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Jacob Burckhardt - Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt - Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch.
Dritter Abschnitt: Die Wiedererweckung des Altertums - Vorbemerkungen

Auf diesem Punkte unserer kulturgeschichtlichen Uebersicht angelangt, müssen wir des Altertums gedenken, dessen »Wiedergeburt« in einseitiger Weise zum Gesamtnamen des Zeitraums überhaupt geworden ist. Die bisher geschilderten Zustände würden die Nation erschüttert und gereift haben auch ohne das Altertum, und auch von den nachher aufzuzählenden neuen geistigen Richtungen wäre wohl das meiste ohne dasselbe denkbar; allein wie das Bisherige, so ist auch das Folgende doch von der Einwirkung der antiken Weit mannigfach gefärbt, und wo das Wesen der Dinge ohne dieselbe verständlich und vorhanden sein würde, da ist es doch die Aeusserungsweise im Leben nur mit ihr und durch sie. Die »Renaissance« wäre nicht die hohe weltgeschichtliche Notwendigkeit gewesen, die sie war, wenn man so leicht von ihr abstrahieren könnte. Darauf aber müssen wir beharren, als auf einem Hauptsatz dieses Buches, dass nicht sie allein, sondern ihr enges Bündnis mit dem neben ihr vorhandenen italienischen Volksgeist die abendländische Welt bezwungen hat.

Die Freiheit, welche sich dieser Volksgeist dabei bewahrte, ist eine ungleiche und scheint, sobald man z. B. nur auf die neulateinische Literatur sieht, oft sehr gering; in der bildenden Kunst aber und in mehrern andern Sphären ist sie auffallend gross, und das Bündnis zwischen zwei weit auseinander liegenden Kulturepochen desselben Volkes erweist sich als ein, weil höchst selbständiges, deshalb auch berechtigtes und fruchtbares. Das übrige Abendland mochte zusehen, wie es den grossen, aus Italien kommenden Antrieb abwehrte oder sich halb oder ganz aneignete; wo letzteres geschah, sollte man sich die Klagen über den frühzeitigen Untergang unserer mittelalterlichen Kulturformen und Vorstellungen ersparen. Hätten sie sich wehren können, so würden sie noch leben. Wenn jene elegischen Gemüter, die sich danach zurücksehnen, nur eine Stunde darin zubringen müssten, sie würden heftig nach moderner Luft begehren. Dass bei grossen Prozessen jener Art manche edle Einzelblüte mit zugrunde geht, ohne in Tradition und Poesie unvergänglich gesichert zu sein, ist gewiss; allein das grosse Gesamtereignis darf man deshalb nicht ungeschehen wünschen. Dieses Gesamtereignis besteht darin, dass neben der Kirche, welche bisher (und nicht mehr für lange) das Abendland zusammenhielt, ein neues geistiges Medium entsteht, welches, von Italien her sich ausbreitend, zur Lebensatmosphäre für alle höher gebildeten Europäer wird. Der schärfste Tadel, den man darüber aussprechen kann, ist der der Unvolkstümlichkeit, der erst jetzt notwendig eintretenden Scheidung von Gebildeten und Ungebildeten in ganz Europa. Dieser Tadel ist aber ganz wertlos, sobald man eingestehen muss, dass die Sache noch heute, obwohl klar erkannt, doch nicht beseitigt werden kann. Und diese Scheidung ist überdies in Italien lange nicht so herb und unerbittlich als anderswo. Ist doch ihr grösster Kunstdichter Tasso auch in den Händen der Aermsten.

Das römisch-griechische Altertum, welches seit dem 14. Jahrhundert so mächtig in das italienische Leben eingriff, als Anhalt und Quelle der Kultur, als Ziel und Ideal des Daseins, teilweise auch als bewusster neuer Gegensatz, dieses Altertum hatte schon längst stellenweise auf das ganze, auch ausseritalienische Mittelalter eingewirkt. Diejenige Bildung, welche Karl der Grosse vertrat, war wesentlich eine Renaissance, gegenüber der Barbarei des 7. und 8. Jahrhunderts, und konnte nichts anderes sein. Wie hierauf in die romanische Baukunst des Nordens ausser der allgemeinen, vom Altertum ererbten Formengrundlage auch auffallende direkt antike Formen sich einschleichen, so hatte die ganze Klostergelehrsamkeit allmählich eine grosse Masse von Stoff aus römischen Autoren in sich aufgenommen, und auch der Stil derselben blieb seit Einhard nicht ohne Nachahmung. Anders aber als im Norden wacht das Altertum in Italien wieder auf. Sobald hier die Barbarei aufhört, meldet sich bei dem noch halb antiken Volk die Erkenntnis seiner Vorzeit; es feiert sie und wünscht sie zu reproduzieren. Ausserhalb Italiens handelt es sich um eine gelehrte, reflektierte Benützung einzelner Elemente der Antike, in Italien um eine gelehrte und zugleich populäre sachliche Parteinahme für das Altertum überhaupt, weil dasselbe die Erinnerung an die eigene alte Grösse ist.

Die leichte Verständlichkeit des Lateinischen, die Menge der noch vorhandenen Erinnerungen und Denkmäler befördert diese Entwicklung gewaltig. Aus ihr und aus der Gegenwirkung des inzwischen doch anders gewordenen Volksgeistes, der germanisch-langobardischen Staatseinrichtungen, des allgemein europäischen Rittertums, der übrigen Kultureinflüsse aus dem Norden und der Religion und Kirche erwächst darin das neue Ganze: der modern italienische Geist, welchem es bestimmt war, für den ganzer Okzident massgebendes Vorbild zu werden. Wie sich in der bildenden Kunst das Antike regt, sobald die Barbarei aufhört, zeigt sich z. B. deutlich bei Anlass der toskanischen Bauten des 12. und der Skulpturen des 13. Jahrhunderts. Auch in der Dichtkunst fehlen die Parallelen nicht, wenn wir annehmen dürfen, dass der grösste lateinische Dichter des 12. Jahrhunderts, ja der, welcher für eine ganze Gattung der damaligen lateinischen Poesie den Ton angab, ein Italiener gewesen sei. Es ist derjenige, welchem die besten Stücke der sogenannten Carmina Burana angehören. Eine ungehemmte Freude an der Welt und ihren Genüssen, als deren Schutzgenien die alten Heidengötter wieder erscheinen, strömt in prachtvollem Fluss durch die gereimten Strophen. Wer sie in einem Zuge liest, wird die Ahnung, dass hier ein Italiener, wahrscheinlich ein Lombarde spreche, kaum abweisen können; es gibt aber auch bestimmte einzelne Gründe dafür1). Bis zu einem gewissen Grade sind diese lateinischen Poesien der Clerici vagantes des 12. Jahrhunderts allerdings ein gemeinsames europäisches Produkt, mitsamt ihrer grossen auffallenden Frivolität, allein der, welcher den Gesang de Phyllide et Flora und das Aestuans interius etc. gedichtet hat, war vermutlich kein Nordländer, und auch der feine beobachtende Sybarit nicht, von welchem Dum Dianae vitrea sero lampas oritur (S. 124) herrührt. Hier ist eine Renaissance der antiken Weltanschauung, die nur um so klarer in die Augen fällt neben der mittelalterlichen Reimform.

Es gibt manche Arbeit dieses und der nächsten Jahrhunderte, welche Hexameter und Pentameter in sorgfältiger Nachbildung und allerlei antike, zumal mythologische Zutat in den Sachen aufweist und doch nicht von ferne jenen antiken Eindruck hervorbringt. In den hexametrischen Chroniken u. a. Produktionen von Guilielmus Appulus an begegnet man oft einem emsigen Studium des Virgil, Ovid, Lucan, Statius und Claudian, allein die antike Form bleibt blosse Sache der Gelehrsamkeit, gerade wie der antike Stoff bei Sammelschriftstellern in der Weise des Vincenz von Beauvais oder bei dem Mythologen und Allegoriker Alanus ab Insulis. Die Renaissance ist aber nicht stückweise Nachahmung und Aufsammlung, sondern Wiedergeburt, und eine solche findet sich in der Tat in jenen Gedichten des unbekannten Clericus aus dem 12. Jahrhundert. Die grosse, allgemeine Parteinahme der Italiener für das Altertum beginnt jedoch erst mit dem 14. Jahrhundert. Es war dazu eine Entwicklung des städtischen Lebens notwendig, wie sie nur in Italien und erst jetzt vorkam: Zusammenwohnen und tatsächliche Gleichheit von Adligen und Bürgern; Bildung einer allgemeinen Gesellschaft (S. 172), welche sich bildungsbedürftig fühlte und Musse und Mittel übrig hatte. Die Bildung aber, sobald sie sich von der Phantasiewelt des Mittelalters losmachen wollte, konnte nicht plötzlich durch blosse Empirie zur Erkenntnis der physischen und geistigen Welt durchdringen, sie bedurfte eines Führers, und als solchen bot sich das klassische Altertum dar mit seiner Fülle objektiver, einleuchtender Wahrheit in allen Gebieten des Geistes. Man nahm von ihm Form und Stoff mit Dank und Bewunderung an, es wurde einstweilen der Hauptinhalt jener Bildung2). Auch die allgemeinen Verhältnisse Italiens waren der Sache günstig; das Kaisertum des Mittelalters hatte seit dem Untergang der Hohenstaufen entweder auf Italien verzichtet oder konnte sich daselbst nicht halten; das Papsttum war nach Avignon übergesiedelt; die meisten tatsächlich vorhandenen Mächte waren gewaltsam und illegitim; der zum Bewusstsein geweckte Geist aber war im Suchen nach einem neuen haltbaren Ideal begriffen, und so konnte sich das Scheinbild und Postulat einer römisch-italischen Weltherrschaft der Gemüter bemächtigen, ja eine praktische Verwirklichung versuchen mit Cola di Rienzo. Wie er, namentlich bei seinem ersten Tribunat, die Aufgabe anfasste, musste es allerdings nur zu einer wunderlichen Komödie kommen, allein für das Nationalgefühl war die Erinnerung an das alte Rom durchaus kein wertloser Anhalt. Mit seiner Kultur aufs neue ausgerüstet fühlte man sich bald in der Tat als die vorgeschrittenste Nation der Welt.

Diese Bewegung der Geister nicht in ihrer Fülle, sondern nur in ihren äussern Umrissen, und wesentlich in ihren Anfängen zu zeichnen, ist nun unsere nächste Aufgabe3).


  1. Carmina Burana, in der «Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart» der XVI. Band. - Der Aufenthalt in Pavia (p. 68, 69), die italienische Lokalität überhaupt, die Szene mit der pastorella unter dem Oelbaum (p. 145), die Anschauung einer pinus als eines weitschattigen Wiesenbaums (p. 156), der mehrmalige Gebrauch des Wortes bravium (p. 137, 144), namentlich aber die Form Madii für Maji (p. 141) scheinen für unsere Annahme zu sprechen. - Dass der Dichter sich Walther nennt, gibt noch keinen Wink über seine Herkunft. Gewöhnlich identifiziert man ihn mit Gualterus de Mapes, einem Domherrn von Salisbury und Kaplan der englischen Könige gegen Ende des 12. Jahrhunderts. In neuerer Zeit glaubt man ihn in einem gew. Walther von Lille oder von Chatillon wieder zu erkennen, vgl. Giesebrecht, bei Wattenbach: Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, S. 431 ff. Zurück
     
    Wie das Altertum in allen höhern Gebieten des Lebens als Lehrer und Führer dienen könne, schildert z. B. in rascher Uebersicht Aeneas Sylvius (opera p. 603 in der Epist. 105, an Erzherzog Sigismund). Zurück
     
  2. Für das Nähere verweisen wir auf Roscoe: Lorenzo magnif. und: Leo X., sowie auf Voigt: Enea Silvio, und auf Papencordt: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter. - Wer sich einen Begriff machen will von dem Umfang, welchen das Wissenswürdige bei den Gebildeten des beginnenden 16. Jahrhunderts angenommen hatte, ist am besten auf die Commentarii urbani des Raphael Volaterranus zu verweisen. Hier sieht man, wie das Altertum den Eingang und Hauptinhalt jedes Erkenntniszweiges ausmachte, von der Geographie und Lokalgeschichte durch die Biographien aller Mächtigen und Berühmten, die Populärphilosophie, die Moral und die einzelnen Spezialwissenschaften hindurch bis auf die Analyse des ganzen Aristoteles, womit das Werk schliesst. Um die ganze Bedeutung desselben als Quelle der Bildung zu erkennen, müsste man es mit allen frühern Enzyklopädien vergleichen. Eine umständliche und allseitige Behandlung des vorliegenden Themas gewährt das treffliche Werk von Voigt: die Wiederbelebung des klassischen Altertums. Zurück

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