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Aristoteles - Physik

Erstes Buch
Erstes Capitel
Da das Wissen und das Erkennen hinsichtlich aller
der Gegenstände, die Ihre Anfänge, Ursachen und
Gründe haben, auf der Erforschung dieser beruht,
(denn dann glauben wir etwas zu kennen, wenn wir
seine ersten Ursachen erforscht haben und seine ersten
Anfänge, und bis zu den Grundwesen), so ist klar,
daß auch bei der Naturwissenschaft zuerst versucht
werden muß, Bestimmungen zu geben über die Anfänge.
Es geht aber unser Weg von dem, was uns verständlicher
ist und deutlicher, nach dem von Natur
Deutlicheren und Verständlicheren. Denn nicht dasselbe
ist für uns verständlich und an sich. Darum ist
es nothwendig, auf diese Art fortzuführen von dem,
was von Natur undeutlicher, uns aber deutlicher ist,
zu dem von Natur Deutlichern und Verständlichern.
Nun ist uns zuerst klar und deutlich das mehr Zusammengesetzte;
nachher werden aus diesem verständlich
die Anfänge und die Grundwesen, durch Zerlegung
von jenem. Deshalb muß man von dem Allgemeinen
zu dem Besondern fortgehen. Denn das Ganze ist für
den Sinn verständlicher; das Allgemeine aber ist eine
Art von Ganzem, denn es enthält dieses Allgemeine
Aristoteles: Physik 3
ein Vieles, als Theile. In demselben Falle befinden
sich gewissermaßen auch die Worte, im Verhältnis
zum Begriffe. Sie bezeichnen nämlich ein Ganzes auf
unbestimmteWeise; z.B. der Kreis. Die nähere Bestimmung
erst zerlegt sie in ihr Besonderes. Auch die
Kinder nennen ja zuerst alle Männer Vater, und Mutter
die Frauen; später aber fangen sie an, bei beiden
zu unterscheiden.
Zweites Capitel
Nothwendig ist entweder Einer der Anfang, oder
mehre. Und wenn Einer, entweder unbeweglich, wie
Parmenides und Melissos sagen, oder bewegt, wie die
Naturforscher, deren einige die Luft nennen, andere
das Wasser, als ersten Anfang. Wenn aber mehre, entweder
begrenzte oder unbegrenzte. Und wenn begrenzte,
aber doch mehr als Einer, entweder zwei,
oder drei, oder vier, oder irgend eine andere Zahl. Es
ist dieß dieselbe Untersuchung, wie wenn nach dem
Wieviel des Seienden gefragt wird. Denn auch hier
untersucht man zuvörderst, woraus das Seiende ist,
und nach diesem handelt es sich, ob es eins, oder
viele; begrenzt oder unbegrenzt viele. So daß die Untersuchung
in der That dem Anfang und dem Grunde
gilt, ob er einer oder viele.
Aristoteles: Physik 4
Die Forschung nun, die auf Einheit und Unbeweglichkeit
des Seienden ausgeht, ist nicht die Naturforschung.
Denn wie auch der Geometer nichts mehr mit
demjenigen zu thun hat, der die Anfänge läugnet, sondern
dieß entweder einer andern Wissenschaft angehört,
oder einer, die allen gemein ist; so der, der von
den Anfängen selbst handelt. Denn es giebt keinen
Anfang mehr, wenn nur Eines ist, und auf dieseWeise
Eines ist; da jeder Anfang entweder etwas beginnt,
oder das erste unter mehren ist. Es ist also die Betrachtung
des diesergestalt Einen gleich dem Reden
über irgend einen beliebigen Satz von denen, die nur
des Begriffes wegen aufgestellt werden; wie jener heraklitische;
oder wie wenn man sagen wollte: Ein
Mensch sei das, was ist; oder dem Lösen einer spitzfindigen
Aufgabe. So etwas heben auch wirklich jene
beiden Lehren, die des Melissos und die des Parmenides:
sie beginnen von falschen Voraussetzungen und
fahren nicht in eigentlicher Schlußform fort. Besonders
aber ist des Melissos Lehre schroff und durchaus
einseitig. Doch, ist Ein seltsamer Grundsatz einmal
zugegeben, so folgt das Uebrige von selbst. Wir nun
gehen davon aus, daß das zur Natur Gehörige, entweder
alles oder einiges, ein bewegtes ist. Dieß aber ergiebt
sich aus der allmähligen Betrachtung der hierunter
enthaltenen Gegenstände. Uebrigens braucht man
nicht allem zu begegnen, sondern nur den falschen
Aristoteles: Physik 5
Schlüssen, die einer aus den Anfängen zieht: Z.B. die
Verwandlung des Kreises in ein Viereck, die mittels
der Kreisabschnitte, hat der Geometer zu widerlegen;
die des Antiphon hingegen geht den Geometer nichts
an. Indeß, da die Aufgaben jener zwar nicht die Natur
zum Gegenstand haben, aber doch auf die Naturwissenschaft
von Einfluß sind, so ist es vielleicht wohlgethan,
sie ein wenig zu besprechen; denn die Betrachtung
hat wissenschaftlichen Gehalt.
Wir beginnen am schicklichsten mit folgendem. Da
Sein vielerlei bedeutet, so fragt sich, wie es diejenigen
nehmen, die da sagen, daß alles Eins sei. Meinen sie
ein Wesen dieses Alls, oder eine Größe, oder eine Beschaffenheit?
Und weiter: wenn ein Wesen, ist es
dann ein einzelnes, wie Ein Mensch, oder Ein Pferd,
oder Eine Seele? oder eine auf gleicheWeise einzelne
Beschaffenheit, z.B. weiß, oder warm, oder sonst
etwas dergleichen? Denn alles dieß ist gar sehr verschieden,
obwohl gleich unstatthaft es auszusagen.
Wenn es nämlich sowohl Wesen, als auch Größe und
Beschaffenheit sein soll, und dieß gleichviel ob getrennt
von einander, oder nicht, so haben wir eine
Vielheit des Seienden. Soll aber alles Beschaffenheit
oder Größe sein, gleichviel ob daneben ein Wesen sei
oder nicht sei, so ist dieß seltsam; wenn man nichts
anders seltsam nennen darf das Unmögliche. Denn
nichts von den übrigen besteht getrennt, außer dem
Aristoteles: Physik 6
Wesen, da allem diesem etwas ihm zum Grunde liegendes
vorausgesetzt wird, nämlich eben das
Wesen. - Melissos aber nennt das Seiende unbegrenzt.
So wäre das Seiende eine Größe. Denn das
Unbegrenzte ist in der Größe. Daß aber ein Wesen
unbegrenzt sei, oder eine Beschaffenheit, oder ein
Leiden, ist nicht statthaft, außer nebenbei, wenn sie
etwa zugleich Größen wären. Denn der Begriff des
Unbegrenzten setzt die Größe voraus, aber nicht das
Wesen oder die Beschaffenheit. Wenn nun aber das
Seiende sowohl Wesen ist, als Größe, so ist es zwei,
und nicht Eins. Ist es aber nur Wesen, so ist es nicht
unbegrenzt, noch hat es irgend eine Größe; denn sonst
wäre es eine Größe. - Da aber auch das Wort Eins
vielerlei bedeutet, wie das Wort Sein, so ist auch in
dieser Hinsicht zu sehen, auf welche Weise sie meinen,
das Eins sei das Ganze. Man nennt aber Eins
entweder das stetig Zusammenhängende, oder das
Untheilbare, oder das, dessen Begriff, der sein Was
enthält, einer und derselbe ist: wie Wein und Traubensaft.
Ist es nun das stetig Zusammenhängende, so
ist das Seiende vieles; denn ins unendliche theilbar ist
das Stetige. Auch veranlaßt es Streitfragen über die
Begriffe des Theils und des Ganzen, die vielleicht
jene Lehre nichts angehen, aber an und für sich solche
sind: ob Eins oder mehre der Theil und das Ganze,
und wenn Eins, wie Eins; wenn mehre, wie mehre. So
Aristoteles: Physik 7
auch hinsichtlich der nicht stetig zusammenhängenden
Theile, die, wenn ein jeder mit dem Ganzen unzertrennlich
Eins ist, auch unter sich selbst es sind. - Ist
es hingegen das Untheilbare; nun so kann es weder
Größe, noch Beschaffenheit, noch unbegrenztes sein,
wie doch Melissos sagt, noch auch begrenztes, wie
Parmenides. Denn die Grenze ist untheilbar, nicht das
Begrenzte. Soll endlich nach dem Begriffe Eins sein
das Seiende, wie Kleid und Rock, so verfällt man in
jenen Behauptung des Heraklitos. Denn einerlei wäre
dann für den Guten und für den Schlechten das Nichtgutsein
und das Gutsein. So daß gut und nicht gut
selbst einerlei wird, und Mensch und Pferd. Es handelt
sich dann nicht mehr darum, daß Eins sei das Seiende,
sondern daß es Nichts sei; und das Sein der Beschaffenheit
nach, und das der Größe nach, fällt zusammen.
Es fiel auch diese Bedenklichkeit den Späteren bei,
wie schon den Früheren, daß es ihnen begegnen
möchte, das nämliche zugleich zu Einem zu machen
und zu Vielen. Darum fingen einige an, das »ist«
wegzulassen, wie Lykophron. Andere wandten den
Ausdruck anders und fragten nicht: der Mensch ist
weiß, sondern, er hat weiße Farbe angenommen;
noch, er ist im Gange, sondern, er geht: damit sie
nämlich nicht das »ist« ansetzend, zu Vielem machen
möchte das Eine, als bezeichne etwas anschließendes
Aristoteles: Physik 8
das Eine und das Seiende. Vieles ist aber das Seiende,
entweder dem Begriffe nach. So ist es ein anderes,
weiß zu sein und musikalisch, doch kommt beides
demselben zu; wir haben also als ein Vieles das Eine.
Oder durch Sonderung, wie das Ganze und die Theile.
Hier nun stutzten sie und ließen zu, daß das Eine Vieles
sei. Als ginge es nicht an, daß das nämliche Eins
sei und Vieles, doch nicht das Entgegengesetzte.
Denn es ist ja das Eine, theils als Möglichkeit, theils
als Wirklichkeit.
Drittes Capitel
Greift man es also auf dieseWeise an, so erscheint
es als unmöglich, daß das Seiende Eines sei. Auch
ihren Beweisen zu begegnen ist nicht schwer; denn
beide bedienen sich verfänglicher Schlüsse, Melissos
und Parmenides. [Besonders aber ist des Melissos
Lehre schroff und durchaus einseitig. Doch, ist Ein
seltsamer Grundsatz einmal zugegeben, so folgt das
übrige von selbst.] Daß nun Melissos fehlschließt, ist
klar. Denn er glaubt annehmen zu dürfen, daß, wenn
alles Werdende einen Anfang hat, das nicht Werdende
keinen hat. Sodann ist auch dieß auffallend, überall
einen Anfang des Dinges in dem Dinge selbst anzunehmen,
und nicht auch bloß des Dinges überhaupt in
Aristoteles: Physik 9
der Zeit. Und dieß nicht nur beimWerden an und für
sich, sondern auch bei demjenigen, das zugleich Umbildung
ist; als gäbe es keinen durchgehenden Uebergang.
Weiter, warum soll es gerade unbeweglich sein,
wenn es Eines ist? Denn gleichwie auch der Theil, des
Einer ist, z.B. dieses bestimmteWasser, sich in sich
selbst bewegt: warum nicht eben so das Ganze? Und
dann, warum soll es keine Umbildung dieses Ganzen
als solchen geben? - Der Formbestimmung nach endlich
kann es vollends gar nicht Eins sein, man müßte
denn darunter das, woraus es ist, verstehen. Auf solche
Weise nahmen auch einige der Naturforscher die
Einheit an; auf jene Weise aber nicht. Denn der
Mensch ist verschieden vom Pferde eben nach der
Formbestimmung, und alles Entgegengesetzte von
einander.
Was den Parmenides betrifft, so hat er dieselbe
Wendung jener Lehre, und vielleicht noch andere ihm
eigenthümliche. Die Widerlegung geht theils darauf,
daß sie falsch ist, theils, daß sie der richtigen Folge
ermangelt. Falsch ist sie, indem sie voraussetzt, daß
Sein eine einfache Bedeutung habe, da es doch eine
vielfache hat. Nicht folgerecht, weil, wenn man auch
nur das Weiße setzen wollte, so daß das Weiße eine
Einheit bezeichnete, nichts desto weniger das Weiße
ein Vieles wird, und nicht Eines. Weder nämlich
durch stetigen Zusammenhang Eins wäre das weiße
Aristoteles: Physik 10
Ding, noch im Begriffe. Denn ein anderes wäre das
Sein der weißen Farbe und des die Farbe annehmenden
Dinges. Es braucht darum nicht außerhalb des
Weißen etwas besonderes angenommen zu werden,
denn nicht wiefern es gesondert ist, wird es zum Andern,
sondern das Sein an sich ist ein anderes für die
Farbe, und für das Ding, das sie annimmt. Aber dieses
sah Parmenides nicht ein. Es müssen also voraussetzen,
die da sagen, daß Eines das Seiende sei, nicht
allein daß Eins bedeute das Seiende, wovon es auch
ausgesagt werde; sondern auch, sowohl insofern es
seiendes, als insofern es Eines ist. Denn als anhängendes
oder beiläufiges gilt etwas nur, wiefern ihm
etwas zum Grunde liegt. Etwas sonach, dem das Sein
anhängen sollte, kann es nicht geben. Denn es wäre
ein anderes als das Sein; sein also würde ein Nichtseiendes.
Folgt demnach, daß es nichts vorhandenes
giebt, als das Seiende als solches. Denn in seinem
Sein hätte es kein Sein mehr, wenn nicht Vieles bezeichnen
soll das Seiende; dergestalt, daß ein Sein des
Einzelnen gesetzt wird. Allein es war ausgemacht,
daß das Seiende Eins bedeuten soll. Wenn nun das
Seiende als solches keinem anhängt, sondern alles
jenem; was für ein Unterschied bleibt dann, ob das
Seiende als solches bedeute das Seiende oder ein
Nichtseiendes? Denn wenn das Seiende als solches
zugleich auch weiß sein kann, das Weißsein aber
Aristoteles: Physik 11
nicht Seiendes als solches ist, so kann ihm nicht einmal
das Sein zugeschrieben werden, denn ein seiendes
ist nur das Seiende als solches; und das Weiße wird
folglich zum nichtseienden. Nicht etwa so, daß es dieses
Bestimmte nicht wäre, sondern daß es überhaupt
nicht Seiendes ist. So wird denn das Seiende als solches
zum Nichtseienden. Denn mit Recht läßt sich
von dem Seienden als solchem aussagen, daß es weiß
ist. Dieses aber bezeichnete das Nichtseiende. Sollte
sonach auch das Weiße das Seiende als solches bedeuten
können, so würde das Seiende eine Mehrheit
bedeuten. - Auch keine Größe wird das Seiende
haben, wenn nur das Seiende als solches das Seinede
ist. Denn jedwedem der Theile käme ein anderes Sein
zu.
Daß aber das Seiende als solches in anderes Seiende
als solches zerfällt, ergiebt sich auch aus dem Begriffe.
Z.B. wenn der Mensch ein Seiendes als solches
ist, so muß auch das Thier ein Seiendes als solches
sein, und das Zweifüßige. Denn sind sie nicht Seiende
als solche, so sind sie Anhängende, und entweder der
Mensch oder irgend etwas anderes gilt als ihre Grundlage.
Aber dieß ist unmöglich. Denn anhängend heißt
dasjenige, entweder welches sowohl dasein als nicht
dasein kann, oder in dessen Begriff dasjenige, dem es
anhängt, gegenwärtig ist; z.B. das Sitzen, so getrennt
gesagt. Auch in dem Lahm ist der Begriff des Beines
Aristoteles: Physik 12
gegenwärtig. In diesem Bezug nennt man dergleichen
wie die Lahmheit, ein Verhängniß. Nun aber was in
dem Begriffe und der Bestimmung des Ganzen enthalten
ist, oder woraus dieses ist, in dessen Begriff ist
nicht gegenwärtig der Begriff des Ganzen; z.B. in
dem Zweifüßigen der des Menschen, oder in dem
Weißen, der des weißen Menschen. Wenn nun dieses
solchergestalt sich verhält, und dennoch dem Menschen
das Zweifüßige anhängen sollte, so müßte dasselbe
von ihm getrennt werden können; so daß es anginge,
daß der Mensch nicht zweifüßig wäre: oder in
dem Begriff des Zweifüßgen wäre enthalten der Begriff
des Menschen. Aber dieß ist unmöglich; den
jenes ist in dem Begriffe von diesem enthalten. Sollte
aber einem andern anhängen das Zweifüßige und das
Thier, und ist nicht jedes von beiden ein Seiendes als
solches; so würde auch der Mensch zu den Dingen gehören,
die einem andern anhängen. - Es bleibt also
dabei, daß, was ein Sein als solches hat, keinem anhängt,
und daß als Grundlage vielmehr beides und
was aus ihnen besteht, zu nennen ist. Aus Untheilbarem
also besteht das Ganze.
Einige aber gaben beiden Lehren nach: der, daß
alles Eins, wenn das Seiende Eins bedeutet, mit dem
Zusatze, daß auch das Nichtseiende ist. Der andern
aber dergestalt, daß sie die Spaltung in zwei bis auf
untheilbare Größen herabführten. Uebrigens erhellt,
Aristoteles: Physik 13
daß es nicht wahr ist, daß, wenn Eins bedeutet das
Seiende, und nicht zugleich der Widerspruch sein
kann, es darum kein Nichtseiendes gebe. Denn nichts
hindert, daß das Nichtseiende zwar als Allgemeines
nicht ist, aber doch als ein bestimmtes Nichtseiende.
Zu sagen aber, daß, wenn außerhalb des Seienden
selbst nicht etwas anderes ist, alles Eins werden
müsse, ist sonderbar. Denn wer versteht etwas anderes
unter dem Seienden als solchen, als das Sein eines
bestimmten Seienden als solchen? Ist aber dieß so, so
hindert auch von dieser Seite nichts, daß Vieles das
Seiende sei; wie bereits gesagt. Daß nun eine solche
Einheit des Seienden unstatthaft sei, ist klar.
Viertes Capitel
Die Lehre der Naturforscher hat zweierlei Gestaltungen.
Die einen nehmen als einig Seiendes einen
zum Grunde liegenden Körper an: entweder eines der
drei Elemente, oder einen andern, der dichter ist als
Feuer, feiner aber als Luft, und lassen aus diesem das
Uebrige entstehen, dessen Vielheit sie auf Dichtigkeit
und Dünne zurückführen. Dieß aber sind Gegensätze.
Der allgemeine Ausdruck für sie ist: Ueberwiegen und
Zurückbleiben: in diesem Sinne nennt Platon sie das
Große und das Kleine; nur daß dieser dieselben als
Aristoteles: Physik 14
Stoff behandelt, das Eine aber als Formbestimmung;
Andere aber das Eine zum Grunde liegende als Stoff,
die Gegensätze aber als Unterschiede und Formbestimmungen;
noch Andere aus dem Einen die darin
enthaltenen Gegensätze herausziehen, wie Anaximander
sagt. - An diese nun schließen sich diejenigen an,
die da sagen, daß Eines und Vieles ist, wie Empedokles
und Anaxagoras, denn aus der Mischung ziehen
auch diese das Uebrige heraus. Sie unterschieden sich
von einander dadurch, daß der eine dieß in einem
Kreislaufe, der andere es Einmal geschehen läßt, und
daß dieser eine unbegrenzte Vielheit sowohl der gleichen
Wesen, als der Gegensätze, jener nur die sogenannten
Elemente annimmt. Es scheint aber Anaxagoras
auf diese seine Annahme einer unbegrenzten Vielheit
dadurch gekommen zu sein, daß er die gemeine
Meinung der Naturforscher als wahr zum Grunde
legte, als entstehe nichts aus dem was nicht ist. Denn
deswegen sagen sie so: zugleich waren alle Dinge;
und das Entstehen des Einzelnen ist nichts als Umbildung,
oder, wie Einige sagen, Verbindung und Scheidung.
Weiter aber, aus dem Entstehen aus einander
schreiben sich die Gegensätze her. Sie waren also
schon in jenem vorhanden. Denn wenn alles Entstehende
nothwendig entweder aus Seiendem entsteht,
oder aus Nichtseiendem, von diesen beiden aber das
Entstehen aus Nichtseiendem unmöglich ist (denn in
Aristoteles: Physik 15
dieser Meinung stimmen alle überein, die von der
Natur handelten); so mußten sie annehmen, was allein
noch übrig blieb, daß aus Seiendem und schon Gegenwärtigem
das Entstehen geschehe, doch, wegen
Kleinheit der Massen, aus uns Unwahrnehmbarem.
Darum sprechen sie, daß Alles in Allem gemischt sei.
Denn sie sahen ja Alles aus Allem entstehen. Als unterschieden
aber erscheine es, und werde Anderes zu
Anderem genannt, nach dem was überwiegt durch
seine Menge in der Mischung der unbegrenzten Theile.
Denn daß unvermischt zwar ein Ganzes weiß oder
schwarz, oder süß, oder Fleisch, oder Knochen sei,
finde nicht statt. Wovon aber ein jedes das meiste hat,
dieß scheine die Natur des Dinges zu sein.
Wenn nun das Unbegrenzte, sofern es unbegrenzt,
unerkennbar ist; so ist das nach seiner Menge oder
Größe unbegrenzte, eine unerkennbare Größe; daß der
Formbestimmung nach unbegrenzte, eine unerkennbare
Beschaffenheit. Sind aber die Anfänge unbegrenzt
sowohl nach Menge als auch nach Formbestimmung,
so ist es unmöglich, das zu erkennen, was
aus ihnen folgt. Denn dann nur glauben wir ein Zusammengesetztes
zu erkennen, wenn wir wissen, woraus
und welchermaßen es ist. - Ferner, wenn ein Ding,
dessen Theil jede beliebige Größe oder Kleinheit
haben kann, nothwendig selbst diese muß haben können,
(ich spreche aber von solchen Theilen, in die das
Aristoteles: Physik 16
bestehende Ganze getheilt wird); wenn es hingegen
unmöglich ist, daß ein Thier oder eine Pflanze jede
beliebige Größe oder Kleinheit habe: so erhellt, daß
auch keiner ihrer Theile so beschaffen sein kann.
Denn dieß würde sich auf das ganze erstrecken.
Fleisch aber, und Knochen und dergleichen, sind
Theile des Thieres, und die Früchte der Pflanzen. Offenbar
also ist es unmöglich, daß Fleisch oder Knochen
oder etwas anderes sich gleichgültig verhält
gegen die Größe, sei es in dem Vergrößern oder dem
Verkleinern. -Weiter, wenn alles solches bereits gegenwärtig
ist in einander, und nicht entsteht, sondern
ausgeschieden wird als schon vorhandenes; nach dem
Vorherrschenden genannt wird; entsteht aber ohne
Unterschied aus Jedem (wie aus Fleisch Wasser durch
Ausscheiden, oder Fleisch aus Wasser); jeder begrenzte
Körper endlich aufgezehrt wird von einem begrenzten
Körper: so erhellt, daß keineswegs in Jedem
Jedes vorhanden sein kann. Denn scheidet man aus
dem Wasser Fleisch aus, und dann wieder anderes aus
dem von der Scheidung Ueberbliebenen, und so fort,
so wird, wenn das Ausgeschiedene immer kleiner
wird, es doch nicht über irgend eine bestimmte Größe
durch seine Kleinheit hinausgehn. So daß also, wenn
je die Scheidung zum Stehen kommt, nicht Alles in
Allem enthalten ist; denn in dem übrigbleibenden
Wasser ist dann kein Fleisch mehr vorhanden.
Aristoteles: Physik 17
Soll sie aber nie stillstehen, sondern stets neue
Wegnahme statt finden: so sind in einer begrenzten
Größe gleich begrenzte Theile enthalten von unbegrenzter
Menge. Dieß aber ist unmöglich. Ueberdieß
wenn jeder Körper durch Wegnahme eines Theils
kleiner werden muß; von dem Fleische aber das Wieviel
sowohl nach Größe als nach Kleinheit bestimmt
ist: so ist klar, daß aus dem kleinsten Theile Fleisches
kein Körper ausgeschieden werden mag; denn er wäre
dann kleiner als der kleinste. Ferner, in den unbegrenzten
Körpern wäre dann bereits gegenwärtig unbegrenztes
Fleisch und Blut und Hirn; geschieden
wohl von einander, nichts desto weniger aber seiend
und unbegrenzt ein jedes. Dieß aber ist widersinnig.
Doch das: »keine vollkommene Scheidung,« ist unverständig
zwar, aber doch richtig gesagt. Denn die
Zustände sind unzertrennlich.Wären nämlich die
Dinge eine Mischung, z.B. der Farben und ihrer sonstigen
Eigenschaften, so ergäbe sich bei der Scheidung
ein Weißes und ein Gesundes, welches weder
zugleich etwas anderes wäre, noch auch etwas zum
Grunde liegend hätte. In dem sonderbaren Falle demnach,
ein Unmögliches zu suchen, findet sich der Gedanke,
wenn er die Sonderung zwar anstrebt, sie aber
zu vollbringen ihm unmöglich ist, sowohl nach der
Größe als auch nach der Beschaffenheit: nach der
Größe, weil es nicht eine kleinste Größe gibt, nach
Aristoteles: Physik 18
der Beschaffenheit, weil untrennbar sind die Zustände.
- Nicht durchaus richtig aber ist auch die allgemeine
Annahme des Anaxagoras von dem Entstehen
des Gleichartigen. Denn von Einer Seite zwar wird
der Schlamm in Schlamm zerlegt; von der andern aber
nicht. Auch ist die Art nicht dieselbe, daß, wie Ziegel
aus dem Hause, und das Haus aus Ziegeln, so auch
Wasser und Luft aus einander bestehen und entstehen.
Besser ist es, von Wenigem und Begrenztem auszugehen,
wie Empedokles thut.
Fünftes Capitel
Alle aber nehmen Gegensätze als Anfänge an; sowohl
die da sagen, daß Eines das All und unbeweglich
sei (denn Parmenides macht Warmes und Kaltes
zu Anfängen; dieses nennt er aber Feuer und Erde),
als die Dünnes und Dichtes, und Demokrit, der das
Undurchdringliche und Leere nennt. Von diesen sagt
er, daß das eine als seiendes, das andere als nicht seiendes
sei. Auch in Lage, Gestalt und Ordnung nimmt
er Gegensätze an, nämlich folgendergestalt. In der
Lage, als oben und unten, vorn und hinten. In der Gestalt:
eckig und winkellos, gerade und krumm. Daß
nun Gegensätze irgendwie Alle zu Anfängen machen,
ist klar. Und dieß mit gutem Grunde. Denn die
Aristoteles: Physik 19
Anfänge dürfen weder aus einander entstehen, noch
aus anderem. Aus ihnen ist ja alles. Den ersten Gegensätzen
aber kommt dieß zu, indem sie die ersten
sind, nicht aus anderem, und indem sie Gegensätze,
nicht aus einander zu entstehn. Doch muß dieß noch
begriffmäßig betrachtet werden, wie es zugeht.
Voraussetzen müssen wir zuvörderst, daß von
allem was ist, wesentlich nichts weder wirkt, noch
auch leidet jedes beliebige von jedem beliebigen;
noch jedwedes aus jedwedem entstehet: man müßte
denn annehmen, nebenbei. Denn wie sollte das Weiße
aus dem Musikalischen entstehen, wenn nicht etwa
nebenbei an das an das Weiße oder das Schwarze das
Musikalische sich knüpft? SondernWeißes entsteht
aus Nichtweißem, und nicht aus jedem solchen, sondern
Schwarzem oder dem, was in der Mitte liegt; und
Musikalisches aus Nichtmusikalischem, doch nicht
aus allem, sondern aus Unmusikalischem und wenn
etwa zwischen ihnen ein mittleres ist. Auch kein
Uebergang findet in das erste beste statt; so geht das
Weiße, nicht in das Musikalische über, außer vielleicht
nebenbei, sondern in das Nichtweiße; und in
das Nichtweiße nicht, in welches es sich trifft, sondern
in das Schwarze, oder das Mittlere. Eben so auch
das Musikalische in das Nichtmusikalische, und dieß
nicht wie es sich trifft, sondern in das Unmusikalische
oder wenn etwas zwischen ihnen in der Mitte ist.
Aristoteles: Physik 20
Gleicherweise findet dieß Statt auch bei dem andern.
Denn auch die Dinge, die nicht einfach, sondern zusammengesetzt
sind, verhalten sich nach demselben
Gesetz, obgleich, weil hier die entgegengesetzten Zustände
nicht benannt sind, dieser Hergang unbemerkt
bleibt. Denn nothwendig muß alles Geordnete aus
Ungeordnetem entstehen, und daß Ungeordnete aus
Geordnetem. Und seinen Untergang hat das Geordnete
in einer Unordnung, und dieß nicht in jedweder,
sondern in der ihm entgegenstehenden. Es ist aber
kein Unterschied, Ordnung zu sagen, oder Fügung,
oder Zusammensetzung; denn offenbar ist der Begriff
derselbe. Gewiß doch entstehet das Haus, und die
Bildsäule, und jedes andere dieser Art auf gleiche
Weise. Denn das Haus entsteht, indem dieß und jenes,
so und so, nicht verbunden ist, sondern zerstreut liegt.
Und die Bildsäule, und was gestaltet ist, aus Gestaltlosigkeit.
Und jedes von diesen ist theils eine Fügung,
theils eine Zusammensetzung.Wenn also dieß wahr
ist, so möchte wohl alles Entstehende entstehen und
alles Vergehende vergehen, aus Gegensätzen oder in
Gegensätze, und was zwischen diesen in der Mitte ist.
Das Mittlere aber ist aus den Gegensätzen; so die Farben
aus Weiß und Schwarz. Somit wäre denn alles
von Natur Entstandene entweder Gegensatz oder aus
Gegensätzen Bestehendes.
Bis hierher nun begleiten uns ziemlich die Meisten
Aristoteles: Physik 21
auch der Andern, wie wir bereits vorhin sagten. Denn
alle setzen die Grundwesen und die von ihnen so genannten
Anfänge, zwar ohne ihren Begriff, aber doch
als Gegensätze, gleich als würden sie von der Wahrheit
selbst dazu gezwungen. Sie unterscheiden sich
von einander, indem die einen höhere, die andern niedere
zum Grunde legen, die einen verständlichere
nach dem Begriff, die andern nach den Sinnen. Denn
Einige setzten Warmes und Kaltes, Andere Nasses
und Trocknes, wieder Einige Ungerades und Gerades,
Andere Feindschaft und Freundschaft als Ursachen
des Werdens. Dieß aber unterscheidet sich von einander
auf die angegebeneWeise. So daß sie sowohl dasselbige
sagen auf gewisseWeise, als auch Verschiedenes
von einander. Verschiedenes, wie es auch den
Meisten so vorkommt; dasselbige aber, wiefern Entsprechendes;
denn sie nehmen aus derselben Reihe.
Einige von den Gegensätzen enthalten die andern; andere
sind in jenen enthalten. Solchergestalt sprechen
sie dann übereinstimmend und abweichend; schlechter
und besser; Einige verständlicher nach dem Begriffe,
wie vorhin gesagt, Andere nach den Sinnen. Das Allgemeine
nämlich ist nach dem Begriff verständlich,
das Besondere aber, nach den Sinnen. Denn begriffen
wird das Allgemeine, empfunden das Theilwesen. So
ist das Große und Kleine ein nach dem Begriffe gewählter
Gegensatz; das Dünne und das Dichte nach
Aristoteles: Physik 22
den Sinnen. Daß also entgegengesetzt sein müssen die
Anfänge, ist jetzt ersichtlich.
Sechstes Capitel
Damit zunächst zusammenhängen möchte die Untersuchung,
ob ihrer zwei oder drei oder mehre sind.
Denn daß nur Einer sei, ist nicht statthaft, weil nicht
Eins die Gegensätze sind. Daß aber unbegrenzte, auch
nicht, weil dann nicht erkennbar das Seiende wäre. -
Ein Gegensatz nur ist in jeder Gattung enthalten; das
Wesen aber bildet Eine Gattung. Uebrigens reichen
begrenzte Anfänge hin; und es ist besser, aus begrenzten
zu erklären, wie Empedokles, als aus unbegrenzten.
Alles nämlich glaubt dieser aus begrenzten erklären
zu können, wie Anaxagoras aus unbegrenzten. -
Ferner gehen einige Gegensätze anderen voran, und es
entstehen einige aus andern; z.B. das Süße und Bittere,
und Weiß und Schwarz; die Anfänge aber müssen
ewig bleiben. - Daß nun also weder Einer nur, noch
unbegrenzte sind, erhellt hieraus. Um nun bei den begrenzten
zu bleiben, so hat, nicht zwei nur anzunehmen,
seinen Grund. Denn fragen könnte man, wie die
Dichtigkeit dazu kommt, auf die Dünne zu wirken,
oder diese auf die Dichtigkeit; und gleichergestalt
auch jedweder andere Gegensatz. Denn nicht führt die
Aristoteles: Physik 23
Freundschaft die Feindschaft zusammen und schafft
etwas aus ihr, noch die Feindschaft aus jener; sondern
beide bedürfen eines dritten. Einige legen noch mehres
zum Grunde, um daraus hervorgehn zu lassen die
Natur der Dinge. - Hierüber könnte man ferner folgende
Frage aufwerfen; wenn man nicht will irgend
eine andere Natur den Gegensätzen zum Grunde
legen. Bei keinem Dinge erblicken wir Gegensätze
des Wesens. Der Anfang aber darf nicht eine anderweite
Grundlage voraussetzen; denn dann gäbe es
einen Anfang des Anfangs. Die Grundlage nämlich
würde Anfang, und früher zu sein scheinen, als das,
was dafür gegeben ward. Sodann sagen wir, daß kein
Wesen entgegengesetzt sei einem Wesen. Wie nun
sollte aus dem, was nicht Wesen ist, ein Wesen werden
können? oder wie, was nicht Wesen ist, vor dem
Wesen sein? Folglich wer sowohl die vorige Auseinandersetzung
für wahr zu halten geneigt ist, als diese,
muß notwendig, um beide zu retten, ein drittes zum
Grunde legen.
So nun verfahren auch diejenigen, die Ein bestimmtes
Wesen für das Ganze ausgeben, z.B. das
Wasser, oder das Feuer, oder das Mittlere zwischen
diesen. Nichtiger wird wohl das Mittlere genannt;
denn Feuer und Erde und Luft und Wasser gehen ja
mit der Natur des Gegensatzes in ihre Verflechtungen
ein. Darum handeln diejenigen nicht ohne Grund, die
Aristoteles: Physik 24
das was zum Grunde liegt, zu etwas anderem als diese
Wesen machen. Von den Andern am meisten, die die
Luft nennen. Denn die Luft hat am wenigsten unter
den übrigen sinnlich wahrnehmbare Unterschiede. Ihr
zunächst steht das Wasser. Alle indessen lassen dieses
Eine durch die Gegensätze sich gestalten: wie
durch Dichtigkeit und Dünne, und durch das Mehr
und Minder. Dieses aber ist im Allgemeinen Ueberwiegen
offenbar und Zurückbleiben, wie zuvor gesagt.
Und es scheint alt zu sein auch diese Meinung,
daß das Eine, und Ueberwiegen und Zurückbleiben
Anfänge der Dinge sind. Wiewohl nicht in derselben
Weise; sondern die Alten hielten die zwei für das
Thätige, das Eine für das Leidende; von Späteren aber
einige umgekehrt, das Eine für das Thätige, die zwei
für das Leidende.
Drei Grundwesen also anzunehmen, könnte, wenn
man es von dieser und von andern verwandten Seiten
betrachtet, einigen Grund zu haben scheinen, wie wir
bereits ankündigten. Mehr als drei aber nicht. Denn
zu dem Leiden ist hinreichend das Eine. Sollten aber
ihrer vier sein, und diese zwei Gegensätze bilden, so
entsteht die Nothwendigkeit, daß besonders für jeden
derselben ein eigenes Mittelwesen angenommen
werde. Wenn aber die Glieder der Gegensätze mit einander
gegenseitig zeugen können, so wäre überflüßig
der eine der Gegensätze. - Indessen es ist sogar
Aristoteles: Physik 25
unmöglich, daß mehre die ersten Gegensätze sind.
Denn das Wesen ist Eine Gattung des Seienden; so
daß also nach dem Vor und Nach sich die Anfänge allein
unterscheiden können; aber nicht nach der Gattung.
Denn stets ist in Einer Gattung Ein Gegensatz.
Alle Gegensätze aber scheinen sich zurückzuführen
auf Einen. - Daß nun weder Eines das Grundwesen,
noch mehr als zwei oder drei sind, ist klar. Von diesen
aber welches, unterliegt, wie wir sagten, vielem
Zweifel.
Siebentes Capitel
So wollen wir denn nun zuvörderst von dem Werden
überhaupt handeln. Denn es ist naturgemäß, zuerst
das Gemeinschaftliche auszusprechen und so zu
der Betrachtung des dem Einzelnen Eigenthümlichen
zu schreiten. Wir pflegen zu sagen, daß aus dem einen
das andere werde, und aus diesem jenes, und meinen
damit theils das Einfache, theils das Zusammengesetzte.
Ich meine dieß aber so. Es kann ein Mensch
musikalisch werden: es kann aber auch das Nichtmusikalische
musikalisch werden, oder der nichtmusikalische
Mensch ein musikalischer Mensch. Unter dem
Einfachen nun verstehe ich, sofern das Werden von
ihm ausgeht, den Menschen und das
Aristoteles: Physik 26
Nichtmusikalische; sofern es Ziel des Werdens ist,
das Musikalische; ein zusammengesetztes Werdende
in beider Hinsicht aber ist vorhanden, wenn wir
sagen, daß der nicht musikalische Mensch musikalisch,
oder ein musikalischer Mensch geworden ist.
Hier nun wird in dem einen Falle nicht allein gesagt,
daß etwas Bestimmtes, sondern auch daß es aus etwas
Bestimmtem wird, wie aus dem Nichtmusikalischen
ein Musikalisches; in dem andern aber wird dieß nicht
allemal gesagt; denn nicht aus dem Menschen wird
der Musikalische, sondern der Mensch wird musikalisch.
Von demjenigenWerdenden aber, was wir als
einfachen Ausgangpunct des Werdens nannten, bleibt
das eine im Werden bestehen, das andere bleibt nicht
bestehen. Der Mensch nämlich bleibt, indem er zum
musikalischen Menschen wird, oder dieß ist. Das
Nichtmusikalische aber und das Unmusikalische
bleibt nicht, weder als einfaches, noch in der Zusammensetzung.
Nach diesen Bestimmungen nun ist über das Werdende
überhaupt folgendes festzusetzen, wenn man
auf das Gesagte zurückblickt. Es muß stets etwas zum
Grunde liegen als Werdendes, und dieß, wenn es auch
der Zahl nach Eines ist, kann doch der Formbestimmung
nach nicht Eins sein. Formbestimmung und Begriff
aber nehme ich gleichbedeutend. Es ist nämlich
nicht dasselbe, Mensch und unmusikalisch zu sein;
Aristoteles: Physik 27
das eine bleibt, das andere bleibt nicht. Das nicht Entgegenstehende
nämlich bleibt: der Mensch also
bleibt; das Musikalische aber und das Unmusikalische
bleibt nicht, noch das aus Beiden Zusammengesetzte,
wie der unmusikalischeMensch. Aus etwas
werden aber, und etwas nicht werden, wird mehr zwar
gesagt von dem Nichtbleibenden; z.B. aus einem Unmusikalischen
ein Musikalischer werden; aus einem
Menschen aber nicht. Doch heißt es bisweilen auch
von dem Bleibenden eben so; daß nämlich aus dem
Erz eine Bildsäule wird, sagen wir, nicht daß das Erz
eine Bildsäule. So auch von dem Werden aus dem
Entgegenstehenden und Nichtbleibenden braucht man
beide Ausdrücke: aus diesem wird das, und dieß wird
das: es heißt nämlich sowohl, aus einem Unmusikalischen
wird ein Musikalischer, als, der Unmusikalische
wird musikalisch. Darum auch bei den Zusammengesetzten
eben so: man sagt sowohl, daß aus dem
unmusikalischen Menschen, als daß der unmusikalische
Mensch ein musikalischer wird. - Wenn übrigens
Werden auf vielfacheWeise gesagt wird, und von Einigem
nicht Werden schlechthin, sondern ein bestimmtes
Werden, Werden schlechthin aber nur von
den Wesen; so ist hinsichtlich des übrigen zwar ersichtlich,
daß etwas zum Grunde liegen muß, das da
wird: denn Größe, Beschaffenheit, Verhältniß, Zeitliches
und Räumliches hat ein Werden nur wiefern
Aristoteles: Physik 28
etwas dabei zum Grunde liegt, weil allein das Wesen
ohne anderweite Grundlage besteht, das übrige aber
alles nicht ohne das Wesen. Daß aber auch die
Wesen, und was sonst noch schlechthin Seiendes ist,
aus irgend einer Unterlage sein Werden hat, möchte
bei genauerer Betrachtung sich ergeben. Denn stets ist
etwas, das zum Grunde liegt, daraus das Werdende
wird; so die Pflanzen und die Thiere aus dem Saamen.
Es wird aber das schlechthinWerdende, theils durch
Umbildung, wie die Bildsäule aus dem Erze, theils
durch Zusetzung, wie das Wachsende, theils durch
Wegnahme, wie aus dem Steine das Brustbild, theils
durch Zusammensetzung, wie das Haus, theils durch
Umbildung, wie was sich verändert dem Stoffe nach.
Von allem aber was so wird, ist ersichtlich, daß es
aus zu Grunde liegendem wird. So daß es klar ist aus
dem Gesagten, daß das Werdende alles stets ein zusammengesetztes
ist. Es ist etwas, das da wird, es ist
aber auch etwas, das da dieses wird; und dieß ist ein
zweifaches, das zum Grunde liegende, oder das Entgegenstehende.
Ich nenne aber als entgegenstehend,
das Unmusikalische, als zum Grunde liegend, den
Menschen. Und die Ungestalt, und die Formlosigkeit
oder die Unordnung, als Entgegenstehendes, das Erz
aber, oder den Stein, oder das Gold, als zum Grunde
liegendes. Ersichtlich ist nun, wenn Ursachen und Anfänge
der natürlichen Dinge sind, aus denen als ersten
Aristoteles: Physik 29
sie sind und wurden, nicht nebenbei, sondern jedes so
zu sagen seinem Wesen nach; daß sein Werden alles
hat aus der Grundlage und der Form. Es besteht nämlich
der musikalischeMensch aus dem Menschen und
dem Musikalischen, auf gewisseWeise; denn auflösen
lassen sich die Begriffe in jene Begriffe. Klar also
möchte sein, daß das Werdende wird aus diesem. - Es
ist aber das zum Grunde liegende der Zahl nach Eins,
der Formbestimmung nach aber zwei. Was gezählt
wird, ist nämlich der Mensch und das Gold, und überhaupt
der Stoff. Denn dieß ist mehr ein Etwas, und
nicht nebenbei wird aus ihm das Werdende. Die Verneinung
aber und der Gegensatz gelten für beiläufig.
Eins aber ist die Formbestimmung wie die Ordnung,
die Musik oder irgend etwas anderes auf dieseWeise
bezeichnetes. - So kann man denn einerseits für zwei
ausgeben die Anfänge, wie z.B. das Musikalische und
das Unmusikalische, das Warme und das Kalte, das
Geordnete und das Ordnunglose; andererseits aber
nicht, indem es unmöglich ist, daß Gegentheile von
einander Einwirkungen aufnehmen. Gelöst aber wird
auch dieß dadurch, daß das zum Grunde liegende ein
anderes ist. Denn dieses ist kein Gegentheil. So daß
also weder mehre, als die entgegengesetzten Glieder,
die Anfänge gewissermaßen sind, sondern zwei, so zu
sagen der Zahl nach; noch wiederum durchaus nur
zwei, weil ihnen ein verschiedenes Sein zukommt,
Aristoteles: Physik 30
sondern drei. Denn ein verschiedenes Sein hat der
Mensch und das Nichtmusikalische; das Gestaltlose
und das Erz.
Wie viele nun die Anfänge der dem Werden unterworfenen
Naturwesen und auf welche Weise sie so
viele sind, ist besprochen worden. Und klar ist, daß
etwas zum Grunde liegen muß dem Gegensatze; die in
diesem Begriffenen aber zwei sind. Auf gewisse
Weise kann man dieß umgehen, denn hinreichend sein
mag das eine der entgegengesetzten Glieder, durch
seine Abwesenheit oder Anwesenheit die Veränderung
hervorzubringen. - Das zum Grunde liegende
Wesen aber lernt man kennen durch vergleichende
Betrachtung. Denn wie zur Bildsäule das Erz, oder
zum Stuhle das Holz, oder zu irgend einem andern
das Form hat, der Stoff und das Formlose sich verhält,
ehe es die Form annimmt, so verhält dieses sich
zu dem Wesen, und dem Etwas, und dem Seienden. -
Wir können somit Einen Anfang annehmen, der jedoch
nicht dergestalt Einer ist, wie das bestimmte
Etwas, sondern vielmehr Einer als Begriff. Ihm gegenüber
steht die Verneinung. In welchem Sinne nun
dieß zwei, und in welchem es mehre sind, ist oben gesagt
worden. Zuerst wurde ausgesprochen, daß die
Anfänge nur die Gegensätze sind. Hierauf, daß noch
ein anderes ihnen zum Grunde liegen muß, und ihrer
drei sind. Aus dem jetzt Gesagten aber ist ersichtlich,
Aristoteles: Physik 31
worin der Unterschied der Gegensätze besteht, und
wie sich die Anfänge zu einander verhalten, und was
das zum Grunde liegende ist. Ob aber Wesen die
Formbestimmung oder die Grundlage sei, ist noch
nicht klar. Aber daß die Anfänge drei, und wie sie
drei sind, und welche ihreWeise ist, ist klar. - Ueber
die Zahl nun und die Beschaffenheit der Anfänge
möge diese Betrachtung genügen.
Achtes Capitel
Daß aber einzig so gelöst wird auch der Zweifel
der Alten, wollen wir nach diesem bemerken. Indem
nämlich die ersten, die der Wissenschaft oblagen, die
Wahrheit suchten und die Natur der Dinge, wankten
sie zur Seite, gleichsam auf einen andern Weg abgeführt
durch Unerfahrenheit. So sprechen sie denn, daß
nichts von dem was ist, weder werde noch vergehe,
um der Nothwendigkeit willen, daß da werde das
Werdende entweder aus dem Seienden oder aus dem
Nichtseienden. Aus beiden aber sei es gleich unmöglich:
denn weder das Seiende möge werden; es sei ja
schon: aus dem Nichtseienden aber könne nichts werden,
denn zum Grunde liegen müsse etwas. Und so
über das sich der Reihe nach Ergebende sich verbreitend,
behaupten sie, daß es kein Vieles giebt, sondern
Aristoteles: Physik 32
allein das Seiende als solches selbst. Jene nun nahmen
diese Meinung an, wegen des Gesagten. Wir aber
behaupten, daß, ob aus Seiendem oder Nichtseiendem
etwas werde, ob das Seiende oder das Nichtseiende
etwas thue oder leide, oder irgend zu etwas werde, auf
gewisseWeise kein Unterschied ist; so wie ob der
Arzt etwas thue oder leide, oder ob aus dem Arzte
etwas sei oder werde. Denn da dieß auf beiderlei
Weise gesagt wird: warum nicht auch, daß aus dem
Seienden etwas sei, oder daß das Seiende etwas thue
oder leide? Nun bauet der Arzt nicht als Arzt, sondern
als Baumeister, und weiß wird er nicht als Arzt, sondern
als schwarzer; er heilt aber, und wird zum Nichtarzt
als Arzt. Da aber wir am eigentlichsten dann von
einem Thun oder Leiden des Arztes oder von einem
Werden aus und durch den Arzt sprechen, wenn er als
Arzt dieß leidet oder thut, so ist klar, daß auch das
Werden aus dem Nichtseinenden gleichfalls das Werden
aus diesem als Nichtseiendem bedeutet. Diesen
Unterschied nun machten jene nicht und mußten
darum abstehen. Und diese Unkunde zog so viel andere
Unkunde nach sich, daß sie an kein Werden noch
Sein des Uebrigen glaubten, sondern alle Entstehung
aufhoben.Wir aber sagen ebenfalls, es wird zwar
nichts schlechthin aus dem Nichtseienden, aber dennoch
wird etwas aus dem Nichtseienden, gleichsam
nebenbei. Aus der Verneinung nämlich, was an sich
Aristoteles: Physik 33
das Nichtseiende ist, indem etwas nicht vorhanden ist,
wird etwas. Darüber aber wundert man sich, und hält
es für unmöglich, daß da werde etwas aus dem Nichtseienden.
Eben so aber muß man sagen, daß auch
nicht aus dem Seienden das Seiende werde, außer nebenbei;
daß es nämlich auch hier auf dieselbeWeise
werde, wie wenn aus einem Thier ein Thier würde,
und aus einem bestimmten Thier ein bestimmtes
Thier, z.B. wenn ein Hund aus einem Pferde würde.
Denn es würde hiemit nicht allein aus einem bestimmten
Thiere der Hund, sondern auch aus einem
Thiere überhaupt; aber nicht wiefern er ein Thier ist,
denn vorhanden schon ist dieses. Soll aber ein Thier
werden nicht auf beiläufige Art, so muß es nicht aus
einem Thiere werden. Und soll ein Seiendes werden,
nicht aus Seiendem, aber auch nicht aus Nichtseiendem;
denn von dem Werden aus dem Nichtseienden
haben wir schon gesagt, was damit gemeint ist, nämlich
das Nichtseiende als solches. - Bei allem dem
heben wir das Sein von allem, oder das Nichtsein
nicht auf.
Eine Art, jenen zu begegnen, ist diese. Auf andere
Weise läßt sich dasselbe sagen mittelst der Begriffe
der Möglichkeit und Wirklichkeit. Dieß aber ist anderwärts
genauer bestimmt worden. So werden denn
also, wie wir bemerkten, die Zweifel gelöst, durch die
gezwungen sie einiges von dem Beigebrachten
Aristoteles: Physik 34
läugnen. Denn deshalb irrten die Früheren so weit von
dem Wege ab, der zu dem Entstehen und Vergehen
führt, und überhaupt zu aller Veränderung. - Denn
hätten sie jene Wesenheit erblickt, so würde diese alle
ihre Ungewißheit gelöst haben.
Neuntes Capitel
Berührt wohl haben sie auch einige Andere, aber
nicht genügend. Zuvörderst nämlich geben sie zu, daß
schlechthin etwas werde aus Nichtseiendem, wie Parmenides
richtig sage. Sodann erscheint es ihnen wie
der Zahl, so auch dem möglichen Inhalte nach nur als
Eines. Hierauf aber kommt sehr viel an. Wir nämlich
behaupten, daß Stoff und Verneinung ein anderes ist,
und daß von diesen das eine Nichtseiendes nur nebenbei
ist, der Stoff, die Verneinung hingegen, an sich;
das eine fast auch Wesen, der Stoff; die Verneinung
aber keinesweges. Jene aber machen zum Nichtseienden
das Große und das Kleine auf gleicheWeise: entweder
beides zumal, oder jedes von beiden besonders.
Ganz und gar eine andere ist also dieseWeise der
Dreiheit, und jene. Bis hierher nämlich drangen sie
vor, daß irgend eine Wesenheit zum Grunde liegen
muß. Diese jedoch machen sie zu Einer. Denn wenn
man auch eine Zweiheit annimmt, und sie Groß und
Aristoteles: Physik 35
Klein nennt, so bleibt sie nichts desto weniger Ein
und dasselbe. Denn die eigentlich andere übersah
man, die Verneinung. Die eine jener Wesenheiten
nämlich bleibt bestehen und ist Mitursache der Form
der werdenden Dinge. Die andere aber, Glied des Gegensatzes,
könnte gar oft, wenn man auf ihre zerstörende
Natur den Sinn gerichtet hält, ganz und gar
nicht zu sein scheinen. Setzen wir ein Göttliches und
Gutes und Begehrenswerthes, so sagen wir, daß etwas
ihm entgegengesetzt ist, ein anderes aber die Bestimmung
hat, es zu begehren und anzustreben, nach seiner
eigenen Natur. Jenen aber begegnet, daß das Entgegengesetzte
seinen eigenen Untergang anstrebt. Und
doch kann weder sich selbst begehren das Formwesen,
weil es nicht bedürftig ist, noch das Gegentheil.
Denn Untergang bringend einander gegenseitig sind
die Gegentheile. Vielmehr ist dieß der Stoff, z.B.
wenn das Weibliche das Männliche, oder wenn das
Häßliche das Schöne begehrt. Nur daß er nicht an
sich häßlich ist, sondern nebenbei, noch weiblich,
sondern nebenbei. Vergehen und Entstehen kommt
ihm von der Seite zu, von den andern aber nicht. Als
das nämlich, was in dem Andern ist, kann er an sich
untergehen; das was untergeht, ist nämlich hier die
Verneinung. Nach seiner Kraft und Möglichkeit aber,
kann er es an sich nicht, sondern er muß unvergänglich
und unentstanden sein. Denn wäre er entstanden,
Aristoteles: Physik 36
so müßte wiederum etwas zum Grunde liegen, aus
dem als einem vorhandenen er entstehen konnte. Dieß
aber ist seine eigne Natur; so daß er dann sein würde,
ehe er war. Ich nenne nämlich Stoff, das zuerst einem
Jeden zum Grunde liegende, aus dem als vorhandenem
etwas wird, nicht auf beiläufige Art, und in das
beim Vergehen alles zuletzt eingeht. So daß er in der
That stets vergeht, ohne zu vergehen.
Ueber den Anfang aber nach der Formbestimmung;
ob er Einer oder viele, und welcher oder welche es
sind, genauere Bestimmungen zu geben, ist das Geschäft
der Urwissenschaft. Es mag also bis dahin liegen
bleiben. Ueber die natürlichen aber und die vergänglichen
Formbestimmungen werden wir bei dem,
was weiterhin gezeigt werden soll, sprechen. - Daß
nun also Anfänge sind, und welche und wie viele,
möge solchergestalt uns für bestimmt gelten. Jetzt
wollen wir fortfahren, indem wir mit einem neuen Anfang
von vorn beginnen.
Aristoteles: Physik 37
Zweites Buch
Erstes Capitel
Von dem was ist, ist einiges von Natur, anderes
durch andere Ursachen. Von Natur: Die Thiere und
ihre Theile, und die Pflanzen, und die einfachen Körper,
wie Erde und Feuer und Luft und Wasser. Denn
von diesen und ihres gleichen sagen wir, sie seien von
Natur. Alles das genannte aber erscheint als unterschieden,
gegen das was nicht von Natur ist. Das von
Natur seiende nämlich erscheint sämtlich als enthaltend
in sich den Ursprung der Bewegung und des
Stillstandes, theils nach dem Raume, theils nach Vermehrung
und Verminderung, theils nach Umbildung.
Denn ein Stuhl und ein Kleid und was sonst noch dergleichen
Gattungen sind, hat, wie fern es das ist was
es genannt wird, und sein Sein der Kunst verdankt,
keinen Antrieb zu einer Veränderung inwohnend.
Wiefern es aber etwa zugleich steinern oder irden ist,
oder gemischt aus diesem, so hat es insoweit einen
solchen. So ist also die Natur ein Ursprung und Ursache
des Bewegens und Ruhens in demjenigen, worin
dieß ursprünglich auf wesentliche, nicht auf beiläufige
Weise stattfindet. Ich sage aber darum nicht auf beiläufigeWeise,
weil einer wohl sich selbst Ursache der
Aristoteles: Physik 38
Gesundheit werden und dabei ein Arzt sein kann,
ohne doch, insofern er gesund wird, seine Heilkunde
zu besitzen; sondern in beiläufigem Zusammentreffen
des Arztseins und des Gesundwerdens, weshalb auch
beides getrennt gefunden wird. In gleichem Falle ist
jedes andere Ding, das da gemacht wird. Denn keines
von diesen hat den Ursprung des Machens in sich
selbst, sondern theils in andern und außer sich, wie
das Haus und jedes andere mit Händen gefertigte
Ding; theils in sich selbst zwar, aber nicht wiefern es
dieses selbst ist; nämlich alles was nebenbei Ursache
sich selbst werden kann. Eine Natur nun ist das angegebene;
eine Natur aber hat, was einen solchen Ursprung
in sich hat. Und dieß alles ist Wesen. Denn
ein zum Grunde liegendes, und in einem zum Grunde
liegenden ist die Natur jederzeit. Naturgemäß aber ist
theils dieses, theils was diesem zukommt an sich, wie
dem Feuer die Bewegung nach oben. Dieß nämlich ist
zwar weder eine Natur, noch hat es eine Natur; natürlich
aber und naturgemäß ist es. Was also die Natur
ist, ist nun erklärt, und was das Natürliche und das
Naturgemäße.
Daß die Natur ist, beweisen wollen, wäre lächerlich;
denn es liegt am Tage, daß solcherlei viele unter
den Dingen sind. Beweisen aber das Deutliche durch
das Undeutliche mag, wer nicht versteht zu unterscheiden,
was durch sich und nicht durch sich
Aristoteles: Physik 39
verständlich ist. Daß dieß indessen gar leicht begegnen
kann, ist bald ersichtlich. Denn durch Schlüsse
könnte wohl ein Blindgeborener die Farben erkennen
wollen. Freilich werden solche nur mit Worten ihren
Begriff bilden, ohne eigentliche Erkenntnis. - Es halten
nun Einige für die Natur und für das Wesen in
dem was Natur ist, das ursprünglich in jedem Vorhandene,
an sich form- und ordnungslose; wie des
Stuhles Natur das Holz, der Bildsäule das Erz ist. Als
Beweis erwähnt Antiphon, daß, wenn ein Stuhl in die
Erde vergraben wird, und die Fäulnis dergestalt Platz
ergreift, daß ein Keim daraus hervorgeht, hieraus kein
Stuhl, sondern nur Holz wird. Hier also wäre das nebenbei
Vorhandene, der nach Satzung und Kunst herbeigeführte
Zustand; das Wesen aber jenes, welches
unausgesetzt bestehen bleibt, indem es dieß erleidet.
Wofern aber auch jedes von diesen im Verhältnis zu
einem anderen dasselbe zu erledigen pflegt, z.B. das
Erz und das Gold im Verhältnis zum Wasser, die
Knochen und Holze im Verhältnis zur Erde, auf gleiche
Weise auch jedes andere Ding: so sei jenes die
Natur und das Wesen derselben. Darum nennen einige
Erde, Andere Feuer, Andere Luft, AndereWasser,
Andere einiges von diesem, noch Andere alles dieß
die Natur der Dinge. Denn was einer hievon in diesem
Sinne auffaßt, sei es eines oder mehres, das giebt er
für den Inbegriff alles Wesens aus, das übrige aber
Aristoteles: Physik 40
für seine Zustände, Eigenschaften und Verhältnisse.
Und jenes sei alles ewig, denn es könne dasselbe
nicht aus sich herausgehen, das übrige aber entstehe
und vergehe in's unbegrenzte.
Auf eine Art also heißt die Natur diesergestalt der
erste, allem demjenigen zum Grunde liegende Stoff,
was in sich einen Ursprung von Bewegung und Veränderung
trägt. Auf andere Art aber: die Form und
wesentliche Gestalt nach dem Begriffe. Denn gleichwie
man Kunst nennt das Kunstgemäße und das
Künstliche, so auch Natur das Naturgemäße und das
Natürliche. Und wir würden weder da etwas kunstgemäßes
oder Kunst erblicken, wo nur die Möglichkeit
eines Stuhles vorhanden ist, aber die Gestalt des
Stuhles noch fehlt, noch auf entsprechendeWeise in
dem von Natur bestehenden. Denn was bloß der Möglichkeit
nach Fleisch oder Knochen ist, hat weder
seine Natur, bevor es nicht die Gestalt nach dem Begriffe
angenommen hat, deren Bestimmung uns das
Fleisch zum Fleische, oder den Knochen zum Knochen
macht, noch ist es von Natur ein solches. So daß
auf gewisseWeise die Natur wäre, von dem was in
sich einen Ursprung der Bewegung hat, die Gestalt
und die Formbestimmung, wie diese nicht trennbar
ist, außer etwa dem Begriffe nach. Was von diesem
kommt, ist nun nicht mehr eine Natur, wohl aber von
Natur. - So der Mensch. Und diese Natur ist
Aristoteles: Physik 41
gleichsam mehr Natur als der Stoff. Denn etwas, das
der Wirklichkeit nach ist, ist in vollkommnerem Sinne
es selbst, als was nur der Möglichkeit nach. Auch
wird ein Mensch aus einem Menschen, aber nicht ein
Stuhl aus einem Stuhle; weshalb man hier auch sagt,
nicht die Gestalt sei die Natur, sondern das Holz,
weil, wenn es zum Keimen gebracht wird, nicht ein
Stuhl, sondern Holz daraus wird. Unterscheidet sich
nun dergestalt Kunst und Natur, so kann auch die
Form Natur sein; denn es wird aus einem Menschen
der Mensch. Ferner was man Natur nennt als Werden,
ist ein Weg zur Natur. Denn nicht wie, was man Heilung
nennt, nicht zur Heilkunst der Weg ist, sondern
zur Gesundheit, da die Heilung zwar von der Heilkunst
aus, nicht aber zu der Heilkunst gehen muß:
nicht also verhält die Natur sich zu der Natur. Denn
die Natur in jenem Sinne ist ein Werden nicht nur aus
etwas, sondern auch zu etwas. Und zu was? Nicht zu
dem, woraus es kommt, sondern zu dem, was es
selbst schon ist. Darum ist die Form Natur. - Die
Form aber und die Natur bedeutet zweierlei. Denn
auch die Verneinung ist gewissermaßen Formbestimmung.
Ob aber die Verneinung auch ein Glied des
Gegensatzes ist in Bezug auf den einfachen Begriff
des Werdens, oder nicht ist, soll später untersucht
werden.
Aristoteles: Physik 42
Zweites Capitel
Nachdem bestimmt worden, welche Bedeutungen
hat die Natur, ist hierauf zu untersuchen, wodurch
sich der Mathematiker von dem Naturforscher unterscheidet.
Denn Ebenen und erfüllte Räume haben die
natürlichen Körper, und Größen und Puncte, welcher
Gegenstand der Betrachtung des Mathematikers sind.
Ferner, ob die Sternkunde etwas anderes ist, oder
Theil der Naturwissenschaft. Daß der Naturforscher
nur, was Sonne oder Mond ist, zu wissen habe, von
dem aber, was ihnen an sich zukommt, nichts, wäre
auffallend. Da zumal man sieht, daß, die von der
Natur handeln, auch über die geometrische Gestalt
von Mond und Sonne handeln, und auch ob kugelförmig
die Erde und die Welt, oder nicht. Mit diesen nun
beschäftigt sich auch der Mathematiker, doch nicht
wiefern es natürlicher Körper Begrenzungen sind;
noch betrachtet er das Unselbstständige, wiefern es
solchen Körpern anhängt. Darum trennt er es auch ab;
denn trennbar ist es für den Gedanken von der Bewegung,
und es ist gleichgültig und es entsteht kein
Nachteil oder Irrthum daraus, wenn man es trennt.
Unbemerkt thun dieß auch, die von den Ideen sprechen;
sie trennen das Naturwissenschaftliche ab, was
doch weniger trennbar ist als das Mathematische.
Aristoteles: Physik 43
Dieß würde sich zeigen, wenn man versuchen wollte,
beides in genaue Bestimmungen zu fassen, die natürlichen
Körper und das ihnen Anhängende. Das Ungerade
nämlich bekommt man dann und das Gerade;
und das Gerade und das Krumme. Ferner die Zahl und
die Linie und die Figur rein von Bewegung. Fleisch
aber und Knochen und Mensch nicht mehr. Denn dieß
alles wird in Bezug auf die Natur gesagt, wie lahm
vom Beine; nicht trennbar, wie der Begriff des Krummen.
Es zeigen dieß auch die der Naturwissenschaft
näher stehenden unter den mathematischen Lehren,
wie die Sehlehre, die Tonlehre, und die Sternkunde.
Denn in umgekehrtem Verhältnis auf gewisseWeise
stehen sie zur Meßkunde. Die Meßkunde nämlich
stellt über die Linie in der Natur ihre Betrachtungen
an, aber nicht wiefern sie der Natur angehört; die Sehkunde
hingegen betrachtet die mathematische Linie,
aber nicht wiefern sie mathematisch, sondern natürlich
ist.
Weil nun die Natur zwiefach ist, die Formbestimmung
und der Stoff, so müssen wir, wie wenn wir den
Begriff der Lahmheit untersuchten, also in dieser Betrachtung
zu Werke gehen: als handle es sich von solchem,
was weder ohne Stoff, noch nach dem Stoffe allein
das ist, was es ist. Denn auch hierüber hört man
mehrfach zweifeln, von welchem von den beiden, was
Natur heißt, der Naturforscher handeln soll, oder ob
Aristoteles: Physik 44
von dem, was aus beiden zugleich ist; oder wenn von
dem, was aus beiden zugleich ist, auch von jedem von
beiden. Hat also dieselbe, oder hat eine andereWissenschaft,
die eine und die andere von beiden zu erforschen?
- Blickt man auf die Alten, so könnte es scheinen,
als sei die NaturkundeWissenschaft von dem
Stoffe. Denn nur einem kleinen Theile nach berührten
Empedokles und Demokrit die Formbestimmung und
das Was des Einzelnen.Wenn aber die Kunst die
Natur nachahmt, und die nämlicheWissenschaft zu
erkennen hat sowohl die Formbestimmung als den
Stoff bis auf einen gewissen Punct (so z.B. der Arzt
die Gesundheit, und Galle und Schleim, in denen die
Gesundheit ihren Sitz hat; gleicherweise auch der
Baumeister, sowohl die wesentliche Form des Hauses,
als den Stoff, d.h. Ziegel und Holze, und eben so auch
bei dem Uebrigen): so möchte wohl auch die Naturwissenschaft
beide Naturen zu erforschen haben. Ferner
auch der Zweck und das Endziel gehört derselben,
und was durch diesen Zweck bewirkt wird. Denn die
Natur ist Endziel und Zweck. Was nämlich eine stetige
Bewegung hat und ein Ende dieser Bewegung, dem
ist dieses das Letzte und der Zweck. Weshalb auch
der Dichter lächerlicher Weise sich verleiten ließ zu
sagen:
Es hat sein Ende, wegen dessen es entstand.
Aristoteles: Physik 45
Denn es soll nicht jedes Letzte Endziel sein, sondern
das Beste, da ja auch die Künste den Stoff bilden,
die einen schlechthin, die andern aber zum nützlichen.
Und wir bedienen uns aller vorhandenen
Dinge, als wären sie unserwegen da. Denn gewissermaßen
sind auch wir das Endziel; denn in zwiefachem
Sinne spricht man von dem Zwecke, wie in den Büchern
über Wissenschaft gesagt worden. Zwei nun
sind die den Stoff beherrschenden und erkennenden
Künste: die benutzende und die der Bearbeitung vorstehende.
Und man sieht nun, warum auch die benutzende
gewissermaßen der Bearbeitung vorsteht. Sie
besitzt aber zugleich auch die Erkenntniß der Formbestimmung,
indem sie der Bearbeitung vorsteht, während
die andere vorzugweise den Stoff bearbeitet. Der
Steuermann nämlich erkennt die Form des Steuerruders
nach ihremWesen und ihrer Nothwendigkeit,
und verlangt eine solche. Ein anderer aber muß untersuchen,
welches Holz und welche Bewegungen dazu
erforderlich sind. - In dem nun, was zu Kunst gehört,
bilden wir den Stoff dem Zwecke des Werkes gemäß,
in dem Gebiete der Natur aber ist er bereits als ein so
gebildeter vorhanden. - Uebrigens ist Stoff ein Verhältnißbegriff;
denn eine andere Formbestimmung
fordert andern Stoff. - Bis wie weit nun muß der Naturforscher
die Formbestimmung und das Was kennen?
Etwa, wie der Arzt den Nerven, oder der
Aristoteles: Physik 46
Erzarbeiter das Erz, bis zu einem gewissen Grade?
Denn alles hat sein Ziel. Vielleicht bis zu dem, was
seiner Formbestimmung nach zwar selbstständig aufgefaßt
werden kann, aber doch im Stoffe ist. So der
Mensch insofern er den Menschen zeugt, und die
Sonne.Wie sich aber das Selbstständige als solches
verhält, und was es ist, ist das Geschäft der Urwissenschaft,
zu bestimmen.
Drittes Capitel
Nachdem nun dieses festgesetzt ist, ist über die Ursachen
zu handeln, wie beschaffen und wie viele der
Zahl nach sie sind. Denn da das Wissen der natürlichen
Dinge bezweckt wird; etwas zu wissen aber wir
nicht eher glauben, als bis wir sein Warum erfaßt
haben (dieß aber ist die erste Ursache erfassen); so
müssen offenbar wir es auch so halten mit Entstehung
und Untergang und mit allem natürlichen Uebergange;
auf daß wir, kennend ihren Ursprung, auf diesen
alles, was da untersucht wird, zurückzuführen suchen.
Auf Eine Weise nun heißt Ursache das, woraus als
aus einem Vorhandenen etwas entsteht; wie z.B. das
Erz Ursache der Bildsäule, und das Silber der Schaale,
und die Gattungen von diesen. Auf andere Art die
Formbestimmung und das Muster; dieß aber ist der
Aristoteles: Physik 47
Begriff, der das Was bestimmt, und die Gattungen
von diesem; z.B. für die Octaven das Verhältnis von
zwei zu drei, und überhaupt die Zahl und die durch
den Begriff gegebenen Theile. - Ferner woher der
erste Anfang der Veränderung oder der Ruhe. Auf
diese Art ist, der einen Anschlag faßt, Ursache; und
der Vater Ursache des Kindes, und überhaupt das
Thätige des Gethanen, und das Verändernde des Veränderten.
- Ferner wie das Endziel. Dieß aber ist das,
wegen dessen etwas ist. So ist des Spazierengehens
Ursache die Gesundheit; denn auf die Frage: Warum
geht er spazieren? antworten wir, um gesund zu werden,
und glauben hiemit die Ursache angegeben zu
haben. Hierher gehört auch alles, was zwischen der
ersten bewegenden Ursache und dem Zwecke in der
Mitte liegt; wie, wenn die Gesundheit der Zweck ist,
das Magerwerden, oder die Reinigung, oder die Arzneymittel,
oder die Werkzeuge; denn alles dieß ist des
Zweckes wegen; der Unterschied ist, daß das eine
Werke, das andereWerkzeuge sind.
Die Ursachen nun werden ungefähr in sovielerlei
Sinne genommen. Es geschieht aber, daß, da vielfacher
Art die Ursachen sind, auch Vieles von einem
und demselben Ursache ist nicht auf beiläufigeWeise:
z.B. die Bildsäule, die Bildhauerkunst und das Erz,
nicht in anderer Hinsicht, sondern wiefern sie Bildsäule
ist. Allein die Art ist nicht dieselbe, sondern das
Aristoteles: Physik 48
eine wirkt als Stoff, das andere als Ursprung der Bewegung.
Es ist auch Einiges sich gegenseitig Ursache;
so das Arbeiten Ursache der Geschicklichkeit, und
diese des Arbeitens; aber nicht auf dieselbeWeise,
sondern das eine als Zweck, das andere als Ursprung
der Bewegung. Sodann kann auch ein und dasselbe
von Entgegengesetztem Ursache sein. Denn was als
gegenwärtiges Ursache von diesem ist, das als abwesendes
nennen wir bisweilen Ursache vom Gegentheile,
z.B. die Abwesenheit des Steuermanns von der
Zerstörung des Schiffes, dessen Gegenwart Ursache
der Rettung war. - Alle jetzt genannten Ursachen aber
fallen unter vier Hauptgattungen. Die Buchstaben
nämlich sind von den Sylben, und der Stoff von den
bereiteten Sachen, und das Feuer und dergleichen von
den Körpern, und die Theile von dem Ganzen, und
die Voraussetzungen von der Schlußfolge als das
Woraus, Ursache. Von diesem aber wiederum Einiges
als die Grundlage, wie die Theile; Anderes als das
Was; das Ganze, und die Zusammensetzung, und die
Formbestimmung. Der Saame aber und der Arzt, und
der Anstifter und überhaupt das Thätige, alles als das
woher der Anfang der Veränderung oder des Stillstands,
und der Bewegung. - Von dem Uebrigen aber
das Endziel und das Gute. Denn der Zweck heißt das
Beste und Endziel des Uebrigen. Es kommt uns aber
hier nichts darauf an, es das Gute oder das
Aristoteles: Physik 49
Gutscheinende zu nennen.
Die Ursachen sind nun also solche und so viele der
Art nach. Unterarten aber der Ursachen sind der Zahl
nach zwar viele. Auch diese aber kann man in wenigere
zusammenfassen. Vielerlei nämlich bedeutet Ursache.
Und auch von denen, die zu Einer Art gehören,
geht eine der andern vor oder nach. So ist der Gesundheit
Ursache der Arzt und der Künstler. Und der Octaven
die Verdopplung, und die Zahl, und stets wiederum
gegen jedes, das in sich Fassende. Sodann findet
das Nebenbei auch in den Gattungen von diesen statt.
So ist der Bildsäule Ursache auf andereWeise Polykletus,
und auf andere der Bildhauer, indem nur nebenbei
der Bildhauer Polykletus ist. So auch was dieses
Beiläufige umschließt; so wie der Mensch Ursache
der Bildsäule, oder überhaupt das Lebendige. Es
ist aber auch von dem Nebenbei einiges näher, anderes
ferner, wie wenn der Weiße oder der Musikalische
Ursache der Bildsäule genannt würde. Bei allem aber
sowohl was als eigentliche, wie was als beiläufige Ursache
genannt wird, wird einiges als die Möglichkeit,
anderes als die Wirklichkeit bewirkend genannt; z.B.
von dem Bauen eines Hauses der Baumeister, oder
der bauende Baumeister. Auf gleicheWeise, wie jetzt
gesagt, spricht man auch von dem Bewirkten, z.B.
von dieser Bildsäule, oder von einer, oder auch überhaupt
von einem Bilde; und von diesem Erz, oder von
Aristoteles: Physik 50
Erz, oder überhaupt von Stoff; und bei dem Beiläufigen
eben so. Auch wird beides verflochten gesagt,
z.B. nicht Polykletus, oder der Bildhauer, sondern der
Bildhauer Polykletus. Doch alles dieß ist der Menge
nach sechs; auf zweifacheWeise aber gemeint. Denn
entweder als Einzelnes, oder als das Beiläufige, oder
als die Gattung des Beiläufigen, oder als Verflechtung
von diesen, oder schlechthin wird es so gesagt. Alles
aber entweder als Wirklichkeit, oder der Möglichkeit
nach. Der Unterschied ist dieser, daß das der Wirklichkeit
nach und im Einzelnen Thätige zugleich mit
seiner Wirkung ist oder nicht ist; z.B. dieser Heilende
mit diesem Genesenden, und dieser Baumeister mit
diesem Baue; das der Möglichkeit nach aber nicht
immer; denn es geht nicht zugleich unter das Haus
und der Baumeister. Man muß aber stets von jedem
die letzte Ursache suchen; wie auch bei dem Uebrigen;
z.B. der Mensch baut, weil er Baumeister, der
Baumeister aber nach seiner Baukunst. Dieß ist also
eine eigentliche Ursache. Und so bei Allem. Sodann
sind die Gattungen eigentlich Ursachen von Gattungen,
das Einzelne vom Einzelnen; z.B. der Bildhauer
von der Bildsäule, dieser bestimmte aber von dieser
bestimmten; und die Kräfte von Möglichem, das
wirklichWirkende aber von Wirklichem.Wie viel
nun der Ursachen, und auf welche Weise sie Ursachen
sind, möge uns zur Genüge für bestimmt gelten.
Aristoteles: Physik 51
Viertes Capitel
Es wird auch der Zufall und das Ungefähr unter der
Ursachen genannt und gesagt, daß vieles theils ist
theils wird durch Zufall und von ungefähr. Auf welche
Weise nun zu den Ursachen, von denen wir sprachen,
der Zufall gehört und das Ungefähr, und ob das nämliche
der Zufall ist und das Ungefähr, oder ein verschiedenes,
und überhaupt was da ist der Zufall und
das Ungefähr, ist zu untersuchen. Denn Einige zweifeln
sogar, ob jene sind oder nicht. Nichts nämlich geschehe
aus Zufall, sagen sie; sondern alles habe eine
bestimmte Ursache, von dem wir sagen, es geschehe
von ungefähr oder aus Zufall: so wenn jemand aus
Zufall auf den Markt komme, und treffe den er wollte
aber nicht zu treffen meinte, sei Ursache davon sein
Wille zu kommen und Marktgeschäfte zu treiben. Auf
gleicheWeise finde auch bei dem Uebrigen, was zufällig
heißt, stets eine Ursache statt, die anzugeben
sei, aber nicht Zufall. Da zumal wenn der Zufall
etwas wäre, es auffallend in der That erscheinen
müßte, und Bedenklichkeit erregen, warum doch keiner
der alten Weisen, wenn er von den Ursachen beim
Werden und Vergehen sprach, über den Zufall etwas
festsetzte. Aber, so scheint es, nichts, glaubten auch
jene, sei aus Zufall. Indeß auch dieses erregt
Aristoteles: Physik 52
Verwunderung. Denn vieles wird und ist aus Zufall
und von ungefähr von dem wir, wohl wissend, daß
jedes Ding sich zurückführen läßt auf eine Ursache
des Werdens, wie der alte Spruch sagt, der den Zufall
läugnet, dennoch alle sagen, es sei aus Zufall, während
wir bei anderem sagen, es sei nicht aus Zufall.
Darum hätten sie es auf jede Weise erwähnen sollen. -
Aber auch nicht von jenem hielten sie eines für den
Zufall, wie Freundschaft, Feindschaft, Feuer, Gedanke,
oder sonst etwas dergleichen. Auffallend nun
bleibt es, mögen sie nicht daran geglaubt, oder, obgleich
daran glaubend, ihn übergangen haben, indem
sie sogar bisweilen davon Gebrauch machen, wie Empedokles,
wenn er sagt, nicht jederzeit gehe die Luft
ihren eigenthümlichenWeg nach oben, sondern wie
es falle. Er sagt nämlich in der Weltbildung:
So nun ging sie, so traf es sich damals, oft aber
anders.
Auch von den Theilen der Thiere sagt er, daß die
meisten zufällig seien. Es giebt aber Einige, die von
diesem Himmel und dem ganzen Weltgebäude das
ungefähr Ursache nennen. Von ungefähr nämlich,
sagen sie, sei entstanden der Wirbel und die Bewegung,
die da sonderte und in diese Ordnung zurechtstellte
das All. Und gar sehr hat man eben hierüber
sich zu verwundern, wie sie behaupten, daß Pflanzen
zwar und Thiere aus Zufall weder sind, noch werden,
Aristoteles: Physik 53
sondern daß entweder die Natur, oder der Gedanke,
oder etwas ähnliches ihre Ursache sei (denn nicht,
was sich trifft, entsteht aus jedem Saamen, sondern
aus einem solchen ein Oehlbaum, aus einem solchen
aber ein Mensch), der Himmel aber und das Göttlichere
unter dem Erscheinenden von ungefähr geworden
sei, da es hier keine ähnliche Ursache gebe, wie
bei den Thieren und Pflanzen. Sollte es jedoch sich so
verhalten, so war dieses selbst einer genaueren Beachtung
werth, und es ist wohlgethan, eben hierüber einiges
zu sprechen. Denn so auffallend die Behauptung
an sich schon ist, so wird sie noch auffallender dadurch,
daß es ihr doch nicht verborgen bleibt, wie in
dem Himmel nichts von ungefähr geschieht, in demjenigen
aber, was nicht zufällig sein soll, sich manches
zufällig ereignet; da doch natürlicherweise vielmehr
das Gegentheil geschehen sollte. Es giebt aber Einige,
die für Ursache zwar den Zufall halten, aber für etwas
dem menschlichen Denken unklares, weil Göttliches
und höheren Geistern angehörendes. So daß also zu
untersuchen ist, sowohl was beides, als auch ob das
nämliche oder verschiedenes das Ungefähr und der
Zufall, und endlich, wie es sich in jene Bestimmung
der Ursachen einreiht.
Aristoteles: Physik 54
Fünftes Capitel
Zuvörderst nun, wenn wir sehen, wie einiges stets
auf dieselbeWeise geschieht, anderes wenigstens
meistentheils, so ist ersichtlich, daß von nichts unter
diesem Ursache der Zufall heißt, noch das Zufällige,
weder von dem, was aus Nothwendigkeit und immer,
noch von dem, was meistentheils geschieht. Allein
weil etwas ist und geschieht auch außer diesem, und
Alle dieß ein Zufälliges nennen, so erhellt, daß etwas
ist der Zufall und das Ungefähr. Denn wir wissen, daß
dieß oder jenes bestimmte aus Zufall, und daß das Zufällige
dieß oder jenes bestimmte ist. - Von dem aber,
was geschieht, geschieht ein Theil eines Zweckes
wegen, der andere nicht. Von jenem aber ein Theil
vorsätzlich, der andere nicht vorsätzlich; beides aber
ist in dem, was eines Zweckes wegen geschieht, begriffen.
Also ist es klar, daß auch unter demjenigen,
was weder nothwendig, noch gemeiniglich geschieht,
einiges sich befindet, bei welchem die Zweckbeziehung
statt finden mag. Es kann aber Bezug auf einen
Zweck haben sowohl was nach Ueberlegung geschieht,
als auch was von Natur. Wenn nun etwas dieser
Art nebenbei geschieht, so erblicken wir hierin
einen Zufall. Denn gleichwie das Seiende entweder an
und für sich ist, oder Anhängendes und Beiläufiges:
Aristoteles: Physik 55
so kann dieß auch hinsichtlich der Ursache der Fall
sein. So ist von dem Hause an und für sich zwar Ursache
das zur Baukunst Gehörige; nebenbei aber das
Weiße und das Musikalische. Das nun, was an und
für sich Ursache ist, ist bestimmt; das aber was nebenbei,
unbestimmt; denn Unendliches kann dem
Einen anhängen.Wie nun gesagt, wenn bei dem, was
eines Zweckes wegen geschieht, dieß vorkommt, dann
heißt es von ungefähr und aus Zufall. Der eigene Unterschied
aber dieser beiden von einander soll nachher
bestimmt werden. Jetzt aber kann soviel ersichtlich
sein, daß beide nicht ohne Zweckbeziehung sind. Z.B.
um das Geld zu empfangen, wäre jemand gekommen,
was er als Lohn erhalten sollte, wenn er es gewußt
hätte. Er kam aber nicht deswegen, sondern es traf
sich, daß er kam und dieß that, um das Geld zu erhalten;
und dieß nicht, als sei er gewohnt, an den Ort zu
kommen, oder komme aus Nothwendigkeit. Das Erhalten
als Endziel nämlich gehört nicht zu denjenigen
Ursachen, die in ihrer Wirkung enthalten sind, sondern
zu denen aus Vorsatz und Ueberlegung. Es heißt
dann, er sei aus Zufall gekommen. Wenn aber vorsätzlich
und dieserwegen, oder wenn er stets oder
meistentheils zu kommen pflegte, heißt es nicht aus
Zufall. Es erhellt also, daß der Zufall nicht anderes
ist, als die beiläufige Ursache von demjenigen, was
absichtlich und eines Zwecks wegen geschieht.
Aristoteles: Physik 56
Darum findet hinsichtlich Eines und desselben Nachdenken
und Zufall statt; denn die Absicht ist nicht
ohne Nachdenken. Unbestimmbar nun müssen die Ursachen
sein, durch die das Zufällige geschehen mag.
Daher scheint der Zufall zu dem Unbestimmten zu gehören
und unklar dem Menschen; und es kann wohl
so scheinen, als geschehe nichts aus Zufall. Alles dieß
nämlich wird ganz mit Recht gesagt; denn es ist dem
Begriffe gemäß. Denn gewissermaßen zwar findet das
Geschehen aus Zufall statt. Wie nebenbei nämlich geschieht
dieß, und es ist Ursache auf beiläufige Art der
Zufall. Schlechthin aber von nichts; z.B. von dem
Hause ist der Baumeister Ursache, nebenbei aber der
Flötenspieler. Und von dem Kommen und das Geld
Nehmen, ohne daß man deshalb gekommen ist, unbegrenzt
vieles; denn man konnte kommen, um jemand
zu sehen oder zu verfolgen, oder ein Schauspiel anzusehen,
oder fliehend. Auch zu sagen, daß der Zufall
etwas begriffloses ist, ist richtig. Denn einen Begriff
giebt es von dem, was entweder stets ist, oder meistentheils;
der Zufall aber ist in dem, was außer diesem
geschieht. So daß, da unbestimmt, was auf diese
Weise Ursache sein kann, auch der Zufall ein unbestimmbares
ist. Doch kann man bei Einigem zweifeln,
was unter dem vorhandenen Zufälligen die Ursache
ist, z.B. von der Gesundheit, der Wind, oder die Sonnenwärme,
oder nicht vielmehr das Haarabschneiden.
Aristoteles: Physik 57
Denn einige sind näher, andere entfernter unter den
beiläufigen Ursachen.
Ein guter Zufall heißt, wenn etwas Gutes sich zufällig
ereignet; ein übler Zufall oder ein Unfall aber,
wenn etwas Uebeles. Ein Glückfall aber und Unglückfall,
wenn dieses von Bedeutung ist. Darum
heißt auch, beinahe ein großes Uebel oder Gut erfahren
haben, einen Unglückfall oder Glückfall erfahren,
wenn als vorhanden es nimmt das Nachdenken: denn
was beinahe ist, scheint gleichsam um nichts entfernt
zu sein. So heißt denn auch unbeständig das Glück,
mit gutem Grunde, denn der Zufall ist unbeständig.
Weder stets nämlich noch meistentheils kann irgend
ein Zufälliges sein. Es ist nun also beides Ursache,
wie gesagt, nebenbei; der Zufall und das Ungefähr;
bei demjenigen, was sich denken läßt als geschehend
weder durchgehends noch meistentheils, und unter
diesem, was sich in der Zweckbeziehung befinden
könnte.
Sechstes Capitel
Der Unterschied aber ist, daß das Ungefähr über
mehres sich erstreckt.Was nämlich aus Zufall ist, ist
von ungefähr; dieses aber nicht alles aus Zufall. Der
Zufall nämlich und das Zufällige findet da statt, wo
Aristoteles: Physik 58
auch ein Glückfall statt finden kann, und überhaupt
ein Handeln und diesem entsprechendes Leiden.
Darum auch muß der Zufall Handlungen und was zu
ihnen gehört, betreffen. Dieß zeigt sich daran, daß er
gilt entweder für Dasselbe mit dem Glück, oder für
etwas Verwandtes. Das Glück aber ist ein Handeln
oder Leiden, nämlich ein gutes. Wer also nicht handeln
kann, kann auch nichts vom Zufall erfahren. Und
deswegen erfährt weder ein Unbeseeltes, noch ein
Thier, noch ein Kind einen Zufall, weil es keine Absicht
hat; noch begegnet ihnen ein Glückfall oder Unglückfall,
außer etwa vergleichweise, wie Protarchus
sagt, ein Glückfall sei es für die Steine, aus denen die
Altäre sind, weil sie geehrt, ihre Genossen aber mit
Füßen getreten werden. Zu leiden indessen etwas aus
Zufall, begegnet wohl auch diesen, wenn der in Bezug
auf sie Thätige einen Zufall erfährt; auf andereWeise
aber findet es hier nicht statt. - Das Ungefähr aber
auch den übrigen Thieren, und vielem Unbeseelten, so
z.B. das Pferd kam, sagen wir, von ungefähr, indem
es gerettet ward durch sein Kommen, nicht der Rettung
wegen kam. Und der Dreifuß fiel von ungefähr;
denn gestanden wohl wäre er des Feststehens wegen,
aber nicht des Feststehens wegen gefallen. Also sieht
man, daß, wenn bei dem, was schlechthin eines
Zweckes wegen geschieht, ein Umstand eintritt, der
nicht unmittelbar in der Zweckbeziehung steht,
Aristoteles: Physik 59
sondern eine äußere Ursache hat, wir dann sagen, es
geschehe von ungefähr; aus Zufall aber, wenn dieses
Ungefähr bei Absichtlichem geschieht in Bezug auf
die, die mit Absicht handeln. Verwandt mit dem Ungefähr
und gewissermaßen ihm entgegengesetzt ist
das Umsonst, welches dann gesagt wird, wenn etwas,
das eines Zweckes wegen geschieht, diesen Zweck
verfehlt; z.B. das Gehen, wenn es der Verdauung
wegen geschieht, diese aber nicht erfolgt für den Gehenden,
so sagen wir, er sei umsonst gegangen, und
sein Gang ein vergeblicher; als sei dieß das Vergebliche,
was wesentlich eines andern wegen geschah,
wenn es dieses nicht herbeiführt, wegen dessen es geschah
und wesentlich ward. Denn wollte jemand
sagen, er habe sich umsonst gebadet, weil keine Sonnenfinsternis
entstand, so würde er lächerlich sein;
denn nicht war dieses wegen jenem. Das Ungefähr ist
daher ein solches, welches seinem eignen Selbst nach
umsonst ist, indem der Zweck, dem es dienen muß,
ihm fremd bleibt. Denn nicht des Stoßens wegen fiel
der Stein herab; von ungefähr also fiel er herab, da er
auch unter solchen Umständen gefallen sein konnte,
wo das Stoßen der Zweck war. Am meisten aber ist
abgetrennt das Zufällige bei dem, was von Natur geschieht.
Denn wenn etwas außerhalb des Naturlaufes
geschieht, so nennen wir es nicht aus Zufall, sondern
eher von ungefähr geschehen. Es ist aber auch hier
Aristoteles: Physik 60
noch ein Unterschied; denn was eigentlich von ungefähr
geschieht, hat die Ursache außer sich, jenes aber
in sich. - Was nun das Ungefähr und was der Zufall
ist, ist gesagt worden, und worin beide sich unterscheiden.
Hinsichtlich der Art und Weise der Ursachen
aber, so ist beides unter den Ursachen begriffen,
die den Anfang der Bewegung bereiten. Entweder
nämlich zu den natürlichen oder zu den aus Ueberlegung
stammenden Ursachen gehört es immer. Aber
von diesen ist die Menge unbestimmt. - Da aber das
Ungefähr und der Zufall Ursache von solchem ist, von
dem der Gedanke Ursache sein könnte oder die Natur,
indem nämlich nebenbei etwas von diesen Ursache
wird; nichts Beiläufiges aber vorangeht dem an und
für sich Seienden, so erhellt, daß auch nicht, was solchergestalt
nebenbei Ursache ist, vorangehen kann
dem, was an und für sich Ursache ist. Später also ist
das Ungefähr und der Zufall sowohl gegen den Gedanken,
als gegen die Natur. Sollte demnach etwa gar
des Himmels Ursache das Ungefähr sein, so würde
nothwendig vorher Gedanke und Natur Ursache sein
müssen, wie von vielem Andern, so von diesem All.
Aristoteles: Physik 61
Siebentes Capitel
Daß nun Ursachen sind, und daß so viele der Zahl
nach, als wir sagen, ist klar. Denn so viele der Zahl
nach begreift das Warum in sich. Entweder nämlich
auf das Was wird zurückgeführt das Warum als auf
das Letzte in dem Bewegunglosen, wie in der Mathematik;
auf die Bestimmung nämlich des Geraden oder
des Gleichmaßes oder etwas ähnlichen, erfolgt zuletzt
die Rückführung; oder auf das zuerst Bewegende, wie
das Warum des Krieges, der geschehene Raub; oder
als Zweck, die Herrschaft; oder in dem was wird, der
Stoff. - Daß nun also die Ursachen diese und so viele,
ist ersichtlich. Unter diesen vielerlei Ursachen aber
muß um alle der Naturforscher wissen. Und auf alle
zurückführend das Warum, wird er auf naturwissenschaftlicheWeise
nachweisen den Stoff, die Form,
das Bewegende, den Zweck. Es treffen aber drei
davon oft in dem Einen zusammen. Das Was nämlich
und der Zweck sind Eins. Und das woher die Bewegung
zuerst, ist der Art nach dasselbe mit diesem. Der
Mensch nämlich zeugt den Menschen, und überhaupt
alles was, indem es bewegt wird, bewegt; was aber
nicht, gehört nicht mehr der Naturwissenschaft an,
denn nicht indem es in sich Bewegung, oder Ursprung
der Bewegung hat, bewegt es, sondern indem es
Aristoteles: Physik 62
unbeweglich ist. Daher drei Wissenschaften: die eine
über das Unbewegliche, die andere über das zwar Bewegte,
aber Unvergängliche, die dritte über das Vergängliche.
So geschieht zugleich demjenigen Genüge,
der das Warum auf den Stoff zurückführt, und der auf
das Was, und auf das zuerst Bewegende. Denn in
Bezug auf das Werden pflegt man meistens auf diese
Art die Ursachen zu untersuchen, daß man fragt: was
geschieht auf dieß und was hat es zuerst gemacht,
oder was erlitt es? und so der Reihe nach weiter.
Zweifach sind die auf natürliche Art bewegenden
Anfänge, von denen der eine nicht selbst ein natürlicher
ist. Denn er trägt der Bewegung Ursprung nicht
in sich selbst. Hieher gehört, wenn etwas bewegt, das
da nicht bewegt wird, wie z.B. das durchaus Unbewegliche,
und das Urerste, und das Was und die
Form. Dieß ist nämlich Endziel und Zweck. Sonach
ist also die Natur in der Zweckbeziehung, und auch
jene muß man kennen, und überhaupt auf alle Art
nachweisen das Warum; z.B. daß aus diesem das erfolgen
muß; aus diesem nämlich entweder schlechthin
oder meistentheils. Und ob dieses so sein muß, so wie
aus den Vordersätzen der Schluß. Und das dieß das
Was war; und warum es besser so: nicht bloß im Allgemeinen,
sondern nach dem Wesen jedes Einzelnen.
Aristoteles: Physik 63
Achtes Capitel
Anzugeben ist also zuvörderst, wiefern die Natur
zu den Endursachen gehört; sodann zu sprechen über
das Nothwendige, wie es sich bei dem Natürlichen
verhält. Auf diese Ursache nämlich gehen Alle zurück,
daß, da das Warme von Natur ein solches ist,
und das Kalte, und jedes andere dergleichen, dieß aus
Nothwendigkeit ist, geschieht oder wird. Denn wenn
sie auch eine andere Ursache angeben, so berühren sie
diese gleichsam nur, und verabschieden sie sogleich
wieder: der eine die Freundschaft und die Feindschaft,
der andere den Gedanken. Es fragt sich aber, was hindert,
daß die Natur nicht eines Zweckes wegen thätig
sei, oder weil es besser ist; sondern wie wenn der
Himmel regnet, nicht damit das Getreide wächst, sondern
aus Nothwendigkeit. Das Aufgestiegene nämlich
muß gefrieren und das Gefrorne zu Wasser geworden
herabfallen; daß aber, wenn dieß geschieht, das Getreide
wächst, trifft sich so nebenbei. Gleicherweise
auch, wenn jemandem verdirbt das Getreide in der
Tenne, so regnet es nicht deshalb, damit es verderbe,
sondern dieß traf sich nebenbei. Daher die Frage:
Was hindert, daß nicht eben so die Theile sich verhalten
in der Natur? Daß z.B. die Zähne aus Nothwendigkeit
wachsen, die vordern scharf, geeignet
Aristoteles: Physik 64
auseinander zu theilen, die Backenzähne breit, und
tüchtig zu zerkauen die Speise; nicht deswegen nämlich
seien sie entstanden, sondern dieß habe sich so
zugetragen. Gleicherweise auch bey den andern Theilen,
in welchen scheint statt zu finden das Weswegen.
Wo nun alles sich traf, wie wenn es zu einem Zwecke
entstanden wäre, da ward gerettet, was von ungefähr
sich so passend zusammengefunden hatte; was sich
aber nicht so traf, das ging unter, und geht unter, wie
Empedokles sagt von dem Kuhgeschlecht mit Menschenantlitz.
- Dieses nun ist es, was man einwenden
könnte, und vielleicht noch anderes dergleichen. Es
kann sich aber dieß nicht auf dieseWeise verhalten.
Denn dieß und alles, was von Natur ist, geschieht
eben entweder so, oder zum meisten; von dem aber,
was aus Zufall und von ungefähr ist, nichts. Denn
nicht dem Zufall oder irgend einem besonderen Ereigniß
schreibt man den häufigen Regen im Winter zu,
sondern eher in den Hundstagen; noch die Hitze in
den Hundstagen, sondern in dem Winter. Wenn nun
entweder ein zufälliges Ereigniß oder ein Zweck die
Ursache sein soll, dieß aber nicht, weder aus Zufall
noch von ungefähr sein kann, so muß es wohl einen
Zweck haben. Aber von Natur ist doch alles dergleichen,
wie wohl selbst diejenigen zugeben möchten,
die jenes behaupten. Folglich giebt es ein Weswegen
in dem, was von Natur geschieht und ist. Ferner worin
Aristoteles: Physik 65
ein Endziel ist, da wird in Bezug auf dieses gehandelt,
sowohl im Beginn als im Fortgang. Sollte nun nicht,
was von seiner Thätigkeit, auch von seiner Natur gelten,
und ist nicht die Natur, wenn kein Hinderniß eintritt,
das Gesetz der Thätigkeit eines Jeden? Die Thätigkeit
aber hat einen Zweck, folglich hat auch die
Natur diesen Zweck. Z.B. wenn ein Haus zu dem von
Natur Entstehenden gehörte, würde es eben so werden,
wie jetzt durch die Kunst. Und könnte umgekehrt
das Natürliche nicht nur durch Natur, sondern auch
durch Kunst entstehen, so würde es eben so werden,
wie es von Natur ist. Wegen des Einen also kann das
Andere sein. Und überhaupt vollendet die Kunst
theils was die Natur nicht zu vollbringen vermag,
theils ahmt sie sie nach. Hat nun das der Kunst Angehörige
einen Zweck, so hat einen solchen auch das der
Natur Angehörige. Denn auf gleicheWeise verhält
sich gegenseitig in dem der Kunst und in dem der
Natur Angehörigen, das Spätere zu dem Früheren.
Am deutlichsten sieht man dieß an den vernunftlosen
Thieren, die weder mit Kunst, noch mit Absicht, noch
Ueberlegung handeln. Darum zweifeln Einige, ob mit
Denkkraft, oder womit sonst ihr Werk verrichten die
Spinnen, die Ameisen und ähnliche Thiere. Man gehe
nur ein wenig weiter, und man wird auch bei den
Pflanzen solchergestalt Zweckmäßiges geschehen finden
zu einem Endziel, wie die Blätter zu der Frucht
Aristoteles: Physik 66
Bedeckung.Wenn also von Natur zugleich und eines
Zweckes wegen die Schwalbe ihr Nest macht, und die
Spinne ihr Gewebe, und die Pflanze ihre Blätter
wegen der Früchte, und die Wurzeln nicht nach oben,
sondern nach unten, zum Behuf der Nahrung: so erhellt,
daß es eine solche Ursache giebt in dem, was
von Natur geschieht und ist. Und da die Natur zwiefach
ist, einmal als Stoff, das anderemal als Form;
Endziel aber diese, und des Endziels halber das
Uebrige: so möchte diese wohl die Ursache des Weswegen
sein. Fehler aber fallen vor auch in dem, was
nach Kunst geschieht. Denn unrichtig schreiben kann
der Sprachlehrer, und unrichtig mischen der Arzt das
Heilmittel.Warum also sollten sie nicht auch in der
Natur vorfallen können? Ist also Einiges durch Kunst,
in welchem der Zweck vollständig wirkt, Anderes
aber ein Mislungenes, worin der Zweck angestrebt,
aber verfehlt wird: so verhält es sich gleichergestalt
auch in dem Natürlichen. Und die Misgeburten sind
Fehler, begangen in jenem Anstreben, eines Zweckes.
Auch in den ursprünglichen Zusammensetzungen
würden daher jene halbthierischen Ungestalten, wenn
sie nicht zu einer Bestimmung und Ziel kommen
konnten, aus der Verderbnis eines Anfangs entstanden
sein, wie jetzt des Saamens. Uebrigens muß der
Saame zuerst gewesen sein, und nicht sogleich die
Thiere; und jene weiche Masse war sonst Saame.
Aristoteles: Physik 67
Auch in den Pflanzen ist die Zweckbeziehung enthalten,
doch weniger ausgebildet. Es fragt sich daher, ob
auch in den Pflanzen, wie Kuhgeschlecht mit Menschenantlitz,
so Traubenstamm mit Olivenzweig entstand,
oder nicht. Dieß klingt wunderlich. Und doch
hätte es geschehen müssen, da es auch bei den Thieren
geschah. Es hätte ja auch schon in den Saamen
der Zufall stattfinden müssen. Ueberhaupt aber läugnet,
wer so spricht, alles Sein von Natur und die
Natur. Denn von Natur ist, was von einem in ihm
selbst enthaltenen Anfange stetig bewegt zu einem
Endziele gelangt; und zwar nicht von jedem zu dem
nämlichen, oder zu einem zufälligen; doch von jedem
einzelnen stets zu dem nämlichen, wenn nichts hindert.
Der Zweck und was des Zweckes wegen geschieht,
kann wohl auch durch Zufall geschehen, wie
man sagt, zufällig kam der Fremde und ging, nachdem
er sich gebadet hatte, wenn er nämlich gleich als sei er
deswegen gekommen, handelte; nicht aber deswegen
kam. Es war hiedurch etwas Beiläufiges ausgedrückt;
der Zufall nämlich gehört zu den beiläufigen Ursachen,
wie wir auch vorhin sagten. Dafern aber dieß
immer oder meistentheils geschieht, so geschieht es
nicht nebenbei, noch aus Zufall. In der Natur aber geschieht
es immer so, wenn nichts hindert. Sonderbarer
aber ist es, nicht glauben zu wollen, daß etwas eines
Zweckes wegen geschehe, wenn man nicht das
Aristoteles: Physik 68
Bewegende überlegen sieht. Auch die Kunst überlegt
ja nicht. Denn wäre in dem Holze die Schiffbaukunst
enthalten, so würde sie gleichergestalt mit der Natur
verfahren.Wenn also in der Kunst der Zweck erhalten
ist, so ist er auch in der Natur enthalten. Am deutlichsten
sieht man dieß, wenn jemand sich selber heilt.
Diesem nämlich gleicht die Natur. - Daß nun also Ursache
die Natur und zwar in Gestalt des Zweckes, ist
ersichtlich.
Neuntes Capitel
Der Begriff des Nothwendigen aber, beruht auf
Voraussetzungen, oder ist er ein schlechthin Gegebenes?
Zur Zeit nämlich meint man, das Nothwendige
habe sein Sein in dem Werden und Geschehen selbst.
Wie wenn einer die Mauer aus Nothwendigkeit entstanden
meinte, indem das Schwere von Natur nach
sich bewege, das Leichte aber, nach oben und außen.
Darum sind die Steine unten und was zur Grundlage
dient, die Erde oben wegen ihrer Leichtigkeit, am
meisten aber nach der Oberfläche das Holzwerk als
das Leichteste. - Dessenungeachtet ist sie zwar nicht
ohne dieses entstanden, aber auch nicht durch dasselbe,
außer dem Stoffe nach, sondern um allerhand zu
verbergen und zu erhalten. Gleicherweise auch bei
Aristoteles: Physik 69
allem Andern, worin das Weswegen vorkommt: nicht
ohne das, was die Natur der Nothwendigkeit trägt;
aber auch nicht durch dasselbe, außer in Bezug auf
den Stoff, sondern eines Zweckes wegen. Z.B. warum
ist die Säge so ein Ding? Damit dieß sei, und deswegen.
Dieses Weswegen freilich könnte nicht erfolgen,
wenn sie nicht eisern wäre. Nothwendig also wird sie
eisern sein, wenn die Säge als solche, und ihr Werk
bestehen soll. Durch Voraussetzung also ist das Nothwendige,
und nicht als Endziel. In dem Stoffe nämlich
ist die Nothwendigkeit, der Zweck aber ist in dem Begriffe.
Es ist aber die Nothwendigkeit in dem Mathematischen,
und in dem zufolge der Natur geschehenden
gewissermaßen auf ähnliche Art. Weil nämlich das
Gerade ein solches ist, so muß nothwendig das Dreieck
Winkel, gleich zwei rechten, haben. Aber nicht,
wenn dieses, so jenes. Sondern vielmehr wenn dieß
nicht ist, so giebt es gar kein Gerades. Bei dem aber,
was eines Zweckes wegen geschieht, umgekehrt:
wenn das Endziel sein soll oder ist, so wird sein oder
ist auch das Vorangehende. Und wenn nicht, wie dort
bei aufgehobenem Schlusse der Anfang nicht sein
kann, so hier das Endziel und der Zweck. Denn Anfang
ist auch dieser, nicht der Handlung, aber der Berechnung.
Dort aber giebt es nur einen Anfang der
Berechnung; denn Handlungen sind nicht.
Aristoteles: Physik 70
Soll nun also ein Haus sein, so muß das Erwähnte
geschehn oder vorhanden sein oder überhaupt sein,
oder überhaupt der Stoff selbst wegen des Zweckes,
z.B. Steine und Ziegel, so gewiß ein Haus entsteht.
Nicht jedoch durch dieses ist oder wird das Endziel,
außer nur dem Stoffe nach. Ueberhaupt indessen kann
ohne es weder das Haus sein, noch die Säge, jenes
ohne die Steine, diese ohne das Eisen. Denn auch dort
sind nicht die Anfänge, wenn nicht das Dreieck zwei
Rechte hat. Es ist also ersichtlich, daß die Nothwendigkeit
in der Natur als der Stoff und dessen Bewegungen
gilt. Und beiderlei Ursachen hat der Naturforscher
abzuhandeln; mehr aber das Weswegen. Denn
Ursache ist dieses des Stoffes, nicht aber dieser des
Endziels. Und das Endziel, das Weswegen, ist auch
zugleich der Anfang von der Bestimmung und dem
Begriffe. Gleichwie in den Künsten, weil das Haus
ein solches Ding ist, nothwendig dieß geschehen und
vorhanden sein, und weil die Gesundheit hierin besteht,
nothwendig dieß geschehen muß: so auch, wenn
der Mensch dieß sein soll, muß jenes sein, und wenn
jenes, noch jenes andere. Vielleicht aber auch im Begriffe
ist die Nothwendigkeit: indem man nämlich die
Handlung des Sägens bestimmt, daß sie eine solche
Zerschneidung ist, diese aber nicht statt finden kann,
wenn die Säge nicht solche Zähne hat, diese aber wiederum
nicht anders als eisern sein können. Denn es
Aristoteles: Physik 71
giebt auch in dem Begriffe einige Theile als Stoff des
Begriffes.
Aristoteles: Physik 72
Drittes Buch
Erstes Capitel
Da die Natur ist Ursprung von Bewegung und Veränderung,
unsere Betrachtung aber die Natur zum Gegenstande
hat, so darf nicht verborgen bleiben, was
Bewegung ist. Denn kennt man sie nicht, so kennt
man nothwendig auch die Natur nicht. Haben wir die
Bewegung abgehandelt, so müssen wir versuchen, auf
dieselbeWeise fortzufahren über das der Reihe nach
folgende. Es scheint aber die Bewegung zu gehören
zu dem Stetigen. In diesem aber zeigt sich zunächst
das Unbegrenzte. Darum wenn man das Stetige bestimmen
will, begegnet es einem häufig zu gebrauchen
den Begriff des Unbegrenzten, als sei das ins
Unbegrenzte theilbare ein Stetiges. Hieran reiht sich,
daß ohne Raum und Leeres und Zeit, keine Bewegung
ist. Es erhellt also, daß deswegen, und weil dieses von
Allem gilt und ein durchaus Allgemeines ist, wir jedes
Einzelne darunter uns vorlegen und untersuchen müssen.
Eine spätere nämlich ist die Betrachtung des Besonderen,
als die des Gemeinschaftlichen. Zuerst nun,
wie wir sagten, von der Bewegung. - Es giebt ein Sein
nicht nur als Wirklichkeit, sondern auch als Möglichkeit
und Wirklichkeit. Dieses ist entweder ein Etwas,
Aristoteles: Physik 73
oder eine Größe, oder eine Beschaffenheit, oder eine
der übrigen Grundformen des Seins. In der Form des
Verhältnisses nun ist von Ueberwiegen und Zurückbleiben
die Rede, und von Thätigem und Leidendem,
und überhaupt von Bewegendem und Bewegtem.
Denn das, was bewegt, ist ein solches in Bezug auf
das, was bewegt wird. Und was bewegt wird, wird bewegt
von dem Bewegenden. Es giebt aber keine Bewegung
außerhalb der Dinge. Denn jede Veränderung
betrifft entweder das Wesen, oder die Größe, oder die
Beschaffenheit, oder den Ort. Ein Gemeinschaftliches
über diesen ist keines zu finden, wie wir sagten, welches
weder Etwas, noch Größe, noch Beschaffenheit,
noch eine von den übrigen Grundformen wäre. Also
wäre auch keine Bewegung noch Veränderung von
etwas außer dem Genannten, da es ja nichts giebt
außer das Genannte. Jedes aber ist auf doppelte
Weise vorhanden in Allem; z.B. das Etwas, theils als
Form, theils als Verneinung. So auch nach der Beschaffenheit,
ein Theil weiß, der andere schwarz; nach
Größe, ein Theil vollständig, der andere unvollständig.
Gleicherweise nach der Ortveränderung, ein Theil
oben, der andere unten, oder ein Theil leicht, der andere
schwer. Bewegung und Veränderung haben sonach
so viel Arten, wie das Seiende. - Indem nun aber
wiederum innerhalb jeder Gattung das Seiende in das
der Wirklichkeit nach und das der Möglichkeit nach
Aristoteles: Physik 74
zerfällt: so ist die Wirklichkeit des der Möglichkeit
nach Seienden als solchen Bewegung: z.B. des Umbildsamen
als Umbildsamen, die Umbildung; der Vermehrbaren
und seines Gegentheils, des Verminderbaren
(denn es giebt keinen gemeinschaftlichen Namen
für beides) Zunahme und Abnahme; des zu Entstehenden
und zu Vergehenden, Entstehung und Untergang;
des räumlich Beweglichen, Ortveränderung. Daß aber
dieses die Bewegung ist, erhellt hieraus. Wenn das
Bauliche, wiefern wir es ein solches nennen, der
Wirklichkeit nach ist, so wird es gebaut: und es ist
dieß Bauen. Auf gleicheWeise auch Lernen, und Heilen,
uns Wälzen, und Springen, und Erweichen, und
Altern. - Da ferner bisweilen Dasselbe zugleich der
Möglichkeit und der Wirklichkeit nach ist, nicht zugleich
aber, oder nicht in derselben Hinsicht, sondern
z.B. warm der Möglichkeit, kalt der Wirklichkeit
nach; so wird Vieles wirken und leiden von einander
gegenseitig. Denn Alles muß zugleich zum Wirken
und zum Leiden geeignet sein. So ist denn auch das
auf natürliche Art Bewegende ein Bewegliches. Denn
alles solche bewegt, indem es bewegt wird, zugleich
selbst. Es meinen nun Einige, daß alles das Bewegende
bewegt wird. Indeß hierüber wird aus Anderem
sich ergeben, wie es sich verhält. Es giebt nämlich
auch ein unbewegtes Bewegende.
Die Wirklichkeit also des der Möglichkeit nach
Aristoteles: Physik 75
Seienden, wenn ein der Wirklichkeit nach Seiendes
wirkt, nicht wiefern es ein solches, sondern wiefern es
ein Bewegliches ist, ist Bewegung. Das Wiefern aber
meine ich so. Es ist das Erz der Möglichkeit nach eine
Bildsäule. Dennoch ist nicht die Wirklichkeit des
Erzes, wiefern es Erz ist, Bewegung. Nicht Dasselbe
nämlich ist, Erz zu sein, und durch irgend eine Kraft
beweglich. Denn wäre es Dasselbe schlechthin und
nach dem Begriffe, so wäre ja die Wirklichkeit des
Erzes als Erzes Bewegung. Es ist aber nicht Dasselbe,
wie gesagt. Dieß wird klar bei den Gegensätzen.
Denn gesund und krank sein können ist verschieden.
Sonst wäre krank sein und gesund sein das Nämliche;
eben so das der Gesundheit und der Krankheit zum
Grunde liegende, sei es Feuchtigkeit, sei es Blut,
Eines und dasselbe.Weil es aber nicht Dasselbe ist,
wie auch nicht Farbe Dasselbe und Sichtbares, so erhellt,
daß die Wirklichkeit des Möglichen als Möglichen
Bewegung ist. Daß sie nun dieß ist, und daß
dann Bewegung statt findet, wenn dieseWirklichkeit
eintritt, und weder früher noch später, ist klar. Es
kann nämlich jedes Ding bald wirken, bald nicht.
Z.B. das Bauliche als solches. Hier ist die Wirksamkeit
des Baulichen als solchen, Bauen. Denn entweder
dieß ist das Bauen: die Wirksamkeit des Baulichen,
oder das Gebäude. Allein sobald es ein Gebäude
giebt, giebt es kein Bauliches mehr. Gebaut aber wird
Aristoteles: Physik 76
das Bauliche. Nothwendig also ist das Bauen, die
Wirksamkeit. Das Bauen aber ist eine Bewegung.
Ganz dieselbe Darlegung wird auch auf die andern
Bewegungen passen.
Zweites Capitel
Daß richtig gesprochen worden, erhellt auch theils
aus dem, was die Andern über sie sagen, theils daraus,
daß es nicht leicht ist, sie anders zu bezeichnen.
Denn weder die Bewegung noch die Veränderung
könnte man unter eine andere Gattung bringen; und
die anders von ihr gesprochen haben, haben nichts
Richtiges beigebracht. Dieß ergiebt sich, wenn man
untersucht, was Einige aus ihr machen, wenn sie Verschiedenheit
und Ungleichheit und das Nichtseiende
die Bewegung nennen. Bei welchem Allen eben keine
Nothwendigkeit ist, daß es bewegt werde, weder
wenn etwas verschieden ist, noch wenn ungleich,
noch wenn nicht seiend. Aber auch die Veränderung
geht weder in dieses ein, noch von diesem aus mehr
als von dem Gegentheil. Der Grund, daß sie sie hierein
setzen, ist, daß sie ein Unbestimmtes zu sein
scheint, die Bewegung. Die Anfänge aber der einen
Hauptreihe sind wegen ihrer verneinenden Natur unbestimmt;
und keiner von ihnen ist weder Etwas, noch
Aristoteles: Physik 77
Beschaffenheit, noch auch unter den übrigen Grundbegriffen.
Von dem Scheine aber, daß ein Unbestimmtes
sei die Bewegung, ist Ursache, daß von den
Gattungen des Seins man weder unter die Möglichkeit,
noch unter die Wirklichkeit schlechthin sie setzen
kann. Denn weder die mögliche Größe muß nothwendig
sich bewegen, noch die wirkliche Größe. Die
Bewegung scheint somit zwar eine Wirksamkeit zu
sein, aber eine unvollkommene. Ursache ist, daß ein
Unvollkommenes ist das Mögliche, dessen Wirksamkeit
die Bewegung ist. Und darum ist es schwer auszumachen,
was sie ist. Denn entweder unter die Verneinung
mußte man sie setzen, oder unter die Möglichkeit,
oder unter die Wirksamkeit schlechthin.
Hiervon erscheint aber nichts als statthaft. So bleibt
denn also die erwähnte Auskunft übrig, daß sie Wirksamkeit
zwar sei, eine solcheWirksamkeit aber, wie
wir sagten, die schwierig zwar zu erkennen, aber
deren Sein doch statthaft ist.
Bewegt aber wird auch das Bewegende, wie gesagt,
alles, was der Möglichkeit nach beweglich und dessen
Nichtbewegung Ruhe ist. Denn bei welchem die Bewegung
stattfindet, bei diesem ist die Nichtbewegung
Ruhe. Das Wirken nämlich in Bezug auf dieses, sofern
es ein solches, ist das Bewegen selbst. Dieses
aber vollbringt es durch Berührung: so daß es zugleich
auch leidet. Darum ist Bewegung Wirklichkeit
Aristoteles: Physik 78
des Beweglichen als Beweglichen. Es geschieht dieses
aber durch Berührung dessen, welches die Kraft
zur Bewegung hat, oder des Bewegsamen; daher ist
das Wirken stets zugleich ein Leiden. Eine Formbestimmung
aber wird stets das Bewegende hinzubringen:
entweder Etwas, oder Beschaffenheit, oder
Größe, welche Anfang und Ursache der Bewegung
ist, wenn es bewegt. So macht der wirkliche Mensch
aus dem möglichen Menschen einen Menschen.
Drittes Capitel
Um auf diese Streitfrage zu kommen, so ist ersichtlich,
daß da ist die Bewegung in dem Beweglichen.
Denn Wirklichkeit ist sie von diesem, und durch das
Bewegsame. Und auch dieWirksamkeit des Bewegsamen,
ist nicht eine andere. Es muß nämlich eine
Wirklichkeit für beide geben. Denn bewegsam ist
etwas dem Vermögen nach, bewegend aber dem Wirken
nach. Aber dieseWirksamkeit bezieht sich auf
das Bewegliche. Also ist auf gleicheWeise Eine für
die Wirksamkeit beider, wie die nämliche Entfernung
von Eins zu Zwei und von Zwei zu Eins, oder wie
Bergauf und Bergab. Denn dieses ist Eines, der Begriff
jedoch ist nicht Einer. Auf gleicheWeise nun
auch mit dem Bewegenden und Bewegten. Es tritt
Aristoteles: Physik 79
indeß hier ein Zweifel hinsichtlich des Begriffes ein.
Vielleicht ist nämlich eine andereWirksamkeit für
das Thätige, eine andere für das Leidende gefordert;
die eine Thätigkeit, die andere Leidenheit;Werk und
Endziel aber bei dem einen That, bei dem andern Leiden.
Sollten nun beides Bewegungen sein, und zwar
verschiedene, so fragt sich: worin? Entweder nämlich
sind beide in dem Leidenden und Bewegten, oder die
Thätigkeit in den Thätigen, die Leidenheit in dem Leidenden.
Sollte aber auch diese Thätigkeiten heißen, so
wäre sie dem Namen nach gleich. Allein wäre dieß, so
würde die Bewegung in dem Bewegenden sein; denn
derselbe Begriff gilt dann für Bewegendes und Bewegtes.
So daß also entweder alles Bewegende bewegt
wird, oder Bewegung hat ohne bewegt zu werden.
Sind aber beide in dem Bewegten und Leidenden,
die Thätigkeit und die Leidenheit; und das Lehren
und das Lernen, zwei, wie sie sind, in dem Lernenden:
so ist erstens die Thätigkeit eines jeden nicht
in diesem gegenwärtig; sodann ist es auffallend, daß
zwei Bewegungen zugleich geschehen. Es ergeben
sich nämlich dann Umbildungen zu zweien aus einer
und in eine einzelne Formbestimmung. Aber dieß geht
nicht. Oder soll vielleicht Eine sein die Wirksamkeit?
Aber es ist widersinnig, daß zwei verschiedene Dinge
eine und dieselbeWirksamkeit besitzen; und es wird,
wenn das Lernen und das Lehren im Begriffe
Aristoteles: Physik 80
Dasselbe, und die Thätigkeit und die Leidenheit, auch
das wirkliche Lehren mit dem Lernen zu Demselben,
und das Thun mit dem Leiden; so daß wer lehrt, zugleich
alles lernen muß, und wer thut, leiden. Doch
vielleicht ist es gar nicht so sonderbar, daß die Wirksamkeit
des Einen in dem Andern sei. Es ist nämlich
das Lehren Wirksamkeit des zum Lehren Berufenen,
in etwas jedoch, und dieß nicht abgesondert, sondern
von etwas bestimmtem in etwas bestimmtem. Denn
nichts hindert, daß eine Wirksamkeit zweier Dinge
die nämliche ist; nicht dem Sein nach einerlei, wie
Kleid und Rock, sondern wie nach dem Verhältnisse
des Möglichen zum Wirkenden. Nicht also braucht
darum der Lehrende zu lernen, wenn das Leiden und
das Thun das Nämliche ist, doch nicht als sei der Begriff
derselbe, der das Was aussagt, wie bei Kleid und
Rock, sondern wie der Weg von Theben nach Athen,
und der von Athen nach Theben, wie auch zuvor gesagt
worden. Denn nicht durchaus nur Ein und dasselbe
gilt von jedem, was auf irgend eine Weise Dasselbe
ist, sondern nur von dem, was dem Sein nach Dasselbe.
So ist denn nicht, wenn das Lehren mit dem
Lernen dasselbe, auch mit den Geschäft des Lehrens
das Geschäft des Lernen dasselbe; gleichwie auch
nicht, wenn die Entfernung zweier Dinge von einander
Eine, auch das Entferntsein hier von dort, und dort
von hier, Ein und dasselbe ist. Ueberhaupt zu sagen
Aristoteles: Physik 81
aber, so ist weder das Lehren mit dem Lernen, noch
die Thätigkeit mit der Leidenheit eigentlich das Nämliche,
sondern das, worin dieses statt findet, die Bewegung.
Denn das Sein einer Wirksamkeit des einen
in dem andern und des einen durch das andere ist verschieden
dem Begriffe nach.
Was nun also die Bewegung ist, sowohl überhaupt,
als im Besonderen, ist gesagt. Man sieht nämlich
leicht, auf welche Weise bestimmt werden wird eine
jede ihrer Arten. Umbildung nämlich: die Wirklichkeit
des Umbildsamen als solchen. Oder noch bestimmter:
die des der Möglichkeit nach zu thun oder
zu leiden Geeignetes als solchen, theils überhaupt,
theils wiederum im Einzelnen, als: Bauung oder Heilung.
Auf dieselbeWeise wird auch von jedweder der
übrigen Bewegungen zu sprechen sein.
Viertes Capitel
Da die Wissenschaft von der Natur sich beschäftigt
mit Größen und Bewegung und Zeit, deren jedes
nothwendig entweder unbegrenzt oder begrenzt ist,
(wenn auch nicht eben alles entweder unbegrenzt oder
begrenzt ist; z.B. Zustand, oder Punct, denn dergleichen
braucht vielleicht zu keinem von beiden zu gehören);
so möchte es wohl obliegen dem, der von der
Aristoteles: Physik 82
Natur handelt, Betrachtungen anzustellen über das
Unbegrenzte, ob es ist oder nicht, und wenn es ist,
was es ist. Es zeigt sich, daß dieser Wissenschaft angehörig
die Betrachtung desselben ist, daraus, daß
Alle, die auf eine der Rede werthe Weise diese Theile
der Wissenschaft berührt zu haben scheinen, von dem
Unbegrenzten gehandelt haben. Und Alle setzen es als
einen Ursprung des Seienden. Die einen, wie die
Phythagoreer und Platon, an und für sich, nicht als
anhängend irgend einem andern, sondern als sei es
selbst im Wesen das Unbegrenzte. Nur die Phythagoreer
unter dem Empfindbaren; denn sie lassen nicht
selbstständig sei die Zahl; es sei aber, was außerhalb
des Himmels, das Unbegrenzte. Platon aber läßt außerhalb
keinen Körper zu, noch die Ideen, indem
diese nirgends seien; das Unbegrenzte jedoch sei sowohl
in dem Sinnlichen als in jenen. Und jene lassen
das Unbegrenzte das Gerade sein. Indem nämlich dieses
in die Mitte genommen und von dem Ungeraden
begrenzt wird, ertheilt es den Dingen die Unendlichkeit.
Es zeige sich dieß an dem, was sich begebe mit
den Zahlen; daß nämlich, wenn man die ungeraden
Zahlen der Reihe nach zu der Eins hinzusetzt, man
eine formelle Einheit (die Reihe der Quadrate) bekommt,
was außerdem nicht der Fall ist. Platon aber
nimmt zwei Unbegrenzte an; das Große und das Kleine.
- Die Naturforscher hingegen alle legen stets eine
Aristoteles: Physik 83
andere Wesenheit von den sogenannten Elementen
dem Unbegrenzten zum Grunde, z.B. Wasser oder
Luft oder das Mittlere zwischen diesen. Von denen
aber, die begrenzte Elemente annehmen, nimmt keiner
zugleich unbegrenzte an. Die aber unbegrenzte Elemente
annehmen, wie Anaxagoras und Demokrit, der
eine nach der Gleichvertheilung, der andere nach der
Allbesaamung der Gestalten, behaupten, daß durch
Berührung stetig das Unbegrenzte sei. Und jener sagt,
daß jedweder Theil auf gleicheWeise eine Mischung
sei wie das Ganze, weil man Jedwedes aus Jedwedem
werden sieht. Hieraus nämlich scheint auch jene Behauptung
zu stammen, daß zusammen einst alle
Dinge waren, z.B. dieses Fleisch und dieser Knochen,
und so jedwedes. Und also Alles, und zwar auch zugleich
der Zeit nach. Denn ein Anfang der Scheidung
ist nicht nur in jedem Einzelnen, sondern auch für
Alles. Da nämlich das, was entsteht, aus einem so beschaffenen
Körper entsteht, Alles aber seine Entstehung
hat, wenn auch nicht zugleich, so muß es auch
einen Anfang der Entstehung geben. Dieser aber ist
Einer, den jener Gedanken nennt. Der Gedanke aber
beginnt von irgend einem Anfang aus durch sein Denken
zu wirken. Es mußte demnach einst Alles zumal
sein und bewegt zu werden anfangen. - Demokrit hingegen
behauptet, daß bei dem, was das Erste ist,
keine Entstehung des Einen aus dem Andern statt
Aristoteles: Physik 84
finde. Indeß ist der gemeinschaftliche Körper selbst,
Ursprung von Allem, indem er an Größe nach seinen
Theilen, und an Gestalt sich unterscheidet.
Daß nun der Naturwissenschaft angehört diese Betrachtung,
erhellt hieraus. Mit Grund aber setzen es
Alle auch als einen Anfang. Weder umsonst nämlich
darf es dasein, noch eine andere Bedeutung haben, als
nur die des Anfangs. Denn alles ist entweder Anfang
oder hat einen Anfang. Das Unbegrenzte aber hat keinen
Anfang, denn sonst hätte es eine Grenze. Auch ist
es unentstanden und unvergänglich, indem es Anfang
ist. Denn was entstanden ist, muß ein Endziel nehmen,
und ein Ende hat aller Untergang. Darum
scheint, wie wir sagen, nicht dieses einen Anfang,
sondern das Uebrige diese zum Anfang zu haben, und
Alles von ihm umgeben und geleitet zu werden, wie
diejenigen sagen, die nicht außer dem Unbegrenzten
noch andere Anfänge annehmen, wie den Gedanken
oder die Freundschaft; ja dieses gilt für das Göttliche,
weil unsterblich und unvergänglich, wie Anaximander
sagt und die Meisten der Naturforscher. - Von dem
Sein aber des Unbegrenzten möchte die Ueberzeugung
vornehmlich aus fünf Umständen für den Betrachter
hervorgehen. Erstens aus der Zeit, denn diese
ist unbegrenzt; dann aus der Theilung der Größen,
denn es bedienen sich auch die Mathematiker des Unbegrenzten.
Ferner daß nur so nie ausgeht Entstehung
Aristoteles: Physik 85
und Untergang, wenn es ein Unbegrenztes giebt,
woher genommen wird das Werdende. Ferner, daß
das Begrenzte stets an etwas grenzt; so daß es nothwendig
keine äußerste Grenze giebt, wenn stets grenzen
muß Eines an das Andere. Am meisten aber und
hauptsächlich, was die gemeinschaftliche Verlegenheit
erregt in Allen. Weil nämlich das Denken kein
Ende findet, darum gilt die Zahl für unbegrenzt, und
die mathematischen Größen, und was außerhalb des
Himmels. Ist aber unbegrenzt dieses Außerhalb, so
meint man einen unbegrenzten Körper zu haben, und
unbegrenzteWelten. Denn warum mehr Leeres da als
dort? Ist irgendwo ein Erfülltes, so muß es ja doch allenthalben
sein. Und ist einmal ein Leeres und ein
Raum unbegrenzt, so muß es auch einen unbegrenzten
Körper geben. Denn das Können ist von dem Sein
nicht unterschieden in dem Einigen. - Es hat aber ihre
Bedenklichkeiten die Betrachtung des Unbegrenzten.
Denn sowohl wenn man setzt, es sei nicht, folgt Vieles
als unmöglich, als auch wenn man setzt, es sei.
Ferner fragt sich, auf welche Weise es ist, ob als
Wesen, oder als an und für sich Unhängendes irgend
einer Wesenheit, oder auf keine von beiden Weisen,
aber so, daß es nichts desto weniger ein Unbegrenztes
gebe, oder Unbegrenzte an Menge. Vornehmlich hat
der Naturforscher zu betrachten, ob es eine empfindbare
Größe als unbegrenzte giebt.
Aristoteles: Physik 86
Zuerst nun ist zu bestimmen, wie viel Bedeutungen
hat das Unbegrenzte. Auf Eine Seite nun heißt es: was
man zwar nicht durchgehen kann, weil es nicht geschaffen
ist zum Durchgehen; gleichwie die Stimme
unsichtbar. Auf andere Art aber: wodurch der Durchgang
nicht vollendet werden kann, oder kaum; oder
was zwar haben sollte aber doch nicht hat die Fähigkeit
durchgangen zu werden, oder eine Grenze. Ferner
ist alles Unbegrenzte dieß entweder nach Zusatz, oder
Theilung, oder beides.
Fünftes Capitel
Daß nun trennbar sei das Unbegrenzte von dem
Empfindbaren, ist, dafern an und für sich etwas unbegrenzt
sein soll, nicht statthaft.Wenn nämlich weder
eine Größe noch eine Menge, sondern ein Wesen dieses
an sich Unbegrenzte ist, und nicht ein Anhängendes,
so muß es untheilbar sein. Denn das Theilbare ist
entweder stetige Größe, oder Menge. Ist es aber untheilbar,
so ist es nicht unbegrenzt, außer wie die
Stimme unsichtbar. Aber auf dieseWeise meinen es
weder diejenigen, welche das Sein des Unbegrenzten
behaupten, noch suchen wir es, sondern als Undurchgängliches.
Ist aber nur als Anhägendes das Unbegrenzte,
so wäre es nicht ein Grundwesen der Dinge
Aristoteles: Physik 87
als Unbegrenztes; so wie auch nicht das Unsichtbare
der Sprache, obgleich die Stimme unsichtbar ist. -
Nun weiter wie vermag etwas an sich das Unbegrenzte
zu sein, wenn nicht auch Zahl und Größe, von
denen an sich ein Zustand das Unbegrenzte ist? Weniger
noch ist es ein solches nothwendig, als die Zahl
und die Größe. Man sieht aber auch hieraus, daß nicht
vermag zu sein das Unbegrenzte, als ein der That
nach Seiendes, und als Wesen und Ursprüngliches. Es
wird alles, was man von ihm nimmt, ein Unbegrenztes,
wofern es theilbar ist. Denn dem Unbegrenzten
anzugehören und Unbegrenztes zu sein, ist einerlei,
dafern Wesen ist das Unbegrenzte, und nicht einem
zum Grunde liegenden angehörend. So wäre es dann
entweder untheilbar, oder in solche Theile, die selbst
Unbegrenzte sind, theilbar. Allein viele Unbegrenzte
kann doch nicht das Eine und selbe sein. Und demnach,
wie Theil der Luft Luft ist, so auch Unbegrenztes
des Unbegrenzten, wenn es Wesen ist und Ursprüngliches.
Unzusammengesetzt also müßte es sein
und untheilbar. Dieß aber kann unmöglich das der
Wirklichkeit nach Unbegrenzte sein. Denn eine Größe
ist dieß nothwendig. - Auf Art eines Anhängenden
also besteht das Unbegrenzte. Aber wenn so, so ist
gesagt worden, daß man es nicht darf Ursprüngliches
nennen; sondern vielmehr jenes, dem es anhängt, wie
Luft oder das Gerade. So daß also sonderbar wohl
Aristoteles: Physik 88
sich diejenigen ausdrücken, die so, wie die Pythagoreer,
davon reden. Denn zugleich zu einem Wesen machen
sie das Unbegrenzte, und behaupten seine Theilbarkeit.
Doch vielleicht gehört diese Untersuchung mehr
dem Allgemeinen an, ob das Unbegrenzte zufällig sei
auch in dem Mathematischen, in dem Gebiete des reinen
Gedankens, und in dem, was keine Größe hat.
Wir aber fragen von dem Empfindbaren und von dem,
worauf wir hier ausgehen, ob es in ihm giebt oder
nicht giebt einem Körper unbegrenzt in Bezug auf die
Vermehrung. Dem bloßen Begriffe nach betrachtet,
könnte es ungefähr aus Folgendem scheinen, keinen
zu geben. Wenn der Begriff eines Körpers ist, das auf
einer Fläche Bestimmte, so möchte es keinen unbegrenzten
Körper geben, weder denkbaren, noch empfindbaren.
Ja auch keine Zahl zugleich für sich bestehend
und unbegrenzt. Denn Zählbares ist die Zahl
oder was Zahl hat. Wenn nun das Zahlbare gezählt
werden mag, so müßte auch durchgegangen werden
können das Unbegrenzte. - Mehr naturwissenschaftlich
betrachtet aber aus diesem. Weder ein zusammengesetzter
darf es sein, noch ein einfacher, denn als
zusammengesetzten zwar wird es keinen unbegrenzten
Körper geben, wenn begrenzt an Menge seine Elemente
sein sollen. Denn es müßten dann mehre sein,
und im Gleichgewicht stets die entgegenstehenden,
Philosophie Schülerbibliothek
Aristoteles: Physik 89
und keines unter ihnen ein unbegrenztes. Denn wenn
auch irgendwie die Kraft des einen Körpers geringer
ist als die des andern, z.B. wenn, das Feuer als begrenzt,
die Luft als unbegrenzt gesetzt, ein Theil
Feuer ein gleiches Theil Luft um ein gewisses Maß an
Kraft übertrifft, nur daß dieses Maß ein durch Zahl
ausdrückbares ist: so ist dennoch ersichtlich, daß der
unbegrenzte Körper überwältigen und aufzehren wird
den begrenzten. Daß aber jeder Bestandtheil unbegrenzt
sei, ist unmöglich. Denn ein Körper ist, was
eine nach allen Seiten bestimmte Ausdehnung hat; das
Unbegrenzte aber, das unendlich Ausgedehnte: so daß
der unbegrenzte Körper nach allen zu ausgedehnt sein
wird ins Unbegrenzte. Aber auch nicht ein einiger und
einfacher sein kann der unbegrenzte Körper, weder
so, wie Einige das außerhalb der Elemente beschreiben,
woraus sie diese entstehen lassen, noch schlechthin.
Es giebt nämlich Einige, die dieß das Unbegrenzte
sein lassen, und nicht Luft oder Wasser, damit
nicht das Uebrige zu Grunde gehe unter ihrem Unbegrenzten.
Denn diese Dinge stehen zu einander im
Gegensatz, z.B. die Luft ist kalt, das Wasser naß, das
Feuer warm; wäre also Eines von ihnen unendlich, so
wäre es geschehen um das Uebrige. So aber sagen sie,
es sei ein anderes, vor und über diesen. Es kann aber
kein solches sein, nicht nur als Unbegrenztes (denn
hierüber gilt ein gleiches von allem zusammen, der
Aristoteles: Physik 90
Luft, dem Wasser und jedem andern), sondern, weil
es gar keinen solchen empfindbaren Körper außer den
sogenannten Elementen giebt. Denn woraus jedes
Ding ist, darein wird es auch aufgelöst; so daß also
hier außer Luft, Feuer, Erde und Wasser noch ein anderes
sein müßte. Aber auch weder Feuer noch irgend
ein anderes der Elemente kann ein unbegrenztes sein.
Ueberhaupt nämlich und unabhängig von der Unbegrenztheit
eines unter ihnen, kann unmöglich das All,
auch wenn es begrenzt wäre, eines derselben sein oder
werden, wie Heraklit sagt: Alles werde einst Feuer.
Dasselbe gilt auch von dem Einen, wie es außerhalb
der Elemente die Naturforscher bestehen lassen. Denn
alles verwandelt sich aus dem Gegentheil in das Gegentheil,
wie aus Warmem in Kaltes.
Es muß aber im Allgemeinen noch aus Folgendem
zugesehen werden, ob es möglich oder nicht möglich
ist, daß es einen empfindbaren unbegrenzten Körper
gebe. Daß nun ganz unmöglich ist das Sein eines
empfindbaren unbegrenzten Körpers, ist hieraus klar.
Es ist allem sinnlichWahrnehmbaren wesentlich, irgendwo
zu sein, und es hat seinen Ort jedes Ding.
Und der nämliche ist der Ort des Theils und des Ganzen,
z.B. der ganzen Erde und der einzelnen Scholle,
des Feuers und des Funkens.Wenn nun also der Körper
ein gleichartiger ist, so wird er entweder unbeweglich
sein, oder stets bewegt werden. Allein dieß
Aristoteles: Physik 91
ist unmöglich. Denn worin soll hier das Oben und
Unten, und jedes räumliche Verhältniß bestehen? Ich
meine es aber so. Setzen wir als Theil von ihm, eine
Scholle.Wo soll diese sich bewegen, oder wo verweilen?
Denn der Raum des Körpers, dem sie angehört,
ist ein unbegrenzter. Soll sie nun in diesem ganzen
Raume gleichmäßig ihre Stelle haben? Und wie soll
dieß zugehen? Welche also und wo ist ihre Bewegung?
Soll sie überall stehen bleiben können? So
wird sie sich nicht bewegen. Oder soll sie sich überall
hin bewegen? So wird sie nie still stehen. - Ist aber
ungleich das Ganze, so werden ungleich auch die
Räume sein. Zuvörderst nun ist dann nicht auf andere
Art Einer der Körper des Ganzen, als durch Berührung.
Sodann sind entweder begrenzt seine Bestandtheile
oder unbegrenzt in ihrer Formbestimmung. Begrenzt
nun können sie nicht sein. Denn es müssen,
wenn nicht alle, doch einige unbegrenzt sein, wenn
das Ganze unbegrenzt ist, z.B. das Feuer oder das
Wasser. Untergang aber ist so etwas seinem Gegentheile,
wie zuvor gesagt. Darum auch hat keiner von
den Naturforschern das Eine und Unbegrenzte Feuer
sein lassen oder Erde; sondern entweder Wasser, oder
Luft, oder das Mittlere zwischen ihnen, weil der Ort
von jenen beiden sich als ein bestimmter zeigte, diese
aber sich gleichgültig verhalten hinsichtlich des Oben
und Unten. - Sind sie aber unbegrenzt und einfach, so
Aristoteles: Physik 92
sind auch die Räume unbegrenzt, und es giebt unbegrenzte
Elemente. Ist aber dieses unmöglich, und sind
begrenzt die Räume, so muß auch das Ganze begrenzt
sein. Denn nicht kann man als ungleich denken den
Raum und den Körper. Weder nämlich ist der ganze
Raum größer, als so weit auch der Körper mit ihm zugleich
sein kann, (ist er aber mit ihm zugleich, so ist
er nicht unbegrenzt), noch der Körper größer als der
Raum. Denn in dem einen Fall entstünde ein Leeres,
in dem andern ein Körper mit der Bestimmung, nirgends
zu sein.
Anaxagoras aber spricht seltsam über das Feststehen
des Unbegrenzten. Er sagt nämlich, daß sich
selbst feststelle das Unbegrenzte; und dieß, weil es in
sich ist. Denn nichts anderes umgiebt es, so daß es an
einem durch das Dasein irgend eines Dinges bezeichneten
Orte seiner Natur nach sein müßte. Dieß aber
ist nicht wahr. Denn es könnte ja irgendwo sein durch
Gewalt, und nicht vermöge seiner Natur. Soll sich
nun einmal nicht bewegen das Ganze (denn das sich
in sich Befestigende und in sich Seiende muß ein Unbewegliches
sein), so wäre doch jedenfalls zu sagen,
warum es so bewegungslos beschaffen sein muß.
Nicht genügt es nämlich, mit solcher Rede abzubrechen.
Denn es könnte ja wohl auch irgend etwas Anderes
geben, was nicht sich bewegte, wobei nichts
hindert, daß dieses seiner eignen Natur nach zur
Aristoteles: Physik 93
Bewegung nicht geeignet wäre. Hat ja doch auch die
Erde keine räumliche Bewegung, und wenn sie unbegrenzt
wäre; darum jedoch, weil sie von dem Mittelpuncte
zurückgehalten wird. Also nicht, als wäre
nichts Anderes vorhanden, wohin sie sich bewegen
könnte, sondern in der That ihrer Natur nach. Hier
könnte man nun mit demselben Rechte sagen, daß sie
sich selbst feststellte. Kann dieß aber bei der Erde
nicht als Ursache gelten, auch vorausgesetzt, sie sei
unbegrenzt, sondern vielmehr ihre Schwere, indem
das Schwere feststeht in dem Mittelpunct, und die
Erde feststeht in dem Mittelpunct: so steht auf gleiche
Weise auch das Unbegrenzte in sich fest aus irgend
einer andern Ursache, und nicht, weil es unbegrenzt
ist und sich selbst feststellt. - Zugleich aber erhellt,
daß dann auch jedweder Theil feststehen müßte. Wie
nämlich das Unbegrenzte auf sich selbst beruht,
indem es sich feststellt, eben so wird auch, wenn man
irgend einen Theil von ihm nimmt, dieser auf sich beruhen.
Denn von dem Ganzen und dem Theile sind
gleichartig die Orte; z.B. von der ganzen Erde und der
Scholle das Unten, und von allem Feuer und dem
Funken das Oben. So daß, wenn des Unbegrenzten
Ort in sich selbst ist, auch des Theiles Ort derselbe
sein und dieser also feststehen würde in sich selbst. -
Ueberhaupt aber erhellt, daß es unstatthaft ist, zugleich
einen unbegrenzten Körper anzunehmen, und
Aristoteles: Physik 94
das Sein eines Ortes für die Körper, daraus, daß jeder
empfindbare Körper entweder Schwere hat oder
Leichtigkeit, und wenn er schwer ist, nach dem Mittelpuncte
von Natur hat die Bewegung, wenn aber
leicht, nach oben. Nothwendig nämlich auch der unbegrenzte
Körper. Dennoch aber kann er nicht, weder
ganz eine oder die andere von beiden, noch nach seinen
Hälften jede von beiden Bewegungen erleiden.
Denn wie will man hier unterscheiden; oder wie soll
von dem Unbegrenzten dieses Oben, jenes Unten,
oder ein Aeußerstes oder Mittleres sein? Uebrigens ist
jeder empfindbare Körper im Raume; der Raum aber
hat zu Arten und Unterschieden das Oben und Unten,
und Vorn und Hinten, und Rechts und Links; und
diese Bestimmungen gelten nicht bloß in Bezug auf
uns, und dem Verhältnisse nach, sondern in dem Ganzen
selbst. Nicht aber kann dieß in dem Unbegrenzten
stattfinden. Ein für allemal aber, wenn es keinen unbegrenzten
Ort geben kann, an einem Orte aber jeder
Körper sein muß, so kann es auch keinen unbegrenzten
Körper geben. Nun ist der Raum als Art und
Weise des körperlichen Seins wesentlich Ort, und der
Ort Raum. Wie also das Unbegrenzte keine Größe
sein kann; denn eine Größe ist z.B. was zwei Ellen
oder drei Ellen hat; dergleichen nämlich bezeichnet
der allgemeine Ausdruck Größe: so gilt dieß auch von
dem Sein an einem Orte, d.h. dem räumlichen Sein,
Aristoteles: Physik 95
dieß aber ist das Oben oder Unten, oder in einer andern
der sechs Richtungen. Alles dieß aber bezeichnet
eine Begrenzung. Daß es nun also der That nach keinen
unbegrenzten Körper giebt, ist hieraus ersichtlich.
Sechstes Capitel
Daß aber, wenn es nichts Unbegrenztes schlechthin
giebt, viele Unmöglichkeiten entstehen, ist klar. Die
Zeit bekommt dann einen Anfang und Ende, und die
Größen hören auf, theilbar in Größen zu sein, und
keine Zahl mehr ist unbegrenzt.Wenn aber nach diesen
Bestimmungen keines von beiden als statthaft erscheint,
so bedarf es eines Vergleiches, und es erhellt,
daß auf gewisseWeise ein Unbegrenztes ist, auf gewisseWeise
aber nicht. Es heißt nämlich Sein, theils
der Möglichkeit, theils der Wirklichkeit nach. Und
das Unbegrenzte hat sein Sein in der Zusetztung, hat
es aber auch in der Wegnahme. Von der Größe nun
ist, daß sie der That nach nicht unbegrenzt, gesagt
worden. In der Theilung aber ist sie es. Denn nicht
schwer ist es zu nichte zu machen die untheilbaren Linien.
Bleibt also übrig, daß es der Möglichkeit nach
gebe ein Unbegrenztes. Man muß aber das der Möglichkeit
nach Seiende nicht so nehmen, als sei, gleichwie,
was möglicherweise eine Bildsäule wäre, dieß
Aristoteles: Physik 96
auch werden müßte eine Bildsäule, so auch unbegrenzt
nur, was es der That nach wird. Sondern da
vielfache Bedeutungen das Sein hat, wie z.B. der Tag
ist, und das Kampfspiel, indem immer und immer ein
anderes wird, so auch das Unbegrenzte. Denn auch
bei jenem findet ein Sein sowohl der Möglichkeit als
der Wirklichkeit nach statt. Die olympischen Spiele
nämlich sind, theils insofern der Wettkampf geschehen
kann, theils insofern er geschieht. Auf verscheideneWeise
aber zeigt sich das Unbegrenzte theils in
der Zeit, theils in Bezug auf die Menschen, theils bei
der Theilung der Größen. Ueberhaupt nämlich besteht
zwar darin das Unbegrenzte, daß immer und immer
von ihm etwas anderes genommen wird, und daß das
Genommene zwar stets ein begrenztes ist, aber stets
ein anderes und wieder ein anderes. [Uebrigens wird
Sein auf mehrfacheWeise gesagt, so daß man das Unbegrenzte
nicht nehmen darf als ein bestimmtes
Etwas, wie Mensch oder Haus, sondern wie Tag gesagt
wird, und der Wettkampf, denen das Sein nicht
als Wesen zukommt, sondern in stetem Entstehen und
Vergehen, wenn auch als begrenztes, doch als stets
anderes und anderes.] Aber bei den Größen bleibt das
Genommene bestehen, indem dieß geschieht, bei den
Menschen aber und der Zeit geht dieß unter, dergestalt
jedoch, daß es nicht ausgeht. - Das nach Zusetzung
aber ist gewissermaßen das nämliche wie das
Aristoteles: Physik 97
nach Theilung. Denn es entsteht an dem Begrenzten
durch Zusetzung auf umgekehrt entsprechendeWeise.
Was nämlich als Theilung in das Unbegrenzte erscheint,
dasselbe kann man auch als wiederholte Zusetzung
ansehen zu einem Begrenzten.Wenn man
nämlich in der begrenzten Größe einen bestimmten
Theil nimmt, und dann nach demselben Verhältnisse,
aber nicht denselben Theil des Ganzen hinzu nimmt,
so durchgeht man nicht die endliche Größe. Wenn
man aber das Verhältnis dergestalt ändert, daß man
stets dieselbe Größe bekommt, so durchgeht man sie,
weil alles Begrenzte durch jedwedes bestimmte gedeckt
werden kann.
Auf andere Art nun nicht, auf diese aber giebt es
ein Unbegrenztes: der Möglichkeit und der Zerfällung
nach. Auch der Wirklichkeit nach wohl ist es: so wie
wir von dem Tage sagen, er sei, und von dem Wettkampfe.
Und der Möglichkeit nach so, wie der Stoff;
und nicht an sich, wie das Begrenzte. Auch nach Zusetzung
also giebt es solchergestalt ein Unbegrenztes
der Möglichkeit nach, von welchem wir sagen, es sei
das nämliche gewissermaßen mit dem nach Theilung.
Stets nämlich hat es einen Theil seiner selbst außer
sich. Nie jedoch übersteigt es alle bestimmte Größe,
wie es bei der Theilung alles bestimmte übersteigt,
und kleiner wird. - So vermag es denn Alles zu übersteigen
durch Zusetzung auch der Möglichkeit nach
Aristoteles: Physik 98
nicht; wenn es nicht vielleicht auf beiläufige Art ein
der Wirklichkeit nach Unbegrenztes giebt, wie die
Naturforscher von dem Körper außerhalb der Welt,
dessen Wesen Luft oder etwas anderes Aehnliches ist,
als von einem Unbegrenzten sprechen. Allein wenn
solchergestalt nicht zu sein vermag ein der Wirklichkeit
nach unbegrenzter, sinnlich wahrnehmbarer Körper,
so ist ersichtlich, daß er auch nicht der Möglichkeit
nach durch Zusetzung sein wird, außer, wie gesagt,
entsprechend der Theilung. Nahm ja auch Platon
aus diesem Grunde zwei Unbegrenzte an, weil sowohl
bei der Vermehrung ein Uebertreffen und ins Unbegrenzte
gehen statt zu finden scheint, als bei der Zerlegung.
Er macht jedoch von diesen zweien, die er annahm,
keinen Gebrauch. Denn weder findet sich in
seinen Zahlen das Unbegrenzte nach der Zerlegung,
noch nach der Vermehrung. Bis zur Zehn nämlich läßt
er die Zahl gehen.
Es findet sich nun, daß das Gegentheil das Unbegrenzte
ist von dem, was man sonst sagt. Nicht nämlich
was nichts außer sich, sondern was stets etwas
außer sich hat, dieses ist das Unbegrenzte. Es zeigt
sich dieß darin, daß man auch die Ringe unbegrenzt
nennt, die keinen Kasten haben, weil man stets an
ihnen etwas neues hinzunehmen kann: ein von einer
gewissen Aehnlichkeit hergenommener Ausdruck, jedoch
kein eigentlicher. Denn es wird erfordert, daß
Aristoteles: Physik 99
sowohl dieß statt finde, als auch, daß nie das Nämliche
hinzugenommen werde. Bei der Kreislinie aber
geschieht es nicht so, sondern stets das zunächst Folgende
nur ist ein anderes. - Unbegrenztes also ist
dieß, was, wenn man es der Größe nach nimmt, stets
etwas außer sich hinzuzunehmen giebt. Was aber
nichts außer sich hat, das ist ein Vollendetes und
Ganzes. So nämlich bestimmen wir das Ganze: dem
in Bezug auf seine Theile nichts fehlt, z.B. der ganze
Mensch oder das Geräth. Wie wir aber den Begriff im
Besondern bestimmen, so auch rein und eigentlich;
z.B. das Ganze: was nichts außer sich hat. Was aber
etwas außer sich hat, das ihm fehlt, dieß alles nicht;
was auch fehlen mag. Das Ganze aber und Vollendete
ist entweder das Nämliche durchaus, oder von verwandter
Natur. Vollendet aber ist nichts, was nicht
ein Endziel hat; das Endziel aber ist Grenze. Darum
ist für besser zu achten, was Parmenides sagt, als was
Melissus. Dieser nämlich sagt: das Unbegrenzte sei
das All, jener aber, das All sei begrenzt:
Von der Mitte durchaus sich gleich gewachsen.
Denn nicht wie einen Faden mit einem Faden, darf
man zusammenknüpfen mit dem All und Ganzen das
Unbegrenzte.
Freilich leitet man hieraus die hoheWürde für das
Unbegrenzte: das was Alles umgiebt und das was
Alles in sich faßt, daß es eine gewisse Aehnlichkeit
Aristoteles: Physik 100
mit dem All hat. Es ist nämlich das Unbegrenzte der
Stoff für die Vollendung der Größe, und das All der
Möglichkeit, nicht aber der Wirklichkeit nach. Theilbar
ist es sowohl der Zerlegung als dieser entsprechend
der Zusetzung nach. Ganzes aber und Begrenztes
ist es nicht an sich, sondern in Bezug auf Anderes.
Und es umgiebt nicht, sondern wird umgeben, wiefern
es Unbegrenztes. Darum ist es auch unerkennbar als
Unbegrenztes. Denn keine Formbestimmung hat der
Stoff. So sieht man denn, daß vielmehr Begriff eines
Theiles das Unbegrenzte ist, als Begriff eines Ganzen.
Denn Theil ist der Stoff des Ganzen, wie das Erz der
ehernen Bildsäule. Sollte aber etwa in dem sinnlich
Wahrnehmbaren das Große und das Kleine das Denkbare
umgeben, so müßte es dieß auch in dem Gebiete
des Gedankens. Seltsam aber wäre es und unzulässig,
daß das Unerkennbare und Unbestimmte umgeben
und bestimmen sollte.
Siebentes Capitel
Begriffgemäß ist es auch, daß der Zusetzung nach
kein Unbegrenztes dergestalt zu sein sich zeigt, daß
es alle Größe übertrifft; wohl aber der Theilung nach.
Denn umfaßt und erhalten wird, wie der Stoff, so auch
das Unbegrenzte. Das Umgebende aber ist das
Aristoteles: Physik 101
Formwesen. Mit Recht sagt man auch, daß in der
Zahl zwar es nach dem Minder eine Grenze gebe;
nach dem Mehr aber ein stetes Uebertreffen jedweder
Menge statt finde. Bei den stetigen Größen aber umgekehrt:
nach dem Minder nämlich übertreffen sie jedwede
Größe, nach dem Mehr aber gebe es keine unbegrenzte
Größe. Der Grund ist, daß das Eins untheilbar
ist in allem, was eins; z.B. der Mensch ist Ein
Mensch, und nicht viele. Die Zahl aber ist eine Mehrheit
von Einsen, und eine aus ihnen bestehende
Größe. Darum muß man hier stehen bleiben bei dem
Untheilbaren. Denn die Zwei und Drei sind abgeleitete
Namen, eben so auch jede der übrigen Zahlen.
Nach dem Mehr aber kann man stets hinzudenken.
Denn unbegrenzt sind die Zertheilungen der stetigen
Größe: es giebt also der Möglichkeit nach zwar ein
letztes, der That nach aber nicht. Sondern stets übertrifft
das Genommene alle bestimmte Anzahl. Es läßt
sich aber hier die Zahl nicht trennen von der Zertheilung.
Und kein bleibendes Sein hat die Unbegrenztheit,
sondern ein Werden, wie die Zeit und die Zahl
der Zeit. Bei den stetigen Größen aber findet das Gegentheil
statt. Getheilt nämlich zwar wird ins Unbegrenzte
das Stetige; nach dem Mehr aber ist es nicht
unbegrenztes. Denn wie weit etwas vermag der Möglichkeit
nach zu sein, so weit vermag es auch der That
nach zu sein. Weil es also keine unbegrenzte, sinnlich
Aristoteles: Physik 102
wahrnehmbare Größe giebt, so kann es auch kein
Uebertreffen jeder bestimmten Größe geben. Denn
dann gäbe es etwas, das größer als der Himmel wäre.
Das Unbegrenzte ist aber nicht das nämliche in Bewegung
und Größe und Zeit, wie eine einzelneWesenheit;
sondern das eine heißt so, wiefern es von dem
andern abgeleitet ist. So heißt Bewegung so, weil sie
die stetige Größe voraussetzt, nach der die Bewegung
oder Umbildung oder Vermehrung geschieht. Die Zeit
aber wiederum von der Bewegung. Alle diese Begriffe
wenden wir jetzt vorläufig an; späterhin werden wir
suchen zu erklären, sowohl was jeder von ihnen ist,
als auch, warum jede stetige Größe in Größen theilbar
ist. - Es thut aber diese Begriffbestimmung keinen
Eintrag den Betrachtungen der Mathematiker, indem
sie insoweit aufhebt das Sein des Unbegrenzten als
sei es der That nach, nach der Seite der Vermehrung
hin ein nie zu durchgehendes. Denn auch bisher bedurften
sie nicht des Unbegrenzten, noch machten sie
davon Gebrauch: sondern nur des Seins jedweder begrenzten
Linie, so groß sie dieselbe verlange. Auch
kann jedwede stetige Größe auf dieselbeWeise getheilt
werden, wie die höchste Größe. So wird es denn
für die Beweisführung dort nichts ausmachen. Das
Sein aber ist den seienden Größen vorzubehalten.
Da die Ursachen in vier Gattungen zerfallen, so
sieht man, das als Stoff das Unbegrenzte Ursache ist.
Aristoteles: Physik 103
Und daß das Sein zwar für dasselbe Verneinung ist;
das an sich zum Grunde liegende aber vielmehr das
Stetige und sinnlichWahrnehmbare. Offenbar gebrauchen
auch alle die Andern als Stoff das Unbegrenzte.
Darum auch ist es wunderlich, das Umgebende es sein
zu lassen, und nicht vielmehr das Umgebene.
Achtes Capitel
Uebrig ist noch, durchzugehen, nach welchen
Gründen das Unbegrenzte zu sein scheint, nicht bloß
der Möglichkeit nach, sondern als durchaus bestimmtes.
Einiges nämlich davon ist ohne nöthigende Kraft;
Anderem, kann mit Recht auf gewisse andereWeisen
begegnet werden. - Erstens nämlich ist keineswegs,
damit das Werden nicht ausgehe, nöthig, daß der That
nach ein unbegrenzter sinnlich wahrnehmbarer Körper
sei. Denn gar wohl kann der Untergang des einen
Entstehung eines andern sein, indem begrenzt ist das
Ganze. - Sodann ist von dem Begrenztwerden das Berühren
zu unterscheiden. Dieses bezeichnet ein Verhältnis
zu einem Andern. Denn alles was berührt, berührt
etwas und trifft mit einem Begrenzten zusammen.
Das Begrenzte aber ist ein solches nicht im Verhältniß
zu einem Andern. Auf kann nicht Jedes von
Jedwedem berührt werden. - Auf das Denken aber es
Aristoteles: Physik 104
zu schieben, ist wunderlich. Denn nicht dem Dinge
gehört alsdann das Ueberwiegen und Zurückbleiben
an, sondern dem Denken. Denn jeden von uns könnte
man vielmal so groß denken als er ist und so vergrößern
ins Unbegrenzte. Und doch wächst darum
niemand über die Stadtmauer hinaus, und auch nicht
über die Größe die wir meistens haben, darum, weil
man ihn so denkt, sondern weil er so ist; dieß aber
kann sich zutragen. - Die Zeit nun und die Bewegung
sind Unbegrenzte. Sie werden als solche gedacht,
ohne daß bestehen bleibt was von ihnen genommen
wird. Die Größe aber ist weder nach der Verminderung
noch nach der Vermehrung im Gedanken ein Unbegrenztes.
- Doch von dem Unbegrenzten, wiefern es
ist, und wiefern es nicht ist, und was es ist, ist genug
gehandelt worden.
Aristoteles: Physik 105
Viertes Buch
Erstes Capitel
Auf gleicheWeise muß auch von dem Raume der
Naturforscher, wie von dem Unbegrenzten, untersuchen,
ob er ist oder nicht, und wiefern er ist, und was
er ist. Denn Alle nehmen an, daß, was ist, irgendwo
ist. Nur was nicht ist, sei nirgends. Denn wo wäre ein
Hirschbock, oder eine Sphinx? Auch von der Bewegung
ist die gemeinste und eigentlichste die räumliche,
welche wir Ortveränderung nennen. - Es hat aber
viele Schwierigkeiten, zu sagen, was denn der Raum
ist. Denn nicht als dasselbe erscheint er, wenn man
ihn betrachtet nach allem dem verschiedenen, was gegeben
ist. Ueberdieß haben wir auch bisher nichts von
den Andern, was über ihn, sei es als Aufgabe oder als
Lösung, beigebracht wäre.
Daß es nun zwar giebt einen Raum, scheint zu erhellen
aus dem Wechsel der Lagen. Wo nämlich jetzt
Wasser ist, da kann, wenn dieses sich entfernt wie aus
einem Gefäße, wiederum Luft sein. Bisweilen aber
hat diesen selben Ort irgend ein anderer Körper inne.
Dieser nun gilt für einen von allem was eindringt und
durch irgend eine Veränderung hineinkommt, verschiedenen.
An welchem Orte nämlich jetzt Luft ist,
Aristoteles: Physik 106
an diesem war vorher Wasser. So daß erhellt, daß der
Ort und der Raum etwas anderes war als beide, in
welchen und aus welchem die Veränderung geschah. -
Ferner aber auch die räumlichen Bewegungen der natürlichen
und einfachen Körper, wie des Feuers und
der Erde und ähnlicher, zeigen nicht allein, daß es
giebt einen Raum, sondern auch daß er eine gewisse
Bedeutung besitzt. Es bewegt sich nämlich jedes Ding
nach seinem Orte hin, sobald es nicht gehindert wird;
eines nach oben, ein anderes nach unten. Dieß aber
sind Raumes Theile und Arten, das Oben und das
Unten, und die übrigen von den sechs Richtungen. Es
ist aber alles dieses nicht nur in Bezug auf uns, das
Rechte und das Linke, und das Oben und das Unten.
Denn für uns ist es nicht stets das nämliche, sondern
nach der Lage, wie wir uns wenden, richtet es sich.
Darum ist Dasselbige oftmals rechts und links, und
oben und unten, und vorn und hinten. In der Natur
hingegen ist bestimmt für sich ein jedes. Nicht nämlich
was sich trifft, ist das Oben, sondern wohin sich
bewegt das Feuer und das Leichte. Eben so auch das
Unten, nicht was sich trifft, sondern wohin das was
Schwere hat, und das Irdische. So daß also nicht ein
Unterschied der Lage nur, sondern auch der Bedeutung
vorhanden ist. Dieß zeigt auch das Mathematische.
Obgleich es nämlich nicht an einem Orte ist, so
hat es doch nach seiner Lage zu uns ein Rechts und
Aristoteles: Physik 107
ein Links. So daß also hier nur die Lage als ein Gedachtes,
nicht aber ein natürliches Bestehen von diesem
allen statt findet. - Uebrigens die das Sein eines
Leeren behaupten, meinen den Raum. Das Leere nämlich
möchte sein ein Raum, der keinen Körper in sich
faßt. - Daß es nun also giebt einen Raum außer den
Körpern, und daß jeder sinnlich wahrnehmbare Körper
an einem Orte ist, könnte man diesem zufolge annehmen.
Es möchte sonach scheinen, als habe Hesiodus
Recht, indem er zuerst das Weite sein läßt. Er
sagt nämlich:
Zwar von Allem zuerst war das Weite, aber darauf
ward Erde mit weitem Busen.
Als müsse zuerst vorhanden sein Raum, für das
was sein soll; der gewöhnlichen Meinung zufolge,
daß Alles sei irgendwo und an einem Orte. Verhält
sich dieß aber so, so wäre eine wunderwürdige die
Bedeutung des Raumes, und Allem vorangehend.
Denn ohne was nichts Anderes ist, was aber selbst
ohne das Andere: dieses muß das Erste sein. Nicht
nämlich geht unter der Raum, wenn, was in ihm ist,
vergeht.
Nichtsdestoweniger fragt es sich noch immer, wenn
er ist, was er ist: ob irgend eine körperliche Masse,
oder sonst eine andere Natur. Aufzusuchen nämlich
ist seine Gattung zunächst. - Hauptrichtungen nun hat
er drei: Länge, Breite und Tiefe, durch die bestimmt
Aristoteles: Physik 108
wird jeder Körper. Nicht aber kann ein Körper der
Raum sein. Denn in dem Nämlichen wären dann zwei
Körper. - Ferner wenn es einen besondern Ort und
Raum des Körpers giebt, so offenbar auch der Fläche
und der übrigen Grenzbestimmungen; denn derselbe
Begriff paßt dann darauf. Wo nämlich vorher des
Wassers Flächen waren, da werden nun die der Luft
sein. Allein wir haben doch keinen Unterschied zwischen
Punct und Raum des Punctes.Wenn nun also
dieser keinen von ihm verschiedenen Raum hat, so hat
ihn auch keines von den andern, und es giebt außerhalb
dieser aller keinen Raum. - Für was auch wollten
wir ausgeben den Raum? Denn weder ein Element
sein, noch aus Elementen bestehen kann er, wenn er
eine solche Natur hat; weder den körperlichen, noch
den unkörperlichen. Denn Größe zwar hat er, Körper
aber keineswegs. Nun sind aber der sinnlich wahrnehmbarer
Körper Elemente Körper; aus den bloß
denkbaren Elementen aber entsteht keine Größe. -
Ferner von was sollte man auch sagen, daß den Dingen
Ursache sei der Raum? Denn keine von der vier
Bedeutungen des Begriffes Ursache paßt auf ihn.
Weder nämlich als Stoff des Seienden ist er es, denn
nichts ist aus ihm zusammengesetzt, noch als Formbestimmung
und Begriff der Dinge, noch als Zweck,
noch bewegt er die Dinge. Ueberdieß er selbst, wenn
er zu den Dingen gehört, wo soll er sein? Der Einwurf
Aristoteles: Physik 109
des Zenon nämlich fordert eine Rechenschaft. Wenn
nämlich alles was ist, im Raume ist, so muß offenbar
auch für den Raum ein Raum sein. Und dieß geht fort
ins Unbegrenzte. - Ferner wenn, wie jeder Körper im
Raume, so auch in jedem Raume ein Körper sein
muß: was werden wir dann sagen von dem Wachsenden?
Es muß nämlich diesemnach mitwachsen ihr
Raum, dafern weder kleiner noch größer der Raum
eines jeden ist. - Aus diesen Gründen nun muß man
zweifeln, nicht nur was es ist, sondern auch ob es ist.
Zweites Capitel
Wenn nun Einiges durch sich selbst, Anderes durch
Vermittlung von Anderem für das gilt, was es ist, und
der Raum theils der gemeinschaftliche ist, worin alle
Körper sind, theils der besondere, worin zunächst,
(ich meine es aber so, wie z.B. du bist im Himmel,
weil in der Luft, diese aber im Himmel; und in der
Luft, weil auf der Erde; eben so auf dieser, weil an
diesem bestimmten Orte, der weiter nichts umfaßt als
dich): so wird nun der Raum, wiefern er das zunächst
einen jeden Körper Umfassende ist, eine Begrenzung
sein. So daß es den Anschein hätte, als sei die Formbestimmung
und Gestalt eines Dinges der Raum, wodurch
begrenzt wird die Größe und der Stoff der
Aristoteles: Physik 110
Größe. Denn darin besteht eines jeden Begrenzung.
So nun betrachtet ist der Raum eines jeden Dinges
Formbestimmung.Wiefern aber der Raum für die
Entfernung der Größe gilt, der Stoff. Dieß nämlich ist
verschieden von der Größe. Es ist das von der Formbestimmung
Umgebene, und Bestimmte, wie von
einer Fläche und Begrenzung. - Es ist aber ein solches
der Stoff und das Unbestimmte. Nimmt man weg die
Begrenzung und die Zustände z.B. der Kugel, so
bleibt nichts übrig als der Stoff. Darum nennt auch
Platon den Stoff und den Raum Dasselbe in dem Timäus.
Das Aufnehmende nämlich und der Raum sei
Eines und dasselbe. Auf verschiedeneWeise zwar
spricht er hier von dem Aufnehmenden, und in den sogenannten
ungeschriebenen Lehren, aber dennoch
lehrte er allgemein, daß Ort und Raum mit jenem
Dasselbe sei. Es behaupten nämlich zwar Alle, daß
etwas sei der Raum; was er aber sei, hat jener allein
unternommen zu erklären. - Natürlich wohl muß, sobald
man es hienach betrachtet, schwierig zu sein
scheinen, zu erforschen, was der Raum ist; wenn er
von diesen beiden eines ist, sei es Stoff, sei es Formbestimmung.
Denn theils überhaupt gehört diese Betrachtung
zu den feinsten und höchsten, theils ist es
insbesondere nicht leicht, abgesondert von einander
sie kennen zu lernen.
Nun aber daß keines von diesen beiden der Raum
Aristoteles: Physik 111
sein kann, ist nicht schwer zu sehen. Denn die Formbestimmung
und der Stoff finden sich nicht getrennt
von dem Dinge; der Raum aber kann dieß. In welchem
nämlich Luft war, in diesem wird, wie wir
sagen, wiederumWasser, wenn gegenseitig den Ort
wechseln mit einander die Luft und das Wasser, und
die übrigen Körper gleichergestalt. Also weder ein
Theil noch eine Eigenschaft, sondern trennbar ist der
Raum von jedem Dinge. Nämlich es scheint so etwas
zu sein der Raum, wie das Gefäß. Denn es ist das
Gefäß ein beweglicher Raum; das Gefäß aber ist
nichts von dem Dinge. -Wiefern er nun trennbar ist
von dem Dinge, sofern ist er nicht die Formbestimmung.
Wiefern er aber umfaßt, sofern verschieden
von dem Stoffe. Es scheint aber stets das, was irgendwo
ist, sowohl selbst etwas zu sein, als auch
etwas Anderes außer ihm. - Platon aber hätte sagen
sollen - dafern dieß beiläufig erwähnt werden darf, -
warum nicht im Raume die Formwesen und die Zahlen
sind, wenn doch das Aufnehmende der Raum ist;
sei nun das Große und das Kleine das Aufnehmende,
oder der Stoff, wie er in Timäus geschrieben hat. - Sodann
wie sollte etwas sich hinbewegen nach seinem
Orte, wenn dieser Ort der Stoff oder die Formbestimmung
wäre? Denn nicht kann, was weder Bewegung,
noch ein Oben und Unten hat, Raum sein. Vielmehr
offenbar in diesen hat man den Raum zu suchen. Ist
Aristoteles: Physik 112
aber in dem Dinge selbst der Raum (er muß es aber
sein, wenn er Form oder Stoff), so ist der Raum in
einem Raume. Denn es verändert zugleich mit dem
Dinge und bewegt sich sowohl die Formbestimmung
als auch das Unbestimmte, und sind nicht stets in dem
Nämlichen, sondern wo auch das Ding ist. So daß es
also einen Ort des Ortes geben würde. - Ferner wenn
aus der Luft Wasser wird, so geht dann unter der
Raum; denn nicht mehr in demselben Raume ist der
nun werdende Körper. Worin nun besteht dieser Untergang?
-Woraus also sich ergiebt das Sein des Raumes,
und wiederum woraus man zweifeln könnte über
sein Wesen, ist jetzt gesagt worden.
Drittes Capitel
Nach diesem ist zu nehmen, auf wie viele Art Eines
in dem Andern ist. Auf eine Art also: wie der Finger
in der Hand, und überhaupt wie der Theil in dem
Ganzen. Nicht nämlich ist außerhalb der Theile das
Ganze. Auf andere Art: wie der Mensch in dem Thiergeschlechte,
und überhaupt wie die Art in der Gattung.
Auf andere, wie die Gattung in der Art, und
überhaupt wie der Theil der Formbestimmung in dem
Begriffe der Formbestimmung. Ferner wie Gesundheit
in Warm und Kalt, und überhaupt wie die
Aristoteles: Physik 113
Formbestimmung in dem Stoffe. Ferner wie in dem
Willen des Königs die Angelegenheiten der Griechen,
und überhaupt wie in dem zuerst Bewegenden. Ferner
wie in dem Guten und überhaupt in dem Endziel: dieß
aber ist das Weswegen. Unter allen aber das eigentlichste
ist das, wie in einem Gefäße, und überhaupt
das im Raume. - Man könnte zweifeln, ob vielleicht
auch etwas in sich selbst vermag zu sein, oder nicht,
sondern alles entweder nirgends oder in einem andern.
Auf zwiefache Weise aber kann dieß sein: nämlich
entweder in Bezug auf sich selbst oder in Bezug auf
ein anderes. Wenn nämlich Theile des Ganzen sind,
sowohl das in dem es, als das was in ihm sein soll, so
wird man sagen können, das Ganze sei in sich selbst.
Denn es heißt so auch nach seinen Theilen: z.B. weiß,
dessen Oberfläche weiß ist, und einsichtvoll, dessen
Verstand dieß ist. Der Behälter nun wird sonach nicht
in sich selbst sein, noch auch der Wein, wohl aber der
Behälter des Weins. Denn das Was und das Worin
sind beides Theile des Nämlichen. - So nun vermag
etwas in sich selbst zu sein; unmittelbar aber vermag
es dieß nicht. Z.B. das Weiße ist in dem Körper, denn
die Oberfläche ist in dem Körper; die Einsicht aber in
der Seele. Hier nun bezeichnen die besonderen Benennungen
wirkliche Theile, wie z.B. in dem Menschen.
Der Behälter aber und der Wein sind für sich, also
nicht Theile, sondern nur zusammen. Also wenn
Aristoteles: Physik 114
etwas Theile hat, wird es in sich selbst sein können,
gleichwie das Weiße in dem Körper, und in diesem,
weil in der Oberfläche, in dieser aber nicht mehr mittels
eines anderen. Und diese nun sind der Formbestimmung
nach verschieden, und haben jedes eine andere
Natur und Bedeutung; die Oberfläche und das
Weiße. - Auch wenn wir es durch Beispiele betrachten,
sehen wir nichts, das in sich selbst wäre, nach
keiner unserer Bestimmungen; und dem Begriffe nach
ist es offenbar unmöglich. Denn es würde müssen beides
als jedes von beiden gelten; z.B. der Behälter zugleich
Gefäß und Wein sein, und der Wein zugleich
Wein und Behälter, wenn etwas sollte in sich selbst
sein können. Vielmehr wenn sie noch so sehr in einander
gegenseitig sind, so kann doch nur der Behälter
den Wein aufnehmen, nicht wiefern er selbst der
Wein, sondern wiefern er jenes ist, und der Wein in
dem Behälter sein, nicht wiefern Behälter er selbst,
sondern wiefern jener Behälter ist. Daß nun dem Sein
nach beides verschieden bleibt, ist klar. Denn ein anderer
ist der Begriff dessen, was in etwas ist, und dessen,
worin es ist. - Aber auch nebenbei geht es nicht.
Denn zugleich zwei Körper würden in dem Nämlichen
sein. Sowohl nämlich in sich selbst würde der
Behälter sein, wenn, wessen Natur eine empfängliche
ist, dieß vermag in sich selbst zu sein, als auch zugleich
jenes, für das es empfänglich ist, z.B. wenn für
Aristoteles: Physik 115
den Wein, der Wein. - Daß nun also nicht vermag in
sich selbst etwas zu sein auf unmittelbareWeise, ist
klar. Was aber den Einwurf des Zenon betrifft, wenn
der Raum etwas ist, worin er denn sein soll; so ist dieser
zu lösen nicht schwer. Denn nichts hindert, daß in
einem Andern zwar sei der erste Raum, nicht jedoch
wie in einem Raume darin, sondern gleichwie die Gesundheit
in dem Warmen als Eigenschaft, das Warme
aber in dem Körper als Zustand. So daß es nicht nöthig
ist, ins Unbegrenzte zu gehen. - So viel aber ist
ersichtlich, daß, da nichts ist das Gefäß von dem was
in ihm ist (denn verschieden sind das unmittelbare
Was und Worin): so auch nicht sein kann weder der
Stoff, noch die Formbestimmung der Raum, sondern
etwas verschiedenes. Denn von jenem etwas dem Darinseienden
sind diese, der Stoff und die Form. - So
viel nun sei von den Zweifeln gesagt.
Viertes Capitel
Was denn aber der Raum ist, kann folgendermaßen
deutlich werden. Nehmen wir dasjenige von ihm, was
da scheint Wahrheit an und für sich ihm zuzukommen.
Wir glauben zu wissen, daß der Raum sei zuvörderst
das Umgebende von jenem, dessen Ort er ist.
Und daß er nichts von dem Dinge sei. Ferner, daß der
Aristoteles: Physik 116
erste Raum weder kleiner noch größer sei. Ferner, daß
er jedem Dinge zwar nicht ausgehe, aber doch trennbar
von ihm sei. Hiezu daß aller Raum das Oben und
Unten habe. Und daß sich bewege von Natur und verbleibe
an seinen eigenthümlichen Orte ein jeder Körper;
hieraus aber das Oben und Unten erwachse. Von
diesen Voraussetzungen aus ist nun das Uebrige zu
betrachten. Es muß aber der Versuch gemacht werden,
die Untersuchung so zu führen, daß das Was sich
ergebe dergestalt, daß sowohl die Einwürfe sich
lösen, als auch, was zukommen soll dem Raume, als
wirklich ihm zukommend sich erweise, und dabei die
Ursache der Schwierigkeit und der Zweifel über ihn
ersichtlich werde. Denn so nur würde am vollkommensten
sich alles aufklären.
Zuvörderst nun ist zu bedenken, daß man nicht fragen
würde nach dem Raume, wenn es nicht eine Bewegung
gäbe in Bezug auf den Raum. Darum nämlich
glauben wir hauptsächlich auch den Himmel im
Raume, weil er stets in Bewegung ist. Diese aber ist
theils Ortveränderung, theils Wachstum und Abnahme.
Denn auch bei dem Wachstum und der Abnahme
geschieht eine Veränderung, und was vorher hier war,
geht über in einen kleineren oder größeren Raum. - Es
ist aber das was sich bewegt ein solches, theils an und
für sich der That nach, theils nebenbei. Von dem aber
was nebenbei sich bewegt, ist einiges fähig, für sich
Aristoteles: Physik 117
sich zu bewegen, z.B. die Theile des Körpers, und der
Nagel in dem Schiffe; anders nicht fähig, sondern
stets nur nebenbei, z.B. die weiße Farbe oder die Einsicht.
Dieses nämlich kann nur dergestalt den Ort verändern,
daß das, worin es gegenwärtig ist, ihn verändert.
Nun sagen wir, es sei etwas als in einem Raume
in dem Himmel, weil in der Luft, diese aber in dem
Himmel. Aber auch in der Luft nicht so, als wäre es in
der ganzen, sondern durch das, was an ihm das
Aeußerste und Umgebende ist, sagen wir, sei es in der
Luft. Denn wäre die ganze Luft sein Ort, so wäre
nicht mehr gleich der Ort eines Dinges und das Ding:
es soll aber doch gleich sein. Ein solcher aber ist der
unmittelbare, worin etwas zunächst ist. Sobald nun
nicht abgesondert ist das Umgebende, sondern stetig
zusammenhängend, so heißt es nicht darin wie an
einem Orte, sondern wie Theil in Ganzem. Sobald es
aber abgesondert ist und jenes nur berührend, so ist es
unmittelbar in etwas, welches Aeußerstes des Umgebenden
und weder Theil ist dessen was in ihm ist,
noch größer als der Zwischenraum, sondern gleich.
Denn in Einem und demselben ist das Aeußerste dessen
was sich berührt. - Und was stetig zusammenhängend
ist, bewegt sich nicht in jenem, sondern mit ihm.
Was aber abgesondert, in ihm; und ob zugleich sich
bewege das Umgebende oder nicht, nichtsdestoweniger.
So auch wenn es nicht abgesondert ist, wird es
Aristoteles: Physik 118
als Theil in einem Ganzen genannt, z.B. als in dem
Auge das Sehen, oder in dem Körper die Hand. Wenn
aber abgesondert und berührend, als in dem Orte, wie
in dem Troge das Wasser, oder in dem thönernen Gefäße
der Wein. Die Hand nämlich bewegt sich mit
dem Körper, das Wasser aber, in dem Troge.
Was nun ist der Raum, kann man hieraus sehen. Es
giebt nämlich vielerlei, wovon der Raum eines sein
muß. Entweder nämlich Form, oder Stoff, oder eine
Art von Zwischenraum, nämlich der zwischen demjenigen
was das Aeußerste ist, oder das Aeußerste
selbst, wenn es keinen Zwischenraum giebt außer der
Größe des darin enthaltenen Körpers. Daß er nun hievon
dreierlei nicht sein kann, ist ersichtlich. Aber
wegen seines Umgebens zwar gilt er für die Form.
Denn in dem Nämlichen ist das Aeußerste des Umgebenden
und des Umgebenen. Es sind nun allerdings
beides Begrenzungen; aber nicht des Nämlichen, sondern
die Form des Dinges, der Raum aber, des umgebenden
Körpers. Darum aber, weil häufig, während
das Umgebende bleibt, sich verändert das Umgebene
und von jenem getrennte, z.B. Wasser das aus dem
Gefäß herausgeht, so erscheint das Dazwischenliegende
als ein Zwischenraum, der ein Sein hätte unabhängig
von dem Körper, welcher sich entfernt. Dem
aber ist nicht so. Sondern es tritt herein welcher Körper
sich trifft von denen, welche die Plätze wechseln
Aristoteles: Physik 119
und zur Berührung geeignet sind. Wäre aber der Zwischenraum
etwas wirkliches und an demselben Orte
bleibendes, so gäbe es unbegrenzt viele Räume. Denn
wechselt das Wasser und die Luft den Platz, so wird
dasselbe geschehen mit den Theilen allen in dem Ganzen,
wie mit dem gesammten Wasser in dem Gefäße.
In Bezug auf sie also muß sich der Ort zugleich mit
verändern. So wird es denn also einen Ort des Ortes
geben, und viele Räume werden zugleich sein. - Aber
es ist nicht ein anderer der Ort des Theils, worin er
sich bewegt, wenn das ganze Gefäß den Ort verwechselt,
sondern er bleibt derselbe. Worin sie nämlich
sind, darin wechseln unter sich den Platz die Luft, das
Wasser und die Theile des Wassers; aber nicht in
demjenigen Orte, wo sie hinkommen, welcher ein
Theil ist des Ortes, welcher der Ort des ganzen Himmels
ist.
Auch der Stoff aber könnte scheinen der Raum zu
sein, wenn man an Ruhendem die Betrachtung anstellte
und nicht abgesonderten, sondern stetig zusammenhängenden.
Gleichwie nämlich bei der Umbildung
etwas, das jetzt weiß ist, wiederum schwarz
wird, und was jetzt hart, wiederum weich, und wir
deshalb sagen, daß es geben müsse einen Stoff; so
nimmt man nach einer ähnlichen Vorstellung auch das
Sein des Raumes an. Nämlich jenes darum, weil, was
Luft war, dieses jetzt Wasser ist; den Raum aber,
Aristoteles: Physik 120
weil, wo jetzt die Luft war, da jetzt Wasser ist. Allein
der Stoff ist, wie in dem Vorhergehenden gesagt,
weder trennbar von dem Dinge, noch es umgebend;
der Raum aber beides. -Wenn nun also keines von
diesen dreien der Raum ist, weder die Formbestimmung,
noch der Stoff, noch ein Zwischenraum, der
stets bleibt als verschieden von dem Dinge, welches
sich entfernt; so muß der Raum sein das was übrig
bleibt von den vieren: die Grenze des umgebenden
Körpers, nach welcher er den umgebenden berührt.
Ich verstehe aber unter dem umgebenden Körper den,
welcher beweglich ist dem Raume nach. Es scheint
aber etwas großes und zu begreifen schwieriges der
Raum darum, weil stets dabei hineinscheint der Stoff
und die Form, und weil beim Ruhen des Umgebenden
erfolgt die Versetzung dessen, was sich räumlich bewegt.
Als denkbar nämlich erscheint das Sein eines
von den bewegten Körpern verschiedenen Zwischenraumes.
Hiezu trägt etwas bei auch die Luft, welche
für körperlos gilt. Es erscheint nämlich nicht nur als
die Grenzen des Gefäßes der Raum, sondern auch als
das, was in der Mitte ist, als ein Leeres. - Es ist aber
wie das Gefäß ein versetzbarer Raum, so der Raum
ein unbewegliches Gefäß. Darum wenn in einem Bewegten
etwas bewegt und verändert wird, was darinnen
ist, z.B. in dem Fluße das Schiff, so ist Gefäß für
es vielmehr, als Ort, das Umgebende. Es neigt sich
Aristoteles: Physik 121
dazu hin ein Unbewegliches zu sein, der Ort und
Raum. Darum ist eher der ganze Fluß ein Ort, weil er
unbeweglich als ganzer ist. Also des Umgebenden unmittelbare,
unbewegliche Grenze, dieses ist der
Raum.
Und deswegen gilt der Mittelpunct des Himmels
und das, was uns das Aeußerste seines Kreisumschwunges
ist, dieses für das Obere, jenes für das Untere
von Allem im eigentlichsten Sinne: weil das eine
stets stehen bleibt, das Aeußerste des Kreises aber auf
ähnlicheWeise sich bleibend verhält. Also da das
Leichte das ist, was nach oben sich bewegt von Natur,
das Schwere, was nach unten; so ist die nach der
Mitte zu umgebende Grenze das Unten und die Mitte
selbst, die nach dem Aeußersten zu, das Oben, und
das Aeußerste selbst. Und deswegen gilt für eine Fläche
und gleichsam ein Gefäß der Raum, und für umgebend.
- So ist denn auch gewissermaßen zugleich
mit dem Dinge der Raum. Denn zugleich mit dem Begrenzten
sind die Grenzen.
Aristoteles: Physik 122
Fünftes Capitel
Welcher Körper nun also außer sich einen Körper
hat, der ihn umgiebt, dieser ist an einem Orte und im
Raume: welcher aber keinen hat, der nicht. Darum,
wäre auch Wasser ein solcher, so würden seine Theile
zwar sich bewegen, denn sie sind umgeben gegenseitig
durch einander; das Ganze aber würde gewissermaßen
zwar sich bewegen, gewissermaßen aber auch
nicht. Denn als All bewegt es sich im Raume nicht
zugleich; im Kreise aber würde es sich bewegen, denn
für die Theile ist dieß der Ort. Und nach oben und
unten nicht, wohl aber im Kreise bewegt sich Einiges;
nach oben und unten aber, was auch der Verdichtung
und Verdünnung empfänglich ist. - Wie nun gesagt,
so ist Einiges im Raume der Möglichkeit, Anderes der
That nach. Darum sind bei dem Stetigen und aus gleichen
Theilen Bestehenden der Möglichkeit nach im
Raume die Theile. Sind sie hingegen abgesondert,
aber doch sich berührend wie ein Haufe, der That
nach. - Und Einiges an und für sich; z.B. ein ganzer
Körper, entweder räumlich, oder dem Wachsthum
nach beweglich, ist an und für sich irgendwo. - Der
Himmel aber, wie gesagt, ist nirgends als ganzer,
noch irgend einem Raume, dafern nämlich kein Körper
ihn umgiebt. In welcher Hinsicht er aber bewegt
Aristoteles: Physik 123
wird, in dieser ist er auch Raum für seine Theile.
Denn einer hängt mit den andern zusammen von den
Theilen. - Anderes aber nebenbei: z.B. die Seele und
der Himmel. Seine Theile nämlich sind gewissermaßen
alle im Raume; denn im Kreise umfaßt eines das
andere. Deshalb bewegt sich im Kreise nur das Obere,
das Ganze aber ist nirgends. Denn was irgendwo sein
soll, muß theils selbst sein, theils etwas außer sich
haben, was es umgiebt. Außer dem All und Ganzen
aber ist nichts außerhalb des All. Und deswegen nun
ist in dem Himmel Alles. Der Himmel nämlich ist
wohl das All. Es ist aber der Ort nicht der Himmel,
sondern etwas von dem Himmel, die äußerste und den
beweglichen Körper berührende ruhende Grenze. Und
deswegen ist die Erde in dem Wasser, diese in der
Luft, diese in dem Aether, der Aether in dem Himmel,
der Himmel aber nicht wieder in dem Anderen.
Man sieht aber hieraus, daß auch die Zweifel alle
sich lösen möchten, wenn man dergestalt bestimmt
den Raum. Weder nämlich zugleich mit wachsen muß
so der Raum, noch der Punct einen Raum einnehmen,
noch zwei Körper in demselben Raume sein, noch
giebt es einen körperlichen Zwischenraum. Denn Körper
ist, was von dem Raume dazwischen ist, nicht
Zwischenraum eines Körpers. Und es ist auch der
Raum irgendwo, nicht aber wie an einem Orte, sondern
wie die Grenze an dem Begrenzten. Denn nicht
Aristoteles: Physik 124
alles was ist, ist im Raume, sondern der bewegliche
Körper. Und es bewegt sich auch nach seinem Orte
jedes Ding; ganz natürlich.Was nämlich benachbart
und berührend nicht durch Gewalt ist, das ist verwandt.
Und was von Natur zusammengehört, leidet
nichts von einander; was aber sich berührt, leidet von
einander und wirkt auf einander. Und es bleibt auch
von Natur alles an seinem eigenthümlichen Orte,
jedes einzelne nicht ohne Grund. Denn dieser ist als
Theil in den ganzen Raume in dem Verhältnisse des
trennbaren Theils zu dem Ganzen. Dieß sieht man,
wenn man ein Theilchen des Wassers bewegt, oder
der Luft. Eben so verhält sich auch die Luft zu dem
Wasser: nämlich als Stoff, das andere aber als Formbestimmung.
Das Wasser gilt als Stoff der Luft, die
Luft aber als eine Thätigkeit von jenem. Das Wasser
nämlich ist der Möglichkeit nach Luft; die Luft aber
der Möglichkeit nach Wasser auf andereWeise. Nähere
Bestimmungen hierüber sind späterhin zu geben.
Nur des Zusammenhangs wegen muß es hier erwähnt
werden; was aber jetzt undeutlich bleibt, wird später
deutlich werden. Wenn nun dasselbe ist der Stoff und
die Wirklichkeit,Wasser nämlich beides, aber das
eine der Möglichkeit, das andere der Wirklichkeit
nach: so möchte es sich verhalten, wie Theil zum
Ganzen. Darum auch findet unter diesem Berührung
statt; Gemeinschaft der Natur aber, wenn beide der
Aristoteles: Physik 125
That nach Eins werden. - Ueber den Raum nun, daß
er ist, und was er ist, ist genug gesprochen.
Sechstes Capitel
Auf dieselbeWeise ist anzunehmen, daß der Naturforscher
Betrachtung anzustellen hat auch über das
Leere, ob es ist oder nicht, und wie es ist und was es
ist, gleichwie auch über den Raum. Denn auf sehr
ähnlicheWeise kann man auch hieran zweifeln oder
glauben, in Folge dessen, was darüber vorausgesetzt
wird. Denn gleich als einen Raum und Gefäß betrachten
das Leere die, so es annehmen. Es gilt aber etwas
für erfüllt, wenn es faßt die Masse, die es aufzunehmen
vermag; wenn es aber ohne diese ist, für leer; als
sei Dasselbe Leeres und Erfülltes und Raum, und nur
die Art des Seins sei für sie verschieden. Begonnen
aber werden muß die Untersuchung, indem dargelegt
wird, was diejenigen sagen, die sein Sein behaupten
und wiederum was die sagen, die es läugnen, und drittens
die allgemeinen Meinungen über sie.
Welche nun zu beweisen versuchen, daß es nicht
ist, diese heben nicht dasjenige Leere auf, was die
Menschen sagen wollen, sondern wovon man aus Irrthum
spricht, wie z.B. Anaxagoras und die auf diese
Weise Widerlegenden. Sie beweisen nämlich, daß
Aristoteles: Physik 126
etwas sei die Luft, indem sie die Schläuche drehen,
und zeigen, daß eine Stärke hat die Luft; und indem
sie sie auffangen, in den Wasserröhren. Die Menschen
aber meinen einen leeren Zwischenraum, worin
kein sinnlich wahrnehmbarer Körper sei. Indem sie
glauben, daß, was ist, alles Körper ist, sagen sie, daß,
worin durchaus nichts ist, dieß sei leer. Darum sei das
von Luft erfüllte leer. - Nicht also dieß muß man beweisen,
daß etwas ist die Luft, sondern daß es überhaupt
keinen Zwischenraum der Körper giebt, weder
trennbar, noch der Wirklichkeit nach seiend, welcher
trennt den ganzen Körper, so daß dieser nicht stetig
ist; wie da sagen Demokrit und Leukipp und viele
Andere der Naturforscher; oder auch wenn es etwas
außerhalb des ganzen Körpers geben sollte, insofern
dieser stetig ist. - Diese nun sind nicht einmal bis zur
Schwelle der Aufgabe gelangt. Eher diejenigen, die
das Sein behaupten. Sie sagen aber, einmal, daß die
räumliche Bewegung sonst nicht sein könnte. Diese
aber ist Ortveränderung und Vermehrung. Nicht nämlich
könnte es zu geben scheinen eine Bewegung,
wenn nicht sei ein Leeres; denn daß das Erfüllte aufnehme,
sei unmöglich. Sollte es aber aufnehmen, und
so zwei in dem Nämlichen sein, so müßte auch jede
beliebige Menge von Körpern zugleich sein können.
Denn der Unterschied, warum nicht sein könne das
Gesagte, sei nicht anzugeben. Gilt aber dieß für
Aristoteles: Physik 127
statthaft, so kann auch das Kleinste aufnehmen das
Größte. Denn vieles Kleine ist das Große. Also wenn
vieles Gleiche vermag in Einem und demselben zu
sein, auch vieles Ungleiche. - Melissos nun beweißt
auch, daß das All unbeweglich, aus diesem. Denn soll
es bewegt werden, so muß, sagt er, ein Leeres sein;
das Leere aber ist nicht unter dem Seienden. - Auf
eine Art nun beweisen sie so, daß es giebt ein Leeres.
Auf eine andere aber daraus, daß Einiges erscheint als
zusammengehend und der Verdichtung empfänglich.
So wie man sagt, daß auch den Wein mit seinen
Schläuchen die Fässer aufnehmen. In die darin enthaltenen
leeren Räume nämlich gehe der verdichtete Körper
zusammen. - Auch das Wachsen halten Alle für
geschehend mittels des Leeren. Die Nahrung nämlich
sei ein Körper; zwei Körper aber können nicht zugleich
sein. Als Beweis brauchen sie auch, was mit
der Asche sich begiebt, welche eben so viel Wasser
aufnimmt, wie das leere Gefäß. - Daß es ein Leeres
gebe, behaupteten auch die Pythagoreer, und daß dieses
hereinkomme in den Himmel mittels des unbegrenzten
Athems, wie einer der athmet. Und das Leere
sei es, welches bestimme die Naturen. Denn das Leere
sei eine Trennung des der Reihe nach auf einander
Folgenden, wie auch die Bestimmung. Und dieß sei
das Erste in den Zahlen. Das Leere nämlich bestimme
ihr Natur. - Wonach nun die Einen es behaupten, die
Aristoteles: Physik 128
Andern läugnen, ist ungefähr dieß und dergleichen.
Siebentes Capitel
Zu der Untersuchung, auf welche Weise es sich
verhält, muß auch hinzugenommen werden, was da
bedeutet der Name. Es gilt nun das Leere für einen
Raum, in welchem nichts ist. Davon ist der Grund,
daß man glaubt, daß Seiende sei Körper, alle Körper
aber im Raume, das Leere aber, in welchem Raume
kein Körper ist. Also wenn irgendwo kein Körper ist,
so sei da Leeres. Aller Körper aber wiederum, glaubt
man, sei fühlbar; ein solcher aber, welcher Schwere
oder Leichtigkeit habe. Es ergiebt sich nun also durch
Schluß, daß dieses das Leere sei, worin nichts Schweres
oder Leichtes ist. Dieß nun, wie wir auch vorher
sagten, ergiebt sich durch Schluß. Seltsam aber ist es,
wenn der Punct etwas sein soll. Denn es muß ein
Raum sein, worin der Abstand eines fühlbaren Körpers
ist. - Doch man sieht nun, daß da bedeute das
Leere, auf Eine Weise das was nicht erfüllt ist von
einem der Gefühle nach empfindbaren Körper. Empfindbar
aber ist dem Gefühle nach, was Schwere hat
und Leichtigkeit. Darum auch könnte man zweifeln,
was zu sagen sei, wenn der Raumabschnitt Farbe oder
Ton hat, ob er leer oder nicht. Vielleicht erhellt, daß,
Aristoteles: Physik 129
wenn er aufnimmt einen fühlbaren Körper, er leer ist,
wenn aber keinen, nicht. - Auf andereWeise aber,
worin nicht ein bestimmtes noch ein körperliches
Wesen. Darum sagen Einige, es sei das Leere der
Stoff der Körper, nämlich diejenigen, die von dem
Raume eben dieß behaupten. Nicht gut gesagt. Denn
der Stoff ist nicht trennbar von den Körpern; das
Leere aber sucht man als trennbar.
Da auch über den Raum Bestimmungen gegeben
sind; so muß nun auch das Leere, wenn es ist, ein
Raum sein ohne Körper. Der Raum aber, wiefern er
ist und wiefern er nicht ist, ist gesagt. Man sieht nun,
daß auf dieseWeise das Leere nicht ist, weder getrennt,
noch untrennbar. Das Leere nämlich soll nicht
Körper, sondern Zwischenraum des Körpers sein.
Darum auch gilt das Leere für seiend, weil auch der
Raum, und wegen des Nämlichen. Es denken nämlich
an die räumliche Bewegung sowohl die da sagen, daß
der Raum etwas sei außer den Körpern, als auch, die
das Leere. Ursache aber der Bewegung, glauben sie,
sei das Leere, so nämlich, als das worin die Bewegung
geschieht. Dieß aber wäre das nämliche, wie Einige
sagen, daß der Raum sei. - Es ist aber keine
Nothwendigkeit, daß, wenn Bewegung ist, es ein Leeres
gebe. Ueberhaupt nun fodert alle Bewegung es
keineswegs. Darum entging dieß auch dem Melissus.
Umgebildet nämlich kann das Erfüllte werden. - Aber
Aristoteles: Physik 130
nicht einmal die räumliche Bewegung. Zugleich nämlich
mit einander die Plätze wechseln können sie,
während kein abgesonderter Zwischenraum außerhalb
der Körper ist, die bewegt werden. Und dieß erhellt
auch an den Strudeln des stätig Zusammenhängenden;
so wie auch an denen des Feuchten. - Es ist aber
denkbar auch eine Verdichtung nicht in das Leere,
sondern mittelst des Heraustreibens dessen, was darinnen
ist; wie beim Zusammendrücken der Luft mit
dem darin befindlichenWasser geschieht. Und im
Wachsen nicht bloß, indem etwas hineinkommt, sondern
auch durch Umbildung; z.B. wenn aus Wasser
Luft wird. Ueberhaupt aber der Grund wegen des
Wachsens und des in die Asche gegossenen Wassers
ist sich selbst zu Last. Entweder nämlich wächst
nichts oder wenigstens nicht am Körper, oder es können
zwei Körper in Einem und demselben sein. Eine
gemeinschaftliche Schwierigkeit also vermessen sie
sich zu lösen, aber nicht von dem Leeren beweisen
sie, daß es ist. Oder aller Körper muß leer sein, wenn
er auf alle Weise wachsen kann und wächst durch das
Leere. Das nämlich gilt auch von der Asche. Daß nun,
woraus sie beweisen das Sein des Leeren, dieß leicht
zu beseitigen ist, ist ersichtlich.
Aristoteles: Physik 131
Achtes Capitel
Daß aber nicht ist ein Leeres so abgesondert, wie
Einige sagen, wollen wir von neuem darthun.Wenn
ein jeder von den einfachen Körpern eine bestimmte
räumliche Bewegung von Natur hat, z.B. das Feuer
nach oben, die Erde aber nach unten und nach der
Mitte, so erhellt, daß nicht das Leere Ursache sein
kann der räumlichen Bewegung.Wovon nun soll Ursache
das Leere sein? Da es ja für Ursache der räumlichen
Bewegung gilt, von dieser aber es nicht ist. -
Ferner, wenn so etwas wie ein Raum ohne Körper das
Leere ist, wohin soll sich bewegen der in es hineingelegte
Körper? Doch wohl nicht nach Allem hin. Dasselbe
gilt auch gegen die, so den Raum für etwas abgesondert
bestehendes halten, in welches die Bewegung
geschieht. Denn wie soll das Hineingelegte sich
bewegen oder verbleiben? Auch wegen des Oben und
Unten passen auf das Leere dieselben Gründe. Natürlich,
denn das Leere lassen einen Raum sein, die sein
Sein behaupten. Und wie soll etwas enthalten sein in
dem Raume, oder in dem Leeren? [Es paßt nicht,
wenn ein ganzen Körper gesetzt wird als in einem abgesondert
für sich bestehenden und zum Grunde liegen
bleibenden Raume. Denn der Theil, wenn er nicht
abgesondert gesetzt wird, ist nicht im Raume, sondern
Aristoteles: Physik 132
in dem Ganzen. Giebt es aber keinen Raum, so giebt
es auch kein Leeres.] Es begegnet aber denen, die das
Sein des Leeren behaupten als nothwendig wenn Bewegung
sein soll, daß im Gegentheil vielmehr, wenn
man es genauer betrachtet, nichts sich bewegen kann,
wenn es ein Leeres giebt. Denn wie man sagt, daß
wegen der Gleichheit die Erde ruhe, so muß auch in
dem Leeren Ruhe statt finden, Denn es ist nichts vorhanden,
wohin mehr oder minder die Bewegung geschehen
sollte. Denn wiefern es Leeres ist, hat es keinen
Unterschied. - Erstens nun ist alle Bewegung entweder
eine gewaltsame, oder natürliche. Es muß aber,
wenn eine gewaltsame, auch eine natürliche geben.
Die gewaltsame nämlich ist gegen die Natur, die
gegen die Natur aber später als die naturgemäße. Also
wenn nicht der Natur zufolge ein jeder der natürlichen
Körper Bewegung hat, so hat er auch von den andern
Bewegungen keine einzige. Allein wie sollte es von
Natur eine geben, wenn kein einziger Unterschied
statt findet hinsichtlich des Leeren und des Unbegrenzten?
Denn wiefern ein Unbegrenztes ist, giebt es
kein Unten, noch Oben, noch Mittleres.Wiefern aber
ein Leeres, unterscheidet sich das Unten von dem
Oben. Denn gleichwie an dem Nichts kein einziger
Unterschied sein kann, also auch an dem Nichtseienden.
Das Leere aber gilt für ein Nichtseiendes und
eine Verneinung. Die natürliche Ortveränderung aber
Aristoteles: Physik 133
ist eine verschiedene. Also muß das, was von Natur
ist, ein verschiedenartiges sein. Entweder also giebt es
von Natur nirgends und für nichts eine Bewegung,
oder wenn dieß sein soll, so giebt es kein Leeres. Ferner
bewegt sich jetzt, was geworfen wird ohne daß
das Stoßende es berührt, entweder vermittelst des
Ringsherumtretens der vertriebenen Luft, wie Einige
sagen, oder weil die angestoßene Luft zu schnellerer
Bewegung antreibt, als die Bewegung dessen, was gestoßen
wird, nach eigenthümlichen Orte hin ist. In
dem Leeren aber kann nichts hievon statt finden, und
es giebt keine Ortveränderung, als wie dessen, was
getragen wird. - Ferner möchte niemand sagen können,
wodurch das, was in Bewegung ist, zum Stehen
gebracht werde. Denn warum soll es vielmehr hier als
dort sein? Also wird es entweder ruhen, oder ins Unbegrenzte
sich bewegen, wenn nichts Stärkeres es hindert.
- Ferner scheint jetzt in das Leere vermittelst des
Ausweichens die Bewegung statt zu finden. In dem
Leeren aber ist überall auf gleicheWeise ein solches;
so daß überall hin die Bewegung geschehen muß.
Ferner nun ist auch aus Folgendem ersichtlich das
Behauptete.Wir sehen dieselbe Schwere und denselben
Körper sich schneller bewegen aus zwei Ursachen:
entweder wegen der Verschiedenheit dessen,
wodurch er sich bewegt, z.B. des Wassers oder der
Erde oder der Luft, oder weil das, was sich bewegt,
Aristoteles: Physik 134
wenn das Uebrige gleich ist, durch das Ueberwiegen
der Schwere oder der Leichtigkeit sich unterscheidet.
Das nun, wodurch die Bewegung geschieht, ist Ursache
indem es hindert, vorzüglich zwar, wenn es die
entgegengesetzte Bewegung hat, sodann aber auch,
wenn es ruht. Besonders aber das nicht leicht Theilbare.
Ein solches aber ist das Dichtere. Es mag also
der Gegenstand A sich bewegen durch B in der Zeit C,
durch D aber, welches aus feineren Theilen besteht, in
der Zeit E, wenn gleich ist die Länge des B dem D,
nach Verhältniß des im Wege stehenden Körpers. Es
sei nämlich B Wasser, D aber Luft. Wieviel dünner
nun Luft als Wasser ist und unkörperlicher, um so
viel schneller wird A durch D sich bewegen als durch
B. Es muß also dasselbe Verhältniß haben, nach welchem
verschieden ist Luft von Wasser, die Schnelligkeit
von der Schnelligkeit. Also wenn doppelt so
dünn, so durchgeht es in der doppelten Zeit das B als
das D, und es ist die Zeit C doppelt so groß, als die E.
Und so stets, um so unkörperlicher und weniger hindernd
und leichter theilbar das ist, wodurch die Bewegung
geschieht, um so schneller geht die Bewegung
von statten. Das Leere aber hat kein Verhältniß, nach
welchem es übertroffen würde von dem Körper: so
wie auch das Nichts gegen die Zahl keines hat. Wie
nämlich die Vier die Drei um Eins überwiegt, um ein
mehres aber die Zwei, und noch um ein mehres die
Aristoteles: Physik 135
Eins als die Zwei, so hat sie für das Nichts kein Verhältniß,
nach dem sie es übertrifft. Denn es muß getheilt
werden können das Uebertreffende in den
Ueberschuß und in das was übertroffen wird. Also
wäre die Vier das um was sie überwiegt, und Nichts.
Darum übertrifft auch nicht die Linie den Punct, wofern
sie nicht zusammengesetzt ist aus Puncten. Auf
ähnliche Art vermag auch das Leere zu dem Erfüllten
in keinem Verhältniß zu stehen. Also kann es auch
nicht der Bewegung theilhaftig sein. Aber wenn durch
das Dünnste in so viel Zeit sich etwas so weit bewegt,
so geht es, wenn durch das Leere, über jede Berechnung
hinaus. Es sei nämlich das F Leeres, gleich aber
an Größe dem B und D. Geht nun A durch es hindurch,
und bewegt sich in irgend einer Zeit G, die
kleiner ist als die Zeit E, so muß in diesem Verhältniß
stehen das Leere zu dem Erfüllten. Aber in so viel
Zeit wie G ist, mußte A einen Theil von D durchgehen,
den Theil H. Es wird aber durchgangen, auch
wenn sich an Dünne unterscheidet von der Luft das F,
nach Verhältniß, welches die Zeit E zu der Zeit G hat.
Wenn nämlich um so viel dünner ist der Körper F als
der D, um wie viel größer die E ist als die G, so muß
umgekehrt das A, wenn es sich hindurch bewegt, der
Schnelligkeit nach in so großer Zeit, wie die Zeit G
ist, das F durchgehen. Ist nun also kein Körper in
dem F, noch schneller. Allein es war angenommen, in
Aristoteles: Physik 136
der Zeit G. Also geht es in gleicher Zeit durch etwas,
das erfüllt ist und durch etwas, das leer. Aber dieß ist
unmöglich. Man sieht also, daß, wenn es irgend eine
Zeit giebt, in welcher etwas durch das Leer sich bewegt,
hieraus dieses Unmögliche folgt. In gleicher
Zeit nämlich wird man finden, daß etwas das, was erfüllt
ist, durchgeht, und das, was leer ist. Denn es
muß einen Körper geben, der sich eben so zu dem andern
verhält, wie die Zeit zur Zeit. Um aber das
Hauptsächliche zusammenzufassen, so ist offenbar
von diesem Umstande der Grund, daß alle Bewegung
zur Bewegung ein Verhältniß hat. Denn in der Zeit ist
sie: alle Zeit aber hat eines zur Zeit, da beide begrenzt
sind. Das Leere aber zu dem Erfüllten hat keines.
Wiefern nun der Unterschied in demjenigen liegt,
wodurch die Bewegung geschieht, sind dieses die Folgen.
Hinsichtlich aber des Uebertreffens dessen, was
bewegt wird, Folgendes.Wir sehen, daß, was ein
größeres Theil entweder von Schwere oder von Leichtigkeit
hat, wenn es sich übrigens gleich verhält in
Bezug auf die Gestalt, schneller durchläuft den gleichen
Raum, und nach dem Verhältniß, in welchem die
Größen unter einander stehen. Also auch durch das
Leere. Aber dieß ist unmöglich. Denn aus welcher Ursache
soll es schneller sich bewegen? In dem Erfüllten
nämlich ist eine Nothwendigkeit vorhanden; denn
schneller theilt durch seine Kraft das Größere.
Aristoteles: Physik 137
Entweder nämlich durch seine Gestalt vollbringt die
Theilung, oder durch sein Gewicht, das in Bewegung
gesetzte oder Geworfene. Von gleicher Schnelligkeit
also müßte alles sein. Aber dieß ist unmöglich. - Daß
nun also, wenn es ein Leeres giebt, das Gegentheil
folgt von dem, weswegen es einführen diejenigen, die
sein Sein behaupten, ist ersichtlich aus dem Gesagten.
Einige nun also meinen, daß das Leere sei, dafern es
gebe eine räumliche Bewegung, etwas abgesondertes
für sich. Dieß aber ist dasselbe mit der Behauptung,
daß Raum etwas abgesondert bestehendes sei: hiervon
aber ist die Unmöglichkeit früher gezeigt.
Auch wenn man es an sich betrachtet, möchte wohl
sich ergeben das sogenannte Leere ein in Wahrheit
Leeres. Denn gleichwie in dem Wasser, wenn man
einen würfelförmigen Körper hineinthut, so viel Wasser
ausweicht, als der Körper beträgt, so auch in der
Luft. Aber hier bleibt es dem Sinne unbemerkt. Und
stets wohl muß jeder Körper, der den Platz verändern
kann, wohin er sich zu bewegen von Natur bestimmt
ist, wenn er nicht zusammengedrückt werden kann,
sich bewegen: entweder stets nach unten, wenn seine
räumliche Bewegung nach unten geht, wie die der
Erde, oder nach oben, wenn er Feuer ist, oder nach
beiden Richtungen, wie die Luft, mag nun was will in
ihn hineingesetzt werden. Bei dem Leeren nun aber ist
dieß unmöglich; denn es ist gar kein Körper. Durch
Aristoteles: Physik 138
den würfelförmigen Körper aber wird ein gleicher
Raumabschnitt hindurchzudringen scheinen, als vorher
in dem Leeren war: gleichwie wenn das Wasser
nicht auswiche dem hölzernenWürfel, noch die Luft,
sondern sie überall durch ihn hindurchdrängen. Allein
auch der Würfel hat eine solche Größe, wie sie einnimmt
das Leere. Wenn nun diese auch warm ist oder
kalt, oder schwer oder leicht, so ist sie darum nicht
minder ein anderes, sondern eher mehr, dem Sein
nach, als alle Zustände, und wenn sie auch nicht
trennbar ist. Ich meine aber den Umfang des hölzernen
Würfels. Also wenn dieser auch getrennt würde
von allem andern, und weder schwer noch leicht wäre,
so würde er doch stets eben so viel Leeres einnehmen,
und in demselben ihm gleichen Theile des Raumes
und des Leeren sein. Wodurch also würde sich unterscheiden
der Körper des Würfels von dem gleichen
Leeren und Raume? Und wenn zwei dergleichen,
warum sollte nicht auch jede beliebige Menge in
Einem und demselben sein? - Dieß Eine nun ist gewiß
seltsam und unmöglich. - Ferner ist ersichtlich, daß
nichts anderes von dem Würfel gilt, wenn er den Platz
wechselt, als was auch von allen andern Körpern gilt.
Also wenn sie von dem Raume sich nicht unterscheiden,
warum soll man annehmen einen Raum für die
Körper außerhalb des Umfangs eines jeden, wenn eigenschaftslos
der Umfang? Denn nichts hilft es, wenn
Aristoteles: Physik 139
um ihn ein anderer ähnlicher solcher Raumabschnitt
wäre. [Ferner müßte klar sein, von welcher Art das
Leere wäre in dem Bewegten. So aber zeigt es sich
nirgends innerhalb der Welt. Denn die Luft ist etwas,
obgleich sie es nicht zu sein scheint. Auch das Wasser
würde nicht zu sein scheinen, wenn die Fische von
Eisen wären. Denn mit dem Gefühl wird unterschieden
das Fühlbare.] - Daß es nun also kein für sich bestehendes
Leere giebt, ist aus diesem klar.
Neuntes Capitel
Es sind aber Einige, die aus dem Dünnen und
Dichten ersichtlich glauben, daß es giebt ein Leeres.
Wenn nämlich es kein Dünnes und Dichtes giebt, so
kann auch kein Zusammengehen und Zusammendrücken
stattfinden. Ist aber dieses nicht, so giebt es
entweder überhaupt keine Bewegung, oder das All
wird wogen, wie Xuthus sagt, oder es muß stets eine
gleiche Verwandlung in Luft und Wasser geschehen.
Ich meine es aber so, wie wenn aus einem Becher
Wassers Luft wird, so muß zugleich aus einem gleichen
Theile Luft eben so viel Wasser werden oder
nothwendig ein Leeres sein. Denn ein Zusammendrücken
und Auseinanderziehen kann nicht auf andere
Art stattfinden. -Wenn sie nun unter dem Dünnen
Aristoteles: Physik 140
verstehen, was viele abgesondert bestehende leere
Räume in sich faßt, so sieht man, daß, wenn es kein
Leeres für sich bestehend geben kann, so wie auch
keinen Raum der nur sich selbst zum Inhalt hätte,
auch kein Dünnes auf dieseWeise. Soll aber nicht
zwar ein abgesondertes, aber doch irgendwie ein Leeres
darin sein, so ist dieß zwar minder unmöglich. Allein
es folgt erstens zwar, daß nicht aller Bewegung
Ursache das Leere ist, sondern nur der nach oben. Das
Dünne nämlich ist ein Leichtes: deshalb nennt man
auch das Feuer dünn. Sodann ist der Bewegung Ursache
nicht so das Leere, wie das Worin; sondern wie
die Schläuche, indem sie selbst sich nach oben bewegen,
zugleich das, was an ihnen hängt, mit bewegen,
eben so ist auch das Leere aufwärts steigend. Allein
wie kann es eine Bewegung des Leeres geben, oder
einen Ort des Leeren? Vom Leeren nämlich leer
würde das, wo es sich hin bewegte. -Weiter aber wie
wollen sie bei dem Schweren folgern, daß es sich
nach unten bewegt? Und es erhellt, daß wenn, je dünner
und leerer etwas ist, um so schneller es nach oben
sich bewegt, ein vollkommen Leeres, wenn es eines
giebt, am schnellsten sich bewegen müßte. Vielleicht
aber möchte dieß gar nicht bewegt werden können.
Der Grund aber ist derselbe, wie daß auch in dem
Leeren alles unbeweglich, so auch daß das Leere unbeweglich
ist. Denn nicht verglichen werden könnten
Aristoteles: Physik 141
die Schnelligkeiten.
Da nun aber wir von dem Leeren zwar sagen, es sei
nicht, die übrigen Bedenklichkeiten aber mit Recht
aufgeworfen sind: so muß es entweder keine Bewegung
geben, wenn es keine Verdichtung oder Verdünnung
giebt, oder der Himmel wogen, oder stets gleich
viel Wasser aus Luft werden, und Luft aus Wasser.
Denn es erhellt, daß mehr Luft aus Wasser wird. Es
muß also, wenn es kein Zusammendrücken giebt, entweder
hinweggetrieben das Angrenzende des Aeußern
sie wogen machen, oder anderswo gleich viel aus Luft
in Wasser verwandelt werden, damit der gesammte
Umfang des All gleich sei; oder nichts darf sich bewegen.
Denn stets wird, so oft etwas den Platz wechselt,
sich dieß begeben, es müßte sich denn im Kreise bewegen.
Nicht alle Bewegung aber ist im Kreise, sondern
auch in gerader Linie. - Einige nun möchten aus
dergleichen Gründen behaupten, daß ein Leeres sei.
Wir aber sagen in Folge der Voraussetzungen, daß da
ist Ein Stoff des Entgegengesetzten, des Warmen und
des Kalten und der übrigen in der Natur vorkommenden
Gegensätze. Und aus der Möglichkeit nach Seiendem
wird der That nach Seiendes. Und nicht selbstständig
zwar ist der Stoff, dem Sein nach aber verschieden,
und Einer der Zahl nach, mag er es nun sein
von Farbe oder von Warmen und Kaltem. Es ist aber
der Stoff des großen und des kleinen Körpers
Aristoteles: Physik 142
derselbe. Dieß erhellt daraus, daß, wenn aus Wasser
Luft wird, derselbe Stoff ohne anderweiten Zusatz
bleibt. Sondern was der Möglichkeit nach war, wird
der That nach. Und umgekehrtWasser aus Luft, auf
dieselbeWeise: das einemal in Größe aus Kleinheit,
das anderemal in Kleinheit aus Größe. Gleicherweise
also wenn die Luft, die viel ist, zu einer geringern
Masse wird, und wenn sie aus einer kleineren eine
größere, wie der der Möglichkeit nach seiende Stoff
beides. Denn wie aus Kaltem ein Warmes und aus
Warmen ein Kaltes derselbe, weil er der Möglichkeit
nach war, so auch aus Warmen ein Wärmeres, ohne
daß etwas in dem Stoffe warm wird, was nicht warm
war, als er weniger warm war. Gleichwie auch nicht,
wenn die Rundung und Krümmung des größeren
Kreises zu der eines kleineren Kreises wird, mag sie
nun dieselbe sein, oder eine andere, auf irgend eine
Weise etwas krumm wird, was vorher nicht krumm
war sondern gerade. Denn nicht in dem theilweisen
Nichtdasein besteht das Minder oder das Mehr; noch
kann man von der Flamme irgend eine Größe nehmen,
worin nicht weiße Farbe und Wärme wäre. So nun
verhält sich auch die frühereWärme zu der späteren.
Also wird auch die Größe und die Kleinheit der sinnlich
wahrnehmbaren Masse nicht indem dem Stoffe
etwas zuwächst, erhöht; sondern indem der Möglichkeit
nach der Stoff für beide ist. Also ist das
Aristoteles: Physik 143
Nämliche Dichtes und Dünnes, und Einer ihr Stoff.
Es ist aber das Dichte ein Schweres, das Dünne ein
Leichtes. [Ferner gleichwie der Umfang des Kreises,
indem er in das Kleinere zusammengezogen wird,
nicht etwas anderes hinzunimmt, welches krumm war,
sondern das was war, zusammengezogen ward; so
auch ist von dem Feuer, was man nimmt, alles warm;
so besteht auch das All in dem Zusammenziehen und
Ausbreiten des nämlichen Stoffes.] Zweierlei nämlich
ist an beiden, dem Dichten und dem Dünnen: das
Schwere nämlich und das Harte gilt für dicht; und
umgekehrt für dünn das Leichte und das Weiche. Es
entfernt sich aber von einander das Schwere und das
Harte an dem Blei und an dem Eisen.
Aus dem Gesagten nun ist ersichtlich, daß es weder
abgesondert ein Leeres giebt, noch schlechthin; weder
in dem Dünnen, noch der Möglichkeit nach. Es müßte
denn jemand durchaus Leeres nennen wollen, was Ursache
der Ortveränderung ist. So aber wäre der so beschaffene
Stoff des Schweren und Leichten das Leere.
Denn das Dicht und das Dünn nach diesem Gegensatze
sind das hervorbringende der Ortveränderung.
Nach dem Hart und Weich aber Zustände und Zustandlosigkeit,
und nicht der Ortveränderung, sondern
der Umbildung vielmehr. - Ueber das Leere nun, wiefern
es ist und wiefern es nicht ist, mögen auf diese
Weise Bestimmungen gegeben sein.
Aristoteles: Physik 144
Zehntes Capitel
Es reiht sich an das bisher Versprochene, über die
Zeit zu handeln. Zuerst nun ist es wohlgethan, Zweifel
über sie vorzulegen, nach äußerlicher Begriffbestimmung,
ob sie zu dem Seienden gehört zu dem Nichtseienden;
sodann welches ihre Natur ist. Daß sie nun
überhaupt nicht ist, oder Einschränkungen und Dunkelheiten,
könnte man aus Folgendem argwöhnen. Ein
Theil nämlich von ihr ist gewesen, und ist nicht, der
andere aber wird sein, und ist noch nicht. Hieraus
aber besteht sowohl die unbegrenzte, als die stets gesetzte
Zeit: was aber aus Nichtseiendem besteht,
könnte unfähig scheinen, auf irgend eine Art Theil zu
haben am Sein. Ueberdieß ist bei allem Theilbaren,
wenn es sein soll, nothwendig daß sobald es ist, entweder
einige oder alle Theile sind. Von der Zeit aber
ist ein Theil gewesen, der andere wird sein, keiner
aber ist; da doch sie theilbar ist. Das Jetzt aber ist
nicht Theil. Denn Maß ist der Theil, und bestehen
muß das Ganze aus den Theilen: die Zeit aber scheint
nicht zu bestehen aus dem Jetzt. Ferner aber auch
eben dieses Jetzt, welches erscheint als bestimmend
das Vergangen und das Zukünftig, ob es eines und
dasselbe immer verbleibt, oder stets ein anderes wird,
ist nicht leicht zu sehen. Denn wofern es stets ein
Aristoteles: Physik 145
anderes und wieder ein anderes ist, kein Theil aber
von denen, die in der Zeit sind, mit einem andern zugleich
ist, wenn nicht der eine umgiebt, der andere
umgeben wird, wie die kleinere Zeit von der größeren,
das Jetzt aber, was nicht ist, vorher aber war, irgendwann
untergegangen sein muß: so werden auch die
Jetzt zugleich mit einander nicht sein, sondern untergegangen
muß stets sein das vorhergehende. In sich
selbst nun können sie nicht untergegangen sein; weil
sie damals waren. Daß aber in einem andern Jetzt untergegangen
sei das vorhergehende Jetzt, ist nicht
statthaft. Denn es dürfte unmöglich sein, daß stetig
mit einander zusammenhängen die Jetzt, gleichwie
der Punct mit dem Puncte. Ist es nun in dem unmittelbar
angrenzenden nicht untergegangen, sondern in
einem andern, so würde es in dem dazwischenliegenden
Jetzt, deren unendlich viele sind, zugleich noch
sein. Dieß aber ist unmöglich. - Allein auch nicht daß
stets dasselbige verbleibe, ist denkbar. Denn nichts
was theilbar und begrenzt ist, hat nur Eine Grenze,
weder wenn es nach einer Richtung fortlaufend ist,
noch wenn nach mehren. Das Jetzt aber ist Grenze,
und die Zeit kann man nehmen als begrenzt. - Ferner
wenn zugleich zu sein der Zeit nach und weder früher
noch später, in dem Nämlichen zu sein, und in dem
Jetzt bedeutet, so wäre, wenn das Frühere und das
Spätere in diesem Jetzt ist, zugleich das was vor
Aristoteles: Physik 146
zehntausend Jahren geschah mit dem was heute geschieht;
und weder früher noch später ist je eines als
das andere. - Ueber das nun was zu dem Begriffe der
Zeit gehört, mögen diese Zweifel aufgestellt sein.
Was aber die Zeit ist, und welche Natur sie hat, ist
eben so sehr aus dem Ueberlieferten undeutlich, als
nach dem, was wir vorher durchgegangen sind. Einige
nämlich behaupten, sie sei die Bewegung das All, Andere,
die Kugel selbst. Allein von dem Umschwunge
ist ja auch der Theil eine Zeit, Umschwung aber nicht:
ein Theil nämlich vom Umschwunge, welchen man
herausnimmt, aber nicht Umschwung. - Ferner wenn
es mehre Himmel gäbe, so müßte auf gleicheWeise
die Zeit, eines jeden von diesen Bewegung sein. So
gäbe es denn viele Zeiten zugleich. - Die Kugel des
All aber konnte denen, die dieß behaupten, als die
Zeit erscheinen, weil sowohl in der zeit Alles ist, als
auch in der Kugel des All. Es ist aber einfältiger das
Erwähnte, als daß man seine Unmöglichkeit besonders
in Erwägung ziehn sollte. - Da es aber am meisten
für sich hat, daß eine Bewegung sei und Veränderung
die Zeit, so wäre dieses zu untersuchen. Die
Veränderung und Bewegung eines Dinges nun ist in
demjenigen selbst, was sich verändert, allein, oder wo
sich befindet das selbst, was sich bewegt und verändert:
die Zeit aber auf gleicheWeise auch überall und
bei Allem. Ferner ist alle Veränderung schneller oder
Aristoteles: Physik 147
langsamer; die Zeit aber ist es nicht. Denn das Langsam
und Schnell ist durch Zeit bestimmt: schnell
nämlich ist, was in wenig Zeit sich viel bewegt; langsam,
was in vieler wenig. Die Zeit aber ist nicht bestimmt
durch Zeit, noch dadurch, daß sie eine Größe
hat, noch daß eine Beschaffenheit. Daß sie nun also
nicht Bewegung ist, erhellt. Kein Unterschied sei und
aber für jetzt, Bewegung zu sagen oder Veränderung.
Eilftes Capitel
Allein auch nicht ohne Veränderung.Wenn nämlich
wir selbst keine Veränderung der Gedanken
durchgehen, oder ohne es zu bemerken sie durchgehen,
so kommt es uns vor, als ob keine Zeit verfließe;
wie auch denen, welche in Sardinien, wie die Sage erzählt,
schlafen bei den Heroen, wann sie erwachen.
Sie knüpfen nämlich das frühere Jetzt an das spätere
Jetzt, und lassen weg, weil sie es nicht empfinden,
was dazwischen ist. Gleichwie nun, wenn nicht ein
verschiedenes wäre das Jetzt, sondern eines und dasselbe,
nicht wäre eine Zeit; so auch, weil unbemerkt
bleibt die seiende Verschiedenheit, scheint nicht zu
sein die Zeit dazwischen.Wenn nun, zu meinen daß
keine Zeit sei, dann uns begegnet, wenn wir keine
Veränderung bezeichnen, sondern in Einem und
Aristoteles: Physik 148
Untheilbarem die Seele bleibend erscheint; sobald
aber wir sie bemerken und bezeichnen, wir dann
sagen, es verfließe eine Zeit: so erhellt, daß nicht ist
ohne Bewegung und Veränderung die Zeit. Daß nun
also weder Bewegung, noch ohne Bewegung die Zeit
ist, erhellt. Wir müssen aber bei unserem Verfahren,
da wir nachforschen, was ist die Zeit, davon beginnen,
was von der Bewegung sie ist. Denn zugleich
Bewegung empfinden wir und Zeit. Auch nämlich
wenn es finster ist und wir nichts mittelst des Körpers
erfahren, irgend eine Bewegung aber in der Seele ist,
so scheint sogleich auch zumal zu verfließen eine
Zeit. Allein auch wenn eine Zeit zu verfließen scheint,
so zeigt sich zugleich auch, daß eine Bewegung geschieht.
Also ist entweder Bewegung, oder von der
Bewegung etwas die Zeit. Weil nun nicht Bewegung,
muß sie etwas von der Bewegung sein. - Da aber alles
was sich bewegt, von etwas zu etwas sich bewegt,
und alle zwischen diesen liegende Größe stetig ist, so
gilt, was von der Größe, auch von der Bewegung.
Weil nämlich die Größe stetig ist, ist auch die Bewegung
stetig. Weil aber die Bewegung, auch die Zeit;
denn wie groß die Bewegung, für eben so groß gilt
auch die verfließende Zeit. Das Vor also und Nach in
dem Raume ist das erste; dort aber ist es der Lage
nach. Weil es nun an der räumlichen Größe ein Vor
und Nach giebt, so giebt es nothwendig auch in der
Aristoteles: Physik 149
Bewegung ein Vor und Nach, entsprechend dem in
jener. Allein auch in der Zeit giebt es ein Vor und
Nach, weil stets begleitet eines von ihnen das andere.
Es ist aber hier das Vor und Nach in der Bewegung,
und indem es ist, ist es Bewegung; sein Sein ist jedoch
ein anderes, und nicht Bewegung. Allein auch
die Zeit erkennen wir, wenn wir bestimmen die Bewegung
dadurch daß wir das Vor und Nach bestimmen.
Und dann sagen wir, daß eine Zeit verfließe, wenn wir
das Vor und Nach in der Bewegung wahrnehmen.
Wir bestimmen sie aber dadurch, daß wir diese als
verschieden von einander annehmen, und dazwischen
wieder etwas von ihnen verschiedenes.Wenn wir
nämlich die Aeußersten verschieden von dem Mittleren
denken, und zwei Jetzt die Seele ausspricht, das
eine das vorhergehende, das andere das nachfolgende:
dann und hievon sagen wir, es sei eine Zeit. Denn was
bestimmt ist durch die Jetzt, gilt für Zeit, und mag
somit zum Grunde liegen. -Wenn wir nun als Eins
das Jetzt wahrnehmen, und nicht entweder als das Vor
und Nach in der Bewegung, oder als das nämliche
zwar, welches aber ein vorangehendes und ein nachfolgendes
hat: so gilt keine Zeit als vorhanden, weil
auch keine Bewegung. Wenn aber als das Vor und
Nach, dann sprechen wir von Zeit. Dieß nämlich ist
die Zeit; Zahl der Bewegung nach dem Vor und Nach.
Nicht also ist Bewegung die Zeit; sondern wiefern
Aristoteles: Physik 150
Zahl hat die Bewegung. Dieß sieht man daran: das
Mehr und Minder unterscheiden wir durch Zahl, Bewegung
aber die mehre oder mindere, durch Zeit. Eine
Zahl also ist die Zeit. Da aber die Zahl ist doppelt;
denn sowohl das Gezählte und das Zählbare nennen
wir Zahl, als das womit wir zählen: so ist die Zeit,
was gezählt wird, und nicht, womit wir zählen. Es ist
aber ein anderes, womit wir zählen, und das, was gezählt
wird.
Und wie die Bewegung immer eine andere ist, so
auch die Zeit. Alle Zeit aber, die zugleich ist, ist die
nämliche. Denn das Jetzt ist das nämliche was es
immer war, sein Sein aber ist ein verschiedenes. Das
Jetzt aber mißt die Zeit, wiefern es vorangehend und
nachfolgend ist. - Das Jetzt nun ist gewissermaßen
zwar dasselbe, gewissermaßen aber nicht dasselbe.
Wiefern es nämlich immer in einem andern ist, ist es
ein verschiedenes: hierin aber besteht eben dieß, daß
es Jetzt ist. Wiefern es hingehen überhaupt nur ist,
dasselbe. Denn es schließt, sich wie bemerkt, an die
Bewegung an, an diese aber die Zeit, wie wir sagen.
Und auf gleicheWeise an den Punct das Bewegte,
woran wir die Bewegung erkennen und das Vorangehende
in ihr und das Nachfolgende. Dieß aber ist als
seiendes überhaupt, das nämliche: ein Punct nämlich,
oder ein Stein, oder etwas anderes dieser Art; dem Begriffe
nach aber ein anderes, wie die Grübler es für
Aristoteles: Physik 151
verschieden ausgeben, Koriskus im Lyceum zu sein,
und Koriskus auf dem Markte. Auch dieses wäre also,
indem es hier oder dort ist, verschieden. An das Bewegte
aber schließt sich das Jetzt an, wie die Zeit an
die Bewegung. An dem Bewegten aber erkennen wir
das Vor und Nach in der Bewegung.Wiefern nun
zählbar ist das Vor und Nach, ist es das Jetzt. Also ist
auch in diesem das Jetzt an sich das nämliche; denn
es ist das Vor und Nach in Bewegung: sein Sein aber
ist ein verschiedenes; denn als zählbar ist das Vor und
Nach des Jetzt. Und erkennbar ist vorzüglich dieses;
denn auch die Bewegung ist es mittelst des Bewegten,
und die Ortveränderung mittelst des den Ort verändernden.
Denn ein Wesen ist, was bewegt wird; die
Bewegung aber nicht.
Gewissermaßen nun also bedeutet das Jetzt stets
dasselbe, gewissermaßen aber nicht dasselbe; denn
auch mit dem, was bewegt wird, verhält es sich also.
Klar aber ist auch, daß, wenn es keine Zeit gäbe, es
kein Jetzt geben würde; wenn aber es kein Jetzt gäbe,
es keine Zeit geben würde. Denn zugleich ist, wie das
Bewegte und die Bewegung, so auch die Zahl des Bewegten
und die der Bewegung. Die Zeit nämlich ist
die Zahl der Bewegung; das Jetzt aber ist, wie das Bewegte,
gleichsam Einheit der Zahl. - Und sowohl stetig
zusammenhängend ist die Zeit mittelst des Jetzt,
als auch theilbar nach dem Jetzt. Denn es entspricht
Aristoteles: Physik 152
auch dieses der Bewegung, und dem was bewegt
wird. Auch die Bewegung nämlich und die Ortveränderung
ist Eine durch das Bewegte, wiefern dieses
Eines, und nicht bloß an sich; denn hier könnten Unterbrechungen
sein; sondern im Begriffe. Und es bestimmt
dieses das Vor und Nach in der Bewegung. Es
entspricht aber auch dieses wohl dem Puncte. Denn
auch der Punct hält theils gewissermaßen zusammen
die Länge, theils bestimmt er sie; denn er ist von dem
einen Anfang, von dem andern Ende. Aber will man
ihn so nehmen, daß für zwei gelten soll der Einige, so
muß er stillstehen, wenn Anfang und Ende sein soll
der nämliche Punct. Das Jetzt aber ist, weil bewegt
wird, was den Ort verändert, stets ein anderes. Also
ist die Zeit Zahl, nicht als von dem nämlichen Puncte,
der sowohl Anfang als Ende wäre, sondern als das
Aeußerste der Linie vielmehr, und nicht wie die Theile;
wegen dessen was bemerkt ist. Den mittelsten
Punct nämlich würde man als zwei betrachten müssen,
so daß ein Stillstehen folgen würde. Und übrigens
ist ersichtlich, daß auch nicht Theil das Jetzt von
der Zeit ist, noch die Theilung der Bewegung. Gleichwie
auch nicht die Puncte von der Linie; die Linien
hingegen zwei Theile der Einigen sind. - Als Grenze
nun also ist das Jetzt nicht Zeit, sondern es ist nur nebenbei.
Wiefern aber es zählt, ist es Zahl. Die Grenzen
nämlich sind nur in Bezug auf das, von dem sie
Aristoteles: Physik 153
Grenzen sind; die Zahl hingegen ist sowohl in Bezug
auf diese Pferde die Zehn, als auch anderwärts. - Daß
nun also die Zeit Zahl der Bewegung ist nach dem
Vor und Nach, und eine stetige, denn sie ist es von
einem Stetigen, ist ersichtlich.
Zwölftes Capitel
Die kleinste Zahl nun ist schlechthin zwar die
Zwei. Eine bestimmte Zahl aber ist in einer Hinsicht
dieß, in der andern aber ist sie es nicht. Z.B. von der
Linie die kleinste Zahl, ist der Menge nach zwar die
Zwei oder die Eins; der Größe nach aber ist sie nicht
die kleinste; denn stets getheilt wird jede Linie. Also
gleicherweise auch die Zeit: die kleinste nämlich ist
der Zahl nach die Eine oder die Zwei; der Größe nach
aber sind sie es nicht. - Man sieht aber auch, weshalb
sie schnell zwar und langsam nicht heißt, wohl aber
viel und wenig, und lang und kurz. Wiefern nämlich
sie stetig ist, lang und kurz, wiefern aber Zahl, viel
und wenig. Schnell aber und langsam ist sie nicht;
denn auch die Zahlen, mit denen wir zählen, sind
schnell oder langsam nie. Und die nämlich ist überall
zugleich, früher und später aber ist nicht die nämliche;
weil auch die Veränderung, die gegenwärtige
Eine, die vergangene und zukünftige aber, eine
Aristoteles: Physik 154
verschiedene ist. Die Zeit aber ist eine Zahl, nicht
womit wir zählen, sondern welche gezählt wird. Diese
aber ergiebt sich als nach dem Früher und Später stets
verschieden. Die Jetzt nämlich sind verschieden. Es
ist aber die Zahl eine und dieselbe, die von den hundert
Pferden und von den hundert Menschen; wovon
aber sie Zahl ist, verschieden: die Pferde von den
Menschen. - Ferner, gleichwie eine Bewegung eine
und dieselbe zu wiederholten malen sein kann, so
kann es auch eine Zeit: z.B. Jahr, oder Frühling, oder
Herbst. - Nicht allein aber messen wir die Bewegung
mit der Zeit, sondern auch mit der Bewegung die Zeit;
weil sie durch einander sich bestimmen. Die Zeit
nämlich bestimmt die Bewegung, indem sie ihre Zahl
ist; die Bewegung aber die Zeit. Und wir sagen viel
oder wenig Zeit, indem wir sie mit der Bewegung
messen, gleichwie auch mit dem Zählbaren die Zahl,
z.B. mit dem Einen Pferde, die Zahl der Pferde. Mittelst
der Zahl nämlich zwar erkennen wir die Menge
der Pferde; umgekehrt aber mittelst des Einen Pferdes,
die Zahl selbst der Pferde. Eben so auch bei der Zeit
und der Bewegung: durch die Zeit nämlich die Bewegung,
durch die Bewegung aber messen wir die Zeit.
Und dieß geschieht mit gutem Grunde. Denn es entspricht
der räumlichen Größe die Bewegung, der Bewegung
aber die Zeit, darin daß sie sowohl Größen,
als stetig, als auch untheilbar sind. Weil nämlich die
Aristoteles: Physik 155
stetige Größe eine solche ist, eigner dieß auch der Bewegung;
weil aber der Bewegung, der Zeit. Und wir
messen sowohl die Größe mit der Bewegung, als auch
die Bewegung mit der Größe. Lang nämlich nennen
wir den Weg, wenn die Reise lang ist, und diese lang,
wenn der Weg lang; und die Zeit, wenn die Bewegung,
und die Bewegung, wenn die Zeit.
Da nun die Zeit Maß der Bewegung ist und des Bewegens,
diese aber dergestalt die Bewegung mißt, daß
sie bestimmt eine Bewegung, welche dienen soll, die
ganze auszumessen; gleichwie auch die Länge die
Elle mißt, indem sie bestimmt ist als eine Größe, wonach
ausgemessen werden soll die ganze: so ist auch
für die Bewegung das Sein in der Zeit, daß gemessen
wird durch die Zeit sie selbst und ihr Sein. Denn zugleich
die Bewegung und das Sein der Bewegung
mißt jene. Und dieß ist für sie das in der Zeit sein,
daß gemessen wird ihr Sein. - Es erhellt aber, daß
auch für das Andere dieß ist das in der Zeit Sein, daß
gemessen wird sein Sein durch die Zeit. - Das in der
Zeit sein nämlich ist von zweien das eine: entweder
zu sein dann, wann die Zeit ist, oder, so zu sein, wie
von Einigem sagen, daß es in der Zahl ist. Dieß aber
bedeutet entweder ein Theil der Zahl und Zustand und
überhaupt, daß es von der Zahl etwas ist, oder daß es
giebt von ihm eine Zahl. Da aber Zahl ist die Zeit, so
sind das Jetzt und das Vor und was sonst dergleichen,
Aristoteles: Physik 156
so in der Zeit, wie in der Zahl die Eins und das Ungerade
und das Gerade. Denn diese sind etwas von der
Zahl, jene aber etwas von der Zeit. Die Dinge aber
sind wie in der Zahl, in der Zeit etwas. Ist nun dieß,
so werden sie umfaßt von der Zahl, gleichwie auch,
was im Raume ist, von dem Raume. - Ersichtlich aber
ist auch, daß nicht ist das in der Zeit sein, zu sein,
wann die Zeit ist: gleichwie auch nicht das in Bewegung
sein, noch das im Raume sein, wann die Bewegung
und der Raum ist. Denn soll das: in etwas, sich
so verhalten, so werden alle Dinge in allem sein, und
der Himmel in einem Hirsenkorn; denn wann das Hirsenkorn
ist, ist auch der Himmel. Allein dieses trifft
sich zufällig, jenes aber muß zusammentreffen; und
mit dem was in der Zeit ist, eine Zeit sein, wann jenes
ist, und mit dem, was in Bewegung ist, eben dann
eine Bewegung sein. Da aber ist wie in der Zahl das
in der Zeit, so wird sich denken lassen eine größere
Zeit als alles was in der Zeit ist. Darum muß alles
was in der Zeit ist, umfaßt werden von der Zeit, so
wie auch anderes, was im etwas ist; z.B. das im
Raume von dem Raume; und auch leiden etwas von
der Zeit, so wie wir auch zu sagen pflegen, daß aufzehrt
die Zeit, und daß altert Alles durch die Zeit, und
daß man vergißt durch die Zeit; nicht aber, daß man
lernt, noch jung wird, noch schön. Von dem Vergehen
nämlich ist Ursache an sich vielmehr die Zeit: denn
Aristoteles: Physik 157
sie ist Zahl der Bewegung, die Bewegung aber versetzt
das Vorhandene. Also ist ersichtlich, daß das
stets Seiende als stets Seiendes nicht ist in der Zeit.
Denn nicht umfaßt wird es von der Zeit, noch gemessen
sein Sein von der Zeit. Es zeigt sich dieß daran,
daß es nichts erfährt von der Zeit, indem es nicht ist
in der Zeit. - Da aber die Zeit Maß der Bewegung, so
ist sie auch der Ruhe Maß [nebenbei]. Denn alle Ruhe
ist in der Zeit. Nicht nämlich wie, was in der Bewegung
ist, nothwendig sich bewegen muß, so auch, was
in der Zeit. Denn nicht Bewegung ist die Zeit, sondern
Zahl der Bewegung; in der Zahl aber der Bewegung
kann sein auch das Ruhende. - Denn nicht alles Unbewegte
ruht, sondern nur das der Bewegung Entbehrende
aber sich zu bewegen Bestimmte; wie gesagt in
dem Vorhergehenden. Zu sein aber in der Zahl ist,
daß irgend eine Zahl hat das Ding, und daß gemessen
wird sein Sein durch die Zahl in der es ist, also wenn
in der Zeit, von der Zeit. Es wird aber messen die Zeit
das Bewegte und das Ruhende, wiefern das eine Bewegtes,
das andere Ruhendes ist: denn seine Bewegung
soll sie messen und seine Ruhe, nach ihrer
Größe. Also wird das Bewegte nicht schlechthin meßbar
sein durch die Zeit, wiefern es ein Größe ist, sondern
wiefern seine Bewegung eine Größe ist. So daß,
was weder sich bewegt noch ruht, nicht ist in der Zeit.
Denn in der Zeit sein, ist gemessen werden durch die
Aristoteles: Physik 158
Zeit; die Zeit aber ist der Bewegung und Ruhe Maß. -
Man sieht also, daß auch das Nichtseiende alles sein
kann in der Zeit, namentlich alles dasjenige nicht, was
nicht anders sich verhalten kann; z.B. daß der Durchmesser
mit der Seite gleiches Maß habe. Denn überhaupt
wenn Maß ist für die Bewegung die Zeit an sich
selbst, für das Andere aber nebenbei: so erhellt, daß,
wessen Sein sie mißt, dieses alles haben wird sein
Sein in dem Ruhen oder Bewegtsein.Was also dem
Vergehen und Entstehen unterworfen, und überhaupt
was bald ist, bald nicht ist, muß in der Zeit sein.
Denn es ist eine größere Zeit, welche übersteigt sein
Sein und diejenige, die da mißt sein Wesen. Von dem
aber, was ist, so viel davon umfaßt die Zeit, ist einiges
gewesen, wie z.B. Homer gewesen ist; anderes
wird sein, wie irgend etwas Zukünftiges; je nachdem
nach einer von beiden Seiten die Zeit es umfaßt: und
wenn nach beiden, so war es sowohl als wird es sein.
Was sie aber umfaßt nach keiner Seite, war weder,
noch ist es, noch wird es sein. Es giebt aber ein solches
Nichtseiende, dessen Entgegengesetztes stets ist,
z.B. daß außer bestimmtem Verhältniß ist der Durchmesser
zur Seite, ist stets so, und nicht kann dieß sein
in der Zeit: also auch nicht, daß er in bestimmten Verhältnisse
sei. Darum ist dieß stets nicht, weil entgegengesetzt
dem was stets ist. Wessen Gegentheil aber
nicht stets ist, dieß kann sowohl sein als nicht, und es
Aristoteles: Physik 159
giebt ein Entstehen und Vergehen davon.
Dreizehntes Capitel
Das Jetzt aber ist die Stetigkeit der Zeit; wie gesagt.
Denn es verbindet die Zeit, die vergangene und
die zukünftige, und ist überhaupt Bewegung der Zeit.
Es ist nämlich von der einen Anfang, von der andern
aber Ende. Allein dieses leuchtet nicht wie bei dem
bleibenden Puncte sogleich ein. Es theilt aber auch
der Möglichkeit nach, und, wiefern ein solches, ist
stets ein anderes das Jetzt; wiefern es aber verknüpft,
ist es stets dasselbe. Gleichwie bei den mathematischen
Linien. Denn auch hier ist nicht stets einer und
derselbe der Punct für das Denken, denn wenn man
sie trennt, wird er zu anderem; wiefern sie aber Eine
ist, bleibt er überall der nämliche. So auch das Jetzt:
von der einen Seite Theilung der Zeit der Möglichkeit
nach, von der andern aber, Bewegung zweier Zeiten
und Einheit. Es ist aber Dasselbe und in demselben
Bezuge die Theilung und die Einheit; ihr Sein aber ist
nicht dasselbe.
Auf Eine Weise nun wird Jetzt so gesagt. Auf andere
aber, wenn die Zeit von diesem nahe ist. Er wird
jetzt kommen; wenn er heute kommen wird. Er kam
jetzt, weil er heute kam. Die Begebenheiten vor Ilion
Aristoteles: Physik 160
aber geschehen nicht jetzt, noch war die allgemeine
Ueberschwemmung jetzt. Und doch ist eine stetige
Zeit dahin; aber weil sie nicht nah sind.
Das Einst aber ist eine Zeit, die bestimmt ist gegen
das vorangehende Jetzt: z.B. einst ward Troja genommen,
und einst wird die Ueberschwemmung sein.
Denn es muß begrenzt sein gegen das Jetzt. Sein also
wird eine Zeit von einer bestimmten Größe von diesem
nach jenem, und es war eine nach dem vergangenen.
Giebt es nun keine einzige Zeit, die nicht Einst
ist, so wäre wohl alle Zeit begrenzt.Wird sie nun ausgehen;
oder nicht, dafern es stets Bewegung giebt?
Eine andere also, oder die nämliche zu wiederholten
malen? Offenbar, wie die Bewegung, so auch die Zeit.
Wenn nämlich eine und dieselbe stattfinden sollte, so
wird auch die Zeit eine und dieselbe sein; wenn aber
nicht, so wird sie es nicht. Weil aber das Jetzt Ende
und Anfang der Zeit, aber nicht der nämlichen, sondern
der vergangenen Ende, Anfang aber der zukünftigen:
so möchte, wie bei dem Kreise in dem Nämlichen
die Wölbung und die Hohlung ist, so auch die
Zeit stets zugleich am Anfang und am Ende sein. Und
darum gilt sie stets für eine andere: denn nicht von der
nämlichen ist sowohl Anfang als auch Ende das Jetzt.
Denn zugleich wären dann, und in demselben Bezuge
die Gegentheile. - Und auch nicht ausgehen wird sie:
denn stets ist sie im Anfange.
Aristoteles: Physik 161
Das Gleich aber ist der nahe an dem gegenwärtigen
untheilbaren Jetzt liegende Theil der zukünftigen Zeit.
Wann gehst du? Gleich: weil nahe die Zeit, in der es
geschehen soll. Auch von der vergangenen Zeit, was
nicht fern dem Jetzt ist. Wann wirst du gehen? Ich bin
gleich gegangen. Ilion aber sagen wir nicht daß gleich
erobert sei, weil es sehr fern ist von dem Jetzt. - Auch
das Neulich ist, was nahe an dem gegenwärtigen
Jetzt, und Theil der Vergangenheit ist. Wann kannst
du? Neulich: wenn die Zeit nahe ist an dem gegenwärtigen
Jetzt. - Ehemals aber, was fern ist. - Das Plötzlich
aber bedeutet, was in einer wegen ihrer Kleinheit
unwahrnehmbaren Zeit aus seiner Lage herausgeworfen
wird. Alle Veränderung aber ist ein Herauswerfen
aus der bisherigen Lage.
In der Zeit aber geschieht alles Entstehen und Vergehen.
Darum auch nannten sie Einige die weise, der
Pythagoreer Paron aber die unvernünftige, weil man
in ihr auch vergißt: mit mehrem Rechte. - Es erhellt
also, daß sie von dem Vergehen eher an und für sich
Ursache ist als von dem Entstehen, wie auch zuvor
gesagt: denn herauswerfend aus dem Bestehendem ist
die Veränderung an und für sich selbst. Von dem Entstehen
aber und Sein nebenbei. Ein hinreichender Beweis
hievon ist, daß nichts zwar entsteht ohne eine
gewisse Bewegung und Handlung, vergeht aber auch
ohne alle Bewegung. Und dieß vornehmlich pflegen
Aristoteles: Physik 162
wir zu nennen Untergang durch die Zeit. Allein auch
diesen nicht vollbringt die Zeit, sondern es trifft sich,
daß in der Zeit geschieht auch diese Veränderung. -
Daß es nun also giebt eine Zeit, und was da sei, und
auf wie vielfacheWeise wir sagen das Jetzt, uns was
das Einst, und das Neulich, und das Gleich, und das
Ehemals, und das Plötzlich bedeutet, ist gesagt worden.
Vierzehntes Capitel
Da wir nun dieses durchgegangen sind, so ist ersichtlich,
daß alle Veränderung geschehen, und alles
Bewegte sich bewegen muß in der Zeit. Denn das
Schneller oder Langsamer findet statt bei aller Veränderung.
In Allem nämlich zeigt es sich so. Ich meine
es aber so, daß schneller sich bewegt, was früher
übergeht in das, worin es bleiben soll, bei einerlei
Zwischenraum und gleichmäßiger Bewegung; z.B. bei
der räumlichen Bewegung, wenn beides sich im
Kreisbogen bewegt, oder beides in gerader Linie;
eben so auch bei den anderen. - Jedenfalls nun ist das
Vor in der Zeit. Denn Vor und Nach sagen wir nach
der Entfernung von dem Jetzt; das Jetzt aber ist Grenze
des Vergangenen und des Zukünftigen. Also weil
das Jetzt in der Zeit, wird auch das Vor und Nach in
Aristoteles: Physik 163
der Zeit sein; denn wo das Jetzt, da ist auch die Entfernung
von dem Jetzt. - Auf entgegengesetzteWeise
aber wird das Vor gesagt von der vergangenen Zeit
und von der zukünftigen. Bei der Vergangenheit nämlich
nennen wir Vor das Entferntere von dem Jetzt,
Nach aber das Nähere; in der Zukunft aber Vor das
Nähere, Nach das Entferntere. - Also weil das Vor in
der Zeit, in aller Bewegung aber vorhanden ist das
Vor: so sieht man, daß alle Veränderung und alle Bewegung
in der Zeit ist.
Werth aber der Betrachtung ist, theils wie sich
wohl verhält die Zeit zu der Seele, theils warum in
Allem zu sein scheint die Zeit, im Erde, und in Meer,
und Himmel. Vielleicht weil sie von der Bewegung
ein Zustand ist oder eine Eigenschaft, da sie ja ihre
Zahl ist. Alle diese Dinge aber sind beweglich; denn
in dem Raume sind sie alle. Die Zeit aber und die Bewegung
sind zugleich, sowohl der Möglichkeit, als
der Wirklichkeit nach. - Ob aber wenn nicht wäre die
Seele, wäre die Zeit oder nicht, könnte man zweifeln.
Denn könnte kein Zählendes sein, so könnte auch
nicht ein Zählbares sein: also offenbar auch keine
Zahl; denn Zahl ist entweder das Gezählte oder das
Zählbare. Ist nun nichts anderes, als die Seele, im
Stande zu zählen, so kann es keine Zeit geben, wenn
es keine Seele giebt; außer das was an sich ist die
Zeit: gleichwie wenn statthaft sein sollte eine
Aristoteles: Physik 164
Bewegung ohne Zeit. Das Vor und Nach nun ist in
der Bewegung; die Zeit aber ist dieses, wiefern es
zählbar ist. - Man könnte auch fragen, von welcherlei
Bewegung die Zeit Zahl ist, oder ob von allerlei.
Denn Entstehung ist in der Zeit und Untergang, und
Wachsthum, und Umbildung in der Zeit, und Ortveränderung.
Als einer Bewegung demnach ist sie jeder
Bewegung Zahl. Darum ist sie schlechthin Zahl von
stetiger Bewegung, und nicht von einer bestimmten. -
Aber es kann demselben Augenblick auch etwas anderes
sich bewegen, und jede von beiden Bewegungen
möchte eine Zahl haben. Soll nun eine andere die Zeit
sein, und wären zugleich zwei gleiche Zeiten; oder
nicht? Alle Zeit nämlich ist Eine, eben so wie zugleich;
der Art nach aber auch diejenigen, die nicht
zugleich sind. Wenn nämlich Hunde wären und Pferde,
jede von beiden sieben, so ist die Zahl dieselbe.
Eben so ist von den zugleich geschehenden Bewegungen
die Zeit dieselbe; aber vielleicht ist die eine
schnell, die andere nicht, und die eine Ortveränderung,
die andere Umbildung. Die Zeit jedoch ist die
nämliche, wenn nur die Zahl gleich und zugleich ist,
die von der Umbildung und der Ortveränderung. Und
deswegen sind die Bewegungen zwar verschiedene
und getrennt; die Zeit aber allenthalben die nämliche,
weil auch die Zahl Eine und allenthalben dieselbe ist,
die von dem was gleich und zugleich. Und da es eine
Aristoteles: Physik 165
Raumbewegung giebt, und unter dieser die im Kreise,
jedes Ding aber gezählt wird mit Einem verwandten,
die Einheiten mit der Einheit, die Pferde mit dem
Pferde: also auch die Zeit mit einer bestimmten Zeit.
Es wird aber gemessen, wie wir sagten, die Zeit durch
Bewegung, und die Bewegung durch Zeit. Dieß aber
heißt, daß durch die durch Zeit bestimmte Bewegung
gemessen wird die Größe sowohl der Bewegung, als
auch der Zeit. Wenn nun das Erste Maß für alles Verwandte
ist, so ist die gleichmäßige Kreisbewegung
Maß vornehmlich, dafern die Zahl von dieser die
leichtest verständliche. Umbildung nun und Wachsthum
und Entstehung sind nicht gleichmäßig; die
räumliche Bewegung aber ist es. Darum auch erscheint
die Zeit als Bewegung einer Kugel, weil durch
diese gemessen werden die andern Bewegungen, und
die Zeit durch diese Bewegung. Deswegen aber geschieht
es, daß das Gewohnte gesagt wird. Man
spricht nämlich von einem Kreise der menschlichen
Dinge, und der übrigen, die natürliche Bewegung
haben und Entstehung und Untergang. Dieß aber,
weil dieß alles nach der Zeit geschätzt wird, und Ende
und Anfang nimmt, als wie nach einem Umlauf. Und
die Zeit selbst gilt für einen Kreis. Dieß aber erscheint
wiederum so, weil sie solcher Raumbewegung
Maß ist, und gemessen wird selbst von solcher. Also
ist, zu sprechen von einen Kreise der Dinge die da
Aristoteles: Physik 166
werden, eben soviel als zu sprechen von einem Kreise
der Zeit. Dieß aber, weil sie gemessen wird durch die
Kreisbewegung. Denn neben dem Maße erscheint als
nichts anderes das was gemessen wird, als eine Mehrheit
von Maßen, das Ganze. - Man sagt auch mit
Recht, daß die nämliche die Zahl der Schaafe und der
Hunde, wenn beide gleich sind. Die Zehn aber ist
nicht dieselbe, noch sind es dieselben zehn, gleichwie
auch nicht die Dreiecke dieselben sind, das gleichseitige
und das ungleichseitige, obgleich die Gestalt dieselbe
ist, da Dreiecke beide sind. Denn Dasselbe heißt
etwas mit dem, nach dessen Unterschied es sich nicht
unterscheidet, nicht aber, nach dessen es sich unterscheidet.
Z.B. zwischen Dreieck und Dreieck findet
ein Unterschied statt; darum sind verschieden die
Dreiecke. An Gestalt aber unterscheiden sie sich
nicht, sondern sind enthalten in einer und derselben
Abtheilung. Denn die Gestalt ist, eine solche ein
Kreis, eine solche andere ein Dreieck; von diesem
aber ist ein solches ein gleichseitiges, ein solches andere
ein ungleichseitiges. An Gestalt nun ist Dasselbe
auch dieses; denn es ist Dreieck. Als Dreieck aber ist
es nicht Dasselbe. Und so ist auch die Zahl dieselbe.
Denn nicht unterscheidet sich nach einem die Zahl betreffenden
Unterschiede ihre Zahl. Die Zehn aber ist
nicht dieselbe. Denn wovon sie gesagt wird, dieß unterscheidet
sich: das eine nämlich sind Hunde, das
Aristoteles: Physik 167
andere Pferde. - Und über die Zeit nun, sowohl sie
selbst, als was zu ihrer Betrachtung gehört, ist genug
gesagt.
Aristoteles: Physik 168
Fünftes Buch
Erstes Capitel
Es geschieht aber alle Veränderung theils nebenbei;
wie wenn wir sagen, daß das Musikalische gehe,
indem, wobei es sich trifft, daß es musikalisch ist,
dieses geht; theils, wenn von einem bestimmten Dinge
etwas sich verändert, sagt man Veränderung schlechthin;
z.B. wenn von einer theilweisen die Rede ist. Es
geneset nämlich der Körper, wenn das Auge, oder die
Brust: dieß aber sind Theile des gesammten Körpers.
Es giebt aber auch eine Bewegung, die weder nebenbei
geschieht, noch in einem Theile bloß des Ganzen,
sondern in dem Dinge selbst unmittelbar. Und dieses
ist das an und für sich Bewegliche, je nach den verschiedenen
Arten der Bewegung aber verschiedenartig,
z.B. umbildsam, und innerhalb des Begriffs der
Umbildung, heilbar oder erwärmbar verschiedenartig.
Es verhält aber auch mit dem Bewegenden sich eben
so. Das eine nämlich bewegt nebenbei, das andere
nach seinen Theilen, indem etwas an ihm das Bewegende
ist; noch anderes an und für sich unmittelbar,
wie z.B. der Arzt heilt, oder die Hand schlägt. Da es
aber etwas giebt, das zunächst bewegt, und etwas, das
bewegt wird, ferner ein Worin, nämlich die Zeit, und
Aristoteles: Physik 169
neben diesem ein Woher und Wohin (denn alle Bewegung
geht von etwas aus und nach etwas hin; denn
verschieden ist das zunächst Bewegende, und das
wohin es sich bewegt und woher; z.B. das Holz, und
das Warm und das Kalt; von diesen ist eines das
Was, eines das Wohin, und eines das Woher): so ist
die Bewegung offenbar in dem Holze nicht als in der
Formbestimmung; denn weder bewegt, noch wird bewegt
die Formbestimmung, oder der Raum, oder die
Größe. - Doch es giebt ein Bewegendes und ein Bewegtes,
und etwas, wohin die Bewegung geht. Mehr
nämlich nach dem, wohin die Bewegung geht, als
nach dem, woher sie kommt, wird benannt die Veränderung.
Darum wird auch der Untergang bezeichnet
als Uebergang in das Nichtseiende: da doch zugleich
aus Seiendem die Veränderung bei dem Untergange
statt findet. Und die Entstehung als in Seiendes; wenn
auch aus Nichtseiendem.
Was nun sei die Bewegung, ist zuvor gesagt worden.
Die Formbestimmungen aber, und die Zustände,
und der Raum, wohin die Bewegung geht, sind unbeweglich:
z.B. die Einsicht und die Wärme. Doch
könnte man zweifeln, ob nicht die Zustände Bewegungen
sind; die weiße Farbe aber ein solcher Zustand,
denn sie kann in Bewegung übergehen. Indeß
wohl nicht die Farbe ist Bewegung, sondern die Färbung.
Es findet aber auch hierin statt sowohl das
Aristoteles: Physik 170
Nebenbei, als das Theilweise, als das durch Anderes,
als das Unmittelbar und nicht durch Anderes. Z.B.
das was weiß gefärbt wird, geht in das was gedacht
wird über nebenbei; denn für die Farbe ist es zufällig,
daß sie gedacht wird. In die Farbe aber, weil Theil
das Weiß ist von der Farbe; gleichwie man nach Europa
kommt, indem Athen Theil von Europa ist. In
die weiße Farbe endlich an und für sich selbst. Wie
nun also etwas sich an und für sich bewegt, und wie
nebenbei und wie durch etwas anderes, und wie das
Nämliche das Erste ist, sowohl bei dem Bewegenden
als bei dem Bewegten, ist klar; und daß die Bewegung
nicht in der Formbestimmung ist, sondern in
dem, was bewegt ist und beweglich der That nach.
Diejenige Veränderung nun, die nebenbei geschieht,
mag liegen bleiben: denn sie ist in Allem, und allezeit,
und von Allem. Die aber nicht nebenbei geschieht,
ist nicht in Allem, sondern in den Gegensätzen
und dem was dazwischen ist, und dem Widerspruche.
Dieß aber kann bewiesen werden durch allmähliche
Betrachtung des Einzelnen. Von den Mittleren
nun aus geschieht die Veränderung, wie von Entgegengesetztem.
Denn es gilt als Gegentheil gegen
jedes der beiden Glieder. Es ist nämlich gewissermaßen
das Mittlere beide Aeußersten. Darum heißt sowohl
dieses gegen jene, als auch jene gegen dieses das
Gegentheil; z.B. die mittlere Seite tief gegen die
Aristoteles: Physik 171
höchste, und hoch gegen die tiefste; und das Grau
weiß gegen das Schwarz, und schwarz gegen das
Weiß.
Da nun alle Veränderung ist aus etwas in etwas
(wie dieß auch der Name zeigt: ein Werden zum Anderen),
von denen das eine ein Vor, das andere ein
Nach bedeutet: so möchte die Veränderung auf vierfache
Art geschehen: entweder nämlich aus einer
Grundlage in eine Grundlage, oder aus einer Nichtgrundlage
in eine Nichtgrundlage, oder aus einer
Nichtgrundlage in eine Grundlage, oder aus einer
Grundlage in eine Nichtgrundlage. Ich nenne aber
Grundlage, was durch Bejahung ausgedrückt wird.
Also muß es zufolge des Gesagten dreierlei Veränderungen
geben: aus einer Grundlage in eine Grundlage,
aus einer Grundlage in eine Nichtgrundlage, und aus
einer Nichtgrundlage in eine Grundlage. Denn die aus
einer Nichtgrundlage in eine Nichtgrundlage ist nicht
Veränderung, weil sie nicht ist nach Gegensatz; denn
weder Gegentheile sind hier vorhanden, noch ein Widerspruch.
Der Uebergang nun aus einer Nichtgrundlage
in eine Grundlage im Widerspruche, ist Entstehung,
entweder schlechthin eine einfache, oder eine
bestimmte von etwas Bestimmten: z.B. der aus Nichtweißem
in Weißes, ist Entstehung von diesem. Die
aber aus Nichtseiendem schlechthin in Wesen, ist
Entstehung schlechthin, in Bezug auf welche wir
Aristoteles: Physik 172
schlechthin sagen, daß etwas werde oder nicht werde.
Der Uebergang aber aus Seiendem in Nichtseiendes
ist Untergang: schlechthin zwar, der aus dem Wesen
in das Nichtsein, eine Art aber der in die entgegenstehende
Verneinung, gleichwie gesagt ward auch bei
der Entstehung. -Wenn nun das Nichtseiende mehrerlei
bedeutet, und weder das nach Zusammensetzung
oder Theilung sich zu bewegen vermag, noch das der
Möglichkeit nach, welches dem schlechthin der That
nach Seienden entgegensteht (denn das Nichtweise
zwar, oder das Nichtgute kann doch sich bewegen nebenbei;
es könnte nämlich ein Mensch das Nichtweiße
sein: das schlechthin Nichtsolche aber auf
keineWeise, denn unmöglich kann, was nicht ist, sich
bewegen): so kann auch nicht die Entstehung Bewegung
sein; denn es entsteht das, was nicht ist. Denn
wenn es auch noch so sehr nebenbei entsteht, so ist es
dennoch richtig zu sagen, daß vorhanden ist das
Nichtseiende hinsichtlich des Entstehenden schlechthin.
Eben so auch das Ruhen. - Alles dieß sind
Schwierigkeiten, welche treffen eine Bewegung des
Nichtseienden: so auch, wenn alles was sich bewegt,
im Raume, das Nichtseiende aber nicht im Raume ist;
denn es wäre ja dann irgendwo. - Eben so wenig ist
der Untergang eine Bewegung. Denn entgegenstehend
ist eine Bewegung der anderen, oder eine Ruhe der
anderen; der Untergang aber ist der Entstehung
Aristoteles: Physik 173
entgegengesetzt. -Weil nun alle Bewegung eine Veränderung
ist, Veränderungen aber die drei genannten;
von diesen aber die nach Entstehung und Untergang
nicht Bewegung sind; eben diese aber diejenigen sind,
die im Widerspruche geschehen: so muß der Uebergang
aus einer Grundlage in eine Grundlage allein
Bewegung sein. Die Grundlagen aber sind entweder
Gegensätze, oder Mittlere. Auch die Verneinung nämlich
mag als Gegensatz gelten, und es wird ausgesprochen
durch Bejahung das Nackt, und Weiß und
Schwarz. - Wenn nun die Grundformen zerfallen in
Wesen, Beschaffenheit, Raum, Zeit, Verhältniß,
Größe, Thun und Leiden, so muß es dreierlei Bewegungen
geben: die der Größe, und die der Beschaffenheit,
und die nach dem Raume.
Zweites Capitel
Nach dem Wesen aber giebt es keine Bewegung,
weil nichts, was ist, dem Wesen entgegengesetzt ist.
Und auch nicht nach dem Verhältniß. Denn es kann,
während das eine sich verändert, das andere mit
Wahrheit für unverändert gelten: So daß eine beiläufige
die Bewegung von diesen ist. Eben so auch nicht
von dem Thätigen und Leidenden, noch von allem Bewegenden
und Bewegten; weil nicht stattfindet eine
Aristoteles: Physik 174
Bewegung der Bewegung, noch eine Entstehung der
Entstehung, noch überhaupt eine Veränderung der
Veränderung. Denn zunächst zwar ließe sich auf doppelteWeise
denken eine Bewegung der Bewegung:
entweder als einer Grundlage, wie z.B. der Mensch
sich bewegt, wenn er aus Weiß in Schwarz übergeht.
Sollte nun so auch die Bewegung warm werden, oder
kalt, oder den Ort verändern, oder wachsen, oder abnehmen?
Dieß ist unmöglich. Denn nicht zu den
Grundlagen gehört die Veränderung. - Oder indem
eine andere Grundlage aus einer Veränderung übergeht
in eine andere Art der Veränderung; wie der
Mensch aus dem Krankwerden in das Gesundwerden.
Aber auch dieß findet nicht statt, außer nebenbei.
Denn diese Bewegung ist Uebergang aus einer Art in
die andere, und die Entstehung und der Untergang
eben so; nur daß der Gegensatz bei diesen und bei der
Bewegung ein verschiedenartiger ist. Zugleich nun
geschieht die Veränderung aus Gesundheit in Krankheit,
und aus eben dieser Veränderung in eine andere.
Es erhellt aber, daß mit dem Uebergange in die
Krankheit jedwede andere Veränderung zusammentreffen
kann; denn es läßt sich auch Ruhe denken. Sie
kann aber auch mit der nicht zufällig zu ihr sich verhaltenden
zusammentreffen kann; denn es läßt sich
auch Ruhe denken. Sie kann aber auch mit der nicht
zufällig zu ihr sich verhaltenden zusammentreffen,
Aristoteles: Physik 175
denn auch diese geht von etwas zu etwas anderem.
Also würde auch die entgegengesetzte Veränderung
stattfinden, nämlich das Gesundwerden. Allein nur
nebenbei; wie wenn aus der Erinnerung in Vergessenheit
übergegangen würde; da, worin es vorhanden ist,
dieses sich verändert und übergeht, sei es in Einsicht,
oder in Gesundheit.
Ueberdieß würde man gehen müssen ins Unbegrenzte,
wenn stattfinden soll eine Veränderung der
Veränderung und eine Entstehung die Entstehung.
Denn nothwendig muß dasselbe auch von der vorhergehenden
gelten, was von der nachfolgenden; z.B.
wenn die Entstehung überhaupt entstanden ist, so
muß auch das Entstehende als solches entstanden
sein. So daß es nie gäbe ein Entstehendes schlechthin,
sondern ein erst entstehendes Entstehende; und auch
dieses wiederum erst entstünde. Also gäbe es niemals
ein zu dieser Zeit Entstehendes. Und weil das Unbewegte
kein Erstes hat, so giebt es kein Erstes. Und
also auch kein Nachfolgendes.Weder entstehen demnach,
noch sich bewegen könnte irgend etwas, noch
sich verändern. - Ferner hat das nämliche die entgegengesetzte
Bewegung, und auch Ruhe, und Entstehen
und Vergehen. Also das Werdende, wenn es ein
Werdendes wird, eben dann geht es unter; nämlich
nicht sogleich wenn es ward, oder später. - Ferner
muß doch ein Stoff zum Grunde liegen sowohl dem
Aristoteles: Physik 176
Werdenden als dem sich Verändernden.Was nun soll
es sein? Gleichwie das Umbildsame Körper oder
Seele, so denn das Werdende Bewegung oder Entstehung.
Und wiederum was, wohin die Bewegung geschieht?
Denn es muß etwas sein die Bewegung von
diesem aus diesem zu diesem, und nicht wiederum
Bewegung oder Entstehung. Zugleich aber wie beschaffen
soll eine solche Bewegung sein? Denn nicht
ist Lernen das Werden des Lernens. Also giebt es
weder eine Entstehung einer Entstehung, noch eine
bestimmte von einer bestimmten. Ferner wenn es drei
Arten der Bewegung giebt, so muß eine von diesen
sein das zum Grunde liegendeWesen, und das wohin
die Bewegung geschieht; z.B. es muß die räumliche
Bewegung sich umbilden oder räumlich bewegen.
Ueberhaupt aber, da alles was sich bewegt, auf dreifache
Weise sich bewegt, entweder nebenbei, oder seinen
Theilen nach, oder an sich: so möchte auf beiläufige
Weise allein sich verändern können die Veränderung,
wie z.B. wenn der Genesende liefe oder lernte.
Die auf beiläufigeWeise geschehende aber haben wir
längst zur Seite liegen lassen.
Da sie nun weder an dem Wesen, noch dem Verhältnisse,
noch dem Thun und Leiden ist: so bleibt
übrig, daß nach der Beschaffenheit und der Größe und
dem Raume allein es Bewegung gebe. Denn in allem
diesem findet Gegensatz statt. - Die Bewegung nun
Aristoteles: Physik 177
nach der Beschaffenheit möge Umbildung heißen.
Dieß nämlich ist ihr beigelegt als allgemeiner Name.
Ich verstehe aber unter Beschaffenheit nicht, was in
dem Wesen ist; denn auch der Unterschied des Wesens
heißt Beschaffenheit; sondern was zu dem Zustande
gehört, und wonach es von einem Dinge heißt,
es sei in oder außerhalb eines Zustandes. - Die aber
nach der Größe hat keinen allgemeinen Namen; nach
ihren beiden Seiten aber heißt sie Wachsthum und
Abnahme; die nämlich nach der vollendeten Größe
hin: Wachsthum, die aber von ihr weg: Abnahme. -
Die endlich nach dem Raume hat sowohl im Besondern
als im Allgemeinen keinen Namen; sie mag aber
Ortveränderung heißen im Allgemeinen. Insbesondere
sind verschiedene die Ausdrücke, welche man für die
räumliche Bewegung alsdann braucht, wenn es nicht
von dem Bewegenden selbst abhängt, die Bewegung
zu unterbrechen und stillzustehen, oder aber sie fortzusetzen,
und wenn es von ihm abhängt. Die Veränderung
aber innerhalb derselben Formbestimmung zu
dem Mehr oder Minder ist Umbildung. Denn die Bewegung
geht von dem einen Gegentheile zu dem andern
entweder schlechthin, oder auf gewisseWeise.
Wenn sie nämlich nach dem Minder hin geht, wird sie
Uebergang in das Gegentheil genannt; wenn aber
nach dem Mehr, vielmehr aus dem Gegentheile in
dasselbe. Es ist aber kein Unterschied zwischen der
Aristoteles: Physik 178
Veränderung schlechthin und auf gewisseWeise;
außer daß in der auf gewisseWeise müssen die Gegentheile
darin vorhanden sein. Das Mehr und Minder
aber besteht darin, das mehr oder weniger von dem
Gegentheile darin vorhanden ist oder nicht. - Daß es
nun nur diese dreierlei Bewegungen giebt, erhellt
hieraus.
Unbeweglich aber ist, was ganz und gar nicht bewegt
werden kann; gleichwie der Laut unsichtbar.
Und das in langer Zeit kaum zu Bewegende oder das
langsam Beginnende; welches schwer beweglich
heißt. Und das was bestimmt zwar ist, sich zu bewegen,
aber nicht dann sich bewegt, wenn es sollte, und
wo und wie: von welchem allein unter dem Unbeweglichen
ich sage, daß es ruhe. Entgegengesetzt nämlich
ist die Ruhe der Bewegung dergestalt, daß sie für ihre
Verneinung gelten kann an dem, welches ihrer empfänglich
ist. - Was nun also ist Bewegung, und was
Ruhe, und wie vielerlei die Veränderung, und wie beschaffen
die Bewegungen, ist ersichtlich aus dem, was
gesagt ist.
Aristoteles: Physik 179
Drittes Capitel
Nach diesem aber sagen wir, was da ist das Zusammen
und Für sich, und was das sich Berühren, und
was das Dazwischen, und was das der Reihe nach,
und was das Fortgesetzt und was das Stetig, und welcherlei
Dingen alles dieß von Natur zukommt. - Zusammen
nun sagt man daß dasjenige sei nach dem
Raume, was unmittelbar an Einem Orte ist; für sich,
was an einem verschiedenen. Sich berührend Dinge,
deren äußerste Theile zusammen sind. Dazwischen
aber, wohin zunächst kommen muß das sich Verändernde,
ehe es dahin kommt, worein es zuletzt übergeht,
wenn es naturgemäß stetig sich verändert. Mindestens
aber wird erfodert zu dem Dazwischen dreierlei.
Das Letzte nämlich der Veränderung ist das Gegentheil.
Stetige Bewegung aber wird erfodert, nämlich
die nichts oder so wenig als möglich von dem
Gegenstande vorbeigeht; nicht von der Zeit, (denn in
dieser kann sie auch abbrechen; und eben so kann in
stetiger Zeit mit Uebergehung dessen, was dazwischen
ist, nach der höchsten Saite sogleich die tiefste
angeklungen werden), sondern von dem Gegenstande,
in welchem sie geschieht. Dieß aber ist sowohl bei
der räumlichen, als bei den übrigen Veränderungen
ersichtlich. Entgegengesetzt aber dem Raume nach
Aristoteles: Physik 180
ist, was nach gerader Linie am weitesten entfernt ist.
Nur die kleinste nämlich ist ein begrenzte: Maß aber
ist das Begrenzte. - Der Reihe nach aber ist, was auf
den Anfang allein folgt, sei es nach Lage oder Formbestimmung
oder etwas anderem, als ein diesergestalt
Bestimmtes, und nichts dazwischen hat was zu der
nämlichen Gattung gehörte, oder auf das, wonach es
der Reihe nach folgt. Ich meine es nämlich so, wie
Linie auf Linie oder Linien, oder auf Einheit Einheit
oder Einheiten, oder auf Haus Haus. Daß aber etwas
anderes dazwischen sei, hindert nichts. Denn das der
Reihe nach, ist der Reihe nach auf etwas, und auf
etwas nachfolgend. Nicht nämlich ist das Eins der
Reihe nach auf die Zwei, noch der Neumond auf das
letzte Viertel der Reihe nach, sondern diese auf jene. -
Fortgesetzt aber ist, was zugleich der Reihe nach und
berührend ist. - Da aber alle Veränderung in demjenigen
ist, was sich entgegensteht; das Entgegenstehende
aber die Gegensätze und das Widersprechende; der
Widerspruch aber nichts in der Mitte hat: so erhellt,
daß in den Gegensätzen stattfinden wird das Dazwischen.
- Das Stetig aber ist ungefähr, was das Fortgesetzt.
Ich nenne aber etwas stetig, wenn eine und dieselbe
ist von zwei Dingen die Grenze, mit der sie sich
berühren und gleichsam zusammenhalten. Dieß aber
kann nicht stattfinden bei Dingen, die zugleich zwei
und letzte sind. Nach dieser Bestimmung ist
Aristoteles: Physik 181
ersichtlich, daß in demjenigen stattfindet das Stetig,
aus welchem Eines wird der Wesenheit nach durch
gemeinschaftliche Berührung. Und wie das Stetige
Eins wird, eben so wird auch das Ganze Eins sein,
durch Nagel, oder Leim, oder Berührung, oder Anwachsen.
- Man sieht aber ferner, daß das erste ist die
Reihenfolge. Das sich Berührende nämlich muß in der
Reihenfolge sein; das der Reihe nach folgende aber
nicht alles sich berühren. Darum findet auch in dem,
was vorangeht dem Begriffe nach, die Reihenfolge
statt, z.B. in Zahlen, Berührung aber findet nicht statt.
Und was stetig ist, muß sich berühren, das was sich
berührt aber ist noch nicht stetig; denn nicht brauchen
darum Eins zu sein die letzten Theile, wenn sie zusammen
sein sollen, wohl aber, wenn Eins, müssen
sie auch zusammen sein. So kommt denn das Zusammenwachsen
zuletzt seiner Entstehung nach. Denn berühren
müssen sich, wenn sie zusammenwachsen sollen,
die äußersten Theile; was aber sich berührt, ist
nicht alles zusammengewachsen. Wo aber keine Berührung
stattfindet, da findet offenbar auch kein Zusammenwachsen
statt. Also wenn es giebt Punct und
Einheit, wie man behauptet, als für sich bestehend, so
kann nicht sein Einheit und Punct das Nämliche. Diesen
nämlich kommt die Berührung zu, den Einheiten
aber die Reihenfolge. Und bei jenen kann stattfinden
ein Dazwischen: denn alle Linie ist zwischen
Aristoteles: Physik 182
Puncten; bei diesen aber ist nicht nöthig: denn nichts
ist zwischen der Zwei und der Eins. - Worin nun also
besteht das Zusammen und Für sich, und worin das
sich Berühren, und worin das Dazwischen und das
der Reihe nach, und worin das Fortgesetzt und Stetig,
und welcherlei Dingen jedes von diesen zukommt, ist
gesagt worden.
Viertes Capitel
Einheit der Bewegung bedeutet vielerlei: denn Eins
sagen wir in vielfachen Bedeutungen. Der Gattung
nach zwar ist sie Eine nach den Gestaltungen ihrer
Benennung. Ortveränderung nämlich ist mit aller Ortveränderung
der Gattung nach Eins; Umbildung von
Ortveränderung verschieden der Gattung nach. - Der
Art nach Eine aber, wenn sie als der Gattung nach
Eine zugleich in einer untheilbaren Formbestimmung
ist. Z.B. von der Farbe giebt es Unterschiede; und es
wird sonach eine andere der Art nach sein die Schwärzung
und die Weißung. Alle Weißung also wird mit
aller Weißung dieselbe der Art nach sein; und alle
Schwärzung mit der Schwärzung. Mit der Weiße aber
nicht mehr. Darum ist der Art nach Eine die Weißung
mit aller Weißung. Giebt es aber etwas, das Gattung
zugleich und Art ist, so erhellt, daß die Bewegung der
Aristoteles: Physik 183
Art noch gewissermaßen zwar Eine ist, schlechthin
aber Eine der Art nach nicht: z.B. das Lernen, dafern
die Wissenschaft Art zwar der Auffassung, Gattung
aber der Wissenschaften ist. Zweifeln könnte man, ob
der Art nach Eine die Bewegung ist, wenn aus Demselben
Dasselbe in Dasselbe übergeht; z.B. der Eine
Punct von diesem Orte an diesen Ort zu wiederholten
malen. Ist aber dieß, so wäre die Kreisbewegung mit
der geradlinigen Bewegung die nämliche, und das
Wälzen mit dem Gehen. Oder lautet die Bestimmung
so, daß, wenn das Worin verschieden, der Art nach
verschieden die Bewegung ist? Das Krumme nämlich
ist von dem Geraden verschieden der Art nach. - Der
Gattung nach nun und der Art nach ist die Bewegung
Eine diesergestalt. Schlechthin aber Eine Bewegung
ist die dem Wesen nach einige und der Zahl nach.
Welche aber eine solche sei, ergiebt sich aus der Eintheilung.
Dreierlei nämlich ist der Zahl nach, in
Bezug worauf wir die Bewegung Eine nennen: Was
und Worin und Wann. Ich nenne aber das Was, weil
nothwendig etwas ist, das sich bewegt; z.B. Mensch,
oder Gold. Und daß in etwas dieses sich bewegt, z.B.
im Raume, oder in einem Zustande. Und Wann: denn
in einer Zeit bewegt sich alles. Hievon aber bezieht
sich das der Gattung oder der Art nach Eins sein, auf
das Ding, worin die Bewegung geschieht. Das Fortgesetzte
aber bezog sich auf die Zeit; das schlechthin
Aristoteles: Physik 184
Eins auf alles dieses. Denn sowohl das Worin muß
Eins sein und untheilbar, wie die Art; als auch das
Wann, wie die Zeit Eine und ohne Unterbrechung;
und auch das was sich bewegt muß Eins sein, und
nicht zufällig, (wie z.B. daß das Weiße schwarz wird
und Koriskus geht. Eins nämlich sein mag Koriskus
und das Weiße, aber nebenbei), noch auch als gemeinschaftliches.
Es könnten nämlich zugleich zwei
Menschen genesen von der nämlichen Krankheit, z.B.
von dem Augenübel. Aber nicht Eine wäre diese, sondern
nur der Art nach einerlei. Wenn aber Sokrates
die nämliche Umbildung erleidet der Art nach, aber
zu verschiedenen Zeiten, so wäre, dafern das dabei
Untergehende wiederum Eins werden könnte an Zahl,
auch diese eine einige: dafern aber nicht, einerlei
zwar, Eine aber nicht. - Es unterliegt aber einem verwandten
Zweifel, ob Eins die Gesundheit, und überhaupt
die Eigenschaften und die Zustände dem Wesen
nach sind in den Körpern. Als bewegt nämlich erscheint
was sie hat, und fließend.Wenn aber eine und
dieselbe die Gesundheit von frühe und von jetzt ist:
warum sollte nicht auch, wenn man verliert und wieder
gewinnt die Gesundheit, sowohl diese, als dort die
Bewegung, Eine sein der Zahl nach? Denn es ist der
nämliche Begriff: nur darin ist ein Unterschied, daß,
wenn jene zwei sind, eben darum auch diese es sind,
wie wenn diese der Zahl nach Eine, auch die
Aristoteles: Physik 185
Eigenschaften es sein müssen. Denn Eine der Zahl
nach ist die Thätigkeit durch die Einzahl. Ist aber die
Eigenschaft Eine, so könnte man glauben, daß nicht
darum Eine auch die Thätigkeit wäre. Denn sobald
man aufhört zu gehen, so ist nicht mehr vorhanden
der Gang; fängt man aber wieder an, so ist er vorhanden.
Wäre er nun einer und derselbe, so würde Eines
und dasselbe zugleich untergehen und sein können
mehrmals. - Diese Zweifel nun liegen außerhalb der
gegenwärtigen Betrachtungen.
Da nun stetig alle Bewegung ist, so muß die
schlechthin Eine durchaus auch stetig sein; dafern alle
theilbar ist: und wenn stetig, Eine. Denn nicht alle
hängt stetig zusammen mit allen, gleichwie auch sonst
nicht, was sich trifft mit was es sich trifft; sondern,
von welchem Eins sind die letzten Theile. Letzte
Theile aber hat einiges nicht, anderes hat verschiedene
der Art nach und nur dem Namen nach gleiche. Wie
nämlich sollte sich berühren oder Eines sein das Letzte
einer Linie und eines Ganges? Fortsetzend einander
zwar könnten wohl auch solche sein, die nicht einerlei
sind an Art noch an Gattung. Es könnte nämlich einer
laufen und gleich darauf ein Fieber bekommen. So ist
auch der Fackellauf durch Nachfolge zwar eine fortgesetzte,
nicht aber eine stetige Bewegung. Es bleibt
nämlich das Stetige das, von dem die letzten Theile
Eins sind. Es ergiebt sich also, daß sie sich einander
Aristoteles: Physik 186
fortsetzend und auf einander folgend sind, wiefern die
Zeit stetig ist; stetig zusammenhängend aber, wiefern
die Bewegung; dieses aber, wenn Eins das letzte wird
von zweien. Darum muß einerlei der Art nach sein,
und von Einem, und in Einer Zeit die schlechthin stetige
Bewegung und einige. Mehre nun und nicht Eine
sind die Bewegungen, die zwischen sich eine Ruhe
haben. Also wenn eine Bewegung durch einen Stillstand
unterbrochen wird, so ist sie weder eine einige,
noch eine stetige. Unterbrochen aber wird sie, wenn
zwischen ihr eine Zeit ist. Welche aber der Art nach
nicht Eine ist, von dieser gilt dieß nicht, auch wenn
nicht unterbrochen wird die Zeit. Die Zeit nämlich
zwar ist Eine; die Art aber hat ihre eigenthümliche
Bewegung für sich. Die einige Bewegung nämlich
muß auch der Art nach einerlei sein, diese aber umgekehrt
braucht nicht schlechthin Eine zu sein. - Welche
Bewegung nun schlechthin Eine sei, ist gezeigt worden.
Ferner aber wird Eine genannt auch die vollständige,
sei es der Gattung, oder der Art, oder dem Wesen
nach. Gleichwie auch sonst Vollständig und Ganz
ausgesagt wird von dem was Eines ist. Doch auch
eine unvollständige nennt man wohl Eine, wenn sie
nur stetig ist. - Noch auf andere Art wird neben der
angegebenen eine einige Bewegung genannt, die
Aristoteles: Physik 187
gleichmäßig ist. Die ungleichmäßige nämlich gilt gewissermaßen
nicht für Eine, sondern vielmehr die
gleichmäßige, gleichwie die gerade Linie. Die ungleichmäßige
nämlich ist theilbar; sie scheint aber
Unterschied zu haben wie das Mehr und Weniger. -
Es findet aber statt in aller Bewegung das Gleichmäßig
oder nicht. Denn sowohl eine Umbildung kann
gleichmäßig geschehen, als auch eine räumliche Bewegung,
z.B. im Kreis oder in gerader Linie. Und hinsichtlich
der Wachsthums eben so und der Abnahme.
Die Ungleichmäßigkeit aber hat ihren Unterschied
bald in dem, worauf die Bewegung geschieht; denn
nicht kann gleichmäßig sein die Bewegung auf nicht
gleichmäßiger Größe, z.B. die Bewegung auf der gebrochenen
Linie oder der gewundenen, oder auf einer
andern Größe, von der nicht paßt welcher Theil sich
trifft auf welchen es sich trifft. Bald aber hat sie ihn
nicht in dem Wo, noch in dem Wann, noch in dem
Wohin, sondern in dem Wie. In Schnelligkeit nämlich
und Langsamkeit liegt bisweilen ihre Bestimmung.
Welche nämlich dieselbe Schnelligkeit hat, diese ist
gleichmäßig, welche aber nicht, ungleichmäßig.
Darum sind nicht Arten der Bewegung, noch Unterschiede
Schnelligkeit und Langsamkeit; weil sie sich
vorfinden in allen, die an Art verschieden sind. Also
auch nicht Schwere und Leichtigkeit in Bezug auf
dasselbe Ding, z.B. der Erde in Bezug auf sich, oder
Aristoteles: Physik 188
des Feuers in Bezug auf sich. Eine einige nun zwar ist
die ungleichmäßige, wiefern sie stetig; aber minder:
wie dieß bei der gebrochenen räumlichen Bewegung
der Fall ist. Das Minder aber bezeichnet stets eine
Mischung des Gegentheils. -Wenn nun alle, die eine
einige ist, sowohl gleichmäßig muß sein können, als
nicht, so möchten nicht, die nicht der Art nach sich
fortsetzen und dieselben sind, auch diese eine einige
und stetige sein. Denn wie könnte gleichmäßig sein
die aus Umbildung und Raumbewegung zusammengesetzte?
Sie müßten ja doch auf einander passen.
Fünftes Capitel
Ferner ist zu bestimmen, welche Bewegung entgegengesetzt
ist einer Bewegung. Und hinsichtlich des
Stillstands auf dieselbeWeise. Zu unterscheiden nun
ist zunächst, ob entgegengesetzt ist die Bewegung
von dem Nämlichen der zu dem Nämlichen, z.B. die
von der Gesundheit der zu der Gesundheit: von welcher
Art auch Entstehen und Vergehen scheint. Oder
die von Gegentheilen her, z.B. die von der Gesundheit
der von der Krankheit. Oder die nach Gegentheilen
hin, z.B. die nach der Gesundheit der nach der Krankheit.
Oder die von einem Gegentheile her der nach
dem Gegentheile hin, z.B. die von der Gesundheit der
Aristoteles: Physik 189
nach der Krankheit. Oder die von dem Gegentheile zu
dem Gegentheile der von dem andern Gegentheile zu
dem andern, z.B. die von der Gesundheit zu der
Krankheit, der von der Krankheit zu der Gesundheit.
Denn nothwendig findet entweder eine dieser Weisen
statt, oder mehre; denn auf andereWeise läßt sich
kein Gegensatz denken.
Es ist nun die von dem Gegentheile der zu dem Gegentheile
nicht entgegengesetzt; z.B. die von der Gesundheit
der zu der Krankheit. Denn sie sind eine und
dieselbe; ihr Sein jedoch ist nicht das nämliche, so
wie es auch nicht das Nämliche ist, von Gesundheit,
und in Krankheit überzugehen. Noch die von dem
einen Gegentheile der von dem andern. Denn sie muß
zugleich von dem Gegentheile aus und nach dem Gegentheile
hin, oder nach dem was dazwischen ist,
gehen. Doch hievon werden wir nachher sprechen.
Aber vielmehr, in das Gegentheil überzugehen, könnte
Grund zu sein scheinen des Gegenlaufs, als aus
dem Gegentheile. Dieses nämlich wäre Entfernung
von der Entgegensetzung; jenes aber Annahme derselben:
jede Bewegung aber wird benannt von dem worein
sie übergeht vielmehr als von dem woraus, z.B.
Genesung nach der Gesundheit, Erkrankung nach der
Krankheit. Es bleibt also übrig die zu Gegentheilen,
und die zu Gegentheilen von Gegentheilen der zu
Aristoteles: Physik 190
andern Gegentheilen von anderen. Vielleicht nun
könnte sich ergeben, daß die nach Gegentheilen hin
auch von Gegentheilen her kommt. Doch das Sein
wohl ist nicht das nämliche; ich meine nämlich nach
der Gesundheit hin und von der Krankheit her; und
umgekehrt. - Da nun verschieden ist Veränderung von
Bewegung; die Veränderung nämlich von etwas zum
Grunde liegenden in etwas zum Grunde liegendes ist
Bewegung: so ist die von Gegentheil zu Gegentheil
der von dem andern Gegentheil zum andern entgegengesetzte
Bewegung; z.B. die von Gesundheit zu
Krankheit der von Krankheit zu Gesundheit. Es erhellt
aber auch aus den Beispielen, welcherlei Dinge
für solche Gegensätze gelten; das Genesen nämlich
und das Erkranken, das Lernen und das Getäuschtwerden
nicht durch sich selbst: denn nach Gegentheilen
hin gehen sie. Wie nämlich zur Einsicht, so auch
zum Irthum kann man sowohl durch sich kommen, als
auch durch Andere. Und das Aufwärts und Abwärts
gehen: Gegensätze nämlich sind dieß nach der Höhe;
und rechtwärts und linkwärts, Gegensätze nach der
Breite; und vorwärts und rückwärts, welches ebenfalls
Gegensätze nach der Länge sind. Nach dem Gegentheile
hin aber allein findet nicht Bewegung, sondern
nur Veränderung statt; z.B. weiß zu werden nicht aus
etwas. Und was kein Gegentheil hat, für dieses steht
die Veränderung aus ihm der in es entgegen. So steht
Aristoteles: Physik 191
die Entstehung dem Untergang entgegen, und das
Verlieren dem Bekommen. Dieses nun sind Veränderungen,
Bewegungen aber nicht. Die Bewegungen
aber nach dem Dazwischen bei denjenigen Gegensätzen,
die ein Dazwischen haben, sind unter die nach
den Gegentheilen hin zu setzen. Denn als Gegentheil
gilt das Dazwischen für die Bewegung: welche von
beiden Richtungen sie auch gehen mag, z.B. aus dem
Grau in das Weiß wie aus dem Schwarz, und aus dem
Weiß in das Grau wie in das Schwarz, aus dem
Schwarz aber in das Grau wie in das Weiß. Das Grau
nämlich als das Mittlere, gilt gewissermaßen gegen
jedes von beiden Aeußersten, wie auch zuvor gesagt. -
Bewegung also steht der Bewegung entgegen dergestalt,
daß die eine von dem Gegentheile zu dem Gegentheile,
die andere von den letztern zu dem erstern
geht.
Sechstes Capitel
Da aber der Bewegung nicht nur eine Bewegung
für entgegengesetzt gilt, sondern auch eine Ruhe: so
ist dieß näher zu bestimmen. Schlechthin zwar Gegentheil
nämlich ist Bewegung von Bewegung; entgegensteht
ihr indessen auch die Ruhe. Sie ist nämlich
Verneinung. Gewissermaßen indeß heißt auch die
Aristoteles: Physik 192
Verneinung im Gegensatze begriffen.Welche nun mit
welcher? Etwa mit der räumlichen Bewegung die
räumliche Ruhe? Doch dieß ist jetzt nur im Allgemeinen
gesagt. Es fragt sich aber, ob dem Stillstand hier
die Bewegung von hier oder hieher entgegensteht? Es
erhellt nun, daß, da in zwei zum Grunde liegenden die
Bewegung ist, der von diesem zu dem Gegentheile der
Stillstand in diesem entgegensteht, der aber von dem
Gegentheile zu diesem, der in dem Gegentheile. Zugleich
aber sind auch einander entgegengesetzt diese
Stillstände. Denn sonderbar wäre es, wenn Bewegungen
zwar entgegenlaufend sein sollten, die Ruhe aber
sich einander nicht entgegenstünde. Es steht aber sich
entgegen die Ruhe in den Gegensätzen; z.B. die in der
Gesundheit der in der Krankheit, unter den Bewegungen
aber der aus Gesundheit zu Krankheit. Der nämlich
aus Krankheit zu Gesundheit, wäre widersinnig:
denn die Bewegung nach dem Dinge hin, worin etwas
steht, ist Ruhe vielmehr, die zufällig zugleich stattfindet
mit der Bewegung. Nothwendig aber muß es eines
von diesen beiden sein; denn nicht steht die Ruhe in
der weißen Farbe entgegen der in der Gesundheit.
Was aber keinen Gegensatz hat, für dieses ist der
Uebergang aus ihm entgegengesetzt dem in es: Bewegung
aber ist es nicht, wie die von etwas das ist der
zu etwas das ist. Und Stillstand findet bei diesem
nicht statt, sondern nur Unveränderlichkeit. Und wenn
Aristoteles: Physik 193
als zum Grunde liegend gelten könnte ein Nichtseiendes,
so wäre die Unveränderlichkeit in dem Seienden
der in dem Nichtseienden entgegengesetzt.Wenn es
aber nicht giebt ein Nichtseiendes, so könnte man
zweifeln, was zum Gegensatze hat die Unveränderlichkeit
in dem Seienden, und ob sie Ruhe ist. Ist sie
aber dieß, so ist entweder nicht jede Ruhe einer Bewegung
entgegengesetzt, oder die Entstehung und der
Untergang sind Bewegungen. Es erhellt sonach, daß
man die Ruhe zwar nicht nennen darf, wenn nicht
auch dieses Bewegungen sind; etwas ähnliches aber
ist sie auch als Unveränderlichkeit. Entgegengesetzt
aber entweder Keinem, oder der in dem Nichtseienden,
oder dem Untergange. Dieser nämlich ist aus ihr,
die Entstehung aber zu ihr.
Man könnte nun die Frage aufwerfen, warum in der
räumlichen Veränderung sowohl naturgemäß als
wider die Natur Stillstände und Bewegungen stattfinden;
in der andern aber nicht, z.B. in der Umbildung
eine natürliche und eine widernatürliche. Denn um
nichts mehr ist die Genesung als die Erkrankung naturgemäß
oder widernatürlich, noch Weißung als
Schwärzung. Eben so auch mit Wachsthum und Abnahme.
Denn auch diese nicht stehen einander entgegen
wie naturgemäße und widernatürliche; noch auch
Wachsthum dem Wachsthum. Und mit Entstehen und
Aristoteles: Physik 194
Vergehen verhält es sich eben so. Denn weder ist das
Entstehen zwar naturgemäß, das Vergehen aber naturwidrig
(denn das Altern ist der Natur gemäß); noch
sehen wir das eine Entstehen zwar der Natur gemäß,
das andere aber der Natur zuwider. -Wenn indessen
das durch Gewalt der Natur zuwider ist, so wäre Untergang
dem Untergange entgegengesetzt, der gewaltsame,
als widernatürlich, dem natürlichen. Sollte es
nun auch Entstehungen geben, die einen gewaltsam
und nicht vom Schicksale verhängt, denen entgegenstünden
die naturgemäßen? Und Wachsthum ein gewaltsames
und Abnahme? z.B. das Wachsthum derer,
die schnell durch Weichlichkeit mannbar werden; und
das Getreide, das schnell zur Reife kommt und keine
tiefen Wurzeln schlägt? Wie aber mit der Umbildung?
Vielleicht eben so. Denn es ließe sich denken, daß einige
gewaltsam, andere natürlich wäre; wie z.B. welche
freigelassen werden an Tagen, da kein Gericht
stattfindet, und an solchen, an denen es stattfindet:
diese hätten, jene wider die Natur eine Umbildung
ihres Schicksals erfahren, diese gemäß der Natur. Es
werden auch entgegengesetzt sein die Untergänge sich
unter einander; nicht der Entstehung. Und was hindert?
Denn dieß läßt sich auf gewisseWeise denken:
z.B. wenn der eine angenehm, der andere aber
schmerzlich wäre. Also stünde nicht schlechthin Untergang
dem Untergange entgegen, sondern wiefern
Aristoteles: Physik 195
der eine davon so, der andere anders beschaffen ist.
Im Allgemeinen nun stehen sich entgegen die Arten
der Bewegung und Ruhe auf die angegebeneWeise:
z.B. die nach oben der nach unten: räumliche Gegensätze
nämlich sind dieß. Es erfährt aber die Bewegung
nach oben zwar von Natur das Feuer, die aber nach
unten die Erde; und entgegengesetzt sind ihre Bewegungen.
Das Feuer aber geht nach oben zwar von
Natur, nach unten aber wider die Natur, und entgegengesetzt
ist seine natürliche Bewegung der widernatürlichen.
Und die Stillstände eben so. Der Stillstand
oben nämlich ist der Bewegung von oben nach unten
entgegengesetzt; es begegnet aber der Erde jener Stillstand
zwar wider die Natur, diese Bewegung aber
gemäß der Natur. So daß eine Bewegung einem Stillstande
entgegengesetzt ist: die gemäß der Natur, dem
wider die Natur desselbigen Dinges. Denn auch die
Bewegung desselben ist ja solchergestalt entgegengesetzt:
die eine davon wird der Natur gemäß sein, die
nach oben oder die nach unten; die andere der Natur
zuwider. Es leidet aber einen Zweifel, ob alle Ruhe,
die nicht immer ist, eine Entstehung hat, und zwar das
sich Stellen. Der Stillstand wider die Natur z.B. der
Erde oben hätte demnach ein Entstehen. Indem nämlich
sie nach oben bewegt wird durch Gewalt, stellt
sie sich. Allein das was sich stellt, scheint stets
schneller sich zu bewegen; das durch Gewalt aber im
Aristoteles: Physik 196
Gegentheil. Etwas also, was nicht ruhend wird, wäre
doch ruhend. - Auch scheint das sich Stellen eigentlich
davon gesagt zu werden, daß etwas der Natur
gemäß an seinen Ort sich bewegt, oder mit diesem zusammenzutreffen.
- Es fragt sich aber, ob entgegengesetzt
ist der Stillstand an diesem Orte der Bewegung
von diesem Orte: denn wenn etwas sich bewegt von
etwas, oder etwas verliert, so scheint es noch zu
haben das was verloren wird. Also wenn diese Ruhe
entgegengesetzt ist der Bewegung von hier zu dem
Entgegengesetzten, so werden zugleich da sein die
Gegentheile. Oder sollte es nur gewissermaßen ruhen
beim Stillstande, überhaupt aber von dem was bewegt
wird ein Theil dort sein, der andere da, worein es
übergeht? Darum ist auch vielmehr Bewegung der
Bewegung entgegengesetzt, als Ruhe. - [Zweifeln
könnte man auch wegen des sich Stellens, ob, welche
Bewegungen der Natur zuwider sind, diesen eine
Ruhe entgegensteht.Wenn nun nicht, so ist dieß sonderbar;
denn es bleibt etwas doch mit Gewalt. So
würde dann etwas ruhend sein nicht von jeher, ohne
doch es zu werden. Aber es erhellt, daß es stattfinden
muß, denn wie etwas bewegt wird wider die Natur, so
kann auch ruhen etwas wieder die Natur. Weil aber
einiges eine Bewegung hat gemäß der Natur und
wider die Natur, wie das Feuer gemäß der Natur nach
oben, nach unten aber, wider die Natur: so fragt sich,
Aristoteles: Physik 197
ist diese entgegengesetzt, oder die der Erde? Diese
nämlich bewegt sich der Natur gemäß nach unten. Offenbar
wohl beide, aber nicht auf gleicheWeise, sondern
die eine als der Natur gemäß, die der Natur gemäßen;
die aber nach oben beim Feuer der nach
unten, als die naturgemäße der naturwidrigen. Eben
so auch mit den Arten des Bleibens.] - Ueber Bewegung
und Ruhe nun, und wie jede von beiden Eine,
und welche entgegengesetzt welchen, ist gesprochen
worden.
Aristoteles: Physik 198
Sechstes Buch
Erstes Capitel
Wenn nun ist stetig und sich berührend, und der
Reihe nach, den vorherigen Bestimmungen zufolge,
stetig, dessen letzte Theile Eins, sich berührend, von
dem sie zusammen sind; der Reihe nach aber, was
nichts gleichartiges dazwischen hat: so kann nicht aus
Untheilbarem etwas Stetiges sein; z.B. die Linie aus
Puncten, dafern die Linie ein Stetiges, der Punct aber
ein Untheilbares ist. Denn weder sind Eins die letzten
Theile der Puncte, (da nicht hat letzte und außerdem
noch andere Theile das Untheilbare), noch sind sie
zusammen. Denn überhaupt nichts Letztes hat, was
ohne Theile ist. Ein anderes nämlich wäre das Letzte
und das, wovon es letztes ist. Nun müßten nothwendig
entweder stetig oder durch gegenseitige Berührung
zusammenhängend sein die Puncte, aus denen
das Stetige besteht. Das nämliche gilt von allem Untheilbaren.
Stetig kann es nicht sein, aus dem angegebenen
Grunde. Durch Berührung aber hängt überhaupt
zusammen entweder Ganzes mit Ganzem, oder
Theil mit Theil, oder Theil mit Ganzem. Da nun keine
Theile hat das Untheilbare, so muß es als Ganzes mit
Ganzem durch Berührung zusammenhängen. Ein
Aristoteles: Physik 199
Ganzes aber welches ein Ganzes berührt, kann nicht
stetig sein. Das Stetig nämlich hat verschiedene Theile,
und zerfällt in gleichfalls theilbare und räumlich
für sich bestehende Theile. - Aber auch nicht folgen
der Reihe nach kann Punkt auf Punkt, oder das Jetzt
auf das Jetzt, so daß hieraus die Länge wäre, oder die
Zeit. Denn folgend der Reihe nach ist, was nichts
gleichartiges zwischen sich hat; die Punkte aber
haben stets zum Dazwischen eine Linie, und die Jetzt
eine Zeit. Auch würde beides getheilt werden müssen
in Untheilbares, wenn es, woraus es besteht, darein
auch getheilt wird. Aber nichts war von dem Stetigen
in Untheilbares theilbar. Von anderer Gattung aber
läßt sich nicht denken, daß etwas zwischen den Punkten
oder dem Jetzt sei. Denn wäre etwas, so müßte es
offenbar entweder theilbar oder untheilbar sein. Und
wenn theilbar, entweder in Untheilbares, oder in stets
Theilbares. Dieß aber wäre stetig. - Ersichtlich aber
ist auch, daß alles Stetige theilbar ist in stets Theilbares.
Denn wenn in Untheilbares, so würde Untheilbares
mit Untheilbarem sich berühren. Denn Eins ist das
Letzte und sich berührend, des Stetigen. Ganz das
nämliche aber gilt sowohl von räumlicher Größe, als
von Zeit, als von Bewegung, wiefern diese alle entweder
aus Untheilbarem zusammengesetzt sind und getheilt
werden in Untheilbares, oder nichts davon geschieht.
Dieß erhellt hieraus. Wofern die Größe aus
Aristoteles: Physik 200
Untheilbarem zusammengesetzt ist, so wird es auch
die Bewegung desselben aus gleichen untheilbaren
Bewegungen sein. Z.B. wenn A B C aus den untheilbaren
Theilen A und B und C besteht, so hat die Bewegung
D E F, welche O über A B C geht, lauter untheilbare
Theile. Wenn aber, sobald Bewegung vorhanden
ist, nothwendig etwas sich bewegen muß, und,
wofern etwas sich bewegt, Bewegung vorhanden sein:
so wird auch das Bewegtwerden aus Untheilbarem bestehen.
Es geht also O durch A die Bewegung D,
durch B aber die E, und eben so durch C die F. Dafern
nämlich das woher und wohin sich Bewegende
nicht zugleich sich bewegen und sich bewegt haben
kann dahin, wohin die Bewegung geht, wenn sie geschieht,
wie z.B., wer nach Theben geht, unmöglich
zugleich geht nach Theben und gegangen ist nach
Theben. Durch das Untheilbare A hindurch also bewegt
sich O, wenn die Bewegung D vorhanden ist.
Also wenn es noch später durchgeht, nachdem es
schon durchgegangen ist, so ist sie theilbar. Denn als
es im Durchgehen war, war es weder in Ruhe, noch
hatte es den Durchgang vollendet, sondern war zwischen
beiden. Wenn es aber zugleich durchgeht und
durchgegangen ist, so wird das was geht, zugleich
eben dahin schon gegangen sein, und sich bewegt
haben, wohin es sich bewegt. Wenn aber durch das
ganze A B C sich etwas bewegt, seine Bewegung aber
Aristoteles: Physik 201
D E F ist, durch das untheilbare A aber nichts sich bewegt,
sondern sich bewegt hat, so bestünde die Bewegung
nicht aus wirklichen, sondern aus aufgehobenen
Bewegungen, und es würde etwas sich bewegt haben,
ohne sich zu bewegen. Durch A nämlich wäre es hindurch
gekommen, ohne durchzugehen. So würde also
etwas gegangen sein, ohne jemals zu gehen: denn
einen bestimmtenWeg ist es gegangen, ohne ihn zu
gehen. Wenn nun Alles nothwendig entweder ruht
oder sich bewegt, Ruhe aber gesetzt ist in jedem der
A, B und D, so ist etwas stetig zugleich ruhend und
bewegt. In dem ganzen A B C nämlich bewegte es
sich, und es ruhte in den einzelnen Theilen; also auch
in dem Ganzen. Und wenn es untheilbare Theile der
vorhandenen Bewegung D E F giebt, so müßten diese
gedacht werden können als nicht sich bewegend, sondern
ruhend; und wenn sie nicht Bewegungen sind,
die Bewegung als nicht aus Bewegung bestehend. -
Auf gleicheWeise aber muß, wie die Länge und die
Bewegung, untheilbar sein auch die Zeit, und zusammengesetzt
aus untheilbaren Jetzt. Denn wenn Alles
theilbar ist, in der kürzeren Zeit aber mit gleicher
Schnelle nur ein Minderes durchgangen wird, so muß
theilbar sein auch die Zeit. Ist aber die Zeit theilbar,
in welcher etwas durch A sich bewegt, so ist auch A
theilbar.
Aristoteles: Physik 202
Zweites Capitel
Da aber alle ausgedehnte Größe in Größen theilbar
ist, (denn es ist gezeigt worden, daß nicht kann sein
aus Untheilbarem etwas Stetiges; alle Ausdehnung
aber ist stetig), so muß das Schnellere, in der gleichen
Zeit mehr, und in der kürzeren eben so viel, oder auch
noch mehr durchlaufen, so wie Einige das Schneller
bezeichnen. Es sei nämlich A schneller als B. Da nun
schneller ist das, was eher sich verändert, so wird, in
welcher Zeit A übergeht von C zu D, z.B. in F G, in
dieser B nicht bis zu D gelangen, sondern zurückbleiben.
Also in der gleichen Zeit durchläuft ein Mehres
das Schnellere. Allein auch in der kürzern ein Mehres
als dieß. Während nämlich A gelangt ist zu D, sei B,
das Langsamere, gelangt zu E. Wird nun nicht, da A
zu D gelangt ist in der ganzen Zeit F G, es bei H sein
in kürzerer als diese? Es sein in der Zeit F K. Das C
H nun, welches A durchlaufen ist, ist größer als C E,
die Zeit F K aber kleiner als die ganze F G. Also
durchgeht es in kürzerer ein Mehres. - Ersichtlich
aber ist hieraus auch, daß das Schnellere in kürzerer
Zeit durchläuft das Gleiche. Denn da es das Größere
in kürzerer Zeit durchgeht, als das Langsamere, an
und für sich betrachtet aber in längerer Zeit das
Größere als das Kleinere, z.B. L M als L N, so wäre
Aristoteles: Physik 203
größer die Zeit P R, in welcher es L M durchgeht, als
P S, in welcher L N. Also wenn die Zeit P R kleiner
sein soll als die P V, in welcher das Langsamere
durchgeht das L N, so ist auch die P S kleiner als die
P V. Denn sie ist kleiner als P R, was aber kleiner ist
als das Kleinere, ist selbst kleiner. Also bewegt sie
sich in Kürze durch das Gleiche. Sodann wie Alles
entweder in gleicher Zeit, oder in kürzerer oder in längerer
sich bewegen muß, und das was in längerer,
langsamer ist, das was in gleicher, gleich schnell, das
Schnellere aber weder ein Gleichschnelles, noch ein
Langsameres ist: so bewegt weder in gleicher noch in
längerer Zeit sich das Schnellere. Bleibt also übrig, in
kürzerer. So daß die gleiche Größe in kürzerer Zeit
durchgehen muß das Schnellere. Da aber alle Bewegung
in der Zeit ist, und in aller Zeit etwas sich bewegen
kann, alles aber was sich bewegt, sowohl schneller
sich bewegen kann, als auch langsamer: so wird in
aller Zeit stattfinden sowohl schnelleres sich Bewegen,
als langsameres. Ist aber dieß, so muß auch die
Zeit stetig sein. Ich nenne aber stetig, was theilbar ist
in stets Theilbares. Denn wenn dieses als stetig zum
Grunde liegt, so muß stetig sein die Zeit. Da nämlich
gezeigt ist, daß das Schnellere in kürzerer Zeit durchgeht
das Gleiche, so mag A ein Schnelleres sein, B ein
Langsameres; und bewegen mag sich das Langsamere
durch die Größe C D in der Zeit F G. Offenbar nun
Aristoteles: Physik 204
wird das Schnellere in kürzerer Zeit als diese, durch
dieselbe Größe sich bewegen. Und es bewege sich in
der Zeit F H. Umgekehrt, wenn das Schnellere in der
F H durchgeht die ganze C D, so durchgeht das Langsamere
in der nämlichen Zeit die kleinere. Sie sei nun
C K. Wenn aber das langsamere B in der Zeit C H die
C K durchgeht, so durchgeht das Schnellere sie in
kürzerer. So daß wiederum getheilt werden wird die
Zeit F H; wird aber diese getheilt, auch die Größe C
K getheilt werden wird nach demselben Verhältniße.
Wenn aber die Größe, umgekehrt auch die Zeit. Und
stets wird dieß stattfinden, so oft man übergeht von
dem Schnelleren zu dem Langsameren, und von dem
Langsameren zu dem Schnelleren, und das Dargethane
anwendet. Theilen nämlich wird das Schnellere
die Zeit, das Langsamere die Länge. - Wenn nun mit
Recht man stets umkehren kann, bei der Umkehrung
aber die Theilung erfolgt, so ergiebt sich, daß alle
Zeit stetig ist. Zugleich aber erhellt auch daß alle
Ausdehnung stetig sind. Denn die nämlichen und gleichen
Theilungen erfährt sowohl die Zeit, als die Ausdehnung.
Auch schon aus dem was man gemeiniglich zu
sagen pflegt, ergiebt sich, daß, dafern die Zeit stetig
ist, auch die Ausdehnung es ist; wenn nämlich in der
halben Zeit halb so viel durchkommt, und überhaupt
Aristoteles: Physik 205
in der kürzeren weniger. Dieselben Theilungen nämlich
werden gelten für die Zeit und die Ausdehnung.
Und wenn eines von beiden unbewegt ist, so ist es
auch das andere; und wie das eine, so das andere; z.B.
wenn in dem Aeußersten unbegrenzt ist die Zeit, so ist
es auch die Ausdehnung in dem Aeußersten.Wenn
aber in der Theilung, in der Theilung auch die Länge.
Wenn aber in beiden die Zeit, in beiden auch die
Länge. - Darum ist auch an dem was Zenon sagt,
etwas Unwahres: daß es nicht möglich sei, das Unbegrenzte
zu durchgehen, oder es zu berühren im Einzelnen
in begrenzter Zeit. Zwiefach nämlich heißt sowohl
die Länge als die Zeit unbegrenzt, und überhaupt
alles Stetige: entweder nach dem, was durch
Theilung sich ergiebt, oder nach dem Aeußersten.
Von demjenigen nun was den Aeußersten nach unbegrenzt
ist, findet keine Berührung statt in begrenzter
Zeit; von dem aber was der Theilung nach, findet sie
statt. Und auch die Zeit selbst ist in diesem Sinne unbegrenzt.
So geschieht es, daß in der unbegrenzten
Zeit, und nicht in der begrenzten, das Unbegrenzte
durchgangen, und berührt wird das Unbegrenzte mittelst
eines Unbegrenzten, und nicht mittelst eines Begrenzten.
Weder also vermag man das Unbegrenzte in
begrenzter Zeit zu durchgehen, noch in unbegrenzter
das Begrenzte, sondern wenn die Zeit es ist, so wird
auch die ausgedehnte Größe unbegrenzt sein, und
Aristoteles: Physik 206
wenn die Größe, auch die Zeit. Es sei nämlich eine
begrenzte Größe A B, eine unbegrenzte Zeit aber C.
Man nehme nun von der Zeit einen begrenzten Theil
C D. In diesem also wird etwas von der Größe durchgangen;
und es sei das Durchgangene B E. Dieß nun
wird entweder vollkommnes Maß sein für A B, oder
ein Mehr oder Minder enthalten. Denn es ist hier kein
Unterschied.Wenn nämlich stets die dem B E gleiche
Größe in gleicher Zeit durchgangen wird, diese aber
Maß für die ganze ist, so ist begrenzt die ganze Zeit,
in welcher der Durchgang geschieht. In gleiche Theile
nämlich wird sie getheilt; eben so wie die Größe. Und
wenn nicht alle Größe in unbegrenzter Zeit durchgangen
wird, sondern einige auch in begrenzter durchgangen
werden mag, z.B. B E; diese aber Maß für die
ganze ist: so wird auch die gleiche in gleicher durchgangen.
Also muß begrenzt sein auch die Zeit. Daß
aber nicht in unbegrenzter durchgangen wird die B E,
ist ersichtlich, wenn auf der andern Seite begrenzt genommen
wird die Zeit. Denn wenn in kürzerer Zeit
der Theil durchgangen wird, so muß dieser nothwendig
begrenzt sein, indem auf der andern Seite die
Grenze gegeben ist. - Derselbe Beweis gilt, auch
wenn die Größe unbegrenzt, die Zeit aber begrenzt
sein soll. - Ersichtlich nun ist aus dem Beigebrachten,
daß weder Linie, noch Fläche, noch überhaupt irgend
etwas Stetiges untheilbar ist; nicht allein wegen das
Aristoteles: Physik 207
jetzt Gesagten, sondern auch weil sonst folgen müßte,
daß getheilt würde das Untheilbare. Denn da es in
aller Zeit ein Schneller und Langsamer giebt, das
Schnellere aber mehr durchgeht in der gleichen Zeit,
so muß es auch doppelte und anderthalbe Länge
durchgehen können; denn dieß kann ein Verhältniß
der Schnelligkeit sein. Es mag nun das Schnellere
sich bewegen anderthalbmal so weit in derselben Zeit;
und getheilt werden die Größen, die des Schnelleren
in drei untheilbare Theile, A B, B C, C D, die des
Langsameren in zwei, E F, FG. Muß nun nicht auch
die Zeit getheilt werden in drei untheilbare Theile?
Denn das Gleiche wird in gleicher Zeit durchgangen.
Es werde also getheilt die Zeit in K L, LM,MN. Andererseits
aber, da das Langsamere ging durch E F, F
G; muß nicht auch die Zeit in zwei getheilt werden?
Getheilt also werden muß das Untheilbare, und was
keinen Theil hat, wird nicht in untheilbarer Zeit
durchgangen, sondern in längerer. - Man sieht also,
daß nichts Stetiges ohne Theile ist.
Aristoteles: Physik 208
Drittes Capitel
Es muß aber auch dasjenige Jetzt, was nicht in
Bezug auf anderes, sondern an sich unmittelbar so genannt
wird, untheilbar, und in aller Zeit als solches
vorhanden sein. Denn es giebt ein Letztes der Vergangenheit,
innerhalb dessen nichts von der Zukunft, und
umgekehrt der Zukunft, innerhalb dessen nichts von
der Vergangenheit ist: was wir denn nannten als von
beiden die Grenze. Sollte nun von diesem gezeigt
werden, daß es ein solches ist an und für sich und als
das nämliche, so wird zugleich erhellen, auch daß es
untheilbar ist. Es muß aber das nämliche sein das
Jetzt das letzte beider Zeiten. Denn wäre es ein anderes;
so könnte der Reihe nach nicht das eine auf das
andere folgen, weil nichts Stetiges aus Untheilbarem
ist. Soll aber beides getrennt sein, so giebt es dazwischen
eine Zeit. Denn alles Stetige ist ein solches, was
etwas Gleichartiges zwischen seinen Grenzen hat. Allein
füllt die Zeit das Dazwischen aus, so wird sie
theilbar sein; denn es ist gezeigt worden, daß alle Zeit
theilbar ist. Wenn aber theilbar ist das Jetzt, so wird
etwas von der Vergangenheit in der Zukunft, und von
der Zukunft in der Vergangenheit sein. Denn an welcher
Stelle es auch getheilt werde, so wird diese scheiden
die vergangene und die zukünftige Zeit. Zugleich
Aristoteles: Physik 209
aber wäre auch nicht für sich das Jetzt, sondern für
Anderes; denn die Theilung kommt nicht dem was für
sich ist zu. Ueberdieß wird von dem Jetzt ein Theil
Vergangenes sein, ein Theil Zukünftiges, und nicht
stets das Nämliche Vergangenes oder Zukünftiges;
noch auch selbst das Jetzt das nämliche; denn auf
vielfacheWeise theilbar ist die Zeit. Also wenn dieß
nicht stattfinden kann bei dem Jetzt, so muß das nämliche
sein in beiden Zeiten das Jetzt. Aber wenn das
nämliche, offenbar auch untheilbar. Denn wäre es
theilbar, so würde sogleich dasselbe folgen, wie in
dem Vorhergehenden.
Daß es nun etwas in der Zeit Untheilbares giebt,
welches wir das Jetzt nennen, erhellt aus dem Gesagten.
Daß aber nichts in dem Jetzt sich bewegt, ergiebt
sich aus Folgendem. Sollte es nämlich, so müßte es
auch sowohl schneller darin sich bewegen können, als
auch langsamer. Es sei nun das Jetzt N. Und es bewege
sich in ihm das Schnellere die A B. Wird nun nicht
das Langsamere in ihm eine geringere Bewegung als
die A B erfahren, etwa die A C? Da aber das Langsamere
in dem ganzen Jetzt die Bewegung A C erfährt,
so wird das Schnellere in Geringerem sie erfahren.
Also wird getheilt das Jetzt. Aber es war untheilbar.
Nicht also findet Bewegung statt in dem Jetzt. Allein
auch nicht Ruhe. Ruhend nämlich nannten wir, was,
bestimmt sich zu bewegen, nicht sich bewegt, wann
Aristoteles: Physik 210
und wo und wie es sollte. Also da in dem Jetzt nichts
die Bestimmung hat, sich zu bewegen, so offenbar
auch nicht, zu ruhen. Ferner, wenn das nämliche ist
das Jetzt in beiden Zeiten, sich denken läßt aber, daß
in der einen durchaus Bewegung, in der andern durchaus
Ruhe stattfinde; was aber die ganze Zeit hindurch
sich bewegt, auch in jedem ihrer Theile sich bewegen
muß, auf welche Weise seine Bewegung bestimmt,
und ebenso auch das Ruhende ruhen: so folgt, daß das
Nämliche zugleich ruhen und sich bewegen wird.
Denn das Nämliche ist Letztes von beiden Zeiten: das
Jetzt. Ferner nennen wir ruhend, was auf gleiche
Weise sich verhält, sowohl es selbst als auch seine
Theile, jetzt und zuvor. In dem Jetzt aber giebt es kein
Zuvor; also auch keine Ruhe. Nothwendig also bewegt
sich, was sich bewegt, in der Zeit, und ruht, was
ruht, in ihr.
Viertes Capitel
Alles aber was eine Veränderung erleidet, muß
theilbar sein. Denn da von etwas zu etwas alle Veränderung
ist, und, wenn etwas in demjenigen ist, worein
es übergeht, keine Veränderung mehr stattfindet, und
eben so, wenn in dem, woraus es sich verändert;
weder in Bezug auf es selbst noch auf seine Theile: so
Aristoteles: Physik 211
muß ein Theil hier sein, der andere dort, von dem was
sich verändert. Denn weder daß er in beiden zugleich,
noch daß er in keinem von beiden sei, ist statthaft. Ich
nenne aber das Wohin daß nächste in der Veränderung;
z.B. aus demWeißen das Graue; nicht das
Schwarze. Denn nicht braucht das was sich verändert,
in einem der Aeußersten zu sein. Man sieht also, daß
alles was sich verändert, theilbar sein muß.
Bewegung nun ist theilbar zwiefach: einmal nach
den Bewegungen der Theile dessen, was sich bewegt.
Z.B. wenn das ganze A C sich bewegt, so wird sowohl
A B sich bewegen, als auch B C. Es sei nun die
Bewegung der Theile A B zwar D E, B C aber E F. Es
muß nun die ganze Bewegung von A C, DF sein.
Diese Bewegung nämlich wird es erfahren, während
jedes seiner Theile die eine und die andere von jenen
erfährt. Keines aber erfährt die Bewegung des anderen.
Also ist ganze Bewegung die Bewegung der ganzen
Größe. Ferner, wenn alle Bewegung von etwas
ist, die ganze Bewegung D F aber weder die von
einem der Theile ist (denn sie ist die von beiden Theilen),
noch von etwas Anderem (denn von welchem
Ganzen die ganzen, von dessen Theilen auch ihre
Theile; die Theile aber der D F sind die der Theile A
B C und nicht anderer; denn mehre könnten nicht Eine
Bewegung haben): so möchte auch die ganze Bewegung
die der Größe A C sein. Ferner, wenn die
Aristoteles: Physik 212
Bewegung des Ganzen eine andere ist, z.B. H I, so
wird von ihr hinwegzunehmen sein die Bewegung
beider Theile. Diese aber werden gleich sein den D E,
E F. Denn nur Eine Bewegung hat, was Eines ist.
Also wenn die ganze H I in die Bewegungen der Theile
zerlegt wird, so wird gleich sein die H I der D F.
Sollte aber etwas zurückbleiben, z.B. K I, so wäre
dieß Bewegung von Nichts; weder nämlich von dem
Ganzen, noch von den Theilen, weil nur Eine hat das
Eine, noch von sonst etwas; denn stetige Bewegung
hat nur, was stetig ist. Eben so auch wenn ein Ueberschuß
bleibt der Theilung nach. Also wenn dieß nicht
angeht, so muß sie die nämliche sein und gleiche. -
Diese Theilung nun ist nach den Bewegungen der
Theile, und nothwendig muß sie bei allem Theilbaren
stattfinden. Eine andere aber ist nach der Zeit. Da
nämlich alle Bewegung in der Zeit, alle Zeit aber
theilbar ist, in der kürzeren aber eine geringere Bewegung
stattfindet, so muß alle Bewegung sich theilen
lassen nach der Zeit.
Da aber alles was sich bewegt, in etwas sich bewegt,
und eine gewisse Zeit, und alles was sich bewegt,
Bewegung hat, so müssen die nämlichen Theilungen
stattfinden für die Zeit, die Bewegung, das Bewegtwerden,
das Bewegte, und das, worin die Bewegung.
Nur daß nicht bei allen auf gleicheWeise,
worin die Bewegung; sondern bei der Größe an und
Aristoteles: Physik 213
für sich, bei der Beschaffenheit aber nebenbei. Man
setze nämlich die Zeit, worin die Bewegung geschieht,
A, und die Bewegung B. Wenn nun die ganze
Bewegung in der ganzen Zeit geschieht, so in der halben
eine geringere; und wiederum wenn diese getheilt
wird, eine geringere als jene, und so stets weiter. Eben
so auch wenn die Bewegung theilbar, so ist auch die
Zeit theilbar. Denn wenn die ganze Bewegung in der
ganzen, so die halbe in der noch kürzeren. Auf die
nämliche Art wird auch das Bewegtwerden zu theilen
sein. Es sei nämlich C das Bewegtwerden. Nach der
halben Bewegung nun wird es ein minderes sein als
das ganze, und weiter nach der Hälfte dieser Hälfte,
und stets so fort. Man kann aber auch, ausgehend von
dem nach beiden Bewegungen Bewegtwerden, z.B.
nach der D C und der C E, sagen, daß das ganze sich
richtet nach der ganzen. Denn wäre es anders, so
würde ein mehrfaches Bewegtwerden stattfinden nach
derselben Bewegung, gleichwie wir zeigten, daß auch
die Bewegung theilbar in die Bewegungen der Theile
sei. Denn nimmt man das Bewegtwerden nach beiden
Bewegungen, so wird stetig sein das ganze. - Eben so
wird zu zeigen sein, daß auch die Länge theilbar ist
und überhaupt alles, worin stattfindet die Veränderung
(nur einiges nebenbei), weil, was sich verändert,
theilbar ist. Denn wird eines getheilt, so muß alles getheilt
werden. Und hinsichtlich des Begrenztsein oder
Aristoteles: Physik 214
Unbegrenzt, wird es sich auf gleicheWeise verhalten
mit Allem. Denn es folgt vornehmlich das Getheiltwerden
von Allem und Unbegrenztsein aus dem sich
Verändern. Denn es liegt gleich in dem, was sich verändert,
daß es theilbar ist und unbegrenzt. Das Theilbar
nun ist vorhin gezeigt, das Unbegrenzt aber wird
in dem Folgenden sich ergeben.
Fünftes Capitel
Da alles was sich verändert, aus etwas in etwas
sich verändert, so muß, was sich verändert hat, sobald
es sich verändert hat, darin sein, worein es sich veränderte.
Denn das sich Verändernde, woraus es sich verändert,
daraus entfernt es sich und verläßt dasselbe.
Und entweder einerlei ist das sich Verändern und das
Verlassen, oder unzertrennlich verbunden mit dem
sich Verändern das Verlassen. Mit dem sich Verändert
haben aber das Verlassen haben; denn gleich verhält
sich beides zu beidem. Da nun eine unter den
Veränderungen die nach dem Widerspruch ist, wenn
etwas überging aus dem Nichtseienden in das Seiende:
so wird hier verlassen das Nichtseiende. Es wird
also sein in dem Seienden. Denn alles muß entweder
sein oder nicht sein. Offenbar nun wird in der Veränderung
nach Widerspruch das was sich verändert hat,
Aristoteles: Physik 215
sein in dem, worein es sich verändert.Wenn aber in
dieser, auch in den anderen. Denn auf gleicheWeise
verhält es sich mit einer und mit den anderen. Und
auch wenn man es im Einzelnen durchgeht, erhellt
dieß; dafern nämlich das was sich verändert hat, irgendwo
sein muß, seitdem es sich veränderte, oder in
etwas. Da es nämlich dasjenige, aus dem es sich veränderte,
verlassen hat, aber nothwendig irgendwo sein
muß, so wird es entweder in diesem, oder in einem
Anderen sein. Wenn nun in einem Anderen, z.B. in C,
so wird, was in B überging, wiederum C übergehen in
B: denn nicht war es anstoßend an B. Denn die Veränderung
ist stetig. Also veränderte sich das was sich
verändert, nachdem es sich verändert hat, in das, worein
es sich verändert hat. Dieß aber ist unmöglich.
Nothwendig also muß, was sich verändert hat, sein in
dem, worein es sich verändert hat. - Es ist nun ersichtlich,
daß das Gewordene, als es ward, sein muß, und
das Untergegangene nicht sein. Denn im Allgemeinen
ist es gesagt von aller Veränderung; am deutlichsten
aber erhellt es an der nach Widerspruch. Daß nun also
das was sich verändert hat, sobald es sich verändert
hat, in jenem ist, ist klar.
Worin aber zuerst sich verändert hat, was sich verändert
hat, dieses muß untheilbar sein. Ich nenne aber
Zuerst was nicht dadurch, daß ein anderes zuerst ist,
ein solches ist. Es sei nämlich theilbar das A C und
Aristoteles: Physik 216
getheilt nach dem C. Wenn nun etwas in A B sich verändert,
und wiederum in B C, so wird es nicht zunächst
in A C sich verändert haben. Wenn es aber in
jedem von beiden sich verändert hat, (denn es muß
entweder sich verändert haben oder sich verändern in
beiden), so möchte es wohl auch in dem Ganzen sich
verändern. Allein es hatte schon sich verändert. Das
nämliche ist auch zu sagen, wenn es in dem einen sich
verändert, in dem andern sich verändert hat: es würde
nämlich dann etwas eher als das Erste sein. Also
möchte nicht theilbar sein das Erste, worin es überging.
Man sieht demnach, daß sowohl was unterging
als was entstand, in Untheilbarem unterging, oder entweder
entstand.
Es bedeutet aber das: worin es zunächst sich verändert
hat, zweierlei: einmal, worin zuerst vollendet war
die Veränderung; hier nämlich kann man mit Recht
sagen: es hat sich verändert; sodann, worin es zuerst
anfing sich zu verändern.Was nun in Bezug auf das
Ende der Veränderung das Erste genannt wird, dieß
ist etwas Daseiendes und Vorhandenes. Denn es ist
der Vollendung fähig die Veränderung, und es giebt
ein Endziel der Veränderung, von dem auch bereits
gezeigt ward, daß es untheilbar ist, indem es Begrenzung
ist. Das aber in Bezug auf den Anfang, ist
schlechthin nicht. Denn nicht giebt es einen Anfang
der Veränderung, noch eine Zeit, worin etwas zuerst
Aristoteles: Physik 217
sich verändert. Es sei nämlich das Erste A D. Dieses
nun wird untheilbar zwar nicht sein; denn es begegnet,
daß an einander grenzend sind die Jetzt. Ferner
wenn es in der ganzen Zeit C A ruhet, (man setze
nämlich es ruhe), so wird es auch in A ruhen. So daß,
wenn untheilbar ist das A D, es zugleich ruhen und
sich verändert haben wird. In A nämlich ruht es, in D
aber hat es sich verändert.Wenn es aber nicht untheilbar
ist, so muß es theilbar sein, und in jedwedem
Theile davon Veränderung stattfinden. Denn wird A
D, getheilt, und ist in keinem Theile die Veränderung
geschehen, so auch nicht in dem gesammten; wenn
aber in beiden, so auch in dem ganzen. Wenn aber in
einem von beiden Theilen die Veränderung geschah,
so nicht in dem ganzen zunächst: also muß sie in
jedem geschehen sein. Man sieht sonach, daß es
nichts giebt, worin zunächst die Veränderung geschah;
denn unbegrenzt sind die Theilungen. - Auch
nicht an dem, was sich verändert hat, ist etwas, das
zuerst sich verändert hat. Es habe nämlich D F zuerst
sich verändert von D E. Denn es ist gezeigt, daß alles,
was sich verändert, theilbar ist. Die Zeit aber, in welcher
D F sich verändert, sei H I. Wenn nun in der
ganzen das D F sich verändert, so wird, was in der
halben sich verändert, kleiner sein und eher als das D
F. Und wiederum ein anderes eher als dieses, und
noch ein anderes als jenes, und stets so weiter. So daß
Aristoteles: Physik 218
nichts Erstes sein wird von dem sich Verändernden,
was sich veränderte. - Daß es nun weder in dem sich
Verändernden, noch in der Zeit, in welcher Veränderung
geschieht, etwas Erstes giebt, ist ersichtlich aus
dem Gesagten. Das Ding selbst aber, das sich verändert,
oder in Bezug worauf es sich verändert, verhält
sich nicht mehr gleichergestalt. Dreierlei nämlich ist
es, das in Betracht kommt bei der Veränderung: das
was sich verändert, das worin, und das in Bezug worauf
es sich verändert; z.B. der Mensch, und die Zeit,
und das Weiß. Der Mensch nun und die Zeit sind
theilbar; das Weiß aber erfordert eine andere Untersuchung.
Indessen nebenbei ist alles theilbar. Denn welchem
anhängt die Beschaffenheit, oder das Weiß, dieses
ist theilbar. - Denn was an und für sich theilbar
heißt, und nicht nebenbei, auch hierin findet nicht das
Zunächst statt: z.B. in der Ausdehnung. Es sei nämlich
A B eine Ausdehnung, und sie gehe über aus B
nach C zunächst.Wird nun nicht, wenn untheilbar ist
das B C, ein Theilloses an ein Theilloses anstoßen?
Wenn aber theilbar, so wird etwas eher als C sein,
worein sie überging, und wiederum ein anderes eher
als jenes, und stets so fort, weil nie ausgeht die Theilung.
Also wird es nichts Erstes geben, worin die Veränderung
geschah. Auf gleicheWeise nun auch bei
der Veränderung der Größe. Denn auch diese geschieht
in Stetigem. Man sieht also, daß allein unter
Aristoteles: Physik 219
den Bewegungen in der nach der Beschaffenheit ein
Untheilbares an und für sich stattfinden kann.
Sechstes Capitel
Da aber alles was sich verändert, in der Zeit sich
verändert, in der Zeit sich verändern aber gesagt wird
theils in einer zunächst, theils mittelbar durch eine andere,
z.B. in dem Jahre, weil es in dem Tage sich verändert:
so muß, in welcher Zeit zunächst die Veränderung
geschieht, in jedwedem Theile von dieser sie geschehen.
Dieß nun erhellt aus der Bezeichnung: denn
das Zunächst haben wir so beschrieben. Allein auch
aus Folgendem ergiebt es sich. Es sei, worin zunächst
die Veränderung geschieht, X R, und es werde getheilt
nach dem K. Denn alle Zeit ist theilbar. In der Zeit X
K also findet entweder Bewegung statt, oder sie findet
nicht statt. Und wiederum in der K R eben so. Wenn
nun in keiner von beiden Bewegung stattfände, so
fände Ruhe in der ganzen statt. Denn daß Bewegung,
wenn in keinem Theile davon Bewegung, ist unmöglich.
Wenn aber nur in einem von beiden Bewegung
stattfindet, so fände sie nicht zunächst in der X R statt.
Vermittelt nämlich durch andere Zeit wäre die Bewegung.
Es muß also in jedwedem Theile der X R Bewegung
sein.
Aristoteles: Physik 220
Da aber dieses bewiesen ist, so sieht man, daß alles
was sich bewegt, sich bewegt haben muß zuvor.
Wenn nämlich in der Zeit X R etwas zunächst durch
die ausgedehnte Größe K L sich bewegt hat, so wird
in der halben, was gleich schnell sich bewegt und zugleich
anfing, halb so viel sich bewegt haben. Wenn
aber das Gleichschnelle in der nämlichen Zeit sich bewegt
hat, so muß auch das andere durch die nämliche
Größe sich bewegt haben. Ferner wenn wir sagen, daß
in der ganzen Zeit X R es sich bewegt haben soll, entweder
überhaupt, oder in irgend einem besondern
Zeittheile: indem das letzte Jetzt davon angegeben
wird, (denn dieß ist das Bestimmende, und was zwischen
den Jetzt ist, ist Zeit): so würde gesagt werden
müssen, daß es auch in den übrigen sich auf gleiche
Weise bewegt habe. Von der Hälfte nämlich ist das
Letzte das Theilende. Also wird es auch in der Hälfte
sich bewegt haben, und überhaupt in jedem der Theile.
Denn stets wird mit der Theilung zugleich eine
Zeit bestimmt durch die Jetzt. Wenn nun alle Zeit
theilbar; was aber zwischen den Jetzt, Zeit ist: so muß
alles, was sich verändert, schon unendliche Veränderungen
bestanden haben. Ferner wenn das sich stetig
Verändernde, und was weder untergegangen ist, noch
sich zu verändern aufgehört hat, nothwendig theils
sich verändern, theils sich verändert haben muß in irgend
etwas, in dem Jetzt aber kein sich Verändern
Aristoteles: Physik 221
stattfindet: so muß es sich verändert haben in Bezug
auf jedes einzelne Jetzt. Also wenn die Jetzt unbegrenzte
sind, so wird auch alles sich Verändernde unzählige
Veränderungen bestanden haben. Nicht allein
aber muß, was sich verändert, schon sich verändert
haben, sondern auch, was sich verändert hat, muß
sich verändern zuvor. Alles nämlich, was aus etwas in
etwas übergegangen ist, ist in der Zeit übergegangen.
Denn es sei in dem Jetzt aus A in B übergegangen. Ist
es nun nicht in dem nämlichen Jetzt zwar, in welchem
es ist in A; nicht übergegangen? Denn es wäre ja
sonst zugleich in A und B. Denn daß, was sich verändert
hat, wenn es sich verändert hat, nicht ist in diesem,
ist gezeigt worden zuvor. Wenn aber in einem
Andern, so ist dazwischen die Zeit. Denn nicht waren
aneinanderstoßend die Jetzt. Da es nun in der Zeit
sich verändert hat, alle Zeit aber theilbar ist, so wird
es in der halben eine andere Veränderung bestanden
haben, und wiederum in der halben von jener eine andere,
und stets so fort. Also möchte es zuvor sich verändern
müssen. Noch deutlicher aber ist das Gesagte
in Bezug auf die Ausdehnung, weil stetig ist die Ausdehnung,
in welcher die Veränderung geschieht. Es
sei nämlich etwas übergegangen aus C in D. Wird
nun nicht, wenn untheilbar ist das C D, ein Theilloses
durch ein Theilloses sich fortsetzen? Da aber dieß unmöglich
ist, so muß eine Ausdehnung sein, was
Aristoteles: Physik 222
dazwischen liegt, und ins Unbegrenzte theilbar. So
daß es in jenes übergeht zuvor. Es muß also alles,
was sich verändert hat, sich verändern vorher. Derselbe
Beweis nämlich gilt auch von dem nicht Stetigen,
z.B. bei den Gegensätzen, und bei dem Widerspruche.
Hier nämlich nehmen wir die Zeit, in welcher die Veränderung
geschah, und sagen wiederum dasselbe. -
Also muß was sich verändert hat, sich verändern, und
was sich verändert, sich verändert haben, und es hat
das sich Verändert haben zwar das sich Verändern zu
seiner Voraussetzung, das sich Verändern aber das
sich Verändert haben; und nie wird man gelangen zu
einem Ersten. Grund hievon aber ist, daß nicht Theilloses
durch Theilloses sich fortsetzt. Denn ins Unbegrenzte
geht die Theilung, wie bei dem Verlängern
und dem Verkürzen der Linien. Ersichtlich also ist,
daß auch, was geworden ist, werden muß zuvor, und
was wird, geworden sein, soviel nämlich theilbar und
stetig ist; nicht jedoch immer, was es wird, sondern
zuweilen ein anderes, z.B. etwa dazu gehöriges, wie
von dem Hause der Grundbau. Eben so auch bei dem
was untergeht und untergegangen ist. Denn unmittelbar
ist in dem Werdenden und Vergehenden etwas
Unbegrenztes gegenwärtig, da es ja stetig ist. Und
nicht vermag weder zu werden, was nicht geworden
ist, noch geworden sein, was nicht wird. Eben so auch
bei dem Vergehen und Vergangensein: stets nämlich
Aristoteles: Physik 223
wird das Vergehen ein Vergangensein vor sich haben,
und das Vergangensein ein Vergehen. - Man sieht
also, daß sowohl das Gewordene werden muß zuvor,
als auch das Werdende geworden sein. Denn alle
Ausdehnung und alle Zeit sind immer theilbar. So
daß, worin auch etwas ist, darin es nicht als in einem
Ersten ist.
Siebentes Capitel
Da aber alles, was sich bewegt, in einer Zeit sich
bewegt, und in längerer durch eine größere Ausdehnung,
so kann in unbegrenzter Zeit nicht einen begrenzten
Raum etwas durchgehen, vorausgesetzt, daß
es nicht den nämlichen stets, oder einen Theil desselben,
sondern in der ganzen den ganzen durchgehen
soll. Daß nun, wenn etwas mit gleicher Schnelle sich
bewegt, es das Begrenzte in begrenzter Zeit durchgehen
muß, ist klar. Denn nimmt man einen Theil, welcher
ausmißt das Ganze in eben so viel Zeiten als
Theilen sind, so durchgeht er das Ganze. Also weil
diese begrenzt sind, sowohl der Größe der einzelnen,
als der Zahl aller nach, möchte wohl auch die Zeit
sein begrenzt. Denn eben so viel mal wird sie so lang
sein, wie lang die Zeit des Theils vervielfacht durch
die Zahl der Theile. - Allein auch wenn nicht mit
Aristoteles: Physik 224
gleicher Schnelle, so macht dieß keinen Unterschied.
Es sei nämlich A und B ein begrenzter Zwischenraum,
wodurch etwas sich bewegt hat in unbegrenzter Zeit,
die unbegrenzte Zeit C D. Wenn es nun früher durch
eines als durch das andere sich bewegt haben muß, so
ist dieses klar, daß in dem Früheren und dem Späteren
der Zeit es durch anderes sich bewegt hat. Denn stets
wird es in der längeren durch anderes sich bewegt
haben, sowohl wenn es gleich schnell als wenn es
nicht gleich schnell übergeht; sowohl wenn sich anspannt
die Bewegung, als wenn sie nachläßt, und
wenn sie bleibt nicht weniger. Man nehme nun etwas
von dem Zwischenraume A B, A E, welches Maß sein
soll für das A B. Dieses nun wird in irgend einem
Theile der unbegrenzten Zeit durchgangen werden.
Denn daß in der unbegrenzten, wäre unstatthaft, da
das Ganze in unbegrenzter durchgangen wird. Und
wiederum ein anderer Theil, wenn ich ihn nehme so
groß wie A E, nothwendig in begrenzter Zeit; da das
Ganze in unbegrenzter. Und wenn ich so fortfahre, so
wird, weil für das Unbegrenzte es keinen Theil giebt,
der es ausmessen kann, (denn unmöglich kann das
Unbegrenzte bestehen aus begrenzten Theilen, sie es
gleichen oder ungleichen, weil ausgemessen wird, was
begrenzt ist an Zahl und Ausdehnung, von einem Einigen,
mag jenes nun gleich sein oder ungleich, wenn
es nur bestimmt ist der Ausdehnung nach), der
Aristoteles: Physik 225
begrenzte Zwischenraum aber durch bestimmte Größen
A E gemessen wird, in begrenzter Zeit durch A B
erfolgen die Bewegung. Eben so auch bei der Ruhe.
Also kann weder entstehen immer, noch vergehen
etwas, welches eines und dasselbe ist. - Auf dieselbe
Art wird bewiesen, daß auch nicht in begrenzter Zeit
etwas auf unbegrenzte Art sich bewegen mag, noch
ruhen; sei es, daß es gleichmäßig sich bewege, oder
ungleichmäßig. Darum nimmt man einen Theil, welcher
Maß sei für die ganze Zeit, so wird es in diesem
einen bestimmten Theil durchgehen von der Ausdehnung,
und nicht die ganze. In der ganzen nämlich die
ganze. Und wiederum in dem gleichen einen andern
Theil, und in jedem auf gleicheWeise, sei es einen
dem anfänglichen gleichen oder ungleichen Theil.
Denn nichts kommt darauf an, wenn nur begrenzt ist
ein jeder. Denn offenbar wird, wenn aufgeht die Zeit,
das Unbegrenzte nicht aufgehen, da begrenzt die
Wegnahme ist, sowohl dem Wieviel, als dem Wieoft
nach. Also durchgeht es nicht in begrenzter Zeit das
Unbegrenzte. Nichts aber kommt darauf an, ob die
Ausdehnung nach einer oder nach beiden Seiten hin
unbegrenzt sei. Denn das Wesentliche ist dasselbe. -
Nach diesem Beweise nun sieht man, daß auch nicht
die begrenzte Ausdehnung das Unbegrenzte zu durchgehen
vermag in begrenzter Zeit, aus der nämlichen
Ursache. Denn in dem Theile der Zeit durchgeht es
Aristoteles: Physik 226
etwas Begrenztes, und in jedem eben so; so daß in der
ganzen ein Begrenztes. Da aber das Begrenzte nicht
durchgeht das Unbegrenzte in begrenzter Zeit, so offenbar
auch nicht das Unbegrenzte das Begrenzte.
Wenn nämlich das Unbegrenzte das Begrenzte, so
müßte auch das Begrenzte durchgehen das Unbegrenzte.
Denn nichts kommt darauf an, welches von
beiden sei das sich Bewegende: auf beide Arten nämlich
durchgeht das Begrenzte das Unbegrenzte. Denn
wenn sich bewegt das unbegrenzte A, so wird ein
Theil von ihm sich in dem begrenzten B befinden,
z.B. E D, und wiederum ein anderer und noch ein anderer
und stets so fort. Also wird es sich zugleich begeben,
daß das Unbegrenzte sich bewegt durch das
Begrenzte, und daß das Begrenzte durchgeht das Unbegrenzte:
denn nicht einmal möglich ist es vielleicht,
daß das Unbegrenzte auf andere Art sich bewege
durch das Begrenzte, als indem das Begrenzte durchgeht
das Unbegrenzte, entweder in räumlicher Bewegung,
oder im Ausmessen. Also, weil dieß unmöglich,
so möchte wohl nicht durchgeben das Unbegrenzte
das Begrenzte. - Allein auch nicht das Unbegrenzte
durchgeht in begrenzter Zeit das Unbegrenzte. Denn
wenn das Unbegrenzte, so auch das Begrenzte. Und
ferner auch wenn man die Zeit nimmt, so gilt der
nämliche Beweis. - Da aber weder das Begrenzte das
Unbegrenzte durchgeht, noch das Unbegrenzte das
Aristoteles: Physik 227
Begrenzte, noch das Unbegrenzte in begrenzter Zeit
sich bewegt, so sieht man, daß es gar keine Bewegung
geben kann, die unbegrenzt wäre, in der begrenzten
Zeit. Denn was ist für ein Unterschied, die Bewegung
oder die Ausdehnung unbegrenzt zu machen? Denn
nothwendig muß mit der einen auch die andere unbegrenzt
sein; da alle Ortveränderung im Raume ist.
Achtes Capitel
Da nun alles entweder sich bewegt oder ruht, was
von Natur diese Bestimmung hat, und wenn es sie
hat, und wo, und wie: so muß das was sich stellt,
wenn es sich stellt, sich bewegen. Denn bewegt es
sich nicht, so wird es ruhen. Aber nicht vermag in
Ruhe überzugehen das was bereits ruhet. Da dieses
gezeigt ist, sieht man, daß auch in der Zeit das sich
Stellen geschehen muß. Denn was sich bewegt, bewegt
sich in der Zeit; was aber sich stellt, dieß ist gezeigt
worden als sich bewegend. Also muß es in einer
Zeit sich stellen. Eben so auch, wenn wir das Schneller
und Langsamer von dem was in der Zeit ist sagen;
denn bei dem sich Stellen findet Schneller und Langsamer
statt. In welcher Zeit aber zunächst das sich
Stellen geschieht, in jedwedem Theile von dieser muß
es geschehen. Denn geschieht es nach Theilung der
Aristoteles: Physik 228
Zeit in keinem der beiden Theile, so auch nicht in der
ganzen. Also würde nicht sich stellen, was sich stellt.
Wenn aber nur in einem, so könnte nicht für eine
nächste die ganze gelten. Denn mittelbar nach einem
der Theile geschieht dann in dieser die Stellung,
gleichwie gesagt ward auch bei dem sich Bewegenden
vorhin. So wie aber für das was sich bewegt, es nichts
giebt, worin es zuerst sich bewegte, so auch nichts,
worin zuerst sich stellte was sich stellt. Denn weder
das sich Bewegen, noch das sich Stellen hat ein Erstes.
Es sei nämlich das, worin etwas zuerst sich
stellt, A B. Dieses nun kann ohne Theile zwar nicht
sein. Denn Bewegung ist nicht in dem Theillosen,
weil durch einen Theil von ihm die Bewegung gegangen
sein muß; was aber sich stellt, davon ist gezeigt,
daß es sich bewegt. Aber wenn es theilbar ist, so wird
in jedem seiner Theile das sich Stellen geschehen.
Denn dieses ist vorhin gezeigt worden, daß, worin
etwas zunächst sich stellt, in jedem Theile von diesem
es sich stellt. Da es nun Zeit ist, worin etwas zunächst
sich stellt, und nicht Untheilbares; alle Zeit aber ins
Unbegrenzte theilbar: so wird es nichts geben, worin
etwas zuerst sich stellt. - Auch nicht für das Ruhende
giebt es ein Wann zuerst es ruhte. Denn in Theillosem
konnte es nicht ruhen, weil nicht ist Bewegung in
Untheilbarem.Worin aber Ruhen stattfindet, darin
auch sich Bewegen. Denn dann sagen wir, daß etwas
Aristoteles: Physik 229
ruhe, wenn auch worin es von Natur sich bewegen
könnte, nicht sich bewegt das was könnte. Ferner
sagen wir auch dann, daß etwas ruhe, wenn es sich
gleichergestalt verhält jetzt und zuvor: so daß wir es
nicht nach einerlei Rücksicht beurtheilen, sondern
nach zweierlei zum mindesten. Also kann nicht sein,
worin etwas ruht, ohne Theile. Ist es aber theilbar, so
wäre es Zeit, und in jedem seiner Theile wird Ruhe
stattfinden. Auf dieselbeWeise nämlich wird der Beweis
zu führen sein, wie auch bei dem Vorhergehenden.
Davon aber ist Grund, daß alle Ruhe und Bewegung
stattfindet in der Zeit. Zeit aber giebt es nicht,
welche die erste wäre, noch Ausdehnung, noch überhaupt
etwas Stetiges. Denn alles ist ins Unbegrenzte
theilbar.
Da aber alles was sich bewegt, in einer Zeit sich
bewegt, und aus etwas in etwas übergeht, so kann, in
welcher Zeit es sich bewegt an und für sich, und nicht
in einem Theile derselben, in dieser nicht in etwas zunächst
sein das sich Bewegende. Dann das Ruhen besteht
darin, daß in dem Nämlichen ist eine Zeitlang
sowohl das Ding selbst, als jedes seiner Theile. Dann
nämlich sprechen wir von Ruhe, wenn man mit Wahrheit
sagen kann, daß es in verschiedenen Jetzt in dem
Nämlichen ist, sowohl es selbst, als seine Theile.
Wenn aber hierin besteht das Ruhen, so vermag nicht
das sich Verändernde in etwas ganz zu sein in der
Aristoteles: Physik 230
ersten Zeit. Denn alle Zeit ist theilbar: so daß man mit
Wahrheit sagen könnte, daß in verschiedenen Theilen
derselben es in dem Nämlichen wäre, sowohl es selbst
als seine Theile. Ist dem aber nicht so, sondern nur in
Einem Jetzt: so wird es sich nicht zu irgend einer Zeit
in etwas befinden, sondern nur in der Begrenzung der
Zeit. In dem Jetzt findet es sich zwar stets in etwas
verweilend, nicht aber als ruhte es. Denn weder sich
Bewegen, noch Ruhen findet statt in dem Jetzt; wohl
aber nicht sich Bewegen in dem Jetzt und sein in
etwas. In der Zeit aber vermag es nicht auf solche
Weise zu sein, wie das Ruhende. Denn dann würde
folgen, daß das räumlich sich Bewegende zugleich
ruhte.
Neuntes Capitel
Zenon aber begeht einen Fehlschluß.Wenn nämlich,
sagt er, alles ruht oder sich bewegt, sobald es in
dem Gleichen ist (es ist aber stets das räumlich sich
Bewegende in dem Jetzt als in dem sich Gleichen), so
sei unbeweglich der abgeschossene Pfeil. Dieß aber
ist falsch. Denn nicht besteht die Zeit aus den Jetzt,
welche untheilbar sind; so wie auch keine andere Ausdehnung.
- Vier aber sind Zenons Sätze über Bewegung,
die in Schwierigkeiten verwickeln die
Aristoteles: Physik 231
Lösenden. Der erste der, daß nichts sich bewege, weil
zuvor in die Hälfte kommen müßte das sich Bewegende,
bevor an das Ende; worüber wir entschieden
haben in den vorhergehenden Betrachtungen. Der
zweite, der sogenannte Achilles. Er besteht darin, daß
das Langsamere nie eingeholt werden wird im Laufen
von dem Schnelleren. Denn vorher muß dahin kommen
das Verfolgende, wovon auslief das Fliehende:
so daß stets etwas voraus haben muß das Langsamere.
Es ist aber dieser Satz der nämliche mit dem
Zerspalten in zwei. Er unterscheidet sich nur in der
Art des Theilens, indem er nicht in zwei spaltet die
angenommene Ausdehnung. Daß nun nicht eingeholt
wird das Langsamere, folgt aus dem Satze; es geschieht
aber auf dieselbeWeise, wie bei der Spaltung
in zwei. Denn bei beiden erfolgt es, daß man nicht gelangt
zu dem Ende, indem irgendwie getheilt wird die
Ausdehnung. Doch wird noch hinzugesetzt bei diesem,
daß auch nicht das Schnellste; indem man es auf
das Aeußerste treibt bei dem Verfolgen des Langsamern.
Also muß auch die Lösung die nämliche sein.
Zu behaupten aber, daß das was voraus ist, nicht eingeholt
wird, ist falsch. Indem es nämlich voraus ist,
wird es nicht eingeholt; aber es wird dennoch eingeholt,
wenn man zugiebt, daß durchgangen wird der
begrenzte Raum. - Dieß nun sind zwei Sätze. Der
dritte aber, der eben angegebene, daß der Pfeil, indem
Aristoteles: Physik 232
er sich bewegt, stehen müßte. Dieß aber folgt daraus,
daß man annimmt, die Zeit bestehe aus den Jetzt.
Denn wird dieses nicht zugegeben, so findet der
Schluß nicht statt. - Der vierte aber ist der von den
gleichen Massen, die in der Bahn von entgegengesetzten
Seite her einander gegenüber sich bewegen, die
eine von dem Ende der Bahn, die andere von der
Mitte aus: wobei folgen soll, daß gleich sei der doppelten
Zeit die halbe. Es liegt aber der Fehlschluß in
der Forderung, daß das eine bei Bewegtem vorbei,
das andere bei Ruhendem, die gleiche Ausdehnung
mit der gleichen Geschwindigkeit in der gleichen Zeit
durchgehe. Dieß aber ist falsch. Z.B. es mögen als die
stehenden gleichen Massen gesetzt werden A A A A,
und B B B B, welche anfangen sich zu bewegen von
der Mitte der A, und gleich der Zahl nach sind mit
diesen, und der Ausdehnung nach. Andere aber C C C
C von dem Aeußersten aus, gleich der Zahl nach diesen
und der Ausdehnung nach, und gleich schnell mit
den B. Es folgt nun, daß das erste B, zugleich bei dem
letzten ist, und das erste C, indem sie bei einander
vorbei sich bewegen. Es folgt also, daß die C durch
alle A hindurch gegangen sind, die B aber durch die
Hälfte derselben. So daß also auch die Zeit die halbe
ist. Denn gleiche Zeit ist jede von beiden bei jedem.
Zugleich aber folgt, das die B durch alle die C hindurchgegangen
sind, (denn zugleich muß daß erste C
Aristoteles: Physik 233
und das erste B an dem entgegenstehenden Aeußersten
sein); indem diese gleiche Zeit bei jedem der B
verweilen, wie bei den A, weil, wie er sagt, beide in
gleicher Zeit bei den A vorbeikommen. Der Satz nun
ist dieser. Es ergiebt sich aber nach dem vorhin Gesagten,
warum er falsch ist. - Auch nicht also nach der
Veränderung in dem Widerspruche wird uns etwas
Unmögliches folgen. Z.B. wenn etwas aus den Nichtweißen
in das Weiße übergeht, und in keinem von
beiden ist, daß es weder weiß, noch nicht weiß wäre.
Denn nicht, wenn etwas nicht ganz in einem oder dem
andern ist, heißt es darum nicht, weiß oder nicht weiß.
Weiß nämlich nennen wir etwas oder nicht weiß,
nicht insofern es ganz ein solches ist, sondern insofern
die meisten oder die haupsächlichsten Theile.
Nicht das Nämliche aber ist es, nicht sein in etwas,
und nicht ganz in etwas sein. Auf gleicheWeise wird
es sich verhalten mit dem Sein und Nichtsein, und mit
dem Uebrigen, was als Widerspruch gilt. Denn nicht
wird es nothwendig in einem von beiden Gegensätzen
sein müssen, sondern vielmehr in keinem von beiden
ganz. Wiederum mit dem Kreise und der Kugel und
überhaupt demjenigen, was in sich selbst sich bewegt:
als folge, daß diese Dinge ruhen, weil sie in dem nämlichen
Raume eine bestimmte Zeit lang sind, sowohl
sie selbst als ihre Theile: so daß sie ruhten zugleich
und sich bewegten. Denn erstens sind die Theile nicht
Aristoteles: Physik 234
in dem Nämlichen, zu keiner Zeit. Sodann geht auch
das Ganze stets über in ein Anderes. Denn nicht ist
der nämliche der von A an genommene Umkreis, und
der von B und der von C, und von jedem der übrigen
Punkte an; außer etwa wie der musikalischeMensch
und der Mensch, weil es nebenbei zusammentrifft.
Also verändert sich stets der eine in den andern, und
nie wird er ruhen. Auf dieselbeWeise auch bei der
Kugel und dem übrigen, was sich in sich selbst bewegt.
Zehntes Capitel
Nachdem nun dieß gezeigt ist, sagen wir, daß, was
keine Theile hat, nicht vermag sich zu bewegen, außer
nebenbei: z.B. wenn bewegt wird der Körper oder die
Ausdehnung, worin es vorhanden ist; wie wenn, was
in dem Schiffe ist, bewegt wird durch die Bewegung
des Schiffes, oder der Theil durch die Bewegung des
Ganzen. Man kann aber auch besonders an der Kugel
den Unterschied sehen. Nicht nämlich werden dieselbe
Schnelle haben die Theile um den Mittelpunct, und
die äußeren, und die ganze; indem es nicht eine einige
Bewegung ist. Wie wir nun sagten, so vermag sich zu
bewegen das Theillose, wie der, welcher in dem
Schiffe sitzt, von dem Laufe des Schiffs; für sich aber
Aristoteles: Physik 235
vermag es nicht. Es gehe nämlich über aus A B in B
C; sei es als aus einer Größe in eine Größe, oder als
aus einer Formbestimmung, oder im Wiederspruch.
Die Zeit aber sei, worin zuerst es übergeht, D. Wird
es nun nicht, in welcher Zeit es übergeht, entweder in
dem A B sein müssen, oder in dem B C, oder der eine
Theil von ihm in dem einen, der andere aber in dem
andern? Denn alles, was sich verändert, verhielt sich
so. In jedem von beiden nun wird nicht sein etwas
von ihm. Denn dann wäre es theilbar. Allein auch
nicht in dem B C wird es sein; denn schon übergegangen
wäre es dann; es wird aber angenommen, daß es
übergehe. Bleibt also übrig, daß es in dem A B sei, zu
der Zeit, da es übergeht. So würde es dann ruhen.
Denn in dem Nämlichen sein eine Zeit hindurch, ist
ruhen. Also vermag nicht das Theillose sich zu bewegen,
noch überhaupt zu verändern. Denn allein so
hätte es eine Bewegung, wenn die Zeit aus dem Jetzt
bestünde. Immer nämlich in dem Jetzt würde es sich
dann bewegt und verändert haben; und also nie zwar
sich bewegen, stets aber sich bewegt haben. Daß aber
dieß unmöglich sei, ist auch zuvor gezeigt worden.
Denn weder die Zeit besteht aus den Jetzt, noch die
Linie aus Puncten, noch die Bewegung aus Bewegtheilen.
Nichts anderes nämlich behauptet, wer dieses
sagt, daß die Bewegung aus Untheilbarem bestehe,
wie wenn er behauptete, daß die Zeit aus den Jetzt,
Aristoteles: Physik 236
oder die Ausdehnung aus Puncten. -Weiter aber ist
hieraus ersichtlich, daß weder ein Punct, noch sonst
etwas Untheilbares sich zu bewegen vermag. Alles
nämlich was sich bewegt, kann unmöglich eher durch
etwas Größeres, als es selbst ist, sich bewegen, als
entweder durch Gleiches, oder Kleineres. Ist aber dem
so, so sieht man, daß auch der Punct durch Kleineres
oder Gleiches zuerst sich bewegen wird. Da er aber
untheilbar, so kann er nicht durch Kleineres vorher
sich bewegt haben. Durch ihm Gleiches also. So bestünde
denn die Linie aus Puncten. Denn stets durch
Gleiches sich bewegend, wird der Punct die ganze
Linie ausmessen. Ist aber dieß unmöglich, so ist auch,
daß das Untheilbare sich bewege, unmöglich. - Ferner,
wenn alles in einer Zeit sich bewegt, in dem Jetzt
aber nichts; alle Zeit aber theilbar ist: so muß es für
jedes, was sich bewegt, eine Zeit geben, die kleiner ist
als diejenige, in welcher es durch einen ihm gleichen
Raum sich bewegt. Dieß nämlich wird die Zeit sein,
worin es sich bewegt, weil alles sich in einer Zeit bewegt;
daß aber alle Zeit theilbar ist, ist zuvor gezeigt
worden. Wenn nun also der Punct sich bewegt, so
wird es eine Zeit geben, die kleiner ist als die, worin
er sich bewegte. Aber dieß ist unmöglich. Denn in der
kleineren muß das Kleinere sich bewegen. Also würde
theilbar sein das Untheilbare in das Kleinere, gleichwie
auch die Zeit in die Zeit. Denn allein so könnte
Aristoteles: Physik 237
sich bewegen das Theillose und Untheilbare, wenn
eine Bewegung statt fände in dem untheilbaren Jetzt.
Dasselbe nämlich gilt davon, daß in dem Jetzt etwas
sich bewegte, und daß etwas Untheilbares sich bewegte.
Keine Veränderung nun ist unbegrenzt; denn jede
ist aus etwas in etwas, sowohl die in dem Widerspruche,
als die in Gegensätzen. Also ist für die nach dem
Widerspruche die Bejahung und die Verneinung
Grenze; z.B. für die Entstehung das Seiende, für den
Untergang aber das Nichtseiende. Für die aber in den
Gegensätzen, die Gegensätze: diese nämlich sind das
Aeußerste der Veränderung. Also auch für alle Umbildung;
denn aus bestimmten Gegensätzen ist die
Umbildung. Gleicherweise auch für Wachsthum und
Abnahme; denn die Grenze des Wachsthums ist die
Vollendung der Größe nach der eigenthümlichen
Natur, der Abnahme aber das Heraustreten aus dieser.
Die räumliche Bewegung aber wird dergestalt nicht
eine begrenzte sein; denn nicht alle ist in Gegensätzen.
Aber weil, was dergestalt nicht getheilt werden
konnte, daß es des Getheiltseins unempfänglich ist
(denn vielerlei bedeutet das Nichtkönnen), das dergestalt
Nichtkönnende nicht vermag getheilt zu werden,
noch überhaupt, was nicht werden kann, zu werden:
so kann auch nicht, was nicht sich verändern kann,
sich verändern in dasjenige, in das es nicht sich
Aristoteles: Physik 238
verändern kann. Wenn nun das räumlich sich Bewegende
übergeht in etwas, so wird es auch überhaupt
sich verändern. Also wird nicht unbegrenzt sein die
Bewegung, noch gehen durch den unbegrenzten
Raum. Denn es ist unmöglich, diesen zu durchgehen.
Daß es nun nicht dergestalt eine unbegrenzte Veränderung
giebt, das sie nicht durch Begrenzungen bestimmt
wäre, ist ersichtlich. Aber ob es dergestalt
möglich ist, das sie der Zeit nach unbestimmt sei,
indem sie eine und dieselbe ist, ist zu untersuchen.
Denn ist sie nicht Eine, so hindert vielleicht nichts,
daß auf die Raumbewegung Umbildung folgt, und auf
die UmbildungWachsthum, und wiederum Entstehung.
Denn so wird stets zwar die Zeit nach Bewegung
sein, aber nicht Eine, weil nicht ist Eine aus
allen. Dergestalt aber, daß sie Eine sei, vermag sie
nicht unbegrenzt zu sein der Zeit nach; außer eine.
Diese eine aber ist die Kreisbewegung.
Aristoteles: Physik 239
Siebentes Buch
Erstes Capitel
Alles was sich bewegt, muß von etwas bewegt werden.
Wenn es nämlich in sich selbst nicht hat den Ursprung
der Bewegung, so ist ersichtlich, daß es durch
ein Anderes bewegt wird. Wenn aber in sich selbst, so
nehme man A B, welches sich bewegt nicht darum,
weil etwas davon sich bewegt. Erstens nun ist anzunehmen,
daß A B durch sich selbst sich bewegt, weil
das Ganze sich bewegt, und durch nichts Aeußeres,
gleich, als wenn man, wenn E D bewegt E F und
selbst sich bewegt, annehmen wollte, daß E F durch
sich selbst bewegte, weil man nicht gewahrt, welches
von welchem bewegt wird, ob D E von E F, oder E F
von D E. Ferner, was durch sich selbst sich bewegt,
wird nie darum aufhören sich zu bewegen, weil ein
Anderes in seiner Bewegung stillsteht. Nothwendig
also muß, wenn etwas aufhört sich zu bewegen
darum, weil ein Anderes stillsteht, dieses durch ein
Anderes bewegt werden. Leuchtet aber dieses ein, so
muß alles was sich bewegt, bewegt werden durch
etwas. Da nämlich angenommen ist A B als sich bewegend,
so wird es theilbar sein. Denn alles was sich
bewegt, war theilbar. Es sei also getheilt mit C. Es
Aristoteles: Physik 240
muß dann, wenn B C ruht, ruhen auch A B. Dennwo
nicht, so nehme man an, es bewege sich. Während
nun B C ruht, würde sich bewegen A C. Nicht also
durch sich selbst bewegt sich A B. Allein es ward angenommen,
daß es durch sich zuerst sich bewege. So
erhellt denn, daß, wenn C B ruht, ruhen wird auch B
A, und dann aufhören sich zu bewegen. Aber wenn
etwas darum, weil ein Anderes ruht, stillsteht und aufhört
sich zu bewegen, so wird dieses durch ein Anderes
bewegt. Man sieht also, daß alles was sich bewegt,
von etwas bewegt wird. Denn theilbar ist alles
sich Bewegende, und wenn der Theil ruht, so wird
ruhen auch das Ganze. Weil aber alles was sich bewegt,
von etwas bewegt wird, so muß auch alles was
im Raume sich bewegt, bewegt werden von einem
Anderen. Und auch das Bewegende von einem Anderen,
weil auch dieses sich bewegt; und wiederum dieses
von einem Anderen.
Nicht jedoch geht es ins Unbegrenzte so fort, sondern
irgendwo wird es stillstehen, und sein wird
etwas, das zuerst Ursache ist des sich Bewegens.
Denn wenn nicht, sondern ins Unendliche ein Fortgang
statt findet: so sei A von B bewegt, B von C, C
von D, und auf dieseWeise gehe man ins Unbegrenzte
fort. Da nun zugleich das Bewegende auch selbst
sich bewegt, so erhellt, daß zugleich sich bewegen
wird A und B. Denn indem B sich bewegt, wird auch
Aristoteles: Physik 241
A sich bewegen, und also indem B sich bewegt, auch
C, und indem C, D. So wird denn zugleich sein die
Bewegung von A, und von B und von C und von
jedem der übrigen. Und jedes von diesen also werden
wir setzen können. Denn wenn auch jedes durch jedes
bewegt wird, so ist nichtsdestoweniger Eine der Zahl
nach die Bewegung von jedem, und nicht unbegrenzt
nach den letzten Theilen; da ja, was sich bewegt, von
etwas zu etwas sich bewegt. - Entweder nämlich der
Zahl nach kann die Bewegung die nämlich sein, oder
der Gattung, oder der Art nach. Der Zahl nach nun
nenne ich die nämliche Bewegung, die von dem Nämlichen
zu dem der Zahl nach Nämlichen, und in der
Zeit, die der Zahl nach die nämliche ist; z.B. aus diesem
Weißen, welches Eins ist der Zahl nach, in dieses
Schwarze zu dieser Zeit, die Eins ist an Zahl. Denn
wenn zu einer andern, so ist sie nicht mehr Eine der
Zahl, sondern der Art nach. Der Gattung nach aber
die nämliche Bewegung ist die innerhalb der nämlichen
Hauptbenennung des Wesens oder der Gattung.
Der Art nach aber, die von dem der Art nach Nämlichen
zu dem der Art nach Nämlichen, z.B. aus dem
Weißen in das Schwarze, oder aus dem Guten in das
Ueble. Dieß aber ist besprochen worden auch in dem
Vorhergehenden. Man nehme also die Bewegung von
A, und es sei dieselbe E, und die von B, welche F sei,
und die von C D, welcheGH. Und die Zeit, worin A
Aristoteles: Physik 242
bewegt wird, K. Ist nun bestimmt die Bewegung von
A, so wird auch bestimmt sein, und nicht unbegrenzt,
die Zeit K. Aber in derselben Zeit bewegte sich A und
B und jedes der übrigen. Es folgt sonach, daß die Bewegung
E F G H, die unbegrenzt ist, in der bestimmten
Zeit K geschehe. Denn in welcher A sich bewegt,
in dieser bewegt sich auch das unbegrenzt Viele, das
auf das A folgte. Also bewegt sich dieses in der nämlichen.
Und es wird auch entweder gleich die Bewegung
von A der von B sein, oder größer. Hiebei aber
ist kein Unterschied. Denn auf jede Weise geschieht
es, daß die unbegrenzte Bewegung in begrenzter Zeit
erfolgt. Dieß aber ist unmöglich. - So nun könnte bewiesen
zu werden scheinen das im Anfang Gesagte.
Dennoch wird es nicht bewiesen, weil nichts Unstatthaftes
erfolgt. Denn es kann wohl in begrenzter Zeit
eine unbegrenzte Bewegung geben; nicht die nämliche
jedoch, sondern eine andere und wieder eine andere,
indem Vieles sich bewegt und Unbegrenztes: was
denn sich begiebt auch mit den Jetzt. Aber wenn das
zunächst Bewegte im Raume und körperlicher Bewegung,
sich berühren muß oder stetig zusammenhängen
mit dem Bewegenden; wie wir denn sehen, daß bei
Allem dieß so sich verhält (denn es ist aus Allem
Eines das Ganze und stetig): so nehme man dieses als
ein Mögliches an, und es sei die Ausdehnung oder das
Stetige A B C D, die Bewegung aber von diesem: E F
Aristoteles: Physik 243
GH. Es ist aber kein Unterschied, ob begrenzt oder
unbegrenzt. Denn auf gleicheWeise wird in der begrenzten
K sich bewegen sowohl Unbegrenztes als
Begrenztes; beides aber gehört zu dem Unmöglichen.
Man sieht also, daß irgendwo stillstehen wird, und
nicht ins Unbegrenzte vorwärts geht das stets von
einem Andern Bewegtwerden, sondern es etwas geben
wird, welches zuerst sich bewegt. Kein Unterschied
aber braucht gemacht zu werden, wenn auch durch irgend
eine Voraussetzung dieß bewiesen wird. Denn
war das Mögliche gesetzt, so durfte nichts Unstatthaftes
daraus folgen.
Zweites Capitel
Was aber zuerst bewegt, nicht als das Weswegen,
sondern woher der Ursprung der Bewegung, ist zusammen
mit dem Bewegten. Zusammen aber sage ich,
weil nichts zwischen ihnen ist. Dieß nämlich ist gemein
allem, was bewegt wird und bewegt. - Da es nun
dreierlei Bewegungen giebt: die nach dem Raume,
und nach der Beschaffenheit, und nach der Größe, so
muß auch, was sich bewegt, dreierlei sein. Die nun
nach dem Raume ist Ortsveränderung, die nach der
Beschaffenheit Umbildung, die aber nach der Größe,
Wachsthum und Abnahme. Zuerst nun wollen wir von
Aristoteles: Physik 244
der Ortveränderung sprechen: denn sie ist die erste
unter den Bewegungen. Alles nun, was den Ort verändert,
wird bewegt entweder durch sich selbst, oder
durch Anderes. Was nun durch sich selbst sich bewegt,
bei diesem ist klar, daß zusammen das Bewegte
und das Bewegende ist; denn gegenwärtig in ihm ist
das zuerst Bewegende, und also giebt es nichts dazwischen.
Was aber durch Anderes bewegt wird, dieß
muß vierfach sich verhalten. Denn vielerlei sind die
Arten der Ortveränderung durch Anderes: Zug, Stoß,
Tragung und Drehung. Alle Bewegungen im Raume
nämlich lassen sich zurückführen auf diese. Das
Schieben nämlich ist eine Art von Stoß: wenn das,
was von sich weg bewegt, nachfolgt dem, welches es
stößt. Das Abstoßen aber, wenn es nicht nachfolgt,
nachdem es bewegt hat. Der Wurf, wenn es heftiger
macht die Bewegung von sich weg, als die natürliche
Bewegung ist, und jene Bewegung so lange fortdauert,
als sie die Oberhand über diese behält. Weiter das
Voneinanderstoßen und Zusammenstoßen sind Abstoßen
und Ziehen. Das Voneinanderstoßen nämlich
ist Abstoßen: denn entweder von sich, oder von einem
Andern weg ist das Abstoßen ein solches. Das Zusammenstoßen
aber Ziehen: denn sowohl nach sich
selbst, als auch nach Anderem hin ist das Ziehen ein
solches. Also auch was Unterarten von diesen sind:
z.B. Einschlagen und Weben; das eine nämlich ist ein
Aristoteles: Physik 245
Zusammenstoßen, das andere ein Voneinanderstoßen.
Auf gleicheWeise auch die übrigen Mischungen und
Scheidungen. Alle nämlich werden entweder ein Voneinanderstoßen
oder ein Zusammenstoßen sein; außer
welche auf einem Entstehen und Vergehen beruhen. -
Zugleich aber sieht man, daß es keine andere Gattung
der Bewegung giebt; wie Mischung und Scheidung.
Denn alle sind zu vertheilen unter einige der genannten.
- Ferner ist das Einathmen ein Ziehen, das Ausathmen
aber ein Abstoßen. Eben so auch das Ausspeien,
und alle übrige, sowohl aussondernde als aufnehmende
Bewegungen des Körpers. Die einen nämlich
sind ein Ziehen, die andern ein Abstoßen. Man
muß aber auch die andern räumlichen Bewegungen
hierauf zurückführen: denn alle fallen unter diese
vier. - Von diesen aber wiederum das Tragen und das
Drehen unter Zug und Stoß. Denn was das Tragen betrifft,
so gehört dieses unter jene drei Arten. Das Getragene
nämlich bewegt sich nebenbei; weil es in
einem Bewegten ist oder auf einem Bewegten. Das
Tragende aber trägt, indem es entweder gezogen, oder
gestoßen, oder gedreht wird. So daß also allen dreien
gemeinschaftlich das Tragen ist. Das Drehen aber ist
zusammengesetzt aus Zug und Stoß. Denn das Drehende
muß theils ziehen, theils stoßen: denn es führt
Einiges von sich ab, Anderes nach sich hin. - Also,
wenn das Stoßende und das Ziehende zusammen ist
Aristoteles: Physik 246
mit dem Gestoßenen und Gezogenen: so sieht man,
daß das räumlich Bewegte und Bewegende nichts
zwischen sich hat. Allein dieses erhellt auch aus den
Begriffbestimmungen. Denn Stoß ist die Bewegung
von sich oder von etwas Anderem weg nach etwas
Anderem; Zug aber die von etwas Anderem nach sich
selbst oder nach etwas Anderem; wann schneller die
Bewegung ist des Ziehenden, die, welche trennt von
einander das Stetige. So nämlich wird zugleich angezogen
das Andere. Leicht indeß könnte stattzufinden
scheinen eine Art von Ziehen auch auf andereWeise.
Das Holz nämlich ziehet das Feuer nicht also. Es ist
aber kein Unterschied, ob beim Ziehen das Ziehende
sich bewegt oder stillsteht; denn in dem einen Falle
zieht es dahin, wo es ist, in dem andern, wo es war.
Nicht aber kann etwas weder von sich weg nach
einem Andern, noch von einem Andern nach sich hin
bewegen, ohne zu berühren. Also ist ersichtlich, daß
das räumlich Bewegte und Bewegende nichts zwischen
sich hat. - Allein auch nicht das Umgebildete
und Umbildende. Dieß nun erhellt aus einer Reihe
von Beispielen. Denn überall ergiebt sich, daß zusammen
ist das letzte Umbildende, und das, was umgebildet
wird von jenem. Dieß nämlich sind Zustände der
zum Grunde liegenden Beschaffenheit. Von etwas
nämlich, das warm wird, oder süß, oder dicht, oder
trocken, oder weiß, sagen wir, es bilde sich um; auf
Aristoteles: Physik 247
gleicheWeise von dem Unbeseelten und dem Beseelten;
und wiederum unter dem, was beseelt ist, sowohl
von den nicht empfindenden Theilen, als von den Sinnen
selbst. Denn es bilden sich um auf gewisseWeise
auch die Sinne. Der Sinn nämlich in seiner Wirklichkeit
oder die Empfindung ist eine Bewegung durch
den Körper; indem der Sinn etwas erleidet. Auf welche
Arten nun das Unbeseelte sich umbildet, auf diese
auch das Beseelte; auf welche aber das Beseelte, nicht
auf alle diese das Unbeseelte: nicht nämlich bildet es
sich um nach den Empfindungen. Und dieses wird es
nicht gewahr, jenes aber wird es gewahr, wenn es
etwas erleidet. Doch hindert nichts, daß auch das Beseelte
es nicht gewahr werde, sondern nicht in Bezug
auf die Sinne stattfindet die Umbildung.Wenn nun
alle Umbildung durch das Empfindbare geschieht, so
ist bei allem diesem ersichtlich, daß zusammen ist das
letzte Umbildende und das erste Umgebildete. Denn
mit jenem ist stetig zusammenhängend die Luft, mit
der Luft aber der Körper. Und wiederum die Farbe
mit dem Lichte, das Licht aber mit dem Gesicht. Auf
dieselbeWeise auch das Gehör und der Geruch; denn
zuerst Bewegendes ist hier, im Verhältniß zu dem was
bewegt wird, die Luft. Und hinsichtlich des Geschmackes
gleichergestalt: denn zusammen mit dem
Geschmacke ist das Geschmeckte. Eben so auch hinsichtlich
des Unbeseelten und Unempfindlichen. Also
Aristoteles: Physik 248
wird es auch nichts geben zwischen dem, was umgebildet
wird, und dem, was umbildet. - Und auch nicht
zwischen dem, was vermehrt wird, und dem, was vermehrt.
Denn es vermehrt das zuerst Vermehrende
durch sein Hinzutreten, so daß Eines wird das Ganze.
Und wiederum nimmt ab das Abnehmende, indem
etwas, das zu ihm gehört, von ihm hinwegtritt. Nothwendig
also ist stetig sowohl das Vermehrende, als
auch das Vermindernde.Was aber stetig ist, hat
nichts zwischen sich. Man sieht also, daß das Bewegte
und das Bewegende als erstes und letztes im Verhältniß
zu einem Bewegten, nichts in der Mitte hat.
Drittes Capitel
Daß aber, was sich umbildet, alles sich umbildet,
durch das Empfindbare, und in demjenigen allein Umbildung
stattfindet, was als durch sich selbst von dem
Empfindbaren leidend gilt, ist aus Folgendem zu
sehen. Unter Allem möchte man am meisten annehmen,
daß in den Gestalten und Formen und Eigenschaften,
und dem Annehmen und Ablegen von diesen
Umbildung statt findet: aber in nichts davon ist es so.
Denn das was gestaltet wird, sobald es vollendet ist,
nennen wir es nicht mehr das selbst, woraus es ist;
z.B. die Bildsäule, Erz, oder die Spitzsäule, Wachs,
Aristoteles: Physik 249
oder den Stuhl, Holz: sondern mit abgeleitetenWorten,
die eine ehern, die andere wächsern, den dritten
hölzern. Von jenem aber sagen wir aus, es habe etwas
erlitten oder sei umgebildet worden. Trocken nämlich
und naß, und hart, und warm nennen wir das Erz und
das Wachs. Und nicht allein so, sondern auch das
Nasse und das Warme, sagen wir, sei Erz, und nennen
es mit gleichem Namen, wie den Zustand, so den
Stoff. Also wenn nach der Gestalt und der Form nicht
genannt wird das Gewordenen, worin ist die Gestalt;
nach den Zuständen aber und den Umbildungen genannt
wird: so ist ersichtlich, daß nicht dieses Werden
kann Umbildung sein. Ja es kann sogar sich auszudrücken
auffallend scheinen: es werde umgebildet der
Mensch, oder das Haus, oder irgend etwas, das zu
dem Gewordenen gehört. Aber entstehen zwar kann
vielleicht nichts, ohne daß etwas sich umbildet: wie
z.B. daß der Stoff sich verdichtet oder verdünnt, oder
daß er erwarmt oder erkaltet. Nicht jedoch das was
entsteht, wird umgebildet hiebei, noch ist die Entstehung
desselben Umbildung. - Aber auch nicht die Eigenschaften,
noch die Tugenden des Körpers. Von
den Eigenschaften nämlich sind die Tugenden, die andern
Fehler. Nicht aber ist weder die Tugend noch der
Fehler Umbildung: sondern die Tugend zwar ist eine
Vollendung. Denn wenn etwas seine eigenthümliche
Tugend annimmt, dann wird es vollendet genannt.
Aristoteles: Physik 250
Dann nämlich ist es am meisten seiner Natur gemäß.
Z.B. der Kreis heißt vollendet, wenn er der möglichst
beste Kreis geworden ist. Der Fehler aber ist Untergang
von diesem und Entfernung. Gleichwie wir nun
auch nicht die Vollendung des Gebäudes Umbildung
nennen; denn seltsam wäre es, wenn der Ziegel und
der Thon Umbildung sein, oder, indem es aus Ziegel
und Thon geformt wird, umgebildet und nicht vielmehr
verfertigt werden sollte das Gebäude: auf dieselbe
Weise auch bei den Tugenden und den Fehlern,
und denen, die sie haben oder annehmen. Die einen
nämlich sind Vollendungen, die anderen Entfernungen:
also nicht Umbildungen. Ferner sagen wir auch,
daß alle Tugenden bestehen in einem Verhältnisse zu
etwas. Die nämlich des Körpers, z.B. Gesundheit und
Wohlgebautheit, setzen wir in eine Mischung und Zusammenstimmung
von Warmem und Kaltem, entweder
des Inneren zu sich selbst, oder zu dem Umgebenden.
Eben so auch die Schönheit und die Stärke, und
die übrigen Tugenden und Fehler. Denn eine jede besteht
in einem Verhältnisse zu etwas, und setzt hinsichtlich
der eigenen Zustände in gute oder üble Lage
das, was sie hat. Eigene aber sind, durch welche
etwas auf natürlicheWeise zum Entstehen oder Vergehen
gebracht wird. Da nun, was in einem Verhältnisse
besteht, weder selbst Umbildung ist, noch es
davon eine Umbildung giebt, noch Entstehung, noch
Aristoteles: Physik 251
überhaupt irgend eine Veränderung: so ist ersichtlich,
daß weder die Eigenschaften, noch der Verlust und
Gewinn der Eigenschaften Umbildungen sind. Doch
entstehen vielleicht und vergehen, indem etwas Anderes
sich umbildet, müssen sie; gleichwie auch die Gestaltung
und die Form; z.B. wenn Warmes und Kaltes,
oder Trocknes und Nasses, oder worin sie zufällig
zunächst sind. Denn in Bezug auf solches gilt etwas
für Tugend oder Fehler, durch welches auf natürliche
Weise umgebildet wird das, was dieses hat. Die Tugend
nämlich macht eines Zustandes unempfänglich,
oder auf welche Art es sein soll, empfänglich; der
Fehler auf entgegengesetzte Art empfänglich und unempfänglich.
Gleichergestalt auch bei den Eigenschaften
der Seele. Auch diese nämlich bestehen alle
in einem Verhältnisse zu etwas; und die Tugenden
sind Vollendung, die Fehler aber Entfernung. Ferner
versetzt die Tugend in eine gute Lage hinsichtlich der
eigenthümlichen Zustände; der Fehler ist eine üble.
Also werden auch diese nicht Umbildungen sein; und
eben so wenig auch ihr Verlust und Gewinn. Entstehen
aber müssen sie, indem sich umbildet der sinnliche
Theil: er bildet aber sich um durch das Empfindbare.
Denn alle sittliche Tugend ist in Bezug auf körperliche
Genüsse und Schmerzen. Diese aber bestehen
entweder im gegenwärtigen Thun und Leiden, oder im
Erinnern, oder im Hoffen. Die ersteren nun liegen in
Aristoteles: Physik 252
der Sinnlichkeit, und werden also von etwas Empfindbarem
erregt; die aber in dem Gedächtniß und der
Hoffnung, rühren her von jenen. Denn entweder was
man erfahren hat, genießt man in der Erinnerung, oder
in der Hoffnung, was man erwartet. Also muß aller
solcher Genuß durch das Empfindbare entstehen. Da
aber, indem Genuß und Schmerz in etwas entsteht,
auch der Fehler und die Tugend darin entsteht (denn
in Bezug auf diese sind sie); die Genüsse aber und die
Schmerzen Umbildungen des Sinnlichen sind: so ist
ersichtlich, daß, indem etwas umgebildet wird, auch
diese müssen gewonnen oder verloren werden. So
wäre denn ihre Entstehung mit Umbildung verbunden
zwar; nicht aber diese selbst. - Allein auch nicht dem
denkenden Theile der Seele gehört die Umbildung an.
Denn das Erkennende wird vorzugweise zu dem, was
im Verhältnisse besteht, gezählt. Dieß aber ist klar.
Denn in Bezug auf kein Vermögen bewegt man sich,
um die Gabe der Erkenntniß zu empfangen, sondern
es bietet sich etwas dar. Aus der theilweisen Erfahrung
nämlich nehmen wir die allgemeine Erkenntniß.
Auch nun nicht die Thätigkeit ist Werden, wenn man
nicht auch das Anblicken und das Tasten Werden
nennen will. Denn etwas dieser Art ist die Thätigkeit.
Eben so wenig aber giebt es ein Werden des Gebrauches
und der Thätigkeit, wenn man nicht glaubt, daß
es auch von dem Anblicken und dem Tasten ein
Aristoteles: Physik 253
Werden giebt. Und das Thätigsein ist diesem gleich.
Der erste Gewinn aber der Erkenntniß ist nicht Werden,
noch Umbildung. Denn das Ruhen und Stillstehen
der Denkkraft nennen wir verstehen und erkennen.
Zu dem Ruhen aber findet kein Werden statt.
Denn überhaupt keine Veränderung hat ein solches,
wie zuvor gesagt. Und wie wenn einer aus der Trunkenheit
oder dem Schlafe, oder der Krankheit in das
Entgegengesetzte übergeht, wir dann nicht sagen, er
sei nochmals erkennend geworden; obgleich er vorher
unfähig war, der Erkenntniß sich zu bedienen: so auch
nicht, wenn er zuerst die Eigenschaft gewinnt. Denn
dadurch, daß die Seele sich feststellt durch sittliche
Tugend, wird etwas verständig und erkennend. Darum
auch können die Kinder weder lernen, noch sinnlich
unterscheiden auf gleicheWeise wie die Aelteren;
denn vielfach ist die Unruhe und die Bewegung. Sie
werden aber gestillt und beruhigt bald durch die
Natur, bald durch Andere. In beiden Fällen aber,
indem etwas sich umbildet im Körper; wie bei dem
Erwachen und der Thätigkeit, wenn einer nüchtern
wird und aufwacht. Eigentlich nun ist aus dem Gesagten,
daß das Umbilden und die Umbildung in dem
Empfindbaren geschieht, und in dem empfindenden
Theile der Seele; aber in keinem anderen, außer nebenbei.
Aristoteles: Physik 254
Viertes Capitel
Fragen könnte man, ob alle Bewegung mit aller
vergleichbar ist oder nicht. Dafern nun alle vergleichbar
ist, und gleichschnell das, was in gleicher Zeit
gleichweit sich bewegt, so wird eine krumme Linie
gleich sein einer geraden, und also größer auch und
kleiner. Eben so eine Umbildung und räumliche Bewegung
gleich, wenn in gleicher Zeit das Eine sich
umbildet, das Andere räumlich sich bewegt. Es wäre
also gleich ein Zustand einer Ausdehnung; aber dieß
ist unmöglich. Allein es sollte, wenn in gleicher Zeit
etwas gleichviel sich bewegt, dieses dann gleichschnell
sein. Gleich aber ist nicht ein Zustand einer
Ausdehnung. Also ist nicht eine Umbildung einer
räumlichen Bewegung gleich, noch kleiner. Also ist
nicht alle vergleichbar. Hinsichtlich aber des Kreises
und der geraden Linie, wie wird es sich verhalten?
Denn seltsam wäre es, wenn nicht sollte im Kreise auf
gleiche Art das Eine sich bewegen und das Andere auf
gerader Linie; sondern nothwendig dann entweder
schneller oder langsamer, wie wenn das eine bergab,
das Andere bergauf. Und es ist kein Unterschied nicht
einmal in dem Begriffe, wenn man sagen wollte, es
müßte dann schneller, oder langsamer sich bewegen.
Denn es wäre dann größer oder kleiner die krumme
Aristoteles: Physik 255
als die gerade: also auch gleich. Wenn nämlich in der
Zeit A das Eine die B durchginge, das Andere die C,
so wäre größer die B als die C. Denn dies bedeutet
das Schnellersein.Wäre es nun nicht auch schneller,
wenn in kürzerer Gleiches? So wird es denn einen
Theil von A geben, worin B den gleichen Theil des
Kreises durchgeht, wie C in der ganzen A die C. Allein
wenn sie vergleichbar sind, so folgt das vorhin
Gesagte, daß gleich die gerade Linie sei dem Kreise.
Aber sie sind nicht vergleichbar: also auch nicht die
Bewegungen. Allein was nicht bloß dem Namen nach
gleich ist, ist alles vergleichbar. Z.B. warum kann
nicht verglichen werden, ob schärfer der Stift, oder
der Wein, oder die Saite? Weil nämlich nur gleichnamig,
sind sie nicht vergleichbar. Aber die eine Saite
ist mit der andern vergleichbar, weil Dasselbe bedeutet
das Scharf in beiden. Ist nun nicht Dasselbe das
Schnell hier und dort? Viel weniger aber in Umbildung
und räumlicher Bewegung. - Oder ist erstens
zwar dieß nicht wahr, daß alles was nicht bloß dem
Namen nach gleich, vergleichbar ist? Das Viel nämlich
bedeutet Dasselbe in Wasser und Luft; und sie
sind nicht vergleichbar.Wenn aber nicht, so würde
das Doppelte das Nämliche sein. Denn es verhält
sich, wie Zwei zu Eins. Und sie sind nicht vergleichbar.
Oder verhält es sich auch hiebei eben so? Auch
das Viel nämlich ist bloß dem Namen nach gleich.
Aristoteles: Physik 256
Aber bei Einigem sind auch die Bestimmungen nur
gleichnamig: z.B. wenn man sagt, das Viel sei so viel,
und noch einmal so viel; und auch das Gleich ist nur
dem Namen nach gleich, und das Eins, wenn es sich
so trifft, auch nur gleichnamig; wenn aber dieses,
auch die Zwei. Denn warum sollte Einiges vergleichbar
sein, Anderes nicht, wenn Eine wäre die Natur?
Etwa weil sie in Verschiedenem zunächst enthalten
sind? Das Pferd also und der Hund, ließen sich vergleichen,
welches weißer sei; denn worin die Weiße
zunächst, dieses ist Dasselbe, nämlich die Fläche.
Und nach der Größe eben so. Wasser aber und Stimme
nicht. Denn hier wäre das Verglichene in Verschiedenem.
Ist nun nicht klar, daß auf dieseWeise
Alles sich zu Einem machen läßt, und sagen, jedes sei
in einem Anderen; so daß zu dem Nämlichen wird
Gleiches, und Süßes, und Weißes; aber in Verschiedenem?
- Uebrigens ist das, was aufnehmen kann,
nicht das erste beste, sondern nur Eines für Eines zunächst.
- Also vielleicht darf nicht nur das Vergleichbare
nicht bloß dem Namen gleich sein, sondern auch
keinen Unterschied haben, weder in dem Was, noch in
dem Worin. Ich meine es aber so: z.B. die Farbe hat
Eintheilungen. Darum ist sie nicht vergleichbar insofern;
z.B. welches von beiden mehr gefärbt sei (nicht
nach einer bestimmten Farbe, sondern von Farbe
überhaupt), sondern vielmehr nach der weißen Farbe.
Aristoteles: Physik 257
So war auch hinsichtlich der Bewegung gleichschnell
das in gleicher Zeit durch diese bestimmte und gleiche
Größe Bewegte. Wenn nun hievon das Eine sich umbildete,
das Andere aber räumlich bewegte, so wäre
alsdann gleich die Umbildung und gleichschnell mit
der räumlichen Bewegung. Aber dieß wäre seltsam.
Der Grund hievon aber ist, daß die Bewegung Arten
hat. Auch müßten, wenn das in gleicher Zeit durch
eine gleiche Länge Bewegte, das Gleichschnelle sein
soll, gleich sein die gerade und die Kreislinie.Was
nun ist Ursache: daß die räumliche Bewegung Gattung
ist, oder daß die Linie Gattung ist? Die Zeit
nämlich ist die nämliche stets und untheilbare der Art
nach. Oder unterscheiden sich zugleich jene der Art
nach? Auch die räumliche Bewegung nämlich hat ihre
Arten, wenn jenes sie hat, worauf die Bewegung geschieht.
Und auch, wenn das, wodurch: z.B. wenn
Füße, Gehen; wenn Flügel, Fliegen. - Oder nicht; sondern
ist nur den Gestalten nach die räumliche Bewegung
eine andere? Also wäre das in gleicher Zeit
durch die nämliche Ausdehnung Bewegte gleichschnell.
Das Nämliche aber, das nicht an Art Verschiedene;
und auch die Bewegung dürfte nicht an Art
verschieden sein. Also ist dieß zu betrachten, worin
der Unterschied der Bewegung besteht. Und es zeigt
diese Betrachtung, daß die Gattung nicht ein Einiges
ist, sondern neben diesem vieles sich verbirgt. Es
Aristoteles: Physik 258
giebt aber unter dem Gleichnamigen einiges, was weit
von einander absteht, anderes, was eine gewisse
Gleichheit hat, anderes, was sich nahe ist, entweder
an Gattung, oder durch Entsprechen. Darum scheint
es auch nicht bloß dem Namen nach gleich zu sein,
obgleich es dieß ist. Wann nun ist eine andere die
Gattung? Wenn Dasselbe in einem Anderen; oder
wann ein Anderes in einem Anderen ist? Und was
giebt es für eine Bestimmung, oder woran unterscheiden
wir, daß das Nämliche das Weiße ist und das
Süße, oder ein Anderes? Hinsichtlich der Umbildung
nun: wie wird die eine gleich schnell sein mit der anderen?
Wenn z.B. das Genesen Veränderung ist; es
aber sich denken läßt, daß der Eine schnell, der Andere
langsam geheilt werde, und Mehre zugleich. - So
gäbe es denn eine gleichschnelle Umbildung. Denn in
gleicher Zeit war die Umbildung geschehen. Allein
was ward umgebildet? Denn das Gleiche, wird man
hier nicht sagen, sondern wie bei der Größe Gleichheit,
so hier Aehnlichkeit. Aber es sei das Nämliche,
was in gleicher Zeit übergeht, gleichschnell. Muß
man nun das, worin der Zustand, oder den Zustand
vergleichen? Hier nun wohl kann man setzen, daß die
Gesundheit die nämliche sei, oder daß sie weder mehr
noch weniger, sondern auf gleicheWeise vorhanden
ist. Wenn aber der Zustand ein anderer ist, wie z.B.
bei der Umbildung dessen, was weiß wird, und
Aristoteles: Physik 259
dessen, was gesund wird: so ist für diese nichts das
Nämliche, noch Gleiches, noch Aehnliches; wiefern
dieß schon Arten der Umbildung ausmacht, und nicht
Eine ist; wie auch nicht die räumliche Bewegung.
Also muß man setzen, wie viel Arten der Umbildung
es giebt, und wie viele der Raumbewegung.Wenn
nun das, was sich bewegt, an Art verschieden ist; was
nämlich an und für sich die Bewegung hat, und nicht
nebenbei: so werden auch die Bewegungen der Art
nach verschieden sein. Wenn aber an Gattung, der
Gattung nach. Wenn aber an Zahl, der Zahl nach. -
Allein muß man auf den Zustand sehen, ob der nämliche
oder ein ähnlicher sei, wenn gleichschnell sein
sollten die Umbildungen; oder auf das sich Umbildende:
z.B. ob von dem Einen so viel weiß geworden
ist, von dem Andern so viel? Oder auf beides: und ist
sie die nämliche vielleicht oder eine andere dem Zustande
nach, wenn er derselbe oder ein anderer; gleiche
oder ungleiche, wenn jener gleich oder ungleich?
Und in Bezug auf Entstehung nun und Untergang ist
dasselbe zu untersuchen, ob gleichschnell die Entstehung,
wenn in gleicher Zeit das Nämliche und Untheilbare,
z.B. Mensch, aber nicht Thier. Schneller
aber, wenn in gleicher ein Verschiedenes. Denn nicht
haben wir zwei Dinge, in denen die Verschiedenheit
wäre, wie die Ungleichheit. Und wenn Zahl ist das
Wesen, so wird größere oder kleinere Zahl gleichartig
Aristoteles: Physik 260
sein. Aber keinen Namen hat das Gemeinschaftliche,
und beide Seiten: dergestalt, wie das Mehr in dem Zustande
oder das Ueberwiegende mehr, in der Größe
aber größer heißt.
Fünftes Capitel
Da das Bewegende stets etwas bewegt, und in
etwas, und bis zu etwas (ich verstehe aber unter dem
in etwas, in einer Zeit; unter dem bis zu etwas aber,
durch eine bestimmte Ausdehnung. Denn stets bewegt
es zugleich und hat bewegt; so daß stets durch eine
bestimmte Ausdehnung die Bewegung geschehen
mußte, und in einer bestimmten): wenn nun A das Bewegende
ist; B, was bewegt wird; die Ausdehnung
durch die es sich bewegte, C; die Zeit endlich worin,
D: so wird unstreitig in der gleichen Zeit die gleiche
Kraft A die Hälfte des B durch das Doppelte der C bewegen.
Durch die C aber in der Hälfte der D. Denn so
wird ein entsprechendes Verhältniß sein. Und wenn
dieselbe Kraft das Nämliche in dieser bestimmten Zeit
so und so weit bewegt, und halb so weit in der halben,
so wird auch die halbe Kraft das Halbe bewegen,
in der gleichen Zeit gleichweit. Z.B. von der Kraft A
sei halbe die E, und von dem B das F halbes: so müssen
sie auf gleicheWeise sich verhalten und
Aristoteles: Physik 261
entsprechend; die Kraft zu dem Gewicht: so daß sie
gleich weit in gleichcher Zeit bewegt werden. - Und
wenn E das F bewegt in der D durch die C, so braucht
nicht in der gleichen Zeit das E das Doppelte des F zu
bewegen durch die Hälfte der C. Wenn also A das B
bewegt in der D die Weite C: so wird darum nicht die
Hälfte des A, oder E das B bewegen in der Zeit D,
noch in einem Theile der D durch einen Theil der C
oder einen, der sich verhält zu der ganzen C, wie H zu
E. Denn überhaupt wenn es sich so trifft, so wird es
gar nicht bewegen. Denn wenn auch die ganze Kraft
so weit bewegte, so wird darum nicht die halbe bewegen,
weder irgend eine bestimmteWeite, noch in irgend
einer bestimmten Zeit. Denn sonst müßte Einer
bewegen können das Schiff, wenn die Kraft der
Schiffzieher getheilt wird in die Zahl und in die
Länge, die hindurch Alle es bewegten. Darum ist der
Satz des Zenon nicht wahr, daß ein Geräusch erfolgt
durch jeden Theil des Hirsenkorns. Denn nichts hindert,
daß es nicht bewegt diejenige Luft in keiner Zeit,
welche durch seinen Fall bewegte der ganze Scheffel:
noch auch ein solches Theilchen, welches es von der
ganzen bewegen würde, wenn dieses für sich wäre,
bewegt es. Denn es ist gar nichts, als nur in dem Ganzen
der Möglichkeit nach. Sind aber zwei gesetzt, und
bewegt jedes von beiden ein Bestimmtes so weit in so
vieler Zeit: so werden auch zusammengesetzt die
Aristoteles: Physik 262
Kräfte das aus dem Gewichte Zusammengesetzte
durch die gleiche Länge bewegen und in gleicher Zeit.
Denn es ist ein entsprechendes Verhältniß. - Ist es
nun so auch mit der Umbildung und mit der Vermehrung?
Es ist nämlich etwas, das vermehrt, und etwas,
das vermehrt wird; und in bestimmter Zeit, und um so
und so viel vermehrt das Eine, und wird vermehrt das
Andere. Und was umbildet und umgebildet wird, eben
so; und um etwas und um eine bestimmte Größe nach
dem Mehr und dem Minder geschieht die Umbildung.
Und in bestimmter Zeit, in verdoppelter um das Doppelte
und um das Doppelte in doppelter; und das
Halbe in halber Zeit, oder in halber um Halbes, oder
in gleicher um Doppeltes.Wenn aber das Umbildende
oder Vermehrende um so viel in so vieler Zeit vermehrt
oder umbildet, so braucht darum nicht auch das
Halbe in halber Zeit, oder in halber Zeit um Halbes.
Sondern um gar nichts, wenn es sich trifft, bei Umbildung
oder Vermehrung, wie auch bei dem Gewicht.
Aristoteles: Physik 263
Achtes Buch
Erstes Capitel
Ist einst geworden die Bewegung, da sie zuvor
nicht war, und geht sie wiederum unter, so daß sich
nichts bewegt: oder ward sie weder, noch geht sie
unter, sondern war stets und wird stets sein; und
kommt dieß unsterblich und unaufhörlich allem was
ist, zu; wie ein Leben inwohnend allem, was von
Natur besteht? Daß es nun Bewegung gebe, sagen
Alle, die über Natur etwas sprechen; indem sie eine
Welt erbauen, und über Werden und Vergehen alle
ihre Betrachtung ist: welches nicht statt finden kann,
wenn es keine Bewegung giebt. Aber welche sagen,
daß es unbegrenzt vieleWelten giebt, und daß sie
einen werden, die andern vergehen von diesen Welten:
diese sagen, daß es stets Bewegung gebe. Denn
nothwendig muß die Entstehung und der Untergang
derselben mit Bewegung verbunden sein. Welche aber
Einen und immer, oder Einen und nicht immer: diese
setzen auch von der Bewegung Entsprechendes voraus.
- Wenn es nun möglich ist, daß nichts sich bewege,
so müßte dieß auf doppelteWeise sich begeben:
entweder, wie Anaxagoras spricht: es sagt nämlich
jener, daß, indem Alles zusammen war und ruhte in
Aristoteles: Physik 264
der unbegrenzten Zeit, habe Bewegung darin hervorgebracht
der Gedanke, und es geschieden; oder wie
Empedokles, daß theilweise Bewegung statt finde,
theilweise Ruhe; Bewegung, wenn die Freundschaft
aus Vielem das Eine hervorbringe, oder die Feindschaft
Vieles aus Einem; Ruhe aber in den Zeiten dazwischen.
Er sagt so:
Wenn durch Macht der Natur aus Mehreren Eines,
Und wenn wieder durch Trennung des Eins die
Mehreren werden,
Dann entstehen die Dinge; nicht haben sie ewige
Dauer.
Aber wiefern stets wiederkehrt unablässiger Wechsel,
Sofern sind unbeweglich sie stets, in Gestalt eines
Kreises.
Denn das: unablässiger Wechsel, ist von der Veränderung
der Richtung zu verstehen. - Es ist also hierüber
zu untersuchen, wie es sich verhält. Denn es ist von
Wichtigkeit, nicht nur für die Betrachtung über die
Natur, die Wahrheit zu sehen, sondern auch für die
Untersuchung über den ersten Anfang. Beginnen wir
zuvörderst mit dem, was wir früher in den Büchern
von der Naturwissenschaft ausgemacht haben. Wir
sagen nun: die Bewegung sei die Wirksamkeit des
Beweglichen, wiefern es beweglich. Es müssen also
Aristoteles: Physik 265
vorhanden sein die Dinge, welche bewegt werden
können in Bezug auf eine jede Bewegung. Auch abgesehen
aber von dieser Erklärung der Bewegung würde
jedermann als nothwendig zugeben, daß sich bewege
das, was fähig ist sich zu bewegen, in Bezug auf jede
Bewegung; z.B. sich umbilde das Umbildsame; den
Ort verändere das räumlich Bewegliche. So daß etwas
eher brennbar sein muß als brennen, und eher des
Zündens fähig als zündend. Müssen nun nicht auch
diese Eigenschaften entweder entstehen, da sie früher
nicht waren, oder ewig sein? Wenn nun also einst
ward jedes der beweglichen und zum Bewegen fähigen
Dinge, so muß vor der angenommenen eine andere
Bewegung und Veränderung geschehen sein, nach
welchen es fähig ward, zu bewegen oder sich zu bewegen.
Wenn sie aber als seiende stets vor dem Dasein
der Bewegung vorhanden waren, so ergiebt sich
auch hieraus etwas Widersinniges für den Betrachter.
Allein noch mehr muß dieß , wenn man noch weiter
fortgeht, begegnen.Wenn nämlich Einiges beweglich
ist, Anderes zum Bewegen geschickt, und bald etwas
zuerst Bewegendes ist, das andere aber Bewegtes,
bald aber nichts, sondern es ruht: so muß dieses zuvor
sich verändert haben. Denn es war eine Ursache der
Ruhe. Die Ruhe nämlich ist Verneinung der Bewegung.
So daß also vor der ersten Veränderung es eine
frühere Veränderung geben wird. Einiges nämlich
Aristoteles: Physik 266
bewegt nur auf einerlei Art; Anderes aber nach den
entgegengesetzten Bewegungen. Z.B. das Feuer
wärmt, kältet aber nicht. Die Erkenntniß hingegen
scheint von den Gegensätzen nur Eine zu sein. Es
scheint nun wohl auch dort etwas statt zu finden von
ähnlicher Art. Das Kalte nämlich wärmt, indem es
sich abwendet und entfernt, gleichwie auch freiwillig
irrt der Wissende, wenn er einen verkehrten Gebrauch
macht von seiner Einsicht. Aber nun, was fähig ist zu
thun und zu leiden, und zu bewegen oder bewegt zu
werden, ist nicht überhaupt fähig, sondern wenn es
auf gewisseWeise sich verhält und sich einander nähert.
Also wenn sie sich nähern, so bewegt das eine,
und das andere wird bewegt; und wenn dieß vorhanden
ist, daß das eine zur Bewegung geschickt, das andere
aber beweglich ist. Wenn sie also nicht stets sich
bewegten, so erhellt, daß sie sich nicht so verhielten,
als fähig, das eine zu bewegen, das andere bewegt zu
werden; sondern es müßte eine Veränderung statt finden
mit dem einen davon. Es muß nämlich mit dem,
was in einem Verhältniße besteht, sich dieses zutragen;
z.B. wenn etwas erst ein Doppeltes war, und nun
nicht ein Doppeltes ist, so muß es sich verändert
haben; oder wenn nicht beides, doch eines von beiden.
Es wird also eine Veränderung geben, die eher
ist als die erste. - Ueberdieß aber wie soll ein Früher
und Später statt finden, wenn es keine Zeit giebt, oder
Aristoteles: Physik 267
die Zeit, wenn es keine Bewegung giebt? Wenn aber
die Zeit ist Zahl von Bewegung oder eine gewisse Bewegung,
und stets Zeit ist, so muß auch stets Bewegung
sein. Allein über die Zeit zeigt es sich, daß
außer Einem, Alle sich einstimmig verhalten. Daß sie
nämlich ohne Anfang sei, sagen sie. Und hiedurch
zeigt Demokrit, daß nicht kann Alles entstanden sein.
Denn die Zeit sei ohne Anfang. Platon allein aber läßt
sie entstehen. Zugleich nämlich mit dem Himmel sei
sie entstanden; der Himmel aber sei entstanden, sagt
er. Wenn es nun unmöglich ist, daß da sei, und daß
gedacht werde eine Zeit ohne das Jetzt; das Jetzt aber
eine Mitte ist und was Anfang und Ende zusammen
hat, aber Anfang zwar der zukünftigen Zeit, Ende
aber der vergangenen: so folgt die Nothwendigkeit,
daß die Zeit immer sei. Denn das Aeußerste der als
letzte angenommenen Zeit wird in einem der Jetzt
sein. Denn nichts läßt sich setzen in der Zeit außer
dem Jetzt. Also weil Anfang und Ende ist das Jetzt,
so muß nach beiden seiner Seiten hin stets Zeit sein. -
Aber wenn Zeit, so ist ersichtlich, daß auch Bewegung
sein muß, dafern die Zeit ein Zustand der Bewegung
ist. Dasselbe gilt auch von dem Unvergänglichsein
der Bewegung. Gleichwie bei dem Entstehen der
Bewegung es sich ergab, daß eine frühere Veränderung
war als die erste, so hier eine spätere als die letzte.
Denn nicht zugleich wird etwas aufhören, bewegt
Aristoteles: Physik 268
und beweglich zu sein, oder brennend oder brennbar
(denn es kann etwas brennbar sein, ohne zu brennen),
noch zum Bewegen geschickt und bewegend. Und das
Vergängliche wird untergegangen sein müssen, wenn
es untergeht; und das, was dessen Untergang bewirken
kann, wiederum nachher. Denn auch der Untergang
ist eine Veränderung.Wenn nun alles dieß unmöglich
ist, so erhellt, daß Bewegung ewig ist, und
nicht bald war, bald aber nicht. Und es scheint auch,
so zu sprechen, mehr eine Erfindung zu sein. Eben so
auch, zu sagen, daß es natürlicherWeise so ist, und
dieß für den Anfang gehalten werden muß: was Empedokles
etwa zu sagen scheint, daß das theilweise
Bezwingen und Bewegen als die Freundschaft und die
Feindschaft in den Dingen aus Nothwendigkeit vorhanden
ist; Ruhe aber in der Zeit dazwischen statt
finde. Vielleicht möchten auch diejenigen, die Einen
Anfang annehmen, wie auch Anaxagoras, so sprechen.
Allein nichts ist ungeordnet von dem, was von
Natur oder naturgemäß ist. Denn die Natur ist Allem
Ursache der Ordnung. Das Unbegrenzte nun steht zu
dem Unbegrenzten in keinem Verhältniß. Alle Ordnung
aber ist ein Verhältniß. Unbegrenzte Zeit aber
hindurch zu ruhen, dann einmal sich zu bewegen,
ohne daß ein Unterschied vorhanden ist, warum jetzt
mehr als vorher, noch wiederum irgend eine Ordnung
haben, ist nicht mehr der Natur Werk. Denn entweder
Aristoteles: Physik 269
einfach verhalten muß sich das was von Natur ist, und
nicht bald so, bald anders; wie z.B. das Feuer nach
oben von Natur sich bewegt, und nicht das einemal
zwar, anderemal aber nicht; oder in einem Verhältniße
stehen, sofern es nicht einfach ist. Darum ist es
besser, wie Empedokles und wenn sonst ein Anderer
sagt, daß es so sich verhalte, daß theilweise das
Ganze ruhe, und wiederum sich bewege. Denn eine
gewisse Ordnung schon hat so etwas. Aber auch dieß
muß, wer es sagt, nicht bloß aussprechen, sondern
auch den Grund davon angeben, und nichts setzen
noch behaupten als grundlosen Satz, sondern entweder
durch Beispiele oder durch Schlüsse es beweisen.
Denn das selbst ist nicht der Grund, was angenommen
wird; noch war dieß das Sein der Freundschaft
oder der Feindschaft: sondern von der einen das Zusammenführen,
von der andern das Scheiden.Wenn
aber in der Bestimmung hinzugesetzt wird das Theilweise,
so ist zu sagen, wobei es sich so verhält, z.B.
daß etwas ist, was die Menschen zusammenführt, die
Freundschaft, und daß einander die Feinde fliehen.
Hievon nämlich wird angenommen, daß es auch in
dem Ganzen so sei; denn es zeigt sich bei Einigem so.
Auch das: zu gleicher Zeit aber, bedarf gleichfalls der
Angabe eines Verhältnisses. Ueberhaupt nun für
einen hinreichenden Anfang es zu halten, daß es stets
so ist oder geschieht, ist keine sich richtig verhaltende
Aristoteles: Physik 270
Annahme; worauf Demokrit zurückführt die die Natur
betreffenden Ursachen, daß es auch sonst geschah.
Von dem Stets aber hält er es nicht für nöthig, einen
Anfang aufzusuchen. So spricht er denn über Einiges
richtig; sieht man aber auf das Ganze, nicht richtig.
Denn auch das Dreieck hat zwei Rechten stets seine
Winkel gleich; aber dennoch giebt es von dieser
Ewigkeit einen andern Grund. Von den Anfängen jedoch
giebt es keinen andern Grund, die gleichfalls
ewig sind. Daß nun keine Zeit war, noch sein wird, da
es keine Bewegung gab oder geben wird: darüber mag
so viel gesagt sein.
Zweites Capitel
Was aber diesem entgegensteht, ist nicht schwer zu
widerlegen. Es könnte scheinen, wenn man es etwa
auf folgendeWeise betrachtet, daß die Bewegung als
nicht seiend sich denken ließe. Zuerst nun, weil keine
Veränderung eine ewig dauernde ist. Denn jede Veränderung
ist natürlicherWeise von etwas zu etwas.
So daß also jeder Veränderung Grenze die Gegensätze
sein müssen, innerhalb deren sie geschieht; in
das Unbegrenzte aber nichts sich bewegt. Ferner
sehen wir, daß fähig ist sich zu bewegen, was weder
sich bewegt, noch in sich irgend eine Bewegung hat;
Aristoteles: Physik 271
z.B. bei dem Unbeseelten, wovon weder ein Theil,
noch das Ganze sich bewegt, dieses bewegt sich doch
einmal. Es mußte aber entweder stets sich bewegen
oder nie, wenn sie nicht werden kann, ohne zu sein.
Bei weitem am meisten aber ist dergleichen an dem
Beseelten ersichtlich. Denn öfters, indem keine Bewegung
in uns ist, sondern wir ruhen, bewegen wir uns
auf einmal; und es entsteht in und aus uns selbst ein
Anfang der Bewegung öfters, auch ohne daß etwas
von außen bewegte. Dieß nämlich sehen wir bei dem
Unbeseelten nicht auf gleicheWeise, sondern stets
bewegt dasselbe etwas Anderes von außen. Das Thier
aber, sagen wir, bewege sich selbst. Also wenn es zu
Zeiten gänzlich ruht, so müßte in Unbewegtem entstehen
von selbst, und nicht von außen. Wenn aber in
dem Thiere dieß geschehen kann, was hindert, daß
dasselbe sich begebe auch hinsichtlich des Ganzen?
Denn wenn etwas in der kleinen Welt geschieht, so
auch in der großen, und wenn in der Welt, so auch in
dem Unbegrenzten, dafern fähig ist sich zu bewegen
das Unbegrenzte und zu ruhen als Ganzes. - Hievon
nun wird das zuerst Gesagte, daß nicht eine stets und
dieselbe der Zahl nach sei die Bewegung nach den
Gegensätzen hin, mit Recht gesagt. Denn dieß vielleicht
ist nothwendig, wenn nicht stets eine und dieselbe
der Zahl nach sein kann, die Bewegung des
Einen und selben. Ich meine es aber so: z.B. hat die
Aristoteles: Physik 272
Eine Saite einen und denselben Ton, oder stets einen
andern, indem sie sich gleich verhält und bewegt? Allein
wie es auch sich verhalte, so hindert nichts, daß
eine Bewegung eine und dieselbe sei, indem sie eine
stetige ist und unvergängliche. Klarer aber noch wird
dieß werden aus dem Nachfolgenden. - Daß nun
etwas sich bewege ohne daß es sich bewegte, ist
nichts Auffallendes, wenn bald da ist dasjenige, das
von außen bewegt, bald nicht. Wie aber dieß so sein
könnte, ist aufzusuchen: ich meine, daß das Nämliche
von dem Nämlichen das zum Bewegen geschickt ist,
bald bewegt wird, bald aber nicht. Denn nichts anderes
fragt der, welcher so spricht, als warum nicht stets
ein Theil der Dinge ruht, der andere sich bewegt. -
Am meisten aber könnte scheinen das Dritte eine
Schwierigkeit zu enthalten: wie eine Bewegung hineinkommen
kann, die früher nicht darin war: was sich
begiebt mit dem Beseelten. Da nämlich es zuvor
ruhte, so geht es hierauf, ohne daß etwas von außen es
bewegt hätte, wie es scheint. Dieß aber ist falsch.
Denn wir sehen stets etwas sich bewegen in dem
Thiere von dem Zusammengewachsenen. Von der Bewegung
von diesem aber ist nicht das Thier selbst Ursache,
sondern das Umgebende vielleicht. Daß es aber
sich selbst bewege, sagen wir nicht in Bezug auf jede
Bewegung, sondern allein auf die räumliche. Nichts
nun hindert, vielmehr ist es vielleicht nothwendig,
Aristoteles: Physik 273
daß in dem Körper viele Bewegungen entstehen durch
das Umgebende; und daß einige von diesen das Denkoder
das Begehrvermögen bewegen; daß aber diese
nunmehr das ganze Thier in Bewegung setzen: dergleichen
geschieht in Bezug auf den Schlaf. Indem
nämlich keine empfindende Bewegung vorhanden ist,
und dennoch eine gewisse vorhanden ist, erwachen
die Thiere wiederum. Allein auch über dieses wird
Licht sich verbreiten aus dem was folgt.
Drittes Capitel
Anfang der Untersuchung sei uns das, was auch
den angegebenen Zweifel betrifft, warum doch einige
Dinge bald sich bewegen, bald wiederum ruhen. Es
muß also entweder Alles stets ruhen, oder Alles stets
sich bewegen, oder Einiges sich bewegen, Anderes
ruhen. Und weiter, entweder, was sich bewegt, stets
sich bewegen, was aber ruht, ruhen; oder Alles von
Natur bestimmt sein, eben sowohl sich zu bewegen
als zu ruhen; oder was noch übrig ist als Drittes. Es
läßt nämlich sich denken, daß einige von den Dingen
stets unbeweglich sind, andere stets bewegt, noch andere
an beidem Theil haben: was denn wir zu sagen
haben. Dieß nämlich enthält die Lösung aller Zweifel,
und ist uns Endziel dieser Abhandlung. Daß nun
Aristoteles: Physik 274
Alles ruhe, und hierfür ein Grund gesucht wird mit
Beiseitesetzung der Sinne, ist eine Schwäche des Gedankens.
Und von einem Ganzen, aber nicht von
einem Theile handelt es sich. Und nicht bloß den Naturforscher
geht es an, sondern alle Wissenschaften,
so zu sagen, und alle Meinungen, weil alle die Bewegungen
brauchen. Uebrigens die Einwendung über die
Anfänge, wie sie in den mathematischen Erörterungen
den Mathematiker nichts angehen, und auf gleiche
Weise auch bei dem Uebrigen: so gehen auch bei
dem, was jetzt besprochen worden ist, sie den Naturforscher
nichts an. Denn Voraussetzung ist, daß die
Natur Ursprung der Bewegung sei. Ungefähr auch ist,
zu sagen, daß Alles sich bewege, Unwahrheit zwar;
weniger indessen dieses wider den Gang der Untersuchung.
Es ward nämlich zwar die Natur gesetzt in den
naturwissenschaftlichen Untersuchungen als Ursprung
wie von Bewegung, so von Ruhe: doch scheint mehr
noch ein Natürliches die Bewegung. Und es sagen Einige,
es bewegen sich von den Dingen nicht einige,
andere aber nicht, sondern alle, und stets; aber es bleibe
dieß unsern Sinnen verborgen. Diesen, obgleich sie
nicht bestimmen, welche Bewegung sie meinen, oder
ob alle, ist nicht schwer zu begegnen. Denn weder
wachsen noch abnehmen kann etwas fortwährend,
sondern es giebt auch ein Mittleres. Es ist aber gleich
diese Rede jener von dem Zerspülen der Steine durch
Aristoteles: Physik 275
das Tröpfeln, und ihrem Zerreißen durch das Herauswachsende.
Denn nicht, wenn so viel abstieß oder
wegnahm das Tröpfeln, hat es auch die Hälfte in der
halben Zeit vorher. Sondern gleichwie das Schiffziehen,
so bewegen auch die Tropfen in bestimmter Zeit
so viel, der Theil von ihnen aber in keiner Zeit so viel.
Es läßt nun zwar sich zertheilen das Weggenommene
in Mehres, aber kein Theil davon ward besonders bewegt,
sondern zugleich. Man sieht also, daß es nicht
nöthig ist, daß stets etwas weggehe, weil vertheilt
wird die Abnahme ins Unbegrenzte; sondern daß das
Ganze mit einem male weggehe. Gleichergestalt auch
bei jedweder Art von Umbildung. Nicht nämlich,
wenn theilbar ins Unbegrenzte das was umgebildet
wird, ist es darum auch die Umbildung; sondern zusammen
mit einem male geschieht sie oft, wie die Gefrierung.
Ferner, wenn einer krank ist, so muß eine
Zeit verfließen, darin er gesund wird, und nicht in der
Grenze der Zeit der Uebergang geschehen. Es muß
der Uebergang in die Gesundheit geschehen, und in
nichts Anderes. Also ist, zu sagen, daß stets Umbildung
geschehe, gar sehr gegen das Handgreifliche
streiten. Denn in das Gegentheil geht die Umbildung.
Und der Stein wird weder härter noch weicher. - Und
was die räumliche Bewegung betrifft, so wäre es verwunderlich,
wenn von dem Steine es verborgen bleiben
sollte, daß er nach unten sich bewegt, oder daß er
Aristoteles: Physik 276
auf der Erde bleibt. Uebrigens bleibt die Erde und
jedes Andere aus Nothwendigkeit an seinem eigenthümlichen
Orte, bewegt aber wird es durch Gewalt
von diesem weg. Wenn nun Einiges an seinem eigenthümlichen
Orte ist, so kann nothwendig auch nicht
dem Raume nach, Alles sich bewegen. Daß es nun
nicht möglich ist, entweder daß stets Alles sich bewege,
oder daß stets Alles ruhe, kann man nach diesem
und anderem dergleichen annehmen. - Allein auch
nicht, daß ein Theil stets ruhe, läßt sich denken, der
andere stets sich bewege; nichts aber bald ruhe und
bald sich bewege. Es ist nun zu sagen, daß es unmöglich
ist, wie bei dem zuvor Besprochenen, so auch bei
diesem. Denn wir sehen bei den nämlichen Dingen die
angegebenen Veränderungen geschehen. Hiezu
kommt, daß gegen das, was offenbar ist, derjenige
kämpft, der die entgegengesetzteMeinung hat. Denn
weder Wachstum, noch gewaltsame Bewegung wird
es geben, wenn nicht sich bewegen soll gegen seine
Natur das, was zuvor ruhte. Entstehung also und Untergang
hebt diese Rede auf. Fast aber scheint auch
das sich Bewegen, Allen eine Art von Werden und
Vergehen. Denn worein etwas sich verändert, das
wird es, oder in diesem; woraus es aber sich verändert,
als dieses, oder von diesem aus vergeht es. Also
erhellet, daß Einiges sich bewegt, Anderes ruht bisweilen.
- Die Behauptung aber, daß Alles bald ruhe,
Aristoteles: Physik 277
bald sich bewege, diese ist jetzt anzuknüpfen an die
vorigen Reden. Der Anfang aber ist wiederum zu machen
von dem jetzt Bestimmten, derselbe mit dem wir
vorhin begannen. Entweder also Alles ruht, oder Alles
bewegt sich; oder einige von den Dingen ruhen, andere
bewegen sich. Und wenn einige von den Dingen
ruhen, andere sich bewegen, so müssen entweder alle
bald ruhen, bald sich bewegen, oder einige davon
stets ruhen, andere stets sich bewegen, noch andere
bald ruhen, bald sich bewegen. Daß es nun also nicht
möglich ist, daß alle ruhen, ist auch zuvor gesagt
worden; wir wollen es aber auch jetzt sagen. Wenn
nämlich in Wahrheit es sich so verhält, wie Einige
sagen, daß das Seiende unbegrenzt und unbeweglich
ist: so erscheint es doch nicht nach den Sinnen; sondern
vieles bewegt sich von dem was ist. Wenn es
also eine falsche Meinung giebt, oder überhaupt eine
Meinung, so giebt es auch eine Bewegung, und auch
wenn eine Einbildung, und wenn etwas bald so zu
sein scheint, bald anders. Denn die Einbildung und
die Meinung scheinen eine Art von Bewegung zu
sein. Allein über diese Dinge Untersuchungen anzustellen,
und Gründe aufzusuchen, in Bezug auf die wir
besser daran sind, als Gründe zu bedürfen, heißt
schlecht unterscheiden das Bessere und das Schlechtere,
und das Glaubliche und Nichtglaubliche, und
Anfang und Nichtanfang. Eben so ist unmöglich auch,
Aristoteles: Physik 278
daß Alles sich bewege; oder daß Einiges stets sich bewege,
Anderes stets ruhe. Gegen alles dieses nämlich
reicht hin Ein Zugeständniß.Wir sehen nämlich einige
Dinge bald sich bewegen, bald ruhen. Also sieht
man, daß unmöglich ist, auf gleicheWeise, daß Alles
ruhe, und daß Alles sich bewege fortdauernd, wie daß
Einiges stets sich bewege, Anderes stets ruhe. Uebrig
ist nun, zu betrachten, ob Alles ein solches ist, wie
sich zu bewegen und zu ruhen, oder ob Einiges zwar
so, Einiges aber stets ruht, Einiges stets sich bewegt.
Dieß nämlich haben wir zu zeigen.
Viertes Capitel
Von dem was bewegt und bewegt wird, bewegt und
wird bewegt Einiges nebenbei, Anderes an und für
sich. Nebenbei, z.B. was an demjenigen ist, welches
bewegt oder bewegt wird, und das was theilweise. An
und für sich aber, was nicht dadurch, daß es an dem
Bewegenden oder Bewegten ist, noch daß ein Theil
von ihm bewegt oder bewegt wird. Von dem aber,
was an und für sich, Einiges von sich selbst, Anderes
von einem Anderen; und Einiges von Natur, Anderes
durch Gewalt und wider die Natur. Was nämlich von
sich selbst bewegt wird, bewegt sich von Natur; z.B.
das Thier. Denn es bewegt sich das Thier von selbst.
Aristoteles: Physik 279
Was aber den Ursprung der Bewegung in sich hat,
von diesem sagen wir, es bewege sich von Natur.
Darum bewegt das ganze Thier zwar von Natur sich
selbst. Der Körper jedoch kann sowohl von Natur als
wider die Natur bewegt werden. Wider die Natur:
z.B. das Irdische nach oben, und das Feuer nach
unten. Ferner die Theile der Thiere werden oftmals
wider die Natur bewegt: wider ihre Lage und wider
ihre Arten der Bewegung. Und am meisten ist, daß
von etwas bewegt wird das sich Bewegende, in demjenigen
was wider die Natur bewegt wird, ersichtlich;
weil es erhellt, wie von einem Anderen es bewegt
wird. Nach jenem aber, was wider die Natur, unter
dem was der Natur gemäß, dasjenige, was von sich
selbst, z.B. die Thiere. Denn nicht dieß ist undeutlich,
ob sie von etwas bewegt werden, sondern wie man zu
unterscheiden hat das Bewegende und das Bewegte.
Denn es scheint, wie in den Schiffen und dem nicht
von Natur Zusammenbestehenden, so auch in den
Thieren geschieden zu sein das Bewegende und das
Bewegte, und so das Ganze sich selbst zu bewegen. -
Am meisten aber ist man zweifelhaft über das Uebrige
der angegebenen letzten Eintheilung. Von dem
nämlich, was von einem Andern bewegt wird, setzen
wir, daß Einiges wider die Natur bewegt werde; das
Andere aber ist noch übrig entgegenzusetzen, nämlich
von Natur. Denn dieß ist es, was die Zweifel erregen
Aristoteles: Physik 280
konnte, ob es von etwas bewegt wird; z.B. das Leichte
und das Schwere. Dieß nämlich wird nach den entgegengesetzten
Orten durch Gewalt bewegt; nach den
eigenen aber, das Leichte aufwärts, das Schwere abwärts,
von Natur. Wodurch aber, ist nicht mehr offenbar;
wie wann es bewegt wird wider die Natur. Zu
sagen nämlich, daß es von sich selbst, ist unmöglich.
Denn etwas dem Leben Angehöriges ist dieß und dem
Beseelten Eigenthümliches. Und auch stellen müßte
es sich selbst können; z.B. wenn etwas sich selbst Ursache
des Gehens ist, so auch des Nichtgehens. Also
wenn es bei dem Feuer selbst stehen sollte, sich nach
oben zu bewegen, so offenbar auch bei ihm, nach
unten. Unbegründet auch wäre es, daß die Dinge nur
in Bezug auf Eine Bewegung sich von selbst bewegten,
wenn sie sich selbst bewegten. Ferner, wie kann
etwas Stetiges und Zusammengewachsenes sich selber
bewegen? Denn wiefern es einig und stetig nicht
durch Berührung, ist es nicht eines Leidens empfänglich:
sondern wiefern es getrennt ist, sofern kann ein
Theil thun, der andere leiden. Nicht also bewegt von
diesen Dingen etwas sich selbst: denn sie sind zusammengewachsen.
Noch sonst etwas Stetiges: sondern es
muß geschieden sein das Bewegende in jedem, gegen
das Bewegte, wie wir bei dem Unbeseelten sehen,
wenn etwas Beseeltes es bewegt. Aber es ergiebt sich,
daß auch dieses stets von etwas bewegt wird. Dieß
Aristoteles: Physik 281
würde deutlich werden, wenn wir die Ursachen mittheilen
wollten. - Man kann aber auch bei dem Bewegenden
die angegebenen Gattungen annehmen. Einiges
nämlich davon ist zum Bewegen geschickt wider
die Natur, z.B. der Hebel ist nicht von Natur von dem
Gewichte das Bewegende. Anderes von Natur; z.B.
das der Wirklichkeit nach Warme ist erregend für das
der Möglichkeit nach Warme. Eben so auch bei dem
anderen dergleichen. Und beweglich ist auf gleiche
Weise von Natur, was der Möglichkeit nach irgend
eine Beschaffenheit oder Größe hat, oder irgendwo
ist, wenn es den Anfang zu so etwas in sich hat, und
nicht nebenbei. Denn es kann wohl das Nämliche
auch eine Größe haben und Beschaffenheit, aber so,
daß sie als Anderes einem Anderen anhängt, und nicht
an und für sich vorhanden ist. Das Feuer nun und die
Erde werden bewegt von etwas: durch Gewalt, wenn
wider die Natur; von Natur aber, wenn nach ihren
Wirksamkeiten hin als der Möglichkeit nach seiende.
Da aber das der Möglichkeit nach mehrerlei bedeutet,
so ist dieß Grund, daß es nicht offenbar ist, von was
dergleichen bewegt wird; z.B. das Feuer nach oben
und die Erde nach unten. Es ist aber der Möglichkeit
nach auf andereWeise der Lernende wissend, und der
schon Besitzende aber nicht Anschauende. Stets aber,
wenn zusammen das Thun und das zum Leiden Geeignete
sind, wird bisweilen der Wirklichkeit nach
Aristoteles: Physik 282
das Mögliche: z.B. das Lernende wird aus einem der
Möglichkeit nach seienden ein Anderes an Möglichkeit.
Denn wer die Wissenschaft besitzt, aber nicht in
der Anschauung begriffen ist, ist gewissermaßen der
Möglichkeit nach ein Wissender; aber nicht eben so,
wie auch ehe er lernte. Wenn er aber so sich verhält,
und nichts hindert, so tritt er in Wirksamkeit und
schaut an; oder er wird sich befinden in dem Gegentheile,
nämlich der Unwissenheit. Auf gleicheWeise
verhält dieses sich auch bei dem Natürlichen. Das
Kalte nämlich ist der Möglichkeit nach ein Warmes;
wenn aber es übergeht, so ist es bereits Feuer, und
brennt, dafern nichts hindert oder im Wege steht.
Eben so verhält es sich auch in Bezug auf das Schwere
und Leichte. Das Leichte nämlich entsteht aus
Schwerem, wie aus Wasser Luft. Dieses nämlich war
der Möglichkeit nach zuerst, und ist bereits Leichtes,
und wird in Wirksamkeit treten sogleich, wenn nichts
hindert.Wirksamkeit aber des Leichten ist, an einem
bestimmten Orte zu sein, und zwar oben. Es wird aber
gehindert, wenn es an dem entgegengesetzten Orte ist.
Und dieß verhält sich gleichergestalt sowohl bei der
Größe, als bei der Beschaffenheit. - Indeß wird eben
darnach gefragt, von was doch nach seinem Orte hin
bewegt wird das Leichte und das Schwere. Der Grund
ist, daß es von Natur so ist, und eben hiedurch das
Leichte und das Schwere als das was es ist, bestimmt
Aristoteles: Physik 283
ist, daß das eine oben, das andere unten ist. Der Möglichkeit
nach aber ist Leichtes und Schweres auf vielfache
Art, wie gesagt. Wenn es nämlich Wasser ist,
so ist es auf gewisseWeise der Möglichkeit nach
leicht; und wenn Luft, so ist es ebenfalls der Möglichkeit
nach. Denn es läßt sich denken, daß es wegen
eines Hindernisses nicht oben ist; aber sobald dieses
entfernt wird, so tritt es in Wirksamkeit und geht
immer mehr nach oben. Auf gleiche Weise geht auch
die Beschaffenheit in das der Wirklichkeit nach seiende
über. Sogleich nämlich beginnt anzuschauen das
Wissende, wenn nichts hindert. Und die Größe dehnt
sich aus, wenn nichts hindert. Derjenige aber, der das
im Wege stehende und Hindernde entfernt, bewegt gewissermaßen
zwar, gewissermaßen aber auch nicht.
Z.B. wer die Säule wegzieht, oder wer den Stein wegnimmt
von dem Schlauche im Wasser. Beiläufig nämlich
bewegt er; gleichwie auch der zurückprallende
Ball nicht durch die Mauer bewegt wird, sondern
durch den Werfenden. Daß nun nichts hievon sich selber
bewegt, ist klar. Sondern es enthält der Bewegung
Ursprung, nicht des Bewegens; noch des Thuns, sondern
des Leidens. Wenn nun alles was sich bewegt,
entweder von Natur bewegt wird oder wider die Natur
und durch Gewalt, und das wider die Natur alles von
etwas und von einem Anderen; unter dem aber, was
von Natur, wiederum sowohl was durch sich selbst
Aristoteles: Physik 284
sich bewegt, von etwas bewegt wird, als auch was
nicht durch sich selbst, z. B. das Leichte und das
Schwere (entweder nämlich von dem, was erzeugt und
gemacht hat Leichtes und Schweres, oder von dem,
der das im Wege stehende und Hindernde löst): so
möchte wohl alles was sich bewegt, von etwas bewegt
werden.
Fünftes Capitel
Dieses aber wirkt doppelt. Entweder nämlich bewegt
nicht durch sich das Bewegende selbst, sondern
durch ein Anderes, welches bewegt das Bewegende;
oder durch sich selbst. Und dieß entweder zunächst
nach dem Letzten, oder durch mehres; z.B. der Stab
bewegt den Stein, und wird bewegt von der Hand,
welche bewegt wird von dem Menschen. Dieser aber
nicht mehr dadurch, daß er von einem Anderen bewegt
wird. Von beiden nun sagen wir, sie bewegen;
sowohl von dem letzten als von dem ersten Bewegenden,
aber mehr von dem ersten. Denn jenes bewegt
das letzte, aber nicht dieses das erste. Und ohne das
erste wird das letzte nicht bewegen, wohl aber jenes
ohne dieses. Z.B. der Stab wird nicht bewegen, wenn
der Mensch nicht bewegt. Wenn nun alles was sich
bewegt, von etwas bewegt werden muß, so entweder
Aristoteles: Physik 285
von dem, was bewegt wird von einem Anderen, oder
nicht. Und wenn von einem anderen, das bewegt wird,
so muß ein zuerst Bewegendes sein, das nicht wieder
von einem Anderen bewegt wird. Wenn aber so etwas
das Erste ist, so braucht es nicht ein Anderes zu sein.
Denn es kann nicht ins Unbegrenzte gehen das was
bewegt und selbst von einem Anderen bewegt wird:
denn von dem Unbegrenzten ist nichts ein Erstes.
Wenn nun alles was sich bewegt, von etwas bewegt
wird; das zuerst Bewegende aber bewegt zwar wird,
nicht aber von einem Anderen: so muß dieses von
sich selbst bewegt werden. - Uebrigens kann man
auch folgendergestalt auf dieselben Sätze kommen.
Alles was bewegt, bewegt etwas und mit etwas. Entweder
mit sich selbst bewegt das Bewegende, oder
mit etwas Anderem; z.B. der Mensch mit sich selbst,
oder mit dem Stabe, und der Wind wirft etwas herunter,
entweder er selbst oder der Stein, den er trieb. Unmöglich
aber kann ohne das was mit sich selbst bewegt,
bewegen das mit dem etwas bewegt. Wenn aber
etwas anderes ist das mit dem etwas bewegt, so wird
es etwas geben, was nicht mit etwas, sondern mit sich
selber bewegt; oder man geht ins Unbegrenzte.Wenn
nun etwas das bewegt wird, bewegt, so muß man stillstehen,
und nicht ins Unbegrenzte gehen. Wenn nämlich
der Stab bewegt, weil er bewegt wird von der
Hand, so bewegt die Hand den Stab. Wenn aber diese
Aristoteles: Physik 286
ein Anderes bewegt, so giebt es auch für diese etwas
anderes Bewegendes.Wenn also mit etwas stets ein
anderes bewegt, so muß es zuvor etwas geben, das
mit sich selber bewegt. Wenn nun dieses zwar bewegt
wird, nicht aber ein anderes ist, welches es bewegt, so
muß es sich selbst bewegen. So daß auch nach dieser
Beweisführung entweder sogleich das Bewegte von
dem sich mit sich selbst Bewegenden bewegt wird,
oder irgend einmal auf ein solches zurückkommt.
Ueber das Gesagte wird auch noch, wenn man es
folgendergestalt untersucht, Dasselbe sich ergeben.
Wenn nämlich von einem Bewegten alles Bewegte
bewegt wird, so hängt entweder dieß den Dingen nebenbei
an, so daß zwar das Bewegte bewegt, nicht jedoch
weil es selbst bewegt wird stets; oder nicht, sondern
an und für sich. Zuvörderst nun wenn nebenbei,
so ist nicht nothwendig, daß bewegt werde das was
bewegt wird. Wenn aber dieß, so erhellt, daß es sich
denken ließe, daß einst nichts von dem was ist, bewegt
wird. Denn nicht ist nothwendig das Beiläufige,
sondern fähig, nicht zu sein. Wenn wir nun setzen,
daß dieß möglich sei, so ergiebt sich nichts Unmögliches,
vielleicht aber etwas Falsches. Allein, daß Bewegung
nicht sei, ist unmöglich. Denn es ist dieß vorhin
gezeigt worden, daß Bewegung immer sein muß.
Und ganz folgerichtig hat dieß sich ergeben. Dreierlei
nämlich muß es geben: das Bewegte, das Bewegende,
Aristoteles: Physik 287
und das, womit es bewegt. Das Bewegte nun muß
zwar bewegt werden; zu bewegen aber braucht es
nicht. Das aber, womit es bewegt, muß sowohl bewegen,
als bewegt werden. Denn es verändert sich dieses
zugleich mit, indem es zusammen mit dem Bewegten
und eben da ist. Es erhellt aber dieß aus dem was
räumlich bewegt. Denn berühren muß es bis zu einer
gewissen Stelle. Das Bewegende aber verhält sich so,
daß es, wiefern es nicht das ist, womit es bewegt, unbeweglich
ist. Da wir aber das Letzte sehen, was zwar
bewegt werden kann, nicht aber einen Ursprung der
Bewegung hat, und was zwar bewegt wird, aber von
einem Anderen, und nicht von sich selbst, so ist es
wohl begründet, um nicht zu sagen nothwendig, daß
es auch ein Drittes gebe, was bewegt, indem es selber
unbeweglich ist. Darum spricht auch Anaxagoras
richtig, wenn er sagt, daß der Gedanke nicht leiden
noch sich vermischen könne; da er ihn zum Ursprung
der Bewegung macht. So nämlich allein könnte er bewegen,
indem er unbeweglich, und bezwingen, indem
er unvermischbar ist. - Allein wenn nicht nebenbei,
sondern aus Nothwendigkeit bewegt wird das Bewegende;
dafern aber es nicht bewegt würde, auch nicht
bewegte: so muß das Bewegende, wiefern es bewegt
wird, entweder dergestalt bewegt werden, wie nach
derselben Art, der Bewegung oder nach einer andern.
Ich meine aber, daß entweder das Wärmende auch
Aristoteles: Physik 288
selbst gewärmt werden, und das Heilende geheilt werden,
und das räumlich Bewegende bewegt werden,
oder das Heilende räumlich bewegt werden, das räumlich
Bewegende aber vermehrt werden muß. Aber offenbar
ist dieß unmöglich. Denn man muß, bis zu
dem Untheilbaren in der Theilung fortgehend, sagen,
z.B. daß, wenn etwas messen lehrt, dieses Nämliche
auch messen lerne, oder wenn etwas wirft, es auch geworfen
werde nach der nämlichenWeise des Wurfes;
oder so nicht, sondern nach einer andern Gattung der
Bewegung: z.B. das räumlich Bewegende werde vermehrt,
das dieses Vermehrende aber umgebildet von
einem Anderen, das dieses Umbildende aber erleide
wiederum eine andere Bewegung. Aber man muß irgendwo
stehen bleiben, denn begrenzt sind die Bewegungen.
Wiederum aber umzubeugen, und zu sagen,
daß das Umbildende räumlich bewegt werde, wäre
dasselbe, wie wenn man sogleich sagte, das räumlich
Bewegende werde räumlich bewegt, und belehrt der
Lehrende. Denn es ist klar, daß bewegt wird auch von
dem weiter aufwärts Bewegenden das Bewegte, und
zwar mehr noch von dem, was früher ist unter dem
Bewegenden. Allein dieses nun ist unmöglich. Denn
es folgt dann, daß das Lehrende lernt; von welchen
beiden nothwendig das EineWissenschaft nicht hat,
das Andere sie hat. Noch mehr aber als dieß ist widersinnig,
daß folgt, alles zum Bewegen Geschickte sei
Aristoteles: Physik 289
beweglich, wofern alles Bewegte von einem Bewegten
bewegt wird. Es wird nämlich dann beweglich
sein. Wie wenn man sagte, daß alles zum Heilen Geschickte
und Heilende auch heilbar sei, und das zum
Bauen Geschickte auch baulich, entweder sogleich,
oder durch Mehres hindurch. Ich meine es aber so,
wie wenn beweglich zwar durch Anderes alles zum
Bewegen Geschickte, aber nicht nach derjenigen Bewegung
beweglich, in Bezug auf die es selbst das
Nächste bewegt, sondern nach einer andern, z.B. das
zum Heilen Geschickte lernbar. Aber indem dieß so
zurückgeht, wird es wiederum auf dieselbe Art kommen,
wie wir vorhin sagten. Das eine hievon nun ist
unmöglich, das andere träumerisch. Denn sonderbar
wäre es, wenn das zum Umbilden Geschickte nothwendig
vermehrbar sein sollte. - Nicht also braucht
stets bewegt zu werden das Bewegte von einem Andern,
welches ebenfalls bewegt wird. Es wird also ein
Stillstand eintreten: so daß entweder von einem Ruhenden
bewegt wird das zuerst Bewegte, oder sich
selber bewegt. - Allein auch wenn man untersuchen
müßte, ob Ursache und Ursprung der Bewegung das
sich selbst Bewegende oder das von einem Andern
Bewegte, so würde Jeder jenes nennen. Denn was an
und für sich selbst Ursache ist, geht stets voran dem,
was es nach einem Andern ist.
So haben wir denn dieses zu untersuchen, indem
Aristoteles: Physik 290
wir von einem anderen Anfang ausgehen: wenn etwas
sich selbst bewegt, wie es bewegt, und auf welche
Weise. Es muß doch wohl alles Bewegte theilbar sein
in stets Theilbares. Dieses nämlich ist gezeigt worden
zuvor in den allgemeinen Betrachtungen über die
Natur, daß alles an und für sich Bewegte stetig ist.
Unmöglich nun kann das sich selber Bewegende allenthalben
sich selbst bewegen. Denn es würde dann
zwar räumlich bewegt werden und bewegen nach
derselben Bewegung, indem es Eins ist und untheilbar
an Art, und umgebildet werden und umbilden. Also
würde es lehren und belehrt werden zugleich, und heilen
und geheilt werden in Bezug auf die nämliche
Heilung. - Ferner ist die Bestimmung gegeben, daß
bewegt wird das Bewegliche. Dieß aber ist das der
Möglichkeit nach Bewegte; nicht der Wirklichkeit
nach. Was aber der Möglichkeit nach, geht in die
Wirklichkeit. Es ist aber die Bewegung unvollendete
Wirklichkeit des Beweglichen.Was aber bewegt, ist
schon der That nach: z.B. es wärmt das Warme, und
überhaupt zeugt, was die Formbestimmung hat. Also
würde zugleich Dasselbe, und in derselben Hinsicht
warm sein und nicht warm. Eben so auch alles Andere,
bei welchem das Bewegende dasjenige hat, wovon
es den Namen trägt. Ein Theil also bewegt, der andere
wird bewegt, dessen, was sich selber bewegt. - Daß es
aber nicht dergestalt sich verhält mit dem sich selber
Aristoteles: Physik 291
Bewegenden, daß jeder Theil von dem andern bewegt
wird, ergiebt sich hieraus. Es würde nämlich gar kein
zuerst Bewegendes geben, wenn jeder Theil bewegen
sollte den andern. Denn das Frühere ist mehr Ursache
des Bewegtwerdens als das darauf Folgende, und bewegt
mehr. Doppelt nämlich konnte etwas bewegen:
das Eine, indem es selbst von einem Andern bewegt
ward, das Andere, indem es von sich selber. Näher
aber ist das dem Bewegten Fernere dem Ursprung, als
das dazwischen. - Ferner braucht nicht das Bewegende
bewegt zu werden, wenn nicht von sich selbst.
Nebenbei also bewegt entgegen das andere. So nehme
ich nun an, daß es unmöglicherweise nicht bewegen
könne. Es wäre also, das eine Bewegtes, das andere
Bewegendes unbeweglich. Ferner braucht nicht das
Bewegende hinwiederum bewegt zu werden, sondern
entweder ein Unbewegliches muß bewegen, oder
etwas, das von sich selbst bewegt wird; dafern es stets
Bewegung geben muß. Ferner in Bezug auf welche
Bewegung es bewegt, würde es auch bewegt werden:
so daß das Wärmende gewärmt würde. - Allein auch
nicht von dem zuerst sich selbst Bewegende wird
weder ein Theil, noch mehr ein jeder sich selbst bewegen.
Denn wenn das Ganze von sich selbst bewegt
wird, so wird es entweder von einem Theile seiner bewegt
werden, oder als Ganzes von dem Ganzen.
Wenn nun also dadurch, daß ein Theil von sich selbst
Aristoteles: Physik 292
bewegt würde, so wäre dieser das zuerst sich selber
Bewegende. Denn abgetrennt würde dieser sich selbst
bewegen, das Ganze aber nicht mehr. Wenn es aber
als Ganzes von dem Ganzen bewegt wird, so würden
nebenbei die Theile sich selber bewegen. Also wenn
nicht nothwendig, so setze man, sie werden nicht von
sich bewegt. Von dem Ganzen also wird ein Theil bewegen
und unbeweglich sein; der andere aber bewegt
werden. Denn nur so vermag etwas mit selbstständiger
Bewegung zu sein. - Ferner wenn die ganze Linie
sich selbst bewegt, so wird ein Theil von ihr bewegen,
der andere bewegt werden. Die A B also wird
von sich selbst bewegt werden und von der A. Da
aber bewegt, Einiges als bewegt von einem Andern,
Anderes aber als unbewegliches, und bewegt wird,
Einiges als zugleich bewegend, Anderes ohne etwas
zu bewegen: so muß das sich selber Bewegende aus
Unbeweglichem bestehen, aber Bewegendem, und sodann
aus Bewegtem, nicht aber nothwendig Bewegendem,
sondern wie es sich trifft. Es sei nämlich A bewegend,
aber unbeweglich, B bewegt von A und bewegend
das C, dieses aber bewegt von B, nicht aber
selbst irgend etwas bewegend. Denn wenn man auch
oft durch Mehres erst zu dem C gelangt, so sei gesetzt
doch nur durch Eines. Das ganz A B C nun bewegt
sich selbst; aber wenn ich C wegnehme, so wird A B
zwar sich selbst bewegen, denn A ist Bewegendes, B
Aristoteles: Physik 293
aber Bewegtes; C aber wird nicht sich selbst bewegen,
noch überhaupt bewegt werden. Allein auch
nicht die B C wird sich selbst bewegen ohne A. Denn
B bewegt, weil es bewegt wird von einem Anderen,
nicht weil von einem Theile seiner. A B allein also bewegt
sich selbst. Nothwendig also hat das sich selbst
Bewegende auch das Bewegende aber Unbewegliche,
so wie das Bewegte aber nichts mit Nothwendigkeit
Bewegende. Berühren aber werden sie entweder einander
gegenseitig, oder eines das andere. Wenn nun
stetig ist das Bewegende (denn das Bewegte muß stetig
sein): so erhellt, daß das Ganze sich selbst bewegt,
nicht weil ein Theil von ihm so beschaffen wäre, sich
selbst zu bewegen; sondern das Gesammte bewegt
sich selbst, bewegt und bewegend, weil ein Theil von
ihm das Bewegende und das Bewegte ist. Denn nicht
das Ganze bewegt, noch wird bewegt das Ganze, sondern
es bewegt A, es wird aber bewegt B allein, C
aber von A nicht mehr. Denn dieß wäre unmöglich. -
Einen Zweifel aber erleidet es, ob, wenn man wegnimmt
entweder von der A ( dafern stetig ist das Bewegende
aber Unbewegliche ), oder von der B, der bewegten,
die übrige A bewegen, oder die übrige B bewegt
werden wird. Denn wäre dieß, so wäre nicht zuerst
von sich selbst bewegt die A B. Oder hindert vielleicht
nichts, daß zwar die Möglichkeit nach beides
oder das eine, das Bewegte, theilbar sei, der
Aristoteles: Physik 294
Wirklichkeit nach aber untheilbar? daß es vielmehr,
wenn es getheilt ist, nicht mehr dieselbe Kraft habe?
so daß nichts hindert, daß es der Möglichkeit nach
Theilbarem zunächst inwohne. - Erstlich also ist hieraus,
daß das zuerst Bewegende ein Unbewegliches ist.
Denn mag sogleich zurückgeführt werden das Bewegte
aber von etwas Bewegte, auf das erste Unbewegliche,
oder auf ein Bewegtes zwar, aber sich selber Bewegendes
und Letztes: so ergiebt sich auf beide
Weise, daß das zuerst Bewegende in allem was bewegt
wird, unbeweglich ist.
Sechstes Capitel
Weil aber Bewegung stets sein, und nie aufhören
muß, so muß es etwas Ewiges geben, was zuerst bewegt,
mag es eines sein, oder mehre, und zwar das zuerst
bewegende Unbewegliche. Daß nun alles ewig
sei, was unbeweglich ist, aber bewegend, geht die gegenwärtige
Untersuchung nichts an. Daß es aber
etwas geben muß, was selbst unbeweglich für jede
von außen kommende Veränderung, sowohl schlechthin,
als beiläufig, geschickt aber, Anderes zu bewegen
ist, erhellt, wenn man es folgendergestalt betrachtet.
Es mag nun, wenn man will, bei Einigem als möglich
gedacht werden, daß es bald sei, bald nicht sei, ohne
Aristoteles: Physik 295
Entstehung und Untergang. Leicht nämlich könnte es
nothwendig sein, dafern etwas Theilloses bald ist,
bald nicht ist ohne sich zu verändern, daß Alles dergleichen
bald sei, bald nicht sei. Und daß von den unbeweglichen,
aber zum Bewegen geschickten Anfängen
einige bald seien, bald nicht seien: auch dieses sei
als möglich gesetzt. Aber keineswegs können es alle.
Denn klar ist, daß etwas Ursache sein muß dem sich
selber Bewegenden, bald zu sein, bald nicht zu sein.
Alles sich selber Bewegende nämlich muß eine Ausdehnung
haben, wenn nichts Theilloses bewegt werden
kann; das Bewegende aber braucht dieß auf keine
Weise, zufolge des Gesagten. Davon aber, daß Einiges
entsteht, Anderes untergeht, und dieß stetig geschieht,
kann nicht Ursache sein etwas von dem, was
zwar unbeweglich, aber nicht stets ist; noch auch von
dem, was zwar stets bewegt, aber so, daß Anderes
Anderes bewegt. Von dem nämlich, was immer ist
und stetig, sind weder diese einzelnen Dinge Ursache,
noch alle. Denn daß dieses sich so verhält, ist ewig
und nothwendig: jene Dinge aber sind unbegrenzt
viele und nicht zugleich seiend. Es erhellt also, daß,
wenn auch zehntausendmal einige unbewegliche aber
bewegende Anfänge, und viel von dem, was sich
selbst bewegt, untergeht und anderes wieder entsteht,
und ein Unbewegliches dieses bewegt, das andere
jenes: nichts destoweniger es etwas giebt, was
Aristoteles: Physik 296
umfaßt, und daß dieses ausserhalb des Einzelnen ist:
welches Ursache davon ist, daß dieses ist, und jenes
nicht ist, und von der stetigen Veränderung; und daß
dieses zwar diesem, dieses aber dem Uebrigen Ursache
der Bewegung ist. Wenn nun ewiglich die Bewegung
ist, so wird ewiglich auch das zuerst Bewegende
sein, dafern es Eines ist. Wofern aber mehre, so wird
ein Mehres das Unbewegliche sein. Eines aber vielmehr
als mehre, und begrenzte, als unbegrenzte, ist
anzunehmen. Denn wenn das Nämlich folgt, so muß
man lieber das Begrenzte nehmen. Denn in demjenigen,
was von Natur ist, muß das Begrenzte und das
Bessere, sobald es sich denken läßt, vielmehr statt
finden. Es reicht aber auch die Annahme von Einem
zu, welches als erstes unter dem Unbeweglichen und
ewiges, dem Uebrigen Ursprung der Bewegung sein
wird. - Es ist aber offenbar auch hieraus, daß etwas
Einiges und Ewiges das zuerst Bewegende ist. Es ist
nämlich gezeigt worden, daß immer Bewegung sein
muß. Wenn aber immer, so muß sie auch stetig sein:
denn was immer ist, ist stetig. Was aber in der Reihe
nach einander, ist nicht stetig. Allein wenn sie stetig
ist, so auch Eine. Eine aber, wenn in ihr Eines das
Bewegende und Eines das Bewegte. Denn wenn Verschiedene
bewegen, so ist nicht stetig die ganze Bewegung,
sondern der Reihe nach folgend.
Aristoteles: Physik 297
Aus diesem nun könnte man abnehmen, daß es
gebe ein erstes Unbewegliches. Und wiederum wenn
man blickt auf die Anfänge des Bewegenden. Daß
nun gewisse Dinge sind, welche bald sich bewegen,
bald ruhen, ist offenbar. Und hiedurch wird klar, daß
weder Alles sich bewegt, noch Alles ruht, noch Einiges
immer ruht, Anderes immer sich bewegt. Das
Wechselnde nämlich und die Möglichkeit in sich tragende,
bald sich zu bewegen, bald zu ruhen, setzt
hierüber ins Klare. Da aber dergleichen Allen deutlich
ist, wir aber auch von diesen beiden die eigenthümliche
Natur aufzeigen wollen, daß es einestheils stets
Unbewegliches, andererseits stets Bewegtes giebt, so
sind wir, fortschreitend zu diesem, und setzend, daß
alles sich Bewegende von etwas bewegt werde, und
dieses entweder unbeweglich oder bewegt sei, und bewegt
entweder von sich selbst oder stets von einem
Anderen, bis dahin vorgedrungen, anzunehmen, daß
das Bewegte einen Anfang hat, nämlich das Bewegte
überhaupt zwar das, was sich selbst bewegt, Alles
aber, das Unbewegliche. Wir sehen aber auch ganz
klar, daß es dergleichen giebt, was sich selber bewegt:
z.B. das Geschlecht des Beseelten und das der Thiere.
Dieß nun veranlaßte die Meinung, daß es vielleicht
denkbar sei, daß Bewegung enstehe, da sie überhaupt
nicht war, weil wir in jenem dieses Geschehen sahen.
Denn während sie zu einer Zeit unbeweglich sind,
Aristoteles: Physik 298
bewegen sie sich wiederum, wie es scheint. Dieß aber
muß man bedenken, daß sie nur in Beziehung auf
Eine Bewegung bewegen; und auf diese nicht eigentlich:
denn nicht aus ihnen selbst kommt die Ursache,
sondern es sind andere natürliche Bewegungen in den
Thieren, welche sie nicht durch sich selbst erleiden,
z.B. Wachstum, Abnahme, Athmen, welche Bewegung
jedes Thier erleidet, ruhend und nicht in der von
ihm selbst herrührenden Bewegung begriffen. Hievon
aber ist Ursache das Umgebende und vieles von dem
was hinein geht; z.B. von Einigem die Nahrung. Denn
während sie verbaut wird, schlafen sie; indem sie aber
vertheilt wird, erwachen sie und bewegen sich selbst;
da der erste Anfang von außen kommt. Darum werden
sie nicht stets von sich selbst bewegt. Denn ein Anderes
ist das Bewegende, welches selbst bewegt wird
und sich verändert, gegen jedes von dem sich selbst
Bewegenden. In allen diesen aber wird bewegt das zuerst
Bewegende und die Ursache des sich selber Bewegens,
von sich selbst, jedoch beiläufig. Den nämlich
verändert der Körper: also auch das was in dem
Körper ist, und das was in dem Heben sich selbst bewegt.
Woraus man abnehmen kann, daß, wenn etwas
gehört zu dem Unbeweglichen aber Bewegenden und
selbst beiläufig Bewegten, dieses nicht auf stetige Art
zu bewegen vermag. So daß, wenn nothwendig stetig
Bewegung ist, es ein erstes Bewegendes geben muß,
Aristoteles: Physik 299
welches unbeweglich ist, und nicht bloß beiläufig: dafern,
wie wir sagten, sein soll in den Dingen eine unablässige
und unsterbliche Bewegung, und den das
Seiende in sich selber, und in dem Nämlichen. Denn
wenn der Anfang bleibt, so muß das Ganze bleiben,
da es stetig zusammenhängt mit dem Anfange. Nicht
aber ist es das Nämliche, bewegt zu werden beiläufig
von sich, und von einem Anderen. Denn von einem
Anderen findet statt auch bei einigen Anfängen der
Dinge in dem Himmel, welche verschiedene räumliche
Bewegungen erleiden. Das andere aber nur bei
den vergänglichen.
Allein wenn es stets so etwas giebt, was bewegt,
aber unbeweglich und selbst ewig ist, so muß auch
das zuerst von diesem Bewegte ewig sein. Es erhellt
dieses auch daraus, daß es auf keine andereWeise
Entstehung und Untergang und Veränderung für das
Uebrige giebt, wenn nicht etwas, das bewegt wird, bewegt.
Denn das Unbewegliche wird stets auf dieselbe
Weise bewegen, da es selbst keine Veränderung erfährt
in Bezug auf das Bewegte. Das aber, was bewegt
wird von dem zuvor Bewegten, aber durch das
unbewegliche Bewegte, wird, weil es sich auf verschiedeneWeise
zu den Dingen verhält, nicht Ursache
der nämlichen Bewegung sein, sondern, indem es in
entgegengesetzten Orten oder Arten ist, wird es auf
Aristoteles: Physik 300
entgegengesetzte Art jedes der andern in Bewegung
setzen, und bald in Ruhe, bald in Bewegung. - Klar
nun ist geworden aus dem Gesagten auch, worüber
wir am Anfange zweifelten: warum doch nicht Alles
entweder sich bewegt, oder ruht, oder Einiges stets
sich bewegt, Anderes stets ruht: sondern Einiges bald
so, bald aber nicht. Hievon nämlich ist jetzt die Ursache
offenbar, nämlich das Einiges vor dem ewig Unbeweglichen
bewegt wird, und darum stets sich verändert;
Anderes aber von Bewegten und sich Veränderndem;
so daß auch es nothwendig sich verändert. Das
Unbewegliche aber, wie gesagt, als ein Einfaches und
auf dieselbeWeise, und in dem Nämlichen bleibendes,
wird nur Eine und eine einfache Bewegung hervorbringen.
Siebentes Capitel
Allein wenn wir von etwas anderem beginnen, so
werden wir noch mehr darüber ins Klare komme. Es
ist nämlich zu untersuchen, ob es sich denken läßt,
daß es eine stetige Bewegung gebe, oder nicht; und
wenn es sich denken läßt, welche diese ist, und welche
die erste unter den Bewegungen. Denn es erhellt,
daß, wofern es nothwendig ist, daß stets Bewegung
sei, diese aber erste und stetige ist, das zuerst
Aristoteles: Physik 301
Bewegende diese Bewegung hevorbringt, welche
nothwendig eine und dieselbe sein muß, und stetig,
und erste. Da aber es drei Bewegungen giebt, die nach
der Größe, und die nach dem Zustande, und die nach
dem Raume, die wir Ortveränderung nennen; so muß
diese die erste sein. Denn unmöglich kann Wachsthum
sein, so lange Umbildung nicht vorhanden ist.
Das Wachsende nämlich wächst gewissermaßen zwar
durch das Gleiche, gewissermaßen aber auch durch
das Ungleiche. Das Gegentheil nämlich heißt Nahrung
für das Gegentheil. Es wächst aber auch Alles,
indem es gleich ward dem Gleichen. Es muß also Umbildung
die Veränderung in das Gegentheil sein. Allein
wenn eine Umbildung vorgeht, so wird es müssen
geben etwas das umbildet und macht aus dem der
Möglichkeit nach Warmen das der Wirklichkeit nach
Warme. Klar nun ist, daß das Bewegende nicht auf
gleicheWeise sich verhält, sondern bald näher, bald
ferner von dem was umgebildet wird, ist. Dieß aber
kann ohne Ortveränderung nicht statt finden. Wenn
also stets Bewegung sein muß, so muß auch räumliche
Bewegung sein als erste der Bewegung; und wenn
von der räumlichen Bewegung die eine erste, die andere
nachfolgende ist, die erste. - Ferner ist aller Zustände
Anfang Verdichtung und Verdünnung. Denn
Schweres und Leichtes, und Weiches und Hartes, und
Warmes und Kaltes, scheinen gewisse Dichtigkeiten
Aristoteles: Physik 302
und Dünnheiten zu sein. Verdichtung nämlich und
Verdünnung sind Zusammensetzung und Scheidung,
in Beziehung worauf auch von Entstehung und Untergang
der Wesen die Rede ist. Was aber zusammengesetzt
und geschieden wird, muß auch dem Raume
nach sich verändern. Allein von dem Wachsenden und
Abnehmenden verändert sich räumliche die Größe.
Ferner wird auch, wenn man es von dieser Seite betrachtet,
sich ergeben, daß die räumliche Veränderung
die erste ist. Das Erste nämlich möchte, wie anderwärts,
so auch der Bewegung mehrerlei bedeuten. So
heißt nämlich Ersteres, was, wenn es nicht ist, auch
das Andere nicht ist, jenes aber ohne das Andere. Und
das der Zeit nach; und das dem Wesen nach. Also
weil Bewegung beständig sein muß, beständig aber
wäre entweder die stetige, oder die in der Reihe folgende,
mehr aber die stetige, und es besser ist, daß sie
stetig, als daß sie in der Reihe folgend sei; das Bessere
aber wir stets als in der Natur statt findend annehmen,
dafern es möglich ist; es aber möglich ist, daß
sie stetig sei (dieß wird späterhin gezeigt werden;
jetzt aber möge es vorausgesetzt sein), und diese
keine andere sein kann, als räumliche Bewegung: so
muß demnach die räumliche Bewegung die erste sein.
Denn es ist keine Nothwendigkeit da, weder daß
wachse, noch daß umgebildet werde das räumlich Bewegte,
noch daß es entstehe oder vergehe. Von diesen
Aristoteles: Physik 303
Bewegungen aber kann keine stattfinden, wenn nicht
die erste da ist, welche das zuerst Bewegende erregt. -
Ferner muß sie der Zeit nach die erste sein. Denn das
Ewige allein kann diese erfahren. Aber bei jedem einzelnen
dem Werden Unterliegenden, muß die räumlich
die letzte der Bewegungen sein. Nach dem ersten
Entstehen nämlich, Umbildung und Wachstum. Ortveränderung
aber ist erst eine Bewegung des Vollendeten.
Aber etwas Anderes muß zuvor bewegt sein
auf räumliche Art, welches auch der Entstehung Ursache
ist dem Entstehenden, da es selbst nicht entsteht;
gleichwie das Erzeugende des Erzeugten. Es könnte
scheinen, als sei die Entstehung die erste der Bewegungen,
darum, weil entstehen muß das Ding zuerst.
Dieß aber verhält sich bei jedem einzelnen Entstehenden
so, aber etwas Anderes muß vorher sich bewegen,
als das Entstehende, welches ist und nicht selbst entsteht;
und wiederum vor diesem ein Anderes. Weil
aber die Entstehung nicht erste sein kann (denn dann
müßte alles Bewegte vergänglich sein), so erhellt, daß
auch keine der darauf folgenden Bewegungen früher
ist. Ich nenne aber der Reihe nach folgend:Wachsthum;
sodann Umbildung, und Abnahme, und Untergang.
Denn alle sind später als Entstehung: so daß,
wenn nicht Entstehung früher ist als räumliche Bewegung,
auch keine der andern Veränderungen. Ueberhaupt
aber erscheint das Entstehende als
Aristoteles: Physik 304
unvollkommen, und sich dem Anfang nähernd; und
also das der Entstehung nach Spätere, der Natur nach
früher zu sein. Zuletzt aber findet Raumbewegung
statt bei allem dem Werden Unterworfenen. Darum ist
Einiges von dem Lebenden durchaus unbeweglich,
aus Mangel des Werkzeugs, z.B. die Pflanzen, und
viele Gattungen der Thiere. Bei den vollkommenen
aber findet sie statt. Also wenn mehr statt findet
Raumbewegung bei demjenigen, was vollkommen die
Natur gewonnen hat, so möchte auch diese Bewegung
die erste unter den übrigen dem Wesen nach sein.
Deswegen, und weil am wenigsten aus seinemWesen
herausgeht das Bewegte unter den Bewegungen in der
räumlichen: denn nach dieser allein verändert es
nichts an seinem Sein, wie bei der Umbildung die Beschaffenheit,
bei Wachsthum und Abnahme die
Größe. Vornehmlich aber erhellt, daß das sich selbst
Bewegende vorzüglich diese Bewegung hervorbringt,
die nach dem Raume. Und wir nennen dieß doch Anfang
des Bewegten und Bewegenden, und Erstes dem
Bewegten, das sich selbst Bewegende. - Daß nun also
unter den Bewegungen die räumliche die erste ist, ergiebt
sich aus diesem.
Welche räumliche Bewegung nun die erste sei, ist
nunmehr zu zeigen. Zugleich aber wird auch das jetzt
und das früher Vorausgesetzte, daß es eine Bewegung
Aristoteles: Physik 305
geben kann, die stetig und ewig ist, auf demselben
Wege sich ergeben. Daß nun von den andern Bewegungen
keine stetig zu sein vermag, ist hieraus ersichtlich.
Alle nämlich gehen von Gegentheil zu Gegentheil,
die Bewegungen und die Veränderungen. So
sind z.B. für Entstehung und Untergang das Seiende
und Nichtseiende Grenzen; für Umbildung die entgegengesetzten
Zustände; für Wachsthum und Abnahme
entweder Größe und Kleinheit, oder Vollkommenheit
der Größe und Unvollkommenheit. Entgegengesetzt
aber sind die in die Gegentheile.Was nun nicht stets
diese Bewegung erlitt, vorher aber war, mußte vorher
ruhen. Man sieht also, daß ruhen wird in dem Gegentheile
das was sich verändert. Gleichergestalt auch bei
den Veränderungen. Entgegengesetzt nämlich ist der
Untergang und die Entstehung im Allgemeinen der im
Allgemeinen, und die im Einzelnen der im Einzelnen.
Also wenn es unmöglich ist, daß etwas zugleich die
entgegengesetzten Veränderungen erleide, so wird
nicht stetig sein die Veränderungen, sondern zwischen
ihnen wird eine Zeit sein. Denn nichts kommt darauf
an, ob entgegengesetzt oder nicht entgegengesetzt
sind die Veränderungen, die im Widerspruche sind;
wenn sie nur nicht können zugleich in dem Nämlichen
zugegen sein. Dieß nämlich hat für den Zusammenhang
keinen Nutzen. Auch nicht ob es nicht nöthig
ist, zu ruhen in dem Widerspruche, noch ob die
Aristoteles: Physik 306
Veränderung der Ruhe entgegengesetzt ist (denn vielleicht
ruht nicht, was nicht ist; der Untergang aber
geht in das Nichtseiende): sondern wenn nur eine Zeit
dazwischen verfließt. So nämlich ist die Veränderung
nicht stetig. Denn auch bei dem Vorhergehenden kam
es nicht auf den Gegensatz an, sondern auf die Unmöglichkeit,
zugleich vorhanden zu sein. Man
braucht sich aber nicht irren zu lassen, daß das Nämliche
Mehren entgegengesetzt ist z.B. die Bewegung
sowohl dem Stillstand, als der Bewegung in das Gegentheil:
sondern nur dieß festzuhalten, daß auf gewisseWeise
sowohl der Bewegung als der Ruhe entgegensteht
die entgegengesetzte Bewegung, wie das
Gleiche und das Gemäßigte dem Ueberwiegenden und
dem Ueberwogenen, und daß nicht zugleich die entgegengesetzten
Bewegungen oder Veränderungen dasein
können. Sodann bei der Entstehung und dem Untergange
könnte es auch ganz und gar seltsam zu seyn
scheinen, wenn das Entstandene sogleich untergehen
muß; nicht einige Zeit hindurch bleiben. So daß man
hieraus auch auf die übrigen schließen dürfte. Denn es
ist natürlich, daß es sich gleichergestalt verhalte bei
allen.
Aristoteles: Physik 307
Achtes Capitel
Daß aber es möglich ist, daß es eine unbegrenzte
gebe, die eine einige ist und stetige, und diese die im
Kreise ist, wollen wir jetzt besprechen. Alles räumlich
Bewegende bewegt sich entweder im Kreise, oder in
gerader Linie, oder auf gemischte Art. Also, wenn
keine von jenen stetig ist, so kann es auch nicht die
aus beiden zusammengesetzte sein. Daß aber das nach
gerader und begrenzter Linie sich Bewegende nicht
stetig sich bewegt, ist klar: denn es beugt um; das auf
gerader Linie Umbeugende aber bewegt sich in den
entgegengesetzten Bewegungen. Denn entgegengesetzt
ist in dem Raume die nach oben der nach unten,
und die vorwärts der rückwärts, und die nach der Linken
der nach der Rechten. Räumliche Gegensätze
nämlich sind dieses. Was aber eine einige und stetige
Bewegung ist, ist zuvor erklärt worden: nämlich die
von Einem, und in Einer Zeit, und in etwas Gleichartigem.
Dreierlei nämlich giebt es: das, was sich bewegt,
z.B. ein Mensch oder Gott; und wann, nämlich
die Zeit; und drittens das worin. Dieß aber ist Ort,
oder Zustand, oder Formbestimmung, oder Größe.
Die Gegensätzte aber sind an Art unterschieden, und
nicht Eines. Räumliche Unterschiede aber sind die genannten.
Ein Zeichen, daß entgegengesetzt die
Aristoteles: Physik 308
Bewegung von A zu B der von B zu A, ist, daß sie
einander hemmen und aufheben, wenn sie zugleich
geschehen. Und im Kreise eben so: z.B. die von A zu
B, der von A zu C. Denn sie hemmen sich einander,
wenn sie auch stetig sind, und kein Umlenken geschieht,
weil die Gegentheile einander vernichten und
hindern. Aber nicht die nach der Seite der nach oben.
Vorzüglich aber erhellt, daß nicht kann stetig sein die
Bewegung in gerader Linie, daraus, daß beim Zurückbeugen
das Ding stillstehen muß; nicht nur innerhalb
der geraden Linie, sondern auch, wenn es sich im
Kreislaufe bewegt. Nicht einerlei nämlich ist, im
Kreise sich bewegen, und im Kreislaufe: denn es kann
etwas seine Bewegung ununterbrochen fortsetzten; es
kann aber auch dahin zurückgekommen, wovon es
ausging, wieder umbeugen. - Daß aber muß stillgestanden
werden, lehrt nicht nur die sinnliche, sondern
auch die begriffmäßige Betrachtung.Wir müssen nun
hiemit so beginnen. Da es dreierlei giebt, Anfang,
Mittel, Ende, so ist das Mittel gegen die beiden andern
beides, und der Zahl nach eines, dem Begriffe
nach zwei. Ferner ist ein anderes das der Möglichkeit,
und das der Wirklichkeit nach. So daß von der geraden
Linie innerhalb der beiden Enden jeder Punct der
Möglichkeit nach Mittleres ist, der Wirklichkeit nach
aber es nicht ist, wenn das sich Bewegende nicht die
Linie theilt und stehen bleibend von neuem anfängt
Aristoteles: Physik 309
sich zu bewegen. So aber wird das Mittlere Anfang
und Ende: Anfang der späteren, Ende aber der ersten.
Ich meine es so: wenn z.B. sich bewegend das A stillsteht
bei B, und wiederum sich bewegt nach C; dafern
es hingegen sich stetig bewegt, so sei weder da gewesen
z.B. das A auf dem Puncte B, noch davon weggegangen,
sondern es habe sein Sein nur in dem Jetzt,
nicht aber in einer Zeit, außer in der ganzen, welche
das Jetzt theilt. Wollte man aber setzten, es sei da und
entferne sich, so wird stets stillstehen das A, indem es
sich bewegt. Denn es kann nicht zugleich dasein das
A in dem B und sich davon entfernen. Also vielmehr
in verschiedenen Puncten der Zeit. Folglich ist eine
Zeit in der Mitte. Also wird ruhen das A auf dem B.
Auf gleiche Weise aber auch auf den andern Puncten:
denn derselbe Zusammenhang gilt auch von diesen.
Wenn aber das sich bewegende A das B zum Mittel,
Ende und Anfang hat, so muß es stillstehen, indem es
in zwei theilt, gleichwie beim Nachdenken. Allein
von dem Puncte A entfernte es sich als dem Anfange,
und kam zu dem C, wann es endigte und stillstand. -
Darum ist auch in Bezug auf den Zweifel dieß zu
sagen. Es veranlaßt nämlich folgenden Zweifel. Wofern
die E der F gleich wäre, und A stetig sich bewegte
von dem Aeußersten nach C, zugleich aber A wäre
auf dem Puncte B, und D sich bewegte von dem
Aeußersten der F gleichmäßig nach G, und in
Aristoteles: Physik 310
derselben Schnelle mit dem A: so würde D eher nach
G kommen, als A nach C. Denn was eher ausging und
sich entfernte, muß eher ankommen. Nicht also zugleich
kam A auf B, und entfernte sich davon. Darum
verspätigt es sich. Denn geschähe beides zugleich, so
würde es nicht sich verspätigen. Aber es muß stillstehen.
Nicht also ist zu setzen, daß, als A auf B war, D
sich zugleich bewegt von dem äußersten F. Denn
wenn A auf B gekommen sein soll, so muß es sich
davon entfernen, und nicht zugleich. Allein es war in
dem, was die Zeit theilt, und nicht in einer Zeit. Hier
nun also kann man nicht so sprechen, bei dem was
stetig ist. Bei dem aber was umbeugt, muß man so
sprechen. Wenn nämlich G sich bewegt nach D, und
wieder umbeugend sich abwärts bewegt, so hat es die
Spitze D zum Anfang und Ende, also einen Punct
gleich als zwei. Darum muß es stillstehen. Und nicht
zugleich kommt es auf D und geht hinweg von D.
Denn sonst würde es dort zugleich sein und nicht sein
in dem nämlich Jetzt. Allein die alte Lösung darf man
nicht anführen. Denn man kann nicht sagen, daß auf
dem D das G in einem Einschnitt der Zeit ist, und
nicht kommt noch geht. Denn es muß auf das Ende
kommen, welches der Wirklichkeit nach ist, nicht der
Möglichkeit nach. Das nun in der Mitte ist der Möglichkeit
nach, dieses aber der Wirklichkeit nach; und
Ende nach unten, Anfang aber nach oben. Und in
Aristoteles: Physik 311
Bezug auf die Bewegungen eben so. Es muß also
stillstehen das auf gerader Linie Umlenkende. Nicht
also kann stetige Bewegung ewig sein in gerader
Linie.
Auf dieselbeWeise ist zu begegnen auch denen,
die mit Zenon fragen und behaupten: ob stets die
Hälfte durchgegangen werden müsse; dieß aber sei
unbegrenzt. Unbegrenztes aber könne nicht durchgangen
werden. Oder wie die nämliche Frage Andere aufwerfen,
indem sie behaupten, daß, indem etwas durch
die Hälfte sich bewege, es zuvor jedes andere halbe,
durch das es komme, überzähle: so daß, wenn etwas
durch die ganze Linie kommt, es eine unbegrenzte
Zahl überzählt haben müsse. Dieß aber kann zugestandenerWeise
nicht geschehen. In unsern ersten Betrachtungen
nun über die Bewegung haben wir dieß
dadurch gelöst, daß die Zeit unbegrenzt viele Theile
in sich schließe. Nicht wunderbar nämlich ist es,
wenn man in unbegrenzter Zeit Unbegrenztes durchgeht.
Auf gleicheWeise aber ist das Unbegrenzte in
der Länge vorhanden und in der Zeit. Doch diese Lösung
ist zwar für den Fragenden genügend. Gefragt
nämlich wurde, ob in begrenzter Zeit Unbegrenztes
durchgangen oder überzählt werden kann. In Bezug
aber auf die Sache und die Wahrheit ist sie nicht genügend.
Wenn man nämlich absehend von der Länge
Aristoteles: Physik 312
und der Frage, ob in begrenzter Zeit Unbegrenztes
durchgangen werden kann, von der Zeit selbst dasselbe
fragte (denn es hat die Zeit unbegrenzte Theile ) :
so ist nicht mehr hinreichend diese Lösung. Sondern
das Wahre ist, zu sagen, was wir sagten, in den vorigen
Betrachtungen.Wenn nämlich man die stetige
Linie in zwei Hälften theilt, so nimmt man den Einen
Punct für zwei. Man macht ihn nämlich sowohl zum
Anfang als auch zum Ende. So aber verfährt sowohl
der Zählende, als auch der in die Hälften Theilende.
Indem man aber so theilt, ist nicht mehr stetig weder
die Linie noch die Bewegung. Die stetige Bewegung
nämlich ist die von einem Stetigen. In dem Stetigen
aber sind zwar unbegrenzt viele Hälften, aber nicht
der Wirklichkeit, sondern der Möglichkeit nach.
Wenn man sie aber der Wirklichkeit nach macht, so
wird man sie nicht stetig machen, sondern einmal
stillstehen; was bei demjenigen, der die Hälften zählt,
offenbar sich begiebt. Den Einen Punct nämlich muß
er als zwei zählen; denn von der einen Hälfte ist er
Anfang, von der anderen Ende: dafern man nicht eine
stetige Linie, sondern zwei halbe zählt. Also ist zu
dem, der fragt, ob Unbegrenztes durchgangen werden
kann, sei es in der Zeit oder in der Länge: daß gewissermaßen
zwar, gewissermaßen aber nicht. Was es
nämlich der Wirklichkeit nach ist, kann es nicht, was
aber der Möglichkeit nach, kann es. Der stetig sich
Aristoteles: Physik 313
Bewegende nämlich durchgeht nebenbei Unbegrenztes,
schlechthin aber nicht; denn beiläufig hat die
Linie unbegrenzt viele Hälften. Ihr Wesen aber ist ein
anderes und ihr Sein. Klar aber ist auch, daß, wenn
man nicht den Punct der Zeit, der das Vor und Nach
theilt, stets zu dem Nachfolgenden rechnet, das Nämliche
zugleich Seiendes und Nichtseiendes sein wird,
und wenn es geworden ist, nicht sein. Der Punct nun
ist beiden gemein, dem Vorhergehenden und dem
Nachfolgenden, und Eines und dasselbe an Zahl; dem
Begriffe nach aber nicht Dasselbe. Von dem Einen
nämlich ist er Ende, von dem Andern Anfang. In der
Sache aber gehört er stets dem nachfolgenden Zustande
an. Es sei eine Zeit A C B, und ein Ding D. Dieses
in der Zeit A weiß, in der B aber nicht weiß. In der C
also weiß und nicht weiß. In jedem Theile von A nämlich
nennt man es mit Wahrheit weiß, wenn es diese
ganze Zeit hindurch weiß ist, und in der B nicht weiß.
Das C aber ist in beiden. Also ist nicht zuzugeben, in
der ganzen; sondern ausgenommen dem letzten Jetzt,
welches C ist. Dieß aber ist schon das nachfolgende.
Und wenn es nicht weiß ward, und wenn das Weiß
verging in der ganzen A, so ward oder verging es in
dem C. Also wird es weiß oder nicht weiß zuerst in
jenem mit Recht genannt, oder es wird, wenn es geworden
ist, nicht sein, und wenn es untergegangen ist,
sein, oder es muß zugleich weiß und nicht weiß,
Aristoteles: Physik 314
seiend und nichtseiend sein. Wenn aber, was vorher
Nichtseiendes war, zum Seienden werden muß, und
indem es wird, nicht ist: so kann nicht in untheilbare
Zeiten getheilt werden die Zeit. Wenn nämlich in der
Zeit A das D weiß ward, so ist es geworden zugleich
und ist in einer andern untheilbaren, aber daran grenzenden
Zeit, in dem B. Wenn es nun in dem A ward,
und nicht war, in dem B aber ist, so muß ein Werden
dazwischen sein. Also war auch ein Zeit, in der es
ward. - Nicht dieselbe nämlich wird die Rede derer
sein, welche nicht Untheilbares annehmen: sondern in
dem letzten Puncte derselben Zeit, in der es ward, ist
es geworden und ist es, welcher nichts anstoßendes,
noch der Reihe nach folgendes hat. Giebt es aber untheilbare
Zeiten, so folgen sie in der Reihe. Man sieht,
also, daß, es in der ganzen Zeit A ward, nicht länger
ist die Zeit, in welcher es ward und geworden ist, als
die ganze, in welcher es ward. Die Beweisführungen
nun, die man als eigenthümlich gehörige ansehen
kann, sind diese und ähnliche. Betrachtet man es aber
nur nach dem Begriffe, so kann auch aus diesem Folgenden
das nämliche sich zu ergeben scheinen. Alles
nämlich, was stetig sich bewegt, dafern es von nichts
herausgestoßen wird, bewegt sich, wohin es durch
seine Bewegung gelangt, dahin auch vorher. Z.B.
wenn es auf B kommt, so bewegte es sich auch nach
B; und nicht bloß als es nahe war, sondern sogleich
Aristoteles: Physik 315
als es sich zu bewegen begann. Denn warum mehr
jetzt als zuvor? Auf gleicheWeise auch anderwärts.
Was aber von A nach C sich Bewegte, wird wiederum
auf A kommen, indem es stetig sich bewegt. Indem es
also von A nach C sich bewegte, bewegte es sich auch
nach A in der Bewegung von C. Also zugleich die
entgegengesetzten. Denn entgegengesetzt sind die in
gerader Linie. Zugleich aber geht es auch aus dem
heraus, worin es nicht ist. Ist nun dieß unmöglich, so
muß es stillstehen auf C. Nicht also ist Eine die Bewegung.
Denn die durch Stillstehen unterbrochen
wird, ist nicht Eine.
Ferner fällt auch aus Folgendem ein allgemeineres
Licht auf alle Bewegung. Wenn nämlich alles sich
Bewegende eine der genannten Bewegungen erfährt,
so ruht es auch auf eine der entgegenstehenden Arten.
Denn nicht gab es eine andere außer diesen. Was aber
nicht stets in der nämlichen Bewegung sich bewegt,
(ich meine aber, welche verschieden sind der Art
nach, und nicht, wenn vielleicht etwas Theil ist der
ganzen); so muß es zuvor erfahren haben die entgegengesetzte
Ruhe. Die Ruhe nämlich ist Verneinung
der Bewegung.Wenn nun entgegengesetzt sind die
Bewegungen in gerader Linie; zugleich aber nicht die
entgegengesetzten geschehen können: so möchte, was
von A nach C sich bewegt, nicht zugleich auch von C
Aristoteles: Physik 316
nach A sich bewegen. Da es aber nicht zugleich sich
bewegt, und dennoch diese Bewegung erfahren soll,
so muß es zuvor ruhen auf C. Dieß nämlich war die
Ruhe, die der Bewegung von C aus entgegengesetzt
ist. Es erhellt sonach aus dem Gesagten, daß nicht
stetig ist die Bewegung. - Ferner gehört auch Folgendes
noch eigenthümlicher zu dem Gesagten. Zugleich
nämlich ist untergegangen das Nichtweiß, und entstanden
das Weiß. Wenn nun stetig ist die Umbildung
in Weiß und aus Weiß, und es nicht eine Zeitlang stehen
bleibt: so ist zugleich untergegangen das Nichtweiß,
und entstandenWeiß und Nichtweiß. Dreierlei
nämlich geschieht dann in der selben Zeit. - Ferner,
nicht wenn stetig ist die Zeit, ist es darum auch die
Bewegung: sondern nur der Reihe nach. Wie aber
könnte das Letzte das Nämliche sein von Gegentheilen,
wie von Weiße und von Schwärze?
Die Bewegung aber auf der Kreislinie wird eine einige
und stetige sein. Denn nichts unmögliches folgt
daraus. Was nämlich aus A sich bewegt, wird zugleich
nach A sich bewegen in dem nämlichen Umlauf.
Wohin nämlich es kommen soll, dahin bewegt es
sich auch. Aber nicht zugleich wird es die zuwiderlaufenden
oder die entgegengesetzten Bewegungen erfahren.
Denn nicht ist allemal die von diesem der in dieses
zuwiderlaufend noch entgegengesetzt. Sondern
Aristoteles: Physik 317
zuwiderlaufend, die auf gerader Linie. Diese nämlich
hat eine zuwiderlaufende dem Raume nach; z.B. die
nach dem Durchmesser. Diese nämlich hat am meisten
von einander abstehende Puncte. Entgegengesetzt
aber ist die nach der nämlichen Länge. - Also hindert
nichts, daß die Bewegung stetig sei und durch keine
Zeit unterbrochen werde. - Die Bewegung im Kreise
nämlich ist die von sich zu selbst; die in gerader Linie
aber von sich zu einem Anderen. Und die im Kreise
geschieht niemals in dem Nämlichen; die in gerader
Linie aber wiederholt in dem Nämlichen. Jene nun,
die stets in einem Anderen und wieder Anderen geschieht,
kann stetig sein; diese aber, die wiederholt in
dem Nämlichen, kann es nicht. Denn es müßten dann
zugleich die entgegengesetzten Bewegungen geschehen.
Also kann auch weder in einem Halbkreis, noch
in irgend einem andern Bogen eine stetige Bewegung
geschehen. Denn mehrmals muß hier auf dem Nämlichen
die Bewegung geschehen, und die entgegengesetzten
Uebergänge vorkommen. Nicht nämlich verknüpft
sie mit dem Anfange das Ende. Die des Kreises
aber verknüpft beides, und ist allein vollkommen.
- Ersichtlich aber ist aus dieser Eintheilung, daß
auch die anderen Bewegungen nicht stetig sein können.
Denn in allen geschieht es, daß durch das Nämliche
mehrmals die Bewegung geht, z.B. in der Umbildung
durch das was dazwischen ist, und in der Größe,
Aristoteles: Physik 318
die in der Mitte liegenden Ausdehnungen; und in Entstehung
und Untergang eben so. Denn es kommt
nichts darauf an, wenig aber viel zu setzten, worin der
Uebergang geschieht; noch dazwischen hinzuzusetzen
etwas oder hinwegzunehmen. Auf beiderlei Weise
nämlich geschieht es, daß durch das Nämliche mehrmals
die Bewegung geht. Es erhellt nun hieraus, daß
auch die Naturforscher nicht richtig sprechen, welche
sagen, daß alles Empfindbare stets sich bewege. Denn
bewegen müßte es sich in einer von diesen Bewegungen,
und hauptsächlich würde es Ihnen zufolge sich
umbilden. Denn es fließe stets, sagen sie, und nehme
ab. Ferner auch die Entstehung und den Untergang
nennen sie Umbildung. Die begriffmäßige Entwicklung
aber hat jetzt im Allgemeinen gezeigt von aller
Bewegung, daß sein Bewegung stetig geschehen
kann, außer die im Kreise. Also nicht Umbildung,
noch Vermehrung. - Daß nun weder unbegrenzt ist irgend
eine Veränderung, noch stetig, außer der Kreisbewegung,
darüber sei so viel gesagt.
Aristoteles: Physik 319
Neuntes Capitel
Daß aber unter den räumlichen Bewegungen die
Kreisbewegung erste ist, ist klar. Alle Raumbewegung
nämlich ist, wie wir auch vorhin sagten, entweder
im Kreise, oder auf gerader Linie, oder gemischt.
Früher aber als diese müssen jene sein; denn aus
jenen besteht sie. Als die gerade aber, die im Kreise;
denn einfacher ist sie und vollkommener. Unbegrenzt
nämlich kann nichts nach gerader Linie sich bewegen.
Denn ein solchergestalt Unbegrenztes giebt es nicht.
Aber auch nicht, wenn es eines gäbe, bewegt sich
etwas so. Denn nicht geschieht das Unmögliche. Zu
durchgehen aber die unbegrenzte Linie ist unmöglich.
Die Bewegung aber auf der begrenzten Geraden durch
Umlenken zwar ist zusammengesetzt, und vielmehr
zwei Bewegungen; ohne Umlenken aber, unvollständig
und vergänglich. Vorangehende aber sowohl der
Natur, als dem Begriffe, als auch der Zeit nach, ist
das Vollkommene vor dem Unvollkommnen, und vor
dem Vergänglichen das Unvergängliche. Und vorangehend
ist, die ewig sein kann vor der, die es nicht
kann. Die im Kreise nun kann ewig sein, von den andern
aber weder eine Raumbewegung, noch irgend
eine andere. Denn Stillstand muß eintreten; wenn aber
Stillstand, so ist verschwunden die Bewegung.
Aristoteles: Physik 320
Folgerecht aber ergab es sich, daß die im Kreise
eine einige sei und stetige, und nicht die auf gerader
Linie. Denn von der geradlinigen ist bestimmt sowohl
Anfang, als Mittel, als Ende, und alles hat sie in sich.
Also giebt es etwas, wovon die Bewegung beginnt,
und worin sie endet. Denn bei den Grenzen ruht
Alles, sowohl woher als wohin. Bei der Kreisbewegung
aber ist dieß unbestimmt. Denn warum sollte irgend
etwas vorzugweise Grenze sein in dieser Linie?
Auf gleicheWeise nämlich ist jedes sowohl Anfang,
als Mitte, als Ende: so daß stets etwas ist am Anfang
und am Ende, und niemals. Darum bewegt sich und
ruht auf gewisse Art die Kugel: denselben Raum nämlich
nimmt sie ein. Grund aber ist, daß alles dieses
dem Mittelpuncte anhängt; denn sowohl Anfang, als
Mitte der Ausdehnung, als auch Ende ist er. Also weil
dieser außerhalb des Umkreises ist, so giebt es keinen
Ort, wo das Bewegte ruhen kann, als sei es hindurchgekommen.
Denn stets bewegt es sich um die Mitte,
aber nicht nach dem Letzten. Darum steht still und
ruht gewissermaßen das Ganze, und bewegt sich stetig.
Es folgt aber dieses gegenseitig aus einander.
Nämlich weil Maß der Bewegungen der Kreisumschwung
ist, so muß er erste sein. Denn Alles wird
gemessen durch das Erste. Und weil er Erstes ist, ist
er Maß der anderen. - Ferner auch gleichmäßig kann
allein die im Kreise sein. Das nämlich auf gerader
Aristoteles: Physik 321
Linie bewegt sich ungleichmäßig von dem Anfange
aus, und nach dem Ende hin. Denn Alles, je weiter es
sich entfernt von dem Ruhenden, desto schneller bewegt
es sich. Von der aber im Kreise allein ist weder
der Anfang noch das Ende in ihr enthalten; sondern
außer ihr.
Daß nun die Bewegung im Raume erste der Bewegungen
ist, bezeugen Alle, welche der Bewegung gedacht
haben. Die Anfänge nämlich derselben schreiben
sie demjenigen zu, was eine solche Bewegung
hervorruft. Scheidung nämlich und Vereinigung sind
Bewegungen im Raume. Auf diese Art aber bewegen
die Freundschaft und die Feindschaft: denn die eine
von ihnen scheidet, die andere vereinigt. Und auch
von dem Gedanken sagt Anaxagoras, er schied, da er
zuerst bewegte. Gleicherweise auch diejenigen, welche
eine solche Ursache zwar nicht nennen, aber, daß
durch das Leere bewegt werde, sagen. Auch diese
nämlich sagen, daß auf räumliche Art die Natur sich
bewege. Denn die Bewegung durch das Leere ist Ortveränderung,
und im Raume. Von der andern aber
glauben sie, daß keine dem, was das Erste ist, zukomme,
sondern nur dem, was aus diesem. Wachsthum
nämlich und Abnahme und Umbildung geschehe,
indem sich vereinigen und trennen die untheilbaren
Körper, sagen sie. Auf dieselbeWeise auch
Aristoteles: Physik 322
diejenigen, welche aus Dichtigkeit und Dünne Entstehung
und Untergang herleiten. In Verbindung nämlich
und Scheidung lassen sie dieß geschehen. Ferner auch
zu diesen die, welche die Seele Ursache der Bewegung
sein lassen. Was nämlich sich selbst bewege,
sagen sie, sei Anfang des Bewegten. Es bewegt aber
das Thier, und alles das Beseelte die Selbstbewegung
im Raume. Und eigentlich sagen wir nur, es bewegt
sich, von dem, was in dem Raume sich bewegt. Sobald
es aber in dem nämlichen Raume ruht, aber
wächst oder abnimmt, oder vielleicht sich umbildet,
sagen wir, es bewege sich gewissermaßen; daß es
schlechthin sich bewege aber nicht. - Daß nun immer
Bewegung war, und sein wird alle Zeit hindurch, und
welches Anfang der ewigen Bewegung, ferner, welches
erste Bewegung ist, und welche Bewegung allein
nur ewig sein kann, und daß das zuerst Bewegende
ein Unbewegliches, ist gesagt worden.
Zehntes Capitel
Daß aber dieses theillos sein muß, und keine Ausdehnung
haben, wollen wir jetzt zeigen; indem wir
zuerst über dasjenige, was diesem vorausgeht, Bestimmungen
geben. Hievon aber ist eine, daß nichts
Begrenztes eine unbegrenzte Zeit hindurch bewegen
Aristoteles: Physik 323
kann. Dreierlei nämlich ist: das Bewegte, und das Bewegende,
und drittens das worin, die Zeit. Dieß aber
ist entweder alles unbegrenzt, oder alles begrenzt,
oder einiges, z.B. die zwei, oder das eine. Es sei nun
A Bewegendes, das Bewegte B, eine unbegrenzte Zeit
C. D nun bewege einen Theil von B, das E. Gewiß
nicht in gleicher Zeit mit C. Denn in längerer das
Größere. Also ist nicht unbegrenzt die Zeit F. So nun
werde ich, zu dem D hinzusetzend, das A aufgehen
lassen, und zu dem E, das B. Die Zeit aber werde ich
nicht können aufgehen lassen, indem ich stets eine
gleiche hinwegnehme; denn sie ist unbegrenzt. Also
wird das ganze A das ganze B bewegen in einer begrenzten
Zeit C. Nicht also vermag von einem Begrenzten
etwas versetzt zu werden in eine unbegrenzte
Bewegung. Daß nun also nicht kann das Begrenzte in
unbegrenzter Zeit bewegen, ist ersichtlich. Daß aber
überhaupt nicht kann einer begrenzten Ausdehnung
eine unbegrenzte Kraft sein, erhellt aus diesem. Es sei
nämlich die größere Kraft stets diejenige, welche das
Gleiche in kürzerer Zeit bewirkt, z.B. wärmt, oder
versüßt, oder wirft, oder überhaupt bewegt. Es muß
nun auch von dem, was begrenzt ist, aber eine unbegrenzte
Kraft hat, leiden etwas das Leidende, und
mehr als von einem anderen. Denn eine größere ist die
unbegrenzte Kraft. Allein eine Zeit kann dabei nicht
verfließen.Wäre nämlich die Zeit A, in welcher die
Aristoteles: Physik 324
unbegrenzte Kraft wärmte oder stieß; in A B aber eine
begrenzte: so werde ich dieser stets eine größere hinzunehmend,
einmal auf eine kommen, die in der Zeit
A bewegt. Denn indem ich zu der begrenzten stets
hinzusetze, werde ich alles Bestimmte überbieten, und
indem ich wegnehme, auf gleicheWeise umgekehrt.
In gleicher Zeit also wird die begrenzte Kraft bewegen
mit der unbegrenzten. Dieß aber ist unmöglich.
Nichts Begrenztes also vermag eine unbegrenzte
Kraft zu haben. Es kann demnach auch nicht in Unbegrenztem
eine begrenzte sein. Und doch kann in einer
kleineren Ausdehnung eine größere Kraft sein, aber
noch mehr in einer größeren eine größere. Es sei also
A B ein Unbegrenztes. B C nun hat eine Kraft, die in
einer gewissen Zeit das D bewegt, in der Zeit E F.
Wenn ich nun von B C das Doppelte nehme, so wird
es in der halben Zeit E F bewegen: denn dieß ist das
Verhältniß. Also mag es in der Zeit F H bewegen.
Werde ich nun nicht, stets so fortfahrend, A B zwar
nie durchgehen, doch aber stets eine kürzere Zeit als
die gegebene nehmen? Eine unbegrenzte also wird die
Kraft sein: denn sie übertrifft alle begrenzte Kraft.
Für alle begrenzte Kraft aber muß auch die Zeit begrenzt
sein. Denn wäre die, die so groß ist, in einer
Zeit, so wird die größere in einer kürzern zwar, aber
doch bestimmten Zeit bewegen, nach umgekehrtem
Verhältniße. Unbegrenzt aber ist alle Kraft, so wie
Aristoteles: Physik 325
auch Menge und Ausdehnung, die jede bestimmte
übertrifft. Es läßt sich aber auch so dieses zeigen,
wenn wir eine Kraft nehmen, die der Gattung nach
dieselbe mit der unbegrenzten Ausdehnung, aber in
einer begrenzten Ausdehnung ist, und die ein Maß abgiebt
für die begrenzte Kraft in der unbegrenzten. Daß
nun nicht sein kann eine unbegrenzte Kraft in einer
begrenzten Ausdehnung, noch eine begrenzte in unbegrenzter,
erhellt hieraus. Was aber das sich Bewegende
betrifft, so ist es wohlgethan, darüber zuförderst
einen Zweifel vorzulegen.Wenn nämlich alles
Bewegte bewegt wird durch etwas: wie wird unter
demjenigen, was nicht sich selber bewegt, Einiges
stetig bewegt, ohne daß es mit dem Bewegenden sich
berührt; z.B. das Geworfene? Wenn aber zugleich
etwas Anderes bewegt der Bewegende, z.B. die Luft,
die, bewegt, bewegte: so wäre gleicherweise unmöglich,
daß ohne daß der erste berührte noch bewegte,
sie sich bewegte; sondern alles müßte zugleich sich
bewegen und aufhören, sobald das zuerst Bewegende
aufhörte; und wenn es auch thut was der Stein, nämlich
bewegt was bewegte. Man muß aber dieß sagen,
daß das zuerst Bewegende fähig macht zu bewegen,
sei es diese Luft, oder das Wasser, oder etwas anderes
dergleichen, welches die Bestimmung hat zu bewegen
und bewegt zu werden. Aber nicht zugleich hört es
auf zu bewegen und bewegt zu werden: sondern
Aristoteles: Physik 326
bewegt zu werden zugleich, wenn der Bewegende aufhört
zu bewegen: bewegend aber bleibt es noch.
Darum bewegt es etwas anderes, was daran stößt.
Und von diesem gilt dasselbe. Es läßt aber nach,
wenn geringer wird die Kraft zu bewegen in dem Daranstoßenden.
Gänzlich aber hört es auf, wenn nicht
mehr thätig ist das vorher Bewegende, und nur noch
bewegt wird. Dieß aber muß zugleich aufhören, das
eine zu bewegen, das andere bewegt zu werden, und
die ganze Bewegung. - Diese Bewegung nun geschieht
in demjenigen, was fähig ist, bald sich zu bewegen,
bald zu ruhen. Und nicht eine stetige, sondern
nur dem Scheine nach. Denn entweder von der Reihe
nach Folgendem, oder von Berührendem ist sie. Nicht
Eins nämlich ist das Bewegende, sondern sie stoßen
an einander. Darum geschieht auch in Luft und in
Wasser eine solche Bewegung. Von dieser sagen Einige,
sie sei gegenseitiger Ortwechsel.- Es kann aber
nicht auf andereWeise der aufgeworfene Zweifel gelöst
werden, als auf die angegebene. Der gegenseitige
Ortwechsel läßt Alles zugleich bewegt werden und
bewegen; also auch aufhören. So aber erscheint Eines
nur als stetig sich bewegend. Von etwas also: denn
doch nicht von sich selbst. Da aber in dem was ist,
immer eine stetige Bewegung sein muß, diese aber
eine einige ist; die einige aber von irgend einer Ausdehnung
sein muß (denn nicht bewegt sich, was keine
Aristoteles: Physik 327
Ausdehnung hat): so muß sie auch Bewegung eines
Einen und von Einem erregt sein: denn sonst wäre sie
nicht stetig, sondern bloß anstoßend die eine an die
andere, und getrennt. Das Bewegende nun, wenn es
Eines ist, bewegt entweder, indem es selbst bewegt,
oder indem es unbeweglich ist. Ist es nun selbst bewegt,
so wird es das Bewegte begleiten müssen, und
selbst mit in die Veränderung eingehen, und zugleich
bewegt werden von etwas. Also wird man stehen bleiben
bei, und kommen auf ein Bewegtwerden von Unbeweglichem.
Dieses nämlich braucht nicht in die
Veränderung mit einzugehen, sondern es wird stets
etwas bewegen können. Denn mühelos ist dieses Bewegen,
und gleichmäßig diese Bewegung, entweder
allein, oder vorzüglich. Denn nicht erleidet irgend
eine Veränderung das Bewegende. Es darf aber auch
nicht das Bewegte in Bezug auf jenes eine Veränderung
erleiden, damit gleichförmig ist die Bewegung.
Es muß aber entweder in der Mitte, oder im Kreise
sein. Denn dieß sind die Anfänge. Aber am schnellsten
bewegt sich, was am nächsten ist dem Bewegenden.
Eine solche aber ist die Bewegung des Ganzen.
Dort also ist das Bewegende. - Es leidet aber einen
Zweifel, ob etwas Bewegtes stetig bewegen kann, und
nicht vielmehr, wie das Stoßende, in Absätzen, und
auch durch die Folge in der Reihe die Bewegung stetig
ist. Entweder nämlich muß es stoßen oder ziehen,
Aristoteles: Physik 328
oder beides, oder etwas anderes, indem es selbst Verschiedenes
von Verschiedenem erfährt, wie zuvor gesagt
ward von dem, was geworfen wird. Wenn aber
die Luft oder das Wasser, die theilbar sind, bewegen,
nicht aber als würden sie stets bewegt: so kann in beiden
Fällen die Bewegung nicht Eine sein, sondern nur
eine angrenzende. Allein also stetig ist, welche das
Unbewegliche erregt. Denn indem es sich stets gleich
verhält, wird es auch gegen das Bewegte immer gleich
sich verhalten und stetig. - Nach diesen Bestimmungen
nun ist ersichtlich, daß nicht kann das zuerst Bewegende
und Unbewegliche eine Ausdehnung haben.
Denn hat es eine Ausdehnung, so muß es entweder
begrenzt sein, oder unbegrenzt. Daß nun unbegrenzt
keine Ausdehnung sein kann, ist zuvor gezeigt worden
in den naturwissenschaftlichen Betrachtungen.
Daß aber das Begrenzte keine unbegrenzte Kraft
haben kann, und daß nichts von etwas Begrenztem in
unbegrenzter Zeit bewegt werden kann, ist jetzt gezeigt
worden. Das zuerst Bewegende aber erregt doch
eine ewige Bewegung, und eine unbegrenzte Zeit hindurch.
Ersichtlich also ist, daß es untrennbar ist und
theillos, und daß es keine Ausdehnung hat.

Quelle:
Aristoteles: Physik. Leipzig 1829, S. 1.
Entstanden um 347 v. Chr. Erstdruck in lateinischer Übersetzung: Löwen ca. 1475. Erstdruck des griechischen Originals: Venedig 1479. Der Text folgt der ersten deutschen Übersetzung durch Christian Hermann Weiße von 1829.

weitere Literatur: https://www.uni-erfurt.de/philosophie/theophil/lehre/lehre-winter-20112012/aristoteles-metaphysik/

oel

Was verbindet eine Ölplattform mit Pigmenten und Jan van Eyck ???

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