Ich halte das nicht mehr allein
(Stimme einer Pflegekraft)
Strophe 1
Ich bin morgens da,
bevor der Tag beginnt.
Ich kenne eure Gesichter
noch vor dem Kaffee.
Ich weiß, wer Angst hat,
wer nachts geweint hat
und wer so tut,
als wäre alles gut.
Strophe 2
Ich habe gelernt,
mit Händen zu sprechen,
wenn Worte nicht mehr reichen.
Ich habe gelernt,
ruhig zu bleiben,
wenn jemand schreit,
weil das Gehirn
nicht mehr weiß, wo es ist.
Refrain
Ich halte viel.
Aber nicht alles.
Ich halte Menschen.
Ich halte Nächte.
Ich halte Systeme,
die längst wackeln.
Aber ich halte das
nicht mehr allein.
Strophe 3
Man nennt mich Heldin,
wenn Kameras da sind.
Man nennt mich Kostenfaktor,
wenn es um Geld geht.
Ich bin kein Engel.
Ich bin müde.
Und müde Menschen
machen Fehler.
Strophe 4
Ich renne von Zimmer zu Zimmer
mit zu wenig Zeit
und zu vielen Namen im Kopf.
Und manchmal
bleibe ich kurz stehen
und denke:
So war das nicht gedacht.
Refrain
Ich halte eure Eltern.
Ich halte eure Großmütter.
Ich halte Erinnerungen,
die niemand mehr abholt.
Aber ich halte das
nicht mehr allein.
Bridge
Ich habe Kolleg:innen verloren.
Nicht an den Tod.
An Erschöpfung.
An Burnout.
An den Moment,
in dem jemand sagte:
„Ich kann nicht mehr
und niemand hört zu.“
Strophe 5
Ich brauche keine Orden.
Ich brauche Kolleg:innen.
Ich brauche Zeit,
um Mensch zu bleiben.
Und ein System,
das nicht so tut,
als sei Mitgefühl
unendlich verfügbar.
Letzter Refrain
Ich bin noch hier.
Aber ich werde nicht
für immer hier sein,
wenn sich nichts ändert.
Ich halte viel.
Doch eines sage ich klar:
Ich halte das
nicht mehr allein.
Schluss
Pflege ist Beziehung.
Kein Notbetrieb.
Und wenn ihr wollt,
dass wir bleiben,
dann bleibt ihr jetzt
bei uns.
###
###
← Alle sechs Stimmen
Perspektive 6 von 6 · Realität und Schlusswort
Die Pflegekraft
Der vollständige Text bleibt als künstlerische Stimme erhalten. Er ist keine statistische Darstellung, sondern macht eine politische Folge emotional erfahrbar.