Religion · Ethik · Lebensfragen · Doppelstunde

Segen, Abschied und die Frage: Was bleibt von einem Menschen?

Drei Texte über Freiheit, Liebe, Tod, Erinnerung und Weiterleben – und darüber, warum Menschen in ganz unterschiedlichen Bildern Trost suchen.

Manche Segenssprüche wünschen Glück. Andere sagen etwas viel Größeres: Du darfst dein eigenes Leben leben. Du bist nicht allein. Und selbst der Tod muss nicht bedeuten, dass alles verschwunden ist.

Auf dieser Seite begegnen dir zwei Texte, die im Internet indigenen Traditionen zugeschrieben werden, und ein poetischer Text, der Michelangelo zugeschrieben wird. Wir lesen sie nicht wie unumstößliche Wahrheiten. Wir fragen: Welche Vorstellung vom Menschen steckt darin? Was soll trösten? Was soll frei machen? Und welche Worte würdest du selbst einem anderen Menschen mitgeben?

1 · Freiheit und Familie

„Ich muss nicht dein Leben leben.“

Der erste Text wird als Nahuatl-Segen verbreitet. Er klingt zunächst ungewöhnlich, denn er segnet nicht mit „Viel Glück“ oder „Gott beschütze dich“. Stattdessen löst er Beziehungen von Erwartungen.

Filmquelle: susannealbers.de

Ich befreie meine Eltern von dem Gefühl, mich enttäuscht zu haben ...

Ich befreie meine Kinder von der Notwendigkeit, mich stolz machen zu müssen – mögen sie in der Lage sein, ihren eigenen Weg zu gehen, je nachdem, was ihnen ihr eigenes Herz ständig zuflüstert ...

Ich entbinde meinen Partner von der Verpflichtung, mich zu ergänzen.
Ich bin bereits ganz.

Ich lerne ständig von allen Lebewesen ...

Ich danke meinen Großeltern und Vorfahren, die sich vereint haben, damit ich heute das Leben einatmen kann.
Ich befreie sie von früheren Fehlern und unerfüllten Wünschen, da ich weiß, dass sie ihr Bestes getan haben, um jede Situation zu lösen, durch den Bewusstseinszustand, in dem sie sich zur damaligen Zeit befanden ...

Ich ehre euch, ich liebe euch und erkenne euch als unschuldig an ...

Ich bin transparent vor euren Augen, damit ihr wisst, dass ich nichts zu verbergen habe oder etwas anderes schulde, außer mir selbst und meiner Existenz treu zu sein und der Weisheit meines Herzens zu folgen ...

Ich weiß, dass ich meinen eigenen Lebensplan zu erfüllen habe, frei von unsichtbaren und sichtbaren familiären Glaubensmustern und Bindungen, die meinen Frieden und mein Glück stören, und die auch meine einzige Verantwortung sind ...

Ich verzichte auf die Rolle des Erlösers, der die Erwartungen anderer erfüllen soll.
Ich lerne durch Liebe – und nur durch Liebe.

Ich segne meine Essenz mit meiner eigenen Ausdrucksweise, obwohl mich einige vielleicht nicht verstehen ...

Ich verstehe mich selbst, weil ich allein meine Geschichte gelebt und erlebt habe, weil ich mich selbst kenne und weiß, wer ich bin, was ich fühle, was ich tue und warum ich es tue ...

Ich respektiere mich selbst ...
Ich ehre das Göttliche in mir und in dir ...

Wir sind frei.

„Ich verzichte auf die Rolle des Erlösers, der die Erwartungen anderer erfüllen soll.“
Was ist hier wichtig?

Eltern müssen nicht perfekt sein. Kinder müssen nicht für den Stolz ihrer Eltern leben. Partner müssen einander nicht „vollständig machen“. Jeder Mensch darf einen eigenen Weg haben.

Und die Vorfahren?

Sie werden geehrt – aber ihre Fehler und unerfüllten Wünsche sollen nicht automatisch an die nächste Generation weitergegeben werden.

FreiheitSelbstachtungFamilieVerantwortungLiebe ohne Besitz

Frage an dich: Kann man jemanden lieben und ihm trotzdem erlauben, ganz anders zu leben, als man selbst es sich vorgestellt hat?

2 · Tod und Verbundenheit

„Du bist niemals allein.“

Der zweite Text wird als Lakota-Segen verbreitet. Er spricht aus der Perspektive eines verstorbenen Menschen. Auffällig ist: Der Tote wird nicht einfach „weg“ gedacht. Er erscheint in Wind, Regen, Licht, Erde, Sternen und Erinnerung.

Filmquelle: susannealbers.de

Steh nicht weinend an meinem Grab,
ich bin nicht dort unten, ich schlafe nicht.
Ich bin tausend Winde, die weh’n,
ich bin das Glitzern der Sonne im Schnee,
ich bin das Sonnenlicht auf reifem Korn,
ich bin der sanfte Regen im Herbst.

Wenn du erwachst in der Morgenfrühe,
bin ich das schnelle Aufsteigen der Vögel
im kreisenden Flug.
Ich bin das sanfte Sternenlicht in der Nacht.

Steh nicht weinend an meinem Grab,
ich bin nicht dort unten, ich schlafe nicht.

Du kannst mich nur nicht mehr sehen, nicht mehr berühren.
Aber ich werde immer da sein, egal wo du bist.
Ich werde der Wind sein, der zärtlich durch dein Haar streicht,
der Regen, der sanft deine Haut berührt,
der Regenbogen am Horizont, der dir die schönsten Farben schenkt,
die Sonne, die dich wärmt und mit dir lacht,
der Duft von Sommer, den du einatmest,
die Erde, auf der du gehst,
die Nacht, in der ich für dich die Sterne erstrahlen lasse,
der Tag, der dir tausend Überraschungen bringt,
die Hoffnung, die dich trägt, wenn du traurig bist,
dieses Gefühl, das in dir ist, wenn du glücklich bist.

Du kannst mit mir reden, ich werde dich immer hören, oder einfach weinen, dann nehme ich dich in meinen Arm und du wirst dich frei fühlen.
Ich werde über deinen Schlaf wachen und dir wundervolle Träume schenken.
Du brauchst keine Angst zu haben.
Du bist niemals allein,
weil ich immer da sein werde,
wenn du an mich denkst, so wie ich an dich denke.

„Du kannst mich nur nicht mehr sehen, nicht mehr berühren. Aber ich werde immer da sein.“

Ob man das religiös versteht, poetisch oder einfach als Bild für Erinnerung, kann jeder selbst entscheiden. Der Text versucht nicht, den Schmerz wegzureden. Er gibt dem Verlust eine andere Sprache: Ein Mensch kann fehlen – und trotzdem in meinem Leben gegenwärtig bleiben.

Natur als Trost

Wind, Regen, Sonne, Sterne und Erde werden zu Bildern dafür, dass Verbundenheit größer sein kann als das Sichtbare.

Anders Abschied nehmen

Bei Beerdigungen geht es oft um Schwere, Schweigen und Verlust. Dieser Text fragt zusätzlich: Kann Abschied auch Wärme, Dankbarkeit, Natur und Weiterverbundenheit enthalten?

Sprachhinweis

Warum im Video das Wort „Indianer“ vorkommt

Persönlicher Hinweis von Susanne Albers: Ich bin Jahrgang 1965 und mit dem deutschen Wort „Indianer“ aufgewachsen. Ich verwende es in meinen Videos teilweise weiterhin und schäme mich dafür nicht. Auf dieser Unterrichtsseite benennen wir die Gruppen zugleich möglichst genau – zum Beispiel als Lakota oder allgemein als indigene Menschen.

Wichtig ist außerdem: Die Sprecher in den Videos sind künstlerisch dargestellte Figuren. Sie sind keine dokumentarischen Aufnahmen realer Lakota-Sprecher.

Ein wichtiger Quellenblick

Schöne Texte – aber woher kommen sie wirklich?

Die beiden Texte werden auf vielen Seiten indigenen Traditionen zugeschrieben. Die vorliegenden Materialien liefern dafür jedoch keine historische Originalquelle. Deshalb behandeln wir die Zuschreibungen auf dieser Unterrichtsseite vorsichtig.

Das macht die Texte nicht wertlos. Im Gegenteil: Es eröffnet eine zusätzliche Frage, die im Internet immer wichtiger wird: Wird eine Behauptung wahr, nur weil sie tausendmal weiterkopiert wurde?

Wir können also zwei Dinge gleichzeitig tun: die Gedanken der Texte ernst nehmen – und bei ihrer Herkunft kritisch bleiben.

3 · Ein anderer Ton des Abschieds

„Ich tauschte nur die Räume.“

Ein weiterer poetischer Text, der Michelangelo zugeschrieben wird, beschreibt den Tod als Verwandlung. Nicht: „Ich bin verschwunden.“ Sondern: „Ich lebe in euch weiter.“

Es sandte mir das Schicksal tiefen Schlaf.
Ich bin nicht tot, ich tauschte nur die Räume.
Ich leb in euch, ich geh in eure Träume,
da uns, die wir vereint, Verwandlung traf.
Ihr glaubt mich tot, doch daß die Welt ich tröste,
leb ich mit tausend Seelen dort,
an diesem wunderbaren Ort,
im Herzen der Lieben. Nein, ich ging nicht fort,
Unsterblichkeit vom Tode mich erlöste.

– Michelangelo zugeschrieben

„Ich bin nicht tot, ich tauschte nur die Räume.“

Diese Worte wurden in zwei sehr unterschiedlichen Musikfassungen vertont. Derselbe Text – aber eine völlig andere Wirkung.

Rock · Male Voice

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Folk · Female Voice

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Eternal Presence

Verse 1:
Fate sent me into a deep, deep sleep,
But I am not gone, don’t you weep.
I’ve only changed the rooms I roam,
I live in you, in dreams, I find my home.

Chorus:
You think me dead, but I still remain,
In a thousand souls, I ease the pain.
In a wondrous place, where love is true,
In the hearts of those who hold me close, I live anew.

Verse 2:
I haven’t left, I’m still so near,
Immortality freed me from fear.
In the transformation, we are one,
In your dreams, my life goes on.

Chorus:
You think me dead, but I still remain,
In a thousand souls, I ease the pain.
In a wondrous place, where love is true,
In the hearts of those who hold me close, I live anew.

Outro:
No, I did not depart, I’m still with you,
Death has no power, life is born anew.


Ewige Präsenz

Strophe 1:
Das Schicksal schickte mich in einen tiefen, tiefen Schlaf,
Aber ich bin nicht fort, weine nicht.
Ich habe nur die Räume gewechselt, in denen ich umherwandere,
Ich lebe in dir, in Träumen finde ich mein Zuhause.

Refrain:
Du hältst mich für tot, aber ich bleibe noch immer,
In tausend Seelen lindere ich den Schmerz.
An einem wunderbaren Ort, wo die Liebe wahr ist,
In den Herzen derer, die mich festhalten, lebe ich neu.

Strophe 2:
Ich bin nicht gegangen, ich bin noch immer so nah,
Die Unsterblichkeit hat mich von der Angst befreit.
In der Transformation sind wir eins,
In deinen Träumen geht mein Leben weiter.

Refrain:
Du hältst mich für tot, aber ich bleibe noch immer,
In tausend Seelen lindere ich den Schmerz.
An einem wunderbaren Ort, wo die Liebe wahr ist,
In den Herzen derer, die mich festhalten, lebe ich neu.

Outro:
Nein, ich bin nicht gegangen, ich bin noch bei dir.
Der Tod hat keine Macht, das Leben wird neu geboren.

Gleicher Text – gleiche Botschaft?

Welche Fassung klingt mehr nach Trauer? Welche mehr nach Kraft? Welche lässt den Text näher wirken?

Musik bei einer Beerdigung

Welche der beiden Fassungen könnte dort trösten? Oder wäre dir etwas ganz anderes lieber? Es gibt keine richtige Antwort.

Nachdenken und sprechen

Was würdest du mitnehmen?

1. Welcher Satz aus den drei Texten bleibt bei dir hängen – und warum?

2. Ist es befreiend oder egoistisch zu sagen: „Ich muss nicht eure Erwartungen erfüllen“?

3. Kann ein Mensch nach seinem Tod in anderen „weiterleben“, auch wenn man nicht an ein Jenseits glaubt?

4. Warum benutzen Menschen Naturbilder, wenn sie über Tod und Abschied sprechen?

5. Was müsste bei einer Beerdigung geschehen, damit sie nicht nur traurig, sondern auch tröstlich ist?

6. Wie wichtig ist es, die Herkunft eines schönen Spruches zu prüfen?

Vielleicht ist ein Segen genau das:

Jemandem nicht vorzuschreiben, wie er leben soll – sondern ihm etwas mitzugeben, das ihn trägt.

Manchmal ist das Freiheit. Manchmal Erinnerung. Manchmal Musik. Manchmal nur ein Satz, den man nicht mehr vergisst.