SMS · Susanne macht Schule
Pieter Bruegel der Ältere: Der Turmbau zu Babel, 1563
Religion · Kunst · Geschichte · Denken

Turmbau zu Babel

Wie hoch will der Mensch hinaus?
Eine uralte Bibelgeschichte erzählt von Menschen, die gemeinsam etwas Ungeheures bauen wollen. Pieter Bruegel macht daraus 1563 ein Gemälde, in dem man sich minutenlang verlieren kann. Und genau das tun wir hier.

1 · Die Geschichte

Alle verstehen einander – und wollen ganz nach oben

Am Anfang der Babel-Geschichte gibt es ein Problem, das eigentlich gar nicht wie ein Problem aussieht: Alle Menschen sprechen dieselbe Sprache. Sie können sich verständigen, planen und zusammenarbeiten.

Dann finden sie eine Ebene, lassen sich dort nieder und haben eine gigantische Idee: Sie wollen eine Stadt und einen Turm bauen. Nicht irgendeinen Turm. Seine Spitze soll bis an den Himmel reichen.

„… damit wir uns einen Namen machen …“

Dieser kleine Satz ist wichtig. Die Menschen wollen nicht nur ein praktisches Gebäude. Sie wollen etwas schaffen, das groß ist, sichtbar ist und bleibt. Etwas, über das man spricht.

1. Buch Mose (Genesis), 11,1–9 – Text aus dem bereitgestellten Material

11,1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 11,2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 11,3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, laßt uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel. 11,4 Und sie sprachen: Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. 11,5 Da fuhr der HERR hernieder, daß er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 11,6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 11,7 Wohlauf, laßt uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, daß keiner des andern Sprache verstehe! 11,8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, daß sie aufhören mußten, die Stadt zu bauen. 11,9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.
2 · Nicht bloß: „Gott mag keine hohen Türme“

Was könnte die Geschichte meinen?

Man könnte die Geschichte sehr simpel lesen: Die Menschen bauen zu hoch, Gott wird ärgerlich und macht Schluss. Aber im Text steckt mehr.

Erstaunlich ist nämlich, wie stark die Menschen sind, wenn sie zusammenarbeiten. Im Text heißt es sogar, dass ihnen kaum noch etwas verwehrt werden könne, wenn sie gemeinsam weitermachen. Das klingt fast wie Staunen über die menschlichen Möglichkeiten.

Die spannende Frage lautet deshalb:

Wann ist gemeinsames Können großartig – und wann wird daraus Größenwahn?

Der Text selbst gibt darauf keine kleine, bequeme Musterantwort. Aber er zeigt eine Gruppe, die sich einen Namen machen, an einem Ort bleiben und ein gewaltiges gemeinsames Zeichen setzen will. Dann zerbricht die Einheit: Die Menschen verstehen einander nicht mehr und werden zerstreut.

Das Großartige

Menschen können planen, bauen, erfinden, organisieren und gemeinsam Dinge schaffen, die ein Einzelner nie schaffen könnte.

Die Gefahr

Größe kann zum Selbstzweck werden. Aus „Wir können etwas“ kann „Uns sind keine Grenzen gesetzt“ werden.

3 · Jetzt wird geforscht

Geh in Bruegels Turm hinein

Zieh das Bild mit der Maus. Zoome hinein. Schau nicht nur auf den Turm – such die winzigen Geschichten darin.

Pieter Bruegel der Ältere · Der Turmbau zu Babel · 1563 · im bereitgestellten Material: Kunsthistorisches Museum Wien, Öl auf Eichenplatte, 114 × 155 cm

4 · Bilddetektive

Was findest du im Turm?

Jetzt nicht einfach „schönes altes Bild“ sagen. Reinzoomen. Bruegel hat eine riesige Baustelle gemalt. Je länger du suchst, desto mehr passiert.

01
Finde Menschen, die am Turm arbeiten. Was tun sie?
02
Wo werden Steine, Material oder Lasten transportiert?
03
Welche Maschinen, Gerüste oder Bauhilfen entdeckst du?
04
Wie groß wirken die Menschen im Vergleich zum Bauwerk?
05
Suche Stellen, an denen der Turm noch unfertig ist.
06
Was geschieht rund um den Turm – in Stadt, Landschaft und Hafen?
07
Welche Einzelheiten erzählt Bruegel, die im kurzen Bibeltext gar nicht erwähnt werden?
08
Wirkt das Bauwerk auf dich mächtig, genial, verrückt, gefährlich – oder alles gleichzeitig?
5 · Bruegel erzählt weiter

Die Bibel braucht neun Verse. Bruegel braucht eine ganze Welt.

Im Bibeltext erfahren wir nur wenig darüber, wie der Turm gebaut wird. Bruegel macht daraus eine gewaltige Baustelle. Genau deshalb lohnt das Zoomen: Das Gemälde lässt uns über Arbeit, Technik, Organisation, Macht und die Größe des Projekts nachdenken.

Das Bild ist dabei keine Fotografie des biblischen Babel. Es ist Bruegels künstlerische Vorstellung. Und gerade deshalb ist die Frage interessant: Was hat der Maler hinzugefügt – und warum?

Eine starke Beobachtung

Je näher man in das Bild hineingeht, desto größer wird nicht nur der Turm. Man entdeckt auch immer mehr Menschen. Ein monumentales Projekt besteht plötzlich aus unzähligen kleinen Arbeiten.

6 · Die Frage an uns

Groß denken – oder zu groß denken?

Die Babel-Geschichte muss nicht bedeuten, dass Menschen klein bleiben sollen. Der Text zeigt sogar, wie unglaublich viel sie gemeinsam können.

Aber er zwingt uns zu einer Frage, die bis heute funktioniert:

Nur weil wir etwas können – müssen wir es deshalb auch tun?

Und noch eine:

Woran merken wir, dass aus Ehrgeiz Größenwahn wird?

Darüber kann man bei Babel streiten. Genau deshalb ist die Geschichte nach so langer Zeit noch interessant.

Zum Schluss

Ein Turm. Eine Sprache. Eine große Idee.

Menschen können gemeinsam Unglaubliches schaffen.
Die schwierigere Frage ist:
Was machen wir mit diesem Können?

Und jetzt noch einmal zurück ins Bild. Vielleicht findest du beim zweiten Zoomen etwas, das du beim ersten Mal völlig übersehen hast.