Startseite - erstes Rätsel - Renaissance Forum - Rätselverzeichnis - Wie alles begann ... - Zufallsrätsel - letztes Rätsel
Galerie - A - B - C - D - E - F- G - H - I - J - K - L - M - N - O - P - Q - R - S - T - U - V - W - X - Y - Z |
Eugen Roth - Gesammelte Werke
...:-)))... auf besonderen Wunsch von Herbert, und weil Du Probleme mit Deinen Augen hast, mache ich die Schrift etwas größer...
Eugen Roth (* 24. Januar 1895 in München; † 28. April 1976 in München) war ein deutscher Lyriker und populärer Dichter meist humoristischer Verse.
Eugen Roth wurde im Ersten Weltkrieg, an dem er als Kriegsfreiwilliger teilnahm, schwer verwundet. Er studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie (1922 Promotion). 1927 - 1933 war er Redakteur der Münchner Neuesten Nachrichten. Besonders liebenswert sind seine hintersinnigen und zugleich humoristischen Gedichte/Verse, die nach wie vor aktuell sind. (http://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_Roth)
Inhaltsverzeichnis:
|
Der Schrift und Druckkunst Ehr und Macht Ein Mensch, noch eben prall vor Wut, |
Ein Mensch, als junger Feuergeist,
der Lügen warmes Kleid zerreißt
Und geht - welch herrlicher Charakter! -
Kühn durch die Welt nun als ein Nackter.
Der Mensch wird alt, die Welt wird kalt:
Die Zeit zeigt ihre Allgewalt.
Der Mensch hälts, frierend, nicht mehr aus -
Froh wär er um den alten Flaus.
Doch hat er den nicht nur zerrissen,
Nein, auch die Fetzen weggeschmissen.
Mit Müh erwirbt er, so im Zwange,
Sich Weltanschauung von der Stange
Und geht nun, bis zu seinem Tode,
Gleich all den andren, nach der Mode.
Ein Mensch hört staunend und empört,
dass er als Unmensch alle stört:
Er nämlich bildet selbst sich ein,
der angenehmste Mensch zu sein.
Ein Beispiel macht euch solches klar:
Der Schnarcher selbst schläft wunderbar.
Ein Mensch sagt - und ist stolz darauf -
Er geht in seinen Pflichten auf.
Bald aber, nicht mehr ganz so munter,
Geht er in seinen Pflichten unter.
Ein Mensch sitzt kummervoll und stier
vor einem weißen Blatt Papier.
Jedoch vergeblich ist das Sitzen –
Auch wiederholtes Bleistiftspitzen
schärft statt des Geistes nur den Stift.
Selbst der Zigarre bittres Gift,
Kaffee gar, kannenvoll geschlürft,
den Geist nicht aus den Tiefen schürft,
darinnen er, gemein verbockt,
höchst unzugänglich einsam hockt.
Dem Menschen kann es nicht gelingen,
ihn auf das leere Blatt zu bringen.
Der Mensch erkennt, daß es nichts nützt,
wenn er den Geist an sich besitzt,
weil Geist uns ja erst Freude macht,
sobald er zu Papier gebracht.
Ein Mensch, der, was auch kommen möge,
Niemals die andern glatt belöge,
Lügt drum, denn dies scheint ihm erlaubt,
Zuerst sich selbst an, bis ers glaubt.
Was er nun fast für Wahrheit hält,
Versetzt er dreist der ganzen Welt.
Ein Mensch, von kleinauf, wird belehrt,
Daß sich sein Leben selbst erschwert,
Wer, statt daß er am Schopf sie faßt,
Stets die Gelegenheit verpaßt.
Nun endlich, voll Verwegenheit,
Ergreift er die Gelegenheit.
Erst viel zu spät wird es ihm klar,
Daß diesmal just es keine war.
So mancher hat sich wohl die Welt
Bedeutend besser vorgestellt.
Getrost! Gewiß hat sich auch oft
Die Welt viel mehr von ihm erhofft
Wir sehn mit Grausen ringsherum:
Die Leute werden alt und dumm.
Nur wir allein im weiten Kreise
Wir bleiben jung und werden weise.
Ein Mensch denkt oft mit stiller Liebe
An Briefe, die er gerne schriebe.
Zum Beispiel: "Herr! sofern Sie glauben,
Sie dürften alles sich erlauben,
So teil ich Ihnen hierdurch mit,
Daß der bewußte Eselstritt
Vollständig an mir abgeprallt -
Das weitere sagt mein Rechtsanwalt!
Und wissen Sie, was sie mich können?..."
Wie herzlich wir dem Menschen gönnen,
An dem, was nie wir schreiben dürfen,
Herumzubasteln in Entwürfen.
Es macht den Zornigen sanft und kühl
Und schärft das deutsche Sprachgefühl.
Ein Mensch fällt jäh in eine Grube,
die ihm gegraben so ein Bube,
Wie? denkt der Mensch, das kann nicht sein:
Wer Gruben gräbt fällt selbst hinein! -
Das mag vielleicht als Regel gelten:
Ausnahmen aber sind nicht selten.
Wer krank ist, wird zur Not sich fassen.
Gilt´s dies und das zu unterlassen.
Doch meistens zeigt er sich immun,
heißt es, dagegen was zu tun.
Er wählt den Weg meist, den bequemen,
was ein- statt was zu unternehmen."
Das Schlimmste
Kraftfahrer sind ein Teil der Kraft,
Die Gutes will und Böses schafft.
Der beste Vorsatz wird zum Pflaster
Der Straße, führend doch zum Laster.
Wir schwörn, zu fahren, jetzt und später,
Nie mehr als sechzig Kilometer,
Zu schauen, ja, gar auszusteigen,
Sollt unterwegs sich Schönes zeigen-
Doch, statt wie wirs uns vorgenommen,
Schaun wir nur, daß wir weiter kommen,
Und lernen alsbald, nolens - volens,
Die heikle Kunst des Überholens;
Rasch haben wir uns angewöhnt,
Was wir doch anfangs so verpönt.
Das Auto? Einfach unentbehrlich!
Zu leben "ohne"? Kaum erklärlich!
Wie ist es fein, zu sagen: "Ja!"
Wenns heißt: "Sind Sie im Wagen da?"
Wir sind dem Pöbel nicht mehr ähnlich,
Der arm sich frettet, straßenbähnlich.
Wer erst die Macht hat, Gas zu geben,
Hat auch natürlich mehr vom Leben:
Kunststätten kann, wer fix und fleißig,
An einem Tage an die dreißig
Mitsamt den Kilometern fressen
Und gleich an Ort und Stell – vergessen.
Ein Mensch möcht sich im Bette strecken,
Doch hindern die zu kurzen Decken.
Es friert zuerst ihn an den Füßen,
Abhilfe muß die Schulter büßen.
Er rollt nach rechts und meint, nun gings,
Doch kommt die Kälte prompt von links.
Er rollt nach links herum, jedoch
Entsteht dadurch von rechts ein Loch.
Indem der Mensch nun dies bedenkt,
Hat Schlaf sich mild auf ihn gesenkt
Und schlummernd ist es ihm geglückt:
Er hat sich warm zurechtgerückt.
Natur vollbringt oft wunderbar,
Was eigentlich nicht möglich war.
Ein Mensch möcht´ erste Geige spielen,
jedoch - das ist der Wunsch von vielen,
so dass sie gar nicht jedermann,
selbst wenn er´s könnte spielen kann.
Auch BRATSCHE ist für den der´s kennt,
ein wunderschönes Instrument !
Ein Mensch geht eines Vormittages,
gewärtig keines Schicksalsschlages,
Geschäftig durch die große Stadt,
Wo viel er zu besorgen hat.
Doch schon trifft ihn der erste Streich:
Ein Türschild tröstet: »Komme gleich!«.
Gleich ist ein sehr verschwommnes Wort,
der Mensch geht deshalb wieder fort,
zum zweiten Ziele zu gelangen:
»Vor fünf Minuten weggegangen...«.
Beim dritten hat er auch kein Glück:
»Kommt in acht Tagen erst zurück!«
Beim vierten heißt´s, nach langem Lauern,
»Der Herr Direktor lässt bedauern...«.
Ein überfülltes Wartezimmer
Beim fünften raubt den Hoffnungsschimmer.
Beim sechsten stellt es sich heraus:
Er ließ ein Dokument zu Haus.
Nun kommt der siebte an die Reih´:
»Geschlossen zwischen zwölf und zwei!«.
Der Mensch, von Wut erfüllt zum Bersten,
Beginnt nun noch einmal beim ersten.
Da werden ihm die Kniee weich:
Dort steht noch immer: »Komme gleich!«.
Ein Mensch nimmt alles viel zu schwer.
Ein Unmensch naht mit weiser Lehr
Und rät dem Menschen: "Nimms doch leichter!"
Doch grad das Gegenteil erreicht er:
Der Mensch ist obendrein verstimmt,
Wie leicht man seine Sorgen nimmt.
Ein Mensch, verführt von blindem Zorn
Bläst in das nächste beste Horn.
Nun merkt er, nach dem ersten Rasen,
Daß er ins falsche Horn geblasen.
Zu spät! Der unerwünschte Ton
Ist laut in alle Welt entflohn.
Wenn schon Moral, dann wär es diese:
Daß man am besten gar nicht bliese!
Ein Mensch, noch eben prall vor Wut,
ist schnell versöhnt, wird herzensgut,
wenn man ihm sagt, dass man ihn liebt
und ihm zugleich was schönes gibt.
Ein Mensch, will er auf etwas pfeifen,
darf sich im Tone nicht vergreifen.
Ein Mensch, der weiß, wie lang und lieb
Die Welt sich voreinst Briefe schrieb,
Denkt lang darüber hin und her:
Warum tut sie das heut nicht mehr?
Er wähnt, die Gründe hab er schon:
Zeitmangel, Zeitung, Telefon.
Doch nein, wer ernstlich wollt, dem bliebe
Genügend Muße, daß er schriebe.
Ist er zu faul nur, zu bequem?
Gleich wird er schreiben - aber wem?
Wer teilt, so überlegt er kühl,
Mit mir noch meinen Rest Gefühl,
Daß sichs verlohnt, in längern Zeilen
Ihm dies Gefühl erst mitzuteilen?
Verschwend ich darum Herz und Geist,
Daß ers in den Papierkorb schmeißt?
Schon wird ihm, kaum daß ers bedacht,
Selbst von der Post ein Brief gebracht:
Voll Überschwang und Herzensdrang,
Vier handgeschriebne Seiten lang.
Er überfliegt sie; rückzuschreiben,
Läßt er, schon Unmensch, besser bleiben.
Es könnt sich, fruchtbar gleich Karnickeln,
Briefwechsel sonst daraus entwickeln.
Er weiß jetzt, wie die Dinge liegen:
Kein Mensch will auch noch Briefe kriegen!
Ein Mensch, von Büchern hart bedrängt,
An die er lang sein Herz gehängt,
Beschließt voll Tatkraft, sich zu wehren,
Eh sie kaninchenhaft sich mehren.
Sogleich, aufs äußerste ergrimmt,
Er ganze Reihn von Schmökern nimmt
Und wirft sie wüst auf einen Haufen,
Sie unbarmherzig zu verkaufen.
Der Haufen liegt, so wie er lag,
Am ersten, zweiten, dritten Tag.
Der Mensch beäugt ihn ungerührt
Und ist dann plötzlich doch verführt,
Noch einmal hinzusehn genauer -
Sieh da, der schöne Schopenhauer...
Und schlägt ihn auf und liest und liest,
Und merkt nicht, wie die Zeit verfließt...
Beschämt hat er nach Mitternacht
Ihn auf den alten Platz gebracht.
Dorthin stellt er auch eigenhändig
Den Herder, achtundzwanzigbändig.
E.T.A. Hoffmanns Neu-Entdeckung
Schützt diesen auch vor Zwangs-Vollstreckung.
Kurzum, ein Schmöker nach dem andern
Darf wieder auf die Bretter wandern.
Der Mensch, der so mit halben Taten
Beinah schon hätt den Geist verraten,
Ist nun getröstet und erheitert,
Daß die Entrümpelung gescheitert.
Ein Mensch, von einem Weib betrogen,
ergeht sich wüst in Monologen,
die alle in dem Vorsatz enden,
sich an kein Weib mehr zu verschwenden.
Doch morgen schon -was gilt die Wette?-
übt wieder dieser Mensch Duette.
Ein Mensch pflückt,
denn man merkt es kaum,
ein Blütenreis von einem Baum.
Ein andrer Mensch,
nach altem Brauch,
denkt sich,
was der tut, tu ich auch.
Ein dritter,
weils schon gleich ist,
fasst jetzt ohne Scham den vollen Ast,
und sieh, nun folgt ein Heer von Sündern,
den armen Baum ganz leer zu plündern.
Von den Verbrechern war der erste,
wie wenig er auch tat, der schwerste.
Er nämlich übersprang die Hürde
der unantastbar reinen Würde.
Ein Mensch spricht fern, geraume Zeit,
mit ausgesuchter Höflichkeit,
legt endlich dann, mit vielen süßen
Empfehlungen und besten Grüßen
den Hörer wieder auf die Gabel -
doch tut er nochmal auf den Schnabel
(nach all dem freundlichen Gestammel),
um dumpf zu murmeln: Blöder Hammel!
Der drüben öffnet auch den Mund
zu der Bemerkung: Falscher Hund!
So einfach wird oft auf der Welt
die Wahrheit wieder hergestellt.
Ein Mensch erblickt ein neiderregend
Vornehmes Haus in schönster Gegend.
Der Wunsch ergreift ihn mit Gewalt:
Genau so eines möcht er halt!
Nur dies und das, was ihn noch störte,
Würd anders, wenn es ihm gehörte;
Nur wär er noch viel mehr entzückt
Stünd es ein wenig vorgerückt ...
Kurz, es besitzend schon im Geiste,
Verändert traumhaft er das meiste.
Zum Schluß möcht er (gesagt ganz roh)
Ein andres Haus - und anderswo.
Ein Mensch, nichts wissend von "Mormome"
Schaut deshalb nach im Lexikone
Und hätt es dort auch rasch gefunden -
Jedoch er weiß, nach drei, vier Stunden
Von den Mormonen keine Silbe -
Dafür fast alles von der Milbe,
Von Mississippi, Mohr und Maus:
Im ganzen "M" kennt er sich aus.
Auch was ihn sonst gekümmert nie,
Physik zum Beispiel und Chemie,
Liest er jetzt nach, es fesselt ihn:
Was ist das: Monochloramin?
"Such unter Hydrazin", steht da.
Schon greift der Mensch zum Bande "H"
Und schlägt so eine neue Brücke
Zu ungeahntem Wissensglücke.
Jäh fällt ihm ein bei den Hormonen
Er sucht ja eigentlich: Mormonen!
Er blättert müd und überwacht:
Mann, Morpheus, Mohn und Mitternacht...
Hätt weiter noch geschmökert gern,
Kam bloß noch bis zum Morgenstern
Und da verneigte er sich tief
Noch vor dem Dichter - und - entschlief.
Bekanntlich kommt das Kind im Weib
durch das Gebären aus dem Leib.
Da aber sich das Kind im Mann
nicht solcherart entfernen kann,
ist es begreiflich, daß es bleibt
und ewig in ihm lebt und leibt.
Ein Mensch sieht schon seit Jahren klar:
Die Lage ist ganz unhaltbar.
Allein - am längsten, leider, hält
Das Unhaltbare auf der Welt.
Ein Mensch gestellt auf harte Probe
Besteht sie, und mit höchstem Lobe.
Doch sieh da: es versagt der gleiche,
Wird er gestellt auf eine weiche!
Ein Mensch ist der Bewundrung voll:
Nein, so ein Kursbuch - entfach toll!
Mit wieviel Hirn ist es gemacht:
An jeden Anschluss ist gedacht.
Es ist der reinste Zauberschlüssel -
Ob München - Kassel, Bremen - Brüssel,
Ob Bahn, ob Omnibus, ob Schiff -
Man findet's leicht - auf einen Griff!
Dabei sind auch noch Güterzüge
in das verwirrende Gefüge
Des Fahrplans eingeschoben!
Die Bahn kann man genug nicht loben!
Der Mensch in eitlem Selbstbespiegeln,
Rühmt sich, dies Buch mit sieben Siegeln
Trotz seiner vielbesprochnen Finten.
Schon fährt der Mensch nach Osnabrück
Und möcht am Abend noch zurück:
Und sieht, gedachten Zug betreffend.
Erst jetzt ein kleines f, ihn äffend;
Und ganz versteckt steht irgendwo:
"f) Zug fährt täglich außer Mo."
Der Mensch, der so die Bahn gelobt.
Sitzt jetzt im Wartesaal und tobt.
Und was er übers Kursbuch sagt.
Wird hier zu schreiben nicht gewagt.
Das Riesenfaultier, mammutgroß,
Und faul natürlich, bodenlos,
Ist ausgestorben, wie man weiß:
Man hat es umgebracht, mit Fleiß!
Ein kleines lebt noch, namens Ai,
In Uru- wie in Paraguay.
Es rührt sich, hängend hoch im Baum,
Mitunter ganze Tage kaum.
Die Früchte wachsen ihm ins Maul,
Doch ist's zum Fressen noch zu faul.
Um aber nicht vom Ast zu fallen,
Besitzt es große Sichelkrallen.
Noch nie hat es daran gedacht,
Wie weit durch Arbeit wir's gebracht:
Zum Ende der Gemütlichkeit,
Zu Kriegen - wahrlich, herrlich weit!
Vielleicht kehrt, als zum einzigen Glück,
Der Mensch zur Faulheit noch zurück!
Ein Mensch erkennt: Sein ärgster Feind:
Ein Unmensch, wenn er menschlich scheint!
Ein Mensch, der sich ein Schnitzel briet,
bemerkte, daß ihm dies missriet.
Doch, da er es sich selbst gebraten,
tut er, als sei es ihm geraten,
und, um sich nicht zu strafen Lügen,
isst er's mit herzlichem Vergnügen!
Ein Mensch würd sich zufrieden geben,
Damit, daß tragisch wird das Leben.
Das Schwierige liegt mehr an dem:
Es wird auch fad und unbequem.
Leider
Ein Mensch sieht schon seit Jahren klar:
Die Lage ist ganz unhaltbar.
Allein - am längsten, leider, hält
Das Unhaltbare auf der Welt.
Einsicht
Der Kranke traut nur widerwillig
Dem Arzt, der's schmerzlos macht und billig.
Laßt nie den alten Grundsatz rosten:
Es muß a) wehtun, b) was kosten.
Ein Mensch, den es nach Ruhm gelüstet,
Besteigt, mit großem Mut gerüstet,
Ein Sprungbrett - und man denkt, er liefe
Nun vor und spränge in die Tiefe,
Mit Doppelsalto und dergleichen
Der Menge Beifall zu erreichen.
Doch läßt er, angestaunt von vielen,
Zuerst einmal die Muskeln spielen,
Um dann erhaben vorzutreten,
Als gält's, die Sonne anzubeten.
Ergriffen schweigt das Publikum -
Doch er dreht sich gelassen um
Und steigt, fast möcht man sagen, heiter
Und vollbefriedigt von der Leiter.
Denn, wenn auch scheinbar nur entschlossen,
Hat er doch sehr viel Ruhm genossen,
Genau genommen schon den meisten -
Was sollt er da erst noch was leisten?
Ein Mensch ist sonst ein Denk-Genie.
Nur eins: an andre denkt er nie!
Zu fällen einen schönen Baum
braucht´s eine Viertelstunde kaum.
Zu wachsen, bis man ihn bewundert,
braucht er, bedenkt es,
ein Jahrhundert!
Ein Mensch hört irgendwas, gerüchtig,
Schnell schwatzt ers weiter, neuerungssüchtig,
So daß, was unverbürgt er weiß,
zieht einen immer größern Kreis.
Zum Schluß kommts auch zu ihm zurück. -
Jetzt strahlt der Mensch vor lauter Glück:
Vergessend, daß ers selbst getätigt,
Sieht froh er sein Gerücht bestätigt.
Der eingebildete Kranke
Ein Griesgram denkt mit trüber List,
Er wäre krank. (was er nicht ist!)
Er müsste nun, mit viel Verdruss,
Ins Bett hinein. (was er nicht muss!)
Er hätte, spräch der Doktor glatt,
Ein Darmgeschwür. (was er nicht hat!)
Er soll verzichten, jammervoll,
Aufs Rauchen ganz. (was er nicht soll!)
Und werde, heißt es unbeirrt,
Doch sterben dran. (was er nicht wird!)
Der Mensch könnt, als gesunder Mann,
Recht glücklich sein. (was er nicht kann!)
Möcht glauben er nur einen Tag,
Dass ihm nichts fehlt. (was er nicht mag!)
Die Wiesenralle, Knarrer, Schnärz
Kommt erst im Mai anstatt im März
Als Wachtelkönig, als crex-crex,
Hat sie viel Namen beinah sechs.
Ihr Nest macht sie im grünen Gras,
Als wäre sie der Osterhas.
Die Kinderliebe läßt zu fest
Sie manchmal sitzen auf dem Nest:
Den Bauern merkt sie erst zu spät,
Drum wird sie oft mit abgemäht.
Ein Mensch wollt´ immer recht behalten,
So kam´s vom Haar- zum Schädelspalten.
Die Welt ist voller Reisewut
Indes zu Haus der Weise ruht.
Und die oft weltfremd nur geschienen
Die Welt kam - umgekehrt - zu ihnen.
Ein Mensch, dem Schicksalsgunst gegeben,
In einer großen Zeit zu leben,
Freut sich darüber - doch nicht täglich;
Denn manchmal ist er klein und kläglich
Und wünscht, schon tot und eingegraben,
In großer Zeit gelebt zu haben.
Ein Mensch sitzt stolz, programmbewehrt,
in einem besseren Konzert.
Fühlt sich als Kenner überlegen
- die anderen sind nichts dagegen.
Musik in den Gehörgang rinnt-
der Mensch lauscht kühn verklärt
und sinnt.
Kaum daß den ersten Satz sie enden
rauscht er schon rasend mit den Händen
und spricht vernehmliche und kluge
Gedanken über eine Fuge.
Und seufzt dann, vor Bewunderung schwach:
"Nein, einfach himmlich, dieser Bach!"
Sein Nachbar aber grinst abscheulich:
"Sie haben das Programm von neulich!"
Und sieh, woran er gar nicht dachte:
Man spielt heut abend Bruckners Achte!
Und jäh, wie Simson seine Kraft
verliert der Mensch die Kennerschaft.
Ein Mensch hat einen Kreisel, rund,
Bemalt in sieben Farben, bunt.
Er peitscht ihn an, der Kreisel schwirrt,
Bis schneller er und grauer wird . . .
Soll unser Leben bunter bleiben,
Darf mans nicht allzu munter treiben.
Ein Mensch, der manches liebes Jahr
Zufrieden mit dem Dasein war,
Kriegt eines Tages einen Koller
Und möchte alles wirkungsvoller.
Auf einmal ist kein Mann ihm klug,
Ist keine Frau ihm schön genug.
Die Träume sollten kühner sein,
Die Bäume sollten grüner sein,
Schal dünkt ihn jede Liebeswonne,
Fahl scheint ihm schließlich selbst die Sonne.
Jedoch die Welt sich ihm verweigert,
Je mehr er seine Wünsche steigert.
Er gibt nicht nach und er rumort,
Bis er die Daseinsschicht durchbohrt.
Da ist es endlich ihm geglückt -
Doch seitdem ist der Mensch verrückt.
Die Arbeit macht uns kein Vergnügen,
Wenn wir nur fremden Acker pflügen.
Ein Mensch, der gerne Zahlen lernt,
trifft einen, der von Pi sehr schwärmt,
und hört von ihm, wie rein und klar,
wie schön, phantastisch, wunderbar,
wie herrlich dieses Pi doch sei -
und schon sind der Verehrer zwei.
Die wollen gleich - aus diesen Gründen -
den Menschen die Zahl Pi verkünden.
So gehn sie in die Welt hinaus
und - krieg'n erstaunlich viel Applaus,
sodaß - was anfangs kaum wer weiß -
zieht einen immer größer'n Kreis.
Doch bald schon wird die Zahl zum Wahn
und steckt die ganze Menschheit an.
Ein jeder lernt und rezitiert,
vom König bis zum Schankenwirt.
Der Geist von Pi - in seiner Hast -
hat flugs die ganze Welt erfaßt.
Den Grund dafür errät ihr nie;
Er heißt: Virus abstrusum pi.
Ein Mensch mit Fahrschein zweiter Klasse
kriegt dort nicht Platz; jedoch in Masse, -
was vorkommt bei der Eisenbahn -
gibts Platz in dritter, nebenan.
Der Mensch jedoch, viel leber steht er
so drei-, vierhundert Kilometer
im Gang der zweiten, statt auf Plätzen
der dritten Klasse sich zu setzen -
weil er, und darauf besteht er glatt,
auf zweite Klasse Anspruch hat.
Ein Mensch hat Bücher wo besprochen
Und liest sie nun im Lauf der Wochen.
Er freut sich wie ein kleines Kind,
Wenn sie ein bißchen auch so sind.
Der Schrift und Druckkunst Ehr und Macht
Wir haben, für zwei Weltsekunden,
Mühselig Schrift und Druck erfunden:
5000 Jahre sahn wir verstreichen
Seit jenen ersten Bilderzeichen;
500 seit die Schrift, der Zwerg,
Zum Riesen ward durch Gutenberg;
Und 50, seit die ersten Wellen
Allmacht des Drucks in Frage stellen.
Kein Mensch weiß, wie es künftig werden wird;
Und doch glaub’ ich, daß der nicht irrt,
Der, was auch an Gefahren lauer’,
Den Sieg des Buchs hofft, auf die Dauer.
Der eignen Bildung hohen Hort:
Das ist und bleibt gedrucktes Wort!
Das Buch hat Raum, das Buch hat Zeit
Für eine irdische Ewigkeit.
Das Herz sagt uns wie der Verstand:
«Gesegnet wer die Schrift erfand!»
Ein Mensch denkt jäh erschüttert dran,
Was alles ihm geschehen kann
An Krankheits- oder Unglücksfällen
Um ihm das Leben zu vergällen.
Hirn, Auge, Ohr, Zahn, Nase, Hals;
Herz, Magen, Leber ebenfalls,
Darm, Niere, Blase, Blutkreislauf
Zählt er bei sich mit Schaudern auf,
Bezieht auch Lunge, Arm und Bein
Nebst allen Möglichkeiten ein.
Jedoch, sogar den Fall gesetzt,
Er bliebe heil und unverletzt,
Ja, bis ins kleinste kerngesund,
Wär doch zum Frohsinn noch kein Grund,
Da an den Tod doch stündlich mahnen
Kraftfahrer, Straßen-, Eisenbahnen;
Selbst Radler, die geräuschlos schleichen,
Sie können tückisch dich erreichen.
Ein Unglücksfall, ein Mord, ein Sturz,
Ein Blitz, ein Sturm, ein Weltkrieg - kurz,
Was Erde, Wasser, Luft und Feuer
In sich birgt, ist nie ganz geheuer.
Der Mensch, der so des Schicksals Macht
Ganz haargenau bei sich durchdacht,
Lebt lange noch in Furcht und Wahn
Und stirbt - und niemand weiß, woran.
Ein Mensch, der viel Kaffee getrunken,
Ist nachts in keinen Schlaf gesunken.
Nun muß er zwischen Tod und Leben
Hoch überm Schlummerabgrund schweben
Und sich mit flatterflinken Nerven
Von einer Angst zur andern werfen
Und wie ein Affe auf dem schwanken
Gezweige turnen der Gedanken,
Muß über die geheimsten Wurzeln
Des vielverschlungnen Daseins purzeln
Und hat verlaufen sich alsbald
Im höllischen Gehirn-Urwald.
In einer Schlucht von tausend Dämpfen
Muß er mit Spukgestalten kämpfen,
Muß, von Gespenstern blöd geäfft,
An Weiber, Schule, Krieg, Geschäft
In tollster Überblendung denken
Und kann sich nicht ins Nichts versenken.
Der Mensch in selber Nacht beschließt,
Daß er Kaffee nie mehr genießt.
Doch ist vergessen alles Weh
Am andern Morgen - beim Kaffee.
Ein Mensch ist ernstlich zu beklagen,
Der nie die Kraft hat, nein zu sagen,
Obwohl er's weiß, bei sich ganz still:
Er will nicht, was man von ihm will!
Nur, daß er Aufschub noch erreicht,
Sagt er, er wolle sehn, vielleicht...
Gemahnt, nach zweifelsbittern Wochen,
Daß er's doch halb und halb versprochen,
Verspricht er's, statt es abzuschütteln,
Aus lauter Feigheit zu zwei Dritteln,
Um endlich, ausweglos gestellt,
Als ein zur Unzeit tapfrer Held
In Wut und Grobheit sich zu steigern
Und das Versprochne zu verweigern.
Der Mensch gilt bald bei jedermann
Als hinterlistiger Grobian -
Und ist im Grund doch nur zu weich,
Um nein zu sagen - aber gleich!
Ein Mensch, vorm Urlaub, wahrt sein Haus,
Dreht überall die Lichter aus,
In Zimmern, Küche, Bad, Abort -
Dann sperrt er ab, fährt heiter fort.
Doch jäh, zu hinterst in Tirol,
Denkt er voll Schrecken: "Hab ich wohl?"
Und steigert wild sich in den Wahn,
Er habe dieses nicht getan.
Der Mensch sieht, schaudervoll, im Geiste,
Wie man gestohlen schon das meiste,
Sieht Türen offen, angelweit.
Das Licht entlammt die ganze Zeit!
Zu klären solchen Sinnentrug,
Fährt heim er mit dem nächsten Zug
Und ist schon dankbar, bloß zu sehen:
Das Haus blieb wenigstens noch stehn!
Wie er hinauf die Treppen keucht:
Kommt aus der Wohnung kein Geleucht?
Und plötzlich ists dem armen Manne,
Es plätschre aus der Badewanne!
Die Ängste werden unermessen:
Hat er nicht auch das Gas vergessen?
Doch nein! Er schnuppert, horcht und äugt
Und ist mit Freuden überzeugt,
Daß er - hat ers nicht gleich gedacht? -
Zu Unrecht Sorgen sich gemacht.
Er fährt zurück und ist nicht bang. -
Jetzt brennt das Licht vier Wochen lang.
Man trifft heut manchen Zaungast zwar,
doch der Zaunkönig, der wird rar,
der durch die Gärten, grün umbuscht,
so winzig wie ein Mäuschen huscht.
Das Leben, meint ein holder Wahn,
geht erst mit vierzig Jahren an.
Wir lassen uns auch leicht betören,
von Meinungen, die wir gern hören,
und halten, längst schon vierzigjährig,
meist unsre Kräfte noch für bärig.
Was haben wir, gestehn wir's offen,
von diesem Leben noch zu hoffen?
Ein Weilchen sind wir noch geschäftig
und vorderhand auch steuerkräftig,
doch spüren wir, wie nach und nach
gemächlich kommt das Ungemach,
und wie Hormone und Arterien
schön langsam gehen in die Ferien.
Man nennt uns rüstig, nennt uns wacker
und denkt dabei: "Der alte Knacker!"
Wir stehn auf unsres Lebens Höhn,
doch ist die Aussicht gar nicht schön -
ganz abgesehen, daß auch zum Schluß
wer droben, wieder runter muß.
Wer es genau nimmt, kommt darauf:
Mit vierzig hört das Leben auf.
Ein Mensch, der ohne jeden Grund
Auf einer schönen Liste stund,
Stand dadurch zugleich hoch in Gnaden
Und ward geehrt und eingeladen.
Ein andrer Mensch, der auch von wem,
Gleichgültig, obs ihm angenehm,
Auf eine Liste ward gesetzt,
Bezahlt es mit dem Leben jetzt.
Moral ist weiter hier entbehrlich:
Auf Listen stehen ist gefährlich.
Ein Mensch, der sich von Gott und Welt
Mit einem andern unterhält,
Muß dabei leider rasch erlahmen:
Vergessen hat er alle Namen!
"Wer wars denn gleich, Sie wissen doch...
Der Dings, naja, wie hieß er noch,
Der damals, gegen Osten gings,
In Dings gewesen mit dem Dings?"
Der andre, um im Bild zu scheinen,
Spricht mild: "Ich weiß schon, wen Sie meinen!"
Jedoch, nach längerm hin und her,
Sehn beide ein, es geht nicht mehr.
Der Dings in Dingsda mit dem Dings
Zum Rätsel wird er bald der Sphinx
Und zwingt die zwei sonst gar nicht Dummen,
Beschämt und traurig zu verstummen.
Die Wissenschaft, sie ist und bleibt,
was einer ab vom andern schreibt.
Die zweite Geige
Ein Mensch möcht erste Geige spielen
Indes, das ist der Wunsch von vielen,
so daß sie gar nicht jedermann
- selbst wenn er's könnte - spielen kann
Auch Bratsche ist für den der's kennt
ein wunderschönes Instrument
Ein Mensch pflegt seines Zimmers Zierde,
Ein Rosenstöckchen mit Begierde.
Gießts täglich, ohne zu ermatten,
Stellts bald ins Licht, bald in den Schatten
Erfrischt ihm unentwegt die Erde,
Vermischt mit nassem Obst der Pferde,
Beschneidet sorgsam jeden Trieb -
Doch schon ist hin, was ihm so lieb.
Leicht ist hier die Moral zu fassen:
Man muß die Dinge wachsen lassen!
Ein Mensch, der spürt, wenn auch verschwommen,
Er müßte sich, genau genommen,
Im Grunde seines Herzens schämen
Zieht vor, es nicht genau zu nehmen.
Ein Mensch, noch eben prall vor Wut,
ist schnell versöhnt, wird herzensgut,
wenn man ihm sagt, dass man ihn liebt
und ihm zugleich was schönes gibt.
Ein Mensch, will er auf etwas pfeifen,
darf sich im Tone nicht vergreifen.
Ein Mensch hört staunend und empört,
Daß er, als Unmensch, alle stört.
Er nämlich bildet selbst sich ein,
Der angenehmste Mensch zu sein.
Ein Beispiel macht euch solches klar:
Der Schnarcher selbst schläft wunderbar.
Ein Mensch erblickt das Licht der Welt-
Doch oft hat sich herausgestellt
Nach manchem trüb verbrachten Jahr,
Daß dies der einzige Lichtblick war.
Ein Mensch fühlt oft
Sich wie verwandelt,
Sobald man menschlich
Ihn behandelt
Ein Mensch sagt und ist stolz darauf,
ich geh' in meiner Arbeit auf!
Doch bald darauf - nicht ganz so munter –
geht er in seiner Arbeit unter.
Ein Mensch, an sich mit Doktorgrad,
geht einsam durchs Familienbad.
Dort selbst beäugt ihn mancher hämisch,
der zweifellos nicht akademisch.
Der Mensch erkennt, hier gelte nur
der nackte Vorzug der Natur,
wogegen sich der schärfste Geist
als stumpf und wirkungslos erweist,
Weil, mangels aller Angriffsflächen,
es ihm nicht möglich, zu bestechen.
Der Mensch, der ohne Anschluss bleibt
an alles, was hier leibt und weibt,
Kann leider nur mit einem sauern
Hohnlächeln diese Welt bedauern,
Wirft sich samt Sehnsuchtsweh ins Wasser,
verlässt es kalt, als Weiberhasser,
Stelzt quer durchs Fleisch mit strenger Miene
auf spitzem Kies in die Kabine,
Zieht wieder, was er abgetan,
die Kleider und den Doktor an
Und macht sich, weil er fehl am Ort,
zwar nicht sehr geltend, aber fort.
Ein Mensch hält sich, wie viele Männer,
Für einen großen Frauenkenner:
Nicht wegen allzu reicher Ernte -
Nein, weil er keine kennenlernte!
Ein Mensch drückt gegen eine Türe,
Wild stemmt er sich, dass sie sich rühre!
Die schwere Türe, erzgegossen,
Bleibt ungerührt und fest verschlossen
Ein Unmensch, sonst gewiss nicht klug,
Versuchts ganz einfach jetzt mit Zug.
Und schau! (Der Mensch steht ganz betroffen)
Schon ist die schwere Türe offen!
So gehts auch sonst in vielen Stücken:
Dort, wos zu ziehn gilt, hilft kein Drücken!
Ein Mensch, der einem, den er kennt,
Gerade in die Arme rennt,
Fragt: "Wann besuchen Sie uns endlich?!"
Der andre: "Gerne, selbstverständlich!"
"Wie wär es", fragt der Mensch, "gleich morgen?"
"Unmöglich, Wichtiges zu besorgen!"
"Und wie wärs Mittwoch in acht Tagen?"
"Da müßt ich meine Frau erst fragen!"
"Und nächsten Sonntag?" "Ach wie schade,
Da hab ich selbst schon Gäste grade!"
Nun schlägt der andre einen Flor
Von hübschen Möglichkeiten vor.
Jedoch der Mensch muß drauf verzichten,
Just da hat er halt andre Pflichten.
Die Menschen haben nun, ganz klar,
Getan, was menschenmöglich war
Und sagen drum: "Auf Wiedersehn,
Ein andermal wirds dann schon gehen!"
Der eine denkt, in Glück zerschwommen:
"Dem Trottel wär ich ausgekommen!"
Der andre, auch in siebten Himmeln:
"So gilts, die Wanzen abzuwimmeln!"
Ein Mensch sagt und ist stolz darauf,
ich geh' in meiner Arbeit auf!
Doch bald darauf - nicht ganz so munter –
geht er in seiner Arbeit unter.
Ein Mensch von Milde angewandelt,
Will, daß man Lumpen zart behandelt,
Denn, überlegt man sichs nur reiflich,
Spitzbübereien sind begreiflich.
Den Kerl nur, der ihm selbst einmal
Die goldne Uhr samt Kette stahl,
Den soll - an Nachsicht nicht zu denken! -
Man einsperrn, prügeln, foltern, henken!
Der Kranke traut nur widerwillig
Dem Arzt, der's schmerzlos macht und billig.
Laßt nie den alten Grundsatz rosten:
Es muß a) wehtun, b) was kosten.
Ein Mensch, ein liebesselig-süßer,
Erfährt, daß er nur Lückenbüßer
Und die Geliebte ihn nur nahm,
Weil sie den andern nicht bekam.
Trotzdem läßt er sichs nicht verdrießen,
Das Weib von Herzen zu genießen.
Es nehmen, die auf Erden wandern,
Ja alle einen für den andern.
Ein Mensch, als Ehemann sonst bräver,
Geriet an einen netten Käfer,
Mit dem er sich, moralgekräftigt,
Aus reinem Wissensdrang beschäftigt.
Er glaubt' denn auch, er hätt' entdeckt,
Ein neues, reizendes Insekt.
Doch leider wars nur eine Wanze,
Die beutegierg ging aufs Ganze.
Der Mensch bezahlte nun sein Wissen
Noch lange mit Gewissensbissen.
Ein Mensch, der für den Fall, er müßte,
Sich - meint er - nicht zu helfen wüßte,
trifft doch den richtigen Entschluß
Aus tapferm Herzen: Denn er muß!
Das Bild der Welt bleibt immer schief,
betrachtet aus dem Konjunktiv.
Ein Mensch, der beste Mensch der Welt,
Wird eines Tages angestellt
Und muß - er tuts zuerst nicht gern -
Laut bellen nun für seinen Herrn
Bald wird er, wie es ihm geheißen,
Die Zähne zeigen, ja gar beißen.
Er wird sein Amt - im Bild gesprochen -
Wild fletschend, wie der Hund den Knochen,
Dem einer ihm mißgönnt, verteidigen -
Ein schiefer Blick kann ihn beleidigen.
Dann wird er milder, Zahn um Zahn
Wird stumpf und fängt zu wackeln an -
Bis schließlich er, als Pensionist,
Fast wieder Mensch geworden ist.
Scheint auch Dein Zustand aussichtslos,
Halt durch! - und wärs für Tage bloß!
Nur Mut! Die Rettung ist schon nah -
Sie kommt bestimmt aus USA.
Wo, wie man liest, beinahe stündlich,
die Heilkunst umgewälzt wird, gründlich.
Und wäre auch Dein Fall der schwerste,
bist Du vielleicht der allererste.
Den, durch die Luft herbeigeeilt,
von drüben ein Professor heilt!
Man liest zwar deutlich überall:
Was tun bei einem Unglücksfall?
Doch ahnungslos ist meist die Welt,
Wie sie beim Glücksfall sich verhält.
Mein Urgroßvater war einst schon
In Rußland mit Napoleon
Und sagte - neunzig Jahre alt -,
Gefragt, wie's war, ein Wort nur: "Kalt!"
Genau genommen war das klug:
Es wußte jedermann genug.
Auch wir sind ähnlich eingestellt.
Und schon, daß man der schnöden Welt
Die Neugier einmal abgewöhn',
Erklärn wir kurz und bündig: "Schön!"
Und sehn, daß Freund und Weib und Kind
Vollauf damit zufrieden sind.
Klingt auch das Fragen oft beflissen:
Kein Mensch will es im Grunde wissen.
Ein Mensch wünscht sich ganz unaussprechlich,
Das Glück und Glas sei unzerbrechlich.
Die Wissenschaft vollbringt das leicht;
Beim Glas hat sie’s schon fast erreicht.
Wir nehmen gern die Weisheit an:
Was GOTT tut, das ist wohlgetan!
Nur ist uns häufig nicht ganz klar,
ob er es dann auch wirklich war!
Ein Mensch wird müde seiner Fragen:
Nie kann ein Mensch ihm Antwort sagen.
Doch gern gibt Auskunft alle Welt
Auf Fragen die er nie gestellt.
Ein Mensch schwärmt in Begeistrung hell
Fürs Schweizervolk und seine Tell,
Der niederschoß den Habsburg-Schergen
Und Freiheit ausrief in den Bergen,
Was ihm belohnt mit guten Franken,
Noch heut die späten Enkel danken.
Die Welt mit Freiheit gerne prahlt,
Die alt verbürgt und längst bezahlt.
Doch kleiner wird der Kreis von Lobern,
Gilts hier und heut sie zu erobern.
Ein Mensch, der auf ein Weib vertraut
und drum ihm einen Tempel baut
und meint, das wär sein Meisterstück,
erlebt ein schweres Bauunglück.
Leicht findet jeder das Exempel:
Auf Weiber baut man keinen Tempel!
Ein Mensch liest staunend, fast entsetzt,
Daß die moderne Technik jetzt
Den Raum, die Zeit total besiegt:
Drei Stunden man nach London fliegt.
Der Fortschritt herrscht in aller Welt.
Jedoch, der Mensch besitzt kein Geld.
Für ihn liegt London grad so weit
Wie in der guten alten Zeit.
Ein Mensch hat eines Tags bedacht,
was er im Leben falsch gemacht,
und fleht, genarrt von Selbstvorwürfen,
gutmachen wieder es zu dürfen.
Die Fee, die zur Verfügung steht,
wenn sich's, wie hier, um Märchen dreht,
erlaubt ihm denn auch augenblicks
die Richtigstellung des Geschicks.
Der Mensch besorgt dies äußerst gründlich,
merzt alles aus, was dumm und sündlich.
Doch spürt er, daß der saubern Seele
ihr innerlichstes Wesen fehle,
und scheußlich geht's ihm auf die Nerven:
Er hat sich nichts mehr vorzuwerfen,
und niemals wird er wieder jung
im Schatten der Erinnerung.
Dummheiten, fühlt er, gibt's auf Erden
nur zu dem Zweck, gemacht zu werden.
Ein Mensch, der voller Neid vernimmt,
Daß alle Welt im Gelde schwimmt,
Stürzt in den Strom sich munter,
Doch siehe da: Schon geht er unter!
Es müssen - wie´s auch andre treiben -
Nichtschwimmer auf dem Trocknen bleiben!
Wen Briefe ärgern, die er kriegt,
dem sei, auf daß sein Zorn verfliegt,
genannt ein Mittel, höchst probat,
das manchem schon geholfen hat.
Er suche sich aus alten Akten
die schon erledigt weggepackten
Droh-, Schmäh-, Mahn-, Haß- und Liebesbriefe,
die schliefen in Vergessenstiefe:
Beschwichtigt alles und berichtigt,
entzichtigt, nichtig und entwichtigt!
So wird die Zeit bald mit dem fertig,
was gegen-, vielmehr widerwärtig.
Ad acta wirst auch du gelegt
samt allem, was dich aufgeregt.
Weil man als Kind das Gehen gelernt,
meint man, man kann es. Weit entfernt!
Wie schwer, zu gehn zur rechten Zeit!
Wie oft geht einer.auch zu weit!
Wie selten Leute, die‘s verstehn,
uns auf die Nerven nicht zu gehn!
Wie mancher zeigt sich völlig blind
bei Schritten, die entscheidend sind!
Nicht allen ist es wohl gegeben,
aufrecht zu gehen durch das Leben.
Ja, wenn man nur, nach Schuld und Sünde,
in sich zu gehen gut verstünde,
hingegen dort, wo es vonnöten,
beherzt aus sich herauszutreten.
Es schreiten viele gleich zur Tat,
statt erst mit sich zu gehn zu Rat...
Natürlich geht da mancher ein. —
Wer mit der Zeit gehn kann, hat‘s fein,
hingegen muß man jene hassen,
die einfach alles gehen lassen.
Ein Mensch schreibt mitternächtig tief
An die Geliebte einen Brief,
Der schwül und voller Nachtgefühl.
Sie aber kriegt ihn morgenkühl,
Liest gähnend ihn und wirft ihn weg.
Man sieht, der Brief verfehlt den Zweck.
Der Mensch, der nichts mehr von ihr hört,
Ist seinerseits mit Recht empört
Und schreibt am hellen Tag, gekränkt
Und saugrob, was er von ihr denkt.
Die Liebste kriegt den Brief am Abend,
Soeben sich entschlossen habend,
Den Menschen dennoch zu erhören -
Der Brief muss diesen Vorsatz stören.
Nun schreibt, die Grobheit abzubitten,
Der Mensch noch einen zarten dritten
Und vierten, fünften, sechsten, siebten
Der herzlos schweigenden Geliebten.
Doch bleibt vergeblich alle Schrift,
Wenn man zuerst danebentrifft.
Was bringt den Doktor um sein Brot?
a) die Gesundheit, b) der Tod.
Drum hält der Arzt, auf dass er lebe,
Uns zwischen beiden in der Schwebe.
Ein Mensch, dem seine Vase brach,
Gibt einem schnöden Einfall nach:
Er fügt sie, wie die Scherbe zackt,
Und schickt sie, kunstgerecht verpackt,
Scheinheilig einem jungen Paar,
Dem ein Geschenk er schuldig war.
Ja, um sein Bubenstück zu würzen,
Schreibt er noch "Glas!" drauf und "Nicht stürzen!".
Der Mensch, heißt' s, denkt, Gott aber lenkt:
Das Paar, mit diesem Schund beschenkt,
Ist weit entfernt, vor Schmerz zu toben. -
Froh fühlt sich' s eigener Pflicht enthoben,
Den unerwünschten Kitsch zu meucheln
Und tiefgefühlten Dank zu heucheln.
Ein Mensch war eigentlich ganz klug
Und schließlich doch nur klug genug,
Um einzusehen, schmerzlich klar,
Wie blöd er doch im Grunde war.
Unselig zwischen beiden Welten,
Wo Weisheit und wo Klugheit gelten,
Ließ seine Klugheit er verkümmern
und zählt nun glücklich zu den Dümmern.
Ein Mensch sah jedesmal noch klar:
Nichts ist geblieben so, wie's war.-
Woraus er ziemlich leicht ermißt:
Es bleibt auch nichts so, wie's grad ist.
Ja, heut schon denkt er, unbeirrt:
Nichts wird so bleiben, wie's sein wird.
Wir halten kaum uns auf den Beinen -
Doch möchten rüstig wir erscheinen.
Sogar als müde, alte Knacker,
Marschieren mit der Zeit wir wacker,
Damit es ja kein andrer merke,
Wie schlecht es steh um unsre Stärke.
Der andre gleichfalls, statt zu jammern,
Gibt sich als einen noch viel strammern,
Bis wiederum nun wir uns schämen
Und uns an ihm ein Beispiel nehmen.
Wir sehen die im Grunde kranken
Empor sich aneinander ranken.
Nur dürfen, wie wir's auch ersehnen,
Wir nie uns an den andern lehnen.
Sonst stürzt das wacklige Gebäude
Von vorgetäuschter Lebensfreude.
Ein Mensch hat einen andern gern,
Er kennt ihn, vorerst, nur von fern
Und sucht, in längerm Briefewechseln
Die Sache nun dahin zu drechseln,
Daß man einander bald sich sähe
Und kennen lernte aus der Nähe.
Der Mensch, erwartend seinen Gast,
Vor Freude schnappt er über fast.
Die beiden, die in manchem Briefe
Sich zeigten voller Seelentiefe,
Sie finden nun, vereinigt häuslich,
Einander unausstehlich scheußlich.
Sie trennen bald sich, gall- und giftlich -
Und machen's seitdem wieder schriftlich.
Ein Mensch, voll Drang, daß er sich schneuzt,
sieht diese Absicht schnöd durchkreuzt:
Er stellt es fest mit leisem Fluch,
daߠer vergaß sein Taschentuch.
Indessen sind Naturgewalten,
wie Niesen, oft nicht aufzuhalten.
Und während nach dem Tuch er angelt,
ob es ihm wirklich völlig mangelt,
beschließt die Nase, reizgepeinigt,
brutal, daß sie sich selber reinigt.
Der Mensch steht da mit leeren Händen...
Wir wollen uns beiseite wenden,
denn es gibt Dinge, welche peinlich
für jeden Menschen, so er reinlich.
Wir wollen keinen drum verachten,
jedoch erst wieder ihn betrachten,
wenn er sich (wie, muß man nicht wissen)
dem Allzumenschlichen entrissen.
Bei Nikotin und Alkohol
fühlt sich der Mensch besonders wohl.
Und doch es macht ihn nichts so hin,
wie Alkohol und Nikotin.
Oft führ man gern aus seiner Haut,
Doch, wie man forschend um sich schaut,
Erblickt man ringsum lauter Häute,
In die zu fahren auch nicht freute.
Hätt sich auch einer selbst erspürt
Als Narr, wo ihn die Haut anrührt,
Er bleibt, nach flüchtigem Besinnen,
Doch lieber in der einen drinnen!
Der Kater, gottlob, ist vergänglich.
Doch Katzen hat man lebenslänglich.
Ein Mensch - seht ihn die Stadt durchhasten! -
Sucht dringend einen Postbriefkasten.
Vor allem an den Straßenecken
Vermeint er solche zu entdecken.
Jedoch, er bleibt ein Nicht-Entdecker
Dafür trifft fast auf jedem Fleck er
Hydranten, Feuermelder an,
Die just er jetzt nicht brauchen kann.
Der Mensch, acht Tage später rennt
Noch viel geschwinder, denn es brennt!
Doch hält das Schicksal ihn zum besten:
An jedem Eck nur Postbriefkästen!
Ein Mensch grüßt, als ein Mann von Welt,
Wen man ihm einmal vorgestellt.
Er trifft denselben äußerst spärlich,
Wenn´s hochkommt, drei-bis viermal jährlich
Und man begrinst sich, hohl und heiter,
Und geht dann seines Weges weiter.
Doch einmal kommt ein schlechter Tag,
Wo just der Mensch nicht grinsen mag;
Und er geht stumm und starr vorbei,
Als ob er ganz wer andrer sei.
Doch solche Unart rächt sich kläglich:
Von Stund an trifft er jenen täglich.
Ein Mensch steht an der Straßenbahn.
Grad kommt sie, voll von Leuten, an,
die alle schrein - denn sie sind drin -:
"Bleib draußen, Mensch, 's hat keinen Sinn!"
Der Mensch, der andrer Meinung ist,
drückt sich hinein mit Kraft und List,
ja, man kann sagen, was kein Lob,
unmenschlich, lackelhaft und grob.
Der Mensch, jetzt einer von den Drinnern
kann kaum sich des Gefühls erinnern,
das einer hat, der draußen jammert,
und krampfhaft sich ans Trittbrett klammert.
Er macht sich deshalb breit und brüllt:
"Sie sehn doch - alles überfüllt!"
Doch ginge unser Urteil fehl,
spräch es dem Menschen ab die Seel.
Inzwischen sitzend selbst im Warmen,
spricht er zum Nachbarn voll Erbarmen,
wie man es wohl begreifen solle,
daß jeder Mensch nach Hause wolle.
Ja, mit Humor, sagt er nun heiter,
und gutem Willen käm man weiter!
Ein Mann, der eine ganze Masse
Gezahlt hat in die Krankenkasse,
Schickt jetzt die nötigen Papiere,
Damit auch sie nun tu das ihre.
Jedoch er kriegt nach längrer Zeit
Statt baren Gelds nur den Bescheid,
Nach Paragraphenziffer X
Bekomme er vorerst noch nix,
Weil, siehe Ziffer Y,
Man dies und das gestrichen schon,
So daß er nichts, laut Ziffer Z,
Beanzuspruchen weiter hätt.
Hingegen heißt's, nach Ziffer A,
Daß er vermutlich übersah,
Daß alle Kassen, selbst in Nöten,
Den Beitrag leider stark erhöhten
Und daß man sich, mit gleichem Schreiben,
Gezwungen seh, ihn einzutreiben.
Besagter Mann denkt, krankenkässlich,
In Zukunft ausgesprochen häßlich.
Ja, der Chirurg, der hat es fein
Er macht dich auf und schaut hinein
Er macht dich nachher wieder zu –
Auf jeden Fall hast du jetzt Ruh
Wenn mit Erfolg für längere Zeit
Wenn ohne --für die Ewigkeit.
Ein Mensch - und das geschieht nicht oft -
bekommt Besuch, ganz unverhofft,
von einem jungen Frauenzimmer,
Das grad, aus was für Gründen immer -
vielleicht aus ziemlich hintergründigen -
Bereit ist, diese Nacht zu sündigen.
Der Mensch müßt nur die Arme breiten,
Dann würde sie in diese gleiten.
Der Mensch jedoch den Mut verliert,
Denn leider ist er unrasiert.
Ein Mann mit schlechtgeschabtem Kinn
Verfehlt der Stunde Glücksgewinn,
Und wird er schließlich doch noch zärtlich,
Wird ers zu spät und auch zu bärtlich.
Infolge schwacher Reizentfaltung
Gewinnt die Dame wieder Haltung
Und läßt den Menschen, rauh von Stoppeln,
Vergeblich seine Müh verdoppeln.
Des Menschen Kinn ist seitdem glatt -
Doch findet kein Besuch mehr statt.
Ein Mensch, der was geschenkt kriegt, denke:
Nichts zahlt man teurer als Geschenke!
Ein Mensch wollt immer recht behalten:
So kam's vom Haar- zum Schädel spalten!
Ein Mensch fühlt oft sich wie verwandelt,
sobald man menschlich ihn behandelt!
Ein Mensch mag noch so wertlos sein -
Er ist doch nicht nur tauber Stein:
Hat er nicht gleich ein goldnes Herz,
Ein bißchen führt ein jeder Erz:
Sei’s Silber, Kupfer, Eisen, Zinn,
Ja, sei’s nur Blei - es steckt was drin.
Jedoch kein Mensch, obwohl er dürft,
In andern Menschen tiefer schürft,
Weil er von vornhinein betont,
Daß sich der Abbau wohl nicht lohnt.
Ein Mensch malt, vor Begeisterung wild,
drei Jahre lang an einem Bild.
Dann legt er stolz den Pinsel hin
und sagt: "Da steckt viel Arbeit drin."
Doch damit war's auch leider aus,
die Arbeit kam nicht mehr heraus.
Oft hat man schrecklich Angst vorm Leben,
doch mit der Zeit wird sich das geben!
Das Leben ist ein alter Brauch
und andere Leute leben auch,
obwohl sie's eigentlich nicht können -
Rezept: Der bösen Welt nicht gönnen,
daß sie verächtlich auf uns schaut!
Nur frisch der eignen Kraft vertraut!
Am Leben krankt nur, wer gescheit -
gesunde Dummheit, die bringt's weit!
Ein Mensch gelangt, mit Müh und Not,
Vom Nichts zum ersten Stückchen Brot.
Vom Brot zur Wurst gehts dann schon besser;
der Mensch entwickelt sich zum Fresser
Und sitzt nun scheinbar ohne Kummer,
Als reicher Mann bei Sekt und Hummer.
Doch sieh, zu Ende ist die Leiter:
Vom Hummer aus gehts nicht mehr weiter.
Beim Brot so meint er war das Glück.-
Doch findet er nicht mehr zurück.
Das Kind, von Lebensart entfernt,
kommt auf die Welt, daß es sie lernt.
Der Knabe schon merkt peinlich scharf,
daß er nicht, wie er möchte, darf.
Der Jüngling sieht es mit Verdruß,
daß er, was ihm zuwider, muß.
Der Mann erkennt mit stiller Wut,
daß er, was nie er sollte, tut.
Und selbst der Greis spürt noch mit Groll,
daß er, was ihm verhaßt ist, soll.
Kurzum, wir sträuben uns vergebens.
Dies nennt die Schule man des Lebens,
in der wir, lang geprüft, erwerben
das gute Zeugnis: reif fürs Sterben!
Ein Mensch, vertrauend auf sein klares
Gedächtnis, sagt getrost "So war es!"
Er ist ja selbst dabei gewesen -
Doch bald schon muß ers anders lesen.
Es wandeln sich, ihm untern Händen,
Wahrheiten langsam zu Legenden.
Des eignen Glaubens nicht mehr froh
Fragt er sich zweifelnd: "War es so?"
Bis schließlich überzeugt er spricht:
"Ich war dabei - so war es nicht!"
Ein Mensch mißachtet die Befehle
Des bessern Ich, der zarten Seele -
Bis die beschließt, gekränkt zu schwer:
Mit dem verkehre ich nicht mehr.
Sie lebt seitdem, verbockt und stumm
Ganz teilnahmslos in ihm herum.
Ein Mensch sieht schon seit Jahren klar:
Die Lage ist ganz unhaltbar.
Allein - am längsten, leider, hält
Das Unhaltbare auf der Welt.
Ganz plötzlich wird es Dir bewußt:
Erkrankt ist Deine Leselust!
Nach welchem Buche Du auch faßt,
Keins, das zu Deiner Stimmung paßt!
Du gibst nichts hin - es gibt nichts her:
Bald ists zu leicht, bald ists zu schwer.
Mit leerem Herzen und Verstand
Starrst Du auf Deine Bücherwand:
Die altbewährte, edle Klassik
Ist Dir auf einmal viel zu massig,
Und über die moderne Lyrik
Denkst Du schon beinah ehrenrührig.
Der Reißer selbst, in dessen Flut
Du sonst gestürzt voll Lesewut,
Wirft heut Dich an sein Ufer, flach;
Dein Drang zur Wissenschaft ist schwach;
Und das gar, was sich nennt Humor,
Kommt Dir gequält und albern vor.
Geduld! Laß ab von aller Letter!
Es wird sich ändern, wie das Wetter:
Schon morgen, unverhofft genesen,
Kannst Du dann lesen, lesen, lesen!
So unnütz wie Unkraut, wie Fliegen und Mücken,
so lästig wie Kopfweh und Ziehen im Rücken,
so störend wie Bauchweh und stets ein Tyrann,
das ist der Halbmensch, sein Name ist Mann.
Er steht nur im Weg rum, zu nichts zu gebrauchen,
ist immer am Meckern und immer am Fauchen,
er ist auf der Erde, ich sag's ohne Hohn,
vom Herrgott die größte Fehlkonstruktion.
Stolziert durch die Gegend wie ein Hahn auf dem Mist,
und merkt dabei gar nicht, wie dusslig er ist.
Ein Mann ist ganz brauchbar, solang er noch ledig,
da ist er oft schlank und meistens athletisch
da ist er voll Liebe und voller Elan,
kaum ist er verheiratet, wird nichts mehr getan.
Mit Gold und Brillianten wollt' er dich beglücken,
das kriegt heut' die Freundin hinter dem Rücken
und du kriegst nur noch wenn er daran denkt,
zum Geburtstag einen Schnellkochtopf geschenkt.
Als Jüngling wollt er dich immer lieben und küssen,
als Ehemann will er davon nichts mehr wissen.
Verlangst du dein Recht, dann wird er gemein,
er gibt dir's Gebiss und sagt küss dich allein.
Ein Mensch erhofft sich fromm und still,
Daß er einst das kriegt, was er will.
Bis er dann doch dem Wahn erliegt
Und schließlich das will, was er kriegt.
Ein Mensch wird alle Tage kränker:
Nur noch Betriebs- und Wagenlenker,
Lebt er dahin, teils seelenhastig,
Teils leibträg, ohne Heilgymnastik.
Was hat er Eiliges zu erledigen!
Vergebens Frau und Freunde predigen,
Dass er auf Gesundheit seh
Und, wenn schon nicht in Urlaub geh,
Ein bisschen laufe, schwimme, turne -
Zu spät: der Rest kommt in die Urne;
Der Schlag, just vor der Unterschrift
Des letzten Briefs den Menschen trifft.
Die Sekretärin, noch hienieden,
Schreibt darunter: Nach Diktat verschieden.
Ein Mensch, von Arbeit überhäuft,
indes die Zeit von dannen läuft,
hat zu erledigen eine Menge,
und kommt, so sagt man, ins Gedränge.
Inmitten all der Zappelnot
trifft ihn der Schlag, und er ist tot.
Was grad so wichtig noch erschienen,
fällt hin: Was bleibt von den Terminen?
Nur dieser einzige zuletzt:
Am Mittwoch wird er beigesetzt -
und schau, den hält er pünktlich ein,
denn er hat Zeit jetzt, es zu sein.
Wer tiefer nachdenkt, der erkennt:
Mensch sein ist schon fast Patient.
Doch sind wohl aus dem selben Grund
Unmenschen durchweg kerngesund.
Ein Mensch, ein liebesselig-süßer,
Erfährt, dass er nur Lückenbüßer
Und die Geliebte ihn nur nahm,
Weil sie den andern nicht bekam.
Trotzdem lässt er sich's nicht verdrießen,
Das Weib von Herzen zu genießen.
Es nehmen, die auf Erden wandern,
Ja alle einen für den andern.
Ein Mensch erträumt, was er wohl täte,
Wenn wieder er die Welt beträte.
Dürft er zum zweiten Male leben,
Wie wollt er nach dem Guten streben
Und streng vermeiden alles Schlimme!
Da ruft ihm zu die innre Stimme:
"Hör auf mit diesem Blödsinn, ja?!
Du bist zum zwölften Mal schon da!"
Das Mitleid kann, selbst echt und rein
mitunter falsch am Platze sein.
Mit Takt gilt es zu unterscheiden,
was jeweils heilsam für ein Leiden,
ob Händedruck aufmunternd, stark,
ob in die Hand gedrückt zehn Mark.
Ein Mensch schaut in der Straßenbahn
Der Reihe nach die Leute an:
Jäh ist er zum Verzicht bereit
Auf jede Art Unsterblichkeit.
Aneinander erwachen
Aus ahnendem Traum,
Die Augen aufmachen
In klingendem Raum.
Die Hände fühlen
Und schlafeswarm
Hinüberspülen
In deinen Arm.
So süß gebettet,
So Blut an Blut,
So sanft gerettet
Aus Nacht und Flut.
Im Grenzenlosen
So still zu zweit...
Der Tag weht Rosen
So leicht, so weit...
Der weise Mann bekümmert spricht
an guten Mitteln fehlt es nicht -
um zu brechen jedes Leid's Gewalt -
nur kennen müsste man sie halt!
Damit man doch zum Doktor geh,
schuf Gott den Schmerz - denn tät's nicht weh,
dann säß der erste Arzt noch immer
allein in seinem Wartezimmer.
Wo ungeheure Blechmusiken
den Lärm durch Rauch und Bierdunst schicken,
und wo die Menge brausend schwillt,
vom Bier zum Teil schon ganz erfüllt,
teils erst vom Wunsch, erfüllt zu werden,
doch durchweg selig schon auf Erden.
Es laufen Kellnerinnen emisg
durch alle Reih´n, wo wild und bremsig
die Menge ohne Unterlaß
sich heiser schreit nach einer Maß.
Zwölf Krüge an der Brüsten säugend
wirkt solche Wunschmaid überzeugend.
An erster Stelle zu erwähnen
als Wunderbalsam sind die Tränen.
Sie lösen, sparsam selbst geweint,
das eigene Herz, schon ganz versteint.
Es können die Gemütskrankheiten nur,
wo Gemüt ist, sich verbreiten;
drum gehen auch, zu unserm Glück,
Gemütskrankheiten stark zurück.
Ein Mensch, will er auf etwas pfeifen,
darf sich im Tone nicht vergreifen.
Ein Mensch hält Krieg und Not und Graus,
Kurzum, ein Hundeleben aus,
Und all das, sagt er, zu verhindern,
Daß Gleiches drohe seinen Kindern.
Besagte Kinder werden später
Erwachsne Menschen, selber Väter
Und halten Krieg und Not und Graus...
Wer denken kann, der lernt daraus.
Ein Mensch, der nachts schon ziemlich spät
an ein verworfnes Weib gerät,
das schmelzend Bubi zu ihm sagt
und ihn mit wilden Wünschen plagt,
fühlt zwar als Mann sich süß belästigt,
jedoch im Grund bleibt er gefestigt
und läßt, bedenkend die Gebühren,
zur Ungebühr sich nicht verführen.
Doch zugleich sparsam und voll Feuer
bucht er das dann als Abenteuer.
Neue Heilmethoden
Berühmt zu werden, liegt an dem:
Du mußt begründen ein System!
Such was Verrücktes und erkläre,
Daß alles Heil im Kuhmist wäre,
Dem, auf die Wunde warm gestrichen,
Noch jede Krankheit sei gewichen
Und den, nachweislich, die Azteken
Geführt in ihren Apotheken...
Hält man dich auch für einen Narren,
Du mußt nur eisern drauf beharren,
Dann fangen immer einige an,
Zu glauben, es sei doch was dran,
Und du gewinnst dir viele Jünger,
Die deine Losung: “Kraft durch Dünger!”
Streng wissenschaftlich unterbauenUnd
weiterkünden voll Vertrauen.
Ein Mensch erklärt voll Edelsinn,
er gebe notfalls alles hin.
Doch eilt es ihm damit nicht so sehr -
denn vorerst gibt er gar nichts her....
Ein Mensch sagt - und ist stolz darauf –
Er geh in seinen Pflichten auf.
Bald aber, nicht mehr ganz so munter,
Geht er in seinen Pflichten unter.
Ein Mensch denkt nachts in seinem Bette,
was er gern täte, wäre, hätte.
Indes schon Schlaf ihn leicht durchrinnt,
er einen goldnen Faden spinnt
und spinnt und spinnt sich ganz zurück
in Märchentraum und Kindergläck.
Er möchte eine Insel haben,
darauf ein Schloß mit Wall und Graben,
das so geheimnisreich befestigt,
daß niemand ihn darin belästigt.
Dann möchte er ein Schiff besitzen
mit selbsterfundenen Geschützen,
daß ganze Länder, nur vom Zielen,
in gläserne Erstarrung fielen.
Dann wünscht er sich ein Zauberwort,
damit den Nibelungenhort -
Tarnkappe, Ring und Schwert - zu heben.
Dann möcht er tausend Jahre leben,
dann möcht er... doch er findet plötzlich
dies Traumgeplantsch nicht mehr ergötzlich.
Er schilt sich selbst: "Hanswurst, saudummer!"
Und sinkt nun augenblicks in Schlummer.
Ein Jungeselle, hartgesotten,
Kann leicht der weichern Menschen spotten,
Die, büßend ihre Fleischessünden,
Nachgeben und Familien gründen.
Allein reist einer unbehindert;
Doch was tut einer, der bekindert?
Leicht wär es, sie daheim zu lassen -
Hätt man nur wen, drauf aufzupassen!
Entschließt man sich, sie mitzunehmen,
Gibt's eine Fülle von Problemen,
Wie man es geldlich macht und nervlich.
Und Wankelmut ist ganz verwerflich.
Ja, wer gebunden kind- und keglich,
Braucht Schwung - sonst wird er unbeweglich.
Ein Mensch gestellt auf eine harte Probe,
Besteht sie, und mit höchstem Lobe.
Doch sieh da: es versagt der gleiche,
Wird er gestellt auf eine weiche!
Ein Mensch erhofft sich leis' und still,
dass er einst das kriegt, was er will,
bis er dann dann doch dem Wahn erliegt
und schliesslich das will, was er kriegt!
Wer Hunger hat, der ißt sich satt,
vorausgesetzt, daß er was hat.
Wer Liebe fühlt, zeigt sich als Mann,
vorausgesetzt, daß er das kann.
Wer Wahrheit liebt, der urteilt scharf,
vorausgesetzt, daß er das darf.
Wer Ruhe sucht, verhält sich still,
vorausgesetzt, daß er das will.
Wer Geld möcht, schuftet mit Verdruß,
vorausgesetzt, daß er das muß.
Wer sterben soll, stirbt wie ein Christ,
vorausgesetzt, daß er das ist.
Kurz, was uns auf der Welt gelingt,
ist leider ungemein bedingt.
Ein Mensch in Reuequalen schrie:
"Oh hätt ich nie, oh hätt ich nie!"
Dann wieder, und gar wilder noch:
"Oh hätt ich doch, oh hätt ich doch!"
Zu spät! Doch oft wie Scherben passen
Zusammen falsches Tun und Lassen!
Ein Mensch sieht Hand von Hand gewaschen.
Und doch - es muß ihn überraschen,
Daß der Erfolg nur ein geringer:
Zum Schluß hat alles schmierige Finger!
Auf Flaschen steht bei flüssigen Mitteln,
Man müsse vor Gebrauch sie schütteln.
Und dies begreifen wir denn auch -
Denn zwecklos ist es nach Gebrauch.
Auch Menschen gibt es, ganz verstockte,
Wo es uns immer wieder lockte,
Sie herzhaft hin- und herzuschwenken,
In Fluß zu bringen so ihr Denken,
Ja, sie zu schütteln voller Wut -
Doch lohnt sich nicht, daß man das tut.
Man laß sie stehn an ihrem Platz
Samt ihrem trüben Bodensatz.
Ein Mensch frißt viel in sich hinein:
Mißachtung, Ärger, Liebespein.
Und jeder fragt mit stillem Graus:
Was kommt da wohl einmal heraus?
Doch sieh! Nur Güte und Erbauung.
Der Mensch hat prächtige Verdauung.
Ein Mensch erlebt den krassen Fall,
Es menschelt deutlich, überall -
Und trotzdem merkt man, weit und breit
Oft nicht die Spur von Menschlichkeit.
Ein Mensch lebt friedlich auf der Welt,
Weil fest und sicher angestellt.
Jedoch so Jahr um Jahr, wenn´s lenzt,
Fühlt er sich sklavenhaft begrenzt
Un rasselt wild mit seinen Ketten,
Als könnt er so die Seele retten
Un sich der Freiheit und dem Leben
Mit edlem Opfermut ergeben.
Jedoch bei näherer Betrachtung
Spielt er nur tragische Verachtung
Un schluckt, kraft höherer Gewalt,
Die Sklaverei und das Gehalt.
Auf seinem kleinen Welttheater
Mimt schließlich er den Heldenvater
Und denkt nur manchmal noch zurück
An das einst oft geprobte Stück,
Das niemals kam zu Uraufführung.
Und er empfindet tiefe Rührung,
Wenn er die alte Rolle spricht
Vom Mann, der seine Ketten bricht.
Ein Mensch, der knausernd, ob er's sollte,
Ein magres Trinkgeld geben wollte,
Vergriff sich in der Finsternis
Und starb fast am Gewissensbiß.
Der andre, bis ans Lebensende,
Berichtet gläubig die Legende
Von jenem selten noblen Herrn -
Und alle Leute hören's gern.
Ein zweiter Mensch, großmütig, fein,
Schenkt einem einen großen Schein.
Und der, bis an sein Lebensende
Verbreitet höhnisch die Legende
Von jenem Tölpel, der gewiß
Getäuscht sich in der Finsternis. -
Ein Sommerregen ist erfreulich.
Ein Regensommer ganz abscheulich.
Ein Mensch bemerkt mit bitterm Zorn,
dass keine Rose ohne Dorn.
Doch muss ihn noch viel mehr erbosen,
dass sehr viel Dornen ohne Rosen.
Wie schauderschnell rast doch die Zeit!
Kaum sind wir der Vergangenheit
mit einem blauen Aug' entronnen,
heißt's dass die Zukunft schon begonnen.
Der Urlaub ist erholsam meist
nicht nur für den, der in ihn reist;
auch den, der dableibt, freut die Schonung,
die er geniesst in stiller Wohnung.
So zählen zu den schönsten Sachen
oft Reisen, die die andern machen!
Ein Mensch, auf sein Tabakgebettel,
Kriegt nirgends nur ein Zigarettel.
Doch schickt, welch unverhofftes Glück,
Ein beinah fremder 50 Stück
Ganz ohne Grund und ohne Bitten -
Ja, noch zum zweitenmal und dritten.
Das ist nun auch schon länger her -
Seitdem gibts überhaupt nichts mehr.
Der Mensch mit keinem Schnaufer denkt
All derer, die ihm nichts geschenkt;
Doch mehr und mehr muß ihn empören:
"Der Schuft läßt auch, scheints, nichts mehr hören!"
Ein Mensch, der manches liebe Jahr
Mit seinem Weib zufrieden war,
Dann aber plötzlich Blut geleckt hat,
Denkt sich: "Varietas delectat -"
Und schürt ein letztes, schwaches Feuer
Zu einem wilden Abenteuer.
Jedoch bemerkt er mit Erbosen,
Dass seine alten Unterhosen
Ausschließlich ehelichen Augen
Zur Ansicht, vielmehr Nachsicht, taugen
Und dass gewiß auch seine Hemden
Ein fremdes Weib noch mehr befremden,
Dass, kurz, in Hose, Hemd und Socken
Er Welt und Halbwelt nicht kann locken.
Der Mensch, der innerlich noch fesche,
Nimmt drum, mit Rücksicht auf die Wäsche,
Endgültig Abschied von der Jugend
Und macht aus Not sich eine Tugend.
Ein Mensch ist leider ziemlich schüchtern
Und ohne Schwung, so lang er nüchtern.
Doch zündet kaum bei ihm der Funken,
Ists schon zu spät: er ist betrunken.
So muss er immmer wieder scheitern:
Nie glückts ihm, sich nur anzuheitern.
Ein Mensch, der einen andern traf,
Geriet in Streit und sagte: "Schaf!"
Der andre sprach: "Es wär Ihr Glück,
Sie nähmen dieses Schaf zurück!"
Der Mensch jedoch erklärte: "Nein",
Er säh dazu den Grund nicht ein.
Das Schaf, dem einen nicht willkommen,
Vom andern nicht zurückgenommen,
Steht seitdem, herrenlos und dumm
Unglücklich in der Welt herum.
Ein Mensch, dem Unrecht offenbar
Geschehn von einem andern war,
Prüft, ohne eitlen Eigenwahn:
Was hätt in dem Fall ich getan?
Wobei er festgestellt, wenns auch peinlich:
Genau dasselbe, höchstwahrscheinlich.
Der ganze Unterschied leigt nur
In unsrer menschlichen Natur,
Die sich beim Unrecht-Leiden rührt,
Doch Unrecht-Tun fast gar nicht spürt.
Ein Mensch, entschlußlos und verträumt,
hat wiederholt sein Glück versäumt.
Doch ist der Trost ihm einzuräumen
Man kann sein Unglück auch versäumen.
Du magst der Welt oft lange trotzen,
Dann spürst du doch: es ist zum ---.
Doch auch wenn deine Seele bricht,
Beschmutze deinen Nächsten nicht!
Ein Mensch geht, leider ganz allein,
Und kauft sich neues Schuhwerk ein.
Er tritt zu seinem spätern Schaden
Gleich in den nächsten besten Laden,
Wo ihm ein milder Überreder
Die Machart anpreist und das Leder.
Und schwörend, dass der Schuh ihm passe,
Schleppt er sofort ihn an die Kasse.
Leicht ist es, Stiefel sich zu kaufen,
Doch schwer, darin herumzulaufen.
Ein Mensch dem Sprichwort Glauben schenkt:
'S kommt alles anders, als man denkt -
Bis er dann die Erfahrung macht:
Genau so kams, wie er gedacht.
Ein Mensch ist nie von Argwohn frei,
ob er am End ein Unmensch sei.
Doch ist ein Unmensch, ungebeugt,
dass er ein Mensch sei, überzeugt.
Ein Mensch liest nun seit Jahren schon
Das Schlagwort: Integration.
Der Mensch ist sonst ein geistig reger
Und, wie er glaubt, bisher integer
Und weiß doch nicht, was allen Leuten
Geläufig scheint, so recht zu deuten.
Wie? denkt der Mensch, das wär noch schöner:
Wozu gibt es denn Lexiköner?
Und wirklich sucht er nicht vergebens:
Sinnheit reellen Geisteslebens
Als Ganzheit, Kollektivsystem
Wirds angewendet, je nachdem.
Der Mensch vermeint nun, sehr viel schlauer,
Er wüßt es jetzt auf Lebensdauer.
Doch bald er allen Mut verliert:
Es wimmelt nur von integriert ...
Kaum daß er denkt, daß es wo paßt,
Sieht ers schon anders aufgefaßt.
Statt sich noch weiter drum zu kümmern,
Zählt schlicht der Mensch sich zu den Dümmern.
Ein Mensch, beklagt, schier seelisch blind,
Daß er am Leben nichts mehr find.
Er hab, liegt er uns in den Ohren,
Auf dieser Welt nichts mehr verloren.
Doch wie würd er der Antwort fluchen:
Dann hab er auch nichts mehr zu suchen.
Es gilt just bei nervösen Leiden
Aufregung aller Art zu meiden.
Vor allem, wie der Doktor rät,
Vorm Schlafengehen, abends spät.
Noch mehr fast fleht er, gib dir Müh,
Dich nicht zu ärgern in der Früh.
Und, bitte ja nicht zu vergessen:
Niemals vorm, beim und nach dem Essen.
Wer ihm zu folgen streng bereit,
Hat, sich zu ärgern, kaum noch Zeit.
Ein Mensch, obwohl er selbst kaum satt,
Gibt gern vom Letzten, was er hat.
Jedoch der Dank für solche Gaben?
"Wie viel muß der gehamstert haben!"
Ein Mensch, dem's ziemlich dreckig geht,
Hört täglich doch, von früh bis spät,
Daß ihm das Schicksal viel noch gönnte
Und er im Grunde froh sein könnte;
Daß, angesichts manch schwererer Bürde
Noch der und jener froh sein würde,
Daß, falls man etwas tiefer schürfte,
Er eigentlich noch froh sein dürfte;
Daß, wenn genau man's nehmen wollte,
Er, statt zu jammern, froh sein sollte,
Daß, wenn er andrer Sorgen wüßte,
Er überhaupt noch froh sein müßte.
Der Mensch, er hört das mit Verdruß,
Denn unfroh bleibt, wer froh sein muß.
Ein Mensch, der recht sich überlegt,
Daß Gott ihn anschaut unentwegt,
Fühlt mit der Zeit in Herz und Magen
Ein ausgesprochnes Unbehagen
Und bittet schließlich Ihn voll Grauen,
Nur fünf Minuten wegzuschauen.
Er wolle unbewacht, allein
Inzwischen brav und artig sein.
Doch Gott, davon nicht überzeugt,
Ihn ewig unbeirrt beäugt.
Ein Mensch, am Schalter schnöd besiegt,
So daß er keine Stiefel kriegt,
Geht stracks zum Vorstand, wutgeladen,
Gewillt, zu toben, ohne Gnaden.
Er hält schon, voller Zorn und Haß
Die Lunte an sein Pulverfaß:
"Nein!" Wird er sagen, dieser Schuft -
Doch wart, dann geh ich in die Luft!
Der Vorstand aber spricht voll Ruh:
"Ja, Stiefel stehen Ihnen zu!"
Der Mensch, ganz baff, ja, kaum beglückt,
Hat still die Lunte ausgedrückt.
Doch weiß er nicht, den Bauch voll Groll,
Wohin er ihn entladen soll.
Obgleich er, was er wollt, erworben,
Ist ihm der ganze Tag verdorben.
Ein Mensch, bei Weibern nichts erreicht. -
Ein zweiter meint: ". . . und ist so leicht!"
Der wiederum, so weiberstark,
Müht sich vergebens um zehn Mark.
Der Mensch, nicht in der Gunst der Weiber,
Verdient die leicht, als Zeitungsschreiber.
Nun kommt ein Fall, besonders bitter:
Ganz geld- und weiblos bleibt ein dritter.
Ein vierter prahlt mit üblen Siegen:
Mit Geld sind Weiber leicht zu kriegen.
Der fünfte ist der wahre Held:
Durch Weiber erst kommt er zu Geld!
Ein Mensch kriegt einen Kitsch gezeigt
doch anstatt dass er eisig schweigt,
lobt er das Ding, das höchstens nette,
fast so, als ob er's gerne hätte.
Der Unmensch, kann er es so billig,
zeigt unverhofft sich schenkungswillig
und sagt, ihn freu's, dass an der Gabe
der Mensch so sichtlich Freude habe.
Moral: Beim Lobe stets dran denken,
man könnte dir dergleichen schenken!
Ein Mensch gedenkt, daheim zu bleiben
Und still an seinem Buch zu schreiben
Da ruft ein Freund an, ausgeh-heiter,
Und möchte ihn als Fest-Begleiter
Der Mensch lehnt ab, er sei verhindert.
Jedoch sein Fleiß ist schon gemindert.
Indes er wiederum nun sitzt,
Ein graues Heer von Ratten flitzt
Aus allen Winkel, Ritzen, Rillen,
Um zu benagen seinen Willen.
Gleichzeitig äußert sich auch jetzt
Der Floh, ihm jäh ins Ohr gesetzt,
Daß er die herrlichsten Genüsse
Durch seinen Trotz versäumen müsse.
Geheim vertauscht sich Zeit und Ort:
Halb ist er hier, halb ist er dort,
Und ist schon dort jetzt zu zwei Dritteln.
Er greift zu scharfen Gegenmitteln,
Beschimpft sich, gibst sich selbst Befehle,
Rast gegen seine schwache Seele-
Umsonst; er schleppt zum Schluß den Rest,
Der noch geblieben, auf das Fest.
Jedoch der Rest ist leider schal,
Dem Menschen wird die Lust zur Qual.
Nach Hause geht er bald, bedrückt....
Es scheint, der Abend ist mißglückt.
Ein Mensch, der hinnahm Streich um Streich,
Sprach zu sich selbst:"Ich bin zu weich!
Ab heut entfalt ich Kraft und Witz:
Ich werde hart, ich werde spitz!"
Doch mußt er an sich selbst verzagen:
Schon war er wieder breitgeschlagen!
Ein Mensch, zur Arbeit wild entschlossen,
Ist durch den Umstand sehr verdrossen,
Daß ihm die Sonne seine Pflicht
Und Lust zum Fleißigsein zersticht.
Er sitzt und schwitzt und stöhnt und jammert,
Weil sich die Hitze an ihn klammert.
Von seinem Wunsch herbeigemolken,
Erscheinen alsbald dunkle Wolken,
Der Regen rauscht, die Traufen rinnen.
Jetzt, denkt der Mensch, kann ich beginnen!
Doch bleibt er tatenlos und sitzt,
Horcht, wie es donnert, schaut, wie´s blitzt,
Und wartet, dumpf und hirnvernagelt,
Ob´s nicht am Ende gar noch hagelt.
Doch rasch zerfällt das Wettertoben -
Der Mensch sitzt wieder: Siehe oben!
Briefe, die ihn nicht erreichten...
Ein Mensch denkt oft mit stiller Liebe,
An Briefe, die er gerne schriebe.
Zum Beispiel: "Herr! Sofern Sie glauben,
Die dürften alles sich erlauben,
So teil ich Ihnen hierdurch mit,
Daß der bewußte Eselstritt
Vollständig an mir abgeprallt -
Das weitere sagt mein Rechtsanwalt!
Und wissen Sie, was Sie mich können?..."
Wie herzlich wir dem Menschen gönnen,
An dem, was nie wir schreiben dürfen,
Herumzubasteln in Entwürfen.
Es macht den Zornigen sanft und kühl
Und schärft das deutsche Sprachgefühl.
Ein Mensch auf Sauberkeit besteht,
Obwohl´s ihm ziemlich dreckig geht.
Ein Unmensch zieht - oh Widersinn! -
Aus Schmutzgeschäften Reingewinn.
Ein Mensch, der von der Welt bekäme,
Was er ersehnt - wenn er's nur nähme,
Bedenkt die Kosten und sagt nein.
Frau Welt packt also wieder ein.
Der Mensch - nie kriegt er's mehr so billig! -
Nachträglich wär er zahlungswillig.
Frau Welt, noch immer bei Humor,
Legt ihm sogleich was andres vor:
Der Preis ist freilich arg gestiegen;
Der Mensch besinnt sich und läßt's liegen.
Das alte Spiel von Wahl und Qual
Spielt er ein drittes, viertes Mal.
Dann endlich ist er alt und weise
Und böte gerne höchste Preise.
Jedoch, sein Anspruch ist vertan,
Frau Welt, sie bietet nichts mehr an
Und wenn, dann lauter dumme Sachen,
Die nur der Jugend Freude machen,
Wie Liebe und dergleichen Plunder,
Statt Seelenfrieden mit Burgunder . . .
Ein Mensch, der beinah mit Gewalt
Auf ein sehr hübsches Mädchen prallt,
Ist ganz verwirrt; er stottert, stutzt
Und läßt den Glücksfall ungenutzt.
Was frommt der Geist, der aufgespart,
Löst ihn nicht Geistesgegenwart?
Der Mensch übt nachts sich noch im Bette,
Wie strahlend er gelächelt hätte.
Unsicher ist's auf dieser Erden,
drum will der Mensch versichert werden.
Hat er die Zukunft nicht vertraglich,
so wird's ihm vor ihr unbehaglich.
Das Leben, ständig in Gefahr,
zahlt er voraus von Jahr zu Jahr,
daß auch in unverdienter Not
er was verdient, selbst durch den Tod.
Die Krankheit wird schon halb zum Spaße,
weiß man: das zahlt ja doch die Kasse!
Und wär das Leben jäh erloschen,
gäb's hundert Mark für einen Groschen.
Ja, so ein Bursche spekuliert,
daß durch Gesundheit er verliert!
Der Teufel aber höhnisch kichert:
"Wie seid ihr gegen mich versichert?"
Ja, stellt der Teufel uns ein Bein,
springt die Versichrung meist nicht ein.
Der allzu Schlaue wird der Dumme:
Zum Teufel geht die ganze Summe,
und wirklich wertbeständig bliebe
auch hier nur: Glaube, Hoffnung, Liebe!
Ein Mensch erzählt uns, leicht verschwommen,
Daß er sich einwandfrei benommen, -
das heißt, benehmen hätte sollen.
Nun wissen wir an dessen Statt,
Daß er sich schlecht benommen hat.
Doch seltsam: Auch wir selber möchten,
Daß Wunsch und Wahrheit sich verflöchten
Und jener so, wie ers wohl wüßte,
Daß sich ein Mensch benehmen müßte,
Sich in der Tat benommen hätte...
Und leicht erliegen wir der Glätte
Der immer kühnern Rednergabe:
Wie gut er sich benommen habe.
Ein Mensch wähnt manchmal ohne Grund,
Der andre sei ein Schweinehund,
Und hält für seinen Lebensrest
An dieser falschen Meinung fest.
Wogegen, gleichfalls unbegründet,
Er einen Dritten reizend findet.
Und da kein Gegenteil erwiesen,
Zeitlebens ehrt und liebt er diesen.
Derselbe Mensch wird seinerseits
Und das erst gibt der Sache Reiz
Durch eines blinden Zufalls Walten
Für einen Schweinehund gehalten,
Wie immer er auch darauf zielte,
Dass man ihn nicht für einen hielte.
Und einzig jener auf der Welt,
Den selber er für einen hält,
Hält ihn hinwiederum für keinen.
Moral: Das Ganze ist zum Weinen.
Ein Mensch schaut in der Zeit zurück
und sieht: Sein Unglück war sein Glück!
Ein Mensch in seinem ersten Zorn
Wirft leicht die Flinte in das Korn
Und wenn ihm dann der Zorn verfliegt,
Die Flinte wo im Korne liegt.
Der Mensch bedarf dann mancher Finte,
Zu kriegen eine neue Flinte.
Ein Mensch, der einen Brief geschrieben,
ist ohne Antwort drauf geblieben
Und fängt nun, etwa nach vier Wochen,
Vor Wut erheblich an zu kochen.
Er schreibt, obgleich er viel verscherzt,
Noch einen Brief, der sehr beherzt,
Ja, man kann sagen voller Kraft,
Ganz ehrlich: äußerst flegelhaft!
Nun nimmt das Schicksal seinen Lauf.
Denn diesen Brief gibt er auch auf!
Die Post wird pünktlich ihn besorgen -
Doch siehe da, am nächsten Morgen
Ist leider, wider alles Hoffen,
Bei ihm die Antwort eingetroffen,
In der von jenem Herrn zu lesen,
Er sei so lang verreist gewesen,
Nun aber sei er wieder hiesig
Und freue sich daher ganz riesig,
Und er - der Mensch - könnt mit Vergnügen
Nach Wunsch ganz über ihn verfügen.
Der Mensch, der mit dem Brief, dem groben,
Sein Seelenkonto abgehoben,
Nein, noch viel tiefer sich versündigt:
Das Los zum Ziehungstag gekündigt,
Schrieb noch manch groben Brief im Leben -
Doch ohne ihn dann aufzugeben!
Ein Mensch wähnt, in der fremden Stadt,
Wo er Bekannte gar nicht hat,
In einem Viertel, weltverloren,
Dürft ungestraft er Nase bohren,
Weil hier, so denkt er voller List,
Er ja nicht der ist, der er ist.
Zwar er entsinnt sich noch entfernt
Des Spruchs, den er als Kind gelernt:
"Ein Auge ist, das alles sieht,
Auch was in finstrer Nacht geschieht!"
Doch hält er dies für eine Phrase
Und bohrt trotzdem in seiner Nase.
Da rufts - er möcht versinken schier -
"Herr Doktor, was tun Sie denn hier?"
Der Mensch muß, obendrein als Schwein,
Der, der er ist, nun wirklich sein.
Moral: Zum Auge Gottes kann
Auf Erden werden jedermann.
Dass wir den Arzt nicht fürchten dürfen,
ist klar - doch wenn wir tiefer schürfen,
so kommen wir auf den Gedanken:
heut fürchtet mehr der Arzt die Kranken!
Ein Mensch führt jung sich auf, wie toll:
Er sieht die Welt, wie sie sein soll.
Doch lernt er schon nach kurzer Frist,
die Welt zu sehen, wie sie ist.
Als Greis er noch den Traum sich gönnt,
die Welt zu seh'n, wie sie sein könnt'.
Ein Mensch, verführt von blindem Zorn
Bläst in das nächste beste Horn.
Nun merkt er, nach dem ersten Rasen,
Daß er ins falsche Horn geblasen.
Zu spät! Der unerwünschte Ton
Ist laut in alle Welt entflohn.
Wenn schon Moral, dann wär es diese:
Daß man am besten gar nicht bliese!
Der Hausarzt kommt nicht mehr wie früher.
Du bist ein Selbst-Dich-hin-Bemüher.
Im Wartezimmer - lang kann's dauern!-
Musst du auf den Herrn Doktor lauern,
der, wie´s der Reihe nach bestimmt,
den einen nach dem andern nimmt -
(Soferne Du nicht wöhnest arg,
dass er noch viele schlau verbarg.
In Nebenräumen, Küch' und Keller,
um sie dann vorzulassen - schneller.)
Dortselbst, in schweigend stumpfem Ernst,
du warten kannst- wenn nicht, es lernst.
Dann endlich trifft Dich ein beseeltes:
"Der Nächste, bitte! Na, wo fehlt es ?"
Nun gibt's von Leidenden zwei Sorten:
den einen fehlt's zuerst - an Worten.
Den andern fehlt's gleich überall:
Sie reden wie ein Wasserfall.
Der Doktor, geistesgegenwärtig,
wird leicht mit beiden Sorten fertig.
Maßgebend ist ihm ja der Grund-
nicht Dein Befinden - sein Befund.
Ein Mensch, schon vorgerückt an Jahren,
Entschließt sich dennoch, Schi zu fahren
Und zwar, weil er einmal erfuhr,
Dass in der Freiheit der Natur
Die Auswahl oft ganz unbeschreiblich
An Wesen, welche ersten weiblich
Und zweitens, die verhältnismäßig
Sehr wohlgestalt und schöngesäßig.
Der Mensch beschließt, mit einem Wort,
Die Häschenjagd als Wintersport.
Doch was er trifft auf Übungshügeln,
Kann seine Sehnsucht nicht beflügeln.
Dort fällt ja stets, seit vielen Wintern,
Das gleiche Volk auf dicke Hintern.
Die Häschen ziehn zu seinem Schmerz
Sich immer höher alpenwärts,
Und sind auch leider unzertrennlich
Vereint mit Wesen, welche männlich.
Der Mensch, der leider nur ein Fretter
Und kein Beherrscher jener Bretter,
Die einzig hier die Welt bedeuten,
Vermag kein Häschen zu erbeuten,
Weshalb er, anstatt Schi zu laufen,
Ins Kurhaus geht, sich zu besaufen.
Ein Mensch, erst zwanzig Jahre alt,
Beurteilt Greise ziemlich kalt
Und hält sie für verkalkte Deppen,
Die zwecklos sich durchs Dasein schleppen.
Der Mensch, der junge, wird nicht jünger:
Nun, was wuchs denn auf seinem Dünger?
Auch er sieht, daß trotz Sturm und Drang,
Was er erstrebt, zumeist mißlang,
Daß, auf der Welt als Mensch und Christ
Zu leben nicht ganz einfach ist,
Hingegen leicht, an Herrn mit Titeln
Und Würden schnöd herumzukritteln.
Der Mensch, nunmehr bedeutend älter,
Beurteilt jetzt die Jugend kälter,
Vergessend frühres Sich-Erdreisten:
"Die Rotzer sollen erst was leisten!"
Die neue Jugend wiedrum hält ...
Genug - das ist der Lauf der Welt!
Ein Mensch schreibt feurig ein Gedicht:
So, wie's ihm vorschwebt, wird es nicht.
Vielleicht hat Gott sich auch die Welt
Beim Schöpfen anders vorgestellt.
Ein Mensch erhofft sich fromm und still,
daß er einst das kriegt, was er will.
Bis er dann doch dem Wahn erliegt,
und schließlich das will, was er kriegt
Ein Mensch lebt nur noch mit letzter List
in einer Welt, die nicht mehr ist.
Ein anderer, grad so unbeirrt,
lebt schon in einer, die erst wird.
Die fürchterlich das Land durchschnaubt,
manch blühend Leben uns geraubt:
die finstre alte Drachenbrut -
weiß man jetzt auszuschwefeln gut!
Denn kommt man ihr sulfonamidlich,
dann wird sie harmlos, friedlich-niedlich.
Doch leider hat der Therapeut
sich des Erfolgs zu früh gefreut:
Die Keime, mit modernsten Mitteln
vertrieben, scheinbar, aus den Spitteln,
sie lassen sich nicht fürder locken.
Geharnischt warten Viren, Kokken
und brechen plötzlich, mit Gewalt
hervor aus ihrem Hinterhalt.
Mit panzerbrechend-neuen Waffen
hofft wieder es der Arzt zu schaffen.
Und Niederlagen gibt's und Siege,
abwechselnd in dem zähen Kriege.
Gut, wenn wir an der Reihe sind,
wenn grad die Wissenschaft gewinnt.
Im Alter werden Freunde selten:
Drum, die du hast, die lasse gelten!
Recht kannst du manchmal leicht behalten,
Doch schwer den Freund, den guten, alten!
Ein Mensch, erst zwanzig Jahre alt,
beurteilt Greise ziemlich kalt
und hält sie für verkalkte Deppen,
die zwecklos sich durchs Dasein schleppen.
Der Mensch, der junge, wird nicht jünger:
Nun, was wuchs denn auf seinem Dünger?
Auch er sieht, daß trotz Sturm und Drang,
was er erstrebt, zumeist mißlang,
daß, auf der Welt als Mensch und Christ
zu leben nicht ganz einfach ist,
hingegen leicht, an Herrn mit Titeln
und Würden schnöd herumzukritteln.
Der Mensch, nunmehr bedeutend älter,
beurteilt jetzt die Jugend kälter,
vergessend frühres Sich-Erdreisten:
"Die Rotzer sollen erst was leisten!"
Die neue Jugend wiedrum hält....
Genug - das ist der Lauf der Welt!
Es denkt der Mensch, zufrieden froh:
Ich bin kein Schlächter, blutig roh;
doch da der Mensch kein Wurstverächter,
so trägt die Mitschuld er am Schlächter.
Zwei Grundrezepte kennt die Welt:
Zeit heilt und, zweitens, Zeit ist Geld.
Mit Zeit, zuvor in Geld verwandelt,
ward mancher Fall schon gut behandelt.
Doch ist auch der nicht übel dran,
der Geld in Zeit verwandeln kann
Und, nicht von Wirtschaftsnot bewegt,
die Krankheit - und sich selber - pflegt.
Doch bringt's dem Leiden höchste Huld,
verwandelst Zeit du in Geduld.
Ein Mensch erfährt, daß unsere Zeit
Voll sei von Rücksichtslosigkeit.
Doch sieht aus Feigheit, aus bequemer,
Er ringsum lauter Rücksichtnehmer.
Die Freiheit geht doch wohl im Grunde
Aus solcher Rücksicht vor die Hunde.
Ein Mensch erführ gern: wer, warum,
Wann, was und wie? Doch wahret stumm
Ihr Staatsgeheimnis die Geschichte. -
Dann regnets unverhofft Berichte:
Im Grund kommt alles an den Tag -
Wenn es kein Mensch mehr wissen mag!
Am Abend sieht man manchen Kranken
gewaltig Medizinen tanken:
Für Herz und Magen, Kopf und Nerven
füllt er sich an mit Heilkonserven;
er hofft, dass morgen früh die Gaben
gewirkt beim Aufstehn werden haben.
Und gläubig schließt er seinen Pakt
schon jetzt mit dem Futur exakt.
Ein Mensch - man sieht, er ärgert sich -
schreit wild: Das ist ja lächerlich!
Der andre, gar nicht aufgebracht,
zieht draus die Folgerung und - lacht.
Ein Mensch ist dazu wild entschlossen:
Das gute Kräutchen wird begossen,
Das schlechte Unkraut ausgerottet. -
Doch ach, des Lebens Wachstum spottet,
Und oft fällts schwer, sich zu entschließen:
soll man nun rotten oder gießen?
Ein Mensch lebt noch mit letzter List
In einer Welt die nicht mehr ist.
Ein andrer, grad so unbeirrt,
Lebt schon in einer, die erst wird.
Ein Mensch in seinem ersten Zorn
wirft leicht die Flinte in das Korn,
und wenn ihm dann der Zorn verfliegt,
die Flinte wo im Korne liegt.
Der Mensch bedarf dann mancher Finte,
zu kriegen eine neue Flinte.
Ein Mensch, noch Neuling auf der Welt,
das Leben für recht einfach hält.
Dann, schon erfahren, klug er spricht:
So einfach ist die Sache nicht!
Zum Schlusse sieht er wieder klar,
wie einfach es im Grunde war.
Ein Mensch, der Ideale hat,
der hüte sich, sie zu erreichen!
Sonst wird er eines Tages statt
sich selber, anderen Menschen gleichen.
Ein Mensch -
statt dass er sich beklagt darüber,
dass kein Mensch ihn mag,
prüf als Gerechter vorher sich:
"Genau genommen,
wen mag ich?!
Die tiefere Forschung hat entdeckt:
es liegt die Zukunft beim Insekt,
das amoralisch, seelenlos,
doch lebenszäh, in Technik groß...
Die Wissenschaft, sie ist und bleibt,
was einer ab vom andern schreibt.
Doch trotzdem ist, ganz unbestritten,
sie immer weiter fortgeschritten.
Der Leser, traurig aber wahr, ist häufig unberechenbar:
Hat er nicht Lust, hat er nicht Zeit,
dann gähnt er: `Alles viel zu breit!`
Doch wenn er selber etwas sucht,
was ich, aus Raunmot, nicht verbucht,
wirft er voll Stolz sich in die Brust:
`Aha, das hat er nicht gewußt!,`
Man weiß, die Hoffnung wär' zum Lachen,
es aller Leuten recht zu machen.
Ein Mensch wünscht sich ganz unaussprechlich,
Das Glück und Glas sei unzerbrechlich.
Die Wissenschaft vollbringt das leicht;
Beim Glas hat sie’s schon fast erreicht.
Zwei Dinge trüben
sich bei Kranken
a) der Urin,
b) die Gedanken
Quelle: Volker hat gesucht, gefunden, geschrieben und eine *doc Datei erstellt....:-)))... ... und ich habe hier gebastelt... viel Vergnügen....
Renaissance Forum - Rätselverzeichnis - Wie alles begann ... - Zufallsrätsel - erstes Rätsel
Galerie - A - B - C - D - E - F- G - H - I - J - K - L - M - N - O - P - Q - R - S - T - U - V - W - X - Y - Z |
Jacob Burckhardt - Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch
Leonardo da Vinci Wissenschaftler - Erfinder - Künstler
Venedig - Eine Liebeserklärung an eine Stadt
William Shakespeare animiert (wahrscheinlich oder zufällig...2/3 zu 1/3) William Turner
Philosophie für Schnelldenker - Besinnliche Philosophie
Startseite - © Copyright 2004-2010 - Susanne Albers - Schreinerstrasse 58 - 10247 Berlin