Originaltext zum Video
[Intro – Dürer, ruhig]
Susanne, du fragst, warum ich diesen Hirschkopf so male, so vorsichtig, so still, als hielte ich den Atem an. Ich sage dir: Weil er fast schon wieder fort ist.
[Strophe 1]
Der Hirsch ist nicht der Löwe. Nicht das Wunder aus fernen Ländern. Kein Prunk. Kein Schrecken. Kein Triumph. Er ist das Zarte, das Wachsame, das Wesen zwischen Waldlicht und Flucht. Und eben darum muss ich langsam sein.
[Refrain]
Ich male nicht nur Fell, nicht nur Ohr, nicht nur Geweih. Ich suche den Augenblick, in dem das Leben sich zeigt und gleich wieder entzieht. Ein Hirsch ist Anmut unter Vorbehalt. Schönheit, die niemandem gehört.
[Strophe 2]
Sieh nur den Kopf – nicht gesenkt, nicht stolz erhoben. Eher fragend. Eher lauschend. Als käme aus der Welt ein Laut, den ich noch gar nicht höre. Die Augen weit. Nicht naiv. Nur offen. Das Tier weiß mehr von Gefahr als der Mensch.
[Break]
Du fragst: Warum so schlicht? Warum kein großes Schauspiel? Weil der Hirsch nicht spielen will. Er will leben. Und ich muss ehren, dass er da ist.
[Strophe 3]
Die Hörner sind nicht bloß Schmuck. Sie tragen Zeit. Jahreszeiten. Wachstum. Verletzbarkeit. Und unter allem dieser schmale Kopf, dieser feine Hals – fast zu fein für diese Welt. Gerade das rührt mich.
[Refrain]
Ich male nicht nur Fell, nicht nur Form, nicht nur ein Tier. Ich male Scheu, ich male Hören, ich male das Dasein am Rand des Verschwindens. Denn manches ist groß, weil es mächtig ist. Und manches ist groß, weil es sich nicht verteidigt.
[Outro]
Darum zeichne ich den Hirsch so, Susanne. Nicht damit ihr sagt: Wie genau. Sondern damit ihr spürt: Wie still die Schöpfung sein kann, wenn sie lebt und niemand sie stört.