SMSSusanne macht SchuleWissen darf lebendig sein.
Ballade · Kontrolle und Überforderung

Der Zauberlehrling

Susannes Satz für diese Seite bleibt unübertrefflich: „Ich möchte, dass du beim Lesen genauso genervt bist wie der Zauberlehrling.“ Die Wiederholung ist nicht Dekoration. Sie ist das Problem.

Er kann den Befehl geben. Er kennt das Gegenwort nicht.
Animation · Wahrnehmung · absichtliche Überforderung

Lesen, während der Text sich entzieht

In Susannes Animation wandert der vollständige Text des Zauberlehrlings von unten nach oben. Davor liegt das Wort GOETHE wie eine feste Schablone voller Öffnungen. Die Verse verschwinden hinter den Buchstaben und tauchen an anderer Stelle wieder auf.

Die Idee hinter der Gestaltung

Die Animation soll nicht bequem sein. Sie soll nerven.

Wer versucht, den Text fortlaufend zu lesen, verliert immer wieder Wörter und Zeilen. Genau dieses Gefühl gehört zur Deutung: Der Zauberlehrling hat etwas in Gang gesetzt, das weiterläuft, obwohl er längst die Kontrolle verloren hat. Auch die Betrachterinnen und Betrachter möchten den Text festhalten – und bekommen ihn nicht mehr ruhig gestellt.

Originalanimation von Susanne Albers. Laufzeit ungefähr drei Minuten. Der Textfluss und die erschwerte Lesbarkeit sind bewusst gestaltet.

Beobachtungsauftrag: An welcher Stelle gibst du den Versuch auf, jedes Wort zu lesen? Was geschieht dann mit deiner Aufmerksamkeit – folgst du dem Text, dem Wort GOETHE oder nur noch der Bewegung?

Der Text gehorcht nicht

Er bewegt sich weiter, unabhängig davon, ob wir mit dem Lesen hinterherkommen.

Die Form wird zum Hindernis

GOETHE ist nicht bloß Überschrift, sondern verdeckt und zerschneidet den Text.

Genervtheit wird Erkenntnis

Das unangenehme Seherlebnis überträgt die Überforderung des Lehrlings auf das Publikum.

Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu ich Wunder auch.
Walle! walle
manche Strecke,
dass, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.
Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!
Walle! walle
manche Strecke,
dass, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.
Seht, er läuft zum Ufer nieder;
wahrlich! ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Wasser füllt!
Stehe! stehe!
denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! –
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!
Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
bringt er schnell herein,
ach! und hundert Flüsse
stürzen auf mich ein.
Nein, nicht länger
kann ich’s lassen;
will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!
O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!
Willst’s am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behende
mit dem scharfen Beile spalten.
Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!
Wehe! wehe!
Beide Teile
stehn in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!
Und sie laufen! Nass und nässer
wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! –
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.
„In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid’s gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
erst hervor der alte Meister.“
Text und Animation zusammendenken

Die Katastrophe entsteht in Stufen

1. Können ohne Ganzes

Der Lehrling kennt den Befehl zum Beginnen. Das Gegenwort und die Verantwortung für den Ablauf fehlen ihm.

2. Wiederholung ohne Ende

Der Refrain klingt zunächst wie Macht. Später wirkt dieselbe Wiederholung wie eine Maschine, die nicht mehr aufhört.

3. Gewalt verdoppelt das Problem

Das Zerschlagen des Besens beseitigt die Ursache nicht. Aus einem unkontrollierbaren Helfer werden zwei.

Vergleichsauftrag: Suche drei Stellen in der Ballade, an denen die Lage schneller, voller oder bedrohlicher wird. Zeige anschließend, wie die aufsteigende Animation denselben Kontrollverlust ohne Schauspieler und ohne Geräusche erzeugt.
Werkstatt: Spielt die Eskalation nur mit Geräuschen. Jede Wiederholung muss lauter, schneller oder dichter werden.