SMSSusanne macht SchuleWissen darf lebendig sein.
Ballade · Stimme · Verwandlung

Erlkönig

Vier Stimmen, eine Nachtfahrt und zwei Wirklichkeiten. Goethes Ballade lebt davon, dass Erzähler, Vater, Kind und Erlkönig denselben Augenblick vollkommen verschieden sprechen.

Nächtliche Erlkönig-Szene
Eine Fahrt. Zwei Wirklichkeiten. Vier Stimmen.
Hören vor dem Lesen

Susanne Albers spricht den Erlkönig

Achte auf Tempo, Lautstärke, Dringlichkeit und Tonfall.

Originallesung

Johann Wolfgang von Goethe: Erlkönig, gesprochen von Susanne Albers.

Hörauftrag: Markiere jeden Rollenwechsel. Welche Figur erkennst du am schnellsten?
Vollständiger Text

Wie die Sprache die Gefahr steigert

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind.
Er hält den Knaben wohl in dem Arm,
er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.
„Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?“
„Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht,
den Erlenkönig mit Kron und Schweif?“
„Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.“
„Du liebes Kind, komm, geh mit mir,
gar schöne Spiele spiel ich mit dir.
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
meine Mutter hat manch gülden Gewand.“
„Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
was Erlenkönig mir leise verspricht?“
„Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind,
in dürren Blättern säuselt der Wind.“
„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehen?
Meine Töchter sollen dich warten schön.
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
und wiegen und tanzen und singen dich ein.“
„Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigstöchter am düstern Ort?“
„Mein Sohn, mein Sohn, ich sehe es genau,
es scheinen die alten Weiden so grau.“
„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,
und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“
„Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an,
Erlkönig hat mir ein Leids getan.“
Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,
er hält in den Armen das ächzende Kind.
Er erreicht den Hof mit Mühe und Not —
in seinen Armen das Kind war tot.

Wahrnehmung

Das Kind sieht Figuren. Der Vater sieht Naturerscheinungen.

Wiederholung

„Mein Vater, mein Vater“ macht die Angst hörbar.

Verwandlung

Der Erlkönig beginnt mit Schönheit und endet bei Gewalt.

Schluss

Keine Erklärung – nur das Ergebnis.

Leitfrage: Scheitert der Vater, weil er dem Kind nicht glaubt – oder weil er es trotz aller Erklärungen nicht schützen kann?
Sprechen und Spielen

Eine Ballade wird durch Rollen lebendig

Als Hörspiel

Vier Stimmen, Pferdegeräusche, Wind und ein Moment der Stille.

Als Nachricht

Reporter, Zeugen und widersprüchliche Erklärungen.

Als neue Ballade

Struktur und Rollen bleiben, Ort und Situation ändern sich.

Und dann geschieht etwas sehr Goethehaftes

Man kann den Erlkönig auch anders entstehen lassen

Man liegt im Krankenhaus, bekommt zum siebten Mal Kartoffeln mit Kräuterquark und plötzlich beginnt Goethes Rhythmus im Klinikflur weiterzureiten.

Klinikzeit · Parodie · Selbstermächtigung

Der Kartoffelkönig

Aus einem Speiseplan wird eine Ballade.

Die Parodie übernimmt Wiederholungen, Anreden, Locken, Beruhigen, Steigerung und Schluss des Erlkönigs. Sie verschiebt alles in eine reale Kliniksituation. So wird Goethes Form verstanden, weitergespielt und zum eigenen Ausdruck gemacht.

Songtext

Der Kartoffelkönig

Klinikballade von Susanne Albers, frei nach Goethes Erlkönig.

ich schlief im bette so für mich hin,
da rauschte die schwester zur türe hinrin.
sie schob ein tablett, ganz feierlich,
und sprach: „frau albers, das ist für dich.“

wer reitet so spät durch gang und trakt?
es ist die schwester, sie bringt den quark.
sie hält das tablett, sie hält es warm,
die kartoffel glänzt in gelbem charm.

„mein kind, was birgst du so bang dein gesicht?“
„siehst, johannes, du das mittag nicht?
die knolle, der quark, der becher dabei —
zum siebten mal schon, du bleibst mir nicht frei!“

„frau albers, frau albers, nun essen sie fein,
die kartoffeln müssen vom chef empfohlen sein.
herr danckert denkt: das tut ihr gut,
viel stärke, viel ruhe, viel milden mut.“

„mein doktor, mein doktor, und hörest du nicht,
was mir der kräuterquark leise verspricht?
er flüstert: susanne, sei brav und iss,
sonst kommt morgen dasselbe, ganz gewiss.“

„sei ruhig, bleib ruhig, mein patientenkind,
das ist nur die küche, die freundlich spinnt.
die meint es nicht böse, die meint es nur schlicht,
mehr auswahl gibt’s heute vermutlich nicht.“

doch nachts kam das RLS wild heran,
ich zappelte, schimpfte, fing wieder an.
da dachte der chef wohl: „jetzt hilft nur noch stark
ein heiliger berg aus kartoffeln und quark.“

„willst, feine susanne, du mit mir gehn?
meine kartoffeln sind wunderschön.
ich habe quark, ich habe kraut,
ich hab dich im speiseplan fest eingebaut.“

„mein doktor, mein doktor, jetzt fasst er mich an!
der kartoffelkönig hat’s wieder getan!
er lockt mich mit stärke, er lockt mich mit ruh,
und schiebt mir den becher noch freundlich dazu.“

dem pfleger grauset’s, er eilet geschwind,
er sagt: „frau albers, das stärkt sie bestimmt.“
er erreicht das bett mit mühe und not —
die kartoffeln sind da. und susanne nicht tot.

sie sitzt nun am tische, betrachtet das mahl,
halb trost, halb komik, halb kliniksaal.
und murmelt leise, doch voller macht:
„johannes, du hast dir was ausgedacht.“

denn wer mich mit knollen besänftigen will,
der kennt meine seele noch lange nicht still.
ich ess sie, ich lach, ich verton dieses ding —
und morgen singt’s durch den ganzen klinikflur hin.

kartoffel, quark und göttlicher plan,
johannes, was hast du mir angetan?
ich wollte nur schlafen, ganz friedlich und sacht,
da hast du mir wieder die knollen gebracht.

Vergleichen

Was bleibt gleich – und was wird neu?

Form

Rhythmus, direkte Rede, Wiederholungen und Steigerung.

Figuren

Vater und Kind werden zu Klinikpersonal, Susanne und Kartoffelkönig.

Wirkung

Bedrohung verwandelt sich in Humor, Widerstand und Musik.

Werkstattauftrag: Übertrage eine Alltagssituation in die Rollen- und Wiederholungsstruktur des Erlkönigs.