SMS · Susanne macht Schule
Literatur · Geschichte · Politik · Erinnerungskultur

Warum haben Diktaturen Angst vor Büchern?

Der Bebelplatz in Berlin, die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 und die Frage, warum Freiheit des Denkens niemals selbstverständlich ist.

Bebelplatz in Berlin mit Bücherturm und Buddy Bears, im Hintergrund die Humboldt-Universität
Bebelplatz, Berlin 2006. Bücherturm und Buddy Bears vor der Humboldt-Universität. Foto: Susanne Albers.
1 · Erst hinschauen

Ein ganz normaler Platz?

Menschen gehen vorbei. Kunst steht auf dem Platz. Dahinter eine Universität. Und im Pflaster liegt eine Erinnerung an einen Abend, an dem Bücher öffentlich ins Feuer geworfen wurden.

Bücherturm auf dem Bebelplatz mit Namen von Schriftstellern und Denkern
Schau genau hin: Welche Namen erkennst du auf dem Bücherturm? Warum baut man ausgerechnet einen Turm aus Büchern und Namen?
Gedenktafeln zur Bücherverbrennung auf dem Bebelplatz
Und dann nach unten: Im Pflaster liegen die Tafeln des Denkmals „Bibliothek“ von Micha Ullman. Was verändert sich, wenn Erinnerung nicht auf einem Sockel steht, sondern unter deinen Füßen liegt?
„Das war ein Vorspiel nur; dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“
Heinrich Heine, Almansor (1821) – der Satz steht auf der Gedenktafel am Bebelplatz.

Heine schrieb diesen Satz mehr als hundert Jahre vor 1933. Warum wirkt er auf diesem Platz so erschreckend?

2 · Was geschah hier?

Berlin, Opernplatz, 10. Mai 1933

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Kampagne „Wider den undeutschen Geist“ betrieben. In vielen Universitätsstädten wurden Bücher verfemter Autorinnen und Autoren verbrannt. In Berlin kamen auf dem damaligen Opernplatz – dem heutigen Bebelplatz – wohl mehr als 20.000 Werke von über hundert Autorinnen und Autoren zusammen. Die Berliner Aktion wurde im Radio übertragen, gefilmt und propagandistisch inszeniert.

Historische Aufnahme der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz 1933

Historische Aufnahme: Berlin, Opernplatz, Bücherverbrennung. Bundesarchiv, Bild 102-14597 / Georg Pahl / CC BY-SA 3.0 DE. Das Bild dient der historischen Bildung und Dokumentation.

Was wurde eigentlich angegriffen?

Nicht nur Papier. Angegriffen wurden Gedanken, wissenschaftliche Erkenntnisse, politische Positionen, Lebensentwürfe und die Menschen, die dafür standen.

Auf „Schwarzen Listen“ standen unter anderem Werke jüdischer, sozialistischer, pazifistischer und demokratischer Autorinnen und Autoren.

Denkfrage: Warum reicht es einer Diktatur nicht, jemandem zu widersprechen? Warum will sie bestimmte Stimmen ganz verschwinden lassen?

3 · Die Namen hinter den Büchern

Wer sollte nicht mehr gelesen werden?

Man muss keine hundert Namen auswendig lernen. Es reicht, einige Menschen anzusehen und zu fragen: Was an ihren Gedanken war für eine Diktatur unbequem?

Kurt TucholskyJournalist, Satiriker, Pazifist. Seine Texte griffen Militarismus, Nationalismus, Justiz und politische Heuchelei an.
Zu unserer Tucholsky-Einheit →
Erich Maria RemarqueIm Westen nichts Neues zeigte den Krieg nicht als Heldengeschichte, sondern als Zerstörung von Menschen.
Erich KästnerSeine Bücher wurden verbrannt. Kästner war in Berlin sogar Augenzeuge einer Verbrennung seiner eigenen Werke.
Viele weitereHeinrich Mann, Bertolt Brecht, Sigmund Freud, Alfred Döblin, Walter Benjamin und viele andere standen für Gedanken, die nicht in das nationalsozialistische Weltbild passen sollten.
4 · Denkwerkstatt

Und was hat das mit uns zu tun?

Nicht jede Kritik ist Zensur. Nicht jedes gelöschte Posting ist eine Bücherverbrennung. Gerade deshalb müssen wir genauer denken statt schnell Gleichheitszeichen zu setzen.

Frage 1Kann man einen Gedanken vernichten, indem man ein Buch zerstört?
Frage 2Warum können Schriftsteller, Wissenschaftler oder Künstler für eine Diktatur gefährlicher sein als Menschen mit Waffen?
Frage 3Wo liegt der Unterschied zwischen Kritik, Verbot und Zensur?
Frage 4Was müsste heute passieren, damit du sagst: „Hier wird jemand nicht nur kritisiert – hier soll eine Stimme verschwinden“?

Ein freies Land erkennt man vielleicht nicht daran, dass alle dasselbe sagen dürfen – sondern daran, dass Menschen Unterschiedliches sagen dürfen.

Unterricht · 45 Minuten

Eine Stunde, die mit einem Foto beginnt.

Kein Vorwissen nötig. Alle arbeiten am selben Thema – die Tiefe entsteht durch die Fragen.

0–5 Min.

Nur schauen

Zeige das Bebelplatz-Foto ohne Erklärung.

Was seht ihr? Was könnte dieser Ort mit Büchern zu tun haben?
5–12 Min.

Die Tafeln lesen

Heine-Satz und Inschrift gemeinsam entziffern. Noch nicht sofort erklären.

Was könnte „Vorspiel“ bedeuten? Warum verbindet Heine Bücher und Menschen?
12–20 Min.

Was geschah am 10. Mai 1933?

Knapper historischer Kontext anhand des LeMO-Textes und einer historischen Aufnahme.

20–28 Min.

Ein Name, ein Gedanke

Gruppen wählen Tucholsky, Remarque, Kästner oder einen weiteren Namen. Nicht Biografie pauken – eine Frage beantworten:

Was an diesem Denken könnte eine Diktatur stören?
28–39 Min.

Denkwerkstatt

Diskussion über Bücher, Gedankenfreiheit, Kritik, Zensur und das Recht auf Widerspruch.

39–45 Min.

Ein Satz zum Mitnehmen

Jede Person beendet einen Satz:

„Ein Buch kann für eine Diktatur gefährlich sein, weil …“
oder
„Freiheit des Denkens bedeutet für mich …“
Der Platz heute

Erinnern heißt nicht, dass ein Ort für immer traurig aussehen muss.

Buddy Bears und Bücherturm auf dem Bebelplatz 2006
Bebelplatz 2006: Buddy Bears, Bücherturm, Besucherinnen und Besucher. Foto: Susanne Albers.

Ein Platz kann mehrere Zeiten tragen.

Heute wird auf dem Bebelplatz studiert, gelacht, demonstriert, Kunst gezeigt und erinnert. Das eine löscht das andere nicht aus.

Kann ein Ort gleichzeitig fröhlich sein und an etwas Schreckliches erinnern? Was ist gute Erinnerungskultur?

Zum Schluss

Die Bücher sind verbrannt. Die Gedanken nicht.

Dass wir Tucholsky, Remarque, Kästner, Freud und die anderen heute lesen können, ist selbst eine Antwort auf den Versuch, sie zum Schweigen zu bringen.

Dein SatzWelchen Gedanken würdest du unbedingt retten wollen, wenn jemand ihn verbieten wollte?
Deine FrageWas möchtest du über den 10. Mai 1933 noch wissen?