Über Salmon
Nahschon
Der Erste, der aufbricht
Nahschon ist Führer des Stammes Juda, steht beim Aufbruch an der Spitze und bringt bei der Altareinweihung als Erster seine Gabe. Michelangelo zeigt jedoch keinen Feldherrn, sondern einen jungen Leser neben einer Frau mit Spiegel.
Michelangelos Darstellung
Buch und Spiegel in einer ungewöhnlich stillen Lünette
Auf der Namenstafel steht die lateinische Form NAASSON. Gemeint ist Nahschon, Sohn Aminadabs. Zu dieser Lünette gehört keine der acht erhaltenen Stichkappen.
Der Kern der Familiengeschichte
Bevor jemand vorangeht, ist er ein Mensch, der noch sitzt, liest und vielleicht zögert.
Doch irgendwann genügt das Lesen nicht mehr. Dann muss einer aufstehen und den ersten Schritt tun.
Nahschon ist deutlich stärker überliefert als sein Vater Aminadab. Er wird als Vertreter und führender Mann Judas genannt und trägt öffentliche Verantwortung.
Beim Aufbau des Lagers erhält Juda den Platz im Osten. Beim Aufbruch zieht dieser Lagerverband zuerst los, an seiner Spitze Nahschon.
Auch bei der Einweihung des Altars ist Nahschon am ersten Tag an der Reihe. Sein Profil ist deshalb eng mit Anfang, Bewegung und Verantwortung verbunden.
Das Familiennetz
Zwischen Priestertum, Wüstenwanderung und Bethlehem
Nahschon steht zwischen Aminadab und Salmon. Über seine Schwester Elischeba ist er zugleich mit der Familie Aarons verbunden.
Die direkte Linie
Über Elischeba
Die Verbindung zur Familie Aarons
Die nächsten Angehörigen
Eine Familie zwischen Exodus und neuer Sesshaftigkeit
Nahschons Familie verbindet die Wüstenzeit mit der späteren Welt von Jericho und Bethlehem.
Vater
Aminadab
Aminadab ist ein stiller Verbindungspunkt. Von ihm selbst ist kaum etwas erzählt, doch seine Kinder führen in die Linie Judas und in die priesterliche Familie.
Schwester
Elischeba
Elischeba heiratet Aaron. Nahschon ist damit Aarons Schwager und Onkel von Nadab, Abihu, Eleasar und Itamar.
Sohn
Salmon
Über Salmon führt die Linie weiter zu Boas, Obed, Isai und David. Mit ihm verschiebt sich die Lebenswelt von der Wüste in Richtung Jericho und Bethlehem.
Öffentliche Aufgabe
Führer Judas
Nahschon vertritt Juda bei der Volkszählung, führt den östlich gelagerten Stammesverband und steht beim Aufbruch an der Spitze.
Führung und Aufbruch
Dort, wo der Morgen beginnt
Juda lagert im Osten, zur aufgehenden Sonne hin. Beim tatsächlichen Aufbruch zieht Judas Abteilung zuerst, angeführt von Nahschon.
Auch bei der Einweihung des Altars bringt Nahschon als erster Stammesführer seine Gabe dar. Immer wieder begegnet uns dasselbe Motiv: zuerst bei Bewegung, zuerst bei Beginn.
Der Weg ist noch nicht sichtbar.
Und trotzdem setzt jemand den ersten Fuß hinein.
Spätere jüdische Überlieferung
Als alle noch zögerten, sei Nahschon als Erster ins Wasser gestiegen.
Eine bekannte spätere jüdische Überlieferung erzählt, Nahschon sei am Schilfmeer als Erster in das noch ungeteilte Wasser gegangen. Erst durch diesen Schritt habe sich der Weg geöffnet.
Diese Episode steht nicht im biblischen Exodusbericht. Sie erscheint später unter anderem im babylonischen Talmud, Traktat Sota 37a.
Die Überlieferung passt zu Nahschons biblischem Profil, darf aber nicht mit einer ausdrücklich erzählten Bibelszene verwechselt werden.
Was Michelangelo zeigt
Noch sitzt er. Noch ist alles offen.
Michelangelo zeigt weder das Lager Judas noch einen Altar noch das Meer. Er zeigt zwei junge Menschen, jeder in einer eigenen Aufmerksamkeit.
01
Der junge Leser
Ein junger Mann lehnt sich zurück, trägt einen weiten roten Mantel und hat ein Buch vor sich geöffnet. Die Arme sind verschränkt, ein Bein ist ausgestreckt.
Traditionell wird diese Figur als Nahschon bezeichnet. Sicher ist diese Identifikation nicht. Sichtbar ist ein junger Mensch, der noch nicht wie ein Anführer erscheint.
02
Die Frau mit dem Spiegel
Auf der anderen Seite steht eine junge Frau. Sie hebt einen Fuß auf den steinernen Sitz, beugt sich vor und betrachtet sich in einem ovalen Spiegel.
Wer sie ist, wissen wir nicht. Auch die genaue Bedeutung des Spiegels bleibt offen.
03
Buch und Spiegel
Der eine blickt auf etwas Geschriebenes. Die andere blickt auf sich selbst. Beide wenden sich nicht der Welt außerhalb des Bildes zu.
Im Bild sitzt der junge Mann noch über dem Buch. In der späteren Erinnerung steigt Nahschon ins Wasser. Zwischen Lesen und Handeln liegt ein ganzer Lebensweg.
04
Eine Lünette ohne Kind
Es gibt keinen sichtbaren familiären Austausch, keine Berührung und kein Kind. Die Zukunft erscheint hier nicht als Säugling, sondern als Möglichkeit in einem Leben, das noch vor den Figuren liegt.
Vielleicht liegt darin die besondere Spannung: Der Mensch, der eines Tages vorangeht, sieht vorher nicht unbedingt wie ein Anführer aus.
Sorgfältig unterscheiden
Was gesichert ist – und was nur gedeutet werden darf
Bibel, spätere Überlieferung und Bild müssen miteinander ins Gespräch gebracht, aber klar voneinander getrennt werden.
Gesichert
- Nahschon war der Sohn Aminadabs.
- Er war der Bruder Elischebas.
- Er führte den Stamm Juda.
- Judas Lagerverband zog beim Aufbruch zuerst.
- Nahschon brachte am ersten Tag seine Altargabe.
- Über Salmon führt die Linie zu Boas, Obed, Isai und David.
- Die Lünette trägt die Inschrift NAASSON.
- Zu dieser Lünette gehört keine erhaltene Stichkappe.
Poetisch fragbar
- Ob der junge Mann tatsächlich Nahschon darstellen soll.
- Wer die Frau mit dem Spiegel ist.
- Welches Buch der junge Mann liest.
- Ob Michelangelo die spätere Meerestradition kannte.
- Ob aus dem stillen Leser später der entschlossene Anführer wurde.
- Ob der Spiegel für Selbstbetrachtung, Jugend oder etwas ganz anderes steht.
Nahschon
Der Erste, der aufbricht
Sohn eines stillen Vaters.
Führer Judas.
Der Erste beim Aufbruch.
Der Erste bei der Altareinweihung.
Manchmal öffnet sich der Weg nicht vor dem ersten Schritt, sondern durch ihn.