SMS · Susanne macht SchuleWissen darf lebendig sein.
Aristoteles · Poetik in Musik · Kursteil 3

Sprache, Epos und Schlussfragen

Kapitel 19–26. Sprachliche Form, Wörter, Epos, dichterische Probleme und Aristoteles’ Schlussvergleich.

Poetik · Teil 19

Die sprachliche Form der Tragödie

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Intro – gesprochen

Die Handlung zeigt, was geschieht.

Doch die Sprache zeigt, wie ein Mensch darüber denkt.

Sie beweist.

Sie widerlegt.

Sie bittet.

Sie droht.

Sie weckt Jammer, Schauder und Zorn.

Strophe 1

Ein Wort kann etwas größer machen, als es vorher vor uns stand. Kann das Kleine schwerer wiegen, legt Bedeutung in die Hand.

Ein Wort kann eine Tat erklären, kann behaupten: So ist es. Kann bezweifeln, kann bestreiten, kann enthüllen, was man misst.

Es kann einen Menschen überzeugen, kann den andern widerlegen. Kann aus Hoffnung Furcht erschaffen, kann den Zorn in Stimmen legen.

Was die Handlung sichtbar werden lässt, muss die Rede in uns wecken. Denn durch Worte kann der Redende eine Wirkung in uns strecken.

Refrain

Worte beweisen.

Worte verneinen.

Worte können Jammer sein.

Worte vergrößern.

Worte verkleinern.

Worte dringen in uns ein.

Was die Handlung zeigt, muss die Sprache fühlbar machen.

Denn ein Wort kann etwas öffnen, und ein Wort kann etwas brechen.

Strophe 2

Bei den Taten muss das Schreckliche aus dem eignen Gang entstehn. Ohne Hinweis, ohne Erklärung müssen wir das Leiden sehn.

Doch die Rede trägt die Aufgabe, ihre Wirkung selbst zu tun. Sie muss Zorn und Mitleid wecken, darf nicht einfach in sich ruhn.

Denn was bliebe für den Sprechenden, wenn die Wirkung schon geschah? Wenn die Worte nichts mehr änderten, wäre keine Aufgabe da.

So muss Sprache etwas leisten, nicht nur schön und klingend sein. Sie muss führen, sie muss treffen, muss im Menschen wirksam sein.

Refrain

Worte beweisen.

Worte verneinen.

Worte können Jammer sein.

Worte vergrößern.

Worte verkleinern.

Worte dringen in uns ein.

Was die Handlung zeigt, muss die Sprache fühlbar machen.

Denn ein Wort kann etwas öffnen, und ein Wort kann etwas brechen.

Zwischenteil – Sprechgesang

Ein Befehl.

Eine Bitte.

Ein Bericht.

Eine Drohung.

Eine Frage.

Eine Antwort.

Jede Form des Sprechens trägt eine andere Bewegung.

Doch nicht jede sprachliche Feinheit gehört zur Dichtkunst.

Manches gehört zur Kunst des Vortrags.

Manches zur Rhetorik.

Denn der Dichter muss nicht erklären, wie jede Aussage grammatisch heißt.

Er muss wissen, was sie im Menschen bewirkt.

Strophe 3

„Singe, Göttin, diesen Zorn“ — ist das Bitte oder Pflicht? Ist es Wunsch oder ein Befehl? Für die Dichtung zählt das nicht.

Denn kein Werk wird schlecht, nur weil man eine Form nicht richtig nennt. Nicht die Lehre jeder Aussage macht den Dichter konsequent.

Wichtiger ist, ob seine Sprache dem Geschehen Wirkung gibt. Ob sie Menschen wirklich sprechen lässt, ob man hasst, erschrickt und liebt.

Nicht die Bezeichnung macht die Dichtung, nicht die Regel ganz allein. Was ein Wort im Werk vollbringt, muss der Maßstab seiner Sprache sein.

Refrain – größer

Worte beweisen.

Worte verneinen.

Worte können Jammer sein.

Worte vergrößern.

Worte verkleinern.

Worte dringen in uns ein.

Was die Handlung zeigt, muss die Sprache fühlbar machen.

Denn ein Wort kann etwas öffnen, und ein Wort kann etwas brechen.

Bridge – dramatisch

Beweisen.

Widerlegen.

Bitten.

Drohen.

Fragen.

Antworten.

Vergrößern.

Verkleinern.

Jammer wecken.

Schauder wecken.

Zorn entfachen.

Die Sprache handelt, auch wenn nur Worte fallen.

Outro – ruhig gesprochen

Die sprachliche Form ist nicht bloß Schmuck.

Sie gibt Gedanken Gestalt.

Sie lenkt die Wirkung.

Sie macht hörbar, was im Menschen geschieht.

Denn Worte berichten nicht nur.

Worte handeln.

Letzte Zeile – gesungen

Ein Wort kann öffnen. Ein Wort kann brechen.

Poetik · Teil 20

Die Elemente der Sprache

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Intro – gesprochen

Die Sprache besteht aus Teilen.

Aus Lauten, die noch nichts bedeuten.

Aus Wörtern, die etwas benennen.

Und aus Sätzen, die Gedanken tragen.

Buchstabe.

Silbe.

Verbindung.

Nomen.

Verb.

Fall.

Satz.

Strophe 1

Am Anfang steht der kleinste Laut, noch ohne Sinn und ohne Bild. Ein Zeichen, das die Stimme formt, ein Ton, der sich im Munde bildet.

Ein Vokal klingt aus sich selbst, offen, hörbar, frei und klar. Ein Halbvokal braucht Widerstand, doch seine Stimme bleibt noch wahr.

Der Konsonant steht nicht allein, erst mit dem andern wird er Klang. So fügt sich Laut an Laut heran, und Sprache nimmt den ersten Gang.

Refrain

Laut wird Silbe.

Silbe wird Wort.

Wort wird Satz und trägt uns fort.

Was noch nichts bedeutet, fügt sich Stück für Stück.

Und aus einzelnen Lauten kehrt ein ganzer Sinn zurück.

Laut wird Silbe.

Silbe wird Wort.

Aus dem Klang entsteht ein Ort.

Strophe 2

Die Silbe trägt noch keinen Sinn, doch mehrere Laute wohnen darin. Ein Konsonant, ein heller Ton — gemeinsam werden sie zur Form.

Dann kommen kleine Bindeglieder, Wörter ohne eignen Kern. Sie halten andere Laute zusammen, führen Nähe, Richtung, Fern.

Ein Nomen nennt, doch kennt keine Zeit. Es sagt: ein Mensch, ein Haus, ein Stein. Ein Verb trägt Handlung und Bewegung, lässt Gegenwart und Früher sein.

Refrain

Laut wird Silbe.

Silbe wird Wort.

Wort wird Satz und trägt uns fort.

Was noch nichts bedeutet, fügt sich Stück für Stück.

Und aus einzelnen Lauten kehrt ein ganzer Sinn zurück.

Laut wird Silbe.

Silbe wird Wort.

Aus dem Klang entsteht ein Ort.

Zwischenteil – Sprechgesang

Ein Nomen nennt.

Ein Verb geschieht.

„Der Mensch.“

„Er geht.“

„Er ist gegangen.“

Das Verb trägt Zeit.

Das Nomen nicht.

Und der Fall verändert, wie ein Wort im Satz erscheint.

Dieser.

Diesem.

Menschen.

Mensch.

Eine Frage.

Ein Befehl.

Die Form verändert sich —

und mit ihr die Beziehung.

Strophe 3

Ein Satz ist mehr als nur ein Klang, er trägt Bedeutung, kurz und lang. Nicht jeder Satz braucht auch ein Verb, doch irgendein Teil erklärt die Welt.

Ein Satz kann einen Gegenstand als eine Einheit vor uns stellen. Oder viele Teile miteinander zu einem großen Ganzen fügen.

So wird aus einzelnen Elementen eine Stimme, die versteht. Aus Buchstaben wächst ein Gedanke, der von einem Menschen weitergeht.

Refrain – größer

Laut wird Silbe.

Silbe wird Wort.

Wort wird Satz und trägt uns fort.

Was noch nichts bedeutet, fügt sich Stück für Stück.

Und aus einzelnen Lauten kehrt ein ganzer Sinn zurück.

Laut wird Silbe.

Silbe wird Wort.

Aus dem Klang entsteht ein Ort.

Bridge – rhythmisch

Buchstabe.

Silbe.

Verbindung.

Nomen.

Verb.

Fall.

Satz.

Ein Laut.

Ein Name.

Eine Handlung.

Eine Zeit.

Eine Beziehung.

Ein Gedanke.

Und plötzlich spricht die Welt.

Outro – ruhig gesprochen

Die Sprache beginnt mit einem Laut.

Doch sie endet nicht im Laut.

Sie fügt.

Sie benennt.

Sie handelt.

Sie verbindet.

Und aus vielen kleinen Teilen entsteht ein bedeutungsvoller Satz.

Letzte Zeile – gesungen

Aus einem Laut wird eine Welt.

Poetik · Teil 21

Die Wörter

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Intro – gesprochen

Wörter können einfach sein.

Oder aus mehreren Teilen bestehen.

Sie können gewöhnlich sein.

Fremd.

Neu gebildet.

Verlängert.

Verkürzt.

Verwandelt.

Und manchmal trägt ein Wort die Bedeutung eines anderen.

Dann entsteht die Metapher.

Strophe 1

Manche Wörter stehn für sich, einfach, klar und ungeteilt. Andere sind zusammengesetzt, haben mehrere Teile vereint.

Manche kennt ein jeder Sprecher, sie gehören seinem Ort. Was für ihn ganz üblich klingt, ist für andere ein fremdes Wort.

Denn ein Ausdruck kann vertraut sein, wo ein anderer ihn gebraucht. Und wo niemand ihn versteht, wird er Glosse dort genannt.

So trägt Sprache ihre Heimat in der Stimme, in der Zeit. Was hier nah und selbstverständlich, klingt dort fern und ungeweiht.

Refrain

Ein Wort verlässt den alten Ort

und trägt Bedeutung weiter fort.

Es nennt das Eine durch das Andere

und macht das Unsichtbare sichtbar.

Ein Wort wird Bild.

Ein Bild wird Sinn.

Die Metapher trägt uns über Grenzen hin.

Strophe 2

Eine Metapher überträgt ein Wort auf fremdes Land. Von der Gattung auf die Art, oder andersherum verwandt.

Von einer Art auf eine andere, weil beides ähnlich wirkt. Oder durch ein Gleichverhältnis, das im neuen Bilde liegt.

Eine Schale wird zum Schilde, wenn sie Dionysos trägt. Und der Schild wird seine Schale, wenn sich Ares darin regt.

Der Abend wird zum Alter eines langsam sterbenden Tags. Und das Alter wird zum Abend eines Lebens, das sich neigt.

Refrain

Ein Wort verlässt den alten Ort

und trägt Bedeutung weiter fort.

Es nennt das Eine durch das Andere

und macht das Unsichtbare sichtbar.

Ein Wort wird Bild.

Ein Bild wird Sinn.

Die Metapher trägt uns über Grenzen hin.

Zwischenteil – Sprechgesang

Die Sonne streut ihr Licht.

Doch für dieses Streuen gibt es kein eigenes Wort.

Also sagt der Dichter:

Die Sonne sät.

Denn wie der Mensch den Samen über die Erde streut,

so streut die Sonne ihr Licht über die Welt.

Das ist Analogie.

Nicht Gleichheit.

Sondern ein Verhältnis, das sich im anderen wiederholt.

Strophe 3

Manche Wörter werden neu erfunden, weil noch kein alter Name reicht. Ein Dichter prägt den neuen Klang, bis er einer Sache gleicht.

Manche Wörter werden länger, eine Silbe tritt hinzu. Andere werden kurz und schmal, lassen einen Teil in Ruh.

Wieder andere werden verändert, etwas fällt und etwas wächst. So kann Sprache sich bewegen, während sie die Welt übersetzt.

Kein Wort bleibt immer unbeweglich, wenn ein Dichter es berührt. Denn die Sprache darf sich wandeln, wenn sie tiefer zu uns führt.

Refrain

Ein Wort verlässt den alten Ort

und trägt Bedeutung weiter fort.

Es nennt das Eine durch das Andere

und macht das Unsichtbare sichtbar.

Ein Wort wird Bild.

Ein Bild wird Sinn.

Die Metapher trägt uns über Grenzen hin.

Bridge – rhythmisch

Gewöhnlich.

Fremd.

Metapher.

Schmuckwort.

Neubildung.

Erweiterung.

Verkürzung.

Abwandlung.

Ein Wort bleibt nicht nur Wort.

Es wird Bewegung.

Es wird Beziehung.

Es wird Bild.

Strophe 4

Manche Namen gelten männlich, andere weiblich im Gebrauch. Manche stehen zwischen beiden, so bestimmt es Sprache auch.

Doch wichtiger als jede Endung ist die Kraft, die Wörter tragen. Denn sie können Dinge ordnen, können neue Nähe wagen.

Sie können etwas anders nennen und es dadurch neu verstehn. Sie können Licht in Bilder legen, wo wir vorher keines sehn.

Refrain – final

Ein Wort verlässt den alten Ort

und trägt Bedeutung weiter fort.

Es nennt das Eine durch das Andere

und macht das Unsichtbare sichtbar.

Ein Wort wird Bild.

Ein Bild wird Sinn.

Die Metapher trägt uns über Grenzen hin.

Outro – ruhig gesprochen

Ein Wort kann üblich sein.

Oder fremd.

Alt.

Oder neu.

Es kann wachsen.

Es kann schrumpfen.

Es kann verwandelt werden.

Doch seine größte Kraft zeigt es vielleicht dort,

wo es etwas benennt, für das es ursprünglich gar nicht geschaffen war.

Letzte Zeile – gesungen

Ein Wort wird Bild — und die Welt wird neu.

Poetik · Teil 22

Die vollkommene sprachliche Form

Quelltext Kapitel 22
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Intro – gesprochen

Die vollkommene sprachliche Form ist klar —

und zugleich nicht banal.

Denn Sprache muss verstanden werden.

Doch sie darf nicht klingen, als hätte man sie schon tausendmal gehört.

Strophe 1

Nimm nur die Wörter, die jeder kennt, dann wird dein Satz zwar klar benannt. Kein Mensch verirrt sich in dem Klang, kein fremdes Bild hält ihn gefangen.

Doch wenn nur das Gewöhnliche spricht, fehlt Höhe, Spannung und Gewicht. Die Sprache bleibt vertraut und nah, doch nichts erscheint uns wunderbar.

Klarheit allein genügt noch nicht, wenn jedes Wort alltäglich spricht. Denn Dichtung braucht im hellen Raum auch etwas Fremdes, einen Traum.

Refrain

Klar — doch nicht gewöhnlich.

Erhaben — doch nicht fremd.

Die vollkommene Sprache wird verstanden und erkennt.

Sie führt uns aus dem Alltag, doch lässt uns nicht allein.

Klar — doch nicht gewöhnlich.

So muss die Dichtung sein.

Strophe 2

Die Metapher hebt das Wort empor, die Glosse öffnet ein fremdes Tor. Ein Schmuckwort gibt der Sprache Glanz, Veränderung verleiht ihr Tanz.

Doch wenn nur fremde Wörter stehen, kann niemand mehr das Ganze sehen. Aus lauter Glossen wächst ein Klang, der wie die Sprache Fremder klang.

Und wenn nur Metaphern sich verbinden, muss man den Sinn wie Rätsel finden. Das Wirkliche bleibt zwar darin, doch tief verborgen liegt sein Sinn.

Refrain

Klar — doch nicht gewöhnlich.

Erhaben — doch nicht fremd.

Die vollkommene Sprache wird verstanden und erkennt.

Sie führt uns aus dem Alltag, doch lässt uns nicht allein.

Klar — doch nicht gewöhnlich.

So muss die Dichtung sein.

Zwischenteil – Sprechgesang

Nur gewöhnliche Wörter:

klar —

aber banal.

Nur Metaphern:

ein Rätsel.

Nur fremde Wörter:

ein Barbarismus.

Darum muss der Dichter mischen.

Das Gewöhnliche gibt Klarheit.

Das Ungewöhnliche gibt Höhe.

Das eine öffnet den Sinn.

Das andere bewahrt das Staunen.

Strophe 3

Ein Wort muss nicht alltäglich sein, um deutlich und verständlich zu bleiben. Ein fremder Klang kann Schönheit tragen, wenn klare Wörter ihn begleiten.

So darf die Sprache sich erheben, doch muss sie noch im Menschen leben. Sie darf verwandeln, darf verführen, doch darf sie nicht den Sinn verlieren.

Die Mischung hält das Werk im Gleichgewicht, gibt ihm zugleich Verstand und Licht. Das Nahe und das Unbekannte werden zu einem neuen Ganzen.

Refrain – größer

Klar — doch nicht gewöhnlich.

Erhaben — doch nicht fremd.

Die vollkommene Sprache wird verstanden und erkennt.

Sie führt uns aus dem Alltag, doch lässt uns nicht allein.

Klar — doch nicht gewöhnlich.

So muss die Dichtung sein.

Bridge – zunehmend kraftvoll

Klarheit ohne Höhe wird banal.

Höhe ohne Klarheit wird zum Rätsel.

Das Gewöhnliche trägt.

Das Fremde erhebt.

Die Metapher leuchtet.

Die Mischung entscheidet.

Strophe 4

Nicht jedes fremde Wort ist Kunst, nicht jede Dunkelheit ist tief. Nicht jeder einfache Ausdruck ist deshalb leblos oder schief.

Der Dichter muss das Maß erkennen, muss Nähe und Entfernung trennen. Er muss das Wort so anders stellen, dass wir es neu und dennoch kennen.

Denn Sprache ist vollkommen dort, wo niemand stolpert über das Wort — und trotzdem etwas in ihm klingt, das über das Gewöhnliche dringt.

Refrain – final

Klar — doch nicht gewöhnlich.

Erhaben — doch nicht fremd.

Die vollkommene Sprache wird verstanden und erkennt.

Sie führt uns aus dem Alltag, doch lässt uns nicht allein.

Klar — doch nicht gewöhnlich.

So muss die Dichtung sein.

Outro – ruhig gesprochen

Die Klarheit kommt aus dem üblichen Ausdruck.

Das Erhabene kommt aus dem Ungewöhnlichen.

Doch Vollkommenheit entsteht nicht aus einem von beiden.

Sie entsteht aus ihrer Mischung.

Letzte Zeile – gesungen

Verstanden werden — und dennoch Staunen wecken.

Poetik · Teil 23

Struktur der Dichtung

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Intro – gesprochen

Auch die erzählende Dichtung braucht eine Handlung.

Eine einzige.

Ganze.

In sich geschlossene Handlung.

Mit Anfang.

Mitte.

Und Ende.

Nicht eine bloße Folge von Ereignissen.

Sondern ein lebendiges Ganzes.

Strophe 1

Auch wer erzählt und Verse schreibt, braucht einen Weg, der einer bleibt. Nicht tausend Taten nebeneinander, nicht jede Zeit, nicht jedes Wandern.

Die Handlung muss dramatisch sein, muss Anfang, Mitte, Ende einen. Sie darf nicht nur Geschehen sammeln, sie muss sich um ein Ganzes handeln.

Wie ein Lebewesen fest gefügt, in dem sich Teil zu Teil bewegt. Kein Glied steht fremd am äußeren Rand, ein Leben hält sie Hand in Hand.

Refrain

Nicht alles, was geschieht, gehört zu einer Handlung.

Nicht alles, was zur selben Zeit geschieht, verfolgt dasselbe Ziel.

Eine Handlung.

Ein Ganzes.

Ein Anfang, eine Mitte, ein Ende.

Die Dichtung sammelt nicht die Welt —

sie wählt, was wirklich zusammengehört.

Strophe 2

Geschichte greift nach einem Zeitraum, nach allem, was in ihm geschah. Sie nennt die Menschen und Ereignisse, ob fern, ob nah.

Zwei Schlachten können gleichzeitig an weit entfernten Orten sein. Doch gleiche Zeit schafft keine Einheit, kein gemeinsames Ziel tritt ein.

Ein Ereignis folgt dem andern, doch folgt nicht immer aus ihm fort. Die Nähe auf dem Kalender gibt der Handlung keinen Ort.

Refrain

Nicht alles, was geschieht, gehört zu einer Handlung.

Nicht alles, was zur selben Zeit geschieht, verfolgt dasselbe Ziel.

Eine Handlung.

Ein Ganzes.

Ein Anfang, eine Mitte, ein Ende.

Die Dichtung sammelt nicht die Welt —

sie wählt, was wirklich zusammengehört.

Zwischenteil – Sprechgesang

Ein Zeitraum ist noch keine Handlung.

Ein Held ist noch keine Handlung.

Ein Krieg ist noch keine Handlung.

Auch wenn er einen Anfang und ein Ende besitzt.

Denn eine Dichtung kann zu groß werden.

Unübersichtlich.

Oder so voller Teile, dass ihre Einheit zerbricht.

Der Dichter muss wählen.

Nicht alles erzählen.

Das Wesentliche finden.

Strophe 3

Homer sang nicht jeden Tag des ganzen langen Krieges nach. Er nahm nicht alles, was geschehen, um es in einem Werk zu sehen.

Er wählte einen Teil allein und ließ ihn Mittelpunkt sein. Die andern Wege, andern Taten durften als Episoden atmen.

So blieb die Handlung übersichtlich, groß und dennoch klar gewichtig. Nicht arm, nicht eng, nicht klein gemacht — durch Auswahl erst zur Kraft gebracht.

Refrain

Nicht alles, was geschieht, gehört zu einer Handlung.

Nicht alles, was zur selben Zeit geschieht, verfolgt dasselbe Ziel.

Eine Handlung.

Ein Ganzes.

Ein Anfang, eine Mitte, ein Ende.

Die Dichtung sammelt nicht die Welt —

sie wählt, was wirklich zusammengehört.

Bridge – zunehmend kraftvoll

Nicht den ganzen Krieg.

Nicht das ganze Leben.

Nicht alle Wege.

Nicht jede Tat.

Einen Teil.

Eine Bewegung.

Eine geschlossene Handlung.

Groß genug für eine Welt.

Klar genug, um sie als Ganzes zu sehen.

Strophe 4

Aus Ilias und Odyssee entsteht nur wenig Bühnenspiel. Denn jede trägt in ihrer Mitte eine Handlung und ein Ziel.

Doch wo ein Werk aus vielen Wegen, vielen Knoten, Taten besteht, können viele Stücke wachsen, weil jedes seinen Ausgang trägt.

So zeigt sich an der Zahl der Dramen, wie fest ein großes Werk sich schließt. Ob eine Handlung alles bindet — oder sich in viele Handlungslinien ergießt.

Refrain – final

Nicht alles, was geschieht, gehört zu einer Handlung.

Nicht alles, was zur selben Zeit geschieht, verfolgt dasselbe Ziel.

Eine Handlung.

Ein Ganzes.

Ein Anfang, eine Mitte, ein Ende.

Die Dichtung sammelt nicht die Welt —

sie wählt, was wirklich zusammengehört.

Outro – ruhig gesprochen

Die Dichtung ist kein Archiv.

Sie muss nicht alles bewahren.

Sie muss wählen.

Ordnen.

Verbinden.

Und aus vielen möglichen Ereignissen jene Handlung schaffen,

die wie ein lebendiges Wesen in sich geschlossen ist.

Letzte Zeile – gesungen

Nicht alles erzählen — das Ganze erschaffen.

Poetik · Teil 24

Das Epos

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Intro – gesprochen

Auch das Epos kennt die einfache Handlung.

Die komplizierte.

Den Charakter.

Das schwere Leid.

Es kennt die Wendung.

Die Wiedererkennung.

Den Gedanken.

Und die Sprache.

Doch das Epos besitzt etwas, das die Bühne nicht besitzt:

Weite.

Strophe 1

Auch das Epos braucht die Wendung, braucht Erkenntnis, Schuld und Leid. Braucht Gedanken, gute Sprache, braucht Gestalt und innere Zeit.

Einfach kann die Handlung bleiben, oder tief und kunstvoll sein. Kann den Menschen offen zeigen, oder schweres Leid verleihn.

Homer führte alle Teile in die große Dichtung ein. Gab der Ilias das Leiden, ließ sie schlicht und mächtig sein.

Die Odyssee ward komplizierter, Wiedererkennung trägt ihr Licht. Und durch Sprache und Gedanken übertraf ihn keiner im Gedicht.

Refrain

Das Epos öffnet Raum und Zeit.

Es trägt die Ferne, trägt die Weite.

Viele Wege, viele Orte —

doch nur eine Handlung führt.

Das Epos öffnet Raum und Zeit.

Was gleichzeitig geschieht, kann es vereinen.

Groß genug für eine Welt.

Klar genug, damit man sie nicht verliert.

Strophe 2

Die Tragödie zeigt auf ihrer Bühne, was im selben Raum geschieht. Nur die Handlung vor den Augen ist es, die der Zuschauer sieht.

Doch das Epos kann erzählen, was zur gleichen Stunde fällt: hier ein Kampf und dort ein Aufbruch, hier ein Schiff auf weiter Welt.

Viele Wege dürfen wachsen, wenn sie mit der Handlung gehn. Sie verleihen ihr noch Größe, lassen Abwechslung entstehn.

Doch die Teile dürfen niemals nur als fremder Schmuck bestehn. Auch in aller großen Weite muss man noch das Ganze sehn.

Refrain

Das Epos öffnet Raum und Zeit.

Es trägt die Ferne, trägt die Weite.

Viele Wege, viele Orte —

doch nur eine Handlung führt.

Das Epos öffnet Raum und Zeit.

Was gleichzeitig geschieht, kann es vereinen.

Groß genug für eine Welt.

Klar genug, damit man sie nicht verliert.

Zwischenteil – Sprechgesang

Das Epos darf länger sein.

Doch nicht grenzenlos.

Man muss es vom Anfang bis zum Ende überblicken können.

Die Größe soll Feierlichkeit schaffen.

Nicht Verwirrung.

Die Episoden sollen Abwechslung bringen.

Nicht das Ganze zerreißen.

Denn Gleichförmigkeit ermüdet.

Doch Vielfalt ohne Ordnung zerfällt.

Strophe 3

Das heroische Versmaß trägt die Erhabenheit der alten Welt. Es kann fremde Wörter tragen, Metaphern, die der Dichter stellt.

Der Jambus passt zur Handlung, der Tetrameter zum Tanz. Doch das Epos braucht die Ruhe, braucht den großen, langen Glanz.

Seine Sprache darf sich heben, darf ungewöhnlich, feierlich sein. Denn die erzählende Dichtung lässt mehr Fremdes in sich ein.

So wird aus dem Klang der Verse nicht nur Takt und nicht nur Maß. Er wird Träger einer Welt, die in weiter Ferne saß.

Refrain

Das Epos öffnet Raum und Zeit.

Es trägt die Ferne, trägt die Weite.

Viele Wege, viele Orte —

doch nur eine Handlung führt.

Das Epos öffnet Raum und Zeit.

Was gleichzeitig geschieht, kann es vereinen.

Groß genug für eine Welt.

Klar genug, damit man sie nicht verliert.

Bridge – zunehmend groß

Mehr Raum.

Mehr Zeit.

Mehr Orte.

Mehr Stimmen.

Mehr Episoden.

Mehr Welt.

Doch nicht mehr Beliebigkeit.

Denn auch das größte Epos braucht eine Mitte,

eine Richtung,

eine Handlung,

die alles trägt.

Strophe 4

Der Erzähler soll nicht dauernd selbst im Mittelpunkt bestehn. Nach wenigen einleitenden Worten lässt er seine Menschen gehn.

Homer tritt zurück und öffnet seinen Figuren ihren Raum. Lässt sie reden, lässt sie handeln, macht Erzählung fast zum Traum.

Auch das Wunderbare findet in der Ferne leichter Platz. Denn was auf der Bühne seltsam wirkte, trägt die Erzählung wie ein Schatz.

Doch auch dort soll nicht das Unmögliche den Zusammenhang zerstörn. Lieber glaubhaft wunderbar, als wahrscheinlich und doch schwer zu hörn.

Refrain – final

Das Epos öffnet Raum und Zeit.

Es trägt die Ferne, trägt die Weite.

Viele Wege, viele Orte —

doch nur eine Handlung führt.

Das Epos öffnet Raum und Zeit.

Was gleichzeitig geschieht, kann es vereinen.

Groß genug für eine Welt.

Klar genug, damit man sie nicht verliert.

Outro – ruhig gesprochen

Das Epos darf weiter reichen als die Tragödie.

Es darf mehrere Orte zeigen.

Gleichzeitige Ereignisse.

Lange Wege.

Große Zeiträume.

Doch seine Größe liegt nicht darin, alles aufzunehmen.

Sie liegt darin, eine ganze Welt durch eine Handlung zusammenzuhalten.

Letzte Zeile – gesungen

Weit wie eine Welt — und dennoch ganz.

Poetik · Teil 25

Die Probleme und ihre Lösung

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Intro – gesprochen

Nicht jeder Einwand gegen eine Dichtung beweist einen Fehler.

Denn der Dichter kann zeigen,

wie die Dinge sind,

wie man sagt, dass sie seien,

oder wie sie sein sollten.

Und die Wahrheit der Dichtung ist nicht dieselbe wie die Wahrheit der Wissenschaft.

Strophe 1

Der Dichter gleicht dem alten Maler, der eine Welt im Bilde hält. Er zeigt, was wirklich ist und war, was man erzählt und was gefällt.

Er kann den Menschen so darstellen, wie er vor unseren Augen steht. Oder so, wie alte Stimmen sagen, dass sein Weg durchs Leben geht.

Oder er erhebt die Dinge, zeigt nicht nur, wie sie heute sind. Er zeigt, wie sie sein sollten, größer, edler, neu bestimmt.

Darum darf man nicht verlangen, dass die Kunst wie Forschung spricht. Denn die Wahrheit eines Werkes gleicht der Wahrheit anderer Künste nicht.

Refrain

Nicht jeder Fehler ist ein Fehler der Dichtung.

Nicht alles Unmögliche zerstört ein Gedicht.

Glaubhaftes Unmögliches kann stärker sein

als Mögliches, das niemand glaubt.

Nicht nur: Ist es wirklich?

Sondern: Erfüllt es sein Ziel?

Denn die Dichtung hat ihr eigenes Recht und ihr eigenes Maß.

Strophe 2

Stellt ein Dichter sich etwas richtig vor, doch kann es nicht lebendig zeigen, liegt der Fehler in der Dichtung, in seinem Können, seinem Schreiben.

Irrt er sich bei einem Pferd, bei Heilkunst oder einer Wissenschaft, ist das wohl ein Irrtum seines Wissens — doch nicht immer Fehler seiner Kunst.

Auch das Unmögliche kann dienen, wenn es Wirkung in die Handlung bringt. Wenn es das Erstaunen größer macht und das ganze Werk dadurch gelingt.

Doch war das Ziel auch ohne dieses sonderbare Mittel zu erreichen, sollte man das Unmögliche meiden und nicht grundlos davon abweichen.

Refrain

Nicht jeder Fehler ist ein Fehler der Dichtung.

Nicht alles Unmögliche zerstört ein Gedicht.

Glaubhaftes Unmögliches kann stärker sein

als Mögliches, das niemand glaubt.

Nicht nur: Ist es wirklich?

Sondern: Erfüllt es sein Ziel?

Denn die Dichtung hat ihr eigenes Recht und ihr eigenes Maß.

Zwischenteil – Sprechgesang

Bei einem Einwand muss man fragen:

Was wurde gesagt?

In welcher Bedeutung?

Von wem?

Zu wem?

Wann?

Und mit welchem Ziel?

Ist ein Wort gewöhnlich gemeint?

Oder als Metapher?

Spricht der Dichter selbst?

Oder eine Figur?

Bezieht sich der Satz auf alles —

oder nur auf einen Teil?

Denn manches widerspricht sich nur, solange man es oberflächlich liest.

Strophe 3

Manches Wort trägt viele Sinne, manches wurde fremd gebraucht. Manches scheint uns falsch zu sprechen, weil ein Bild im Worte taucht.

Was zunächst wie Widerspruch klingt, kann durch Zusammenhang vergehn. Man muss nicht nur einzelne Zeilen, sondern Ziel und Ganzes sehn.

Auch was sittlich schlecht erscheint, kann im Werk notwendig sein. Nicht weil Dichtung es befürwortet — sie lässt Menschen handelnd sein.

Denn nicht jeder Mensch spricht richtig, nicht jede Figur ist klug. Was ein Handelnder behauptet, ist noch nicht des Dichters Spruch.

Refrain

Nicht jeder Fehler ist ein Fehler der Dichtung.

Nicht alles Unmögliche zerstört ein Gedicht.

Glaubhaftes Unmögliches kann stärker sein

als Mögliches, das niemand glaubt.

Nicht nur: Ist es wirklich?

Sondern: Erfüllt es sein Ziel?

Denn die Dichtung hat ihr eigenes Recht und ihr eigenes Maß.

Bridge – zunehmend kraftvoll

Möglich —

doch unglaubwürdig.

Unmöglich —

doch wahrscheinlich.

Wirklich —

doch schlecht gefügt.

Erfunden —

doch folgerichtig.

Nicht das bloße Tatsächliche entscheidet.

Die Handlung entscheidet.

Die Wirkung entscheidet.

Das Ganze entscheidet.

Strophe 4

Ungereimtes soll nach Möglichkeit nicht im Herzen der Handlung stehn. Was sich nicht vermeiden lässt, soll außerhalb des Stückes geschehn.

Doch ein großer Dichter kann verbergen, was bei einem schwachen störend bleibt. Seine übrigen Vorzüge tragen, was sich sonderbar ins Ganze schreibt.

Homer macht das Fremde glaubhaft, weil sein Werk uns weiterzieht. Denn ein Fehler wird erträglicher, wenn das Ganze über ihn siegt.

Doch zu blendend darf die Sprache auch nicht jeden Sinn verstellen. Denn ihr Glanz kann Charaktere und Gedanken selbst verdunkeln.

Refrain – final

Nicht jeder Fehler ist ein Fehler der Dichtung.

Nicht alles Unmögliche zerstört ein Gedicht.

Glaubhaftes Unmögliches kann stärker sein

als Mögliches, das niemand glaubt.

Nicht nur: Ist es wirklich?

Sondern: Erfüllt es sein Ziel?

Denn die Dichtung hat ihr eigenes Recht und ihr eigenes Maß.

Outro – ruhig gesprochen

Man muss einen Einwand prüfen.

Die Sprache.

Den Zusammenhang.

Die handelnde Person.

Das Ziel des Werkes.

Das Wahrscheinliche.

Das Notwendige.

Denn die Dichtung darf vom Wirklichen abweichen —

wenn sie dadurch ihre eigene Wahrheit erreicht.

Letzte Zeile – gesungen

Glaubhaftes Unmögliches ist stärker als unglaubwürdige Wirklichkeit.

Poetik · Teil 26

Welche ist die bessere Art der Nachahmung?

Quelltext Kapitel 26
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Intro – gesprochen

Welche Kunst ist größer?

Das Epos —

weit, erhaben, für den hörenden Verstand?

Oder die Tragödie —

verdichtet, handelnd, sichtbar und nah?

Welche Art der Nachahmung erreicht ihr Ziel vollkommener?

Strophe 1

Man sagt, das Epos sei erhabener, weil es keine Gesten braucht. Es vertraut dem stillen Hörer, der den Sinn aus Worten saugt.

Die Tragödie, sagt man weiter, müsse alles übertreiben. Schauspieler bewegten sich zu heftig, um im Blick des Volks zu bleiben.

Sie drehen sich, sie reißen Arme, setzen jeden Ausdruck groß. Und so scheint die Bühnenkunst dem edlen Epos gegenüber bloß.

Refrain

Doch nicht die Übertreibung ist der Fehler der Tragödie.

Sie liegt beim schlechten Spieler, nicht im Wesen der Poesie.

Denn auch ohne Bühne, ohne Geste, ohne Licht,

wirkt die Tragödie beim Lesen —

und verliert ihr Wesen nicht.

Strophe 2

Nicht Bewegung ist verwerflich, nicht der Tanz und nicht das Spiel. Nur der schlechte Ausdruck scheitert, wenn er übertreibt am Ziel.

Auch ein Epos kann beim Vortrag laut und unbeherrscht vergehn. Auch ein Sänger kann durch Gesten seinen eignen Sinn verdrehn.

Darum trifft der alte Vorwurf nicht die Dichtung, nur die Kunst dessen, der sie schlecht verkörpert und verwechselt Kraft mit Wucht.

Refrain

Doch nicht die Übertreibung ist der Fehler der Tragödie.

Sie liegt beim schlechten Spieler, nicht im Wesen der Poesie.

Denn auch ohne Bühne, ohne Geste, ohne Licht,

wirkt die Tragödie beim Lesen —

und verliert ihr Wesen nicht.

Zwischenteil – Sprechgesang

Die Tragödie enthält alles, was auch das Epos enthält.

Sprache.

Handlung.

Charakter.

Gedanken.

Wendung.

Wiedererkennung.

Schweres Leid.

Doch sie besitzt darüber hinaus:

Melodie.

Rhythmus.

Unmittelbarkeit.

Und die Kraft, in kurzer Zeit eine ganze Handlung zu vollenden.

Strophe 3

Was sich lang durch Jahre breitet, kann an Spannungskraft verliern. Was sich sammelt und verdichtet, kann uns tiefer noch berührn.

Ein Gedicht wird nicht vollkommener, nur weil es sich länger zieht. Denn ein Werk gewinnt an Stärke, wenn man seine Einheit sieht.

Würde man den Ödipus erweitern bis zur Länge der Ilias, würde seine Kraft sich lösen, würde wässrig, was geschlossen saß.

Die Tragödie trifft ihr Ziel in enger, klarer, ganzer Zeit. Was das Epos weit entfaltet, steht in ihr zur Wirkung bereit.

Refrain – größer

Die Tragödie trägt das Epos und noch mehr in sich hinein.

Sprache, Handlung, Leid und Wendung, Melodie und Bühnenschein.

Doch auch ohne Bühne bleibt ihr inneres Gewicht.

Kürzer, dichter, eindringlicher —

und sie trifft ihr Ziel in uns.

Strophe 4

Aus dem Epos können viele einzelne Tragödien entstehn. Denn in seiner großen Weite können manche Handlungen bestehn.

Nimmt es nur die eine Handlung, wirkt sie manchmal viel zu klein. Dehnt es sie auf große Länge, kann sie dünn und wässrig sein.

Homer fügte seine Werke so vollkommen wie nur möglich. Doch die Tragödie bleibt geschlossener, ihre Wirkung unmittelbarer.

Nicht ein beliebiges Vergnügen ist das Ziel der Dichtungskunst. Jammer, Schauder und Erkenntnis sollen sich vollenden in uns.

Bridge – dramatisch

Das Epos besitzt Weite.

Die Tragödie besitzt Dichte.

Das Epos erzählt.

Die Tragödie handelt.

Das Epos führt durch lange Zeit.

Die Tragödie schließt den Kreis.

Und was sie erreichen will, erreicht sie schneller,

enger,

tiefer,

vollständiger.

Refrain – final

Die Tragödie trägt das Epos und noch mehr in sich hinein.

Sprache, Handlung, Leid und Wendung, Melodie und Bühnenschein.

Kürzer, dichter, eindringlicher, führt sie alles an sein Ziel.

Darum ist die Tragödie die vollkommenere Art des Spiels.

Outro – ruhig gesprochen

Die bessere Kunst ist jene, die ihr Ziel besser erreicht.

Nicht die längere.

Nicht die lautere.

Nicht die äußerlich größere.

Sondern die, deren Handlung eine Einheit bildet,

deren Wirkung sich vollendet,

und die mit allem, was sie besitzt, den Menschen erreicht.

Letzte Zeilen – gesungen

Die Handlung schließt sich.

Die Wirkung bleibt.

Die Tragödie erreicht ihr Ziel.