Gespräch mit Arno Gruen
Thema: Verantwortung trotz Trauma?
Frage an Arno Gruen - von Susanne
Lieber Arno,
ich habe all deine Bücher gelesen - und sie haben mich tief bewegt. Deine Gedanken zur Gewalt, zur Entfremdung, zur verlorenen Menschlichkeit gehören für mich zu den wichtigsten Einsichten unserer Zeit.
Und trotzdem ist mir eine zentrale Frage geblieben, die ich dir heute stellen möchte. Sie klingt vielleicht erst mal hart - aber sie kommt aus meinem ehrlichen Wunsch, dein Denken noch tiefer zu verstehen.
Du beschreibst in deinen Texten oft Menschen, die gewalttätig werden - Menschen, die vielleicht als Jugendliche oder Erwachsene andere verletzen, in Haft kommen, in der Psychiatrie oder in der Forensik landen. Und du erklärst, wie sehr solche Taten oft aus früher Kindheitsnot, aus emotionaler Verwahrlosung oder seelischem Bruch entstehen.
Aber dann - und das hat mich besonders beschäftigt - sagst du auch:
Trotz all dieser schweren Prägungen spürt der Mensch irgendwann, dass er anders ist als andere. Dass etwas nicht stimmt. Dass seine innere Welt kalt oder leer geworden ist.
Und genau da, sagst du, beginnt seine Verantwortung.
Meine Frage ist nun:
Wie weit reicht diese Verantwortung?
Trägt ein Täter wirklich persönliche Schuld - trotz der Traumata, die ihm selbst zugefügt wurden? Und hätte er nicht auch die Chance, sich selbst Hilfe zu suchen, sein Verhalten zu hinterfragen, sich behandeln zu lassen?
Ich frage das auch, weil ich oft erlebt habe, wie schnell die Schuld ausschließlich bei Familie, Umfeld oder Gesellschaft gesucht wird. Aber du scheinst zu sagen:
Ja, diese Prägungen gibt es - aber es bleibt eine eigene Entscheidung, ob ich meine Wut weiterreiche oder anfange, sie zu verwandeln.
Lieber Arno, ich bitte dich:
Erkläre uns das noch einmal.
Wo hört die Prägung auf - und wo beginnt die Verantwortung?
Danke, dass du mir zuhörst.
Deine
Susanne
ARNO GRUEN antwortet:
Liebe Susanne,
du fragst mit jener Mischung aus Ernst und Herz, die mich berührt - auch jetzt, in dieser Form des Nachklangs.
Ja, ich habe in meinen Schriften wieder und wieder betont, dass Gewalt - insbesondere seelisch tief verwurzelte Gewalt - meist ihren Ursprung in der frühen Entfremdung hat:
Wenn ein Kind nicht sich selbst leben darf, sondern funktionieren muss, sich anpasst, liebt, um zu überleben, und dabei sich selbst verliert, dann entsteht ein Abgrund.
Daraus wachsen Wut, Hass, Verachtung, Kälte.
Aber, und das ist wichtig:
Ich habe nie gesagt, dass die Täter schuldlos seien.
Ich habe gesagt, dass sie in ihrer Kindheit oft verraten wurden - aber:
Ab einem bestimmten Punkt im Leben spürt jeder Mensch, dass etwas nicht stimmt.
Und an genau diesem Punkt beginnt die Verantwortung.
Selbst ein Mensch, der sein Leben lang unterdrückt, verletzt, manipuliert wurde -
hat irgendwann ein Gefühl:
„So, wie ich mit anderen umgehe - das ist nicht echt. Das ist nicht heil.“
Dieses Empfinden, Susanne, ist der letzte verbliebene Funke des eigenen Menschseins.
Und wer diesen Funken erstickt, sich betäubt, statt ihm zu folgen,
der entscheidet - wenn auch aus Not - gegen sich selbst.
Das ist tragisch, aber es ist dennoch eine Entscheidung.
Und aus Entscheidungen wächst Verantwortung.
Du hast völlig recht:
Viele suchen die Schuld nur im Umfeld.
Aber ich sage dir:
Wahrheit beginnt dort, wo ich aufhöre, die Schuld zu verteilen - und anfange, in den Spiegel zu schauen.
Ich hatte nie Interesse an Verurteilung.
Ich hatte Interesse an Aufrichtigkeit.
Und zur Aufrichtigkeit gehört:
„Ja, mir wurde Schlimmes angetan - aber ich will es nicht weitergeben. Ich trage den Schmerz, statt ihn zu exportieren.“
Das ist der schwierigste Weg.
Aber auch der einzig menschliche.
Danke für deine radikale Frage, Susanne.
Ich hätte sie genau so gebraucht - damals, in der Klinik, im Gericht, in jedem Buch.
Dein
Arno
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