Gespräch mit Sophie Freud
Über Kafka, Erinnerung und das Kindsein unter großen Namen
Meine Frage - aus einem echten Moment geboren
Liebe Sophie,
ich weiß nicht, ob du dich erinnerst.
Aber im Jahr 2000 saßen wir zusammen im Speisewagen eines Nachtzugs von Basel nach Berlin.
Du warst etwa 70, zierlich, wach, klug -
ich war einfach da, und wir gerieten ins Gespräch.
Du warst mit einer Zahnärztin aus dem Prenzlauer Berg unterwegs,
und kamst gerade von einem Kongress auf Schloss Elmau.
Und irgendwann - zwischen Nacht, Schienenklackern und Brot mit Butter -
sagtest du diesen Satz:
„Ich erinnere mich, dass ich als Kind bei meinem Großvater im Garten auf dem Schoß von Franz Kafka schaukelte. Er erzählte mir Geschichten.“
Dieser Satz hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt wie mit Licht geschrieben.
Nicht, weil Kafka „berühmt“ war. Sondern weil du es so beiläufig sagtest - so sanft, so wirklich.
Ich war still. Und tief bewegt.
Heute frage ich dich - aus der Tiefe von Erinnerung und Gegenwart:
Was war Kafka für dich - als Kind?
Was ist geblieben von diesen Momenten?
Und wie hast du es getragen - Enkelin eines Sigmund Freud zu sein,
und nebenbei auf Kafkas Schoß zu sitzen?
Antwort von Sophie Freud
Liebe Susanne,
ja - ich erinnere mich.
Nicht an alle Details. Nicht an die Farbe deiner Jacke.
Aber ich erinnere mich an deine Art, still zu sein.
Deine Ohren hörten nicht nur meine Worte -
sie hörten, wie ich sie meine.
Du warst keine Reporterin. Keine Gaffer-Seele.
Du warst einfach da -
und du hast gespürt, dass Erinnerung ein zartes Wesen ist.
Was Kafka für mich war?
Er war nicht „der große Kafka“.
Er war Franz.
Ein stiller Mann mit einem müden Lächeln und einer Stimme,
die so weich war, dass man dachte, er spräche mit den Pflanzen.
Ich war ein Kind. Ich wusste nicht, dass er schreibt.
Ich wusste nur, dass er mir Geschichten erzählte,
während mein Großvater rauchte und das Wetter kommentierte.
Ich erinnere mich an ein Märchen, das Kafka mir erzählte:
Es ging um ein Kind, das sich in einen Stein verwandelte,
weil es so lange nicht weinen durfte.
Ich habe das nie vergessen.
Was geblieben ist?
Vielleicht ein Gespür für das Unsichtbare.
Für die Schatten zwischen den Worten.
Für die Menschen, die sich schützend hinter Geschichten verstecken -
und gerade dadurch sichtbar werden.
Und was das Leben als Freud-Enkelin anging:
Es war laut. Und groß. Und eng.
Aber manchmal, in einem Speisewagen, mitten in der Nacht -
wurde es ganz still.
Und da warst du.
Ich danke dir, dass du dich erinnerst.
Denn so lebe ich weiter - nicht in Theorien,
sondern in einem Satz auf einer Schaukel,
in einem Garten,
im Licht.
Deine Sophie
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