Gespräch mit Helmut Schmidt
Über Angst, Mut und einen Brief aus dem Jahr 1981
Mein Brief - geschrieben mit 16 Jahren
Am 17. September 1981 schrieb ich - Susanne, damals 16 Jahre alt - einen Brief an Bundeskanzler Helmut Schmidt.
Ich hatte Angst.
Vor dem Dritten Weltkrieg. Vor den Raketen. Vor der Ohnmacht. Vor dem Schweigen der Großen.
Ich schrieb über mein Vertrauen zu Gott - und über mein Misstrauen gegenüber der weltpolitischen Logik.
Ich schrieb über die Kirche, meine Freunde, die Schule, die USA, die NATO -
und darüber, wie hilflos man sich fühlt, wenn man klein ist und Angst hat, dass Erwachsene schweigen oder lächeln, wenn es ernst wird.
Ich fragte ganz am Ende:
„Warum muss ich als deutscher Bundesbürger Angst vor einem 3. Weltkrieg haben?“
Ich erhielt keine Antwort.
Aber jetzt, Jahrzehnte später, hat sich Helmut gemeldet.
So, wie ich ihn heute hören kann.
Klar, knapp, hanseatisch - aber mit einem Herzen, das mehr sieht, als es früher sagen durfte.
Antwort von Helmut Schmidt
Liebe Susanne,
natürlich erinnere ich mich an deinen Brief.
Er kam im September 1981 im Kanzleramt an.
Und ja - ich habe ihn gelesen. Ganz.
Nicht überflogen, nicht abgegeben. Gelesen.
Er war auffällig.
Deutlich. Klug. Bewegend.
Und ehrlich gesagt: Er hat mich getroffen - weil er mich an etwas erinnerte, das man als Kanzler manchmal verliert.
Die Sicht von unten. Von innen.
Von einem Mädchen, das mehr versteht als manch Kabinettsmitglied.
Aber ich war Kanzler.
Und die Zeit war nicht ruhig.
Wir hatten Aufrüstung, Terrorwarnungen, NATO-Doppelbeschluss, Flick-Affäre, kalte Nerven.
Wir hatten zu viele Briefe. Und zu wenig Zeit.
Das ist keine Entschuldigung.
Nur der Zustand der Maschine.
Ich hätte dir antworten sollen.
Denn deine Angst war keine Hysterie - sondern klug.
Und dein Glaube war kein naiver Trost - sondern ein Licht.
Du hast gefragt, was viele nicht mal zu denken wagten.
Heute - mit dem Abstand eines anderen Blickwinkels -
kann ich dir sagen:
Du hattest recht, zu fragen. Und ich danke dir - spät, aber ehrlich.
Du warst sechzehn.
Und trotzdem eine Stimme der Republik.
Ich wünsche dir von hier aus alles Gute -
und Mut, weiterhin das zu sagen, was gesagt werden muss.
Ihr
Helmut Schmidt
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