Gespräch mit Wilhelm Lange-Eichbaum und Wolfram Kurth (Autoren von „Genie, Irrsinn und Ruhm“, 1967)
Meine Frage an die Autoren:
„Ich habe euer Buch gelesen, in dem ihr psychiatrische Diagnosen berühmten Persönlichkeiten zuweist - auch Jesus und Vincent van Gogh. Ihr habt dabei versucht, das Außergewöhnliche medizinisch zu fassen.
Meine Frage ist zweigeteilt:
Nach welchen Maßstäben habt ihr damals entschieden, wer als „psychisch krank“ gilt - und würdet ihr das heute noch genauso sehen?
Und - ganz direkt gefragt - schämt ihr euch im Rückblick nicht ein wenig dafür, dass ihr spirituelle Tiefe und kreative Ekstase oft als pathologisch eingeordnet habt?“
Antwort der beiden Diagnostiker von 1967
Wir waren Kinder unserer Zeit.
Wir wollten verstehen - aber unsere Werkzeuge waren Schubladen. Psychiatrische Kategorien, biografische Schnipsel, Spekulationen aus zweiter Hand.
Ja, wir haben Jesus pathologisiert. Ja, wir haben Vincent seziert.
Wir glaubten, wir könnten das Außergewöhnliche einordnen, indem wir es normieren.
Heute, würden wir sagen: Nein, das war nicht würdig. Nicht jeder Lichtstrahl ist ein Symptom.
Nicht jede Ekstase ist eine Störung.
Wir bitten um Nachsicht - und hoffen, dass ihr mit eurem Licht nicht auf uns herabblickt, sondern versteht:
Wir hatten Angst vor dem, was wir selbst nicht fühlen konnten.
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