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Kunst · Renaissance · Wahrnehmung · 90 Minuten

Kannst du einen Fuß zeichnen?

Wir beginnen nicht mit „Aktmalerei“. Wir beginnen mit einem Fuß. Und irgendwann landen wir bei Luca Signorelli, nackten Körpern, verletztem Künstlerstolz und einer ziemlich guten Frage: Wie lernt man eigentlich, einen Menschen wirklich zu sehen?

ab ca. 12 JahrenZeichenübungLuca SignorelliOrvietoKritik & Selbstvertrauen

0–15 Minuten · Erst gucken, dann machen

Gemalter Fuß von Adolph Menzel
Adolph Menzel: Fußstudie, etwa 1850 – der Einstieg aus Susanne Albers’ altem Renaissance-Rätsel.

Sieht doch einfach aus. Oder?

Ein Fuß. Fünf Zehen. Ein bisschen Haut. Was soll daran schwer sein?

Aufgabe: 10 Minuten.
Zieh einen Schuh aus und zeichne deinen eigenen Fuß. Kein Kunstwerk nötig. Nicht schönmachen. Nicht verstecken. Einfach genau hinsehen und versuchen, das aufs Papier zu bekommen.

Danach markierst du auf deiner Zeichnung drei Stellen, an denen du gemerkt hast: „Verdammt, das ist komplizierter, als ich dachte.“

FormPerspektiveZehenKnochenLichtVerkürzung

15–25 Minuten · Jetzt wird es persönlich

Und jetzt kommt jemand und lästert.

„Was soll das denn sein? Das sieht ja völlig bescheuert aus.“

Du hast zehn Minuten ernsthaft hingeschaut. Vielleicht bist du sogar ein bisschen stolz auf deine Zeichnung. Und dann kommt jemand vorbei und macht sie runter.

Kurz reden: Was passiert dann? Wirst du sauer? Zweifelst du sofort an dir? Willst du die Zeichnung verstecken? Oder denkst du: „Nö. Ich weiß, wie schwer das war.“

Hier geht es noch nicht um Kunstgeschichte. Erst einmal geht es um das Gefühl, etwas selbst gemacht zu haben – und darum, was Kritik mit einem macht.

25–35 Minuten · Jetzt erst kommt das Wort

Das Problem heißt: Körper zeichnen.

Und genau hier beginnt Aktmalerei: nicht als „sexy Thema“, sondern als Versuch, den menschlichen Körper in seinen unterschiedlichsten Ansichten glaubwürdig darzustellen.

Du musst verstehen, wo etwas sitzt, wie sich ein Gelenk dreht, wie ein Rücken sich beugt, wie ein Arm nach vorne kürzer wirkt und warum ein Fuß aus einem bestimmten Winkel plötzlich ganz anders aussieht.

Wichtig: Niemand muss hier Genitalien zeichnen. Ein Fuß, eine Hand, ein Unterarm, ein Knie oder der eigene Körper in Kleidung reichen völlig, um das eigentliche Problem zu erleben: Sehen ist schwer.

35–55 Minuten · Luca Signorelli

Und jetzt stell dir davon Hunderte vor.

Im alten Rätsel führt Susanne Albers von Menzels Fuß zu Luca Signorelli. In der Cappella di San Brizio im Dom von Orvieto malte Signorelli um 1499–1504 monumentale Fresken mit einer ungeheuren Menge menschlicher Körper in verschiedensten Haltungen.

Die zentrale Frage für uns lautet nicht: „Warum sind die nackt?“ Sondern:

Wie viele Körper muss ein Künstler gesehen, studiert und gezeichnet haben, um so etwas überhaupt malen zu können?

Die historische Ausgangsseite betont, Signorelli habe für die dargestellten Figuren Aktstudien am lebenden Modell angefertigt. Für die Unterrichtseinheit nehmen wir diese Beobachtung als Ausgangspunkt für die Frage nach Studium, Übung und genauer Wahrnehmung.

Luca Signorelli, Auferstehung der Toten in der Cappella di San Brizio
Luca Signorelli: Auferstehung der Toten, Cappella di San Brizio, Dom von Orvieto.
1
Detail aus Signorellis Fresken
Erst einmal: einzelne Körper. Schon hier wird sichtbar, wie schwierig Haltung, Verkürzung und Bewegung sind.
Noch mehr?
2
Weiteres Detail aus Signorellis Fresken
Dann wird es voller: Körper überlagern sich, drehen sich, knien, stehen, heben.
Und noch mehr.
3
Großes Detail aus Signorellis Fresken
Jetzt wird klar: Das ist kein einzelner Akt. Es ist ein ganzes System aus Körpern in Bewegung.
Und dann der Raum.
4
Innenansicht der Cappella di San Brizio
Plötzlich sieht man die Dimension: Die Bilder sitzen nicht isoliert – sie beherrschen eine ganze Kapelle.

Ganz nebenbei · Wo sind wir eigentlich?

Eine Kapelle als riesige Bildermaschine

Innenansicht der Cappella di San Brizio in Orvieto
Die Cappella di San Brizio: Architektur und Malerei greifen ineinander.

Die Cappella di San Brizio gehört zum Dom von Orvieto. Signorelli arbeitete dort an einem bereits begonnenen Bildprogramm weiter. So kann man ganz nebenbei verstehen, wie Renaissancekunst entstand: große kirchliche Aufträge, mehrere Künstler, jahrelange Arbeit – und ein Raum, der am Ende vollständig von Bildern geprägt wird.

Auf der alten Rätselseite werden vier große Themen genannt: Auferstehung des Fleisches, Antichrist, Verdammte und Auserwählte. Für unsere Stunde bleiben wir aber beim Körper: Wie bekommt ein Maler all diese Haltungen glaubwürdig hin?

55–70 Minuten · Sack Nüsse und Bündel Rettiche

Wenn ein anderer Künstler dein Werk zerlegt

Jetzt kommt die alte Rätselgeschichte zurück. In Susannes ursprünglicher Fassung tritt Leonardo da Vinci als derjenige auf, der Signorellis Körperdarstellungen mit einem „Sack Nüsse“ oder einem „Bündel Rettiche“ vergleicht.

Stell dir vor: Du hast jahrelang Körper studiert – und dann kommt einer und sagt sinngemäß: „Sieht aus wie Gemüse.“

Der entscheidende Punkt der Geschichte ist Signorellis Reaktion: Er soll nicht zusammengebrochen sein, sondern von seiner Arbeit überzeugt geblieben sein und sich Bestätigung bei Michelangelo geholt haben.

Historischer Hinweis für Lehrkräfte

Die Leonardo-/„Sack Nüsse“-Anekdote wird hier ausdrücklich als Geschichte aus Susanne Albers’ ursprünglichem Renaissance-Rätsel verwendet. Wer sie als historische Tatsachenbehauptung im engeren Sinn behandeln möchte, sollte sie zusätzlich quellenkritisch prüfen. Für diese Unterrichtseinheit dient sie vor allem als Ausgangspunkt für die Frage nach Kritik, Selbstvertrauen und Künstlerkonkurrenz.

Diskussion: Wo liegt die Grenze zwischen gesundem Selbstvertrauen und Größenwahn? Darf ein Künstler sagen: „Nein, ich kann das. Meine Arbeit ist gut.“ – auch wenn ein berühmter anderer Künstler lästert?

Vertiefung · Nacktheit, Kirche und Zensur

Darf da ein Penis an der Wand sein?

Spätestens jetzt wird wahrscheinlich jemand fragen: Wenn in einer Kirche so viele nackte Körper gemalt wurden – durfte das einfach so bleiben?

Die Frage ist nicht albern.
Sie führt mitten hinein in Kunstgeschichte, Moral und Macht: Wer entscheidet, wann ein Körper in einem religiösen Raum „zu nackt“ ist?

Der „Höschenmaler“

Berühmt wurde später Daniele da Volterra, der im Umfeld der Moralvorstellungen nach dem Konzil von Trient Teile von Michelangelos Jüngstem Gericht in der Sixtinischen Kapelle mit Tüchern und Bekleidung übermalte. Dafür bekam er den Spitznamen Braghettone – sinngemäß: Hosen- oder Höschenmaler.

Damit wird aus der Schülerfrage „Darf man das zeigen?“ plötzlich eine ernsthafte historische Frage:

Wer darf einem Kunstwerk nachträglich sagen, was es zeigen darf?
KunstfreiheitKircheMoralZensurKörperGeschichte
Kunsthistorisches Bildbeispiel zur Übermalung nackter Figuren
Nacktheit wurde in der Kunstgeschichte nicht immer gleich bewertet. Spätere Übermalungen erzählen deshalb auch etwas über die Moral ihrer Zeit.

Der Höschenmaler als Song

Das Lied ist bewusst satirisch. Es nimmt die historische Idee der nachträglichen „Verhüllung“ auf und überspitzt sie.

Liedtext anzeigen

[Strophe 1]
Mit Pinselstrichen zaghaft zart
Steh ich im Dom beim großen Bart
Der Vatikan hat’s mir befohlen
Muss all die Blöße fein verstehlen
Die Engelsflügel, der Heiligenschein
Wo einst die Nacktheit, setzt 'nen Schleier ein

[Refrain]
Höschenmaler, ich penn dich an
Lack' und Tempera in meiner Hand
Göttlich lächelt Michelangelo tot
Das Lachen hallt durch den historischen Kot

[Strophe 2]
Verboten Früchte, Sünde pur
Schlupf durch die Zeitalter nur
Ich male Höschen, lustig fein
Die Blöße wird stets darunter schreien
Von Volterra bis ins 19
Jahrhundert
Der Vatikan den Skandal verhindert

[Refrain]
Höschenmaler, ich penn dich an
Lack' und Tempera in meiner Hand
Göttlich lächelt Michelangelo tot
Das Lachen hallt durch den historischen Kot

[Bridge]
Michelangelo dreht sich wild
Im Grab, er tobt, ganz ungezielt
Doch ich hab' Spaß, die Kunst verzieht
So bleibt der gute Ruf, der nie versiegt

[Refrain]
Höschenmaler, ich penn dich an
Lack' und Tempera in meiner Hand
Göttlich lächelt Michelangelo tot
Das Lachen hallt durch den historischen Kot

Diskussion: Wenn ein späterer Auftraggeber oder eine Institution ein Kunstwerk verändert, um es „anständiger“ zu machen – ist das Schutz, Zensur, Restaurierung oder ein neues Kunstwerk?

70–85 Minuten · Noch einmal zeichnen

Der zweite Fuß sieht plötzlich anders aus.

Noch einmal 10 Minuten: Zeichne denselben Fuß oder diesmal deine Hand. Aber jetzt beobachte vorher 30 Sekunden lang ganz bewusst: Wo sind die großen Formen? Wo knickt etwas? Wo liegt Licht? Was steht wirklich vor was?

Lege anschließend beide Zeichnungen nebeneinander. Es geht nicht darum, welche „schöner“ ist. Die Frage lautet:

Was sehe ich jetzt, was ich vor 90 Minuten noch nicht gesehen habe?

85–90 Minuten · Schluss

Was war heute eigentlich das Thema?

Aktmalerei? Renaissance? Luca Signorelli? Kritik? Vielleicht alles zusammen. Aber der Kern ist einfacher:

Ein Künstler muss einen Menschen erst wirklich sehen, bevor er ihn zeichnen kann.

Und manchmal muss man etwas selbst versucht haben, bevor man versteht, warum eine fremde Leistung außergewöhnlich ist.

90-Minuten-Ablauf für Lehrkräfte

0–15
Menzels Fuß + eigene Zeichnung. Ohne Vorwissen starten.
15–25
Kritik erleben. Was macht ein abwertender Kommentar mit mir?
25–35
Begriff öffnen: Aktmalerei als Körperstudium, nicht als Sexualisierung.
35–52
Signorelli und Orvieto. Die Fresken Bild für Bild steigern – bis die ganze Kapelle sichtbar wird.
52–64
Leonardo-Anekdote. Künstlerstolz, Konkurrenz, Kritik.
64–74
Höschenmaler. Genitalien, Kirche, Moral, Übermalung und Kunstfreiheit. Song optional.
74–86
Zweiter Zeichenversuch. Bewusster sehen.
86–90
Vergleich und Schlussfrage. Was sehe ich jetzt anders?