SMS · Susanne macht SchuleWissen darf lebendig sein.
Aristoteles · Poetik in Musik · Kursteil 1

Grundlagen der Dichtung

Kapitel 1–9. Nachahmung, Menschenbild, Ursprung der Dichtung, Tragödie und die Aufgabe des Dichters.

Poetik · Teil 01

Von der Dichtkunst selbst

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Intro – gesprochen

Von der Dichtkunst selbst und von ihren Arten, von ihrer Wirkung und ihrem inneren Bau wollen wir sprechen.

Wir beginnen mit dem, was zuerst kommt.

Strophe 1

Die Tragödie, das große Lied, die Komödie, die lacht und sieht, das Spiel der Flöte, der Klang der Saiten, sie alle wollen etwas zeigen.

Sie nehmen das Leben in ihre Hand, verwandeln es in Bild und Klang. Sie zeigen den Menschen, wie er handelt, wie er fällt und sich verwandelt.

Doch jede Kunst geht ihren Weg, mit anderen Mitteln, anders bewegt. Die eine spricht, die andere singt, die eine malt, die andere klingt.

Refrain

Rhythmus, Sprache, Melodie, aus Nachahmung wird Poesie. Nicht nur erzählen, was geschieht, sondern zeigen, was der Mensch darin sieht.

Rhythmus, Sprache, Melodie, aus dem Leben wächst Poesie. Was wirklich war, wird neu entfacht, wenn Kunst daraus ein Ganzes macht.

Strophe 2

Der Maler nimmt die Form, die Farbe, der Sänger seine Stimme, der Tänzer nur den Rhythmus und schreibt ihn in die Luft.

Ein Schritt kann von der Sehnsucht sprechen, ein Fall von Schmerz und Widerstand. Ein Ton kann eine Trauer wecken, ein Wort erschafft ein neues Land.

Manche Künste brauchen Melodie, manche Rhythmus ganz allein. Manche fügen Wort und Klang zusammen, lassen alles eines sein.

Und manchmal reicht die Sprache aus, in Prosa oder im Gedicht. Doch nicht für alles, was sie schafft, kennt der Mensch den rechten Namen nicht.

Refrain

Rhythmus, Sprache, Melodie, aus Nachahmung wird Poesie. Nicht nur erzählen, was geschieht, sondern zeigen, was der Mensch darin sieht.

Rhythmus, Sprache, Melodie, aus dem Leben wächst Poesie. Was wirklich war, wird neu entfacht, wenn Kunst daraus ein Ganzes macht.

Zwischenteil – gesprochen oder Sprechgesang

Doch macht der Vers allein den Dichter?

Wer über Heilkunst Verse schreibt, wer die Natur in Reime kleidet, wird darum noch kein Dichter sein.

Homer schrieb in Versen. Empedokles schrieb in Versen.

Doch nicht der Vers macht beide gleich.

Der eine schafft Gestalten, Handlungen und Welten.

Der andere erforscht, was in der Natur besteht.

Darum entscheidet nicht das Maß. Nicht der Reim. Nicht der äußere Klang.

Entscheidend ist, was nachgeahmt wird und wie daraus eine Handlung entsteht.

Strophe 3

Der Dichter ist nicht der, der zählt, wie viele Silben eine Zeile hält. Nicht jeder Reim wird zur Poesie, nicht jedes Maß zur Melodie.

Der Dichter formt, was Menschen tun, lässt Hoffnung wachsen, Schuld nicht ruhn. Er zeigt uns Liebe, Zorn und Leid in einer neu erschaffenen Zeit.

Er nimmt das Leben nicht als Kopie, er hebt es in die Fantasie. Und was wir kennen, sehen wir neu, verwandelt, fremd und doch getreu.

Die einen mischen Wort und Klang, die anderen folgen nur dem Gesang. Hier spricht ein Mensch, dort singt ein Chor, dort tritt die ganze Handlung hervor.

Refrain – größer

Rhythmus, Sprache, Melodie, aus Nachahmung wird Poesie. Nicht nur erzählen, was geschieht, sondern zeigen, was der Mensch darin sieht.

Rhythmus, Sprache, Melodie, aus dem Leben wächst Poesie. Nicht der Vers macht den Dichter aus — die Handlung führt die Dichtung nach Haus.

Outro – ruhig gesprochen

Dies ist der erste Unterschied zwischen den Künsten:

Sie ahmen nach mit verschiedenen Mitteln.

Mit Rhythmus.

Mit Sprache.

Mit Melodie.

Und aus diesen Mitteln beginnt die Dichtung.

Letzte Zeile – gesungen

Aus Nachahmung wird Poesie.

Poetik · Teil 02

Die Nachahmung von Menschen

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Intro – gesprochen

Wer Menschen darstellt, zeigt Menschen im Handeln.

Und wer handelt, zeigt, wer er ist.

Gut oder schlecht.

Edler als wir.

Niedriger als wir.

Oder uns ganz ähnlich.

Strophe 1

Ein Mensch tritt aus dem Dunkel hervor, sein Handeln öffnet uns ein Tor. Was er begehrt, was er verspricht, erzählt von seinem Angesicht.

Denn Charakter zeigt sich nicht im Schein, er tritt durch Wort und Handlung ein. Im Mut, im Zögern, in der Schuld, im wilden Zorn, in stiller Huld.

Die Kunst nimmt Menschen in den Blick, doch gibt sie sie verwandelt zurück. Sie zeigt sie größer, zeigt sie klein, oder so, wie wir selber sind.

Refrain

Besser als wir, schlechter als wir, oder uns ähnlich im Leben hier.

Besser als wir, schlechter als wir, die Kunst hält dem Menschen den Spiegel vor.

Sie hebt ihn hinauf, sie zieht ihn hinab, sie zeigt, was er tut und was er verbarg.

Besser als wir, schlechter als wir, oder ein Mensch wie du und wie ich.

Strophe 2

Der Maler wählt den Menschen neu, nicht jeder Blick bleibt wirklichkeitsgetreu. Polygnot zeigt ihn schön und groß, bei Pauson wirkt er niedrig, bloß.

Dionysios zeigt ihn, wie er erscheint, nicht überhöht und nicht verneint. So kann ein Bild uns Menschen geben, erhöht, erniedrigt oder nah am Leben.

Dasselbe gilt für Tanz und Klang, für Flöte, Saiten und Gesang. Auch ohne Wort wird offenbar, ob einer edel, roh oder gewöhnlich war.

Refrain

Besser als wir, schlechter als wir, oder uns ähnlich im Leben hier.

Besser als wir, schlechter als wir, die Kunst hält dem Menschen den Spiegel vor.

Sie hebt ihn hinauf, sie zieht ihn hinab, sie zeigt, was er tut und was er verbarg.

Besser als wir, schlechter als wir, oder ein Mensch wie du und wie ich.

Zwischenteil – Sprechgesang

Homer zeigt Menschen, größer als wir.

Kleophon zeigt Menschen, wie wir selber sind.

Andere zeigen Menschen, kleiner, gröber, lächerlicher.

Und derselbe Unterschied trennt auch Tragödie und Komödie.

Die Tragödie hebt den Menschen an.

Die Komödie zieht ihn herunter.

Nicht weil der Mensch nur gut oder schlecht wäre.

Sondern weil die Kunst entscheidet, welchen Menschen sie vor uns erscheinen lässt.

Strophe 3

Die Tragödie sucht den hohen Fall, den großen Menschen, tief im All. Sie zeigt uns Größe, Schuld und Pflicht, und wie ein starker Wille bricht.

Die Komödie blickt anders hin, sie findet Schwäche, Spott und Sinn. Sie zeigt den Menschen nicht erhöht, sondern wie er stolpert, prahlt und geht.

Doch beide sprechen von derselben Art, vom Menschen, offen und unbewahrt. Die eine groß, die andere klein, doch beide lassen Wahrheit ein.

Refrain – größer

Besser als wir, schlechter als wir, oder uns ähnlich im Leben hier.

Besser als wir, schlechter als wir, die Kunst hält dem Menschen den Spiegel vor.

Sie hebt ihn hinauf, sie zieht ihn hinab, sie zeigt uns den Menschen in seiner Tat.

Besser als wir, schlechter als wir, oder ein Mensch wie du und wie ich.

Outro – ruhig gesprochen

So unterscheiden sich die Künste nicht nur durch ihre Mittel.

Sie unterscheiden sich auch durch die Menschen, die sie zeigen.

Erhöht.

Erniedrigt.

Oder uns ähnlich.

Letzte Zeile – gesungen

Die Kunst hält dem Menschen den Spiegel vor.

Poetik · Teil 03

Die Nachahmung von Gegenständen

Quelltext Kapitel 3
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Intro – gesprochen

Dieselben Mittel.

Dieselben Menschen.

Dieselben Handlungen.

Und doch kann die Kunst sie auf verschiedene Weise zeigen.

Sie kann berichten.

Sie kann sprechen lassen.

Sie kann Menschen vor unseren Augen handeln lassen.

Strophe 1

Der Dichter kann erzählen, was einst geschah, kann eine fremde Stimme wählen, als wär sie plötzlich da.

Er kann als anderer sprechen, die eigene Stimme verlassen, in eine Gestalt hineingehen und ihre Worte erfassen.

Oder er bleibt derselbe, erzählt mit ruhiger Hand, führt uns durch Zeiten und Wege, durch Meer und fremdes Land.

Doch manchmal tritt der Mensch hervor, nicht mehr beschrieben, nicht versteckt. Er handelt selbst, er spricht zu uns, und seine Welt wird auferweckt.

Refrain

Erzählen.

Sprechen.

Handeln.

Drei Wege, die Wirklichkeit zu verwandeln.

Erzählen.

Sprechen.

Handeln.

Die Kunst lässt Menschen vor uns erscheinen.

Nicht nur als Wort.

Nicht nur als Bild.

Sondern lebendig, als ob es jetzt geschieht.

Strophe 2

Homer berichtet und verwandelt sich, spricht bald als dieser, bald als jener. Er führt Gestalten durch sein Gedicht und macht die Ferne immer näher.

Der Dichter kann im Schatten stehn, während seine Figuren reden. Er kann sich selbst im Werk vergehn und vielen Stimmen Leben geben.

Doch im Drama treten Menschen auf, sie handeln hier, vor unserm Blick. Kein bloßer Bericht hält sie zurück, sie tragen selbst ihr Los, ihr Glück.

Sie bitten, kämpfen, lieben, fliehn, sie widersprechen und entscheiden. Wir sehen ihre Taten geschehn, wir sehen ihre Größe und ihr Leiden.

Refrain

Erzählen.

Sprechen.

Handeln.

Drei Wege, die Wirklichkeit zu verwandeln.

Erzählen.

Sprechen.

Handeln.

Die Kunst lässt Menschen vor uns erscheinen.

Nicht nur als Wort.

Nicht nur als Bild.

Sondern lebendig, als ob es jetzt geschieht.

Zwischenteil – Sprechgesang

Die Künste unterscheiden sich durch ihre Mittel.

Durch ihre Gegenstände.

Und durch die Art und Weise, in der sie nachahmen.

Sophokles gleicht Homer, denn beide zeigen Menschen, die größer erscheinen als wir.

Sophokles gleicht Aristophanes, denn beide lassen Menschen handelnd vor uns treten.

Darum nennt man ihre Werke Dramen.

Denn Drama bedeutet:

Handlung.

Tun.

Geschehen.

Nicht nur erzählen, dass ein Mensch lebt.

Sondern ihn leben lassen.

Strophe 3

Wo Menschen handeln, wird es nah, die ferne Geschichte steht vor uns da. Der Raum wird Bühne, das Wort wird Tat, ein Blick wird Antwort, ein Schweigen Rat.

Der Mensch erscheint nicht nur im Klang, er geht den ganzen Weg entlang. Er trägt die Handlung durch die Zeit, durch Hoffnung, Irrtum, Schuld und Leid.

Und so entsteht aus Wort und Raum kein bloßer Bericht, kein ferner Traum. Was dargestellt wird, wird zur Gegenwart, weil Handlung das Geschehen offenbart.

Ob einer spricht, ob einer erzählt, ob eine Figur ihren Weg selbst wählt — die Art des Zeigens entscheidet mit, wie tief ein Werk ins Leben tritt.

Refrain – größer

Erzählen.

Sprechen.

Handeln.

Drei Wege, die Wirklichkeit zu verwandeln.

Erzählen.

Sprechen.

Handeln.

Die Kunst lässt Menschen vor uns erscheinen.

Nicht nur als Wort.

Nicht nur als Bild.

Sondern lebendig, als ob es jetzt geschieht.

Outro – ruhig gesprochen

So unterscheidet sich die Nachahmung nicht nur durch das, was sie zeigt.

Nicht nur durch das, womit sie zeigt.

Sondern auch dadurch, wie sie zeigt.

Im Bericht.

In einer fremden Stimme.

Oder durch Menschen, die selbst handeln.

Letzte Zeile – gesungen

Die Handlung tritt hervor und wird Gegenwart.

Poetik · Teil 04

Die zwei Ursachen der Dichtkunst

Quelltext Kapitel 4
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Intro – gesprochen

Zwei Kräfte haben die Dichtkunst hervorgebracht.

Nicht durch Befehl.

Nicht durch Gesetz.

Sondern weil sie im Menschen selbst liegen.

Die Freude am Nachahmen.

Und die Freude am Erkennen.

Strophe 1

Schon ein Kind beginnt zu zeigen, was es sieht und was es hört. Es ahmt Gesten nach und Stimmen, bis ihm langsam Welt gehört.

Durch das Nachahmen lernt der Mensch, was ihm vorher fremd erschien. Er erkennt im Bild das Leben, lernt im Spielen zu verstehn.

Was ein anderer vor ihm tut, nimmt er auf mit Hand und Blick. Und aus Wiederholung wächst ein erstes Wissen Stück für Stück.

So beginnt die Kunst ganz leise, lange vor dem ersten Lied. Wo ein Mensch die Welt nachbildet, dort beginnt schon Poesie.

Refrain

Wir ahmen nach, weil wir erkennen wollen.

Wir sehen ein Bild und beginnen zu verstehen.

Wir formen die Welt, um sie neu zu entdecken.

Aus Freude am Lernen beginnt das Gedicht.

Wir ahmen nach, wir hören, wir sehen.

Wir geben dem Leben Gestalt und Gewicht.

Aus Freude am Erkennen, aus Rhythmus und Klang —

so fängt die Dichtung an.

Strophe 2

Manches würden wir im Leben nur mit Widerwillen sehn: hässliche Tiere, Tod und Wunden, Dinge, die uns nahegehn.

Doch im Bilde bleiben Blicke vor dem Dargestellten stehn. Denn wir fragen: Was ist dieses? Wen kann ich darin erkennen?

Nicht das Grauen selbst erfreut uns, nicht der Schmerz und nicht der Tod. Doch das Finden einer Antwort öffnet einen neuen Ort.

Wenn wir sagen: Das ist jener, dies bedeutet dieses hier, wird aus Sehen ein Begreifen — und das Lernen Freude in mir.

Refrain

Wir ahmen nach, weil wir erkennen wollen.

Wir sehen ein Bild und beginnen zu verstehen.

Wir formen die Welt, um sie neu zu entdecken.

Aus Freude am Lernen beginnt das Gedicht.

Wir ahmen nach, wir hören, wir sehen.

Wir geben dem Leben Gestalt und Gewicht.

Aus Freude am Erkennen, aus Rhythmus und Klang —

so fängt die Dichtung an.

Zwischenteil – gesprochen oder Sprechgesang

Der Mensch liebt die Nachahmung.

Der Mensch liebt den Rhythmus.

Der Mensch liebt die Melodie.

Und manche besitzen eine besondere Begabung dafür.

Sie beginnen zu improvisieren.

Ein Ruf wird zum Vers.

Ein Schritt wird zum Rhythmus.

Ein Lob wird zum Hymnus.

Ein Spott wird zum Rügelied.

Und was zuerst nur Augenblick war, nimmt allmählich Form an.

Strophe 3

Die einen sangen von den Edlen, von den Guten, ihrem Mut. Andere fanden Spott und Schärfe, zeigten Torheit, Stolz und Wut.

So teilte sich die frühe Dichtung nach dem Wesen ihrer Dichter. Manche wurden Lobessänger, andere zu scharfen Richtern.

Homer gab dem Hohen Größe, schuf aus Handlung Welt und Zeit. Doch er zeigte auch das Lachen, gab dem Lächerlichen Kleid.

Aus dem Lob wuchs die Tragödie, aus dem Spott die Komödie. Und aus frei erfundnen Klängen wurde langsam Poesie.

Refrain – größer

Wir ahmen nach, weil wir erkennen wollen.

Wir sehen ein Bild und beginnen zu verstehen.

Wir formen die Welt, um sie neu zu entdecken.

Aus Freude am Lernen beginnt das Gedicht.

Wir ahmen nach, wir hören, wir sehen.

Wir geben dem Leben Gestalt und Gewicht.

Aus Freude am Erkennen, aus Rhythmus und Klang —

so fängt die Dichtung an.

Bridge – zunehmend dramatisch

Ein Chor erhebt sich.

Ein zweiter Spieler tritt hinzu.

Der Dialog wird größer.

Der Tanz wird Sprache.

Der Spott wird Komödie.

Das feierliche Lied wird Tragödie.

Und jede neue Form wächst aus dem, was vorher nur Versuch gewesen ist.

Outro – ruhig

Die Dichtung wurde nicht an einem einzigen Tag erfunden.

Sie wuchs.

Aus Nachahmung.

Aus Freude.

Aus Rhythmus.

Aus Melodie.

Aus dem Verlangen des Menschen, die Welt zu erkennen, indem er sie noch einmal erschafft.

Letzte Zeile – gesungen

Aus Freude am Erkennen fängt die Dichtung an.

Poetik · Teil 05

Komödie und Tragödie

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Intro – gesprochen

Die Komödie und die Tragödie blicken beide auf den Menschen.

Doch sie sehen ihn mit verschiedenen Augen.

Die eine sucht das Lächerliche.

Die andere den großen Fall.

Strophe 1

Die Komödie zeigt den Menschen, nicht in seiner besten Gestalt. Sie sieht die Fehler, seine Schwächen, seinen Hochmut, seine Gewalt.

Doch nicht jedes Schlechte wird zum Lachen, nicht jeder Schmerz gehört hierher. Das Lächerliche trägt einen Makel, doch es verwundet niemand schwer.

Eine Maske, schief und hässlich, ein Gesicht, verzerrt und klein. Doch kein Ausdruck tiefen Leidens darf in diesem Lachen sein.

Denn die Komödie sucht im Fehler nicht Verderben, Tod und Not. Sie zeigt uns Menschen beim Entgleisen, doch sie führt sie nicht zum Tod.

Refrain

Die Komödie lässt uns lachen, wo der Mensch sich selbst verkennt.

Die Tragödie lässt uns fallen, wo ein großes Schicksal brennt.

Hier das Stolpern, dort das Leiden, hier der Spott und dort die Pflicht.

Beide zeigen uns den Menschen, doch sie zeigen ihn gleich nicht.

Die Komödie sieht die Schwäche.

Die Tragödie sieht den Fall.

Und in beiden steht der Mensch vor seinem eigenen Widerhall.

Strophe 2

Von der Tragödie kennt man Namen, kennt die Schritte ihres Werdens. Wer den Chor und wer die Spieler führte auf die Bühne des Lebens.

Doch die Komödie blieb lange ohne Ansehen, ohne Rang. Niemand schrieb ihre Anfänge, niemand maß den ersten Klang.

Spät erst gab man ihr den Chor, vorher kamen Freiwillige. Spät erst wurden ihre Dichter zu bewahrten, großen Stimmen.

Wer die Masken einst erfunden, wer den Prolog zu ihr gab, wer die Zahl der Spieler ordnete — niemand weiß es bis zum Tag.

Refrain

Die Komödie lässt uns lachen, wo der Mensch sich selbst verkennt.

Die Tragödie lässt uns fallen, wo ein großes Schicksal brennt.

Hier das Stolpern, dort das Leiden, hier der Spott und dort die Pflicht.

Beide zeigen uns den Menschen, doch sie zeigen ihn gleich nicht.

Die Komödie sieht die Schwäche.

Die Tragödie sieht den Fall.

Und in beiden steht der Mensch vor seinem eigenen Widerhall.

Zwischenteil – Sprechgesang

Aus Sizilien kam die erfundene Handlung.

In Athen ließ Krates den bloßen Spott zurück.

Er gab der Komödie eine zusammenhängende Geschichte.

Nicht nur einzelne Angriffe.

Nicht nur persönliche Rüge.

Sondern eine Handlung von allgemeiner Bedeutung.

So wurde aus Spott ein Stück.

Aus einzelnen Scherzen eine Welt.

Strophe 3

Das Epos steht der Tragödie nahe, denn es zeigt den guten Mann. Beide sprechen in Versen davon, was ein Mensch ertragen kann.

Doch das Epos bleibt Bericht, während auf der Bühne gehandelt wird. Und es kennt nur ein Versmaß, das durch lange Wege führt.

Die Tragödie sucht Begrenzung, einen Tag, vielleicht noch mehr. Doch das Epos kennt die Ferne, keine Zeit hält es so sehr.

Was das Epos in sich trägt, findet man auch im tragischen Raum. Doch die Tragödie besitzt noch Dinge, die das Epos kennt kaum.

Refrain – größer

Die Komödie lässt uns lachen, wo der Mensch sich selbst verkennt.

Die Tragödie lässt uns fallen, wo ein großes Schicksal brennt.

Hier das Stolpern, dort das Leiden, hier der Spott und dort die Pflicht.

Beide zeigen uns den Menschen, doch sie zeigen ihn gleich nicht.

Die Komödie sieht die Schwäche.

Die Tragödie sieht den Fall.

Und in beiden steht der Mensch vor seinem eigenen Widerhall.

Bridge – dramatisch

Das Epos wandert durch die Jahre.

Die Tragödie schließt den Kreis.

Die Komödie löst die Spannung durch das Lächerliche leis.

Drei Gestalten einer Dichtung.

Drei verschiedene Arten, menschliches Handeln zu bewahren.

Im Bericht.

Im Lachen.

Im Fall.

Outro – ruhig gesprochen

Wer eine gute Tragödie von einer schlechten unterscheiden kann,

der erkennt auch die Stärke und die Schwäche des Epos.

Denn vieles teilen sie.

Doch nicht alles.

Was im Epos lebt, kann auch in der Tragödie leben.

Aber was die Tragödie besitzt, gehört nicht vollständig dem Epos.

Letzte Zeile – gesungen

Im Lachen und im Fallen erkennt der Mensch sich selbst.

Poetik · Teil 06

Die Tragödie

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Intro – gesprochen

Was ist die Tragödie?

Die Nachahmung einer guten, in sich geschlossenen Handlung.

Von bestimmter Größe.

In geformter Sprache.

Nicht nur berichtet —

sondern von Menschen vollzogen.

Sie ruft Jammer hervor.

Sie ruft Schaudern hervor.

Und reinigt uns von diesen Erregungen.

Strophe 1

Eine Handlung hebt sich aus der Stille, findet Anfang, Richtung, Ziel. Menschen treten in das Leben, und ihr Schicksal wird zum Spiel.

Nicht ein Spiel, das leicht vergeht, nicht ein leerer schöner Schein. Was hier handelt, trägt Bedeutung, schließt sich selbst zur Einheit ein.

Rhythmus formt die Sprache tiefer, Melodie erhebt das Wort. Was ein Mensch beginnt zu handeln, trägt den andern mit sich fort.

Und wir sehen nicht nur Körper, nicht nur Namen, nicht Gesicht. Wir erkennen in den Taten, wer der Mensch im Innern ist.

Refrain

Die Handlung ist die Seele, die Handlung trägt das Stück.

Sie führt den Menschen ins Verderben oder bringt ihn ins Glück zurück.

Aus Jammer und aus Schaudern, aus Hoffnung, Schuld und Pflicht,

entsteht die große Tragödie —

doch ohne Handlung lebt sie nicht.

Die Handlung ist die Seele.

Die Handlung ist das Licht.

Ohne Handlung keine Tragödie.

Ohne Handlung lebt sie nicht.

Strophe 2

Sechs Gestalten tragen jedes Werk, sechs Teile fügen seinen Lauf:

Handlung, Charakter und Sprache, Erkenntnis baut sich darauf.

Dann die Melodie der Stimmen, und das Bild im Bühnenraum. Sechs Bereiche einer Dichtung, sechs Gestalten eines Traums.

Doch nicht alle sind gleich wichtig, nicht das Schauspiel steht zuerst. Nicht der Schmuck und nicht die Farben treffen uns am tiefsten Herz.

Denn die Tragödie zeigt nicht Menschen nur als festgefügte Art. Sie zeigt Menschen in den Taten, wo sich Glück und Unglück paart.

Refrain

Die Handlung ist die Seele, die Handlung trägt das Stück.

Sie führt den Menschen ins Verderben oder bringt ihn ins Glück zurück.

Aus Jammer und aus Schaudern, aus Hoffnung, Schuld und Pflicht,

entsteht die große Tragödie —

doch ohne Handlung lebt sie nicht.

Die Handlung ist die Seele.

Die Handlung ist das Licht.

Ohne Handlung keine Tragödie.

Ohne Handlung lebt sie nicht.

Zwischenteil – Sprechgesang

Der Mythos ist die Zusammenfügung der Geschehnisse.

Der Charakter zeigt, wozu ein Mensch sich neigt.

Die Erkenntnis zeigt, was er begreift, was er behauptet, was er urteilt.

Die Sprache gibt dem Denken Worte.

Die Melodie gibt ihm Klang.

Die Inszenierung gibt ihm Sichtbarkeit.

Doch das Ziel der Tragödie ist nicht der Charakter.

Das Ziel ist die Handlung.

Denn der Mensch handelt nicht, um einen Charakter darzustellen.

Sein Charakter wird sichtbar, weil er handelt.

Strophe 3

Man kann schöne Reden schreiben, jedes Wort voll Kraft und Glanz. Man kann edle Menschen zeichnen, doch noch fehlt dem Werk das Ganz.

Ohne Wendung, ohne Folgen, ohne das, was weiterführt, bleibt die schönste Sprache machtlos, weil sie keine Handlung spürt.

Doch ein Werk mit starken Taten, selbst wenn manches Wort noch bricht, kann uns packen, kann uns wenden, führt uns durch das Dunkellicht.

Peripetie und Wiedererkennen treffen uns im Augenblick. Plötzlich kippt, was sicher schien, plötzlich gibt es kein Zurück.

Refrain – größer

Die Handlung ist die Seele, die Handlung trägt das Stück.

Sie führt den Menschen ins Verderben oder bringt ihn ins Glück zurück.

Aus Jammer und aus Schaudern, aus Hoffnung, Schuld und Pflicht,

entsteht die große Tragödie —

doch ohne Handlung lebt sie nicht.

Die Handlung ist die Seele.

Die Handlung ist das Licht.

Ohne Handlung keine Tragödie.

Ohne Handlung lebt sie nicht.

Bridge – dramatisch

Zuerst die Handlung.

Dann der Charakter.

Dann die Erkenntnis.

Dann die Sprache.

Dann die Melodie.

Dann das Bild.

Doch alles dient dem einen Weg:

Dass etwas geschieht.

Dass etwas sich wendet.

Dass ein Mensch handelt.

Dass wir erschrecken.

Dass wir Mitleid fühlen.

Dass wir verwandelt aus der Handlung hervorgehen.

Outro – ruhig gesprochen

Die Bühne kann ergreifen.

Der Chor kann uns tragen.

Die Sprache kann glänzen.

Doch auch ohne Bühne kann die Tragödie wirken.

Denn ihre Kraft liegt nicht im äußeren Aufwand.

Sie liegt in der Handlung.

In ihrer Ordnung.

In ihrer Wendung.

In ihrem Ziel.

Letzte Zeile – gesungen

Die Handlung ist die Seele der Tragödie.

Poetik · Teil 07

Die Teile der Tragödie

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Intro – gesprochen

Eine Tragödie ist eine ganze Handlung.

Nicht ein Ausschnitt ohne Ursprung.

Nicht ein Weg ohne Ziel.

Ein Ganzes hat:

einen Anfang,

eine Mitte,

und ein Ende.

Strophe 1

Ein Anfang folgt auf nichts zuvor, doch öffnet schon das nächste Tor. Aus ihm entsteht, was weitergeht, weil etwas Neues vor uns steht.

Die Mitte trägt, was schon begann, und stößt zugleich das Kommende an. Sie hält den Weg in ihrem Lauf, nimmt Vergangenes in Zukunft auf.

Das Ende folgt aus dem Geschehn, doch nichts muss mehr danach entstehn. Es schließt den Kreis, es setzt den Punkt, an dem die ganze Handlung ruht.

Refrain

Anfang, Mitte, Ende, so wird ein Werk zum Ganzen.

Kein Teil steht nur für sich, sie müssen sich ergänzen.

Anfang, Mitte, Ende, geordnet und vereint.

Erst wenn der Weg sich schließt, wird sichtbar, was er meint.

Nicht irgendwo beginnen.

Nicht irgendwo vergehn.

Ein Ganzes braucht die Ordnung, damit wir es verstehn.

Strophe 2

Ein Werk darf nicht beliebig starten, nicht plötzlich ohne Grund entarten. Es braucht den Ort, an dem es keimt, und einen Schluss, der alles eint.

Denn Schönheit lebt nicht nur im Teil, nicht nur in Farbe, Klang und Zeile. Sie lebt darin, wie alles steht, wie jedes Stück ins Ganze geht.

Doch Ordnung allein genügt noch nicht, auch Größe gibt dem Werk Gewicht. Zu klein — und unser Blick verliert, was kaum noch wahrgenommen wird.

Zu groß — und was zusammengehört, wird auseinander weit zerstört. Der Blick erfasst nicht mehr zugleich, was eigentlich ein Ganzes zeigt.

Refrain

Anfang, Mitte, Ende, so wird ein Werk zum Ganzen.

Kein Teil steht nur für sich, sie müssen sich ergänzen.

Anfang, Mitte, Ende, geordnet und vereint.

Erst wenn der Weg sich schließt, wird sichtbar, was er meint.

Nicht irgendwo beginnen.

Nicht irgendwo vergehn.

Ein Ganzes braucht die Ordnung, damit wir es verstehn.

Zwischenteil – Sprechgesang

Das Schöne braucht Ordnung.

Und das Schöne braucht Größe.

Nicht zu klein, damit es sichtbar bleibt.

Nicht zu groß, damit sein Zusammenhang nicht verloren geht.

Die Handlung muss so weit reichen, dass unser Gedächtnis sie als Einheit bewahren kann.

Groß genug für eine Wendung.

Klar genug für einen Blick.

Strophe 3

Die richtige Länge ist nicht Zahl, nicht bloß die Stunde, nicht das Maß. Sie liegt darin, ob das Geschehn als ganze Bewegung bleibt bestehn.

Die Handlung braucht so viel an Zeit, dass sich ein Schicksal wirklich dreht. Vom Glück hinein ins Unglück fällt, oder aus Nacht ins Helle geht.

Die Ereignisse müssen folgen, wahrscheinlich oder notwendig. Nicht nur geschehen, weil sie kommen, sondern verbunden, folgerichtig.

So misst man nicht mit Uhr und Hand, wie lang ein Werk bestehen kann. Die Handlung selbst bestimmt den Raum, den sie benötigt für den Traum.

Refrain – größer

Anfang, Mitte, Ende, so wird ein Werk zum Ganzen.

Kein Teil steht nur für sich, sie müssen sich ergänzen.

Anfang, Mitte, Ende, geordnet und vereint.

Erst wenn der Weg sich schließt, wird sichtbar, was er meint.

Groß genug zur Wendung.

Klar genug zum Sehn.

Ein Ganzes braucht die Ordnung, damit wir es verstehn.

Bridge – dramatisch

Ein Anfang öffnet.

Eine Mitte trägt.

Ein Ende schließt.

Eine Größe hält.

Eine Handlung wächst.

Ein Schicksal kippt.

Und was verstreut begann, wird endlich eins.

Outro – ruhig gesprochen

Die richtige Größe ist die, in der sich durch wahrscheinliche oder notwendige Ereignisse

ein Umschlag vollziehen kann.

Vom Unglück ins Glück.

Oder vom Glück ins Unglück.

Nicht länger, als die Einheit trägt.

Nicht kürzer, als die Handlung braucht.

Letzte Zeile – gesungen

Anfang, Mitte, Ende — und das Ganze wird sichtbar.

Poetik · Teil 08

Struktur eines Stückes

Quelltext Kapitel 8
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Intro – gesprochen

Ein einziger Held macht noch keine einzige Handlung.

Denn einem Menschen kann unendlich vieles geschehen.

Doch nicht alles, was ihm geschieht, gehört in dasselbe Stück.

Strophe 1

Ein Mensch geht durch viele Tage, durch viele Wege, viele Fragen. Er liebt, er kämpft, er reist, er fällt, doch nicht daraus entsteht schon Welt.

Denn tausend Dinge können kommen, zusammenhanglos, unverbunden. Sie tragen alle seinen Namen, doch müssen nicht gemeinsam atmen.

Nur weil ein Held im Mittelpunkt steht, ist noch kein Ganzes auferweckt. Nicht jede Tat, nicht jeder Ort führt dieselbe Handlung fort.

Die Einheit liegt nicht in der Person, nicht bloß in ihrem Namenston. Die Einheit liegt in dem Geschehn, das wir als einen Weg verstehn.

Refrain

Eine Handlung.

Ein Zusammenhang.

Ein Weg, der alles in sich trägt.

Eine Handlung.

Ein Zusammenhang.

Kein Teil, der ohne Wirkung bleibt.

Nimm einen Teil heraus — und alles muss sich ändern.

Stell einen Teil um — und nichts darf gleich bestehn.

Denn was zum Ganzen wirklich gehört, kann nicht verschwinden, ohne das Ganze zu zerstören.

Strophe 2

Man schrieb von Herakles und meinte, sein Name sei, was alles eine. Man nahm die Kämpfe, jede Reise, und band sie aneinander leise.

Doch weil ein Mann nur einer ist, wird nicht aus allem ein Gedicht. Denn was ihm irgendwann geschah, war nicht darum einander nah.

Auch Theseus trug in vielen Jahren Geschichten, Siege und Gefahren. Doch nicht jedes Abenteuer nährt dasselbe innere Feuer.

Ein Stück braucht eine Handlung ganz, nicht nur des Helden Lebenskranz. Es wählt aus allem, was geschah, nur das, was einem Ziele nah.

Refrain

Eine Handlung.

Ein Zusammenhang.

Ein Weg, der alles in sich trägt.

Eine Handlung.

Ein Zusammenhang.

Kein Teil, der ohne Wirkung bleibt.

Nimm einen Teil heraus — und alles muss sich ändern.

Stell einen Teil um — und nichts darf gleich bestehn.

Denn was zum Ganzen wirklich gehört, kann nicht verschwinden, ohne das Ganze zu zerstören.

Zwischenteil – Sprechgesang

Homer wusste zu wählen.

Als er die Odyssee schuf, nahm er nicht alles auf, was Odysseus je erlebt hatte.

Nicht jede Wunde.

Nicht jede List.

Nicht jeden vergangenen Tag.

Er wählte nur das, was zu einer Handlung gehörte.

Auch die Ilias war nicht das ganze Leben eines Helden.

Sie war ein Zusammenhang.

Ein Weg.

Eine Bewegung.

Ein Ganzes.

Strophe 3

Was vorher kommt, muss weiterführen, was später folgt, das Frühere berühren. Kein Teil darf nur danebenstehn, als könnte nichts durch ihn geschehn.

Denn wenn man etwas weggenommen und alles bleibt, wie es gekommen, war dieses Stück nicht wirklich Teil, nur Schmuck, nur Umweg, nur Verweil.

Was zum Ganzen fest gehört, wird durch das Ganze selbst erklärt. Es steht nicht zufällig darin, es trägt Bewegung, Kraft und Sinn.

Die Handlung wird zur Einheit dann, wenn nichts beliebig fehlen kann. Wenn jeder Teil den andern hält und mit ihm eine Ordnung stellt.

Refrain – größer

Eine Handlung.

Ein Zusammenhang.

Ein Weg, der alles in sich trägt.

Eine Handlung.

Ein Zusammenhang.

Kein Teil, der ohne Wirkung bleibt.

Nimm einen Teil heraus — und alles muss sich ändern.

Stell einen Teil um — und nichts darf gleich bestehn.

Denn was zum Ganzen wirklich gehört, kann nicht verschwinden, ohne das Ganze zu zerstören.

Bridge – dramatisch

Nicht ein Held macht die Einheit.

Nicht ein Name.

Nicht ein Leben.

Die Handlung macht die Einheit.

Was folgt.

Was wirkt.

Was notwendig wird.

Was alles verändert, sobald es fehlt.

Outro – ruhig gesprochen

Die Fabel ist die Nachahmung einer einzigen, ganzen Handlung.

Ihre Teile sind so verbunden, dass das Ganze sich verändert, wenn einer von ihnen verschoben oder entfernt wird.

Denn was ohne sichtbare Folgen vorhanden sein oder fehlen kann,

ist kein wirklicher Teil des Ganzen.

Letzte Zeile – gesungen

Eine Handlung hält das Ganze zusammen.

Poetik · Teil 09

Aufgabe des Dichters

Quelltext Kapitel 9
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Vollständiger gesungener Text

Intro – gesprochen

Der Dichter berichtet nicht nur, was wirklich geschehen ist.

Er zeigt, was geschehen könnte.

Was wahrscheinlich ist.

Was notwendig wird.

Strophe 1

Der Geschichtsschreiber nennt den Tag, den Ort, die Tat, die wirklich war. Er sagt, wer kam, wer ging, wer fiel, wer welchen Weg begann und hielt.

Der Dichter aber fragt dabei: Was könnte sein? Was wird daraus? Was tut ein Mensch von dieser Art, wenn Angst und Hoffnung in ihm hausen?

Er sucht nicht nur den Augenblick, nicht nur den Namen, nicht den Ort. Er sucht im einzelnen Menschen das Allgemeine fort.

Refrain

Nicht nur, was war.

Was möglich ist.

Was aus dem Menschen werden kann.

Nicht nur, was war.

Was folgen muss,

wenn eine Handlung einst begann.

Geschichte nennt das Einzelne.

Die Dichtung zeigt das Allgemeine.

Sie sagt nicht nur, was einmal geschah —

sie zeigt, was immer wieder geschehen kann.

Strophe 2

Man könnte Geschichte in Verse kleiden, doch bliebe sie Geschichte dabei. Denn nicht der Reim trennt beide Wege, nicht Versmaß macht die Dichtung frei.

Der eine sagt: Dieser Mensch tat dies.

Der andere fragt: Was tut ein Mensch,

wenn Macht ihn blendet, wenn Schuld ihn treibt, wenn eine Tat die nächste schreibt?

Darum ist Dichtung philosophischer, weil sie nicht nur Namen kennt. Sie zeigt die Kräfte im Menschen, durch die sich sein Schicksal wendet.

Refrain

Nicht nur, was war.

Was möglich ist.

Was aus dem Menschen werden kann.

Nicht nur, was war.

Was folgen muss,

wenn eine Handlung einst begann.

Geschichte nennt das Einzelne.

Die Dichtung zeigt das Allgemeine.

Sie sagt nicht nur, was einmal geschah —

sie zeigt, was immer wieder geschehen kann.

Zwischenteil – Sprechgesang

Der Dichter ist Dichter der Handlung.

Nicht nur der Verse.

Nicht nur der Sprache.

Er fügt Ereignisse so zusammen, dass eines aus dem anderen folgt.

Nach Wahrscheinlichkeit.

Oder mit Notwendigkeit.

Denn es macht einen Unterschied, ob etwas nur danach geschieht —

oder deswegen.

Strophe 3

Schlecht ist eine Handlung, wenn Szene auf Szene fällt, doch nichts aus dem Vorherigen wächst und nichts das Ganze zusammenhält.

Das Wunderbare wirkt am stärksten, wenn es uns unerwartet trifft und dennoch aus dem Früheren kommt, als hätte es sich selbst gestiftet.

Nicht blinder Zufall soll regieren, nicht loses Kommen, loses Gehn. Wir staunen tiefer, wenn wir plötzlich im Unerwarteten Ordnung sehn.

Refrain – final

Nicht nur, was war.

Was möglich ist.

Was aus dem Menschen werden kann.

Nicht nur, was war.

Was folgen muss,

wenn eine Handlung einst begann.

Geschichte nennt das Einzelne.

Die Dichtung zeigt das Allgemeine.

Sie sagt nicht nur, was einmal geschah —

sie zeigt, was immer wieder geschehen kann.

Outro – gesprochen

Der Dichter schreibt Möglichkeit.

Wahrscheinlichkeit.

Notwendigkeit.

Er zeigt nicht nur diesen einen Menschen.

Er zeigt den Menschen.

Letzte Zeile – gesungen

Die Dichtung zeigt, was geschehen kann.