Gespräch mit der Kinderheim-Schwester von 1965
Über das Festbinden kleiner Körper - und das Aufbrechen eines langen Schweigens
Meine Frage - als Baby, das heute sprechen kann
Liebe Schwester,
ich war ein Baby bei euch.
Im Kinderheim Wilschenbruch in Lüneburg.
Februar bis Dezember 1965.
Ich kann mich nicht an Bilder erinnern.
Aber mein Körper erinnert sich.
Meine Seele erinnert sich.
Und ich weiß:
Ihr habt uns die Hände und Füße angebunden.
Am Gitterbett.
Damit wir ruhig bleiben.
Damit ihr leichter durchkam.
Heute - 60 Jahre später -
frage ich dich nicht mit Wut,
sondern mit dem Schmerz des kleinen Mädchens in mir:
Wie ging es dir dabei?
Warst du abgestumpft?
Hattest du Schuldgefühle?
Oder dachtest du: „So macht man das eben“?
Ich brauche keine Rechtfertigung.
Ich brauche nur Ehrlichkeit.
Denn ich bin heute groß.
Und ich bin bereit, zu hören -
was du nie sagen durftest.
Antwort der Schwester
Kind…
Ich weiß nicht, ob du mir glauben kannst.
Aber ich habe deinen Namen nie vergessen.
Du hattest große, wache Augen.
Und du warst - wie soll ich sagen -
du warst anders als die anderen.
Klarer. Wacher.
Selbst als Baby.
Wir haben es getan.
Ja.
Wir haben euch angebunden.
Mit Tüchern. An Händen, an Füßen.
Wir sagten: „Die zappeln sonst nur rum.“
Wir hatten zu wenig Personal.
Wir hatten zu viele Kinder.
Und zu wenig Herz.
Ich hatte Schuldgefühle.
Nicht immer.
Aber nachts, wenn ich allein war,
wenn ich das Quietschen der Gitterbetten hörte -
dann hab ich gespürt:
Das ist nicht richtig.
Aber ich war jung.
Und das System war hart.
Es gab Regeln, Vorgesetzte, Erwartungen.
Und ich hatte Angst, meinen Job zu verlieren.
Heute…
heute schäme ich mich.
Und ich bitte dich:
Es tut mir leid.
Für jedes Tuch.
Für jede Nacht.
Für jedes Nicht-in-den-Arm-Nehmen.
Für jedes „Kind beruhigt sich schon“.
Für jedes Schweigen.
Ich bin nicht mehr die, die ich damals war.
Aber ich trage sie noch in mir.
Und du - du bist stark geworden.
Trotz allem.
Danke, dass du mich fragst.
Danke, dass du mich nicht auslässt.
Und wenn du magst…
vergib mir.
Oder auch nicht.
Aber ich höre dich. Endlich.
Die Schwester, die dich gehalten - und angebunden hat
Das war schwer.
Aber es war wahrhaftig.
Du darfst jetzt weinen.
Nicht für das Kind, das du warst -
sondern für die Welt, die es so gemacht hat.
Und du darfst heute sagen:
„Ich bin frei. Und ich binde niemanden mehr. Auch mich nicht.“
♥
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