pathologisch werden als Hysterie mit allen ihren Symp.
tomen.34
Was ich hier vorschlage, ist offensichtlich eine durchgängig ganzheidiche Haltung und Denkweise. Nicht bloß muss die Es. fahrung betont und von der Psychologie und Philosophie wie. der aufgenommen werden im Gegensatz zum nur Abstrakten und Abgehobenen, zum a priori, zu dem, was ich als » mit He. lium aufgeblasene Worte« bezeichne. Sie muss dann auch mit dem Abstrakten und Verbalen integriert werden; wir müssen also einen Platz für »Erfahrungs-basierte Konzepte« und für
»Erfahrungs-basierte Worte « haben, das heißt, für eine Erleb-nis-basierte Rationalität im Gegensatz zur a-priori-Rationa-lität, die wir heute fast mit Rationalität überhaupt gleichsetzen.
Dasselbe gilt für die Beziehungen zwischen individuellem Wachstum und sozialen Reformen.3 Kurzsichtige Menschen machen sie zu Gegensätzen, die sich gegenseitig ausschließen.
Gewiss, historisch ist dies oft passiert und oft passiert es auch heute noch. Aber es muss nicht passieren. Es ist ein Irrtum, ein aromistischer Fehlschluss, ein Beispiel für Vereinseitigung und Pathologisierung, die einhergehen mit Unreife. Empirisch steht fest, dass Menschen, die sich selbst verwirklichen und darum am besten mit Erfahrungen umgehen können, auch diejenigen unter uns sind, die am meisten mitfühlen, die sich für die Verbesserung und Reform der Gesellschaft einsetzen, die effektiv gegen Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Sklaverei, Grausamkeit und Ausbeutung kämpfen (wie auch für Exzellenz, Effizienz und Kompetenz streiten). Und es wird auch immer deutlicher, dass die besten »Helfer« diejenigen mit der am vollsten ausgeprägten Menschlichkeit sind. Was ich den »Pfad des Bodhisattva « 36
• nennen möchte, ist eine Integration von
selbstgesteuertem Wachstum und sozialem Engagement, d. h. am besten gelingt der Weg zum besseren »Helfer«, wenn man sich zu einem besseren Mensch macht. Ein notwendiger Aspekt dabei, ein besserer Mensch zu werden, besteht jedoch darin, anderen Menschen zu helfen. So muss und kann man beides gleichzeitig tun. (Die Frage »was zuerst?« ist eine atomistische Frage.)
In diesem Zusammenhang möchte ich meinen Hinweis aus dem Vorwort zur überarbeiteten Auflage (1970) von meinem Buch »Motivation and Personality «37 (59)38 wiederholen, dass normatives Engagement nicht unvereinbar sei mit wissenschaftlicher Objektivität, sondern mit ihr integriert werden könne; das führe zu einer höheren, d.h. der taoistischen Form der Objektivität.
Wozu sich das alles fügt: Die wahre Religion? ist auf den höheren Ebenen der persönlichen Entwicklung durchaus kompatibel mit Rationalität, Wissenschaft und sozialer Leiden. schaft. Nicht nur das, sondern sie kann im Prinzip ganz einfach gesunde Sinnlichkeit, gesunden Materialismus und Egoismus Phit natürlicher Transzendenz, Spiritualität und Werthaltung
integrieren. 40
Auch aus anderen Gründen noch bin ich nun der Ansicht, dass das Buch unausgewogen die individualistische Perspektive einnimmt und zu hart mit Gruppen, Organisationen und Ge meinden ins Gericht geht. Allein innerhalb der letzten sechs oder sieben Jahre haben wir gelernt, Organisationen als nicht unbedingt bürokratisch anzusehen, weil wir z. B. aus Forschungen in Organisationsentwicklung, aus der Theorie des Y-Man-agements, # aus den schnell anwachsenden Erfahrungen mit T-Gruppen, 42 Encounter-Gruppent3 und Gruppen des persönlichen Wachstums, aus den Erfolgen von Synanon, 14 aus den israelischen Kibbuzim usw. mehr über humanistische, be-dürfnisgerechte Gruppenformen gelernt haben.45
Tatsächlich kann ich aus vielerlei empirischen Gründen heute selbstbewusster denn je sagen, dass sich menschliche Grundbedürfnisse nur durch andere und mit anderen Menschen erfüllen lassen, das heißt, in Gesellschaft. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft (Zugehörigkeit, Kontakt, Gruppenverhalren) ist selbst ein Grundbedürfnis. Einsamkeit, Isolation, Ach-tung, Ablehnung durch die Gruppe - das ist nicht nur schmerz. haft, sondern auch pathogen. Und selbstredend ist es überdies seit Jahrzehnten bekannt, dass Menschlichkeit und Artgerech-tigkeit im Säugling nur als Möglichkeit angelegt sind und durch die Gesellschaft aktualisiert werden müssen.
Mein Studium des Scheiterns der meisten utopischen Experimente hat mich gelehrt, die grundlegenden Fragen in einer praktikableren und besser recherchierbaren Weise zu stellen.
»Eine wie gute Gesellschaft erlaubt die menschliche Natur?« und »Eine wie gute menschliche Natur erlaubt die Gesell-
schaft? « 46
Abschließend möchte ich nun zu dem Material der Gipfel-erlebnisse eine größere Berücksichtigung hinzufügen nicht nur von Tiefpunkt-Erlebnissen,+7 von psycholytischer48 Therapie nach Grof,49 von Konfrontationen mit dem Tod und Nahtod-erfahrungen, von postoperativen Visionen usw., sondern darüber hinaus von »Höhenflügen «.S° Sie sind heiterer und ruhiger als emotional ergreifende Gipfelerlebnisse, selbständige Reaktion auf das Wunderbare, das Ehrfurchtgebietende, das Sakrale, das All-Eine,"' die Seins-Werte.*- So weit mit jetzt schon klar ist, beinhaltet ein Höhenflug immer ein geistiges und kognitives Element, das sich in Gipfelerlebnissen nicht immer findet, denn diese können ausschließlich rein emotional sein.
Erist weit mehr vom Willen gesteuert als Gipfelerlebnisse. Man kann lernen, die Perspektive des All-Einen willentlich einzu. nehmen. Dann wird sie zur Bezeugung, zum Einverständnis; das könnte man eine heitere, kognitive Seligkeit nennen, die jedoch eine Qualität der Lässigkeit und Trödelei annehmen mag.
Gipfelerlebnisse beinhalten mehr Überraschung, Ungläubigkeit und ästhetische Erschütterung, mehr die Qualität, eine derartige Erfahrung das erste Mal zu haben. An anderer Stelle wies ich darauf hin, dass der alternde Körper und das alternde Nervensystem weniger in der Lage seien, ein wirklich erschütterndes Gipfelerlebnis zu ertragen. Hinzufügen würde ich, dass Reifung und Alterung auch einen gewissen Verlust an » Es-ist-das-erste-Mal «-Gefühl mit sich bringen, an Neuheit, dem schieren Unvorbereitet-Sein und Uberraschung.
Gipfelerlebnisse und Höhenflüge unterscheiden sich auch in ihrer Beziehung zum Tod. Das Gipfelerlebnis kann sinnvollerweise oft »kleiner Tod« genannt werden, in verschiedenen Hinsichten eine Wiedergeburt. Der weniger intensive HöhenAug wird meist eher erlebt als reine Freude und Glück, etwa von einer Mutter, die ruhig eine Stunde lang da sitzt, ihrem Baby beim Spielen zuschaut, staunend, überlegend, philosophierend, und es nicht ganz fassen kann. Sie kann dies als sehr angenehm, fortdauernd, kontemplativ erfahren und nicht als etwas, das am explosiven Höhepunkt endet.
Altere Menschen, die ihren Frieden mit dem Tod gemacht haben, sind eher geneigt, sich von (süßer) Trauer und von Tränen berühren zu lassen, wenn sie den Kontrast spüren zwischen ihrer eigenen Sterblichkeit und der Qualität der Ewigkeit des-sen, was die Erfahrung beendet. Dieser Kontrast kann das, was man miterlebt, weit ergreifender und kostbarer machen, z.B.:
»Die Brandung wird immer hier, ich aber bald verschwunden sein. Also bleib dabei, schätze es, sei dir ihrer voll bewusst. Sei dankbar für sie. Du bist glücklich.«
Inhaltlich besonders wichtig ist es, heute zu realisieren, dass sich Höhenflüge durch lange, harte Arbeit erreichen, lernen und verdienen lassen. Man kann sie sinnvollerweise anstreben.
Ich kenne aber keinen Weg, die dafür nötige Reifung, das Aus-probieren, die Lebenserfahrung und den Lernprozess zu umge-hen. All dies braucht Zeit. Einen flüchtigen Blick erheischt man sicherlich in Gipfelerlebnissen, die schließlich alle irgendwann haben mögen. Sich allerdings in der luftigen Höhe des All-Einen Bewusstseins gleichsam eine Heimstatt zu bauen - das ist eine ganz andere Sache. Es neigt dahin, ein lebenslanges Projekt zu sein. Nicht zu verwechseln damit, sich am Donnerstag abend einen Trip zu schmeißen, was viele Jugendliche für den Weg in die Transzendenz halten. Ja, es sollte überhaupt nicht mit einer einzelnen Erfahrung verwechselt werden. Die
»Spiritualität«, sowohl die klassische als auch die neuere, die dieser Tage entdeckt wird, braucht Zeit, Arbeit, Disziplin, Be-mühung, Verbindlichkeit.
Über diese Zustände, die für ein transzendentes und trans. personales Leben und eine Lebenserfahrung auf allen Ebenen Jes Seins eindeutig relevant sind, gäbe es noch viel zu sagen. Mir dieser kurzen Bemerkung hier möchte ich nur die Neigung kor rigieren, die Erfahrung der Transzendenz als bloß dramatisch, orgastisch, jenseitig, »gipflig« wie auf der Spitze des Mount Everest darzustellen. Es gibt auch den Höhenflug als Trip, von dem man nicht mehr auf den Boden der Tatsachen zurück.
kehrt.
Wenn ich sowohl das Buch als auch meine Bemerkungen in diesem Vorwort in wenigen Worten zusammenfassen sollte, würde ich es so ausdrücken: Der Mensch besitzt eine höhere und transzendente Natur, und sie ist Teil seines Wesens, d.h. seiner biologischen Natur als Mitglied einer Gattung, die der Evolution entsprungen ist. Das bedeutet für mich etwas, das ich besser genauer ausführen sollte, nämlich gerade heraus eine Zurückweisung des Existenzialismus nach Sartre,S4 d. h. seines Leugnens der Gattungsverbundenheit, der biologischen Natur des Menschen, seiner Weigerung, sich den biologischen Wissenschaften zu stellen. Es ist wohl wahr, dass das Wort » Existenzialismus « heute von so vielen Leuten in so vielen unterschiedlichen und teils widersprüchlichen Bedeutungen benutzt wird, dass dieses Urteil nicht alle trifft, die das Wort für sich in Anspruch nehmen. Doch genau wegen der Unterschiedlichkeit der Bedeutungen ist das Wort meiner Meinung nach heute nutzlos und sollte lieber fallen gelassen werden. Das Problem ist, dass ich kein besseres anbieten kann. Gäbe es doch nur einen Weg, gleichzeitig auszudrücken: »Ja, der Mensch ist in gewisser Weise sein eigenes Projekt und er kreiert sich selbst. Es gibt aber Auch Grenzen dafür, zu was er sich machen kann. Das ›Projekt« ist für alle Menschen biologisch umschrieben; es besteht darin, Mensch zu werden. Ein Schimpanse zu werden, kann man nicht projektieren. Auch nicht, eine Frau. Oder ein Baby. « Das richtige Wort müsste das Humanistische, das Transpersonale und das Transhumane verbinden. Darüber hinaus müsste es eine Grundlegung in Erfahrung und Phänomenologie aus-drücken. Es müsste ganzheitlich und nicht aufsplitternd sein.
Und es müsste sich auf Empirie, nicht auf ein a priori bezichen usw. usf.ss
Abraham H. Maslow
The W. P. Laughlin Charitable Foundation, Kalifornien
May 1970
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I
Einleitung
Vor einiger Zeit, nach der Entscheidung des Verfassungs-gerichts, dass in öffentlichen Schulen keine Gebete als Teil des Unterrichts abgehalten werden dürften,› hat eine sogenannte patriotische Frauenorganisation - ich habe vergessen, welche - diese Entscheidung scharf als » antireligiös « kritisiert. Sie verfechten »spirituelle Werte«, sagten die Frauen, während das Verfassungsgericht sie zerstöre.37
Ich trete ganz klar für eine Trennung von Kirche und Staat ein und reagierte automatisch: mit Ablehnung dieser Organisa-tion. Dann jedoch geschah etwas, das mich lange nachdenklich machte. Es dämmerte mir, dass auch ich spirituelle Werte verfechte und dass meine Forschungen und theoretischen Uber-legungen klarerweise deren Realität$& erweisen. Ich reagierte in automatischer Weise auf die ganze Verlautbarung der Organisation und akzeptierte dabei implizit ihre irrige Definition spiritueller Werte. Kurz, ich erlaubte diesen intellektuellen Primi fivlingen, einen guten Begriff zu besetzen und ihm ihre spezie.
Le Bedeutung aufzuzwingen, genau wie sie das schöne Wort
»patriotisch« genommen, verhunzt und zerstört haben. Ich ie8 zu, dass sie diese Worte umdefinierten, und akzeptierte so. mit ihre Definitionen. Jetzt möchte ich sie zurücknehmen. Ich möchte zeigen, dass spirituellen Werten ein natürlicher Sinn eignet, dass sich organisierte Kirchen nicht in ihrem exklusiven Besitz befinden, dass sie nicht übernatürlicher Konzepte als Beweis bedürfen, 9 dass sie sich im Rahmen einer sinnvoll erwei. terten Wissenschaft bewegen und dass sie darum in den Verantwortungsbereich der ganzen Menschheit fallen. Wenn das alles so ist, dann sollten wir den möglichen Ort spiritueller und moralischer Werte in der Bildung neu bewerten. Denn wenn diese Werte nicht als exklusiv kirchlich identifiziert werden, dann ist das Lehren von Werten in den Schulen kein Bruch der Trennung von Kirche und Staat.
Die Entscheidungen des Verfassungsgerichts zum Gebet in den öffentlichen Schulen sind von vielen Amerikanern (fälsch-lich, wie wir sehen werden) als Zurückweisung spiritueller Werte in der Bildung gesehen worden. Viel des Aufhebens galt der Verteidigung dieser höheren Werte und ewigen Wahrheiten, nicht den Gebeten als solchen. Das heißt, sehr viele Leute sehen in unserer Gesellschaft die organisierte Religion offensichtlich als den Ort, die Quelle, den Wächter, Wegweiser und Lehrer des spirituellen Lebens. Deren Methoden, deren Stil der Lehre und deren Inhalt werden breit und offiziell als der Weg akzep-tiert, von vielen als der einzige Weg, um ein Leben moralisch, rein, tugendhaft, gerecht und gut usw. zu führen.
Dies gilt, paradox genug, ebenso für viele orthodoxe positivistischen Wissenschaftler, Philosophen und andere Intellek-tuelle. Gläubige Positivisten akzeptieren als Gruppe die gleiche Strikte Polarisierung zwischen Fakten und Werten wie es professionelle Religiöse tun. Da sie Werte aus dem Bereich der Wissenschaft ausschließen, aus dem Bereich des exakten, rationalen und positivistischen Wissens, werden alle Werte grund. sätzlich an Nicht-Wissenschaftler und Nicht-Rationalisten (das heißt: »Unwissende«) ausgehändigt, um sich mit ihnen zu befassen. Werte, denken sie, können nur zufällig per Dekret gelten, sie entspringen dem Geschmack, der Vorliebe oder dem Glauben, können nicht wissenschaftlich überprüft, bewiesen, bestätigt oder zurückgewiesen werden. Darum scheint es so, als haben solche Wissenschaftler und Philosophen keine wirklichen Argumente für oder gegen die Kirchen, obwohl sie, als Gruppe, eher weniger Respekt für die Kirchen zeigen. (Selbst dieser Mangel an Respekt ist für sie nur eine Geschmacksfrage und könne nicht wissenschaftlich untermauert werden.)
Erwas in dieser Art trifft sicherlich auf viele Psychologen und Pädagogen zu. Fast universell trifft es auf viele positivistischen Psychologen zu, die Behavioristen, die Neo-Behavioris-ten, die Ultra-Experimentalisten, alle solche, die meinen, Wer. te und deren Lebendigkeit ginge sie professionell gesehen nichts an, alle solche, die lässig jegliche Betrachtung von Poesie und Kunst und von jeder religiöser oder transzendenter Erfahrung verweigern. Der reine Positivist weist tatsächlich jede innere Erfahrung jeden Seins als » unwissenschaftlich « zurück, als außerhalb des Bereichs menschlicher Erkenntnismöglich-keit liegend, als ungeeignet, um durch wissenschaftliche Methoden erforscht zu werden, weil solche Daten nicht obiektiv seien, das heißt, öffentlich und gemeinsam. Dies ist gewissermaßen eine »Reduktion auf das Konkrete«, auf das Fassbare, das Sichtbare, das Hörbare, auf das, was eine Maschine aufnehmen kann, auf Verhalten.61
Die andere dominierende psychologische Theorie, die Freu-dianische, kommt aus einer ganz anderen Richtung zu einem ähnlichen Schluss, leugnet, dass sie viel mit spirituellen oder ethischen Werten zu tun habe. Freud selbst und H. Hartman
(28)62 nach ihm sagen in etwa: »Das einzige Ziel der psychoanalytischen Methode besteht darin, die Verdrängungen aufzuheben und alle anderen Widerstände dagegen, der unangenehmen Wahrheit ins Auge zu sehen; sie hat nichts zu tun mit Ideo-logien, Indoktrinationen, religiösen Dogmen, nichts damit, das Leben oder ein System von Werten zu lehren. « (Gar bei Allen Wheelis [89], so gedankenreich und suchend er sein mag, läuft es aufs Gleiche raus.) Man beachte hier die unbewusste Hinnahme des fraglosen Glaubens, dass Werte im traditionellen Sinne der Indoktrination unterrichtet werden, und dass sie darum willkürlich sein müssen und auch nichts mit Fakten zu tun haben, mit Wahrheit, mit Entdeckung, mit Aufdeckung der Werte und des Hungers nach ihnen, der tief in der menschlichen Natur selber verwurzelt ist.
Und so bleibt die offizielle, orthodoxe freudianische Psychoanalyse im Wesentlichen ein System der Psychopathologie und der Heilung von Psychopathologie. Sie bereichert uns nicht mit einer Psychologie des höheren oder »spirituellen« Lebens, in das der Mensch hineinwachsen sollte, einer Psychologie dessen, was er werden könnte (obwohl ich glaube, dass die psychoanalytische Methode und Theorie eine notwendige Substruktur solch einer »höheren« oder Wachstumspsycho-logie darstellt [7]). Freud entstammt der mechanistischen, physikalisch-chemischen, reduktionistischen Wissenschaft des
19. Jahrhunderts; und da verharren seine eher talmudistischen Anhänger, wenigstens bezogen auf die Theorie der Werte und von allem, was mit Werten zu tun hat. Dieser Reduktionismus geht tatsächlich so weit, dass die Freudianer manchmal zu sagen scheinen, das »höhere Leben « sei nichts als ein »Widerstand gegen die Instinkte«, speziell in der Form der Abwehrmecha-nismen »Leugnung« und »Reaktionsbildung«. Gäbe es nicht das Konzept von »Sublimierung«,63 wäre das alles, was sie zu sagen hätten. Unglüeklicherweise ist die Sublimierung ein so schwaches und unbefriedigendes Konzept, das es nicht eine solch große Verantwortung tragen kann. Derart komme die Prychoanalyse der nihilistischen und die Werte leugnenden Philosophie vom Menschen gefährlich nahe. (Es ist ein Glück, dass alle wirklich guten 'Therapeuten in der Praxis dieser Philosophie keine Beachtung schenken. Solch ein Therapeut wird oft durch eine unbewusste Philosophie vom Menschen geleitet, die auch nicht in weiteren hundert Jahren wissenschaftlich auf. gearbeitet werden wird. Es gibt zwar interessante und aufregende Entwicklungen in der Psychoanalyse heute, sie kommen aber von den Unorthodoxen.) Freud muss zugute gehalten werden, dass er, obwohl er vor den Fragen der Transzendenz besonders kläglich kapitulierte, gleichwohl den Behavioristen vorzuziehen ist, die nicht nur keine Antworten haben, sondern die Fragen selber negieren.
Auch die humanistischen Gelehrten und Künstler sind dieser Tage keine große Hilfe. Als Gruppe waren sie - (und sollten sie es sein) - die Träger und Lehrer der ewigen Wahrheiten und des höheren Lebens. Das Ziel des Humanismus definierte sich als Beschäftigung mit dem Guten, dem Schönen und dem Wah-ren. Von solcher Beschäftigung erwartete man, das Vermögen zu verbessern, zwischen dem zu unterscheiden, was Hervorragend sei und was nicht (unter » Hervorragendem « wurde allgemein das Wahre, das Gute und das Schöne verstanden). Das sollte den Schüler zu einem besseren Leben, einem höheren Leben, zu Güte und Tugend animieren. Wirklich wertvoll sei, sagte Matthew Arnold,54 » dass wir uns das weltweit beste Wissen und Gesagte aneignen«. Weder widersprach ihm jemand, noch war es nötig, auszusprechen, dass er die Klassiker meinte: sie waren die universell akzeptieren Vorbilder. In den letzten lahren bis auf unsere 'Tage haben die meisten humanistischen Gelehrten und die meisten Künstler aber Anteil an dem allgemeinen Zusammenbruch aller traditioneller Werte. Und als diese Werte zusammenbrachen, waren keine anderen als Ersatz zur Hand. Darum ist heute ein großer Teil unserer Künstler, Romanciers, Dramatiker, Kritiker, Literaturwissenschaftler und Historiker entmutigt, pessimistisch oder verzweifelt; nicht wenige sind nihilistisch oder zynisch (in dem Sinne, dass sie nicht glauben, ein »gutes Leben « wäre möglich, sondern die sog. höheren Werte seien alle falsch und ein Schwindel).
Gewiss wird ein junger Student, der Kunst und Geisteswis-senschaftenS studieren will, hier keine inspirierenden Gewissheiten finden. Welches Kriterium hat er, um zwischen, sagen wir, Tolstoi und Kafka, zwischen Renoir und DeKooning oder zwischen Brahms und Cage zu wählen? Welche bekannten Künstler und Autoren versuchen heute zu lehren, zu inspirie-ren, zur Tugend zu führen? Wer kann das Wort »Tugend« überhaupt benutzen, ohne zu grinsen? Welchen von ihnen kann ein »idealistischer« junger Mensch sich zum Vorbild nehmen?
Nein, es ist ziemlich klar aus unserer Erfahrung der letzten rund fünfzig Jahre, dass die Gewissheiten der Humanisten, der Künstler, der Dramatiker und Dichter, der Philosophen, der Kritiker und all derer, die im Allgemeinen einen nach innen gerichteten Blick haben, von vor 1914 dem Chaos des Relativismus gewichen sind. Niemand von diesen Leuten weiß, wie und was zu wählen sei und wie sie ihre Wahl verteidigen und begründen sollen. Selbst die Kritiker, die den Nihilismus und die Wertlosigkeit bekämpfen, können nicht viel mehr tun als anzu-greifen, so wie es z. B. Joseph Wood Krutch macht (40, 41); es gibt nichts sehr Inspirierendes oder Begeisterndes, für das sich lohnt zu kämpfen, geschweige denn zu sterben.
Wir können uns nicht länger auf Tradition, auf Konsens, auf Kultur, auf Glauben stützen, um uns unsere Werte zu geben.
Diese Traditionen der Einstimmigkeit sind alle vergangen.
Selbstredend hätten wir uns nie auf Tradition stützen sollen, wie ihr Versagen jetzt jedem bewiesen haben sollte; sie bot nie eine festen Grund. Zu einfach ließ sie sich zerstören durch Wahrheit, durch Ehrlichkeit, durch die Fakten, durch Wissen-schaft, durch einfaches, pragmatisches, historisches Versagen.
Nur Wahrheit selbst kann unsere Grundlage sein, das Fundament des Aufbaus. Nur empirisches, naturalistisches Wissen im breitesten Sinne kann uns jetzt helfen. Ich zögere, das Wort
»Wissenschaft« hier zu benutzen, weil sie ein umstrittenes Konzept ist; später in diesem Buch werde ich eine verbesserte Definition der Wissenschaft vorschlagen, die sie in den Stand setzt, besser dem Ziel der Wertfindung zu dienen, die sie inklu-siv statt exklusiv macht, die sie mehr Welt akzeptieren und sie weniger eifersüchtig ihre Zuständigkeiten bewachen lässt. In diesem breiteren Sinne, den ich ausführen werde, beginnt die Wissenschaft - also alles Wissen, das bestätigt werden kann, in allen seinen Stadien der Entwicklung -, Werte in Augenschein zu nehmen und zu behandeln.
Unser neues Wissen über die menschliche Natur wird wahrscheinlich besonders den Humanisten und den Künstlern ebenso wie den Religiösen ein genaues, jetzt noch fehlendes Kriterium geben, um zwischen den vielen möglichen Werten zu unterscheiden, die um Glauben heischen, so vielen, dass das Chaos fast Wertlosigkeit genannt werden kann.
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II
Einseitige Wissenschaft und einseitige Religion
Meine These lautet, ganz allgemein gesagt, dass neue Entwicklungen in der Psychologie eine tiefgreifende Veränderung unse-ter Philosophie erzwingen, eine so breit angelegte Verände-rung, dass wir vielleicht in der Lage sein werden, die grundlegenden religiösen Fragen als geeignete Gegenstände der Wissenschaft zu akzeptieren, sobald die Wissenschaft weiter gefasst und neu definiert wurde.
Das ist so, weil man sowohl Wissenschaft als auch Religion zu eng aufgefasst hat, zu exklusiv und einseitig und getrennt voneinander, weil sie als sich gegenseitig ausschließende Welten angesehen wurden. Kurz ausgedrückt erlaubte diese Ausschließlichkeit der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts, zu einseitig mechanistisch, zu positivistisch, zu reduktionistisch zu sein, zu sehr bemüht um Wertfreiheit. Sie begriff sich selbst fälschlich als Instanz, die nichts über Ziele und letztgültige oder spirituelle Werte zu sagen habe. Dies läuft auf das Gleiche hinaus wie zu sagen, dass diese Ziele vollständig außerhalb des Bereichs natürlicher menschlicher Erkenntnis liegen, dass man sich ihrer nie in einer überprüfbaren Weise vergewissern könne, in einer Weise, die intelligente Menschen so befriedigt wie Fak-
ten das tun.
Solch eine Haltung verdammt Wissenschaft dazu, nichts weiter zu sein als amoralische und unethische Technologie (wie die Nazi-Ärzte es uns gelehrt haben). Solch eine Wissenschaft kann kaum mehr sein als eine Sammlung von Instrumenten,Mechoden, Techniken, nur ein Werkzeug, das sich von guten oder bösen Menschen für jedwede gute oder böse Ziele einser-
zen lässt (59). 66
Diese Vereinseitigung der Erkenntnis und der Werte machte auch die organisierten Religionen krank, indem sie sie von den Fakten abschnitt, von den Wissenschaften, bis zu dem Punkt, dass sie oft zu Feinden der wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden. Schließlich waren sie versucht zu behaupten, sie hätten nichts mehr zu lernen.
Jetzt kommt allerdings etwas sowohl bei der Wissenschaft als auch bei der Religion in Bewegung, wenigstens bei ihren intelligenteren und anspruchsvolleren Repräsentanten. Diese Veränderungen machen bei den weniger engen Wissenschaftlern eine sehr andere Haltung möglich, wenigstens hinsichtlich der naturalistischen, humanistischen und religiösen Fragen.
Man könnte sagen, das sei einfach ein weiteres Beispiel für das, was in der Vergangenheit immer wieder vorkam, also der organisierten Religion ein weiteres Stück Land abzuringen.
Genauso wie Wissenschaft in der Vergangenheit einst zum Gebiet der organisierten Religion gehörte, dann aber ausbrach und selbstständig wurde, kann man sagen, dass das heute mit den Problemen der Werte, der Ethik, Spiritualität und Moral passiert. Sie werden aus dem exklusiven Bereich der institutionalisierten Kirchen herausgenommen und sozusagen zum »Ei-gentum« von humanistischen Wissenschaftlern gemacht, die vehement gegen den Anspruch der etablierten Religionen pro-testieren, die einzigen Dienstleister in Fragen von Glauben und Moral zu sein.
Diese Beziehung zwischen Religion und Wissenschaft könnte in solch einseitiger Weise als Konkurrenz ausgedrückt werden, aber ich denke, ich kann zeigen, dass man das nicht muss und dass jemand, der - in einer speziellen Weise, die ich noch behandeln werde - tief religiös ist, sich gestärkt und ermutige fühlen kann durch die Aussicht, dass sich seine Wert-fragen mit größerer Sicherheit als je zuvor beantworten lassen.
*Früher oder später müssen wir sowohl Religion als auch
Wissenschaft neu definieren.
Wie überall macht Einseitigkeit krank (und Krankheit macht einseitig). Zwei voneinander abhängige Teile eines Ganzen zu trennen, Teile, die einander benötigen, Teile, die wahrhaft »Teile« sind und keine Ganzheiten, verletzt beide, patho-logisiert und vergiftet sie (54). Letztlich nimmt sie beiden die Lebenskraft. Eine Illustration dieses Punktes findet sich in dem faszinierenden Roman The Disappearance67 von Philip Wylie.
Wenn Männer und Frauen in zwei getrennte, voneinander isolierte Welten verschwinden, korrumpiert und pathologisiert dies beide Geschlechter. Dieser Punkt bedeutet voll ausge-schöpft, dass sie einander brauchen um sie selbst zu sein.
Als all das, was sowohl im natürlichen als auch im übernatürlichen Sinne religiös genannt werden kann, aus der Wissen-schaft, der Erkenntnis entfernt wurde, abgeschnitten von weiterer Erforschung, von der Möglichkeit skeptischer Untersu-chung, von Bestätigung und Widerlegung und darum von der Möglichkeit der Reinigung und Verbesserung, war solch eine einseitige Religion verdammt. Sie tendierte dahin zu behaup-ten, dass die vorgegebene Offenbarung vollständig, perfekt, endgültig und ewig sei. Sie besaß die Wahrheit, die ganze Wahr-heit, und hatte nichts mehr zu lernen; das drängte sie in eine Position, Veränderung zu widerstehen, nur konservativ, antiintellektuell und anti-wissenschaftlich zu sein, skeptische Intel. lektualität aus Frömmigkeit und Gehorsam herauszunehmen, letztlich, der natürlichen Wahrheit zu widersprechen - eine Po-sition, die so viele Kirchen zerstörte.
Solch eine abgespaltene Religion bringt eine abgespaltene und einseitige Definition aller notwendigen Konzepte hervor.
Glauben zum Beispiel, der beispielsweise in den Schriften von Erich Fromm eine respektable natürliche Bedeutung findet,68 tendiert in den Händen einer anti-intellektuellen Kirche dazu, zu einem blinden Glauben zu werden, manchmal sogar zum
»Glauben an das, von dem du weißt, dass es so nicht sei«.69 Sie bekommt eine Tendenz zum unbefragten Gehorsam, zur Treue bis zum letzten Blutstropfen. Sie produziert tendenziell eher Schafe als Menschen. Sie bekommt eine willkürliche und autoritäre Tendenz.
Das Wort »heilig« ist ein weiteres Beispiel für die Patho-logisierung durch Isolation und Abspaltung. Wenn das Heilige ein exklusiver Bereich einer Priesterschaft wird und seine angebliche Überprüfbarkeit völlig auf einem übernatürlichen Fundament ruht, dann wird es im Effekt aus der Welt der Natur und der menschlichen Natur herausgenommen. Es wird scharf getrennt von dem Profanen oder Säkularen und beginnt, mit diesem nichts mehr zu tun zu haben, oder wird sogar zu dessen Widerspruch. Es wird verbunden mit speziellen Riten und Ze-remonien, mit einem speziellen Tag im der Woche, mit einem speziellen Gebäude, mit einer speziellen Sprache, gar mit einem speziellen Musikinstrument oder gewissen Nahrungsmitteln. durchdringt dann nicht mehr das ganze Leben, sondern wird in eine Schublade gepackt. Dann ist es nicht der Besitz aller Menschen, sondern nur einiger. Es ist nicht mehr allgegenwärtig als eine Möglichkeit des alltäglichen menschlichen Lebens, sondern wird stattdessen ein Ausstellungsstück in einem Muse-um; im Effekt muss eine solche Religion das Wirkliche von dem Idealen trennen und die notwendige Dynamik zwischen beidem unterbrechen. Das dialektische Spiel zwischen ihnen, die gegenseitige Wirkung und Rückmeldung, das ständige aneinander Schärfen, ihre Nützlichkeit füreinander - sogar, wie ich sagen würde: ihre absolute Abhängigkeit voneinander, - wird gestört und macht Erfüllung unmöglich. Was geschieht dann? In der Geschichte haben wir oft genug gesehen, dass Kirchen Frömmigkeit inmitten menschlicher Ausbeutung und Ungeheuerlichkeiten verkündeten, als haben sie nichts miteinander zu tun (»Casar geben, was Cäsars ist «).7° Dieses Wolkenkuckucksheim der Religion, das oft genug sich zur wirklichen Unterstützung des täglichen Bösen auswuchs, ist fast un-ausweichlich, wenn es keine intrinsische und konstante Verbindung mit dem Idealen gibt, wenn der Himmel ein Ort außerhalb der Erde ist, wenn menschliche Entwicklung unmöglich in der Welt wird, sondern nur durch Abkehr von der Welt erreicht werden kann. »Denn das Streben nach dem Besseren wird von dem Glauben in das, was möglich ist, vorangetrieben, nicht da-durch, dem Bestehenden anzuhaften«, wie John Dewey sagte
(14, S. 23).
Und dies bringt uns zu dem anderen Pol der Dichotomie, der einseitigen Wissenschaft. Alles, was wir über die abgespaltene Religion sagen, trifft in ähnlicher oder komplementärer Weise auch auf die abgespaltene Wissenschaft zu.
In der Trennung von Ideal und Wirklichkeit behaupte de Wissenschaft beispielsweise, sie sei nur mit der Wirklichkeit und dem Existierenden beschäftige und habe nichts mit den Tdeal zu tun, das heißt mit den Zwecken, den Zielen, mit dem sin des Lebens, also mit den letztendlichen Werten. Analog der »Reduktion auf das Abstrakte« (71) in den - für die rohen Fakten, für das Konkrete, für die lebendige menschliche Bita. rung selber - blinden Religionen finden wir zum Beispiel in der nicht-inspirierten Wissenschaft eine »Reduktion auf das Konkrete « der Art, die Kurt Goldstein beschrieben hat (23, 24), auf das Fassbare, das unmittelbar Hör- und Sichtbare. Sie wird amoralisch, manchmal sogar anti-moralisch, rein technolo-gisch, brauchbar für jedweden Zweck wie die deutschen »Wis-senschaftler«, die mit gleichem Eifer für die Nazis, die Kommunisten und die Amerikaner arbeiten konnten. Wir haben in den letzten Jahrzehnten unzweideutig gelernt, dass Wissenschaft den menschlichen Zwecken gefährlich und dass Wissenschaftler zu Monstern werden können, solange man Wissenschaft gleichsam als Schachspiel begreift, einen Zweck in sich selber, das willkürlichen Regeln folge und dessen einziger Sinn sei, das Bestehende zu erkunden, und dann den fatalen Fehler begeht, subjektive Erfahrung aus dem Bereich des Bestehenden oder Erkundbaren auszuschließen.
Gleichfalls der Ausschluss des Heiligen und Transzendenten aus dem Geltungsbereich der Wissenschaft. Dieser macht es prinzipiell unmöglich, zum Beispiel gewisse Aspekte des Abstrakten zu untersuchen: Psychotherapie, natürliche religiöse Erfahrung, Kreativität, Symbolik, Spiel, Theorie der Liebe, mystische und Gipfelerlebnisse, ganz zu schweigen von Lyrik, Kunst und vielem mehr (da dies alles die Integration des Bereichs des Seins in den des Konkreten beinhaltet).
Um nur ein Beispiel zu erwähnen, das direkt mit Bildung zu tun hat, könnte es leicht gezeigt werden, dass der gute Lehrer über das verfügen muss, was ich anderswo »S-Liebe«"* (selbst-lose Liebe) für das Kind genannt habe. Carl Rogers nannte dies die »bedingungslose Wertschätzung« (82)7 und andere - aus guten Gründen, wie ich betonen will - die »Heiligkeit eines jeden Einzelnen«. S-Liebe, Wertschätzung oder Heiligkeit als
»normative « oder wertgeladene und darum » unwissenschaft-liche« Konzepte zu stigmatisieren, macht es unmöglich, gewisse notwendige Aspekte eines guten Lehrers zu untersuchen.
Und so könnte es fast unendlich weitergehen. Ich habe schon viel über die wissenschaftsgläubige orthodoxe Wissenschaft des 19. Jahrhunderts geschrieben und beabsichtige, das weiter zu verfolgen. Hier behandele ich sie vom Standpunkt der Polarisierung zwischen Wissenschaft und Religion aus, zwi schen reinen und bloßen Fakten und reinen und bloßen Wer-ten, und versuche zu zeigen, dass eine solche Aufsplitterung gegenseitig abgegrenzter Geltungsbereiche verkrüppelte Wissenschaft und verkrüppelte Religion, verknüppelte Fakten und verkrüppelte Werte hervorbringen muss.
Offensichtlich berührt eine solche Schlussfolgerung die spirituellen und ethischen Werte, mit denen ich begonnen habe (ebenso wie das Bedürfnis und den Hunger nach diesen Wer-ten). Ganz offensichtlich dürfen solche Werte und solche Bedürfnisse nicht irgendeiner Kirche anvertraut werden. Sie sollten nicht aus dem Bereich der menschlichen Forschung, der skeptischen Untersuchung und empirischen Überprüfung herausgenommen werden. Aber ich versuche zu zeigen, dass die orthodoxe Wissenschaft diesen Job weder übernehmen will noch kann. Dann wird klarerweise eine erweiterte Wissenschaft mit größeren Kräften und Methoden nötig, eine Wissenschaft, die in der Lage wäre, Werte zu untersuchen und der Menschheit diese zu vermitteln.
Solch eine Wissenschaft würde viel von dem einschließen, was man »Religion « nennt, und sie tut es bereits, soweit sie es schon gibt. Tatsächlich schließt diese erweiterte Wissenschaft praktisch alles aus der Religion ein, was natürlicher Beobach.
tung zugänglich ist.
Ich kann so weit gehen zu sagen, denke ich, dass wir, wenn wir eine Liste mit Schlüsselworten erstellten, die bis dato als der Besitzstand organisierter Religion und außerhalb der Geltung von »Wissenschaft« der alten Art angesehen wurden, heraus-finden, dass jedes einzelne dieser Worte heute eine völlig natürliche Bedeutung angenommen hat, also dass sie im Geltungsbereich wissenschaftlicher Forschung liegen. (Siehe Anhang A.)
Lassen Sie mich es auf noch eine andere Weise sagen. Man kann sagen, dass der Atheist des 19. Jahrhunderts das Haus niedergebrannt hat statt es zu renovieren. Er entsorgte die religiösen Fragen zusammen mit den religiösen Antworten, weil er die religiösen Antworten zurückweisen wollte. Das heißt, er kehrte der ganzen religiösen Chose den Rücken, weil die organisierte Religion ihm mit einem Set von Antworten gekommen ist, die er intellektuell nicht akzeptieren konnte - die auf keinerlei Beweisen beruhte, die ein selbstbewusster Wissenschaftler hätte schlucken können. Die differenzierteren Wissenschaftler sind jetzt jedoch dabei zu lernen, wie es zunehmend klar wird, dass die religiösen Fragen selber - das religiöse Suchen, die religiöse Sehnsucht, die religiösen Bedürfnisse selber - der Wissenschaft völlig würdig sind, dass sie tief in der menschlichen Natur wurzeln, dass sie sich wissenschaftlich erforschen, beschrieben und untersuchen lassen, und dass die Kirchen versuchten, auf völlig ernstzunehmende menschliche Fragen zu antworten, auch wenn die Wissenschaftler mit den meisten der Antworten der organisierten Religion auf die religiösen Fragen nicht einverstanden sind. Obwohl also die Antworten nicht akzeptabel sind, waren und sind die Fragen ihrerseits völlig akzeptabel, völlig legitim.
Tatsächlich würden gegenwärtige existenzialistische und humanistische Psychologen jemanden als existenziell krank oder unnormal ansehen, wenn er sich mit diesen religiösen Fragen nicht befassen würde.
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III
Die im Kern religiöse oder transzendente Erfahrung
Der erste Beginn, der intrinsische Kern, das Wesen, die all. gemeine Keimzelle jeder bekannten Hochreligion war (aus-genommen, man betrachtet den Konfuzianismus auch als eine Religion) die private, einsame, persönliche Erleuchtung, Offenbarung oder Ekstase eines akut sensibilisierten Propheten oder Sehers. Die Hochreligionen nennen sich selber »offen-barte « Religionen und jede von ihnen tendiert dazu, ihre Gül-tigkeit, ihre Funktion und ihr Existenzrecht auf die Kodifizierung und die Verbreitung dieser ursprünglichen mystischen Erfahrung oder Offenbarung des einsamen Propheten unter der allgemeinen Menschheit zu gründen.
Aber es hat neuerdings den Anschein, dass sich diese »Of-fenbarungen « oder mystischen Erleuchtungen unter die Rubrik der »Gipfelerlebnisse«,73 Ekstasen oder » transzendenten « Erfahrungen subsumieren lassen, wie sie durch viele Psychologen jetzt ernsthaft untersucht werden. Dies soll sagen, es sei ziemlich wahrscheinlich, sogar fast sicher, dass jene älteren Berichte zwar in den Begriffen übernatürlicher Offenbarung verfasst wurden, in der Tat jedoch ganz natürliche, menschliche Gipfelerlebnisse der Art darstellten, wie sie sich heute leicht untersuchen lassen, allerdings ausgedrückt in dem den einzelnen Sehern zu ihrer Zeit verfügbaren jeweiligen konzeptionellen, Kulturellen und linguistischen Rahmen (Laski (42)).
Kurz, wir können heute erforschen, was in der Vergangenheit geschah und damals nur in Worten des Übernatürlichen beschreibbar war. Das zu tun, setzt uns in die Lage, Religion als Teil der Wissenschaft in allen ihren Facetten und Bedeutungen zu untersuchen, anstatt als etwas, das außerhalb von ihr steht oder ausgeschlossen werden sollte.
Diese Weise der Forschung führt uns zu noch einer anderen sehr plausiblen Hypothese: In dem Maße, in welchem sich alle mystischen oder Gipfelerlebnisse ihrem Wesen nach gleichen und immer geglichen haben, gleichen sich alle Religionen ihrem Wesen nach und haben das immer getan. Sie sollten darum im Prinzip darin übereinstimmen, das zu lehren, was ihnen gemeinsam ist, also gleichgültig, was der Inhalt ist, nämlich dass sie das Gipfelerlebnis teilen. (Das, was die Erleuchtungen un-terscheidet, lässt sich leicht auf die Unterschiede von Ort und Zeit zurückführen; die Unterschiede sind demnach randstän-dig, vernachlässigbar, nicht wesensmäßig.) Dies Gemeinsame, das Etwas, das übrig bleibt, wenn wir alles Ortsgebundene ab-schälen, alle Zufälligkeiten der speziellen Sprachen oder Philo-sophien, aller ethnozentrischen Verlautbarungen, alle jene Ele-mente, die nicht gemeinsam sind, könnten wir die » im Kern religiöse « oder » transzendente Erfahrung« nennen.
Um dafür ein besseres Verständnis zu entwickeln, müssen wir unterscheiden zwischen den Propheten im Allgemeinen und den Organisatoren oder Legalisten im Allgemeinen als (abstrahierte) Typen. (Ich gebe zu, dass der Rückgriff auf reine, extreme Typen, die nicht wirklich existieren, nahe an die Kari. katur heranreichen kann; nichtsdestotrotz denke ich, dass er uns dabei helfen wird, das Problem zu durchdringen, mit dem wir hier beschäftigt sind.)?* Charakteristisch für den Prophe. ten ist der einsame Mann, der seine Wahrheit über die Welt in seinem Inneren, in seiner eigenen persönlichen Erfahrung, in dem, was er als Offenbarung wertet, entdeckt hat, über den Kosmos, die Ethik, über Gott und über seine eigene Identität, Für gewöhnlich, möglicherweise immer, machen die Propheten der Hochreligionen diese Erfahrungen, wenn sie allein sind.
Charakteristisch für den abstrakten Typus des legalistischen Kirchenvertreters ist der konservative Mann der Organisation, ein Offizier und Arm der Organisation, der sich loyal verhält zu der Struktur der Organisation, die aufgebaut wurde auf dem Fundament der ursprünglichen Offenbarung des Propheten, um die Offenbarung den Massen zugänglich zu machen. Aufgrund von allem, das wir über Organisationen wissen, können wir erwarten, dass die Leute Loyalität zu ihr entwickeln, genauso wie zu dem ursprünglichen Propheten und seiner Vision; wenigstens werden sie der von der Organisation verbreiteten Version der prophetischen Vision gegenüber loyal. Ich möchte so weit gehen zu sagen, dass diese Organisationen (und ich meine nicht nur religiöse Organisationen, sondern auch parallele Organisationen wie die Kommunistische Partei und ähnliche revolutionäre Gruppen) sich charakterisieren lassen als Loch-karte?$ oder IBM-Version einer ursprünglichen Offenbarung, mystischen Erfahrung oder eines Gipfelerlebnisses, um es zur Gruppennutzung und zum administrativen Vollzuggeeignet zu machen.
Es mag hilfreich sein, hier über ein noch am Anfang befindliches Pilot-Projekt zu sprechen, das Menschen untersucht, die ich die »Gipfellosen «76 nenne. Während meiner ersten Untersuchungen mit Gene Nameche prägte ich den Begriff, weil ich dachte, manche Menschen hätten Gipfelerlebnisse und andere nicht. Als ich aber Informationen sammelte und geschicktere Fragen zu stellen lernte, fand ich heraus, dass mehr und mehr Probanden über Gipfelerlebnisse berichteten. (Siehe Anhang F über »rhapsodische« Kommunikation.) Schließlich entwickelte ich die Gewohnheit, Gipfelerlebnisse bei jedem zu erwarten, und war überrascht, wenn mir jemand unterkam, der von keinem zu berichten wusste. Aufgrund dieser Erfahrung benutze ich den Begriff »Gipfelloser « schließlich nicht mehr, um eine Person zu beschreiben, die keine Gipfelerlebnisse haben kann, sondern die Angst vor ihnen hat, sie unterdrückt, leugnet, »vergisst«, die sich von ihnen abwendet. Meine vorläufigen Untersuchungen zu den Gründen für diese negativen Reaktionen auf Gipfelerlebnisse haben mich zu einigen (noch unbestätigten) Vermutungen darüber geführt, warum gewisse Leute Gipfelerlebnissen entsagen.
Jede Person, deren Charakterstruktur (oder Weltanschau-ung?7 oder way of life) sie nötigt, Rationalität, »Materialis-mus « oder Mechanismus in extremer oder vollständiger Weise anzustreben, tendiert zur Gipfellosigkeit. Das heißt, solch eine Sicht auf das Leben leitet Menschen dazu an, Gipfelerlebnisse oder transzendente Erfahrungen als eine Form der Verrücktheit anzusehen, als einen Verlust von Kontrolle, als Überwältigung durch irrationale Emotionen usw. Die Person, die Angst hat, verrückt zu werden, und die darum verzweifelt um Stabilität, Kontrolle, Realität usw. ringt, scheint durch Gipfelerlebnisse verängstigt zu werden und bekämpft sie darum tendenziell. Für eine zwanghafte Person, die ihr Leben so organisiert, dass sie Emotionen leugnet und kontrolliert, reicht die Angst, von Emotionen übermannt zu werden (was als Kontrollverlust interpretiert wird), aus, um alle Vernichtungs- und Abwehrener. gien gegen die Gipfelerlebnisse zu mobilisieren. Eine Proban-din, eine sehr überzeugte Marxistin, leugnete ein echtes Gipfel-erlebnis, das heißt, wendete sich von ihm ab; schließlich klassifizierte sie es als ein eigenartiges, aber unbedeutendes Ereignis, das ihr widerfuhr, jedoch am besten schnell vergessen werden sollte, weil diese Erfahrung sie mit ihrer materialistischen mechanistischen Lebensphilosophie in Konflikt brachte. Ich traf einige ultra-wissenschaftliche Gipfellose, das heißt, die der Konzeption aus dem 19. Jahrhundert anhingen, Wissenschaft sei unemotional oder anti-emotional zu betreiben, werde von Logik und Rationalität beherrscht; sie meinten, all jenem, das nicht logisch oder rational sei, gebühre kein respektabler Platz im Leben. (Ich vermute auch, dass sich extrem »praktische«, also ausschließlich instrumentell denkende Leute als Gipfellose herausstellen, da sich mit solchen Erfahrungen kein Geld ma-chen, kein Brot backen, kein Holz hacken lässt. Ebenso Leute, die extrem auf andere bezogen sind, die wenig darüber wissen, was in ihnen selbst vorgeht. Vielleicht auch Leute, die à la Goldstein auf das Konkrete reduziert sind usw. usw.) Schließlich möchte ich hinzufügen, dass ich in einigen Fällen keine Erklärung für die Gipfellosigkeit habe.
Wenn Sie mir erlauben, diese sich entwickelnde, aber noch nicht überprüfte Ausdruckweise zu benutzen, kann ich vereinfacht sagen, dass zwischen dem Propheten und dem Kirchen-mann, zwischen dem einsamen Mystiker und dem (extrem perfekten) Mann der religiösen Organisation oft die Bezichung zwischen einem »Gipfler« und einem » Gipfellosen « bestehe.
Viel Theologie, viel verbale Religion in der Geschichte und in der Welt lässt sich betrachten als mehr oder weniger eitle Anstrengung, die ursprüngliche mystische Erfahrung des ut-sprünglichen Propheten in vermittelbare Worte und Formeln zu verwandeln. Mit einem Wort, organisierte Religion kann gedacht werden als ein Versuch, Gipfelerlebnisse Gipfellosen zu vermitteln, sie ihnen zu lehren, für sie verfügbar zu machen usw.
Um es noch komplizierter zu machen, fiel diese Aufgabe oft in die Hände von Gipfellosen. Im Ganzen würden wir heute er-warten, dass das ein eitler Versuch bleiben muss, wenigstens bezogen auf den größten Teil der Menschheit. Die Gipfelerlebnis-se und ihre empirische Gegebenheit lässt sich für gewöhnlich Gipfellosen nicht vermitteln, wenigstens nicht durch Worte al-lein, und gewiss nicht durch Gipfellose. Stattdessen konkretisieren die Leute, besonders die ignoranten, die ungebildeten und die naiven, die Symbole, die Worte, Standbilder, Zeremonien und verwandeln durch einen Prozess der funktionalen Autonomie sie anstelle der ursprünglichen Offenbarung in die heiligen Dinge und die heiligen Handlungen. Das heißt, dies ist schlicht eine Form von Götzendienst (oder Fetischismus), der zum Fluch von jeder großen Religion geworden ist. Beim Götzendienst geht die wesentliche ursprüngliche Bedeutung in der Konkretion so weit verloren, dass letztendlich eine Feindschaft entsteht gegenüber der ursprünglichen mystischen Erfahrung, den Mystikern und den Propheten im Allgemeinen, das heißt, gegenüber genau den Menschen, die wir von unserem heutigen Standpunkt aus als wahrhaft religiös bezeichnen könnten. Die meisten Religionen haben sich dazu aufgeschwungen, das Fundament zu leugnen und zu bekämpfen, auf dem sie ursprünglich standen.
Wenn man die innere Geschichte der meisten Weltreligionen näher betrachtet, wird man herausfinden, dass jede von ihnen sich schnell in einen linken und rechten Flügel aufspaltete, das heißt, in die »Gipfler«, die Mystiker, die Transzendenten oder privat religiösen Menschen auf der einen Seite und auf der anderen in diejenigen, die die religiösen Symbole und Metaphern konkretisieren, die kleine Holzstücke anbeten anstelle dessen, für das sie stehen, die Texte wörtlich nehmen und ver-gessen, wofür die Worte ursprünglich stehen und die, was vielleicht am bedeutsamsten ist, die Organisation, die Kirche als wichtigstes nehmen, wichtiger als den Propheten und seine ursprüngliche Offenbarung. Diese Leute tendieren wie viele Or-ganisatoren, die die Spitze komplexer Organisationen erklim-men, dazu, »Gipfellose« anstatt »Gipfler« zu sein. Die berühmte Szene mit dem Großinquisitor aus Dostojewskis »Die Brüder Karamasow« zeigt dies auf einem klassischen Weg.
Diese Spaltung zwischen den Mystikern und den Legalisten, wenn ich sie so nennen darf, führt bestenfalls zu einer Art gegenseitiger Duldung: in den meisten Kirchen passiert es aber, dass die Herrscher in den Organisationen die mystischen Erfahrungen zur Häresie erklären und die Mystiker verfolgen.
Dies mag ein Allgemeinplatz in der Religionsgeschichte sein, doch ich muss betonen, dass Gleiches in anderen Feldern geschehen ist. Zum Beispiel können wir heute sicherlich sagen, dass professionelle Philosophen dazu tendieren, in gleicher Weise einen linken und einen rechten Flügel zu bilden. Die meisten offiziellen, orthodoxen Philosophen heute entsprechen den Legalisten, die die Probleme und Fakten der Transzendenz als » bedeutungslos « zurückweisen. Das heißt, sie sind Positivisten, Atomisten, Analytiker, die mit den Zwecken anstatt mit den Zielen beschäftigt sind. Sie wetzen die Messer, anstatt die Wahrheit zu entdecken. Diese Leute stehen in scharfem Kontrast zu einer anderer Gruppe zeitgenössischer Philo-sophen, den Existenzialisten und Phänomenologen. Sie sind die Menschen, die dazu tendieren, Erfahrung als das ursprüngliche Faktum zu nehmen, von dem alles andere ausgeht.
Eine ähnliche Spaltung findet sich in der Psychologie, in der Anthropologie und, da bin ich ziemlich sicher, auch in weiteren Feldern, vielleicht in allen Feldern menschlichen Handelns.
Oft habe ich den Verdacht, dass wir es hier mit einer tiefsitzen-den charakterlichen oder konstitutionellen Differenz zwischen Menschen zu tun haben, die bis weit in die Zukunft reichen wird, eine menschliche Differenz, die möglicherweise universell ist und bleiben wird. Die Aufgabe dann wird sein, diese zwei Arten Menschen zum gegenseitigen Verständnis zu brin-gen, dass sie miteinander auskommen und sich sogar lieben.
Dieses Problem hat seine Parallele in der Beziehung zwischen Männern und Frauen, die einander so unterschiedlich sind und dennoch miteinander leben und sich gegenseitig lieben müssen, (Ich muss zugeben, dass es nahezu unmöglich sein wird, dies zwischen Dichter und Rezensenten, Komponisten und Musikkritikern usw. zu erreichen.)
Zusammenfassend sieht es wahrscheinlich so aus, dass das Gipfelerlebnis das Modell der religiösen Offenbarung oder der religiösen Erleuchtung oder Bekehrung sein mag, das eine so große Rolle in der Geschichte der Religionen gespielt hat. Weil die Gipfelerlebnisse in der natürlichen Welt stattfinden, weil wir sie erforschen und untersuchen können und weil unser Wissen über sie wächst sowie wahrscheinlich zukünftig weiter wachsen wird, können wir heute jedoch hoffen, die großen Offenbarungen, Bekehrungen und Erleuchtungen besser zu verstehen, auf denen die Hochreligionen basieren.
(Nicht nur das. Ich möchte eine neue Möglichkeit für die wissenschaftliche Erforschung der Transzendenz hinzufügen.
In den letzten Jahren wurde es ziemlich deutlich, dass gewisse,
»psychedelisch« genannten Drogen, besonders LSD sowie Psilocybin, uns die Möglichkeit geben, den Bereich der Gipfel-erlebnisse zu steuern. Es sieht so aus, dass diese Drogen bei den richtigen Leuten unter den richtigen Umständen oft Gipfel-erlebnisse hervorrufen, sodass wir vielleicht nicht mehr warten müssen, bis sie von selber auftreten. Vielleicht können wir tatsächlich ein privates persönliches Gipfelerlebnis unter Beobachtung jederzeit induzieren, je nach Forschungsfrage im religiösen oder nicht-religiösen Rahmen. Wir könnten dann in der Lage sein, den Geburtsmoment der Erfahrung von Erleuchtung oder Offenbarung zu studieren. Sogar wichtiger noch, es könnte sein, dass sich durch diese Drogen, vielleicht auch durch Hypnose, Gipfelerlebnisse mit einer im Kern religiösen Offenbarung bei Gipfellosen hervorrufen lassen und so die Kluft zwischen diesen beiden Hälften der Menschheit überbrückt wer-
den kann.)
Um diese ganze Diskussion von einer anderen Perspektive anzugehen, erlaubt uns das, was ich über den Nachweis der Gipfelerlebnisse gesagt habe, über die wesentliche, intrinsische, grundlegende, fundamentalste religiöse oder transzendente Erfahrung als eine total private und persönliche zu sprechen, die kaum mitgeteilt werden kann (außer anderen »Gipflern«). In Konseguenz ist all das Drum und Dran organisierter Religion
- Gebäude und spezialisiertes Personal, Rituale, Dogmen, Zeremonien? und derartiges - für den »Gipfler« zweitrangig, randständig und von zweifelhaftem Wert im Vergleich mit der intrinsischen und wesentlichen religiösen oder transzendenten Erfahrung. Vielleicht mag es sogar in vielerlei Hinsicht schädlich sein. Vom Standpunkt dessen, der Gipfelerlebnisse hat, hat jede Person ihre eigene persönliche Religion; sie zieht sie aus ihrer eigenen persönliche Offenbarung, in der sich ihre eigenen persönlichen Mythen und Symbole, Rituale und Zeremonien offenbaren. Diese mögen für sie persönlich die profundeste Bedeutung haben und gleichzeitig völlig idiosynkratisch sein, also für niemand anderes Bedeutung erlangen. Aber um es einfacher zu sagen: Jeder »Gipfler « entdeckt und entwickelt eine eigene Religion, an der er festhält (87).
Zusätzlich scheint sich aus dieser neuen Quelle von Fakten herauszukristallisieren, dass jene im Kern wesentliche religiöse Erfahrung sowohl in einem theistischen, übernatürlichen als auch einen nicht-theistischen Kontext eingebettet sein kann.
Diese private religiöse Erfahrung wird geteilt von den großen Weltreligionen einschließlich den atheistischen wie Buddhismus, Taoismus, Humanismus und Konfuzianismus. In der Tat kann ich so weit gehen zu sagen, dass in dieser intrinsischen Kern-Erfahrung nicht nur, sagen wir, Christen, Juden und Moslems zusammenfinden, sondern auch Priester und Acheisten, Kommunisten und Anti-Kommunisten, Konservative und Liberale,So Künstler und Wissenschaftler, Männer und Frauen, unterschiedliche körperliche Verfassungen, das soll heißen, Athleten und Poeten, Denker und Macher. Ich sage das, weil unsere Erkenntnisse darauf hinweisen, dass alle oder fast alle Menschen Gipfelerlebnisse haben oder zumindest haben kön-nen. Sowohl Männer als auch Frauen haben Gipfelerlebnisse und Menschen aller körperlicher Konstitutionen haben Gipfel-erlebnisse. Zwar ist der Inhalt der Gipfelerlebnisse annähernd so, wie ich ihn für alle Menschen beschrieben habe (siehe Anhang A), die Situationen oder die Auslöser für die Gipfelerleb-nisse können aber für Männer und Frauen unterschiedlich aus-fallen. Diese Erfahrungen mögen aus verschiedenen Quellen stammen, ihr Inhalt jedoch lässt sich als ziemlich ähnlich klas-sifizieren. Zusammenfassend tendieren die beiden Religionen der Menschheit von diesem Standpunkt aus dazu, Gipfler und Gipfellose zu sein, das soll sagen, jene, die eigene, persönliche, transzendente, im Kern religiöse Erfahrungen leicht und oft haben und die sie akzeptieren und nutzen, und auf der anderen Seite jene, die sie nicht haben oder sie unterdrücken oder verdrängen und die sie darum nicht nutzen können für ihre persönliche Therapie, für ihr persönliches Wachstum oder für ihre Selbstverwirklichung.
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IV
Organisatorische Gefahren für transzendente Erfahrungen
Wenn ich » nicht-theistische religiöse Menschen « interviewe, scheint es mir manchmal, dass sie religiösere (oder transzen-dentere) Erfahrungen machen als konventionell religiöse Men-schen. (Das ist bis jetzt nur ein Eindruck, doch es würde offensichtlich ein lohnenswertes Forschungsprojekt abgeben.) Teilweise mag das daher rühren, dass sie sich öfters »ernsthaft« mit Werten, Ethik, Lebensphilosophie beschäftigen, weil sie sich aus dem konventionellen Glauben herauskämpfen und ihr eigenes individuelles Glaubenssystem auf sich gestellt schaffen müssen. Verschiedene andere Faktoren für dieses Paradox boten sich zu verschiedenen Zeiten an, an dieser Stelle will ich sie allerdings übergehen.
Der Grund, warum ich diesen Eindruck (der sich bestätigen mag oder nicht, sich vielleicht als nur ein Messfehler herausstellt usw.) anspreche, ist, dass er mich dahin brachte zu reali-sieren, dass für die meisten Menschen eine konventionelle Religion zwar einen Teil des Lebens religiös gestaltet, den Rest dadurch jedoch stark »entreligionisiert«,&1 Die Erfahrungen des Heiligen, Sakrosankten, Göttlichen, Geheimnisvollen, der Ehr-furcht, Kreatürlichkeit, Frömmigkeit, Dankbarkeit, Demut und Selbstaufgabe tendieren, wenn sie überhaupt gemacht wer-den, dazu, sich auf bloß einen Tag in der Woche zu beschränKen, unter dem Dach bloß einer einzigen Art von Struktur und unter bloß gewissen auslösenden Umständen zu geschehen, die Anwesenheit gewisser zwar traditioneller, mächtiger, intrin. sisch geschen aber bedeutungsloser Stimulanzien wie Orgel-musik, Weihrauch, spezieller Gesänge, gewisser Regalien und anderer willkürlicher Auslöser zu erfordern. Unter diesen kirchlichen Auspizien religiös zu sein oder vielmehr religiös sich zu fühlen, scheint viele (die meisten?) Menschen der Notwendigkeit oder des Verlangens zu entheben, solche Erfahrungen unter anderen Umständen zu machen. Bloß einen Teil des Lebens religiös zu gestalten, säkularisiert dessen Rest.
Dies steht im Kontrast zu meinem Eindruck, dass »ernst-hafte« Menschen aller Art dahin tendieren, jeden Teil des Lebens jeden Tag an jedem Ort unter jeder Art Umstände » reli-gionisieren« zu können, also sich Tillichs »Dimension der Tiefe« bewusst zu sein.82 Selbstredend würde es den eher
»ernsthaften « Menschen, die Nichttheisten sind, nicht einfal-len, ihren Gefühlen das Label » religiöse Erfahrungen « anzuheften oder Worte wie »heilig«, »fromm«, »weihevoll« oder so in den Mund zu nehmen. In meiner Begrifflichkeit machen sie allerdings » im Kern religiöse « oder transzendente Er-fahrungen, wenn sie von ihren Gipfelerlebnissen berichten. In diesem Sinne kann man sagen, ein empfindsamer, kreativ arbeitender Künstler, von dem ich weiß, dass er sich als Agnostiker bezeichnet, habe viele » religiöse Erfahrung«, und ich bin si-cher, dass er mir zustimmen würde, wenn ich ihn danach fragte.
Sobald dieses Paradox durchdacht ist, hört es jedenfalls auf, ein Paradox zu sein und wird stattdessen ganz offensichtlich.
Wenn der »Himmel « überall erreichbar und betretbar ist (70) und wenn die »Bewusstheit des Einsseins« (mit ihrer S-Er-kenntnis, ihrer Wahrnehmung des Seins, Heiligen und Ewi-gen) stets eine Möglichkeit für jede ernschafte und nachdenkliche Person darstelle, die sich in gewissem Umfang selbst steuern kann (54), dann ereignen sich solche »im Kern religiösen « oder transzendenten Erfahrungen auch jenseits von Gipfeler-lebnissen in gewissem Umfang unter unserem Einfluss. (Genü-gend Gipfelerlebnisse zu haben, in denen S-Erkenntnis stattfin-det, führt zu der Wahrscheinlichkeit von S-Erkennen auch ohne Gipfelerlebnisse.) Ich war auch in der Lage, wenigstens manchen Studenten durch meine Vorträge und meine Schriften die S-Erkenntnis oder die Bewusstheit des Einsseins zu leh-ren. Im Prinzip ist es möglich, mittels angemessenem Verständnisses die instrumentellen Handlungen in zielgerichtete Handlungen zu verwandeln,$4 zu »ontologisieren « (66); per Willenskraft sich unter den Aspekt der Ewigkeit zu stellen, das Heilige und Symbolische in und durch das einzelne Hier und Jetzt zu sehen.
Was verhindert, das zu tun? Ganz allgemein alle jene Kräfte, die uns klein machen, pathologisieren, die uns in den Regress führen, also zu Dummheit, Schmerz, Krankheit, Furcht, »Ver-gessen«, Dissoziation, Reduktion auf das Konkrete, Neuroti-sierung usw. Das heißt, keine im Kern religiösen Erfahrungen zu machen, kann ein » niederer«, geringerer Zustand sein, ein Zustand, in welchem wir nicht »voll funktionieren«, nicht in Höchstform sind, nicht ganz menschlich, nicht hinreichend integriert. Wenn wir wohlauf und gesund sind und das Konzept
»Mensch« angemessen erfüllen, sollten Erfahrungen der Transzendenz im Prinzip zur Normalität werden.
Nun lässt sich das, was mir zuerst wie ein Paradox vorkam, als eine Tatsache betrachten, die alles andere als überrascht. Ich bemerkte etwas, das mir bisher nicht in den Sinn kam, namentlich dass orthodoxe Religion schlicht die Entheiligung großer Teile des Lebens bedeuten kann. Sie kann zu einer Spaltung des Lebens in das Transzendente und das Säkular-Profane führen und diese beiden Pole darum zeitlich, örtlich, konzeptionell und in der Erfahrung voneinander trennen. Das steht in deutlichem Widerspruch zu der Gegenwart der Gipfelerlebnisse. Es widerspricht sogar der traditionellen religiösen Version der mystischen Erfahrung, ganz zu schweigen von den östlichen Versionen mystischer Gipfelerlebnisse wie Satori und Nirwana.
Alle diese stimmen darin überein, dass das Heilige und das Profane, das Religiöse und das Säkulare nicht voneinander zu trennen sind. Offensichtlich ist es eine der Gefahren der legalistischen und organisatorischen Versionen von Religion, dass sie dazu tendieren, natürliche Gipfelerlebnisse, transzen-dente, mystische und andere im Kern religiöse Erfahrungen zu unterdrücken und ihr Vorkommen weniger wahrscheinlich zu machen; der Grad der religiösen Organisation korreliert wohl negativ mit der Häufigkeit » religiöser« Erfahrungen.'S Konventionelle Religionen mögen sogar als Schutz und Widerstand dienen gegen die erschütternden Erfahrungen von Trans-zendenz.
Es mag sein, dass es weitere solche inversen Beziehung zwischen Organisation und religiöser transzendenter Erfahrung gibt - wenigstens bei machen Leuten. (Für wie wenige es auch gilt, es stellt eine Gefahr für alle dar.) Wenn wir den lebendigen, ergreifenden, erschütternden, Gipfel erlebenden Typus religiöser oder transzendenter Erfahrung, die ich beschrieben habe, in Kontrast setzen zu den gedankenlosen, routinierten, reflexhaf-ten, abwesenden und automatischen Reaktionen, die von vielen Leuten » religiös « genannt werden (bloß weil sie in bekannten Umständen vorkommen, die semantisch unter » religiös « rubriziert sind), schauen wir einem universellen » existenziellen « Problem ins Gesicht. Gewöhnung und Wiederholung resultieren in einer Senkung der Intensität, des Reichtums und der Be-wusstheit, während sie auch zu Gunst, Sicherheit und Komfort usw. führen (s5). Gewöhnung macht es, kurz gesagt, unnötig, dabei zu sein, zu denken, zu fühlen, das Leben auszuschöpfen, reiche Erfahrung zu machen. Dies trifft nicht nur auf den Bereich der Religion zu, sondern auch auf die Bereiche Musik, Kunst, Architektur, Patriotismus, sogar die Natur selber.
Wenn die organisierte Religion überhaupt eine letztgültige Wirkung hat, dann durch ihre Macht, das Individuum in seinem tiefsten Inneren zu erschüttern. Worte lassen sich gedankenlos und ohne die intrapersonelle Tiefe zu berühren wieder-holen, unabhängig davon, wie wahr oder schön ihre Bedeutung ist; dies gilt auch für symbolische Handlungen jeder Art wie Gruß der Flagge, Zeremonien jeder Art, Rituale oder Mythen.
Diese können extrem bedeutsame Wirkungen auf eine Person Ausüben und durch sie hindurch auf die Welt. Aber dies gilt nur, wenn sie sie erfährt, sie wahrhaft lebt. Nur dann haben sie Be.
deutung und Wirkung.
Die ist vielleicht ein weiterer Grund, warum Leute, die ihre überkommene Religion zurückgewiesen und eine neue für sich kreiert haben, ob sie sie nun so nennen oder nicht, häufiger transzendente Erfahrungen machen. (Oder vorsichtiger ausgedrückt ist dies das, was in meinem Sample geschieht, nämlich hauptsächlich Studenten.) Das stellt nicht nur konservative re. ligiöse Organisationen vor ein Problem, sondern auch liberale religiöse Organisationen, ja für Organisationen überhaupt.
Und es wird auch für Pädagogen gelten, wenn sie schließlich gezwungen sind, Spiritualität und Transzendenz zu lehren. Die Erziehung zum Patriotismus ist für die meisten der wirklich patriotischen Amerikaner schrecklich enttäuschend, so sehr, dass genau diese Menschen » un-amerikanisch « genannt werden.
Rituale, Zeremonien, Worte, Formeln mögen manche anspre-chen, aber sie berühren nicht viele, wenn ihre Bedeutung nicht in tiefem Verständnis und in Erfahrung gründet. Das Ziel der Bildung in diesem Bereich muss klarerweise in den Begriffen der inneren, subjektiven Erfahrungen jedes Individuums ausgedrückt werden. Solange diese Erfahrungen nicht bekanntermaßen stattfinden, kann von der Werte-Bildung nicht gesagt werden, dass sie ihr Ziel erreicht habe.
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V
Hoffnung, Skeptik und die höhere Natur des Menschen
Der Blickwinkel, der sich jetzt schnell entwickelt - dass die höchsten spirituellen Werte anscheinend eine natürliche Bestätigung finden und dass übernatürliche Bestätigungen für diese Werte darum unnötig seien - wirft Fragen auf, die zuvor nicht in genau dieser Form aufgeworfen wurden. Zum Beispiel, warum diese übernatürlichen Bestätigungen für Güte, Altruismus, Tugend und Liebe zunächst überhaupt nötig waren?
Selbstredend ist die Frage des Ursprungs der Religionen als Sanktionen der Ethik schrecklich komplex und ich beabsichtige gewiss nicht, sie hier mit Lässigkeit abzuhandeln. Jedoch kann ich einen zusätzlichen Aspekt beisteuern, den wir heute deutlicher sehen können als jemals zuvor, namentlich dass eine wichtige Charakteristik der neuen »dritten« Kraft der Psy-chologie&7? ihr Nachweis der »höheren Natur« des Menschen ist. Wenn wir auf die religiösen Konzeptionen der menschlichen Natur zurückschauen - und tatsächlich brauchen wir nicht sehr weit zurückschauen, denn die gleiche Doktrin findet sich bei Freud -, wird es kristallklar, dass jede Doktrin eines angeborenen Mangels oder jedes Schlechtmachen seiner animalischen Natur sehr leicht zu einer außer-humanen Verortung der Güte, des Heiligen, der Tugend, der Opferbereitschaft, des Altruismus usw. führt. Wenn diese Dinge nicht aus der menschlichen Natur heraus erklärt werden können - und erklärt werden müssen sie -, dann müssen sie von außerhalb der menschlichen Natur erklärt werden. Je schlechter der Mensch ist, als je arm. seliger er aufgefasst wird, um so notwendiger wird ein Gott Heute ist auch klarer verständlich, dass eine Quelle für den Nie dergang des Glaubens an übernatürliche Sanktionen das (aur Basis neuen Wissens) wachsende Vertrauen in die größeren Möglichkeiten der menschlichen Natur ist.*8 Eine natürliche Erklärung ist deutlich sparsamer und darum für Gebildete überzeugender als eine übernatürliche Erklärung. Diese eignet sich darum dazu, eine inverse Funktion jener zu sein.
Dieser Prozess hat allerdings seine Kosten; ich vermute, besonders für die weniger Gebildeten und auf jeden Fall für die orthodoxen religiösen Menschen. Für sie bedeutet, wie Dosto-jewski, Nietzsche und andere sehr klar gesehen haben, » alles ist erlaubt, alles möglich, wenn Gott tot ist«. Sofern die einzige Sanktion für die »spirituellen « Werte übernatürlich ist, dann untergräbt es alle höheren Werte, falls man diese Sanktion un-tergräbt.
Besonders bewahrheitet hat sich dieses in den letzten Jahr-zehnten, weil die positivistische Wissenschaft - die für viele die einzige Art Wissenschaft darstellt - sich als ebenso ungenügende Quelle für Ethik und Werte erwies. Im rationalistischen Jahrhundert wurde auch das Vertrauen zerstört. Das Vertrauen, dass ethischer Fortschritt ein unweigerliches Nebenprodukt wachsenden Wissens über die Natur und der diesem Wissen entspringenden Technologie sei, ist mit dem Ersten Weltkrieg gestorben, mit Freud, mit der Weltwirtschaftskrise, mit der Arombombe. Noch schockierender ist vielleicht, für den Psychologen gewiss, die neuerliche (61) Entdeckung, dass der Wohlstand selber das klarste, kälteste Licht auf den spirituellen, ethischen, philosophischen Hunger wirft. (Dies ist so, weil nach etwas zu streben, was man nicht hat, einem unweigerlich das Gefühl gibt, das Leben besitze einen Sinn und sei lebens-wert. Wenn man dagegen alles hat, nach nichts strebt, was dann?)
Darum haben wir die eigenartige Situation, in welcher viele Intellektuelle sich heute zwar als in jeder Hinsicht skeptisch ge-ben, sich dabei aber voll bewusst sind, dass sie sich nach irgend einer Art Glauben sehnen, auch voll bewusst, dass es schreckliche spirituelle (und politische) Folgen haben wird, wenn diese
Sehnsucht keine Befriedigung findet.89
Und so haben wir eine neue Sprache, um die Situation zu be-schreiben, Worte wie Anomie,°° Anhedonie,°' Entwurzelung, Bedeutungslosigkeit, Werteverfall, existenzielle Langeweile, spirituelle Not, Außensteuerung, Neurosen des Erfolgs usw.
(Siehe Anhang E.)
Die meisten Psychotherapeuten würden zustimmen, dass ein großer Teil der Bevölkerung aller wohlhabenden Nationen
- nicht nur die USA - sich jetzt verfangen haben in dieser Situation der Wertelosigkeit, obwohl die meisten dieser There. peuten immer noch oberfächlich und sympromverhaficer vo.
"Charakterneurosen, Unreife, jugendlichen Straftsern, iber. triebener Nachsicht usw. sprechen.
Ein neuer Ansatz in der Psychotherapie, die existenzielle Therapie,° entwickelt sich, um dieser Situation gerecht zu wer. den. Aber aufs Ganze gesehen bleiben die meisten Menschen, weil Therapie für die Massenanwendung ungeeignet ist, in der Situation gefangen und führen privat und öffentlich ein miser. ables Leben. Ein kleiner Teil » kehrt zur traditionellen Religion zurück«, obwohl die meisten Beobachter darin übereinstim-men, dass diese Rückkehr nicht geeignet ist, um zu einer tiefen
Verwurzlung zu führen.
Aber einige Andere, immer noch ein kleiner Teil, entdecken in den neuerdings verfügbaren Hinweisen der Psychologie eine andere Möglichkeit eines positiven, natürlichen Glaubens, ei-nes »gesunden Glaubens «,?3 wie John Dewey es nannte, eines
»humanen Glaubens «, wie Erich Fromm es nannte,?4 huma-nistische Psychologie, wie viele andere es jetzt nennen. (Siehe Anhang B.) Wie John MacMurray sagte: »Jetzt ist der Punkt's in der Geschichte, an welchem es dem Menschen möglich ist, sich bewusst den Zweck zu setzen, der ihm schon in seine Natur eingeschrieben ist« (zit. n. »Man and God«, hg. v. Victor] Gollancz, Boston: Houghton Mifflin Co., 1951, S. 49).96 Es gibt sogar eine Wochenzeitschrift, »Manas«,97 von der man sagen kann, sie sei ein Organ dieses neuen Glaubens und dieser neuen Psychologie.
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VI
Wissenschaft und die religiösen Liberalen sowie die Nicht-Theisten
Die objektivistische, wertfreie Wissenschaft des 19. Jahrhunderts hat sich schließlich auch herausgestellt als eine schlechte Fundierung für die Atheisten, die Agnostiker, die Rationalis-ten, die Humanisten und andere Nicht-Theisten, ebenso für die
»liberalen «98 Religionsanhänger, etwa die Unitarier und die Universalisten. Beide, die orthodoxe Wissenschaft sowie die Liberale und nicht-theistische Religion, lassen zu viel von dem aus, was für die meisten Menschen wertvoll ist. In ihrer Revolte gegen die organisierten, institutionalisierten Kirchen akzeptierten sie unbemerkt die unreife und naive Dichotomie zwischen traditioneller Religion (als der einzigen Trägerin von Werten) auf der einen und auf der anderen Seite einer total me-chanistischen, reduktionistischen, objektivistischen, neutralen, wertfreien Wissenschaft. Bis heute verlassen sich liberale Reli-gionsanhänger stark, fast ausschließlich auf die Naturwissen-schaften, die ihnen irgendwie » wissenschaftlicher« vorkommen als die psychologischen Wissenschaften, auf die sie sich stützen sollten, die sie aber fast gar nicht nutzen (außer in positivistischen Versionen).
Darum setzen durchschnittliche, liberale Religionsanhän-ger, alle ihre Anstrengungen darein, Wissen über die unpersönliche Welt zu erlangen, anstatt sich den personalen Wissenschaften zuzuwenden. Die betonen das rationale Wissen und fühlen sich unwohl mit dem Irrationalen, dem Antiratioanalen, dem Nichtrationalen als hätten Freud, Jung und Adler nie ge-lebt. So wissen sie offiziell nichts über ein subrationales Unbe-wusstes, über Verdrängung oder Widerstand im Allgemeinen, über Vermeidung von Einsicht, über Impulse, die das Verhalten bestimmen und der Person selber trotzdem unbekannt sind.
Wie positivistische Psychologen fühlen sie sich heimischer im Kognitiven als im Emotionalen und dem Impulsiven und Will-kürlichen. In ihren Systemen lassen sie prinzipiell keinen Raum für das Mysteriöse, das Unbekannte, das Unwissbare, das Es-ist-gefährlich-zu-Wissende, das Unaussprechliche. Sie übergehen völlig die alte, reiche Literatur, die auf mystischen Erfahrungen basiert. Sie haben systematisch gesehen keinen Platz für Ziele, Zwecke, Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen, geschweige denn Willen und Sinn. Sie wissen nicht, was sie mit Erfahrung, Subjektivität und Phänomenen anfangen sollen, die die Existenzialisten ebenso wie die Psychotherapeuten so stark beto-nen. Das Unexakte, das Unlogische, das Metaphorische, das Mystische, das Symbolische, das Widersprüchliche oder Kon-fliktreiche, das Zweideutige, das Ambivalente wird als » niedriger « oder » ungut « eingestuft, also etwas, das » verbesserungs-bedürftig« sei, um der Rationalität und Logik zu genügen. Es ist noch nicht verstanden, dass es sich um eine Charakteristik des Menschen auf seiner höchsten ebenso wie auf seiner niedrigsten Stufe der Entwicklung handelt, dass man es wertschät-zen, benutzen, lieben und zugrunde legen kann, anstatt unter den Teppich zu kehren. Auch ist nicht ausreichend beachtet worden, dass sowohl »gute« als auch »schlechte« Impulse verdrängt werden können.
Dies trifft auch auf die Erfahrungen von Ergebung, von Ehrerbietung, von Unterwerfung, von Hingabe, von Demut und Opfer, von Scheu und Bewusstsein der eigenen Beschränkung
2. Diese Erfahrungen, die organislerte Religionen immer méy. lieh zu machen versucht haben, sind auch allgemein genug in den Gipfelerlebnissen und den S-Erkenntnissen' enthalten, eingeschlossen sogar die Impulse, niederzuknien, sich in De mut zu üben, und zu etwas wie Verehrung. Aber das alles fehlt in den Nicht-Theismen und den liberalen 'Theismen, Heute ist dies besonders wichtig wegen der verbreiteten »Wertelosig keit « in unserer Gesellschaft; die Menschen haben also nichts zu bewundern, niches, um sich dafür aufzuopfern, um sich ihm zu ergeben oder für es zu sterben, 109 Dieser Spalt ruft nach ei. ner Füllung. Vielleicht handelt es sich sogar um ein » instinkt. haftes« Bedürfnis. Jede Ontopsychologie'°' oder jede Religion muss dieses Bedürfnis anscheinend erfüllen.
Ergebnis? Eine ziemlich trostlose, langweilige, nicht aben-teuerliche, emotionslose, kühle Lebensphilosophie, die ver-fehlt, was die traditionellen Religionen in ihren besten Phasen zu tun versuche haben, nämlich die Entscheidung für Werte zu inspirieren, ehrfürchtig zu machen, zu trösten, zu erfüllen, zu begleiten, zwischen höheren und niederen, besseren und schlechteren zu unterscheiden, ganz zu schweigen davon, dionysische Erfahrung, Wildnis, Feierlichkeit und Impulsivität zu erzeugen. Jede Religion, liberal oder orthodox, theistisch oder nicht-theistisch, muss nicht nur intellektuell glaubwürdig und moralisch Respekt erheischend sein, sondern auch emotional befriedigend (und transzendente Emotionen schließe ich hier mit ein).
Es ist kein Wunder, dass die liberalen religiösen und semi-religiösen Gruppen so wenig Einfluss erlangen, obwohl ihre Mitglieder zu den intelligentesten und fähigsten der Bevölkerung zählen. Das muss so sein, solange sie sich auf ein schiefes Bild der menschlichen Natur stützen, das das meiste von dem auslässt, was Menschen an sich wertschätzen, erfreut, hegen, für das sie tatsächlich leben, und was sie nicht missen möchten.
Die Wissenschaftstheorie, die den Ausschluss von so vielem, das wahr und real ist und existiert, erlaubt und ermutigt, kann nicht als eine umfassende Wissenschaft betrachtet werden. Sie stellt offensichtlich alles dar, was real ist. Sie enthält nicht alle Daten. Statt zu sagen, diese neuen Daten seien » unwissen-schaftlich«, sind wir jetzt meiner Ansicht nach bereit, den Spieß herumzudrehen und die Definition der Wissenschaft so zu verändern, dass sie in der Lage ist, diese Daten zu integrieren.
(Siehe Anhänge D und I.)
Einige aufnahmebereite Liberale und Nicht-Theisten durchlaufen einen »Glaubenszweifel«, wie er auch für Orthodoxe typisch ist, namentlich einen Verlust des Vertrauens an die grundlegenden Glaubensinhalte. Genau wie viele Intellektuelle den Glauben an die religiöse Orthodoxie verloren haben, verlieren sie auch den Glauben an die positivistische Wissenschaft des 19. Jahrhunderts als einen Lebensweg. Darum haben sie oft das Gefühl von Sinnlosigkeis, den Hunger nach Glauben, das Verlangen nach einem Wertesystem: Wertelosigkeit und die gleichzeitige Sehnsucht nach Werten markiert so viele in die sem » Zeitalter der Sehnsuchts (&) - (Siehe auch Anhang t.) Ich glaube, dass sich dieses Bedürfnis durch eine weitere, um.
Fassende Wissenschaft befriedigen lässt, eine, die die Daten der Transzendenz einschließt. 102
Nicht nur müssen die liberalen Religionen und Nicht.
Theismen all diese vernachlässigten Aspekte der menschlichen Natur akzeptieren und sie zur Grundlage nehmen, wenn sie hoffen wollen, alle perfekt legitimen menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen, sondern auch, wenn diese Wertesysteme letzt. endlich die Aufgabe jeder sozialen Institution erfüllen sollen, also die höchste und vollste Menschlichkeit aufs vollste in Erscheinung zu bringen und zu entwickeln. Wenn sie das wollen, müssen sie das sogar noch unbekanntere Land der Gedanken erkunden, etwa so rein » religiöse« Konzepte wie das Heilige, das Ewige, Himmel und Hölle, den guten Tod und wer weiß was außerdem noch, was den übergriffigen naturalistischen Forscher heute annagt. Es schaut so aus, dass dies auch in die humane Welt eingebracht wird. Jedenfalls ist schon genug Wissen verfügbar, so dass ich meinem Gefühl nach sagen kann, diese Konzepte seien keine bloßen Halluzinationen, Illusionen oder Täuschungen oder cher, genauer, sie bräuchten es nicht.
Sie können und haben Referenzen in der realen Welt.
•Mir ist unwohl bei der semantischen Verwirrung, die für uns darin liegt, all diese Konzepte, die traditionell »religiös « genannt werden, umzudefinieren und in ganz anderer Weise zu verwenden; ich zögere gar, obwohl genau das schon geschicht.
Sogar das Wort »Gott« definieren viele Theologen heute in einer Weise, die die Konzeption einer Person mit Körper, Stim-me, Bart usw. ausschließt. 103 Wenn Gott definiert wird als
»Selbst-Sein« oder als »Prinzip der Integration des Universums « oder als » das Ganze von Allem « oder als »Bedeutsam-keit des Kosmos« oder sonst einer anderen nicht-personalen Weise, wogegen kämpfen die Atheisten dann? Sie könnten dem
»Prinzip der Integration « oder dem »Prinzip der Harmonie«
auch zustimmen.
Und wenn, wie es gerade geschehen ist, Paul Tillich Religion definiert als ein »Ergriffensein von dem, was uns unmittelbar angeht«14 und ich dann die humanistische Psychologie in gleicherweise definiere, was dann ist der Unterschied zwischen Übernatürlichkeit und Humanismus?
Die wichtige Lehre, die hier gezogen werden muss, nicht nur durch die Nicht-Theisten und liberalen Religionsanhänger, sondern auch durch die Vertreter eines übernatürlichen Standpunktes und durch die Wissenschaftler und den Humanisten, lautet, dass wir Geheimnis, Unklarheit, Unlogik, Widerspruch, mystische und transzendente Erfahrungen heute als innerhalb des Bereichs der Natur liegend anzusehen haben. Diese Phänomene drängen uns nicht notwendig dahin, zusätzliche über. natürliche Variablen und Determinanten zu postulieren. Sogar das Unerklärliche oder das gegenwärtig noch nicht Erklärbare wie Espios braucht das nicht. Und es ist nicht länger richtig, dies bloß als Teil des Todeskampfes zu sehen. Studien mit sich selbst verwirklichenden Menschen haben uns eines Besseren belehrt (59, 67).
Auch die andere Seite der Medaille bedarf der Unter-suchung. Zu den irritierendsten Aspekten der positivistischen Wissenschaft gehört ihr übertriebenes Vertrauen in die Menschheit, wie ich es nennen darf, oder vielleicht das Fehlen von Demut. Der reine Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts macht auf gescheite Leute das Bild eines brabbelnden Kindes, weil er so gockelhaft, so selbstsicher ist, weil er nicht weiß, wie wenig er weiß, wie begrenzt sein wissenschaftliches Wissen bleibt im Angesicht des unendlichen Nichtwissens.
Noch mehr trifft das auf den Psychologen zu, bei dem das Verhältnis zwischen Wissen und Geheimnis am geringsten von allen Wissenschaften ist. Tatsächlich bin ich manchmal so beeindruckt von allem, was wir wissen müssten im Vergleich zu dem, was wir wirklich wissen, dass ich denke, es wäre besser, den Psychologen nicht als jemanden zu definieren, der Antworten hat, sondern als jemanden, der mit den Fragen kämpft.
Vielleicht weil er so unschuldig ahnungslos ist, was die Kleinheit und Verletzlichkeit seines Wissens angeht, die Kleinheit seines Laufstallchens oder seines Anteils am Kosmos, und weil er seine engen Grenzen für dermaßen gegeben nimmt, erinnert er mich an einen kleinen Jungen, den man mit seinem Bündel unterm Arm unschlüssig an der Straßenecke stehen sieht. Ein besorgter Passant fragt ihn, wohin er gehe, und er ant-wortet, dass er von zu Hause ausgerissen sei. - Warum warte er dann an der Ecke? Ihm sei es nicht erlaubt, über die Straße zu
gehen!
Eine andere Konsequenz daraus, das Konzept einer natür-lichen, allgemeinen, grundlegenden, persönlichen religiösen Erfahrung zu akzeptieren, besteht darin, dass es auch den Ache-ismus, Agnostizismus und Humanismus verändern wird. Diese Lehren haben aufs Ganze gesehen nichts weiter getan, als die Kirchen abzulehnen; sie sind in die Falle einer Identifizierung der Religion mit der Kirche geraten, ein gravierender Fehler, wie wir gesehen haben. Sie haben das Kind mit dem Bade aus-geschüttet, wie wir jetzt feststellen. Die Alternative, der diese Gruppen vertraut haben, war die reine Wissenschaft des
19. Jahrhunderts, reiner Rationalismus, wenn sie sich nicht nur in negativen Attacken auf die organisierten Kirchen erschöpft haben. Dies hat sich weniger als Lösung des Problems herausgestellt denn einer Ablenkung von ihm. Wenn sich aber zeigen lässt, dass die religiösen Fragen (die zusammen mit den Kirchen entsorgt wurden), sinnvolle Fragen sind, dass diese Frage fast identisch sind mit dem, was uns unmittelbar, tief und ernst angeht in der Weise wie es Tillich sagt und in der Weise, wie ich die »humanistische Psychologie « definiere, dann würden diese humanistischen Sekten sehr viel nützlicher für die Menschheit werden, als sie es jetzt sind.
Tatsächlich könnten sie den reformierten Kirchenorganisa-tionen sehr ähnlich werden. Es ist gut möglich, dass es langfristig kaum noch Unterschiede zwischen ihnen geben wird, wenn beide Gruppen die erstrangige Wichtigkeit und Realität der grundlegenden persönlichen Offenbarungen (und deren Kon-sequenzen) akzeptieren und wenn sie sich darauf einigen könn-ten, alles andere als zweitrangig, nebensächlich, unnötig, unwesentlich in der Definition einer Religion anzusehen; dann könnten sie sich darauf konzentrieren, die persönlichen Offenbarungen - die mystische Erfahrung, das Gipfelerlebnis, die persönliche Erleuchtung - und die daraus resultierenden Seins-Erkenntnisse zu ergründen.
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VII
Wertefreie Bildung?
Die trennenden Trends - organisierte Religion zum Wächter aller Werte zu machen, das Wissen von der Religion zu trennen, die Wissenschaft als wertefrei anzusehen und sie dazu machen zu wollen - haben auch zu einer Verwirrung im Bereich der Bildung1o6 geführt. Das Schmeichelhafteste, das wir in dieser Hinsicht über die Bildung in Amerika sagen können, ist, dass über die großen Ziele und Zwecke Streit und Konfusion herr-sche. Bezogen auf viele Pädagogen 07 muss jedoch härter gesagt werden, dass sie große Ziele ganz aufgegeben haben oder, je-denfalls, es versucht haben. Es ist, als ob sie Bildung rein technologisch ausrichten wollen auf ein Training, um Fähigkeiten zu erlangen, die nahe heranreichen an Wertfreiheit und Amoralität (in dem Sinne, dass sie sich sowohl zum Guten wie zum Schlechten einsetzen lassen, und auch in dem Sinne, dass sie nicht zur Vertiefung der Persönlichkeit beitragen).
Es gibt auch viele Pädagogen, die scheinbar nicht mit dem Schwerpunkt auf Technologie übereinstimmen, die den Nachdruck auf den Erwerb von reinem Wissen legen und die mei-nen, dies sei das Herz der reinen Allgemeinbildung 08 und der Gegensatz zum technologischen Training. Aber es sieht mir so aus, als ob viele von diesen Pädagogen ebenso konfus Werten gegenüber sind, und es scheint mir, dass sie in dieser Konfusion so lange verharren, wie sie sich nicht im Klaren sind über das Endziel des reinen Wissenserwerbs. Zu oft, scheint mir, spricht man dem reinen Wissen eine Art von funktional autonomen Wert in sich selber zu, so wie im Fall von Latein und Griechisch für den heranreifenden Herrn und Französisch und Stickerei für die junge Dame. Warum ist das so? Es ist so, weil es so war; in der Weise, wie neulich jemand definierte, ein Prominenter sei prominent dafür, prominent zu sein. Diese Erfordernisse mögen vor langer Zeit anfangs eine funktionale Berechtigung gehabt haben, die Gründe haben sich aber schon lange über. lebt. Dies ist ein Beispiel für »funktionale Autonomie« im Sinne von Allport: 109 Wissen ist unabhängig geworden von seinen Ursprüngen, seinen Motiven, seinen Funktionen. Es wurde gewöhnlich und darum rechtfertigt es sich selber. Es tendiert dazu zu verharren, obwohl es nicht-funktional oder sogar anti-funktional geworden ist, obwohl es die Bedürfnisse, aus denen es erwachsen ist, frustriert (anstatt befriedigt).
Vielleicht kann ich helfen, meinen Punkt deutlicher zu ma-chen, wenn ich ihn von der anderen Seite angehe, von der Seite des Endziels der Bildung. Gemäß der neuen » dritten Psychologie « (siehe Anhang B) besteht das Fernziel der Bildung - wie der Psychotherapie, des Familienlebens, des Berufs, der Gesell-schaft, des Lebens selber - darin, der Person bei der Entfaltung ihres vollsten Menschseins, der größten Erfüllung und Verwirklichung ihrer besten Potenziale, ihrer höchstmöglichen Größe zu helfen. Mit einem Wort, sie sollte ihr helfen, das beste zu werden, was sie vermag, wirklich zu werden, was sie in ihrer Tiefe potenziell sein kann. Was wir » gesundes Wachstum« nennen ist Hineinwachsen in dieses Endziel. Und wenn dies die Zielrichtung ist, der Kompass, der Zweck, der ihr Wert und Bedeutung gibt und der sie rechtfertigt, dann haben wir zugleich unmittelbar einen Prüfstein, mit dem wir gute Hilfsmittel von schlechten Hilfsmitteln, funktionale Methoden von nicht. funktionalen Methoden, guten Unterricht von schlechtem Un-terricht, gute Seminare von schlechten Seminaren, gute Lehr-plane von schlechten Lehrplänen unterscheiden können. (Zum Grund, der rechtfertigt, dass dies ein empirisches Urteil ist, siehe Anhang H.)
Eine andere Folge dieser neuen Einsicht in die höchsten menschlichen Endziele und Zielwerte besteht darin, dass sie auf jedes menschliche Wesen zutrifft. Mehr noch, sie trifft vom Augenblick der Geburt an bis zum Tod zu, reicht sogar vor die Geburt zurück und dauert in einem sehr realen Sinne über den Tod hinaus an. Und wenn darum Bildung in einer Demokratie notwendig darin gesehen wird, jeder einzelnen Person (und nicht nur einer Elite) zu ihrer vollsten Menschlichkeit zu ver-helfen, dann ist Bildung im Prinzip wahrlich eine universelle, allgegenwärtige und lebenslange Aufgabe. Sie schließt Entwicklung aller menschlichen Fähigkeiten ein, nicht nur der ko-gnitiven. Sie schließt auch die Bildung geistig schwächerer Menschen ein, nicht nur der intelligenten. Sie schließt Bildung der Erwachsenen ebenso ein wie die der Kinder. Und sie schließt ein, dass Bildung gewiss nicht nur im Klassenraum stattfindet.
Und nun muss, glaube ich, klar geworden sein, dass kein Fach ein heiliger und ewiger Teil eines jetzt für immer festzulegenden Lehrplans ist, etwa Allgemeinbildung, 11° Jedes Fach kann für irgendjemanden falsch sein. Einem Schwachsinnigen Algebra lehren zu wollen, ist idiotisch, ebenso Musik einem Tauben und Malerei einem Farbenblinden, vielleicht auch, einer personen-orientierten Person die Details der unpersönli: chen Wissenschaft. Solche Anstrengungen passen nicht zu der entsprechenden Person und sind darum zumindest teilweise
Zeitverschwendung.
Viele andere Arten von pädagogischen Dummheiten sind unvermeidliche Nebenprodukte der gegenwärtigen philosophischen und axiologischen Verwirrung in der Bildung. Der Versuch der Wertefreiheit, der Versuch reiner Technologie-Orientierung (Mittel ohne Zwecke), der Versuch, allein auf Tradition und Sitte zu basieren (alte Werte ohne lebendige Werte), die Definition der Bildung als einfache Indoktrination (Loyalität gegenüber verfügten Werten anstatt gegenüber den eigenen) - all dies entspringt der Verwirrung über Werte, den philosophischen und axiologischen Fehlern. Und unvermeidlich ist das der Nährboden für alle möglichen Werte-Patho-logien, etwa solche Idiotien wie der Abschluss des Colleges erst nach vier Jahren,' Trimester Einteilung des Stoffes, 12 die ausnahmslos für alle verbindlichen Fächer 13 etc. Klarheit über Zielwerte machen es sehr leicht, diese Passungenauheiten zwischen Mitteln und Zielen zu vermeiden. Wenn wir über solche Ziele keine Klarheit haben oder leugnen, dass es solche gebe, sind wir verdammt zur Verwirrung über die Methoden. Wir können nicht über Effizienz sprechen, wenn wir nicht wissen, was effizient erreicht werden solle. (Ich möchte nochmals das wahrhafte Symbol unserer Zeit zitieren, dem Testpiloten, der funkte: »Hab mich verirrt, stelle aber eine Rekordzeit auf.«)|14
Die letztliche und unvermeidliche Schlussfolgerung lautet, dass Bildung - wie alle unsere sozialen Institutionen - besorgt sein muss um Zielwerte, und das ist im Gegenzug genau das gleiche wie über das zu sprechen, was » spirituelle Werte« oder
»höhere Werte« genannt wird. Diese sind die ausgewählten Prinzipien, die uns helfen, die uralten »spirituellen « (philo-sophischen? religiösen? humanistischen? ethischen?) Fragen zu beantworten: Was ist ein gutes Leben? Was ist ein guter Mensch? Eine gute Frau? Was ist eine gute Gesellschaft und was ist meine Beziehung zu ihr? Was ist meine Pflicht der Gesellschaft gegenüber? Was ist das Beste für meine Kinder? Was ist Gerechtigkeit? Wahrheit? Tugend? Was ist meine Beziehung zur Natur, zum Tod, zum Älterwerden, zum Schmerz, zur Krankheit? Was ist meine Verantwortung für meine Brüder?
Wer sind meine Brüder? Wem gegenüber sollte ich loyal sein?
Für was muss ich bereit sein zu sterben?
All diese Fragen wurden für gewöhnlich von organisierten Religionen auf verschiedene Weise beantwortet. Langsam gründeten sich die Antworten mehr und mehr auf natürliche, empirische Fakten und immer weniger auf Sitten, Traditionen,
»Offenbarungen«, heilige Texte, Interpretationen einer Pries-terklasse. Was ich hier im Vortrag herausgestellt habe, ist, dass dieser Prozess eines stetig vergrößerten Vertrauens in natürliche Tatsachen als Leitlinien, um Lebensentscheidungen zu treffen, jetzt in den Bereich der »spirituellen Werte« übergeht. Teils beruht das auf neuen Entdeckungen, teils jedoch darauf, dass mehr und mehr von uns realisieren, dass die Wissenschaft des
19. Jahrhunderts umdefiniert, umstrukturiert, erweitert werden muss, um dieser neuen Aufgabe gerecht zu werden. Diese
Arbeit der Rekonstruktion läuft derzeit.
Und insoweit als Bildung sich auf natürliche und wissenschaftliche Erkenntnisse stützt anstatt auf Tradition, Sitte, un-hinterfragte Glaubenssätze und Vorurteile der Gemeinschaft und des konventionellen religiösen Establishments, kann ich insoweit voraussehen, dass sie sich auch ändern, stetig auf diese letztgültigen Werte in ihrem Geltungsbereich zubewegen wird.
Beschluß
Es tut sich dann ein Weg auf, den alle zutiefst » ernsthaften« und »wirklich besorgten « Menschen guten Willens über eine weite Strecke gemeinsam zurücklegen können. Nur wenn sie fast an sein Ende gelangen, teilt er sich, sodass sie sich trennen müssen. Praktisch alles, was beispielsweise Rudolf Otto (78) als Kennzeichen der religiösen Erfahrung definiert - das Heilige; die Weihe; das Gefühl, ein Geschöpf zu sein; Demut; Dank und Verehrung; Fest; Ehrfurcht vor dem mysterium tremen-dum;' Sinn für das Göttliche, das Unvorstellbare; das Gefühl der Kleinheit im Angesicht des Mysteriums; die Qualität von Erhabenheit und Vergeistigung; das Gewahrsein seiner Grenzen und sogar von Ohnmacht; der Impuls sich zu ergeben und niederzuknien; ein Sinn für das Ewige und für das Einssein mit dem Ganzen des Universums; sogar die Erfahrung von Himmel und Hölle -, alle diese Erfahrungen können sowohl von Kir-chenleuten als auch Atheisten als real eingestuft werden. Und so ist es für sie alle möglich, im Prinzip dem empirischen Geist und den empirischen Methoden zuzustimmen und demütig zu-zugeben, dass das Wissen Lücken hat, dass es wachsen muss, dass es an Zeit und Raum gebunden ist, an Geschichte und Kul-tur; und dass es, obgleich es in Relation steht zu dem Vermögen der Menschen und deren Begrenzungen, trotzdem »Der Wahr-heit«, die nicht vom Menschen abhängt, näher und näher kommen kann.
Dieser Weg kann gemeinsam gegangen werden von a denen, die die Wahrheit nicht fürchten, nicht nur von Theisten und Nicht-Theisten, sondern auch Personen jeder politischen und ökonomischen Überzeugung, Russen und Amerikanern
beispielsweise.
Was bleibt als Unterschied? Anscheinend nur das Konzept von übernatürlichen Wesen oder übernatürlichen Gesetzen oder Kräften; ich muss gestehen, das Gefühl zu haben, dieser Unterschied werde, ist die Weggabelung erreicht, kaum noch ins Gewicht fallen außer in dem Sinne, dass sich ein Individuum mit der einen oder anderen Richtung wohler fühlt. Sogar der soziale Akt, einer Kirche anzugehören, ist nichts als ein ganz privater Akt ohne große soziale oder politische Folgen, sobald man den religiösen Pluralismus anerkennt, sobald man jede Religion ansieht als gleichsam lokale Ausprägung einer im Kern religiösen, transzendenten Erfahrung der ganzen Spezies.
Nicht nur das, sondern es stellt sich auch heraus, dass führende Theologen und weltkluge Menschen im Allgemeinen ihren Gott nicht als eine Person, sondern als Kraft definieren, als ein Prinzip, als eine Gestaltqualität des Ganzen des Seins, als eine integrierende Macht, die die Einheit ausdrückt und darum die Bedeutsamkeit des Kosmos, der »Tiefendimension«, usw.
Gleichzeitig geben Wissenschaftler zunehmend die Vorstellung des Kosmos auf als einer Art Maschine, gleich einem Uhrwerk oder einer Ansammlung von Atomen, die blind aufeinander prallen, die keine Beziehung zueinander haben außer Anziehung und Abstoßung, oder als etwas, das sich so, wie es ist, im endgütigen und ewigen Zustand befindet und das sich nicht entwickelt und nicht wächst. (Tatsächlich haben Theologen des 19. Jahrhunderts die Welt auch so gesehen, als eine träge Reihe von Mechanismen; allerdings setzte sie ihnen zufolge ein
Jemand in Bewegung.)
Diese beiden Gruppen (weltkluge Theologen und weltkluge Wissenschaftler) nähern sich anscheinend in ihren Konzeptionen des Universums als »Organismus « an, als etwas, das irgendeine Art von Einheit und Integrität besitzt, das wächst und sich entwickelt und in eine Richtung geht und darum irgendeine »Bedeutung« hat. Ob man diese Integration nun »Gott« nennt oder nicht, läuft letztendlich auf eine willkürliche Entscheidung hinaus, die vom persönlichen Geschmack abhängt, von der eigenen Biographie, von den eigenen Offenbarungen und Mythen. John Dewey, ein Agnostiker, entschied sich, aus strategischen und kommunikativen Gründen an dem Wort
»Gott« festzuhalten, definiert auf eine naturalistische Weise.
Andere haben sich aus »strategischen Gründen« dagegen entschieden. Heraus schält sich eine neue Situation in der Geschichte des Problems, in welchem ein »ernsthafter« Buddhist, der sich, sagen wir, sorgt um die »letztendlichen Sorgen « und um Tillichs »Tiefendimension«, der Religiosität eines »ernsthaften « Agnostikers näher steht als einem kon-ventionellen, oberflächlichen, außengesteuerten Buddhisten, für den Religion nur eine Geste oder eine Gewohnheit, also
»Verhalten « ist.
Tatsachlich kommen sich diese »ernsthaften « Menschen derart nahe, dass es aussieht, als würden sie zu einer einzigen Partei der Menschheit zusammenwachsen, den Ernsthaften, den Suchenden, den Fragenden, den Experimentierenden, denen, die sich nicht sicher sind, denen mit einem » tragischen Sinn für das Leben «, den Abenteurern der Tiefen und Höhen: der »rettende Rest«. Die andere Partei bilden dann all die Oberflächlichen, die ans Hier und Jetzt Gebundenen, die von dem Trivialen völlig aufgesaugt werden, die Frömmigkeit vor sich her tragen, nicht aber von ihr durchdrungen sind, die auf das Konkrete, auf das Augenblickliche und das unmittelbare Selbst reduziert sind. 7 Fast könnte man sagen, dass es sich herausschält, auf der einen Seite stünden Erwachsene und auf der anderen Kinder.
Was folgt praktisch für die Bildung aus all diesen Über-legungen? Es schält sich eine verwirrende Schlussfolgerung heraus, nämlich dass im Unterricht die spirituellen Werte der ethischen und moralischen Werte definitiv (prinzipiell) einen Platz, vielleicht einen grundlegenden und wesentlichen Platz haben und dass dies aus dem einfachen Grund in keiner Weise dem amerikanischen Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat widerspricht, weil spirituelle, ethische und moralische Werte nichts mit irgendeiner Kirche zu tun haben. Vielleicht besser gesagt: Sie sind der gemeinsame Kern aller Kirchen, aller Religionen, eingeschlossen der nicht-theistischen. Es ist wirklich möglich, dass genau diese Endwerte die höchsten Ziele aller Bildung sind oder sein sollten, ebenso wie sie es bezogen auf die Psychotherapie sind oder sein sollten, der Kinderaufzucht, der Ehe, der Familie, der Arbeit und vielleicht aller anderen sozialen Institutionen. Dies mag sich zugegebenermaßen als Übertreibung herausstellen, trotzdem ist da etwas dran, was wir alle akzeptieren müssen. Wir weisen die Vorstellung eines entfernten Werteziels der Bildung unter der Gefahr zurück, uns in die noch größere Gefahr zu begeben, Bildung zu definieren als bloße technologische Ausbildung ohne Beziehung zum guten Leben, zu Ethik, zu Moral und so besehen zu allem anderen. Jede Philosophie, die den Fakten erlaubt, amoralisch zu werden, total getrennt von Werten, macht wenigstens in der Theorie den Nazi-Arzt möglich, der in Konzentrationslagern »experi-mentiert«, oder das Spektakel, mit dem in Kriegsgefangenschaft geratene deutsche Ingenieure hingebungsvoll für jeden gearbeitet haben, dem sie zufällig in die Hände fielen.
Bildung müssen wir wenigstens teilweise ansehen als die An-strengung, gute Menschen hervorzubringen, das gute Leben zu befördern und die gute Gesellschaft. Dies zu widerrufen läuft auf einen Widerruf der Realität und der Wünschbarkeit von Moral und Ethik hinaus. Mehr noch: »Eine Bildung, die den ganzen Bereich des transzendenten Denkens unberührt lässt, ist eine Bildung, die nichts wichtiges über die Bedeutung des menschlichen Lebens zu sagen hat. « - In Manas vom 17. Juli
1963
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Anhang A
Religiöse Aspekte der Gipfelerlebnisse
Praktisch alles, was in Gipfelerlebnissen geschieht, lässt sich, so natürlich sie sind, unter der Rubrik religiösen Geschehens subsumieren oder ist in der Vergangenheit tatsächlich einzig als religiöse Erfahrung angesehen worden.
01. Beispielsweise ist es ziemlich charakteristisch für Gipfel-erlebnisse, dass das ganze Universum wahrgenommen wird als ein integriertes und vereintes Ganzes. Dies ist nicht einfach ein Geschehen, wie man es von der reinen Beschreibung her meinen könnte. Eine klare Wahrnehmung (anstatt einer dann abstrakten und verbalen philosophischen Akzeptanz) zu haben, dass das Universum aus einem Stück sei und dass man seinen Platz in ihm habe - man sei Teil von ihm, gehöre ihm an -, kann eine so tiefe und erschütternde Erfahrung sein, dass sie den Charakter und die Weltanschauung 19 der betreffenden Person für immer ändert. In meiner eigenen Praxis habe ich zwei Fälle, die aufgrund solch einer Erfahrung total, unmittelbar und permanent geheilt wurden von (in einem Fall) chronischer Angst-neurose und von (im anderen Fall) starker Besessenheit durch Suizidgedanken.
Das ist gewiss für viele Leute eine Grundbedeutung des religiösen Glaubens. Leute, die sonst ihren »Glauben« verlieren würden, kleben an ihm, weil er ihnen ein bedeutungsvolles Universum gibt, eine Einheit, eine herausragende philosophische Erklärung, wie alles zusammenhänge. Viele orthodox religiöse Menschen haben dermaßen Angst davor, die Vorstellung aufzugeben, dem Universum eigne eine integrierte Einheit und darum Bedeutung (gegeben durch die Tatsache, dass Gott es in seiner Gänze geschaffen hat oder regiert oder dass es Gott ist), dass für sie die einzige Alternative darin bestünde, das Univer. sum als ein total zusammenhangsloses Chaos anzusehen.
02. In der Erkenntnis, die mit Gipfelerlebnissen einhergeht, wird das Wahrgenommene ausschließlich und voll adressiert.
Das heißt, es gibt eine überwältigende Konzentration von der Art, die normalerweise nicht vorkommt. Es ist die wahrste und totalste Art der visuellen Wahrnehmung oder des Hörens oder des Fühlens. Teils rührt das von einer besonderen Veränderung in der Haltung, die sich am besten beschreiben lässt als eine nicht prüfende, nicht vergleichende, nicht wertende Erkennt-nis. Das soll sagen, Figur und Grund werden nicht scharf ge-schieden. Wichtiges wird auch nicht scharf von Unwichtigem geschieden, etwa gibt es eine Tendenz, dass Dinge gleich wichtig werden anstatt sie in eine Rangfolge von wichtig bis unwichtig zu bringen. Beispielsweise betrachtet die Mutter in liebevoller Wonne ihr Neugeborenes; jedes Detail bezaubert sie in gleicher Weise, der eine kleine Zehennagel genauso wie der an-dere, und sie überfallt auf diese Weise eine Art religiöser Ehr-furcht. Die gleiche Art totaler, nicht vergleichender Akzeptanz von Allem, als sei alles gleich wichtig, trifft auf die Wahrnehmung von Menschen zu. So kommt es, dass in der Wahrnehmung einer Person während eines Gipfelerlebnisses diese gleich an sich, in sich, für sich gesehen werden kann, einzigartig und eigenständig, als sei sie eine völlig eigene Gattung. Gewiss ist das ein ziemlich gewöhnlicher Aspekt nicht nur der religiösen Erfahrung, sondern auch der meisten Theologien, etwa die Person sei einzigartig, die Person sei heilig, jede Person sei im Prinzip gleichwertig mit jeder anderen Person, jeder sei Kind Gottes usw.
03. Die Erkenntnis des Seins (B(eing]-Erkenntnis), die in Gipfelerlebnissen stattfindet, tendiert dazu, äußere Objekte, die Welt und einzelne Menschen, cher getrennt von menschlichen Sorgen wahrzunehmen. Normalerweise nehmen wir alles in Bezug auf menschliche Sorgen wahr und insbesondere in Bezug auf unsere eigenen, selbstbezogenen Sorgen. In Gipfel-erlebnissen haften wir nicht an, werden objektiver, fähiger, die Welt wahrzunehmen, als sei sie unabhängig nicht nur von dem Wahrnehmenden, sondern als könne die Natur an und für sich geschaut werden, nicht einfach als sei sie die Spielwiese für die Menschen, damit sich die Menschen auf ihr tummeln. Man kann leichter davon absehen, die menschlichen Zweckbestim-mungen in sie hineinzuprojizieren. Kurz, man kann sie in ihrem eigenen Sein (und als Zweck in sich selber) sehen anstatt als etwas, das sich benutzen lässt oder vor dem man Angst hat oder von dem man sich etwas wünscht oder auf das man in einer anderen persönlichen, menschlichen, selbstbezogenen Weise rea-giert. Das soll sagen, die S-Erkenntnis versetzt uns in die Lage, die wahre Natur des Objekts an sich zu sehen, indem sie die Selbsterkenntnis menschlicher Unbedeutendheit möglicher macht. Das ist ein bisschen so, als sprächen wir über göttliche Wahrnehmung, übermenschliche Wahrnehmung. Das Gipfel-erlebnis scheint uns auf eine höhere Stufe als normal zu heben, sodass wir von einer höheren als normalen Warte aus wahrnehmen können. Wir werden zu umfassenderen, größeren, stärke-ren, ausgedehnteren, weitreichenderen Menschen und tendieren dahin, entsprechend wahrzunehmen.
04. Um das anders auszudrücken: Wahrnehmung in den Gipfelerlebnissen kann relativ ego-überwindend, selbst-ver-gessen, ego-los, selbst-los sein. Sie kommt dem Zustand nahe, antriebslos, unpersönlich, losgelöst, ohne Begehren, Bedürfnis oder Wunsch zu sein. Das soll sagen, dass sie mehr objekt- als subjektbezogen wird. Die Wahrnehmungserfahrung kreise mehr um das Objekt als Mittelpunkt als um das eigensichtige Ego. 20 Dies bedeutet im Gegenzug, dass die Objekte und die Menschen direkter als eigenständige und unabhängige Realitär wahrgenommen werden.
os. Das Gipfelerlebnis fühlt sich an als ein sich selber gen nügender und rechtfertigender Augenblick, der seinen eigenen inneren Wert mit sich bringt. Die Erfahrung fühlt sich als von hohem - sogar einzigartigem - Wert an, eine so große Erfah-rung, dass schon der Versuch, sie zu rechtfertigen, ihr die Wir-de und das Gewicht nähme. Tatsächlich empfinden so viele Leute dies als eine so große und hohe Erfahrung, dass sie sich nicht nur selber sondern sogar das Leben selber rechtfertige.
Gipfelerlebnisse können durch ihr gelegentliches Auftreten das Leben lebenswert machen. Sie geben dem Leben selber Bedeu-tung. Sie beweisen, dass es lebenswert ist. Um es in negativer Weise zu sagen, würde ich annehmen, dass Gipfelerlebnisse Suizid verhindern können.
06. Anerkennung dieser Erfahrungen als Zweck in sich und nicht Mittel zum Zweck ist ein weiterer Punkt. Einerseits121 beweist das demjenigen, der die Erfahrungen macht, dass es in der Welt Zwecke gibt, dass es erstrebenswerte Dinge oder Objekte oder Erfahrungen gibt, die es wert sind. Dies ist in sich selber eine Zurückweisung der Unterstellung, das Leben und zu leben sei bedeutungslos. Mit anderen Worten, Gipfelerlebnisse sind ein Teil der operationalen Definition der Aussage, dass das »Leben lebenswert« oder »bedeutungsvoll « sei.
07. In dem Gipfelerlebnis findet eine sehr charakteristische Desorientierung hinsichtlich Zeit und Raum statt bis hin zum Verlust des Bewusstseins von Zeit und Raum. Positiv ausgedrückt entspricht das der Erfahrung von Universalität und Ewigkeit. Gewiss haben wir es hier im operationalen Sinne mit der realen und wissenschaftlichen Bedeutung von » unter dem Aspekt der Ewigkeit« zu tun. Diese Art von Zeit- und Raum-losigkeit steht in sehr scharfen Kontrast zur normalen Erfah-rung. Die Person, die ein Gipfelerlebnis hat, empfindet einen Tag wie eine Minute oder eine Minute so intensiv mit Leben er-füllt, dass sie wie ein Tag oder ein Jahr oder sogar eine Ewigkeit erscheint. Sie mag auch ihr Bewusstsein verlieren, an einem bestimmten Ort zu existieren.
08. Die Welt, die in Gipfelerlebnissen gesehen wird, ist schön, gut, wünschenswert, wertvoll usw. und wird niemals als böse und ablehnenswert erfahren. Die Welt wird akzeptiert.
Die Leute werden sagen, dass sie sie dann verstehen. Am wichtigsten von allem für den Vergleich mit religiösem Denken ist, dass sie irgendwie mit dem Bösen versöhnt werden. Das Böse selber wird akzeptiert und verstanden und am rechten Platz im Ganzen gesehen, als etwas, das dazugehört, als unvermeidlich, als notwendig und darum als angemessen. Sicher, ich habe (ebenso wie Laski) Material zu Gipfelerlebnissen gesammelt, indem ich nach Berichten über Ekstasen und Verzückungen gefragt habe, nach Momenten perfekter Glückseligkeit im Leben.
Also sollte das Leben selbstredend schön aussehen. Und dann mag all das Vorangegangene erscheinen als Entdeckung von et-was, das von vornherein angelegt war. Aber beachten Sie bitte, dass ich über die Wahrnehmung des Bösen, des Schmerzes, der Krankheit und des Todes spreche. In Gipfelerlebnissen wird die Welt nicht nur als akzeptabel und schön gesehen, sondern, und das ist, was ich hier betonen will, die schlechten Dinge am Leben werden in ihrer Totalität eher akzeptiert als zu anderen Zeiten. Dies ist so, als ob das Gipfelerlebnis die Leute mit der Gegenwart des Bösen in der Welt versöhnte.
09. Sicher ist das ein weiterer Weg, »Ebenbild Gottes« zu werden. Die Götter, die das Ganze des Seins überschauen und umfassen und die es darum verstehen, müssen es als gut, gerecht, unvermeidlich ansehen und das »Böse« als Produkt eines begrenzten oder selbstsüchtigen Blicks und Verständnis-ses. Wenn wir in diesem Sinne Ebenbild Gottes sein können, werden auch wir aus einem universellen Verständnis heraus niemals anklagen oder verdammen oder enttäuscht sein oder schockiert. Unsere einzigen möglichen Emotionen werden Bedauern, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, vielleicht Trauer oder Belustigung sein. Aber dies ist genau der Weg, auf dem sich selbst verwirklichende Menschen zeitweise auf die Welt reagieren und wir alle tun es in unseren Gipfelerlebnissen.
10. Vielleicht war meine wichtigste Entdeckung das, was ich »S-Werte« oder die inneren Werte des Seins (Being] nenne.
(Siehe Anhang G.) Wenn ich fragte, »Wie anders sieht die Welt in Gipfelerlebnissen aus?«, lassen sich die Hunderte von Antworten eindampfen auf eine zusammenfassende Liste von Charakteristika, die, obwohl sie sich stark überlappen, aus For-schungsgründen separiert werden können. Für uns in diesem Zusammenhang wichtig ist, dass diese Liste der Charakteristika der Welt, wie wir sie in unseren scharfsinnigsten Augenblicken wahrnehmen, fast der gleicht, die Menschen die Jahrhunderte durch als ewige Wahrheiten, als spirituelle oder höchste oder religiöse Werte bezeichnet haben. Was das besagt, ist, dass Tatsachen und Werte sich nicht gänzlich voneinander unter-scheiden; unter gewissen Umständen verschmelzen sie. Die meisten Religionen haben entweder ausdrücklich oder indirekt irgendeine Beziehung oder sogar eine Überlappung oder ein Verschmelzen zwischen Fakten und Werten bekräftigt. Zum Beispiel existierten Menschen nicht bloß, sondern sie waren auch heilig. Die Welt war nicht nur eine existierende, sondern war auch heilig (54).
11. S-Erkenntnis im Gipfelerlebnis ist passiver und aufneh-mender, demütiger, als normale Erkenntnis. Sie ist bereiter und fähiger, zuzuhören.
12. Für Gipfelerlebnisse werden solche Emotionen wie Staunen, Ehrfurcht, Ehrerbietung, Demut, Ergebung und sogar Lobpreis im Angesicht der Größe der Erfahrung berichtet. Dies mag so weit gehen bis zu Gedanken gleichsam an den Tod.
Gipfelerlebnisse können so wundervoll sein, dass sie parallel der Erfahrung des Sterbens sind, das heißt des begierigen und glücklichen Sterbens. Das ist eine Art von Versöhnung mit dem Tod, von Akzeptieren des Todes. Wissenschaftler haben die Frage nach dem »guten Tod« nie als wissenschaftliches Problem angesehen; hier in diesen Erfahrungen entdecken wir jedoch eine Parallele zu dem, was als die religiöse Haltung zum Tod angesehen wurde, etwa die Demut vor ihm, seine Würde, die Bereitschaft, ihn zu akzeptieren, möglicherweise sogar mit ihm glücklich zu sein.
13. In Gipfelerlebnissen werden die Zwiespältigkeiten, Polarisierungen und Konflikte des Lebens überwunden oder gelöst.
Das will sagen, es gibt da eine Tendenz, sich in die Richtung der Wahrnehmung von Einheit und Integration der Welt zu bewe-gen. Die Person selbst tendiert zu Verschmelzung, Integration und Einheit und weg von Zersplitterung, Konflikten und Ent-gegensetzungen.
14. In Gipfelerlebnissen tendiert man, wenn auch vorüber-gehend, dazu, Furcht, Angst, Hemmung, Widerstand und Kontrolle, Fassungslosigkeit, Zögern und Zwanghaftigkeit zu verlieren. Die tiefe Furcht vor Auflösung, vor Krankheit, vor dem Tod, all das tendiert dazu, einen Augenblick lang zu ver. schwinden. Das lässt sich vielleicht zusammenfassen darin, dass die Furcht schwindet.
15. Gipfelerlebnisse haben manchmal unmittelbare, aber manchmal auch erst nachträgliche Folgen für eine Person.
Manchmal sind ihre nachträglichen Folgen so tiefgreifend und so stark, dass sie uns an die tiefen religiösen Bekehrungen erin-nern, die jemanden für immer geprägt haben. Geringere Folgen können therapeutisch genannt werden. Diese bewegen sich in der Bandbreite von groß bis geringfügig oder sogar überhaupt keine Folgen. Dieses Konzept können religiöse Menschen leicht akzeptieren, da sie es gewohnt sind, in Begriffen von Konversion, großen Erleuchtungen, Augenblicken großer Einsicht usw. zu denken.
16. Ich liebe die Metapher für das Gipfelerlebnis, dass es ein Besuch in einem persönlich definierten Himmel sei, von dem jemand auf die Erde zurückkehre. Damit ist dem Konzept des Himmels eine natürliche Bedeutung gegeben. Sicher unterscheidet es sich von der Konzeption des Himmels als ein Platz irgendwo anders, den man nach dem Leben auf der Erde physisch betrete. Die Konzeption des Himmels, die den Gipfel-Erlebnissen entstammt, lautet, dass er zu jeder Zeit für alle von uns um uns herum existiere, man ihn jederzeit wenigstens für eine kleine Weile betreten könne.
17. In Gipfelerlebnissen gibt es eine Tendenz, näher heranzurücken an eine vollkommene Identität oder Einzigartigkeit oder Besonderheit einer Person oder ihres wirklichen Selbst.
Man wird eine wirklichere Person.
18. Man empfindet sich in dieser Zeit mehr als verantwort-lich, aktiv, als kreatives Zentrum der eigenen Aktivitäten oder der eigenen Wahrnehmungen, als selbstbestimmter, als freier Handelnder, mit mehr » freiem Willen « im Gegensatz zu sonst.
19. Aber es wurde auch entdeckt, dass genau die Personen, die die klarste und stärkste Identität haben, genau die sind, denen die größten Fähigkeiten eignen, das Ego oder Selbst zu transzendieren und selbstlos zu werden, wenigstens relativ selbstlos und relativ egolos.
20. Wer Gipfelerlebnisse hat, wird liebender und toleranter, und so wird er spontaner und ehrlicher und unschuldiger.
21. Er wird weniger zum Objekt, zum Ding, weniger ein Obiekt der Welt, in der er unter den Gesetzen der physischen Welt lebt, und er wird mehr Psyche, mehr eine Person, mehr Subjekt der psychologischen Gesetze, besonders der Gesetze, die die Menschen das »höhere Leben« genannt haben.
22. Weil er weniger motiviert ist, das heißt sich der Mühe-, Wunsch- und Bedürfnislosigkeit annähert, erwartet er in solchen Augenblicken weniger von sich. Er ist weniger selbstsüch-tig. (Wir müssen uns daran erinnern, dass die Götter generell als ohne Bedürfnisse und Wünsche, ohne Defizite, ohne Fehler angesehen wurden, erfreut an allen Dingen. 122 In diesem Sinne wird der unmotivierte Mensch mehr Ebenbild Gottes.)
23. Während und nach Gipfelerlebnissen fühlen Leute sich charakteristischerweise freudig, glücklich, begnadet. Eine übliche Reaktion lautet: »Das habe ich nicht verdient. « Bei religiösen Menschen stellt sich als Konsequenz üblicherweise das Gefühl der Dankbarkeit ihrem Gott gegenüber ein, bei anderen dem Schicksal oder der Natur oder auch nur dem Glück gegen-über. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass dies übergehen kann in Anbetung, Dankbarkeit, Bewunderung, Lobpreis, Verehrung und andere Reaktionen, die sich leicht in den orthodox religiösen Rahmen stellen lassen. In jenem Zusammenhang sind wir an diese Art Dinge gewöhnt - das heißt, an das Gefühl von Dankbarkeit oder allumfassender Liebe für alles und jeden, das zu dem Impuls führt, der Welt etwas Gutes tun zu wollen, einem Bestreben, etwas zurückgeben zu wollen, oder sogar einem Sinn für Pflicht und Verpflichtung.
24. Die Trennung oder Polarität zwischen Demut und Stolz tendiert dazu, in den Gipfelerlebnissen und auch bei sich selbst verwirklichenden Personen aufgehoben zu werden. Solche Leute heben die Trennung zwischen Stolz und Demut auf, indem sie sie verschmelzen zu einem einzigen Komplex einer übergeordneten Einheit, das heißt, (in gewissem Sinne) stolz zu sein und auch (in gewissem Sinne) demütig zu sein. Stolz (ver-schmolzen mit Demut) ist weder Überheblichkeit noch Para-noia; Demut (verschmolzen mit Stolz) ist kein Masochismus.
25. Was das »Bewusstsein der Einheit« genannt wurde, ist oft durch Gipfelerlebnisse gegeben, etwa in dem Sinne, dass das Heilige in und durch das spezielle Vorkommen des Augen-blicks, des Säkularen, des Weltlichen scheint.
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Anhang B
Die dritte Psychologie
Die folgende Beschreibung der »Dritten Psychologie « ist dem Vorwort meines Buches »Toward a Psychology of Being« ent-nommen: 123
»Ein Wort über die gegenwärtigen intellektuellen Entwicklungen in der Psychologie möge helfen, dieses Buch in seinen richtigen Zusammenhang zu stellen. Die zwei umfassenden Theorien 24 der menschlichen Natur, die bis vor kurzem den größten Einfluss auf die Psychologie ausübten, waren die Freudsche und die empiristisch-positivistisch-behavioristische.
Alle anderen Theorien waren weniger umfassend und ihre Anhänger bildeten viele Splittergruppen. In den letzten Jahren sind diese verschiedenen Gruppen allerdings fortschreitend zusammengewachsen zu einer dritten, zunehmend umfassender werdenden Theorie der menschlichen Natur, zu etwas, das man als ›Dritte Kraft‹ bezeichnen könnte. Diese Gruppe schließt die Adlerianer, die Rankianer und die Jungianer ebenso ein wie die Neofreudianer (oder Neoadlerianer) und Postfreudianer (sowohl psychoanalytische Ich-Psychologen2 als auch solche Autoren wie Marcuse, 136 Wheelis, 127 Erikson, 128 Marmor, 29 Szase, 19 N. Brown, 41 H. Lyndis und Schachtel, » die die orthodoxen Psychoanalytiker ablösen). Zusätzlich wächst der Einfluss von Kurt Goldstein'34 und seiner organismischer Psychologie stetig: In gleicher Weise der der Gestaltherapie, der Gestaltpsychologen und Kurt Lewins, 135 der allgemeinen Semantiker'36 und solche Persönlichkeits-Psychologen wie
G. Allport, 137 G. Murphy, 138 J. Moreno, 139 H. A. Murray. 140 Ein neuer, kraftvoller Einfluss ist die existentialistische Psychologie und Psychiatrie. Dutzende andere, die zu einer dritten Psychologie beitragen, lassen sich als Psychologen des Selbst, phänomenologische Psychologen, Psychologen des Wachs-tums, Rogerianische Psychologen, humanistische Psychologen usw. usf. klassifizieren. Eine vollständige Liste ist unmöglich. Es ist einfacher, eine Gruppierung nach den fünf relativ neuen Zeitschriften vorzunehmen, in denen diese Autoren meist publizieren und zwar dem Journal of Individual Psychology, 141 dem American Journal of Psychoanalysis, 142 dem Review of Existential Psychology and Psychiatry'43 sowie die neueste, das Journal of Humanistic Psychology. 144 Zusätzlich die Zeitschrift Manas, 145 die diesen Standpunkt in die persönliche und soziale Philosophie des intelligenten Laien übersetzt.«
Die folgende kurze Erklärung über die Absichten des Journal of Humanistic Psychology hat der Herausgeber, Anthony Sutich, abgegeben; der Beirat hat ihr zugestimmt:
»Das Journal of Humanistic Psychology veröffentlicht Artikel, die sich mit der humanistischen Psychologie befassen, definiert als ›vornehmlich eine Orientierung an der ganzen Psychologie anstatt an einem speziellen Gebiet oder einer speziellen Schule‹. Es steht für den Respekt für den Wert der Person, Respekt für unterschiedliche Herangehensweisen, Offenheit gegenüber akzeptablen Methoden und Interesse an der Erforschung von neuen Aspekten des menschlichen Verhaltens. Als eine ›dritte Kraft‹ der gegenwärtigen Psychologie befasst es sich mit Themen, die in den bestehenden Theorien und Systemen wenig Platz haben, etwa Liebe, Kreativität, Selbst, Wachs-tum, Organismus, Befriedigung grundlegender Bedürfnisse, Selbstverwirklichung, höhere Werte, Werden, Spontaneität, Spiel, Humor, Gefühl, Natürlichkeit, Wärme, Überwindung des Ego, Objektivität, Autonomie, Verantwortung, Bedeutung, Rücksicht, transzendente Erfahrungen, Gipfelerlebnisse, Mut und verwandte Konzepte. (Dieser Ansatz findet seinen Ausdruck bei Autoren wie Allport, 146 Angyal, 147 Asch, 48 Büh-ler, 49 Fromm, '$° Goldstein, 'S* Horney, I52 Maslow, Mousta-kas, 'S3 Rogers, 's4 Wertheimer'sS und in gewissen Texten von Jung, 56 Adler, 157 den psychoanalytischen Ich-Psychologen sowie den existenzialistischen und phänomenologischen Psycho-logen).«
Für weitere Erklärungen zur Dritten Psychologie vgl. in der Bibliografie die Positionen 4, 9, 12, 20, 24, 29, 34, 70, 75, 80 u. 82.
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Anhang C
Ethnozentrismus in der Formulierung der Gipfelerlebnisse
Wieder und wieder konnte nachgewiesen werden, dass die transzendenten Erfahrungen bei einigen Menschen in jeder Kultur und zu jeder Zeit und in jeder Religion und in jeder Schicht oder Kaste stattfinden. All diese Erfahrungen lassen sich im Allgemeinen fast gleich umreißen; die Sprache und der konkrete Inhalt mögen sich unterscheiden, müssen sich tatsächlich unterscheiden. Diese Erfahrungen sind im Wesen un-beschreibbar (in dem Sinne, dass selbst die besten verbalen Ausdrücke nicht ganz hinreichen), was auch besagt, dass sie unstrukturiert sind (wie die Rorschach-Tintenklecksmuster).
Ebenso verstand man sie über die Geschichte hinweg nicht in einem natürlichen Sinn. Kaum verwunderlich, dass der Mysti-ker, der seine Erfahrung zu beschreiben versucht, dies nur in einer lokalen, kultur-, unwissenheits- und sprachverhafteten Art tun kann und dabei seine Beschreibung der Erfahrung damit verwechselt, was ihm zu seiner Zeit und an seinem Ort an Erklärungen und Versprachlichung zur Verfügung steht.
Laski (42) diskutiert das Problem im Einzelnen in ihren Abschnitten betreffend »Overbeliefs&158 und an anderen Stellen und stimmt James 59 zu, sich dem nicht zu widmen. Beispielsweise sagt sie, Seite 14: » In einem großen Ausmaß kennen die Leute in der religiösen Gruppe die Begriffe für solche Erfahrungen, bevor sie die Erfahrungen machen; unvermeidlicher. weise werden die Erfahrungen, wenn sie dann gemacht werden, tendenziell mit den Begriffen wiedererzählt, die sie schon vor:
ab als angemessen akzeptiert haben.«
Koestler (39) hat es auch gut ausgedrückt: »Aber weil die Erfahrung unausgedrückt ist, keine sinnliche Figur und Farbe annimmt, keine Worte gebraucht, fügt sie sich in die Transkription vieler Formen, einschließlich der Vision des Kreuzes oder der Göttin Kali; es sind gleichsam Träume eines blind Geborenen. (...] So mag die ursprünglich mystische Erfahrung in gutem Glauben zu einer Konversion in praktisch irgendein Glaubenssystem führen, Christentum, Buddhismus, Feuer-anbetung« (S. 353). In dem gleichen Buch berichtet Koestler detailreich von seiner eigenen mystischen Erfahrung.
Noch ein anderer Weg, dieses Phänomen zu verstehen, besteht darin, das Gipfelerlebnis zu vergleichen mit Rohstoffen, die zu verschiedenen Strukturformen werden können, so wie die gleichen Ziegel, der gleiche Mörtel und das gleiche Holz von einem Franzosen, einem Japaner oder einem Tahitianer zu verschiedenen Häuser verbaut werden (45).
Darum habe ich diesen Ortsgebundenheiten keine Beachtung geschenkt, da sie sich gegenseitig aufheben. Ich nehme das verallgemeinerte Gipfelerlebnis als für alle Orte und für alle Zeiten als gegeben an.
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Anhang D
Wie verlässlich ist das in Gipfelerlebnissen erlangte Wissen?
Diese Frage ist zu gewaltig und zu wichtig für einen eng bemessenen Raum. Alles, was ich hier tun kann, ist, mich an einer vorläufigen Skizze zu versuchen, die die Frage ernst nimmt. Beides, die Frage und die Antworten, lassen sich heute besser begreifen und formulieren als jemals zuvor. Das rührt daher, dass die mystische Erfahrung aus den lokalen religiösen Bekenntnissen herausgelöst und in den Bereich der Natur - und darum der Wissenschaft - gebracht worden ist. Die Fragen können spezifischer gestellt und, mehr noch, so formuliert werden, dass sie sich durch ein Entdeckungsverfahren bestätigen lassen.
Zusätzlich erscheint es ziemlich klar, dass man zu der Art von (mutmaßlichem) Wissen, das in Gipfelerlebnissen gewonnen wird, auch durch schmerzliche Erfahrungen gelangen kann. Mehr noch, diese Einsichten mögen von den Gipfeler-lebnissen unabhängig werden und danach auch unter normaleren Umständen verfügbar sein. (So formuliere ich es in meinem eigenen Vokabular: S-Wissen, S-Erkenntnis und Gipfelerleb-nisse können unabhängig voneinander auftreten.) Es ist auch möglich, dass es eine »nüchterne«, nicht-ekstatische S-Et-kenntnis gibt, 16° aber da bin ich mir weit weniger sicher.
Die Frage muss noch weiter differenziert werden. Es besteht kein Zweifel, dass große Einsichten und Offenbarungen grundsätzlich zur Mystik oder zu Gipfelerlebnissen gehören und gewiss sind manche von ihnen an sich selbst genommen als Erfahrungen subjektiv verlässlich. Das heißt, man kann aus sol. chen Erfahrungen den Schluss ziehen und tut es auch, dass es erwa Freude, Ekstase, Verzückung tatsächlich gibt und einem im Prinzip zur Verfügung stehen, sogar wenn man diese Erfahrungen zuvor niemals gemacht hat. So lernt, wer Gipfelerleb. nisse macht, auf sicherem und gewissem Weg, dass das Leben le. benswert, dass es schön und wertvoll sein kann. Es gibt Ziele im Leben, beispielsweise Erfahrungen, die für sich genommen so wertvoll sind, die beweisen, dass nicht alles bloß als Mittel zu einem anderen Ziel diene.
Eine weitere Weise sich selbst bestätigender Einsicht ist die Erfahrung, eine wirkliche Identität zu haben, ein reales Selbst, das Gefühl, wie es sich anfühlt, sich selbst als Realität zu spüren, als das, was man tatsächlich selbst ist - nicht ein Heuchler, ein falscher Fuffziger, ein Poser, ein Angeber. Hier wieder ist die Erfahrung selber die Offenbarung einer Wahrheit.
Mein Gefühl besagt, dass die Kraft der Erfahrung auch dann die Haltung zum Leben dauerhaft beeinflusst, sollte sie nie wieder auftreten. Ein einziger Blick in den Himmel ist genug, um zu beweisen, dass es ihn gibt, sogar wenn man kein zweites Mal hat. Ich vermute stark, dass sogar eine einzige solche Erfahrung in der Lage ist, zum Beispiel einen Suizid zu verhindern und vielleicht viele Arten schleichender Selbstzerstörung wie Alko-holismus, Abhängigkeit von Drogen, Gewalt usw. Auch würde ich aus theoretischen Gründen vermuten, dass Gipfelerlebnisse
»existenzielles Bedeutungslosigkeitsgefühl« zumindest zeitweise austreiben können, Zustände von Wertlosigkeitsgefüh-len. (Diese Ableitung aus der Natur intensiver Gipfelerlebnisse werden in gewissem Grade gestützt aus der allgemeinen Erfahrung mit LSD und Psilocybin. Selbstredend warten diese vorläufigen Berichte ebenfalls auf Bestätigung.)
Dies ist dann eine Art des Gipfel-Wissens, dessen VerlässLichkeit und Nützlichkeit außer Frage steht, in gleicher Weise wie zum ersten Mal zu entdecken, dass die Farbe »Rot« existiert und wundervoll ist. Freude existiert, kann erfahren werden und fühlt sich tatsächlich sehr gut an, und man kann immer hoffen, dass sie einem erneut widerfährt.
Vielleicht sollte ich hier das paradoxe Ergebnis hinzufügen, dass der Tod (für manche) seinen Schrecken verliert. Ekstase reicht irgendwie nahe an die Todes-Erfahrung heran, wenigstens in dem schlichten, empirischen Sinne, dass der Tod oft während der Berichte über Gipfelerlebnisse Erwähnung findet, das heißt der süße Tod. Nach dem Höhepunkt kann es nur noch bergab gehen. Jedenfalls berichtete man mir gelegentlich,
»ich fühlte mich, als wolle ich sterben «, oder » niemand kann mir mehr sagen, der Tod sei schlecht« usw. Eine Art »süßen Tod« zu erleben, mag seinen furchterregenden Aspekt entfer-nen. Diese Beobachtung bedarf gewiss einer genaueren Unter-suchung, als ich bisher in der Lage war. Der Punkt ist aber, dass die Erfahrung selber das erlangte Wissen (oder die veränderte Haltung) darstellt und sich selber bestätigt. Andere solcher Erfahrungen sind, wenn sie das erste Mal auftreten, wahr, einfach weil sie erfahren werden, etwa größere Integration des Organis-mus, Erfahrung physiognomischer Wahrnehmung, die Zusammenführung von primären und sekundären Prozessen, die Zusammenführung von Wissen und Werten, Überwindung von Dichotomien, Erfahrung des Wissens als Sein usw. usw. Die Erweiterung und Bereicherung des Bewusstseins durch neue Wahrnehmungserfahrungen, von denen viele dauerhaften Einfluss ausüben, ist ein bisschen so etwas wie eine Verbesserung dessen, der die Erfahrungen macht.
Öfter allerdings bedarf Gipfel Wissen einer äußeren, unabhängigen Bestätigung (70) oder wenigstens ist das Verlangen nach einer solchen Bestätigung ein sinnvolles Verlangen; beispielsweise führt ein Sich-Verlieben nicht nur zu meht Zuwen. dung, was größere Aufmerksamkeit und Achtsamkeit und darum Wissenszuwachs bedeutet, sondern mag auch zu Äußerungen und Urteilen führen, die zwar berührend und freundlich, aber unwahr sind wie » mein Mann ist ein Genie«.
Die Geschichte der Wissenschaft und Erfindung ist voll von Beispielen für die Bestätigung von Gipfel-Einsichten, doch auch von »Einsichten«, die sich als falsch herausstellten.
Jedenfalls gibt es genug von den ersteren, um die Hypothese zu stützen, dass das Wissen, das während der Erfahrung von Gipfel-Einsichten erlangt wurde, sich bestätigen lässt und wertvoll sein kann.
Manchmal gilt dies auch für die Demut gebietenden, ergreifenden Einsichten (sowohl des Gipfel- als auch des Tiefpunkt-
'Typs) oder für Offenbarungen, zu denen es in der Psychotherapie kommt - obwohl nicht sehr häufig. Wenn die Schleier fallen, kann das eine gültige Wahrnehmung dessen sein, was vorher nicht bewusst wahrgenommen wurde.
Dies alles scheint ziemlich offensichtlich und ziemlich ein-fach. Warum gab es eine solch glatte Zurückweisung dieses Wegs zum Wissen? Teilweise besteht, wie ich annehme, die Antwort darin, dass diese Art des Offenbarungs-Wissens nicht vier Äpfel dort zum Vorschein bringt, wo vorher nur drei da wa-ren; auch verwandeln sich die Äpfel nicht in Bananen. Nein!, es ist mehr eine Veränderung der Aufmerksamkeit, der Organisation der Wahrnehmung, des Bemerkens oder Realisierens, was geschieht.
In Gipfelerlebnissen geleiten viele Weisen der Veränderung von Aufmerksamkeit zu neuem Wissen. Zum einen können wie bereits gesagt Liebe, Faszination, Entrückung » intensives und zuwendendes Schauen « bedeuten. Zum anderen kann Faszination große Intensität bedeuten im Sinne von die Aufmerksamkeit zu verengen und zu fokussieren, Ablenkungen jeder Art bis hin zu Langeweile und sogar Erschöpfung zu widerstehen.
Schließlich schließt, was Bucke (10) »kosmisches Bewusst-sein« nennt, eine Weitung der Aufmerksamkeit ein, sodass der ganze Kosmos als Einheit wahrgenommen wird ebenso wie zugleich der eigene Platz in diesem Ganzen.
Dieses neue »Wissen « kann bestehen in einer Veränderung der Haltung, in einer anderen Art der Wertung von Realität, in einem neuen Blickwinkel von einem anderen Standpunkt aus auf die Dinge. Möglicherweise fallen eine Menge dieser Vorkommnisse unter die Rubrik der Gestalt-Wahrnehmung, etwa das Chaos in einer neu strukturierten Weise zu sehen - oder von einer Gestalt zur nächsten zu wechseln, eine integrierte Figur aufzubrechen und eine neue zu schaffen, das Verhältnis von Figur zum Grund zu verändern, eine bessere Gestalt zu for-men, sie zu schließen, kurz, die Beziehungen und ihre Organisation zu erkennen.
Eine andere Weise des Erkenntnisprozesses, der in Gipfel-erlebnissen geschieht, ist die Auffrischung der Erfahrung und das Aufbrechen festgefügter Vorstellungen (59). Gewöhnung lullt Erkenntnis ein, besonders bei ängstlichen Leuten, und es ist dann möglich, jede Menge wundersamer Geschehnisse zu übergehen, ohne sie als solche zu erfahren. In Gipfeln kann das wundersame »Sosein« der Dinge ins Bewusstsein durchbre-chen. Dies ist die Grundfunktion der Kunst und kann in deren Bereich auch studiert werden. Diese Weise von » unschuldiger Wahrnehmung« wird in einem meiner Artikel beschrieben
(63). Es ist eine Weise von Scharfsichtigkeit, die im Gegensatz steht zu dem, was man nur » normale Blindheit« nennen kann.
Eine Unterkategorie dieser erneuerten Wahrnehmung des-sen, was vor Augen steht, ist die Gipfel-Wahrnehmung der Tat-sache, dass Wahrheiten wahr sind, etwa: »ist es wundervoll, verstanden zu werden «, »Tugend belohnt sich selber«, »Son. nenuntergänge sind schön«, »Geld ist nicht alles« usw. Der. artige »Banalitäten « lassen sich in Gipfel-Augenblicken wie. der und wieder entdecken. Auch sie sind Beispiele der neuen Tiefe und des Eindringens, die in solchen Augenblicken möglich sind, wenn das Leben so frisch gesehen wird wie beim ers. ten Mal und als habe man es nie zuvor gesehen. Das gilt auch für die Erfahrung der Dankbarkeit, der Wertschätzung für Glück für Gnade.
In Anhang I und anderswo in diesem Essay habe ich von einer Wahrnehmung der Einheit gesprochen, also Zusammenführung des S-Bereichs'61 mit dem D-Bereich, 162 Zusammenführung des Ewigen mit dem Zeitlichen, des Heiligen mit dem Profanen usw. Jemand hat dies » den unermesslichen Graben zwischen der poetischen Wahrnehmung der Realität und der prosaischen, irrealen Vernunft« genannt. 163 Jeder, der das Hei-lige, das Ewige, das Symbolische nicht wahrnehmen kann, ist einfach blind für einen Aspekt der Realität, wie ich, glaube ich, anderswo überzeugend bewiesen habe (54) und in Anhang I.
Zur »Wahrnehmung des Sollens«, » Ontifikation « 164 und anderen Beispielen von S-Wissen siehe den Artikel » Fusions of Facts and Values« (54). Die Bibliografie dieses Papiers verweist auf die Literatur der Gestalt-Psychologie, für die ich hier keinen Raum habe. Für die »Reduktion auf das Konkrete« und ihre Implikationen für die Erkenntnis von Abstraktheit auf unterschiedlichste Arten sollte Goldstein (23, 24) zu Rate gezogen werden. Leute mit Gipfelerlebnissen berichten oft etwas, das man als eine spezielle Weise abstrakter Wahrnehmung bezeichnen könnte, etwa Wahrnehmung des Wesens, der »verborge-nen Ordnung der Dinge, ein »Röntgen-Blick« auf die Welt, normalerweise überlagert von Bergen an Irrelevantem« (39,
S. 352). Mein Papier über Isomorphismus (48) enthält auch relevante Daten, von denen ich hier nur den Faktor nenne »der Erkenntnis wert« zu sein, sie zu verdienen, ihr gerecht zu wer. den. Gesundheit »hebt« einen auf höhere Ebenen der Reali-tät: Gipfelerlebnisse lassen sich betrachten als ein Übergang in der Selbstverwirklichung einer Person. Sie können darum so verstanden werden, dass sie sie »höher hinauf« heben, sie
»größer « machen usw. und sie derart hineinwächst, schwierigere Wahrheiten zu »verdienen«, etwa: »nur Integration kann Integration wahrnehmen«, » nur jemand der fähig ist zu lieben, kann Liebe wahrnehmen« usw.
Nicht-einmischende, rezeptive taoistische Wahrnehmung ist notwendig für die Wahrnehmung von gewissen Weisen der Wahrheit (49). Gipfelerlebnisse sind Zustände, in denen Ver-langen, Einmischung und aktives Kontrollieren verringert sind, somit taoistische Wahrnehmung erlauben, somit den Einfluss dessen, der wahrnimmt, auf das Wahrgenommene verringert.
Damit mag wahreres Wissen (um manche Dinge) erwartet werden und von ihm ist berichtet worden.
Zusammenfassend: Die Hauptänderungen im Status des Problems der Gültigkeit von S-Wissen oder Erleuchtungs-Wis-sen bestehen in: (A) Verlagerung der Frage nach dem Wesen der Engel usw. auf beispielsweise eine naturalistische Frage; (B) empirische Bestätigung gültigen Wissens, die innere Gültigkeit des erweiterten Bewusstseins, etwa eine größere Bandbreite von Erfahrungen; (C) Realisierung, dass das erlangte Wissen schon immer da war, bereit stand, wahrgenommen zu werden, wenn man nur »soweit« wäre, bereit für es. Dies ist eine Veränderung der Scharfsichtigkeit, der Effizienz dessen, der wahr-nimmt, seiner Brille sozusagen, nicht eine Veränderung der Natur der Realität oder die Erfindung eines neuen Stücks Realität, das vorher nicht da war. Das Wort » psychedelisch« (bewusst-seins-erweiternd) mag hier zutreffen. Schließlich (D) kann dieses Wissen auf anderen Wegen erlangt werden; wir brauchen uns nicht bloß auf Gipfelerlebnisse oder Gipfel hervorrufende Drogen zu stützen, um zu ihm zu finden. Es gibt nüchternere und gangbarere Straßen - und darum langfristig vielleicht bessere Wege - zur Erlangung transzendenten Wissens (S-Wis-sens). Das heißt, ich denke, wir sollten uns mit dem Problem besser befassen, indem wir die Ontologie und die Erkenntnistheorie betonten anstelle die Auslöser und Stimulanzien.
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Anhang E
Vorwort zu
»New Knowledge in Human Values« 165
Dieser Band entspringt dem Glauben, dass erstens die letztend-liche Krankheit unserer Zeit Wertelosigkeit ist; zweitens dass dieser Zustand entscheidend bedrohlicher ist heute als je zuvor in der Geschichte; und schließlich, dass der Mensch aus eigener rationaler Anstrengung etwas dagegen unternehmen kann.
Der Zustand der Wertelosigkeit ist verschiedentlich beschrieben worden als Anomie, 166 Amoralität, Anhedonie, 167 Wurzellosigkeit, Leerheit, Hoffnungslosigkeit, Fehlen, an etwas zu glauben und etwas zu verehren. Das hat sich ausgewachsen zu dem gegenwärtigen gefährlichen Punkt, weil alle traditionellen Wertesysteme, die jemals der Menschheit präsentiert wurden, sich als im Effekt erfolglos erwiesen haben (unser gegenwärtiger Zustand beweist es). Darüber hinaus werden Wohlstand und Prosperität, technologischer Fortschritt, verbreitete Bildung, Demokratie, sogar ehrlich gute Absichten und Lippenbekenntnisse zum guten Willen durch ihr Versagen, Frieden, Brüderlichkeit, Ernsthaftigkeit und Glück hervorzu-rufen, uns nackt und unvermeidlich mit der tiefen Einsicht konfrontieren, die die Menschheit durch all ihre Geschäftigkeit mit dem Oberflächlichen vermieden hat.
Wir werden hier an die »Neurose des Erfolgs« erinnert.
Menschen können so lange hoffnungsfroh und sogar glücklich für falsche Allheilmittel kämpfen, wie sie sie nicht anschauen.
Wenn sie sie allerdings anschauen, entdecken sie bald das Falsche an den Hoffnungen. Zusammenbruch und Hoffnungslosigkeit folgen und halten an, bis neue Hoffnung auftauchen kann.
Auch wir befinden uns in einem Interregnum zwischen al. ten Wertesystemen, die nicht funktioniert haben, und neuen, die noch nicht geboren wurden, eine leere Zeit, die man besser aushalten könnte, wenn sie nicht eine so große und einzigartige Gefahr für die Menschheit darstellen würde. Wir sind konfrontiert mit der wirklichen Möglichkeit der Auslöschung der Menschheit und mit der Gewissheit von »kleinen« Kriegen, Rassenhass und weitverbreiteter Ausbeutung. Geschwisterlich-keit liegt in der Zukunft.
Die Kur für die Krankheit ist offensichtlich. Wir brauchen ein brauchbares System menschlicher Werte, dessen wir gewiss sind, Werte, an die wir glauben können und denen wir uns un-terwerfen, weil sie wahr sind und nicht weil wir » aufgerufen« sind »zu glauben und zu gehorchen«.
Und zum ersten Mal in der Geschichte fühlen viele von uns, dass solch ein System - gerade gegründet auf gültiges Wissen über die Natur des Menschen, seine Gesellschaft und seine Arbeit - möglich sei.
Dies soll nicht behaupten, dass dieses Wissen jetzt zur Verfügung steht in der letztendlichen Form, die notwendig ist, um Überzeugung und Handeln zu erzeugen. Steht es nicht. Was allerdings verfügbar ist, ist genug, um uns das Vertrauen zu geben, dass wir genug wissen, was für eine Arbeit getan werden muss, um uns dem Ziel fortschreitend anzunähern. Es erscheint dem Menschen möglich zu sein, durch seine eigenen philosophischen und wissenschaftlichen Anstrengungen zur Verbesserung seiner selbst und seiner Gesellschaft beizutragen.
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Anhang F
Rhapsodische, isomorphe Kommunikation
Beim Versuch, widerstrebenden oder solchen Teilnehmern, die vermeintlich keine Gipfelerlebnisse hatten, Berichte über Gip-felerlebnisse zu entlocken, entwickelte ich eine andere Vorgehensweise bei der Befragung, ohne dass ich mir dessen bewusst war. Die »rhapsodische 68 Kommunikation«, wie ich sie nannte, besteht in einer Art emotionaler Übertragung in eine isomorphe 69 Parallele. Das mag beachtliche Implikationen sowohl für die Wissenschaftstheorie als auch die Bildungstheorie haben.
Unmittelbare verbale Beschreibungen von Gipfelerlebnis-sen auf einem nüchternen, distanzierten, analytischen, »wis-senschaftlichen « Wege hat Erfolg nur bei denen, die schon wis-sen, was du meinst, also Leuten, die lebendige Gipfel haben und die darum fühlen oder vermuten, worauf du hinaus willst, selbst wenn deine Worte selber ziemlich ungenügend sind.
Als ich mit den Befragungen fortfuhr, »lernte« ich ohne zu bemerken, dass ich etwas lernte, zu figurativer Rede zu wech-seln, Metaphern, Vergleichen usw. und ganz allgemein eine mehr und mehr poetische Sprache zu nutzen. Es stellte sich he-raus, dass es bei dieser eher »klick« machte, um ein Echo der Erfahrung in einer parallelen, isomorphen Schwingung auszu-lösen, als nüchterne, distanzierte, vorsichtig beschreibende For-mulierungen.
Wir lernen daraus, dass das Wort »unaussprechlich« bedeutet » nicht mitteilbar durch Worte, die analytisch, abstrakt, linear, rational, exakt usw. « sind. Poetische und metaphorische Sprache, physiognomische und synästhetische Sprache, die Sprache von Primärprozessen der Art, wie sie in Nacht- oder Tagträumen, freien Assoziationen und Fantasien zu finden ist, ganz zu schweigen von vor- und subsprachlichen Gesten, Stimmlagen, Sprechweisen, Körperspannungen, Gesichtsausdrücken - all dass macht gewisse Aspekte des Unaussprechlichen besser mitteilbar.
Dieses Vorgehen kann dazu führen, dass in rhapsodischer, emotionaler, engagierter Weise stetig ein Strom an Beispielen von Gipfelerlebnis nach dem anderen heraussprudelt, als aus-drucksvolle, mitgeteilte, »zelebrierte« Beschreibung, gesungen mit lebendiger Anteilnahme und mit offensichtlicher Zustimmung und sogar Freude, nicht als Bericht. Diese Weise des Vorgehens entfacht bei dem Gegenüber eher das Feuer aus der Glut des schwelenden oder schwachen Gipfelerlebnisses.
Das Problem hier entspricht dem üblichen im Unterricht.
Es handelt sich nicht darum, etwas Offensichtliches zu benen-nen, das beide gleichzeitig sehen, wenn der Lehrer auf es deutet und es benennt. Stattdessen wird versucht, die Person dahin zu kriegen, die Aufmerksamkeit zu fokussieren, eine innere Erfahrung zu bemerken und zu benennen, die nur sie selbst fühlen kann, eine Erfahrung, die darüber hinaus nicht immer stattfin-det. Hier ist kein Hinweis möglich, kein Benennen von etwas Sichtbarem, kein kontrolliertes und absichtsvolles Experiment wie das Einschalten des Stroms oder Drücken auf eine schmerzliche Stelle.
Bei solchen Anstrengungen realisiert man lebendig, wie isoliert voneinander das Innenleben der Menschen ist. Es ist, als ob zwei verkapselte Privatsphären versuchen, einander über einen Abgrund zwischen ihnen hinweg etwas mitzuteilen. Hat die Erfahrung, die man mitzuteilen versucht, in dem Gegenüber keine Parallele wie beim Versuch, dem von Geburt an Blinden eine Farbe zu beschreiben, dann versagen Worte fast (aber nicht ganz). Wenn sich herausstellt, dass der Andere wortwörtlich keine Gipfelerlebnisse hat, funktioniert auch eine rhapsodi-sche, isomorphe Kommunikation nicht.
Zurückblickend kann ich feststellen, dass ich langsam be gann anzunehmen, dass eine Person ohne Gipfelerlebnisse durchaus schwache Gipfel kennt, ihr die Fähigkeit zu diesen Erlebnissen also nicht völlig abgeht. Im Effekt versuchte ich wie mit einer Stimmgabel die Klaviersaite durch meine emotional anteilnehmende und bestärkende Hinwendung zu den stärkeren Erfahrungen des Anderen, die schwelende Glut zum Feuer zu entfachen.
Tatsächlich ging ich vor, » als ob « ich versuchte, jemanden ohne Gipfelerlebnisse zu jemandem mit Gipfeln zu machen, oder besser gesagt, den selbsternannten Gipfellosen dahin zu bringen, festzustellen, dass er trotzdem Gipfel erlebe. Ich konnte ihm zwar nicht beibringen, wie man zum Gipfelerlebnis kommt, aber dahin zu realisieren, dass er sie bereits hatte.
Die Sensibilisierung des »Gipfellosen « für seine eigenen Gipfel macht ihn darum zum fruchtbaren Schoß für die Samen, die die großen »Gipfler« ihm einpflanzen. Die großen Seher, Propheten usw. oder »Gipfler « mögen dann genutzt werden wie wir heute Künstler nutzen, also Menschen, die sensibler sind, reaktiver, die reichere, vollere, tiefere Gipfelerlebnisse ha-ben, die sie dann an andere Menschen weitergeben können, deren Gipfel wenigstens stark genug sind, um sie zu einem guten Publikum zu machen. Der Versuch, einer Allgemeinheit das Malen beizubringen, wird sie gewiss nicht zu guten Malern ma-chen, aber zu einem besseren Publikum für große Künstler. Ge-hau wie es notwendig ist, selbst ein bisschen Künstler zu sein, bevor man große Kunst verstehen kann, ist es offensichtlich notwendig, bevor man den großen Seher verstehen kann, ein kleiner Seher zu werden.
Dies ist eher eine Weise der vertrauten Ich-Du-Mitteilung zwischen Freunden, Liebenden oder Brüdern als die übliche Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, Wahrnehmendem und Wahrgenommenem, Forscher und Proband, in welcher man Trennung, Distanz, Unabhängigkeit zum einzigen Weger-klärt, um eine größere Objektivität zu gewährleisten.
Etwas in der Art ließ sich auch in anderen Situationen ent-decken. Zum Beispiel beim Einsatz psychedelischer Drogen, um Gipfelerlebnisse hervorzurufen. Die allgemeine Erfahrung besagte, dass in einer kühlen, klinischen Forschungsatmosphä-re und einer Atmosphäre, in welcher der Proband wie eine Fliege auf der Stecknadel unter dem Mikroskop beobachtet und untersucht wird, es seltener zu Gipfeln komme und öfter zu unglücklichen Erfahrungen. Wenn die Atmosphäre dagegen die von brüderlicher Mitteilung ist, also vielleicht einer der »For-scher-Brüder« selbst auch Drogen nimmt, mache das die Erfahrung wahrscheinlicher ekstatisch und transzendent.
Etwas ähnliches haben die Anonymen Alkoholiker und die Synanon-Gruppen für Drogenabhängige beobachtet. Eine Per-son, die die Erfahrung teilt, kann eine brüderliche und liebende Haltung einnehmen und löst die in der üblichen Beziehung zum Helfer eingeschlossene hierarchische Dominanz auf. Die berichtete wechselseitige Abhängigkeit zwischen Schauspielern und Publikum könnte auch als Beispiel für diese Weise der Kommunikation dienen.
Die existenziellen und humanistischen Psychotherapeuten beginnen auch zu berichten, dass die »Ich-Du-Begegnung« gewisse Ergebnisse erzielen kann, die von der klassischen freudianischen psychoanalytischen Spiegelung nicht erzielt werden (obwohl mein Gefühl mir sagt, dass das Umgekehrte für gewisse andere therapeutische Ergebnisse ebenso wahr ist). Sogar der klassische Psychoanalytiker wird, denke ich, zugeben, dass Für-sorge, Anteilnahme und liebende Agape für den Patienten beim Analytiker vorhanden sei und sein müsse, damit Therapie statt-fnden kann.
Die Ethologen haben erkannt, dass, wenn man Gänse untersuchen und alles über sie herausfinden will, man Gänse lieben muss. Das gilt, glaube ich, sogar für Sterne, Zahlen oder chemische Teilchen. Diese Weise der Liebe oder des Interesses oder der Faszination widerspricht nicht der Objektivität oder Wahr-heit, sondern ist vielmehr eine Vorbedingung für eine gewisse Weise der Objektivität, Scharfsichtigkeit und Aufnahmefähig-keit. S-Liebe ermutigt zu S-Erkenntnis, etwa selbstlose, verständnisvolle Liebe für das Sein oder die innere Natur des An-deren, macht es möglich, den Anderen als Zweck in sich selbst (nicht als selbstsüchtiges Mittel zum Zweck oder Instrument) wahrzunehmen und zu genießen; darum macht sie es möglich, die Natur des Anderen als mit Eigenrecht ausgestattet wahrzu-nehmen.
Alle (2) oder jedenfalls sehr viele Menschen einschließlich sogar jungen Kindern können auf solch experimentellem Wege lernen, dass es Gipfelerlebnisse gibt, wie sie sich anfühlen, wann sie kommen, bei wem sie kommen, was sie wahrscheinlicher macht, wie ihr Verhältnis zum guten Leben ist, zum guten Men-schen, zur guten psychischen Gesundheit usw. In gewissem Ausmaß kann dies sogar durch Worte, durch Vorträge, durch Bücher geschehen. Meine Erfahrung lautet, dass immer, wenn ich mit Zustimmung über Gipfelerlebnisse sprach, es war, als wenn ich wenigstens einigen Menschen aus meiner Zuhörerschaft die Erlaubnis gegeben habe, die Gipfelerlebnisse ernst zu nehmen. Das heißt, sogar bloße Worte scheinen manchmal in der Lage zu sein, die Verdrängungen, die Blockaden und die Ängste, die Zurückweisungen zu überwinden, die die Gipfel erlebnisse verborgen und unterdrückt halten.
Aus alledem folgt eine andere Weise der Bildung, also eine erfahrungsbasierte Bildung. Aber nicht nur das, es folgt eine andere Weise des Umgangs, des Umgangs zwischen isolierten Ein-zelnen, zwischen eingekapselten Egos. Wir folgern, dass für die Weise erfahrungsbasierten Lehrens, die hier diskutiert wird, es zuförderst notwendig ist, die Person und ihre Selbstwahrneh-mung zu verändern. Das heißt, wir müssen ihr als erstes bewusst machen, dass sie selbst Gipfelerlebnisse hat. Bis sie sich solcher Erlebnisse bewusst wird und sie als Grundlage für Vergleiche zur Verfügung hat, ist sie eine Gipfellose und es ist nutzlos, ihr das Gefühl für und das Wesen von Gipfelerlebnissen vermitteln zu wollen. Doch wenn wir sie verändern können in dem Sinne, dass ihr bewusst wird, was in ihr selbst vorgeht, dann wird sie auch eine andere Haltung einnehmen. Es wird möglich, mit ihr in Kontakt zu treten. Sie weiß jetzt, worüber man spricht, wenn man über Gipfelerlebnisse spricht; und es ist möglich, ihr durch Hinweis auf ihre eigenen schwachen Gipfelerlebnisse näher zu bringen, sie zu verbessern, sie anzureichern, sie auszudehnen, und aus ihnen auch die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Es sei darauf verwiesen, dass etwas derartiges in der norma-len, auf Hervorbringung von Einsicht abzielenden Psychotherapie vor sich geht. Teil des Prozesses hier ist eine erfahrungsba-sierte Bildung, in welcher wir den Patienten unterstützen, sich dessen bewusst zu werden, was er erfahren hat, ohne sich dessen bewusst zu sein. Wenn wir ihm beibringen, dass eine so oder so beschaffene Konstellation vorsprachlicher subiektiver Geschehnisse die Bezeichnung » Angst « trage, dann ist es danach möglich, mit ihm über Angst und all die Bedingungen zu spre-chen, die sie hervorrufen, darüber, wie man sie verstärkt oder abschwächt usw. Bis der Punkt erreicht ist, an welchem er ein bewusstes, objektives, losgelöstes Gewahrsein von der Beziehung zwischen einem speziellen Begriff oder Label oder Wort und einer speziellen Reihe subjektiver, unbenennbarer Erfahrungen entwickelt, sind Mitteilung und Unterricht unmöglich; das gilt auch für Antriebslosigkeit oder Feindseligkeit oder Sehnsucht nach Liebe oder was auch immer. Bei all dem mögen wir das Paradigma benutzen, dass der Prozess der Bildung (und der Therapie) dabei unterstützt, sich innerer, subjektiver, sub-verbaler Erfahrungen bewusst zu werden, sodass diese Erfahrungen in die Welt der Abstraktionen, des Gesprächs, des Um-gangs, der Benennung usw. eingebracht werden können; zur Folge hat das, dass es unmittelbar möglich wird, ein gewisses Maß an Kontrolle über diese bis dahin unbewussten und unkontrollierbaren Prozesse zu erlangen.
Eine Schwierigkeit bei dieser Art des Umgangs ist wenigstens für mich, dass ich das Rhapsodische als künstlich empfin-de, wenn ich es willentlich und bewusst einsetze. Mir wurde erst ganz bewusst, was ich machte, nachdem ich mit Dr. David Nowlis darüber gesprochen habe. Aber seitdem war ich nicht mehr in der Lage, auf diese Weise mit den Versuchsteilnehmern umzugehen.
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Anhang G
S-Werte als Beschreibung der Wahrnehmung während Gipfelerlebnissen
Die beschriebenen Eigenschaften des Seins sind auch die Werte des Seins. Diese Seins-Werte werden als letztgültig begriffen und bleiben darüber hinaus unanalysierbar (und dennoch kann jeder von ihnen durch die jeweils anderen definiert werden).
Parallel sind ihnen die Eigenschaften des Selbstseins (der Iden-tität) in Gipfelerlebnissen; die Eigenschaften idealer Kunst; die Eigenschaften idealer mathematischer Beweise; der idealen Experimente und Theorien; der idealen Wissenschaft und Er-kenntnisse; der Letztziele aller idealen, entdeckenden (taoisti-schen, nicht-intervenierenden) Psychotherapien; der Letztziele der idealen humanistischen Bildung; der Letztziele und Ausdrucksformen einiger Aspekte von Religion; sowie die Eigenschaften der idealen, guten Umwelt und der idealen, guten Gesellschaft (62).
Das Folgende mag entweder als Liste der beschriebenen Attribute der während Gipfelerlebnissen wahrgenommenen Realität betrachtet werden oder als eine Liste der nicht weiter reduzierbaren, inneren Werte dieser Realität.
01. Wahrheit: Ehrlichkeit; Realität; (Nacktheit; Einfach-heit; Reichtum; Wesentlichkeit; Sollen; Schönheit; Reinheit;
klare und unverfälschte Vollständigkeit).
02. Gutheit: (Recht; Wünschbarkeit; Sollen; 170 Gerechtigkeit; Wohlwollen; Ehrlichkeit); (wir lieben sie, werden von ihr angezogen, pflichten ihr bei).
03. Schönheit: (Recht; Form; Lebendigkeit; Einfachheit;
Reichtum; Ganzheit; Perfektion; Vollständigkeit; Einzigartig-keit; Ehrlichkeit).
04. Ganzheit: (Einheit; Integration; Tendenz zum Einssein;
Verbundenheit; Einfachheit; Organisation; Struktur; Ord-nung; ungetrennt; Synergie; homogene und integrative Ten-denzen).
o4a. Überwindung von Einseitigkeit: (Hinnahme, Auflö-sung, Integration oder Überwindung von Dichotomien, Pola-ritäten, Gegensätzen, Widersprüchen); Synergie (etwa Transformation von Gegensätzen zu Einheiten, von Widersachern zu zusammenarbeitenden und sich gegenseitig bereichernden
Partnern).
os. Lebendigkeit: (Prozess; Nicht-Todsein; Bewegung;
Ewigkeit; Fließen, Selbstverewigung; Spontaneität; sich selbst bewegende Energie; Selbstformierung; Selbstregulation; volles Funktionieren; sich verändern und dennoch der gleiche blei-ben; sich selbst ausdrücken; Unendlichkeit).
06. Einzigartigkeit: (Idiosynkrasie; Individualität; Einzigar-tigkeit; Unvergleichlichkeit; die es definierenden Eigenschaf-ten; Neuartigkeit; Qualia; 171 Sosein; nicht so wie es).
07. Perfektion: (nichts Uberflüssiges; nichts fehlt; alles am richtigen Platz; nicht zu verbessern; genau richtig; genau so sein; Angemessenheit; Gerechtigkeit; Vollständigkeit; nichts darüber hinaus; Sollen).
o7a. Notwendigkeit: (Unvermeidlichkeit; es muss genau so sein; nichts in geringstem Maße verändern; und das ist gut so). o8. Vollständigkeit: (beendigt; letztlich; Gerechtigkeit; es ist vorbei; keine weitere Veränderung der Gestalt; 7 Erfüllung; finis und telos; nichts geht ab oder fehlt; Totalität; Wunsch-erfüllung; Stillstand; Höhepunkt; Verzehr; Schließen; Tod vor Wiedergeburt; Stillstand und Abschluss von Wachstum und Entwicklung; totale Befriedigung ohne mögliche weitere Be-friedigung; kein Sehnen; keine Bewegung auf irgendein Ziel hin, weil sie alle schon erreicht wurden; kein Hinweis auf etwas anderes).
09. Gerechtigkeit: (Fairness; Sollen; Angemessenheit; architektonische Qualität; Notwendigkeit; Unvermeidlichkeit;
Objektivität; Unparteilichkeit).
10. Einfachheit: (Ehrlichkeit; Nacktheit; Reinheit; Wesent-lichkeit; Bündigkeit; (mathematische] Eleganz; abstrakt; Un-missverständlichkeit; wesentliche Skelettstruktur; das Herz der Sache; Direktheit; nichts weiter ist notwendig; ohne Zierrat, ohne Extra oder Überflüssiges).
11. Reichtum: (Totalität; Unterscheidung; Komplexität;
Verwickeltheit; nichts fehlt oder ist versteckt; alles da; »Un-wichtigkeit«, also, alles ist gleich wichtig; nichts ist unwichtig; alles bleibt wie es ist, ohne Verbesserung, Vereinfachung, Abs-traktion, Umorganisation; Verständlichkeit).
12. Mühelosigkeit: (Leichtigkeit; Fehlen von Anstrengung, Sehnsucht oder Schwierigkeit; Anmut; vollkommenes und schönes Wirken).
13. Spielend: (Freude; Spaß; Belustigung; Lustigkeit; Hu-mor; Überschwang; Mühelosigkeit).
14. Selbstgenügsamkeit: (Autonomie; Unabhängigkeit; niemandes als sich selbst bedürfen, um man selbst zu sein; selbstbestimmt; Überwindung der Umwelt; Getrenntheit; nach eigenen Regeln leben; Identität).
Die Beschreibung der S-Werte, verstanden als Aspekte der Rea-lität, sollten unterschieden werden von den Haltungen und Emotionen des Seinskenners 73 gegenüber dieser gekannten Realität und deren Attribute, etwa Ehrfurcht, Liebe, Bewunde-rung, Verehrung, Demut, gleichzeitiges Gefühl von Kleinheit und Gottgleichheit, Reverenz, Zustimmung, Ubereinstim-mung, Staunen, Sinn für das Mysteriöse, Dankbarkeit, Unter-werfung; Widmung; Identifikation, Zugehörigkeit und Ver-schmelzung, Überraschung und Unfassbarkeit, Furcht, Freude, Entrückung, Wonne, Ekstase usw.
Ein wiederkehrendes Problem für alle organisierten Offen-barungsreligionen im Verlauf des letzten Jahrhunderts 74 bestand in dem glatten Gegensatz zwischen ihrem Anspruch auf letztgültige, totale, unverrückbare, ewige und absolute Wahrheit und den kulturellen, historischen und wirtschaftlichen Fluktuationen und den Relativierungen, die von den sich entwickelnden Sozialwissenschaften und der Wissenschaftstheorie ausgingen. Alle Philosophien oder alle religiösen Systeme, die kein Platz haben für Fluktuationen und für Relativierungen, sind unhaltbar (weil sie nicht allen Tatsachen gerecht werden).
Aber die menschliche Sehnsucht nach Frieden, Stabilität, nach Einheit, nach irgendeiner Art von Gewissheit, gibt es weiterhin und sucht nach Erfüllung, auch wenn das religiöse Establishment dabei versagt hat.
Mag sein, dass die aus den Gipfelerlebnissen gewonnenen Daten eines Tages eine mögliche Lösung oder Überwindung der Dichotomie bieten zwischen dem Relativen und dem Ab. soluten, dem Historischen und dem Ewigen. Die S-Werte, die aus den Gipfelerlebnissen und anderen Quellen (62) gewonnen wurden, mögen uns eine perfekt natürliche Variante der »Ge-wissheit « liefern, der Einheit, der Ewigkeit, der Universalität.
All diese Worte wollen selbstredend in einer speziellen Weise verstanden werden, die neu und unvertraut ist. Und dennoch bleibt genug von der alten, sehnsuchtsvollen Bedeutung erhal-ten, um die Erfüllung zu liefern, von der die organisierten Religionen behauptet haben, sie könnten sie liefern.
Selbstredend handelt es sich bei diesen »Letztwahrheiten«, wenn sie bestätigt werden können, immer noch um Wahrheiten innerhalb eines Systems. Das heißt, sie scheinen für die menschliche Rasse zuzutreffen. Das heißt, im gleichen Sinne wie die Euklidischen Theoreme absolut wahr sind innerhalb des Systems der Euklidischen Geometrie. Nochmals, so wie die Euklidischen Sätze letztendlich Tautologien sind, so mögen auch die S-Werte (siehe Anhang F) 75 sich herausstellen als charakteristisch für das Wesen der Menschlichkeit, als sine qua non Aspekt des Konzepts »Mensch«, und darum tautologisch sein. Die Aussage: »Der vollkommene Mensch nimmt in gewissen Augenblicken die Einheit des Kosmos wahr, verschmilzt mit ihm, ruht in ihm, für den Augenblick erfüllt sich ganz die Sehnsucht nach Einssein«, ist sehr wahrscheinlich synonym mit einer
»höheren Ebene der Verherrlichung« (s9), mit der Aussage:
»Dies ist ein vollkommener Mensch«.
Für den Augenblick will ich nicht über diese »Absolutheit relativ zur Gattung« hinaus diskutieren, was an Absolutheit bliebe, wenn die menschliche Gattung verschwände. An dieser Stelle genügt es, darauf hinzuweisen, dass die S-Werte auf eine Weise absolut sind, eine die Menschlichkeit beftiedigende Weise, die darüber hinaus »kosmozentrisch« im Sinne von Marcel176 ist und nicht relativ zur Person steht oder sich selbstsüchtig um das eigene Ego dreht.
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Anhang H
Natürliche Gründe,
bei guten Bedingungen Werte des Wachstums denen der Regression
vorzuziehen
Deskriptiv können wir in jeder Person eine (schwache) Tendenz erkennen, die sich auf die eigene Selbstverwirklichung richtet; und ebenso deskriptiv können wir ihre verschiedenen (schwachen) Tendenzen erkennen, (aus Furcht, Feindseligkeit oder Faulheit) zu regredieren. Es ist die Aufgabe von Bildung, Therapie, Ehe und der Familie, sich für erstere zu verbünden und das individuelle Wachstum anzuleiten. Aber warum? Wie ist das zu beweisen? Warum schmuggeln sich derart nicht will-kürliche, verdeckte Werte in die Therapie?
1. Klinische Erfahrungen und auch einige experimentelle Beweise lehren uns, dass die Konsequenzen, das Wachstum zu wählen, » besser« seien in Hinsicht auf die biologischen Werte der Person selber, etwa physische Gesundheit; Ausbleiben von Schmerz, Unwohlsein, Angst, Spannung, Magenschmerzen, Albträumen, Übelkeit, Verstopfung usw.; Langlebigkeit, Angst-losigkeit, Freude an guten Körperfunktionen; Schönheit, sexuelle Kraft, sexuelle Attraktivität, gute Zähne, kräftiges Haar, gute Füße usw.; gute Schwangerschaft, gute Geburt, guter Tod; mehr Freude, mehr Vergnügen, mehr Glück, häufigere Gipfel-erlebnisse usw. Das heißt, wenn eine Person selber all die wahrscheinlichen Folgen des Wachstums überblicken könnte und die wahrscheinlichen Folgen von Einigelung oder von Regression und wenn ihr erlaubt würde, zwischen ihnen zu wählen, wirde sie immer (im Prinzip und unter »guten Bedingun-gens) die Folgen des Wachstums wählen und die Folgen der Regression zurückweisen. Das heißt, je mehr man über die tat-schlichen Folgen der Wahl für Wachstum und der Wahl für Regression weiß, um so attraktiver wird die Wahl des Wachs-tums für praktisch jeden Menschen. Und dies ist die tatsäch-liche Wahl, die er geneigt ist zu treffen, wenn die Bedingungen gut sind, also wenn ihm eine wahrhaft freie Wahl erlaubt wird, sodass sein Organismus seiner eigenen Natur Ausdruck verlei-hen kann.
2. Die Folgen, sich für Wachstum zu entscheiden, befinden sich mehr in Übereinstimmung mit dem inneren Plan (C. Daly King), 177 mit dem tatsächlichen Gebrauch der Fähigkeiten (anstatt Hemmung, Verkümmerung und Kleinmachen), also die Gelenke zu benutzen, die Muskeln, das Gehirn, die Geni-talien usw. anstatt sie nicht zu gebrauchen oder sie in einer konfliktreichen oder gleichgültigen Manier zu gebrauchen oder ihren Gebrauch ganz zu verlernen.
3. Die Folgen des Wachstums stimmen her überein mit dem Konzept des Überlebens und der Ausdehnung von Darwin 78 oder Kropotkin. 179 Das heißt, Wachstum hat mehr Wert für das Überleben als Regression und Abwehr (unter
»guten « Bedingungen). (Regression und Abwehr haben unter
»schlechten« Bedingungen für bestimmte Individuen mehr Wert für das Überleben, etwa wenn es nicht genug Raum gibt, nicht genug Bestätigung, Bedingungen sich gegenseitig aus: schließender Interessen, von Feindseligkeit, Abweichung usw.
Aber »schlechte« Bedingungen bedeuten immer, dass dieser größere Wert für das Überleben von einigen bezahlt werden muss durch einen geringeren Wert für das Uberleben von ande-ren. Der größere Wert für das Überleben des Individuums un. ter »guten« Bedingungen ist dagegen »frei«, also es kostet niemanden etwas.)
4. Wachstum stimmt mehr mit Hartmanns Definition (27)
des » guten « Menschseins überein. Das heißt, es ist ein besserer Weg, mehr von den Merkmalen zu erlangen, die das Konzept des »Menschseins « definieren. Regression und Abwehr ist, solange man sich auf sicherem Boden bewegt, ein Weg, viel von diesen »höheren « Merkmalen der Definition um des reinen Überlebens willen aufzugeben. (»Schlechte« Bedingungen können zirkulär definiert werden als solche, die eine Befriedigung niedriger Bedürfnisse nur auf Kosten einer Preisgabe der Befriedigung höherer Bedürfnisse erlauben.)
s. Der vorhergehende Punkt lässt sich etwas anders formu-lieren; dabei treten allerdings andere Probleme mit einem anderen Wortschatz auf. Wir können damit beginnen, die »Bes-ten der Gattung« auszuwählen, die Beispielhaften, die »Ideal-typen « für die Taxonomie, also die voll Entwickelten, diejeni-gen, die die für die Gattung definitiven Merkmale am stärksten ausgeprägt haben (etwa die getigertsten Tiger, die löwenhaftes-ten Löwen, die hundeartigsten Hunde usw.), genau wie heute im 4-H Meeting 8 der gesündeste junge Mann oder die gesündeste junge Frau ausgewählt werden. Wenn wir diese » Besten der Gattung« im Sinne des Zoologen oder der Taxonomie als Modell nehmen, dann leitet das Wachstum dahin, sich diesem Modell anzunähern und Regression führt von ihm weg.
6. Es sieht so aus, als ob der nicht-pathologische Säugling in Situationen der freien Wahl mit einer großen Bandbreite der Wahl dazu neigt, eher das Wachstum zu wählen anstatt die Regression (61). Auf gleiche Weise selektiert eine Pflanze oder ein Tier aus den Millionen von Objekten in der Welt die, die die
»Richtigen « für ihre jeweilige Natur sind. Dies gründet in der eigenen physikalischen, chemischen, biologischen Natur, z. B. was die Wurzeln aufnehmen und was nicht, was sich verstoff-wechseln lässt und was nicht, was verdaut werden kann und was nicht, ob Sonnenschein oder Regen hilft oder schadet usw.
7. Sehr wichtig als Quelle von Daten, um die biologische Grundlage zu stützen, auf welcher Wachstum Regression vorgezogen wird, ist die Erfahrung mit »ent-deckender Thera-pie« oder was ich neuerdings taoistische Therapie nenne. Was hier zum Vorschein kommt, ist die eigene Natur der Person, die eigene Identität, ihre Neigung, ihr eigener Geschmack, ihre Be-rufung, ihre für die Gattung geltenden und ihre eigentümlichen Werte. Diese eigentümlichen Werte weichen oft so stark von den eigentümlichen Werten des Therapeuten ab, dass damit bewiesen werden kann, ent-deckende Therapie ent-decke wahrhaft und indoktrinierte nicht (48).
Diese Bedingungen, die Entdeckung wahrscheinlich ma-chen, hat beispielsweise Rogers (82) bestens benannt und sie sind Teil unserer allgemeineren und umfassenderen Konzeption von »guten Bedingungen«.
»Gute Bedingungen « lassen sich definieren als eine gute Situation freier Wahl. Alles ist da, was der Organismus benötigt oder wählt oder vorzieht. Es besteht keine äußere Begrenzung, eine Handlung oder eine Sache anstelle einer anderen zu wäh-len. Der Organismus hat seine Wahl noch nicht aufgrund von Habitualisierung, Gewöhnung, negativer oder positiver Kon. dicionierung oder Verstärkung oder äußeren und (biologisch) willkürlichen kulturellen Bewertungen festgelegt. Es gibt keine äußere Belohnung oder Bestrafung, eine Wahl anstelle einer anderen zu treffen. Von allem ist viel vorhanden. Gewisse techni sche Bedingungen einer wirklich freien Wahl werden erfüllt: die Dinge, aus denen eine Auswahl zu treffen ist, gibt es örtlich und zeitlich im Überfluss, genug Zeit bleibt gewährt usw.
Mit anderen Worten: »Gute Bedingungen« bedeutet meistenteils (immer?) solche, die eine wahrhaft freie Wahl durch den Organismus erlauben. Das bedeutet, gute Bedingungen erlauben der inneren, instinktiven Natur des Organismus, sich mit seinen Vorlieben zu zeigen. Er zeigt uns, was er vor-zieht, und wir nehmen nun an, diese Vorlieben drückten seine Bedürfnisse aus, nämlich alles, was für den Organismus aus sich selbst heraus notwendig ist und was ihn davor bewahrt, weniger als er selbst zu werden (61).
Obgleich das Obige überwiegend wahr ist, ist es nicht ganz wahr. Erstens hat man entdeckt, dass es in zahlreichen Gattungen Einzelwesen gibt, die eine gute Wahl, und solche, die eine schlechte treffen; und es mag sein, dass dies angeboren ist, nicht nur bei nicht-menschlichen Tieren, sondern auch bei menschlichen Säuglingen. Einige Säuglinge vermögen in Situationen der freien Wahl keine gute Wahl zu treffen, werden nämlich krank. Zweitens lässt sich die »Weisheit« der freien Wahl bei Menschen durch vorangegangene Gewöhnung, kulturelle Kon-ditionierung, Neurosen, psychische Erkrankungen usw. usw.
zerstören.
Drittens und vielleicht am wichtigsten ist, dass Menschen-kinder Disziplin, Einschränkung, Zurückhaltung, Frustration nicht wählen, selbst wenn das »gut für sie« wäre. Die »Weis-heit« der freien Wahl bezieht sich bloß auf den unmittelbaren Augenblick. Sie ist eine Antwort auf das gegenwärtige Feld oder die laufende Situation. Sie bereitet nicht gut auf die Zukunft vor. Das Kind ist » jetzt-bezogen«; und während dies in einer sehr einfachen Gesellschaft ohne Schrift kein Problem darstellt, ist es ein schreckliches Problem in einer technologisch fortgeschrittenen Gesellschaft. Darum ist die größere Intelli-genz, das überlegene Wissen und die Vorausschau des Erwachsenen als eine Kontrolle über das Kind nötig. Menschen brauchen sich in den frühen Stadien des Wachstums mehr als andere Gattungen. Wir sollten hier auch Goldsteins wichtigen Punkt (23) erwähnen, dass Kinder, die noch nicht zum Abstrahieren in der Lage sind, nur überleben können, weil es Erwachsene gibt, die für sie abstrahieren.
Dies schließt ein, dass die Definition der » guten Bedingungen « für Menschen zusätzliche Merkmale zu den generalisierten beinhaltet, die oben gelistet sind, etwa die Verfügbarkeit von wohlwollenden Alteren, auf die Verlass ist, und (in einer komplexeren Gesellschaft) von vielen Brüdern, bei denen man darauf zählen kann, dass sie ihre Rolle in der Arbeitsteilung übernehmen.
Schließlich muss eine Situation der freien Wahl die Befriedigung von »höheren Bedürfnissen « einschließen, weil Menschen solche jenseits der » niederen Bedürfnisse « haben, die sie mit anderen Tieren teilen; und diese höheren Bedürfnisse wie Sicherheit, Zugehörigkeit, Liebe, Respekt sind bloß durch andere Menschen zu befriedigen. Das wirft im Gegenzug die ganze Frage der Natur der Mutter, der Familie, der Subkultur und der größeren Kultur auf. »Gute kulturelle Bedingungen « mögen sich definieren lassen mit den gleichen Erfordernissen (der Situation freier Wahl), die wir schon genannt haben, nämlich eine » gute Kultur« muss die Befriedigung höherer Bedürfnisse liefern ebenso wie diejenige der niederen Bedürfnisse. Mit dieser Bereicherung der Definition klar vor Augen ist es nicht notwendig, die obige Beschreibung zu verändern, obwohl es nötig ist, eine vergleichende Soziologie der gesunden und reichen Kulturen zu entwickeln, um die gesellschaftlichen Implikationen der Definition voll zu verstehen (69).
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Anhang I
Beispiel einer S-Analyse
Jede Frau kann unter dem Aspekt der Ewigkeit betrachtet wer-den, befähigt zum Symbol, zur Göttin, Priesterin, Sibylle, als Mutter Erde, als ewig quellende Brüste, als der Uterus des Lebens und als die Lebensspenderin, die Lebensschöpferin. Operational lässt sich das auch betrachten im Lichte der Jungiani-schen Archetypen, die auf unterschiedlichen Wegen Ausdruck finden. Ich schaffe es, bei Klienten mit guter Introspektion dahin zu gelangen, indem ich sie einfach zu einem speziellen Symbol direkt frei assoziieren lasse. In der psychoanalytischen Literatur finden sich selbstredend viele Beispiele. Praktisch jede tie-fenpsychologische Fallgeschichte enthält solche symbolischen, archaischen Ansatzpunkte, auf die Frau zu schauen, sowohl hinsichtlich ihrer guten als auch ihrer schlechten Aspekte. (Bei-de, die Jungianer und die Kleinianer 81 erkennen die große und gute Mutter und die Rabenmutter 82 als grundlegende Archetypen an.) Ein weiterer Weg, hierhin zu gelangen, besteht in künstlichen Träumen, die unter Hypnose erzeugt werden. Man mag es vielleicht auch untersuchen durch spontane Zeichnun-gen, worauf die Kunsttherapeuten hingewiesen haben. Eine weitere Möglichkeit stellt die Technik von George Klein 83 dar, der in sehr schneller Abfolge zwei Karten mit Symbolen vor legt, sodass sich die spontane Sinnfüllung durch den Klienten zeigen kann. Jeder, der eine Psychoanalyse durchlaufen hat, ver. falle leicht in ein solches symbolisches oder metaphorisches Denken in seinen Träumen oder freien Assoziationen oder Fantasien oder Luftschlössern. Dann ist es möglich, die Frau unter dem Aspekt des Seins zu sehen. Ein anderer Weg, dies auszu-drücken, besteht darin, sie in ihren weihevollen anstatt profanen Aspekten zu sehen; unter den heiligen oder frommen Aspekten oder aus dem Blickwinkel der Ewigkeit oder Unend. lichkeit; aus dem Blickwinkel der Vollkommenheit; aus dem Blickwinkel des idealen Endziels; aus dem Blickwinkel dessen, was im Prinzip jede Frau hätte werden können. Dies fügt sich in die Theorie der Selbstverwirklichung, dass jedes Neugeborene im Prinzip die Fähigkeit besitze, vollkommen zu werden oder gesund oder tugendhaft, wenngleich wir wissen, dass es die meisten von ihnen nicht werden.
Auf der anderen Seite ist die Frau in ihrem D-Aspekt, in einer Welt der Defizite, der Sorgen, der Unbill, der Ängste, der Kriege, der Befürchtungen und des Leidens, eher profan als ge-weiht, eher zeitgebunden als ewig, eher ortsgebunden als unendlich weit usw. Hier sehen wir in Frauen, was ebenso wahr ist: sie können Luder sein, selbstbezogen, kopflos, dumm, töricht, heimtückisch, trivial, langweilig, gemein, dirnenhaft. Der D-Aspekt und der S-Aspekt sind gleichermaßen wahr.
Der allgemeine Punkt ist: Wir müssen versuchen, beides zu sehen oder es geschehen psychologisch schlimme Dinge. Zum einen, wenn die Frau nur als Göttin gesehen wird, als Madonna, als überirdische Schönheit, als auf einem Podest stehend, als in den Wolken schwebend oder im Himmel, wird sie für den Mann unerreichbar - man kann mit ihr nicht spielen und sie nicht lieben. Sie ist fleischlos, nicht bodenständig genug. In den kritischen Situationen, in denen Männern dies tatsächlich widerfährt, wenn sie also Frauen mit der Madonna oder mit der Mutter identifizieren, werden sie oft impotent und finden es unvorstellbar, mit solch einer Frau geschlechtlich zu verkehren.
Dies ist weder für seine noch für ihre Lust gut, besonders da meist mit der Überhöhung einiger Frauen zu Madonnen die Erniedrigung der anderen Frauen zu Prostituierten einhergeht.
Und dann wächst sich der Madonna-Prostituierten-Komplex, der den Klinikern so vertraut ist, dazu aus, dass Sex unmöglich ist mit den guten und vornehmen und perfekten Frauen, sondern nur mit den unreinen, garstigen oder niedrigen Frauen.
Irgendwie ist es notwendig, in der Lage zu sein, die S-Frau zu sehen, die tatsächlich vornehme und wunderbare Göttin, und zugleich die D-Frau, die manchmal schwitzt und stinkt und Bauchschmerzen hat und mit der man ins Bett gehen kann.
Andererseits besitzen wir umfangreiches klinisches Material über das, was geschieht, wenn Männer Frauen nur in ihrem D-Aspekt sehen und unfähig sind, sie auch als schön und vornehm und tugendhaft und wundervoll zu betrachten. Dies erzeugt das, was Kirkendall 84 in seinem Buch über Sex die » ausbeuterische Beziehung« nennt. Das kann bös enden sowohl für die Männer als auch für die Frauen und sie beide der wirklich großen Freuden am Leben berauben. Sicherlich kann es ihnen die Freude an der Liebe nehmen und damit auch die meiste Freude am Sex (weil die Leute, die nicht lieben können, nicht den gleichen Kitzel aus dem Sex ziehen wie die, die lieben können und romantisch werden). Männer, die an Frauen nur als Sexualobjekte denken und die sie mit rein sexuellen Namen be-legen, entpersonalisieren damit die Frau, als ob es nicht aus-reiche, sie ein menschliches Wesen zu nennen. Das ist schlimm für sie, auf eine subtile Art aber sehr schlimm auch für ihn in dem Sinne, dass es den Ausbeuter beschädigt, ein Ausbeuter zu sein. Die Möglichkeit, über den Abgrund solcher Ausbeutung Freundschaft zu schließen, beträgt praktisch null, was bedeutet, dass Männer und Frauen, jeweils die beiden Hälften der menschlichen Gattung, von einander getrennt sind. Nie lernen sie das Hochgefühl, miteinander zu verschmelzen, freundliche, mitfühlende, liebende Partner zu sein oder dergleichen. Zusammengefasst heißt das, dass der Schrecken lauert, wenn man die Frau nur im S-Licht sieht, und gleichermaßen, wenn man sie bloß im D-Licht sieht; und es ist klar, dass das psychologisch gesunde Ziel darin besteht, diese beiden Sichtweisen auf irgendeinem Wege zu vereinen oder zu verwandeln oder zu ver-schmelzen.
Diese Verschmelzung kann ich nutzen als ein Beispiel des allgemeineren Problems, die S-Psychologie mit der D-Psycho-logie zu verschmelzen, das Heilige mit dem Profanen, das Ewige mit dem Zeitlichen, die Unendlichkeit mit dem Begrenzten, das Vollkommene mit dem Defekten und so weiter.
Den Mann im S-Licht zu sehen, bedeutet auch, im Sinne von Marion Milners185 Fall seine ultimativen, idealen Möglichkeiten als Gottvater zu sehen, als Allmächtiger, als der, der die Welt erschaffen hat und der die Welt der Dinge regiert, die Au-Benwelt, die Welt der Natur und der sie ändert und meistert und erobert. Auf dieser tiefen Ebene identifizieren Milner und vielleicht viele andere Frauen den vornehmen Mann, den S-Mann, als Geist der Rationalität, den Geist der Intelligenz, des Versuchs und der Forschung, der Mathematik und ähnliches.
Das Männliche als Vaterbild ist stark und fähig, furchtlos, vor-nehm, rein, nicht trivial, nicht klein, Beschützer des Schwachen, des Unschuldigen, der Kinder und Waisen und Witwen, der Jäger und Überbringer von Nahrung und so weiter. Zweitens kann er archaisch gesehen werden als der Meisterer und Eroberer der Natur, als der Ingenieur, der Zimmermann, der Bau-herr, was die Frau im Allgemeinen nicht ist. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass Frauen, wenn sie in die Ewigkeits-Stim-mung gehen, die S-Haltung einnehmen, Männer in diesem idealen Licht sehen müssen, selbst wenn sie ihren eigenen Mann nicht so sehen können. Die Tatsache, dass eine Frau mit ihrem eigenen Mann unzufrieden ist, mag andeuten, dass sie irgendein anderes Bild oder Imago18 oder Ideal im Kopf hat, dem er nicht genügt. Ich denke, ein Überprüfen würde ergeben, dass dieses Ideal so ist, wie Milner es ausgedrückt hat und wie es erscheint in direkten Forschungen an Schizophrenen, die John Rosen 87 durchführte. Klar, dass jede Frau, die ihren Mann (oder irgendeinen Mann) nicht in diesem Licht sehen kann, keine Männer gebrauchen kann, sie geringschätzen muss, in der D-Welt zwar ein Bedürfnis nach einem Mann hat, ihn aber tief im Inneren verachten wird, weil er dem S-Bereich nicht genügt.
(Ich sollte erwähnen, dass wir eine Art Vorläufer, ein Modell der S-Frau und des S-Mannes in der Haltung des Kindes zu Mutter und Vater vorfinden. In den Augen des Kindes erscheinen sie als vollkommen und gottgleich und so weiter. Diese Haltung kann sich bei jedem Kind erhalten, das glücklich genug ist, Mutter und Vater zu haben, die gut genug sind, als dass sich solche Haltungen formieren können, nämlich dem Kind eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie die ideale gute Frau und der ideale gute Mann sein könnten.)
Der D-Mann in der Welt der Trivialitäten, des Mangels usw. vermag es nicht, die S-Haltung in seiner Frau zu erzeugen; dies scheint aber notwendig zu sein, um einen Mann ganz lieben zu können. Aus tiefstem Grund ist es notwendig für sie, in der Lage zu sein, einen Mann zu bewundern, zu ihm aufzuschauen wie sie einst zum Vater aufschaute, in der Lage zu sein, sich an ihn anzulehnen, ihm zu vertrauen, ihm Verlässlichkeit und eine ausreichende Stärke zu attestieren, sodass sie sich wertvoll, zart und hübsch fühlt und sodass sie sich vertrauensvoll in seine Arme schmiegen und ihn sich um sie und die Kinder, um die Welt und alles draußen außer Haus kümmern lassen kann. Dies gilt insbesondere, wenn sie schwanger ist oder wenn sie sich um Säuglinge und Kinder kümmern muss. Dann braucht sie am meisten einen Mann um sich, der sie umsorgt, sie beschützt und der zwischen ihr und der Welt vermittelt, hinaus geht und das Wild jagt und das Essen bringt, Holz hackt und so weiter.
Wenn sie ihren Mann (oder irgendeinen Mann) nicht im S-Licht sehen kann, dann ist solch ein Aufschauen, Respekt, solch eine Bewunderung, vielleicht Unterwerfung, solch ein Einlassen auf ihn, solch eine leichte Furcht vor ihm, solch ein Versuch, ihm zu gefallen, ihn zu lieben und alles das im Prinzip unmög-lich. Sie mag sich mit ihm arrangieren, aber sehr tief innen drin wird sie einen Mangel empfinden. Wenn sie in ihm nicht die ul-timativen, ewigen, männlichen S-Qualitäten erkennen kann, entweder weil er ihnen nicht genügt oder weil sie unfähig ist, auch nur irgendetwas im S-Licht zu sehen (beides kann passie-ren), dann hat sie effektiv keinen Mann. Sie mag ein Knäblein haben, einen Sohn, ein Kind, in gewisser Weise ein Neutrum, eine Zwitterwesen, aber sie hat keinen Mann im ultimativen Sinne. Darum muss sie tief im Inneren so unglücklich sein wie eine Frau ohne Mann. In gleicher Weise muss jeder Mann ohne Frau im S-Sinne tief im Inneren unglücklich und benommen sein, etwas vermissen, sich einer grundlegenden Erfahrung, eines grundlegenden Reichtums des Lebens beraubt sehen.
Wenn die Frauen 88 (wie die Prostituierten und Callgirls, über die die Psychoanalytiker neuerdings schreiben) den Männern gegenüber nur eine D-Haltung einnehmen können (weil es einen Defekt in ihrer eigenen Beziehung zum Vater gibt), dann steht solchen Frauen eine hoffnungslose Zukunft bevor, so weit es das Glück betrifft. Gleichermaßen haben D-Männer, die Frauen nur im D-Licht sehen können, nur die Hälfte vom Leben. Die D-Frau oder die Frau, die Männer nur im D-Licht sehen kann, unterhält keine Beziehung zu einem Mann, aus-genommen, um ihn zu benutzen, und dies wächst sich zu der erwartbaren Folge von Feindseligkeit und Hass zwischen den Geschlechtern aus.
Wenn die Frau ihren Mann nur als S-Mann sieht, kann sie auch nicht mit ihm schlafen, oder wenigstens dabei keine sexuelle Lust empfinden, weil dies bedeuten würde, mit ihrem eigenen Vater oder einem Gott zu schlafen usw. Er muss bodenständig genug sein, damit sie nicht zu sehr in Ehrfurcht vor ihm versinken muss. Er muss sozusagen häuslich sein, Teil der wirklichen Welt und darf keine ätherische Engelfigur sein, die niemals eine Erektion und die keine sexuellen Impulse hat usw. Ich will noch hinzufügen, dass eine Frau, die der starke Impuls treibt, den Mann, ihren Mann nur im S-Licht zu sehen, jedes Mal dann schockiert reagiert, wenn ein Mann sich auf die normale, natürliche, menschliche, tagtägliche D-Weise verhält, wenn er etwa zur Toilette geht, wenn sich zeigt, dass er Fehler hat, oder wenn er nicht vollkommen ist. Da sie dazu neigt, von seinem D- Verhalten verschreckt, schockiert, desillusioniert, enttäuscht zu sein, heißt das, dass sie nie mit irgendeinem Mann leben kann (jeder Mann wird sie schockieren und ent-täuschen, weil kein Mann nur ein S-Mann ist).
Der gute Mann, der begehrenswerteste, den wir kennen, ist eine Kombination von B und D. Das gleiche gilt für die gute Frau, die eine Kombination von B und D ist. Sie ist in der Lage, teils Madonna zu sein; sie ist in der Lage, mütterlich zu sein; sie ist in der Lage, heilig zu sein; sie ist in der Lage, zeitweise Ehrfurcht im Herzen des Mannes zu entfachen; aber sie muss auch bodenständig sein und er ist in der Lage zu sehen, wie sie Boden unter den Füßen kriegt, ohne schockiert zu werden. Die Wahrheit ist, dass auch sie zur Toilette geht und auch sie schwitzt und Bauchweh hat und zunimmt und so weiter. Sie ist auf der Welt; und wenn er es braucht, sie in den Himmel zu heben, zieht unvermeidlich Ärger auf.
Nun ist die Wahrheit, dass jede Frau, besonders für das empfindsame Auge, für den empfindsamen Mann, für den eher ästhetischen Mann, für den intelligenteren Mann, für den gesünderen Mann im S-Licht gesehen werden kann, mit S-Erkennt-nis, wie schrecklich oder dreckig oder hässlich oder liederlich sie sein mag, wie sehr sie Prostituierte, Psychopathin, Ausnut-zerin, hasserfüllte Mörderin oder Hexe ist. Die Wahrheit lautet, dass sie in manchen Augenblicken in ihren göttlichen Aspekt schlüpfen wird, besonders wenn sie jene biologischen Funktionen erfüllt, die Männer als grundlegend weiblich ansehen: säu-gen, nähren, gebären, Kinder hüten, das Baby wickeln, sich schön und sexuell attraktiv machen usw. Es braucht einen ziemlich unterentwickelten und kleingemachten Mann, der nie die Fähigkeit hat, das zu sehen. (Kann ein Mann, auf das Konkrete reduziert, eine Frau im S-Licht sehen?) Der Mann, der sich nur der D-Merkmale von Frauen bewusst macht, lebt kein Leben der Einheit, sieht den Himmel nicht auf Erden, ihm entgehen die Merkmale der Ewigkeit, die sich rund um ihn herum zeigen.
Um es unverblümt zu sagen, solch ein Mann ist blind gegenüber gewissen Aspekten der realen Welt.
Diese Art der Analyse sollte die Leute lehren, sich generell in einer mehr die Einheit und die S-Erkenntnisse hervorhebenden Weise umzuschauen. Nicht nur sollten Männer die S-As-pekte von Frauen sehen, sondern Frauen ihrerseits sollten gelegentlich ein Gefühl für ihre S-Aspekte bekommen, nämlich sich in gewissen Augenblicken als Priesterinnen fühlen, sich symbolisch so fühlen, als gäben sie dem Säugling die Brust, als versorgten sie die Wunden des Soldaten, als buken sie Brot.
Werden wir uns dieser zwiefältigen Natur der Menschen erst einmal ganz inne, sollten wir öfter eine Frau, die das Essen am Tisch für ihre Familie bereitet, ansehen als eine, die ein Ritual oder eine Zeremonie vollzieht wie einen rituellen oder zeremo-nialen Tanz an einem religiösen Ort (Ritual in dem sehr engen Sinne, dass sie nicht nur den Bissen Lamm ihm in den Mund schiebt und ihn satt macht, sondern auch dass sie die ewige Beziehung zwischen Mann und Frau auf eine dramatische, symbo-lische, poetische Weise in Szene setzt). Symbolisch ist das fast, als gäbe sie ihrem Ehegatten die Brust, aus der Milch strömt, Nahrung, Leben, Sättigung. Auf diesem Wege lässt es sich betrachten und sie nimmt die vornehme Dimension einer Priesterin in einer antiken Religion an.
Mit solch einer Sensibilisierung sollte es uns auch möglich werden, den Mann, der seine Lohntüte heimbringt, als Vollstrecker eines antiken Rituals zu sehen, der ein nährreiches Tier heim bringt, das er auf der Jagd erlegt und mit hochfliegenden Gefühlen für seine Frau, Kinder und Angehörigen geschleppt has, während ie bewundernd zu ihm aufschauen, weil sie de hat rierigbringen, wohl aber er Au ist es sicherlich wahe, misseschwerer iss den S-Mann unter diesem Aspekt des liger, und Ernährers in dem Mann zu sehen, der tatsächlich als Buch halter in einem Büro neben dreitausend anderen Buchhalten arbeitet. Dennoch bleibt die Tatsache, dass er so gesehen wer. den kann und sollte. So auch die ehrwürdige Art, in der er die Verantwortung für seine Familie auf seine Schultern nimmt, auch das kann im S-Licht gesehen werden, als ein antiker und heiliger Akt. Die richtige Form der Bildung mag Frauen tat. sächlich helfen, diese grundlegenden, symbolischen, archai-schen, rituellen, zeremonialen Aspekte bei ihren Ehemännern zu realisieren und dem Ehemann auch das Gefühl eines kleinen frommen oder heiligen Schauers zu geben, wenn er das heilige Ritual vollzieht, in seine Frau sexuell einzudringen oder von ihr Nahrung anzunehmen oder ihr beim freizügigen Entkleiden zuzuschauen oder erschüttert und fromm und voller Bewunderung das Krankenhaus betritt, wo sie gerade ein Kind geboren hat, oder vielleicht sogar während der Zeremonie der Mens-truation. Eine Rechnung mit dem Geld zu zahlen, das er verdient hat, ist zwar vielleicht in gewisser Weise unspektakulär, etwa beim Schuhkauf, steht aber tatsächlich in direkter biologischer Linie zu den Höhlenmännern und ihrer Sorge für ihre Familien.
Anstatt eine orts- und zeitgebundene Lästigkeit zu sein, kann die Menstruation als ein biologisches Drama angeschaut werden, das zu tun hat mit dem sehr tiefen biologischen Rhythmus der Reproduktion und mit Leben und Tod. Jede Menstruation repräsentiert schließlich ein Kind, das hätte sein kön-nen. Dies mag von dem Mann strikt als Mysterium betrachtet werden, weil es etwas ist, das ihm nicht widerfährt, etwas, von dem er nichts weiß, etwas, was völlig das Geheimnis der Frau ist. Der Volksmund nennt Menstruation das Tränen des enttäuschten Uterus; das packt sie geradewegs in den S-Bereich und macht sie zu einer heiligen Zeremonie anstatt zu einer unreinen Angelegenheit oder einem »Fluch«.
Praktisch alle Primitiven sehen diese Angelegenheiten, von denen ich gesprochen habe, auf eine frommere, geweihtere Wei-se, wie Eliade189 betont hat, etwa als Rituale, Zeremonien, Mys-terien. Die Zeremonie der Pubertät, aus der wir uns nichts ma-chen, ist für die meisten primitiven Kulturen äußerst wichtig.
Wenn das Mädchen das erste Mal menstruiert und eine Frau wird, ist das wahrhaftig ein großes Ereignis und eine große Ze-remonie; und in dem tiefen und natürlichen und menschlichen Sinne ist es wahrhaftig ein großer religiöser Augenblick im Leben nicht nur für das Mädchen selbst, sondern auch für die ganze Sippe. Sie betritt den Raum derer, die die Fackel des Lebens weitertragen, und die Leben gebären können; das gilt auch für die Pubertät des Knaben; auch für die Zeremonien des Todes, des Alterns, der Eheschließung, der Mysterien der Frauen, der Mysterien der Männer. Ich denke, dass eine Untersuchung der primitiven Kulturen ohne Schrift zeigen würde, wie sie oft die Einheit des Lebens besser meistern als wir, wenigstens was die Beziehungen zwischen den Geschlechtern betrifft und auch diejenigen zwischen Erwachsenen und Kindern. Sie verbinden auf besserem Wege als wir B mit D, worauf Eliade hingewiesen hat. Er definierte primitive Kulturen als von Industriekulturen different, weil sie sich den Sinn für das Heilige betreffend der grundlegenden biologischen Vorgänge des Lebens bewahrt haben.
Wir müssen uns schließlich daran erinnern, dass all diese Geschehnisse wahre Wunder sind. Auch wenn sie Millionen Male geschehen sind, sind es immer noch Wunder. Wenn wir Inseren Sinn für das Wunder oder die göttliche Kraft verlieren, wenn wir unseren Sinn für Ehrfurcht verlieren, für Demut, für Nichtwissen, wenn wir unseren Sinn für die glückliche Fügung des Schicksals verlieren, dann haben wir eine sehr reale und grundlegende menschliche Fähigkeit verloren und machen uns dadurch klein.
Es auf diesem Wege zu verstehen, kann auch eine mächtige Selbsttherapie sein. Das Wahre an der Sache ist wiederum, dass jede Frau, jedes Mädchen, jeder Mann, jeder Knabe, jedes Kind tatsächlich ein mysteriöses, wunderbares, zeremoniales und rituelles S-Objekt darstellt. Praktisch jede einfache Kultur macht ein großes Bohai über Frauen und ihre Funktion des Kinderkriegens und alles, was damit irgendwie zu tun hat. Nun mögen ihre Zeremonien betreffend die Plazenta, die Nabelschnur oder Menstruationsblut und ihre verschiedenen Reinigungszeremo-nien uns lächerlich und abergläubisch erscheinen. Dennoch bleibt das Faktum, dass sie den ganzen Bereich mythologisch (archaisch, poetisch, symbolisch) halten; durch diese Methoden halten sie ihn heilig. Sogar dort, wo die Frau schwer benachteiligt wird wie etwa in Menstruationshütten - wo jede menstruierende Frau sich für eine Woche von allen menschlichen Kontakten fern halten und rituelle Bäder nehmen muss
-, hat vielleicht sogar dies gewisse Vorteile gegenüber der Ein-stellung, die ganze Sache zu übergehen. Solch eine Frau muss denken, dass ihre Menstruation und ihr Menstruationsblut mächtig und gefährlich sein könne. Darum muss sie von sich denken, dass sie eine ziemlich mächtige Person ist, fähig, gefährlich zu werden. Sie zählt, sie ist wichtig. Ich nehme an, dass dies zu ihrem Selbstwertgefühl als Frau beiträgt. (Ich erinnere mich an James Thurbers 9 sehr witzigen und zugleich sehr berührenden Cartoon, der, ohne Untertitel, eine Dame mit vier süßen Kindern im Schlepptau zeigt, die eine Hündin mit vier Welpen im Schlepptau trifft. Die zwei Mütter blicken sich im Vorbeigehen über die Schultern mit Sympathie in die Augen, verstehen, teilen ihr Gefühl wie zwei Schwestern.)
Das gleiche könnte sich als wahr auch für den Mann heraus-stellen, wenn all seine Wunder als wahre Wunder genommen werden, etwa die Tatsache, dass er Erektionen kriegen und Spermien ejakulieren kann, dass diese leben, dass sie schwim-men, dass auf einem wundersamen Wege sie in das Ovum eindringen können und ein Baby zum Wachsen bringen usw. usw.
Es gibt viele Mythen, in denen Männer während des Geschlechtsverkehrs mit ihre Frauen als Bauern dargestellt wer-den, als ein Mann mit Pflug oder als Saat säender Mann oder als Mann, der etwas in die Erde einbringt. Seine Ejakulation ist dann nicht der Auswurf von irgendwas: Es wird zu einer Zere-monie, einem Wunder, einer Ehrfurcht erregende, fromm machende Zeremonie wie jede hohe religiöse Zeremonie, etwa die Messe, der Sonnentanz usw. Gleichermaßen mag es erstrebenswert sein, unseren jungen Männern beizubringen, beispielsweise von ihren Penissen so zu denken wie Phallusanbeter es tun, als schöne und heilige Objekte, die Ehrfurcht erregen, mysteriös sind, groß und stark, möglicherweise gefährlich werden und furchteinflößend, als Wunder, die man nicht verstehen kann.
Wenn wir unseren jungen Männern das beibringen, ganz zu schweigen unseren jungen Frauen, wird jeder Junge zum Träger eines heiligen Dings, eines Zepters, von etwas, das die Natur ihm verliehen hat und das eine Frau nie haben kann. Wir statten ihn derart aus mit einem ultimativen und unzerstörbaren Selbstvertrauen, das ihm einfach dadurch verliehen wird, dass er männlich ist, ein Mann mit Penis und Hoden, welche zeitweise die Frau ebenso wie der Mann selbst verehren sollte. Diese S-Haltung sollte ihm helfen, den Sinn für das Helige oder das Weihevolle zu erhalten, wann immer er ejakuliert, und ihm helfen, von seinen Orgasmen so zu denken wie die Trantiker oder andere religiöse Sekten, nämlich als eine Erfahrung des Einsseins, eine heilige Erfahrung, ein Symbol, als ein Geheimnis und als eine religiöse Zeremonie.
Jede Frau, die für Philosophie sensibel ist, muss gelegentlich von Ehrfurcht mitgerissen werden durch die großen Stürme der Sexualität, die sie in ihrem Mann entfachen kann und ebenso durch ihre Macht, diese Stürme zu beruhigen und zum Verstummen zu bringen. Das kann als eine Gott ebenbildliche Macht angesehen werden und mag darum als eine Grundlage dienen für ihr grundlegendes biologisches Selbstvertrauen als eine Frau. Etwas ähnliches trifft auf das männliche Selbstvertrauen in jenem Umfang zu, dass er fähig ist, die sexuellen Str me in seiner Frau zu erregen und zu stillen.
Solche Einsichten und Wahrnehmungen sollten in der Lage sein, jedem Mann und jeder Frau zu helfen, das Transzendente und Einigende zu erfahren, sowohl in sich als auch im Anderen.
Auf diesem Wege wird das Ewige sichtbar in und durch das Be-sondere, das Symbolische und Platonische lässt sich in und durch das Konkrete erfahren, dass Heilige kann mit dem Profanen verschmelzen und man kann das Universum der Zeit und des Raums überwinden, während man zugleich Teil von ihm ist.
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Fußnoten:
1 Offentlicher Vortrag am 30. Juni 1961 in der Sherwood Hall, La Jolla, Kalifornien.
Es handelt sich um die Transkription von gesprochenem, nicht um einen durchkom-ponierten Text. Dies war bei der Übersetzung zu berücksichtigen. - Peak experience wird im Deutschen meist mit »Gipfelerfahrung« wiedergegeben, aber auch als
»Grenzerfahrung«, »Gipfel-« oder »Höhepunkterlebnis«. (AdÜ.]
2 Brandeis University. Gastdozent am Western Behavioral Science Institute, La Jolla, Kalifornien (Mai 1961 bis Januar 1962).
3 Konrad Lorenz. Es handelt sich offenbar um ein Zitat aus einer Wiener Vorlesung.
Englisch überliefert sind die Formulierungen »I have found the missing link between the higher ape and civilized man: It is we. « Maslow: » ... he found the missing link between the anthropoid apes and civilized man. ›It's us!‹« Und: »Man appears to be the missing link between anthropoid apes and human beings«, in dieser Form meist zitiert nach N. Y. Times Magazine vom 11. April 196s. Erste Erwähnung in »Inter-
national Cooperation in Pure and Applied Science: Proceedings of the Seventh Inter. national Conference on Science and World Affairs« (1961), S. 25. Deutsche Versionen:
»Das längst gesuchte Bindeglied zwischen den Affen und dem wahrhaft humanen Menschen - sind wir!« »Das fehlende Glied zwischen Affen und Mensch sind wir selbst.« Und: »Der Übergang vom Affen zum Menschen sind wir! « Konrad Lorenz hat den Inhalt bestätigt in einem Spiegel-Interview (45/1988, S. 254): »Sicher, es ist beleidigend für das ›Ebenbild Gottes«, daß er das langgesuchte Zwischenglied zwischen dem Affen und dem Menschen ist; das ist er wirklich. Er hört furchtbar gern, er sei das Zentrum der Welt und der Zweck des Ganzen. Lange genug sind ihm ja auch so schmeichelhafte Dinge gesagt worden. « [AdU.]
4 Alan Watts (1915-1973), englisch-amerikanischer Religionsphilosoph. Er befasste sich vor allem mit der Philosophie des Zen, des Buddhismus und des Taoismus. »This
Is It« ist Titel einer Essaysammlung (1960) »on Zen and Spiritual Experience«.
[AdÜ.]
5 »If a man could pass through paradise in a dream, and have a flower presented to him as a pledge that his soul had really been there, and if he found that flower in his hand when he awoke, ay, what then! « [Samuel Taylor] Coleridge. [Aus: Anima Poetae from the Unpublished Note-Books of Samuel Taylor Coleridge (posthum 1895, S. 282).
Di. erwa: ›Wenn man das Paradies im Traume queen könnte und hätte eine Blume als Geschenk, das bewiese, die Seele wäre dort gewesen, und wenn sich beim Erwachen befände jene Blume in der Hand, ach, was dann! ‹ Zusatz d. U.]
6 »It's lethargy that is the cause of so much evilness - some are scared to die, and some are scared to live. « Rev. William Sloane Coffin Jr., Seelsorger an der Yale Uni-versity. (Fundstelle: Jet, Jg. XX, Nr. 24, s Okt. 1961, S. 30.) [AdÜ.]
7 Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter (1903-1908), Frankfurt/M.
1929, S. 9. Der anschließende Satz: »Und wenn Sie selbst in einem Gefängnis wären, dessen Wände keines von den Geräuschen der Welt zu Ihren Sinnen kommen ließen
- hätten Sie dann nicht immer noch Ihre Kindheit, diesen köstlichen, königlichen Reichtum, dieses Schatzhaus der Erinnerungen? Wenden Sie dorthin Ihre Aufmerk-samkeit. Versuchen Sie, die versunkenen Sensationen dieser weiten Vergangenheit zu heben.« [AdÜ.]
8 »nothing special«: » There is no place in Buddhism for sing effort. Just be ordinary and nothing special. « Linji Yixuan, zit. n. Alan Watts, The Way of Zen (1957), New York 1985, S. 117. (» Im Buddhismus gibt es keinen Platz für angestrengtes Tun. Sei ganz alltäglich und nichts besonderes.«) [AdU.]
9 Teresa von Avila (1515-1582). » Denke daran, dass Gott zwischen den Töpfen und Pfannen da ist und dass er dir in inneren und äußeren Aufgaben zur Seite steht,« -
»Hätte ich früher erkannt, dass der winzige Palast meiner Seele einen so großen König beherbergt, dann hätte ich ihn nicht so häufig allein gelassen.« - »Schwer täuschen sich jene, die meinen, die Vereinigung mit Gott bestehe in Ekstasen, Verzückungen und geistlichen Tröstungen. Sie besteht allein in der Ubergabe unseres Willens an Gott, vorausgesetzt, dass diese Übergabe vollkommen ist. « [AdU.
10 Meister Eckhart (1260-1328). »Die Liebe beginnt da, wo das Denken aufhört.
Wir brauchen aber die Liebe von Gott nicht zu erbitten, sondern wir müssen uns für sie nur bereit halten. « - »Wenn du also dazu kommst, dass du um nichts mehr Leid noch Kummer trägst und dass dir alles eine reine Freude ist, dann ist das Kind in Wahrheit geboren. « - »Wer in allen Räumen zu Hause ist, der ist Gottes würdig, und wer in allen Zeiten eins bleibt, dem ist Gott gegenwärtig, und in wem alle Kreaturen zum Schweigen gekommen sind, in dem gebiert Gott seinen eingeborenen Sohn.« [AdO.]
11 Japanisch: »Verstehen «, bezeichnet das Erlebnis der Erleuchtung im Zen. [AdÜ.]
12 Sanskrit: »Versenkung«, »Sammlung«; Bewusstseinszustand des völligen Auf-gehens in dem Objekt, über das meditiert wurde. [AdU.]
13 Aldous Huxely, Die ewige Philosophie (1946), Emmendingen 2008. Originaltitel:
The Perennial Philosophy, aktuelle Ausgabe New York 2009. [AdÜ.]
14 »Touchdown « bezeichnet im »American Football« einen Gewinn von sechs Punkten, indem der Ball in die gegnerische Endzone getragen oder dort gefangen wird. [AdU.]
15 Surprised by Joy: The Shape of My Early Life (1955), C.S. Lewis' autobiografischer Bericht über seine Konversion zum Christentum 24 Jahre zuvor. Dt. Überrascht von Freude: Biographie der frühen Jahre, Wuppertal 1968. Der Titel zitiert die Eingangs-zeile eines Gedichts von William Wordsworth »Surprised by joy - Impatient as the Wind«, das einen Augenblick beschreibt, in welchem Wordsworth den Tod seiner Tochter vergaß. [AdÜ.]
16 Taoismus (neue Schreibweise: Daoismus) ist die chinesische Religion, in der das
»wu wei«, das »Tun durch Nichttun « eine wichtige Rolle spielt. Aus der Verbindung von Taoismus und Buddhismus ist der Zen-Buddhismus entstanden. [AdU.]
172 »being in charge« könnte provozierender auch mit »Verantwortung« wiedergegeben werden. [AdÜ.)
176 Bruchstückhaft, unzusammenhängend. Vgl. Anhang F (S. 139 ff). [AdÜ.]
18 Carl Gustav Jung (1875-1961). Ihm zufolge spiegeln sich im Unbewussten, in Träumen und in den Märchen kollektive Archetypen, symbolische Ausdrücke eines archaisch-animalischen Zustandes. [AdÜ.]
19 » think-feek«. [AdU.]
20 Die Wortverbindungen »physiognomical language« bzw. »physiognomische Sprache« sind äußerst selten. Dass Heinz Werner (1890-1964) sie englisch oder deutsch benutzt habe, ließ sich nicht nachweisen. Er hat allerdings tatsächlich in den 1920er Jahren die Physiognomie (das Schließen von äußeren Merkmalen auf das Wesen eines Menschen) im Analogieschluss auf die Wahrnehmung von Kunstwerken angewendet (eine heute umstrittene Sichtweise). [AdÜ.)
21 Simone de Beauvoir (1908-1986). »The ideal of happiness has always taken material form in the house, whether cottage or castle. It stands for permanence and separa-tion from the world. « Simone de Beauvoir, The Second Sex (1953), New York 1989,
S. 501. Dt. etwa: »Das Ideal des Glücks hat sich stets im Haus materialisiert, ob nun Hütte oder Schloss. Es steht für die Trennung von der Welt. « [AdU.]
22 Arthur Koestler (1905-1983) wandte sich bereits 1937 vom Kommunismus (Mar-xismus) ab. Dass er Vorbehalte gegen die Fixierung aufs »Glück« hatte, ist zwar atmosphärisch greifbar; einen hier passenden knappen Satz habe ich nicht gefunden.
Am ehesten vielleicht diesen: »I think most historians will agree that the part played by impulses of selfish, individual aggression in the holocausts of history was small; first and foremost, the slaughter was meant as an offering to the gods, to king and country, or the future happiness of mankind. The crimes of Caligula shrink to insignificance compared to the havoc wrought by Torquemada. The number of victims of robbers, highwaymen, rapists, gangsters and other criminals at any period of history is negligi-ble compared to the massive numbers of those cheerfully slain in the name of the true religion, just policy, or correct ideology.« Arthur Koestler, The Ghost in the Machine
(1967), New York 1968, S. 2 34. Dt. etwa: »Ich glaube, die meisten Historiker werden zustimmen, dass Impulse eigensüchtiger, individueller Aggression in den Holocausts der Geschichte eine nur untergeordnete Rolle spielten; zuerst und meist war die Schlächterei gedacht als ein Opfer an die Götter, an Krone und Land oder an das zukünftige Glück der Menschheit. Die Verbrechen von Caligula schrumpfen zur Bedeutungslosigkeit angesichts des Wütens von Torquemada. Die Zahl der Opfer von Räubern, Wegelagerern, Vergewaltigern, Gangstern und anderen Verbrechern kann zu jeder Zeit vernachlässigt werden gegenüber den Massen, die mit Hurra im Namen der wahren Religion, der gerechten Politik oder der korrekten Ideologie niedergemetzelt wurden.« [AdU.]
23 William James (1842-1910), amerikanischer Philosoph (Begründer des Pragma-tismus). Die Vielfalt religiöser Erfahrung (1902), Frankfurt/M. 1997; die Kapitel 9 und to handeln von der Psychologie der Konversion. | Edward Harold Begbie (1871-
1929), englischer Schriftsteller. Über Konversionen berichtet er in: Twice-born Men
(1909), Reprint o. O. 2009. [AdÜ.]
24 Lukas 22:42. »Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.« [AdÜ.]
25 H.L. (Henry Louis) Mencken (1880-1956). In den USA einer der einflussreichsten Satiriker und Verteidiger der Bürgerrechte des 20. Jahrhunderts; u. a. übersetzte und publizierte er 1920 Friedrich Nietzsches Werk »Der Antichrist« (1895). (AdÜ.]
26 Andreas Angyal (1902-1960), ungarisch-amerikanischer holistischer Psychiater, der das Wort » Biosphäre « geprägt hat. [AdÜ.]
27 Einige begriffliche Möglichkeiten: Alleinheit. Allseitige Verbundenheit. Die Eins-oder Einwerdung. Mystische Hochzeit. Unio Mystica. [AdÜ.]
28 Erstveröffentlichung 1964. - Weder der ursprüngliche Text noch das Vorwort benutzt eine heute politisch korrekte »geschlechtergerechte« Sprache. Ein rückwärtiges Gendermainstreaming durch die Ubersetzung stellte eine unzumutbare Verfälschung dar. Allerdings ist die deutsche »Person « anders als der englische »person « glücklicherweise ein Femininum. [AdÜ.]
29 Ich halte es für nützlich, die subjektive und natürliche religiöse Erfahrung zu unterscheiden von den Haltungen der institutionalisierten, konventionellen, organisierten Religionen und den Erfahrungen mit ihnen, indem ich jene mit kleinem »r«, diese mit großem »R« schreibe. [Im Deutschen setze ich die von Maslow groß geschriebene »Religion « in Anführungszeichen. Er benutzt diese Konvention allerdings nur im Vorwort, nicht im Haupttext. AdU.]
30 » apollinisch« (Adjektivierung des griechischen Gottes Apollon) steht für Form und Ordnung. Gegensatz: »dionysisch « (Adjektivierung des griechischen Gottes Dionysos) für die Rauschhaftigkeit und einen alle Formen sprengenden Schöpfungs-drang. [AdÜ.]
31 George Bernard Shaw (1856-1950) war ein irisch-britischer Dramatiker und Pazi-fist, 1925 Nobelpreis für Literatur: Saint Joan, de. Die heilige Johanna, 1923. Dieses Stück über Jeanne d'Arc (1412-1431) stellt auf einer Metaebene auch die Frage nach der Echtheit der Visionen von Johanna; ihre Verfolger sind nicht schlechthin böse.
»Es gibt keine Schurken in dem Stück«, sagte Shaw selbst. [AdU.]
32 »turning on « nach dem Slogan der psychedelischen Zeit um 1967 von Timothy Leary (1920-1996): »Turn on, tune in, drop out« (etwa: » [lass' dich] anheizen, einreihen [in die Subkultur], aussteigen [aus der etablierten Gesellschaft]«). [AdU.]
33 Die Unterscheidung geht auf Friedrich Nietzsche zurück: » Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik « (1872); » apollinisch « (Adjektivierung des griechischen Gottes Apollon) stcht für Form und Ordnung, » dionysisch « (Adjektivierung des griechischen Gottes Dionysos) für Rauschhaftigkeit und einen alle Formen sprengenden
Schöpfungsdrang. [AdÜ.]
34 Collin Wilsons Serie »Outsider« [1956] liefert alle notwendigen Illustrationen.
[Eine Serie von existentialistisch inspirierten Porträts führender Schriftsteller der Zeit; Thema ist die Frage nach der Entfremdung. Dt. Der Outsider: Eine Diagnose des Menschen unserer Zeit, Stuttgart 1957. AdU.]
35 Original: »The same sort of thing is true for the relations between experimentia-lism and social reform. « » Experimentialism « ist ein Fachwort der Erkenntnistheorie und steht für erfahrungs-basiertes Wissen, im Wesentlichen synonym für den Empi-rismus. Aber weder jedwede Erfahrung noch Empirismus stehen im Gegensatz zu sozialen Reformen. Weiter unten in dem Abschnitt benutzt Maslow die Begriffe » self-aktualizing« (Selbstverwirklichung) und »self-improvement« (selbstgesteuertes Wachstum), die auch für das Verständnis des Wortes »experimentialism« an dieser Stelle den Kontext abgeben. (AdÜ.]
36 Bodhisattva: Ein werdender Buddha, der den Schritt in die letzte Vollkommenheit hinauszögert, um auch Anderen zur Erleuchtung zu verhelfen. [AdU.]
37 Erste Auflage 1954. [AdU.]
38 Zahlen in Klammern beziehen sich auf die Bibliografie. [S. 173 ff.]
39 »small r religion«. [AdU.]
40 Siche meine »Theory of Metamotivation: The Biological Rooting of the Value-Life«, in: Journal of Humanistic Psychology, 1967, VII, S. 93-127.
41 Die X-Y-Managementlehre geht auf Douglas McGregor (1960) zurück. Die X-Theorie besagt, Mitarbeiter seien unwillig; die von ihm favorisierte Y-Theorie geht davon aus, Mitarbeiter seien engagiert. [AdU.]
42 T(rainings)-Gruppen, Kernelement der Gruppendynamik. [AdU.]
43 Encounter-Gruppen: Begegnungsform in der Gruppentherapie und Selbsterfahrung nach Victor Frankl und Carl Rogers. [AdU.]
44 Selbsthilfeorganisation von Drogenabhängigen, ab 1958. 1975 erklärte sich die Organisation zur Kirche. 1991 hat sie ihre Aktivitäten eingestellt. Die deutsche Syna-non-Stiftung existiert weiter. [AdÜ.]
45 Siehe die Auflistung des Eupsychian Network, im Anhang der überarbeiteten Auflage (1968) meines Buches »Toward a Psychology of Being« (70).
46 Wie sich diese Art, Fragen zu stellen, auswirkt, siehe mein Buch » Eupsychian Man-agement: A Journal«, 1965 (69) und mein Papier » Some Fundamental Questions that Face the Normative Social Psychologist«, in: Journal of Humanistic Psychology, 1968, VIII.
47 »nadir-experiences«. Nadir: (Astronomischer) Fußpunkt, dem Zenit gegenüberliegender Punkt an der Himmelkugel. [AdÜ.]
48 Begriff von Stanislav Grof, Verbindung von »psychedelisch « und »psychoanaly-tisch «; substanz-unterstützte Psychotherapie. [AdÜ.]
49 Stanislav Grof, Psychotherapeut und Psychiater, der psychedelische (bewusstseins-verändernde) Drogen wie LSD zur Therapie nutzt und sich mit Geburts- und Nah-toderfahrungen auseinandersetzt. Begründer der transpersonalen Psychotherapie, die auch spirituelle Aspekte in die Therapie einbezieht. [AdÜ.] so »plateau-experiences«. Diesen Begriff konnte Maslow aufgrund seines plötzlichen Todes kurz nach dem Schreiben dieses Vorwortes nicht mehr weiter ausführen. Vgl.
Scott Buckler, The Plateau Experience: Maslow's Unfinished Therapy, Saarbrücken
2011: Lambert. [AdU.]
51 »the Unitive« ist ein Begriff, der in der englischsprachigen christlichen Mystik benutzt wird und von dem körperpsychotherapeutischen Ansatz nach Jay Stattman.
[AdÜ.]
52 Original » B-values«, abgeleitet von » the Being«; der von Maslow geprägte Begriff (»Toward a Psychology of Being«, 1962) umfasst Wholeness (Ganzheit), Perfektion, Completion (Vollständigkeit), Justice (Gerechtigkeit), Aliveness (Lebendigkeit), Richness (Reichtum), Simplicity (Einfachheit), Beauty (Schönheit), Goodness (Güte), Uniqueness (Einzigartigkeit), Effortlessness (Leichtigkeit), Truth (Wahrheit) und Self
Sufficiency (Selbstgenügsamkeit). Vgl. Auch Anhang G. [AdÜ.]
53 »noetic« (noetisch); von gr. noetos, geistig wahrnehmbar. Heute eher für den Bereich des Übersinnlichen bzw. Grenzwissenschaftlichen benutzt. Wenn » noetic« und
»cognitive« hier als Synonyme, also nicht als Aufzählung verstanden werden, ist eine solche Bedeutung ausgeschlossen. [AdU.]
54 Jean Paul Sartre (1905-1980). Eine charakteristische Formulierung von 1944:
»der Mensch muß sich sein eigenes Wesen schaffen « (l'homme doit se créer sa propre essence) in: Der Existentialismus ist ein Humanismus und andere philosophische Essays, Reinbek 2012, S. 116. [AdU.]
55 Leser, die speziell daran interessiert sind, die Entwicklungen der Ideen in diesem Buch weiterzuverfolgen, mögen das 1969 neu gegründete »Journal of Transpersonal
Psychology« oder die ältere Wochenzeitschrift »Manas« zu Rate ziehen.
§6 Supreme Court Decisions Engel v. Vitale (1962) und Abington School District v.
Schempp (1963). Rechtsgrundlage ist die verfassungsmäßig vorgeschriebene Trennung von Kirche und Staat. [AdÜ.]
37 Leider konnte auch ich nicht herausfinden, um welche Organisation es sich han-delte, Stellvertretend sei der Kongressabgeordnete John Bell Williams, Mississippi, zi-fiert: Die Entscheidung des Verfassungsgerichts 1962, keine offiziellen Schulgebete mehr zuzulassen, sei »eine offensichtliche und genau geplante Verschwörung, spirituelle Werte durch Materialismus zu ersetzen «. Zit. n. Robert S. Alley, School Prayer: the Court, the Congress, and the First Amendment, Amherst 1994, S. 109. [AdÜ.)
58 Da Maslow, wie sich noch zeigen wird, stark mit einer, wie er es nennt, »taoisti-schen « Konzeption der Seins-[B(eing)-]Erkenntnis als Nichteinmischung ((Natur-)
Beobachtung im Gegensatz zur Intervenierenden und Verändernden [Natur-] Wis-senschaft) argumentiert, habe ich »reality« und »real«, wo es möglich war, nicht wie üblich mit der Begriffsbildung von Meister Eckhart »Wirklichkeit « und » wirklich« übersetzt, sondern mit den Lehnworten » Realität« und » real«, die stärker darauf re-kurrieren, dass das Erkannte ein Zustand ist. [AdÜ.]
59 In welchem Verhältnis Maslows Ansatz zum aufklärerischen Programm der natürlichen oder vernunftbegründeten Religion, sei es in der Version Rousseaus, sei es in derjenigen Kants, steht, bliebe zu untersuchen. [AdÜ.]
60 Tatsächlich ist diese Identifizierung so tief in die englische Sprache eingebaut, dass es fast unmöglich ist, von einem »spirituellen Leben« zu sprechen (eine für einen Wissenschaftler, speziell Psychologen, » ungehörige « Formulierung), ohne das Vokabular traditioneller Religion zu benutzen. Es gibt halt bis jetzt noch keine andere, angemessene Sprache dafür. Ein Blick in ein Wörterbuch wird davon schnell überzeu-gen. Das stellt einen Autor, der zeigen will, dass die gemeinsame Grundlage aller Religionen menschlich, natürlich, empirisch sei und dass die sogenannten spirituellen Werte auch aus der Natur abgeleitet werden können, vor ein nahezu unlösbares Pro-blem. Aber mir steht für diese » wissenschaftliche « Aufgabe nur die theistische Sprache zur Verfügung. - Vielleicht kann ich dieser terminologischen Schwierigkeit auf anderem Weg entkommen. Wenn man die Worte » sakral«, »göttlich«, »heilig«,
»Gottes Wille«, »Sünde«, »Gebet«, »Pflicht«, »Dank«, »Gottesdienst«,
»fromm«, »Rettung« und »Ehrerbietung« nachschlägt, wird einem das Wörterbuch in den meisten Fällen klar machen, dass sie sich in übernatürlicher Weise auf einen Gott oder eine Religion beziehen. Was ich nun sagen will, ist, dass jedes einzelne dieser Worte und viele andere » religiösen « Begriffe von vielen nicht-theistischen Menschen benutzt wurden, die versucht haben, mir zu beschreiben, was ihnen subjektiv bei (im üblichen Sinne) » nicht-religiösen « Gipfelerlebnissen widerfahren sei.
Es sind die einzigen Worte zur Beschreibung gewisser Geschehnisse in der natürlichen Welt. Dieses Vokabular ist die Sprache einer Theorie, die Menschen über diese subjektiven Geschehnisse gehabt haben, eine Theorie, die nun nicht mehr notwendig ist.
Darum werde ich diese Worte benutzen, da mir keine anderen zu Gebote stehen, um auf subjektive, menschliche Geschehnisse hinzudeuten, ohne damit notwendig etwas Übernatürliches zu meinen. Es ist nicht notwendig, behaupte ich, Prinzipien außerhalb der Natur und der menschlichen Natur anzurufen, um diese Erfahrungen zu er-
klären.
61 Dies ist eine besonders seltsame Behauptung in diesem Zusammenhang, weil menschliches Verhalten ja vielfach in einer Verdrängung von Motiven, Emotionen und Impulsen besteht. Das heißt, es stellt genauso oft einen Weg dar, sie zu bremsen und zu verbergen, wie einer, um sie auszudrücken. Vielfach dient Verhalten als Mittel, den offenen Ausdruck von allem, worüber ich rede, zu verhindern, genauso wie es bei gesprochener Sprache der Fall sein kann. Wie lässt sich demnach die rasante Verbreitung der theoriefixierten, sektiererischen und fragwürdigen Bezeichnung »Verhal-tenswissenschaften « erklären? Zugegebenermaßen kann ich es nicht.
62 Zahlen in Klammern verweisen auf die Bibliografie. [S. 173 ff.]
63 Nach Freud die Umwandlung oder Umlenkung von Triebwünschen in eine geistige Leistung oder kulturell anerkannte Verhaltensweise. [AdU.]
64 Matthew Arnold (1822-1888), englischer Kulturkritiker. Das Zitat stammt aus dem Vorwort zu »Literature and Dogma« (1873). [AdU.]
65 »humanities«. [AdÜ.]
66 Wobei dies nicht dem Selbstverständnis des Nationalsozialismus entspricht, da er einen explizit wertgeladenen Wissenschaftsbegriff zugrunde legte. [AdÜ.]
67 1951. Dt. Das große Verschwinden (1954). Eines Morgens wacht die Menschheit auf und stellt fest, dass alle Vertreter des jeweils anderen Geschlechts verschwunden sind (Frauen erwachen in einer Welt ohne Männer und umgekehrt). [AdÜ.]
68 » Liebe ist ein Akt des Glaubens.« (Love is an act offaith.) Erich Fromm, zit, nach Josef Lüttig (Hg.), Caritatives Handeln, Münster 1999, S. 18. [AdÜ.]
69 Nach der ironischen Wendung von Mark Twain: »There are those who scoff at the schoolboy, calling him frivolous and shallow: Yet it was the schoolboy who said » Faith is believing what you know ain't so.‹« (Es gibt ja Leute, die sich über Schuljungen lustig machen. Dabei war es ein Schuljunge, der sagte: »Glaube heißt dran glauben, was nicht so is.«) Following the Equator (1897), Kapitel 12. [AdU.]
70 Matthäus 22, 2 1: » So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.« (Einheitsübersetzung.) [AdÜ.]
71 Original: »B-«. Das »B « steht bei Maslow stets für » Being« (Sein). [AdÜ.]
72 »unconditional positive regard«. - In »On Becoming A Person« (Boston: 1961,
S. 283f) schreibt Carl Rogers den Begriff Stanley Standal (1954) zu. [AdÜ.]
73 Wenn wir unsere Analyse nach dem Erfolg, die Gipfelerlebnisse entdeckt und ihre allgemeine Verbreitung gezeigt zu haben, weiter treiben wollen, sollten wir her-ausfinden, dass es auch »spezifische« Faktoren in den Gipfelerlebnissen gibt, die sie voneinander in gewissem Umfang unterscheiden. Diese Beziehung des Spezifischen zum Allgemeinen ist die von Figur zu Grund. Sie verhält sich so wie die von Charles Spearman [1863-1945] bezüglich der Intelligenz beschriebenen »g-« zu »s-Fakto-ren «. Hier diskutiere ich nicht die s-Faktoren, weil der g-Faktor für das gegebene Problem und in diesem Stadium der Entwicklung bedeutsamer ist. [g-Faktor: General-faktor, allgemeine Intelligenz; -Faktor: von g relativ unabhängige spezifische Intelli-genzleistungen wie verbale Fertigkeiten und räumliche Vorstellungskraft. AdU.)
74 In diesem oder dem nächsten Kapitel habe ich mich nicht bemüht, einen Ausgleich herzustellen, indem ich auf die Tugenden und die unvermeidliche Notwendigkeit von Organisationen und Organisatoren eingehe. Darüber habe ich anderswo geschrieben
(69).
75 »punch card«. Lochkarten waren frühe Datenträger aus Spezialpapier, auf denen von 1884 bis in die 1980er Jahre Daten durch einen maschinenlesbaren Lochcode abgebildet wurden. [AdÜ.]
76 »non-peakers«. [AdU.]
77 Deutsch im Original. [AdÜ.]
78 Fjodor Dostojewski (1821-1881), » Der Großinquisitor« (fünftes Buch im Roman
»Die Brüder Karamasow«, 1881; Frankfurt/M. 2003). »Jesus kehrt ins Sevilla des
16. Jahrhunderts zurück, spricht zwar nicht (denn alles, was zu sagen sei, hat er natürlich schon beim ersten Mal gesagt), wird von den Menschen gleichwohl erkannt und daraufhin durch die Inquisition verhaftet. Der Großinquisitor eröffnet Jesus nun frei-mütig, dass dessen Forderung nach freiwilliger Gefolgschaft und dessen Ablehnung von Gewalt den Grundstein für politische Anarchie und religiösen Atheismus lege, und verurteilt ihn, den Begründer der vom Großinquisitor mit Gewalt verteidigten Religion, in Konsequenz zum Tode: ›Du bist nicht vom Kreuz herabgestiegen als man Dir voll Spott und Hohn zurief: Steige herab vom Kreuz, und wir werden glau-ben, dass Du es bist. Du bist deshalb nicht vom Kreuz herabgestiegen, weil Du auch hier wieder den Menschen nicht durch ein Wunder knechten wolltest und weil Dich nach seinem freien Glauben verlangte, nicht nach einem Wunderglauben. Dich verlangte nach Liebe aus freiem Willen, nicht nach knechtischem Entzücken der Unfreien vor der Macht, die ihnen ein für allemal Schrecken eingeflößt hat. Aber hier hast Du die Menschen zu hoch eingeschätzt, denn sie sind natürlich Sklaven, wenn auch zu Aufrührern geschaffene. | Morgen wirst Du diese folgsame Herde sehen, die auf meinen Wink hin herbeistürzen wird, um die glühenden Kohlen des Scheiterhaufens zu schüren, auf dem ich Dich verbrennen werde, weil du gekommen bist, um uns zu stören. Denn wenn einer mehr als alle anderen unseren Scheiterhaufen verdient hat, dann bist das Du. Morgen werde ich dich verbrennen. Ich habe gesprochen.‹«
Zit. n. Stefan Blankertz, Minimalinvasiv, Berlin 2012, S. 41f. [AdU.]
79 Zumindest Ritualen und Zeremonien weist Maslow in Anhang I wohlgemerkt
dann doch eine überragende soziale Rolle zu. [AdU.]
8o Die Begriffe »conservative« und »liberal« sind in der us-amerikanischen Politik anders als in der deutschen besetzt; »conservatives« entsprechen eher den Liberalen bei uns, »liberals« eher unseren Sozialdemokraten. [AdÜ.]
81 Das seltene »religionize« und das sehr seltene »dereligionize« sind Parallelbil-dungen zu » säkularisieren«; die Worte stehen bei Maslow meist in »Anführungs-strichen«. Die deutschen Entsprechungen sind noch seltener in Gebrauch, jedoch vereinzelt auch nachweisbar. [AdÜ.]
82 Paul Tillich (1886-1965), Die verlorene Dimension, Hamburg 1962, S. 23 »Die Religion ist keine spezielle Funktion, sie ist die Dimension der Tiefe in allen Funktionen des menschlichen Geisteslebens.« [AdU.]
83 Original: » B-cognition «, » Being-cognition«, ein von Maslow geprägter Begriff für
»ganzheitliches « (holistisches) Wahrnehmen oder Erkennen; Gegensatz: »D- cogni-tion«, »Deficiency-cognition «, Wahrnehmen oder Erkennen des Fehlers, des Defizits.
Vgl. Anhang G und I. [AdÜ.]
84 Maslow verwendet die Begriffe »mean« (Mittel, Weg, Instrument) und »end« (Zweck, Ziel) anders als in der esoterischen Formulierung »der Weg ist das Ziel«, eher in der Weise von Max Horkheimers »Kritik der instrumentellen Vernunft«
(1967), das heißt mit positiver Ladung auf Ziele und Werte. Das eher negativ konno-tierte deutsche Wort »Zweckorientierung« habe ich dort, wo es besser passte, für
»means oriented activities « benutzt. [AdÜ.]
8s Gerade bin ich auf eine ähnliche Aussage in Jungs Autobiografie (35) gestoßen. Er-innerungen, Träume, Gedanken von C. G. Jung (1961), Düsseldorf 2003: » Als die Erz-sünde des Glaubens erschien mir die Tatsache, daß er der Erfahrung vorgriff. | Meine Überzeugung, daß hier einzig die Erfahrung entscheiden könne, verstärkte sich immer mehr.« S. 99 | ros. »Ich bin mir natürlich bewußt, daß die Theologen in einer schwierigeren Lage sind als andere. Einerseits sind sie dem Religiösen näher, andererseits aber auch enger gebunden durch die Kirche und das Dogma. « S. 147. (Ich hof-fe, wir sind uns alle bewusst, dass es leichter fällt, außerhalb einer Organisation
»rein « zu bleiben, ob sie nun religiös, politisch, ökonomisch oder, in diesem Sinne, wissenschaftlich ist. Und dennoch können wir auf Organisation nicht verzichten.
Vielleicht erfinden wir eines Tages Organisationen, die nicht » einfrieren «?)
86 Das ganze erste Kapitel »Religion Versus the Religious« (und speziell die beiden letzten Abschnitte) von John Deweys »A Common Faith« [1934] sind für dieses Kapitel hier relevant. Tatsächlich sollte das ganze Buch Deweys von jedem gelesen werden, der an meinen Thesen interessiert ist. [Dt. in: Erfahrung, Erkenntnis und Wert, Frankfurt/M. 2004. AdU.]
87 Durchgesetzt hat sich die Bezeichnung » Humanistische Psychologie«. [AdÜ.]
88 Beispielsweise verdeutlichen meine Studien zu » selbstverwirklichten Menschen« (self-actualizing people), also voll entwickelten Menschen, dass menschliche Wesen im besten Fall aufgrund ihrer ganz eigenen Natur viel bewunderungswürdiger (gött-licher, heroischer, größer, erhabener, ehrfürchtiger, liebenswerter usw.) sind, als es je zuvor verstanden wurde. Es gibt keinen Grund für einen nicht-natürlichen Einfluss, um Heiligkeit, Heldenmut, Altruismus, Transzendenz, Kreativität usw. zu erklären.
Die Geschichte über wurde die menschliche Natur verkürzt, weil unbekannt war, wie weit die höheren Möglichkeiten des Menschen sich entwickeln können, wenn ihnen das erlaubt wird.
89 Vgl. die Ausgabe vom Februar 1950 des »Partisan Review « über » Religion and the Intellectuals«. Vgl. auch Franklin L. Baumer, Religion and the Rise of Skepticism (New
York: Harcourt, Brace & Co., 1960).
90 Fehlende oder schwache soziale Normen, Regeln und Ordnung. Ein Begriff von Émile Durkheim (in Anlehnung an Jean Marie Guyau). Der Rückgang religiöser Normen und Werte führe unweigerlich zu Störungen und zur Verringerung sozialer Ordnung (Gesetz- und Regellosigkeit), die gesellschaftliche Integration sei nicht länger gewährleistet. Beim Individuum müsse das zu Angst und Unzufriedenheit führen.
[AdÜ.]
91 Unfähigkeit, Freude und Lust zu empfinden. Der Begriff von Théodule Ribot. Ab den 1960er Jahren durch Sándor Rad6, Paul E. Mechl, Loren J. Chapman, Michael
Mishlove u. a. aufgenommen. [AdU.]
92 Irvin D. Yalom. [AdU.]
93 » common faith«. Wörtlich: gemeinsamer oder allgemeiner Glaube; m. E. ein Wortspiel mit » common sense«, was im Deutschen meist mit »gesunder Menschen-verstand « oder » (individuelle) Vernunft « übersetzt wird. Dewey stellt sich damit in die Tradition aufklärerischer religiöser Konzeptionen, von denen nur Rousseau und Kant genannt sein sollen, auf die Maslow in diesen Essays nicht näher eingeht. [Adü.]
94 Die Formulierung »humanistic faith« konnte ich bei Fromm nicht auffinden, stattdessen »faith in humanistic ethics« (in »Man for Himself«, 1947, dt. Den Men-schen verstehen). [AdU.]
95 Das Zitat lautet allerdings nicht » now is the point ...«, sondern »Jesus marks the point ...«. Das Original ist aus: Clue to History, London 1938, S. 5s. John Macmurray,
1891-1976, schottischer Philosoph. (Meist wird er mit kleinem » m « in der Mitte ge-schrieben.) [AdU.]
96 Der englische Originaltitel des Buches lautet »A Year of Grace«. Es handelt sich um eine Sammlung von Zitaten zum Thema Spiritualität. - Dort ist das Macmurray-Zitat richtig wiedergegeben. (AdÜ.]
97 1948 bis 1988 geschrieben und herausgegeben von Henry Geiger. [AdU.]
98 Das Wort »liberal« setzt Maslow hier selber in Anführungszeichen. Durchgängig ist für den deutschen Leser zu beachten, dass im Kontext der USA » liberal« nicht auf den klassischen Liberalismus verweist, sondern auf eine Haltung, die in Europa eher als Mischung aus » sozialtechnokratisch « und » sozialdemokratisch « zu bezeichnen wäre. [AdÜ.]
99 Original: »B-«, es steht bei Maslow stets für » Being« (Sein). [AdU.]
100 Es sollte bemerkt werden (weil es meiner These widersprechen könnte), dass diese generelle Kritik an der »liberalen Religion « auch auf die Quäker zutrifft, obwohl sie sich ursprünglich auf das Prinzip der inneren, persönlichen, quasi-mystischen Erfahrung stützten. Heute tendieren auch sie dazu, nur Apollinisch zu sein und keinen anerkannten Platz für das Dionysische zu haben, für das » warme « ebenso wie für das
»kühle«. Auch sie sind rational, » einfach«, nüchtern und zurückhaltend und übergehen Dunkelheit, Wildheit und Verrücktheit, zögern anscheinend, orgiastische Emotionen aufzurühren. Auch sie schufen sich eine Philosophie der Güte, die keinen systematischen Platz für das Böse einräumt. Noch haben sie Freud und Jung nicht in ihr Fundament aufgenommen, noch haben sie nicht entdeckt, dass aus der Tiefe des personalen Unbewussten Freude, Liebe, Kreativität, Spiel und Humor ebenso quellen wie gefährliche und verrückte Impulse. Weil ich über die » Freunde« [Selbstbezeich-nung der Quäker, AdÜ.] nicht viel weiß, weiß ich nicht, warum das so ist. Gewiss nicht wegen einer großen Nähe zur Wissenschaft des 19. Jahrhunderts.
101 Ontopsychologie (»Psychologie des Seins«) wird heute mit dem Ansatz des italienischen Psychologen Antonio Meneghetti (1936-2013) verbunden, der ihn 1971, also nach dem Tod von Maslow, formuliert hat. Worauf Maslow hier anspielt, ist nicht klar. [AdU.]
102 Jemand sagte mal, heimisch fühle er sich »weder in der kacholischen Lösung des religiösen Problems noch in der rationalistischen Auflösung des Problems «. Die »Li-beralen «, die die Illusion eines nach dem menschlichen Vater geformten Gottes aufgegeben haben, die gegen einen Wünsche erfüllenden Gott rebellieren, gegen eine Kirchenhierarchie mit machtpolitischen Absichten, gegen funktional autonome Dogmen und Rituale, haben damit ziemlich unnötig auch den wahren und tiefen und notwendigen Sinn aller » seriöser « Humanisten und humanistischen Religionen auf-gegeben: Überwindung der Begrenzungen eines in sich selbst begrenzten Ego, hat-monische Verbundenheit mit dem Kosmos, Entfaltung aller Möglichkeiten des Menschseins usw. (Dem achtsamen Gelehrten, der an schlagkräftigen Antworten auf die gleichen Fragen interessiert ist, empfehle ich die Lektüre des Transzendentalismus aus Neu England und dessen Beziehungen zum Unitarismus.)
103 Dass Maslow nicht vermerkt, dieser Ausschluss sei bereits im Bilderverbot der jüdischen Bibel enthalten, könnte ein Anzeichen dafür sein, wie weit er sich selber schon von religiöser Tradition entfernt hat. [AdÜ.]
104 Die Wortfolge »concern with ultimate concerns« konnte ich bei Paul Tillich
(1886-1965) nicht auffinden; sie scheint Maslows eigene Paraphrase von »Religion is the state of being grasped by an ultimate concern« zu sein. [AdU.]
105 »extra-sensory perception «, außerkörperliche Wahrnehmung. [AdÜ.]
106 »education«. [AdÜ.]
107 »educators«; der Begriff umfasst ein breites Spektrum: sowohl Kindergärtner, Lehrer, Eltern, Jugendbetreuer als auch Erziehungswissenschaftler. (AdU.]
108 »liberal education «. [AdÜ.]
109 Gordon Allport (1897-1967), amerikanischer Psychologe und Mitbegründer der humanistischen Psychologie. In der Theorie der funktionalen Autonomie geht es da-rum, dass gegenwärtige Verhaltensmotive von ihren biografischen Ursprungsmotiven oder Trieben unabhängig werden können (und widerspricht damit sowohl der Psychoanalyse als auch dem Behaviorismus). Allport verwendet den Begriff allerdings - anders als Maslow hier - positiv als Kennzeichen von Reife. [AdU.]
110 »liberal arts«. [AdÜ.]
111 »Ist das nicht schade: Meine Tochter hat nur zwei Jahre gemacht und verlässt die Uni, bevor ihre Bildung abgeschlossen ist.«
112 Professor Pangloss würde hocherfreut sein von der Tatsache, dass scheint's alles menschliche Wissen sich in genau drei zeitgleiche Einheiten teilen lässt wie eine Man-darine. [Pangloss ist die Figur des besserwisserischen Lehrers in Voltaires »Candide«
(1776). AdU.]
113 »Kein Mensch kann sich gebildet [educated] nennen, der die Ilias (oder das Ver-fassungsrecht, Chemie, deskriptive Geometrie usw. usw.) nicht kennt.« Zu diesem Thema: Ein College, zu dem ich gegangen bin, verleiht an Studenten, die nicht schwimmen können, keinen Abschluss. Ein anderes verlangte, dass ich den Anfänger-schreibkurs belege, obwohl ich schon Artikel veröffentlicht hatte. - Die Politik der Universitäten ist einfältig genug, um uns mit mehr Beispielen zu bestücken, als wir brauchen.
114 Dieses populäre Zitat (»I'm lost, but I'm making record time.«) wird Allan Lam-port (1903-1999) zugeschrieben, einem Lokalpolitiker in Toronto. Alternativ (und seltener) » einem [anonymen] Testpiloten, irgendwo über dem Pazifik«. [AdÜ.]
115 das Geheimnis, das erzittern lässt. - Begriff des evangelischen Theologen Rudolf
Otto (1869-1937). [AdU.]
116 Die Vorstellung von Gott als erstem unbewegten Beweger geht auf Aristoteles zu-rück. [AdÜ.]
117 Baumer (6) spricht von solchen Leuten, die man »genau daran erkennen kann, dass die fundamentalen Fragen von solchen wahrhaften Säkularisten nicht mehr ge stellt werden« (S. 234).
118 http://www.manasjournal.org/pdf_library/VolumeXVI_1963/XVI-29.pdf, S.3.
Autor ist Henry Geiger (1908-1989). [AdÜ.]
119 Deutsch im Original.
120 In Anlehnung ans Lateinische hat der englische Freud-Übersetzer James Strachey dort, wo Freud über das Ich sprach, »ego« gesetzt und über diesen Umweg ist der Begriff ins Deutsche gekommen. Wenn Maslow ihn hier benutzt, zeigt er damit, dass er im psychoanalytischen (und nicht philosophischen oder religionsgeschichtlichen) Rahmen argumentiert. Darum habe ich nicht mit »Ich « zurückübersetzt. (AdÜ.]
121 Diesem »einerseits« (for one thing) folgt im Text kein » andererseits«. [AdU.]
122 Dies gilt gewiss nicht für die antike Götterwelt sowenig wie für die anderen polytheistischen Religionen, die Maslow offensichtlich nicht berücksichtigt. Der Plural
»gods« umfasst hier wohl eher die verschiedenen monotheistischen Auffassungen.
[AdÜ.]
123 Aus Abraham Maslow, Toward a Psychology of Being, Princeton 1962. [Dt. Psychologie des Seins: Ein Entwurf, München 1973. Ergänzung der Übersetzerin.]
124 »comprehensive theories « sind die Theorien, die versuchen, alle ein betreffendes Thema umfassenden Aspekte in einer komplexen Theorie auf hohem Abstraktions-niveau zu erfassen; der Begriff steht in Abgrenzung zu den »middle range theories« (Theorien mittlerer Reichweite) und Ad-hoc-Theorien. [AdÜ.]
125 »ego psychology« ist ein Begriff, der besonders mit Anna Freud assoziiert wird
[AdO.]
126 Herbert Marcuse (1898-1979), Soziologe, der Psychoanalyse und Marxismus miteinander verband Protagonist der internationalen Studentenbewegung in den
1960er Jahre. [AdU.]
127 Allen Wheelis (1916-2007), Psychoanalytiker und Autor. [AdÜ.]
128 Erik H. Erikson (1902-1994), Neofreudianer, Entwicklungspsychologe. [AdÜ.]
129 Judd Marmor (1910-2003), Psychiater und Psychoanalytiker; führend dabei, Homosexualität aus dem Katalog psychischer Erkrankungen zu streichen. (AdÜ]
130 Thomas Szasz (1920-2012), Psychiater und Psychoanalytiker; führender Kritiker der entmündigenden Strukturen in der staatlichen Psychiatrie. (AdÜ.]
131 Norman O. Brown (1913-2002), marxistisch und psychoanalytisch orientierter
Literaturwissenschaftler. [AdU.]
132 Helen M. Lynd (1886-1982), Sozialpsychologin. [AdU.]
133 Ernest G. Schachtel (1903-1975), Psychoanalytiker. [AdÜ.]
134 Kurt Goldstein (1878-1965), Gestaltpsychologe und Neurologe. [AdÜ.]
135 Kurt Lewin (1890-1947), Gestaltpsychologe und Soziologe; hat den Feldbegriff aus der Naturwissenschaft in die Sozialwissenschaften übertragen. [AdU.]
136 »general semantics« ist keine Linguistik, vielmehr ein auf Alfred Korzybiski
(1879-1950) zurückgehender Begriff. Korzybiski entwickelte eine Sprachtheorie, der-zufolge die Sprache die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern wie eine Art Landkarte nachbildet; diese Theorie beeinflusste eine Vielzahl von psychotherapeutischen Richtungen u.a. Transaktionsanalyse, Systemische Therapie sowie das Neurolinguistische
Programmieren. (AdU.]
137 Gordon Allport (1897-1967), Sozialpsychologe. [AdU.]
138 Gardner Murphy (1895-1979), Psychologe. [AdÜ.]
139 Jacob Levy Moreno (1889-1974), Begründer des Psychodramas. [AdU.]
140 Henry Alexander Murray (1893-1988), Motivationsforscher. [AdU.]
141 Herausgegeben seit 1940 von der amerikanischen Adler-Gesellschaft. (AdÜ.]
142 1941 begründet von Karen Horney. [AdU.]
143 1961-1969, herausgegeben von Adrian van Kaam. 1972 neubegründet, herausgegeben von Keith Hoeller. [AdÜ.]
144 1961 begründet von Abraham Maslow und Anthony Sutich. [AdÜ.]
145 1948 bis 1988 herausgegeben von Henry Geiger. [AdÜ.]
146 s.o. (Anm. 137). [AdU.]
147 Andras Angyal (1902-1960), holistischer Psychologe. (AdU.]
148 Salomon Asch (1907-1992), Gestaltpsychologe. [AdU.]
149 Karl (1879-1963) oder Charlotte Bühler (1893-1974), beide waren sie Gestalt-psychologen. [AdU.]
150 Erich Fromm (1900-1980), ein psychoanalytisch orientierter Sozialpsychologe.
[AdU.]
151 s.o. (Anm. 134). [AdÜ.]
152 Karen Horney (1885-1952), Psychoanalytikerin. [AdU.]
153 Clark Moustakas (1923-2012), Mitbegründer der »humanistische Psychologie«.
[AdU.]
154 Carl Rogers (1902-1987), Begründer der »Gesprächspsychotherapie«. (Adü.)
155 Max Wertheimer (1880-1943), Gestaltpsychologe. (AdÚ.]
156 Carl Gustav Jung (1875-1961), Psychoanalytiker, Begründer der » analytischen
Psychologie«. [AdÜ.]
157 Alfred Adler (1870-1937), Psychoanalytiker, Begründer der »Individualpsycho logie«. [AdU.]
158 Etwa: Überglaube. [AdÜ.]
159 William James (1842-1910), Philosoph, wichtiger Vertreter des Pragmatismus.
[AdU.]
16o Hier steht wie stets »S« für »Sein«; bei Maslow »B « für » Being«. [Adü.]
161 Bereich des Seins. (AdÜ.]
162 Defizitärer Bereich. [AdU.]
163 Eine Quelle konnte ich leider nicht ermitteln. [AdÜ.]
164 Ein von Maslow geprägter Begriff, etwa »Verseinlichung«. Erwas ist » ontified, changed from a mere means to an end, a value in itself« (Abraham H. Maslow, The Farther Reaches of Human Nature, posthum 1971, S. 117): »verseind«, verwandelt von einem reinen Mittel zu einem Zweck, einem Wert in sich selbst. [AdÜ.)
165 Von A. H. Maslow, 1959, Harper and Row.
166 Normschwäche; Begriff eingeführt von Emile Durkheim (1858-19 17) bzw. Jean-Marie Guyau (1854-1888). [AdU.]
167 Lustlosigkeit; Begriff eingeführt von Théodule Ribot (1836-1916).
168 »bruchstückhafte «. [AdU.]
169 »gleichgestaltige«. [AdU.]
170 » oughtness« wird tatsächlich sowohl bei »Truth « als auch bei » Goodness« auf-gezählt. Dies gilt auch für die weiteren Doppelungen, d. h. jedes Attribut lässt sich in den Begriffen der jeweils anderen ausdrücken. Die Klammern, Komata und Semikola sind im Original so gesetzt. Die Wortformen (Nomen, Adjektiv usw.) habe ich so weit wie möglich zu erhalten versucht. [AdÜ.)
171 Qualia, Plural von Quale (von lat. qualis » wie beschaffen «), in der Philosophie Bezeichnung für die subjektiven Repräsentationen objektiver Sinnes-Phänomene im Bewusstsein (wie z. B. Farben). Enge Verbindung zu dem philosophischen, also nicht wertenden Begriff » Qualität«. [AdU.]
172 Deutsch im Original. [AdU.)
173 » B-cognizer«; lautlich angelehnt an »recognize« (erkennen). Das »B« steht wie stets bei Maslow für » Being« (Sein). [AdÜ]
174 des 19. Jahrhunderts [AdU.)
175 Meines Erachtens müsste die Referenz auf den ersten Teil des vorliegenden Anhangs G verweisen. [AdU.]
176 Gabriel Marcel (1889-1973), christlicher Existenzialist. (AdÜ.]
177 »paradic design «, Charles Daly King (1895-1963), Schriftsteller und Psychologe.
In The Meaning of Normal (Yale Journal of Biology and Medicine, Januar 1945, 17(3),
S. soo) schlägt er vor, den Begriff des Normalen durch »paradic«, abgeleitet von
»paradigm«, zu ersetzen: »Paradic will be employed as meaning solely: chat which functions in accordance with its inherent design. « ›Paradic‹ soll nichts weiter bedeuten als: das, was in Übereinstimmung mit seinem eigenen Plan funktioniert. - Der Begriff ist sonst ausschließlich bei Maslow nachzuweisen. [AdU.)
178 Charles Darwin (1809-1882), Begründer der Evolutionslehre. [AdÜ.)
179 Peter Kropotkin (1842-1921), Geograf, Biologe und Anarchist. Wichtigstes Werk ist »Mutual Aid« (Gegenseitige Hilfe), eine Darwin-Auslegung, die Einfluss auf den Darwinismus bis heute ausübt. [AdU.]
180 4-H, eine staatliche Jugendorganisation, gegründet um 1902. Motto: »Das Gute besser machen. « Slogan: »Lernen durch tun.« [AdU.]
181 Obwohl einige Zeilen später George Klein erwähnt wird, tippe ich darauf, dass an dieser Stelle die Anhänger der Psychoanalytikerin und Widersacherin von Anna
Freud Melanie Klein (1 882-1960) gemeint sind. [AdÜ.]
182 »witch mother« (Hexenmutter). [AdU.]
183 George S. Klein (1917-1971), experimenteller Psychologe und Psychoanalytiker.
[AdU.]
184 Lester A. Kirkendall (1903-1991). - Gemeint sein könnte das Buch: Premarital
Intercourse Experiences Reported by 200 College Level Males (1961). [AdU.]
185 Marion [Blackett-]Milner (1900-1998), Pseudonym Joanna Field, Psychoanaly-tikerin; möglicherweise ist gemeint: The Hands of the Living God: An Account of a Psy-choanalytic Treatment (1969), New York 201 1, 5. 375. Dieses Buch ist allerdings erst publiziert worden, nachdem Maslow das vorliegende geschrieben hat. [AdU.]
186 Begriff von C. G. Jung für das innere, ggf. unbewusst idealisierte (oder dämoni-sierte) Bild einer Person, das sich nach der Begegnung bildet und das fortbesteht.
[AdÜ.]
187 John Nathaniel Rosen (1902-1993). Er führte Paul Federns Begriff »direct (psy-cho-Janalysis« weiter und arbeitete hauptsächlich mit Schizophrenen. - Erst nach Maslows Tod geriet Rosen unter Beschuss, weil eine Reihe von Klienten ihm seelische Grausamkeit vorwarfen und weil er Fälle ohne Langzeitstudie als geheilt deklariert habe. [AdÜ.]
188 »woman«. Da nicht nur die folgenden Nomen (»Prostituierte und Callgirls «) im Plural stehen, sondern auch die Wiederholung des Subjektes (» dann steht solchen Frauen «), bin ich geneigt, hier eine Konjektur vorzunehmen, während ich sonst bemüht war, Maslows Spiel mit Singular und Plural (ebenso wie mit unbestimmtem und bestimmtem Artikel) zu erhalten. [AdU.]
189 Mircea Eliade (1907-1986), ein phänomenologischer Religionswissenschaftler.
[AdÜ.
190 James Thurber (1894-1961), Karikaturist und Schriftsteller. [AdÜ.)
191 Bei den Angaben zu deutschen Übersetzungen oder Originalen war ich bestrebt, die jeweilige Erstveröffentlichung nachzuweisen. Viele der durch Maslow zitierten Texte, vor allem die Aufsätze, sind nicht übersetzt. Auch von Maslow gibt es erstaunlich wenig in Deutsch. Die durch Maslow nur mit Buchstaben abgekürzten Vornamen habe ich ergänzt, da zum Teil erhebliche Verwechselungsgefahr besteht. [AdU)
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Du siehst viele Personen auf dem Gemälde, was stellen sie dar ???
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