Die ursprüngliche Altarwand

Die verlorenen Lünetten

Zwei Teile von Michelangelos Familienzyklus sind nicht mehr erhalten. Ihre Fresken verschwanden, als die Altarwand für das Jüngste Gericht neu gestaltet wurde. Historische Stiche bewahren wenigstens ihre Komposition.

Was verloren ging

Der Anfang des Stammbaums fehlt heute im Raum

Die beiden Lünetten befanden sich an der ursprünglichen Altarwand der Sixtinischen Kapelle. Gemeinsam bildeten sie den Beginn der von Matthäus überlieferten Ahnenreihe.

Als Michelangelo Jahrzehnte später das Jüngste Gericht über die gesamte Altarwand malte, wurden die früheren Fresken entfernt. Ihre Farben und ihre ursprüngliche malerische Wirkung sind verloren.

Historische Zeichnungen und Druckgrafiken überliefern jedoch die Anordnung der Figuren. Eine sichere Zuordnung einzelner Personen zu den Namen ist nicht mehr möglich.

01

Die erste verlorene Lünette

Abraham – Isaak – Jakob – Juda

Eine Familie, die an ihren Brüchen weiterwuchs

Diese Lünette eröffnete den Stammbaum. Hinter ihren vier Namen stehen Aufbruch und Verheißung, aber ebenso Kinderlosigkeit, Vertreibung, Täuschung, Geschwisterhass, Schuld und spätere Verantwortungsübernahme.

Historischer Stich nach Michelangelos verlorener Lünette Abraham, Isaak, Jakob und Juda
Historischer Stich nach Michelangelos verlorener Lünette „Abraham – Isaak – Jakob – Juda“. Das ursprüngliche Fresko der Altarwand und seine Farbigkeit sind nicht erhalten.

Der Kern der Familiengeschichte

Die Familie bleibt nicht heil, weil nichts zerbricht.

Sie bleibt lebendig, weil nach dem Bruch noch Verantwortung möglich ist.

Abraham bricht in ein unbekanntes Land auf, doch seine Familie trägt von Beginn an Verheißung und Verletzung zugleich. Isaak ist das ersehnte Kind und zugleich der gebundene Sohn. Jakob empfängt den Segen durch Täuschung und wird später selbst getäuscht.

Juda beteiligt sich am Verkauf seines Bruders Josef und verweigert Tamar zunächst ihr Recht. Später erkennt er eigenes Unrecht an und bietet sich für seinen Bruder Benjamin an.

Die Ahnenreihe beginnt nicht mit vollkommenen Menschen. Sie beginnt mit Menschen, die aufbrechen, versagen, einander verletzen und sich manchmal verändern.

Die vollständige Familiengeschichte lesen

Von der ersten zur zweiten Lünette

Nach dem Bruch wird die Geschichte stiller

Die erste Lünette erzählt von einer Familie voller Brüche. Die zweite davon, wie das Begonnene danach durch Generationen weitergetragen wird.

Abraham Isaak Jakob Juda Perez Hezron Ram

02

Die zweite verlorene Lünette

Perez – Hezron – Ram

Die stillen Generationen nach dem Durchbruch

Perez beginnt mit einer dramatischen Geburt. Bei Hezron verzweigt sich die Familie. Ram bleibt beinahe nur als Name erhalten und trägt dennoch die entscheidende Linie bis zu Aminadab weiter.

Historischer Stich nach Michelangelos verlorener Lünette Perez, Hezron und Ram
Historischer Stich nach Michelangelos verlorener Lünette „Perez – Hezron – Ram“. Das ursprüngliche Fresko an der Altarwand und seine Farbigkeit sind nicht erhalten.

Der Kern der Familiengeschichte

Nicht jeder Durchbruch bleibt laut.

Manchmal beginnt etwas dramatisch und wächst danach still durch Generationen.

Perez kommt bei der Geburt überraschend vor seinem Zwillingsbruder Serach zur Welt. Sein Name wird mit Durchbruch, Riss oder Bresche verbunden.

Danach wird die Überlieferung leiser. Hezron wird zum Ausgangspunkt verschiedener Familienzweige. Über Ram führt die direkte Linie zu Aminadab, obwohl von seinem eigenen Leben fast nichts erzählt wird.

Große Familiengeschichten bestehen nicht nur aus Menschen mit eigenen Kapiteln. Zwischen den bekannten Personen liegen Generationen, die Kinder großzogen, wanderten, Erinnerungen weitergaben und dennoch fast unsichtbar blieben.

Die vollständige Familiengeschichte lesen

Der Übergang zum erhaltenen Zyklus

Die Malerei endet. Die Familie nicht.

Die verlorene Folge endet mit Ram. Die erste erhaltene Lünette setzt mit Aminadab ein. So führt der Stammbaum aus einem verlorenen Bild unmittelbar in ein erhaltenes Gesicht.