Die sprachliche Form der Tragödie
Vollständiger gesungener Text
Die Handlung zeigt, was geschieht.
Doch die Sprache zeigt, wie ein Mensch darüber denkt.
Sie beweist.
Sie widerlegt.
Sie bittet.
Sie droht.
Sie weckt Jammer, Schauder und Zorn.
Ein Wort kann etwas größer machen, als es vorher vor uns stand. Kann das Kleine schwerer wiegen, legt Bedeutung in die Hand.
Ein Wort kann eine Tat erklären, kann behaupten: So ist es. Kann bezweifeln, kann bestreiten, kann enthüllen, was man misst.
Es kann einen Menschen überzeugen, kann den andern widerlegen. Kann aus Hoffnung Furcht erschaffen, kann den Zorn in Stimmen legen.
Was die Handlung sichtbar werden lässt, muss die Rede in uns wecken. Denn durch Worte kann der Redende eine Wirkung in uns strecken.
Worte beweisen.
Worte verneinen.
Worte können Jammer sein.
Worte vergrößern.
Worte verkleinern.
Worte dringen in uns ein.
Was die Handlung zeigt, muss die Sprache fühlbar machen.
Denn ein Wort kann etwas öffnen, und ein Wort kann etwas brechen.
Bei den Taten muss das Schreckliche aus dem eignen Gang entstehn. Ohne Hinweis, ohne Erklärung müssen wir das Leiden sehn.
Doch die Rede trägt die Aufgabe, ihre Wirkung selbst zu tun. Sie muss Zorn und Mitleid wecken, darf nicht einfach in sich ruhn.
Denn was bliebe für den Sprechenden, wenn die Wirkung schon geschah? Wenn die Worte nichts mehr änderten, wäre keine Aufgabe da.
So muss Sprache etwas leisten, nicht nur schön und klingend sein. Sie muss führen, sie muss treffen, muss im Menschen wirksam sein.
Worte beweisen.
Worte verneinen.
Worte können Jammer sein.
Worte vergrößern.
Worte verkleinern.
Worte dringen in uns ein.
Was die Handlung zeigt, muss die Sprache fühlbar machen.
Denn ein Wort kann etwas öffnen, und ein Wort kann etwas brechen.
Ein Befehl.
Eine Bitte.
Ein Bericht.
Eine Drohung.
Eine Frage.
Eine Antwort.
Jede Form des Sprechens trägt eine andere Bewegung.
Doch nicht jede sprachliche Feinheit gehört zur Dichtkunst.
Manches gehört zur Kunst des Vortrags.
Manches zur Rhetorik.
Denn der Dichter muss nicht erklären, wie jede Aussage grammatisch heißt.
Er muss wissen, was sie im Menschen bewirkt.
„Singe, Göttin, diesen Zorn“ — ist das Bitte oder Pflicht? Ist es Wunsch oder ein Befehl? Für die Dichtung zählt das nicht.
Denn kein Werk wird schlecht, nur weil man eine Form nicht richtig nennt. Nicht die Lehre jeder Aussage macht den Dichter konsequent.
Wichtiger ist, ob seine Sprache dem Geschehen Wirkung gibt. Ob sie Menschen wirklich sprechen lässt, ob man hasst, erschrickt und liebt.
Nicht die Bezeichnung macht die Dichtung, nicht die Regel ganz allein. Was ein Wort im Werk vollbringt, muss der Maßstab seiner Sprache sein.
Worte beweisen.
Worte verneinen.
Worte können Jammer sein.
Worte vergrößern.
Worte verkleinern.
Worte dringen in uns ein.
Was die Handlung zeigt, muss die Sprache fühlbar machen.
Denn ein Wort kann etwas öffnen, und ein Wort kann etwas brechen.
Beweisen.
Widerlegen.
Bitten.
Drohen.
Fragen.
Antworten.
Vergrößern.
Verkleinern.
Jammer wecken.
Schauder wecken.
Zorn entfachen.
Die Sprache handelt, auch wenn nur Worte fallen.
Die sprachliche Form ist nicht bloß Schmuck.
Sie gibt Gedanken Gestalt.
Sie lenkt die Wirkung.
Sie macht hörbar, was im Menschen geschieht.
Denn Worte berichten nicht nur.
Worte handeln.
Ein Wort kann öffnen. Ein Wort kann brechen.