Doppelstunde · Geschichte · Philosophie · Gesellschaft
Wie waren die Menschen der Renaissance drauf?
Zwischen Pest, Schönheit, Geld, Gott und dem großen Gedanken: Ich kann etwas aus meinem Leben machen.
Stell dir vor, du bist 15 Jahre alt. Das Jahr ist ungefähr 1500.
Du hast kein Handy. Das wäre noch zu verkraften. Aber du hast auch keinen Kühlschrank, kein Antibiotikum, keinen Krankenwagen, keine Krankenversicherung und keine Garantie, dass du 70 oder 80 Jahre alt wirst.
Wenn eine schwere Krankheit kommt, kann ein Arzt oft wenig tun. Wenn Krieg ausbricht, gibt es keinen sicheren Ort. Wenn deine Familie arm ist, musst du wahrscheinlich arbeiten. Und wenn du in die falsche Familie hineingeboren wirst, kannst du nicht einfach sagen: „Dann mache ich eben etwas ganz anderes aus meinem Leben.“
Und trotzdem geschieht in dieser Zeit etwas Erstaunliches. Menschen bauen wunderschöne Paläste. Sie malen riesige Gemälde. Sie untersuchen den menschlichen Körper. Sie lesen Bücher, die schon die alten Griechen und Römer gelesen hatten. Sie reisen über Meere. Sie wollen wissen, wie die Welt funktioniert.
Und immer öfter taucht eine neue Frage auf: Was kann der Mensch eigentlich?
1Nicht jeder lebte wie Leonardo da Vinci
Renaissance war nicht für alle dasselbe: Herkunft und Geld entschieden über fast alles.
Wenn wir heute „Renaissance“ hören, denken wir schnell an Leonardo da Vinci, Michelangelo, Raffael, prächtige Paläste und reiche Kaufleute in Florenz. Das Problem ist: Die meisten Menschen waren weder Leonardo noch Michelangelo noch reich.
Ein Bauer musste Felder bestellen. Ein Tagelöhner musste Arbeit finden. Dienstboten mussten bedienen. Handwerker arbeiteten oft viele Stunden. Frauen führten Haushalte, arbeiteten mit, bekamen Kinder und hatten meistens deutlich weniger Rechte und Möglichkeiten als Männer. Viele Kinder lernten früh, dass Leben nicht hauptsächlich aus Selbstverwirklichung bestand.
EssenArbeitFamilieÜberleben
Die großartige Welt der Renaissance, die wir heute in Museen bewundern, war deshalb vor allem die Welt bestimmter Städte, wohlhabender Familien, Künstler, Gelehrter und Herrscher. Aber ihre Ideen breiteten sich aus – und diese Ideen veränderten Europa.
2Der Tod saß mit am Tisch
Tod und Lebenshunger nebeneinander: genau dieser Gegensatz prägte die Zeit.
Die Renaissance war wunderschön. Aber sie war keine gemütliche Zeit. Krankheiten gehörten zum Leben. Besonders gefürchtet war die Pest. Menschen konnten erleben, dass innerhalb kurzer Zeit Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder starben.
Man kannte keine moderne Medizin und keine Antibiotika. Man betete, floh, verwendete Kräuter und Düfte, ließ Menschen zur Ader und suchte nach Erklärungen. Viele glaubten, Seuchen könnten eine Strafe Gottes sein.
Wenn das Leben unsicher ist, wird das Leben kostbar.
Und vielleicht gehört gerade deshalb dieser scheinbare Widerspruch zusammen: Angst vor dem Tod – und gleichzeitig ungeheure Lust am Leben.
Die Welt ist gefährlich. Also machen wir sie schön.
3Plötzlich wird der Mensch interessant
Religion spielte weiterhin eine riesige Rolle. Kirchen wurden gebaut, Menschen beteten und Päpste hatten große Macht. Fast niemand hätte gesagt: „Gott ist erledigt. Jetzt kommt der Mensch.“ Das wäre Unsinn.
Aber etwas verschob sich. Die Menschen schauten stärker auf sich selbst: auf den menschlichen Körper, auf Fähigkeiten, Gedanken, Gefühle, Schönheit, Bildung und das einzelne Leben.
Eine wichtige Idee lautete ungefähr: Der Mensch besitzt Fähigkeiten, die er entwickeln kann.
Du bist nicht einfach fertig. Du kannst etwas aus dir machen.
Lernen, zeichnen, forschen, musizieren: Der Mensch entdeckt seine Möglichkeiten.
Alte Texte werden neu gelesen – und neue Bücher können nun viel schneller verbreitet werden.
4Die alten Griechen sind plötzlich wieder cool
Die Menschen der Renaissance hielten die Antike für ziemlich großartig. Sie suchten alte Texte, lasen Platon und Cicero und beschäftigten sich mit Geschichte, Sprache, Philosophie und Kunst der Griechen und Römer.
Heute könnte man sagen: Sie entdeckten einen gigantischen alten Datenspeicher wieder.
Dabei ging es nicht nur ums Nachmachen. Die Texte brachten Fragen hervor: Was ist ein guter Mensch? Wie soll ein Staat geführt werden? Was ist Schönheit? Was kann der Verstand erkennen?
Schau selbst hin. Denk nach. Vergleiche. Frage.
5Wissen allein reicht nicht – du musst auch wirken
Der Galateo erklärt Benimmregeln. Kurz gesagt: Bitte nicht so.
Stell dir vor, du bist reich. Prima. Aber das reicht nicht. Jetzt musst du zeigen, dass du zu den feinen Leuten gehörst. Wie redest du? Wie gehst du? Wie kleidest du dich? Wie isst du? Wie machst du einen Witz? Und um Himmels willen: Was machst du mit deinen fettigen Fingern beim Essen?
Giovanni della Casa schrieb im 16. Jahrhundert ein berühmtes Buch über gute Umgangsformen, den Galateo. Darin findet man Regeln, die erstaunlich modern wirken: keine widerlichen Geräusche beim Essen, nicht ständig mit Geld oder Verstand angeben, andere mit Witzen nicht verletzen und vernünftig sprechen.
Es reicht nicht, etwas gut zu machen. Es kommt auch darauf an, wie man es tut.
6Die anderen sehen dich
Damit kommen wir zu etwas, das Jugendliche heute ziemlich gut kennen: Außenwirkung. Damals gab es keine sozialen Medien. Aber Menschen wollten trotzdem zeigen: Wer bin ich? Was besitze ich? Wie gebildet bin ich? Wie wichtig bin ich?
Ein reicher Mensch konnte Kleidung tragen, die seinen Rang zeigte. Er konnte einen Palast bauen, einen Künstler bezahlen, sich porträtieren lassen oder eine Kirche stiften.
Ein Porträt war manchmal so etwas wie das Profilbild für die nächsten 500 Jahre.
7Der Künstler wird zum Star
Der Künstler wird zur Persönlichkeit: ein Name, ein Ruf, ein Können, das bewundert wird.
Im Mittelalter gab es längst großartige Künstler und Handwerker. Aber in der Renaissance verändert sich die Stellung mancher Künstler deutlich. Nun wird die einzelne Persönlichkeit wichtiger. Nicht nur: „Wer hat das gemacht?“ Sondern: „Das ist ein Michelangelo!“ – „Das ist Leonardo!“
Der Künstler bekommt einen Namen, eine Biografie, einen Ruf. Damit entsteht etwas, das uns sehr vertraut vorkommt: Berühmtheit.
Und plötzlich wird auch der vielseitige Mensch zum Ideal: malen, zeichnen, bauen, forschen, Anatomie untersuchen, Technik verstehen. Warum nur eine Sache machen, wenn einen zehn Dinge interessieren?
8Schönheit ist keine Nebensache
Die Renaissance beschäftigt sich leidenschaftlich mit Schönheit: mit menschlichen Körpern, Gesichtern, Gebäuden, Landschaften, Farben, Proportionen, Musik und Sprache.
Der Körper ist nicht nur eine lästige Verpackung für die Seele. Er kann schön sein. Er kann untersucht werden. Er kann gemalt werden. Künstler beobachten Muskeln, Gesichter und Bewegungen immer genauer.
Die Kunst wird fast zu einer Form des Forschens: Wie sieht die Welt wirklich aus?
9Liebe, Gefühle und Phantasie werden ernst genommen
Auch Liebe wurde philosophisch interessant. Was verbindet Menschen? Warum begehren wir etwas? Kann Schönheit einen Menschen verändern? Welche Macht besitzen Vorstellungen und Bilder?
Denker wie Marsilio Ficino griffen Gedanken Platons wieder auf. Für uns ist nicht jeder komplizierte Satz wichtig. Entscheidend ist: Der Mensch wird auch als fühlendes und vorstellendes Wesen interessant.
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10Reden können bedeutet Macht
Wer gut sprechen kann, kann andere überzeugen. Und wer andere überzeugen kann, besitzt Macht. Deshalb wurde die alte Kunst der Rhetorik wieder wichtig.
Man lernte: Wie baue ich eine Rede auf? Welche Wörter wirken? Wie kann ich einen Gedanken eindrucksvoll ausdrücken? Wer reden und schreiben konnte, konnte Einfluss gewinnen.
11Machiavelli: Wie funktioniert Macht wirklich?
Niccolò Machiavelli stellte eine unangenehme Frage. Nicht: „Wie sollte ein perfekter Herrscher in einer perfekten Welt sein?“ Sondern eher: „Wie funktioniert Macht tatsächlich?“
Menschen sind nicht immer nett. Herrscher sind nicht immer ehrlich. Staaten kämpfen gegeneinander. Machiavelli wollte verstehen, welche Eigenschaften ein Herrscher braucht, um sich in dieser Welt zu behaupten.
Fortuna und virtù
Fortuna meint ungefähr das Schicksal und den Zufall: Krankheit, Krieg, politische Krise, Pech. Virtù meint Tatkraft, Können, Mut, Klugheit und die Fähigkeit, eine Situation zu nutzen.
Du kannst nicht kontrollieren, was dir passiert. Aber du kannst versuchen zu beeinflussen, was du daraus machst.
Fortuna ist der Sturm. Virtù ist der Versuch, trotzdem das Steuer in der Hand zu behalten.
12Ruhm – bitte vergesst mich nicht!
Wer weiß, dass er sterben wird, kann sich fragen: Was bleibt von mir? Ein Herrscher ließ Gebäude errichten. Ein Kaufmann stiftete Kunstwerke. Ein Schriftsteller schrieb Bücher. Ein Künstler signierte sein Werk.
Menschen wollten Erinnerung, Ruhm, Ehre, einen Namen. Vielleicht steckt darin ein sehr menschlicher Wunsch: Ich möchte nicht einfach verschwinden.
Michelangelo ist tot. Leonardo ist tot. Raffael ist tot. Die Medici sind tot. Aber ihre Namen kennen wir noch. In gewisser Weise hat ihr Plan funktioniert.
13Aber Vorsicht: Das war keine freie moderne Gesellschaft
Renaissance bedeutet nicht: Plötzlich waren alle frei. Die Gesellschaft war weiterhin sehr ungleich. Ob du reich oder arm geboren wurdest, machte einen riesigen Unterschied. Frauen hatten viel weniger Möglichkeiten als Männer. Religion und Kirche bestimmten große Teile des Lebens. Herrscher konnten enorme Macht besitzen. Kriege waren häufig. Menschenrechte und Demokratie, wie wir sie heute kennen, gab es nicht.
14Genau diese Gegensätze machen sie spannend
Die Menschen glaubten an Gott – und interessierten sich immer stärker für den Menschen.
Sie fürchteten den Tod – und liebten Schönheit und Lebensgenuss.
Sie lebten in festen gesellschaftlichen Ordnungen – und bewunderten außergewöhnliche Einzelpersonen.
Sie verehrten jahrtausendealte Bücher – und wollten Neues entdecken.
Sie wussten, dass das Schicksal jederzeit zuschlagen konnte – und versuchten trotzdem, ihr Leben selbst zu gestalten.
Also: Wie waren die Menschen der Renaissance drauf?
Natürlich waren Millionen Menschen nicht alle gleich. Aber einige wichtige Gedanken der Zeit lassen sich erstaunlich einfach zusammenfassen:
Das Leben ist unsicher – also nutze es.
Der Mensch besitzt Fähigkeiten – also entwickle sie.
Die Welt ist interessant – also schau hin.
Die Alten wussten viel – also lies sie.
Glaube nicht alles ungeprüft – denke selbst nach.
Schönheit zählt.
Bildung zählt.
Wie du auf andere wirkst, zählt.
Du kannst nicht alles bestimmen – aber du kannst handeln.
Und über allem steht vielleicht der wichtigste Gedanke:
Ich bin nicht nur jemand, dem das Leben passiert. Ich kann versuchen, etwas daraus zu machen.
Mensch, mach was!
Für die Doppelstunde: Der Text kann abschnittsweise gemeinsam gelesen werden. Nach jedem größeren Bild eignet sich eine kurze Frage: „Was siehst du?“, „Was sagt das über das Leben damals?“ oder „Kennst du etwas Ähnliches von heute?“ Als Abschluss reicht eine einzige Aufgabe: Erkläre in drei Sätzen, wie die Menschen der Renaissance „drauf“ waren.