JENSEITS DER ZEIT

Originaltext zum Video

[Intro – Dürer, ruhig]

Susanne, du bist so verblüfft und sagst: „Das kriegte ich nur als Foto hin.“ Schau, darum male ich es so.

[Strophe 1]

Der Hummer ist kein Tier für einen flüchtigen Blick. Er trägt sein Haus außen. Er zeigt sein Wesen in Schalen, Ringen, Gelenken, Spitzen. Fast wirkt er wie geschmiedet. Als hätte die Natur ihn nicht wachsen, sondern bauen lassen.

[Refrain]

Darum male ich nicht weich, nicht vage, nicht ungefähr. Ich male Fuge an Fuge, Kante an Kante, Glied an Glied. Denn wenn ein Wesen so fremd erscheint, muss ich genau sein, damit sein Wunder nicht verlorengeht.

[Strophe 2]

Sieh diese Scheren. Sie drohen und sind doch Form. Sieh die Fühler. Sie tasten in Räume hinein, die wir nicht kennen. Und unter all dem Panzer ist Leben. Zartes Leben. Gerade das rührt mich an: Dass Härte und Empfindlichkeit einander tragen.

[Break]

Du fragst: „Warum so sorgfältig? Warum diese Geduld?“ Weil ich verstehen will, wie Gott in die Dinge Ordnung legt. Nicht nur ins Schöne, auch ins Seltsame. Nicht nur ins Liebliche, auch ins Befremdliche.

[Strophe 3]

Ein Foto hält den Augenblick. Ich aber suche im Schauen das Gesetz der Form. Ich will nicht bloß zeigen: So sah er aus. Ich will zeigen: So ist er gebaut. So greift er in die Welt. So wird aus Staunen Erkenntnis.

[Finaler Refrain]

Darum male ich den Hummer so: mit Ehrfurcht vor jedem Bogen, vor jedem Haken, vor jeder harten Schale. Denn selbst das Fremde ist nicht fern, wenn man es liebt im Blick. Und selbst ein Hummer wird schön, wenn einer lang genug wirklich hinsieht.

[Outro]

Schau, Susanne, ich male nicht nur ein Tier. Ich male mein Staunen darüber, dass die Welt so seltsam und so vollkommen zugleich sein kann.