Karl – Entschuldigung eines Spätgekommenen
Strophe 1
Ich habe Akten gelesen,
Zahlen sortiert, Haushalte gedreht.
Ich habe Debatten gewonnen
und Termine überlebt.
Ich kannte Kurven und Prognosen,
ich kannte jedes Diagramm –
doch ich habe sie gesehen
und trotzdem nichts getan.
Strophe 2
Man sagte: Es kommt noch Zeit.
Man sagte: Nicht heute, nicht jetzt.
Ich habe genickt und vertagt
und das Morgen weggesetzt.
Wir wussten von den Jahrgängen,
wir kannten das graue Gewicht –
doch ich habe regiert wie ein Verwalter
und nicht wie ein Mensch mit Pflicht.
Refrain
Ich bitte um Entschuldigung.
Nicht strategisch. Nicht gewählt.
Ich habe es versäumt,
obwohl ich es gezählt.
Ich trage keinen Titel mehr,
der mich davon befreit:
Ich war verantwortlich –
und habe Zeit vergeudet, Zeit.
Strophe 3
Ich habe Pflege „mitgedacht“,
aber nie zu Ende gedacht.
Ich habe Zuständigkeiten verschoben
und Verantwortung weichgemacht.
Ich habe auf Systeme vertraut,
die niemand aufgebaut hat,
und habe gehofft,
dass sich das Problem selbst vertagt.
Strophe 4
Jetzt sehe ich Gesichter
statt nur Kurven im Bericht.
Jetzt höre ich das Schweigen
und erkenne meine Pflicht.
Ich sehe Kinder, die zahlen,
und Alte, die sich schämen –
und weiß: Das hätte anders laufen müssen,
wenn wir uns früher hätten kümmern können.
Refrain
Ich bitte um Entschuldigung.
Nicht aus Kalkül, sondern aus Schuld.
Ich war lange im Geschäft
und habe zu wenig Mut gehabt, zu viel Geduld.
Es gibt kein „Wir konnten nicht“,
kein „Man wusste es nicht“:
Man wusste es seit Jahrzehnten –
und ich war Teil davon. Ich.
Bridge
Wenn Verantwortung etwas bedeutet,
dann auch, sie zu benennen.
Nicht weiterzureichen,
nicht weichzuspülen, nicht umzubenennen.
Ich kann nichts ungeschehen machen,
aber ich kann es sagen, klar:
Dieses Versagen hat Namen.
Und einer davon war: Karl.
Letzter Refrain (leise)
Ich bitte um Entschuldigung
bei denen, die jetzt den Preis bezahlen.
Nicht als Politiker.
Als Mensch, der hätte handeln sollen.
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Perspektive 1 von 6 · Verantwortung und Versäumnis
Der Politiker
Der vollständige Text bleibt als künstlerische Stimme erhalten. Er ist keine statistische Darstellung, sondern macht eine politische Folge emotional erfahrbar.