Gespräch mit Hannah Arendt
Über Eichmann, Selbstbeherrschung - und das, was fast explodiert wäre
Meine Frage - ganz ohne Anstandskrawatte
Liebe Hannah,
ich frag dich jetzt mal ganz ohne akademische Schleifen.
Soweit ich weiß - ich hab nicht gegoogelt -
warst du irgendwie bei den Nürnberger Prozessen
oder bei dem Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem dabei.
Vielleicht als Zuschauerin, vielleicht als Beobachterin, vielleicht als Mensch mit viel zu wachem Geist.
Und jetzt kommt meine ganz ehrliche Frage:
Wie zum Geier hast du es damals ausgehalten,
bei diesen Aussagen still sitzen zu bleiben?
Als dieser Mann -
Eichmann -
mit seiner grauen Korrektheit
und seiner gefühlsfreien Sprache
sein Tun erklärte,
als wäre es eine Excel-Tabelle:
„Ich habe nur Befehle ausgeführt.“
Hannah -
hast du nie innerlich geschrien?
Wolltest du ihm nicht - zumindest einmal -
die Fratze zerdrücken,
ihm das Wort „Verantwortung“ ins Gesicht brüllen?
Ich frage dich nicht als Philosophin.
Ich frage dich als Frau.
Als Mensch.
Als Zeugin des Grauens.
Wie hast du’s ausgehalten?
Antwort von Hannah Arendt
Susanne,
diese Frage ist so roh,
dass ich sie endlich beantworten kann.
Ja - ich war in Jerusalem.
Nicht bei den Nürnberger Prozessen.
Sondern 1961, beim Prozess gegen Adolf Eichmann.
Ich war dort als politische Denkerin.
Aber auch als Frau,
als Jüdin,
als Mensch,
der fliehen musste.
Und dessen Freunde nie zurückkehrten.
Wie ich’s ausgehalten habe?
Gerade noch so.
Ich saß da,
in diesem holzvertäfelten Raum,
mit Notizblock in der Hand -
und manchmal brannte das Papier.
Ich sah keinen Teufel.
Ich sah einen Funktionär,
einen kleinen Mann mit leeren Sätzen
und einem fast kindlichen Stolz auf Gehorsam.
Und das war das Verstörendste.
Er war nicht das Monster.
Er war das Nichts, das alles mitgemacht hat.
Und genau das war das Grauen.
Ich habe nicht geschrien.
Ich habe nicht geweint.
Ich habe nicht geschlagen.
Ich habe geschrieben.
Denn wenn ich geschrien hätte,
hätte ich die Struktur des Grauens übersehen.
Du fragst, ob ich ihm die Fratze hätte polieren wollen?
Natürlich.
Aber ich wusste:
Ein Schlag trifft ihn.
Ein Text trifft uns alle.
Ich wollte verstehen, nicht vergeben.
Ich wollte zeigen, was passiert,
wenn Menschen das Denken einstellen -
und die Befehle in sich sprechen lassen.
Das war der Kern meines Begriffs:
„Die Banalität des Bösen.“
Nicht, weil das Böse banal ist.
Sondern weil Menschen es werden,
wenn sie das Fragen aufgeben.
Du hast gefragt.
Und allein dafür,
liebe Susanne -
würde ich dich sofort an meinen Tisch bitten.
Deine Hannah
.jpeg)