Wer ist ein Mystiker?
Nach dem ersten Einstieg wird es persönlicher: Wer sind eigentlich diese Menschen, die wir „Mystikerinnen“ und „Mystiker“ nennen – und was unterscheidet sie von anderen?
Erst einmal ganz einfach
Mystik meint die unmittelbare Erfahrung des Göttlichen – nicht nur als Gedanken über Gott, sondern als etwas, das ein Mensch in seinem Inneren erlebt.
Menschen beschreiben solche Erfahrungen sehr verschieden. Manche sprechen von Nähe, Einheit, Licht, Stille, Liebe oder einer Gegenwart Gottes. Andere finden dafür kaum Worte.
Ein Mystiker oder eine Mystikerin ist also nicht einfach jemand mit einem berühmten Namen. Gemeint ist ein Mensch, der solche Erfahrungen macht, über sie nachdenkt und ihnen in seinem Leben Bedeutung gibt.
Und wer ist dann Lieschen Meyer?
Stell dir eine Frau im Mittelalter vor. Nennen wir sie einfach Lieschen Meyer. Sie hat keine Predigten gehalten, kein Buch geschrieben und kein Kloster gegründet. Vielleicht hat sie Kinder großgezogen, Brot gebacken, Wäsche aufgehängt und abends in den Himmel geschaut.
Und vielleicht hatte sie dabei einen Augenblick, in dem sie eine tiefe Nähe, Verbundenheit oder Gegenwart Gottes gespürt hat. Wir wissen es nicht – denn Lieschen Meyer hat nichts hinterlassen.
Genau darin steckt ein wichtiger Gedanke: Berühmte Mystiker sind nicht unbedingt die einzigen Menschen mit mystischer Erfahrung. Sie sind die Menschen, deren Erfahrungen, Gedanken oder Texte überliefert wurden.
Darum kennen wir heute Meister Eckhart. Lieschen Meyer kennen wir nicht.
Zwei Beispiele: Eckhart und Teresa
Meister Eckhart
Eckhart war Theologe und Prediger. Er versuchte in Predigten und Texten zu erklären, wie der Mensch Gott im Innersten der Seele erfahren könne. Weil er sprach und schrieb, sind seine Gedanken bis heute überliefert.
Teresa von Ávila
Teresa beschrieb den inneren Weg des Menschen mit dem Bild einer Burg mit verschiedenen Wohnungen oder Kammern. Sie schrieb Bücher, gründete Klöster und versuchte anderen zu zeigen, wie ein Weg nach innen aussehen kann.
Beide werden später in diesem Mystik-Lernweg noch ausführlicher vorkommen. Hier geht es zunächst nur um die Frage: Warum kennen wir ihre Namen? Weil sie versucht haben, ihre Erfahrungen in Sprache und Bilder zu übersetzen und mit anderen zu teilen.
Zwanzig Gesichter der Mystik
Die Ausgangsseite versammelt zwanzig Frauen und Männer aus unterschiedlichen Jahrhunderten. Klick auf ein Bild: Es öffnet sich groß, zusammen mit der Aussage, die ihnen auf der Ausgangsseite zugeordnet ist.
Die Reihenfolge ist keine Wertung.
Die 20 Stimmen der Mystik – alle Sprüche im Überblick
Hier stehen alle Aussagen noch einmal zusammenhängend. So lassen sie sich leichter vergleichen, markieren oder für den Unterricht herauskopieren.
- Origenes von Alexandrien: „Die Seele kennt keine Grenzen, solange sie von Gott erfüllt ist.“
- Evagrius Ponticus: „Gebet ist die Kommunikation der Seele mit Gott, ein Verlangen nach der Gegenwart Gottes.“
- Johannes Cassian: „Die Suche nach Gott erfordert das Schweigen des Herzens und die Entfernung von Ablenkungen.“
- Meister Eckhart: „Die Seele wird eins mit Gott, wenn sie sich selbst verliert und in Gott verschmilzt.“
- Julian von Norwich: „In Gott ist alles gut, und alles wird gut sein.“
- Teresa von Ávila: „Die Seele ist wie ein Schloss, in dem Gott wohnen möchte.“
- Johannes vom Kreuz: „Die dunkle Nacht der Seele führt zur Reinigung und Vertiefung der Beziehung zu Gott.“
- Dionysius der Areopagite: „Die höchste Erkenntnis Gottes ist jenseits von Worten und Konzepten.“
- Thomas von Aquin: „Die Kontemplation Gottes ist das höchste Gut, das der Mensch erreichen kann.“
- Hildegard von Bingen: „In der Musik und der Natur offenbart sich die Schönheit Gottes.“
- Thérèse von Lisieux: „Die kleinen Dinge des Lebens können uns näher zu Gott führen.“
- Augustinus von Hippo: „Unsere Herzen sind ruhelos, bis sie in Gott Ruhe finden.“
- Gregor von Nyssa: „Die Seele strebt nach der Einheit mit Gott, wie das Bild zur Quelle seiner Vollkommenheit strebt.“
- Ignatius von Loyola: „Die Exerzitien helfen, Gottes Willen in allen Dingen zu erkennen.“
- Angela von Foligno: „In der Hingabe an Gott erfahren wir wahre Freiheit.“
- Franz von Sales: „Die Liebe ist der Schlüssel zur mystischen Erfahrung Gottes.“
- Richard von Saint-Victor: „Die Liebe ist das Band, das die Seele mit Gott verbindet.“
- Pseudo-Dionysius der Areopagit: „Die mystische Reise führt zur Einheit mit dem Unsichtbaren und Unergründlichen.“
- Benedikt von Nursia: „Gebet und Arbeit sind Wege zur Begegnung mit Gott.“
- Meister Al-Jili: „Gott ist der Schatz in der Tiefe deiner Seele; finde ihn, indem du dich selbst verlierst.“
Warum sprechen Mystiker überhaupt darüber?
Eine innere Erfahrung ist zunächst persönlich. Sobald jemand versucht, davon zu erzählen, entsteht ein Problem: Wie beschreibt man etwas, für das normale Alltagssprache vielleicht nicht ausreicht?
Deshalb benutzen Mystiker Bilder wie Burg, Licht, Nacht, Quelle, Feuer, Einheit oder Geburt. Das sind Versuche, etwas Unsichtbares sprachlich fassbar zu machen.
Und genau deshalb dürfen solche Texte auch schwierig sein. Man muss sie nicht beim ersten Lesen vollständig verstehen. Man kann fragen: Was versucht dieser Mensch überhaupt auszudrücken?