Von der Dichtkunst selbst
Vollständiger gesungener Text
Von der Dichtkunst selbst und von ihren Arten, von ihrer Wirkung und ihrem inneren Bau wollen wir sprechen.
Wir beginnen mit dem, was zuerst kommt.
Die Tragödie, das große Lied, die Komödie, die lacht und sieht, das Spiel der Flöte, der Klang der Saiten, sie alle wollen etwas zeigen.
Sie nehmen das Leben in ihre Hand, verwandeln es in Bild und Klang. Sie zeigen den Menschen, wie er handelt, wie er fällt und sich verwandelt.
Doch jede Kunst geht ihren Weg, mit anderen Mitteln, anders bewegt. Die eine spricht, die andere singt, die eine malt, die andere klingt.
Rhythmus, Sprache, Melodie, aus Nachahmung wird Poesie. Nicht nur erzählen, was geschieht, sondern zeigen, was der Mensch darin sieht.
Rhythmus, Sprache, Melodie, aus dem Leben wächst Poesie. Was wirklich war, wird neu entfacht, wenn Kunst daraus ein Ganzes macht.
Der Maler nimmt die Form, die Farbe, der Sänger seine Stimme, der Tänzer nur den Rhythmus und schreibt ihn in die Luft.
Ein Schritt kann von der Sehnsucht sprechen, ein Fall von Schmerz und Widerstand. Ein Ton kann eine Trauer wecken, ein Wort erschafft ein neues Land.
Manche Künste brauchen Melodie, manche Rhythmus ganz allein. Manche fügen Wort und Klang zusammen, lassen alles eines sein.
Und manchmal reicht die Sprache aus, in Prosa oder im Gedicht. Doch nicht für alles, was sie schafft, kennt der Mensch den rechten Namen nicht.
Rhythmus, Sprache, Melodie, aus Nachahmung wird Poesie. Nicht nur erzählen, was geschieht, sondern zeigen, was der Mensch darin sieht.
Rhythmus, Sprache, Melodie, aus dem Leben wächst Poesie. Was wirklich war, wird neu entfacht, wenn Kunst daraus ein Ganzes macht.
Doch macht der Vers allein den Dichter?
Wer über Heilkunst Verse schreibt, wer die Natur in Reime kleidet, wird darum noch kein Dichter sein.
Homer schrieb in Versen. Empedokles schrieb in Versen.
Doch nicht der Vers macht beide gleich.
Der eine schafft Gestalten, Handlungen und Welten.
Der andere erforscht, was in der Natur besteht.
Darum entscheidet nicht das Maß. Nicht der Reim. Nicht der äußere Klang.
Entscheidend ist, was nachgeahmt wird und wie daraus eine Handlung entsteht.
Der Dichter ist nicht der, der zählt, wie viele Silben eine Zeile hält. Nicht jeder Reim wird zur Poesie, nicht jedes Maß zur Melodie.
Der Dichter formt, was Menschen tun, lässt Hoffnung wachsen, Schuld nicht ruhn. Er zeigt uns Liebe, Zorn und Leid in einer neu erschaffenen Zeit.
Er nimmt das Leben nicht als Kopie, er hebt es in die Fantasie. Und was wir kennen, sehen wir neu, verwandelt, fremd und doch getreu.
Die einen mischen Wort und Klang, die anderen folgen nur dem Gesang. Hier spricht ein Mensch, dort singt ein Chor, dort tritt die ganze Handlung hervor.
Rhythmus, Sprache, Melodie, aus Nachahmung wird Poesie. Nicht nur erzählen, was geschieht, sondern zeigen, was der Mensch darin sieht.
Rhythmus, Sprache, Melodie, aus dem Leben wächst Poesie. Nicht der Vers macht den Dichter aus — die Handlung führt die Dichtung nach Haus.
Dies ist der erste Unterschied zwischen den Künsten:
Sie ahmen nach mit verschiedenen Mitteln.
Mit Rhythmus.
Mit Sprache.
Mit Melodie.
Und aus diesen Mitteln beginnt die Dichtung.
Aus Nachahmung wird Poesie.