Originallesung
Johann Wolfgang von Goethe: Erlkönig, gesprochen von Susanne Albers.
Vier Stimmen, eine Nachtfahrt und zwei Wirklichkeiten. Goethes Ballade lebt davon, dass Erzähler, Vater, Kind und Erlkönig denselben Augenblick vollkommen verschieden sprechen.

Achte auf Tempo, Lautstärke, Dringlichkeit und Tonfall.
Johann Wolfgang von Goethe: Erlkönig, gesprochen von Susanne Albers.
Das Kind sieht Figuren. Der Vater sieht Naturerscheinungen.
„Mein Vater, mein Vater“ macht die Angst hörbar.
Der Erlkönig beginnt mit Schönheit und endet bei Gewalt.
Keine Erklärung – nur das Ergebnis.
Vier Stimmen, Pferdegeräusche, Wind und ein Moment der Stille.
Reporter, Zeugen und widersprüchliche Erklärungen.
Struktur und Rollen bleiben, Ort und Situation ändern sich.
Man liegt im Krankenhaus, bekommt zum siebten Mal Kartoffeln mit Kräuterquark und plötzlich beginnt Goethes Rhythmus im Klinikflur weiterzureiten.
Aus einem Speiseplan wird eine Ballade.
Die Parodie übernimmt Wiederholungen, Anreden, Locken, Beruhigen, Steigerung und Schluss des Erlkönigs. Sie verschiebt alles in eine reale Kliniksituation. So wird Goethes Form verstanden, weitergespielt und zum eigenen Ausdruck gemacht.
Klinikballade von Susanne Albers, frei nach Goethes Erlkönig.
ich schlief im bette so für mich hin,
da rauschte die schwester zur türe hinrin.
sie schob ein tablett, ganz feierlich,
und sprach: „frau albers, das ist für dich.“
wer reitet so spät durch gang und trakt?
es ist die schwester, sie bringt den quark.
sie hält das tablett, sie hält es warm,
die kartoffel glänzt in gelbem charm.
„mein kind, was birgst du so bang dein gesicht?“
„siehst, johannes, du das mittag nicht?
die knolle, der quark, der becher dabei —
zum siebten mal schon, du bleibst mir nicht frei!“
„frau albers, frau albers, nun essen sie fein,
die kartoffeln müssen vom chef empfohlen sein.
herr danckert denkt: das tut ihr gut,
viel stärke, viel ruhe, viel milden mut.“
„mein doktor, mein doktor, und hörest du nicht,
was mir der kräuterquark leise verspricht?
er flüstert: susanne, sei brav und iss,
sonst kommt morgen dasselbe, ganz gewiss.“
„sei ruhig, bleib ruhig, mein patientenkind,
das ist nur die küche, die freundlich spinnt.
die meint es nicht böse, die meint es nur schlicht,
mehr auswahl gibt’s heute vermutlich nicht.“
doch nachts kam das RLS wild heran,
ich zappelte, schimpfte, fing wieder an.
da dachte der chef wohl: „jetzt hilft nur noch stark
ein heiliger berg aus kartoffeln und quark.“
„willst, feine susanne, du mit mir gehn?
meine kartoffeln sind wunderschön.
ich habe quark, ich habe kraut,
ich hab dich im speiseplan fest eingebaut.“
„mein doktor, mein doktor, jetzt fasst er mich an!
der kartoffelkönig hat’s wieder getan!
er lockt mich mit stärke, er lockt mich mit ruh,
und schiebt mir den becher noch freundlich dazu.“
dem pfleger grauset’s, er eilet geschwind,
er sagt: „frau albers, das stärkt sie bestimmt.“
er erreicht das bett mit mühe und not —
die kartoffeln sind da. und susanne nicht tot.
sie sitzt nun am tische, betrachtet das mahl,
halb trost, halb komik, halb kliniksaal.
und murmelt leise, doch voller macht:
„johannes, du hast dir was ausgedacht.“
denn wer mich mit knollen besänftigen will,
der kennt meine seele noch lange nicht still.
ich ess sie, ich lach, ich verton dieses ding —
und morgen singt’s durch den ganzen klinikflur hin.
kartoffel, quark und göttlicher plan,
johannes, was hast du mir angetan?
ich wollte nur schlafen, ganz friedlich und sacht,
da hast du mir wieder die knollen gebracht.
Rhythmus, direkte Rede, Wiederholungen und Steigerung.
Vater und Kind werden zu Klinikpersonal, Susanne und Kartoffelkönig.
Bedrohung verwandelt sich in Humor, Widerstand und Musik.