Mona Lisa
Entschuldigt mal bitte. Da kündigt man großspurig den Vitruvianischen Mann an – und natürlich soll wieder ein Kerl der Maßstab aller Dinge sein. Das sehen wir gar nicht ein.
Der erwartete Klassiker
Ja, ja. Wieder ein Mann im Kreis und Quadrat. Haben wir gesehen.
Maß, Körper und Frauenwiderspruch
Von wegen. Unsere Frauenredaktion präsentiert lieber die Vitruvianische Frau – und erklärt daran trotzdem Leonardos ganze Proportionsgeschichte.
Mona Lisa
Entschuldigt mal bitte. Da kündigt man großspurig den Vitruvianischen Mann an – und natürlich soll wieder ein Kerl der Maßstab aller Dinge sein. Das sehen wir gar nicht ein.
Ginevra de’ Benci
Wieder dieselbe alte Geschichte: Ein Mann spreizt Arme und Beine – und zack, schon soll er die Weltordnung verkörpern.
Cecilia Gallerani
Nein, wirklich. Sehr nett gezeichnet, Leo. Aber wir haben beschlossen: Wenn hier Proportionen erklärt werden, dann bitte einmal an einer vitruvianischen Frau.
Leonardo
Ich möchte nur anmerken, dass die Zeichnung ein theoretisches Maßschema darstellt und keine persönliche Bevorzugung des männlichen Körpers.
Madonna mit der Nelke
Hab dich mal nicht so, Leo. Heute sind wir dran.
Die Frauenredaktion schlägt zurück
Also gut: Der historische Ausgangspunkt bleibt Leonardos Vitruvianischer Mann. Aber weil wir hier eine Frauenredaktion sind, zeigen wir euch unsere Antwort gleich in groß. Die Vitruvianische Frau übernimmt das Feld – und an ihr lässt sich alles erklären, worum es Leonardos Zeichnung eigentlich geht: Maß, Ordnung, Geometrie und das Verhältnis der Körperteile zueinander.
Der Witz an der Sache ist: Für die inhaltliche Erklärung ändert sich erstaunlich wenig. Ob Mann oder Frau – entscheidend ist die Idee, dass der menschliche Körper in Beziehungen gedacht werden kann. Hände, Füße, Kopf, Nabel, Armspannweite und Körperhöhe stehen nicht zufällig nebeneinander, sondern lassen sich als System von Proportionen untersuchen.
Madonna Litta
Siehst du? Plötzlich ist das Thema viel sympathischer. Kaum steht eine Frau im Kreis, hat die Geometrie gleich bessere Umgangsformen.
Proportionen
Leonardos Proportionslehre untersucht den Körper als geordnetes Ganzes. Einzelne Teile – etwa Kopf, Gesicht, Hand, Fuß oder die Spannweite der Arme – werden auf die Gesamthöhe des Körpers bezogen. So entsteht kein bloßes Abbild, sondern ein System von Maßverhältnissen.
Genau das zeigt auch unsere Vitruvianische Frau: Sie ist nicht einfach ein dekoratives Gegenbild, sondern trägt denselben Gedanken. Der Körper wird vermessen, verglichen und als zusammenhängende Struktur begriffen. Das ist der Kern des Blattes.
Wichtig ist dabei: Es handelt sich um ein Ideal und um eine Untersuchung, nicht um eine Norm, an der jeder wirkliche Mensch scheitern müsste. Leonardo fragt, wie Ordnung sichtbar wird – nicht, wie man Menschen gegeneinander abwertet.
Felsengrottenmadonna
Sehr gut. Sonst kommen am Ende noch irgendwelche Leute und verlangen, wir müssten alle gleichzeitig in Kreis, Quadrat und Gesellschaftserwartungen passen.
Benois-Madonna
Mit Kind auf dem Arm, Blume in der Hand und Heiligkeitsauftrag wird das ohnehin schwierig.
Kreis und Quadrat
Die berühmte Pointe des Vitruv-Blattes liegt darin, dass der Körper zugleich in ein Quadrat und in einen Kreis eingeschrieben ist. Diese beiden Formen stehen nicht einfach nur hübsch um die Figur herum, sondern ordnen die Körperstellungen unterschiedlich.
Das Quadrat verweist auf Stand, Maß und eine irdische, gebaute Ordnung. Der Kreis öffnet eine umfassendere, freiere Form. Beides zusammen macht den menschlichen Körper zu einer Schnittstelle von Naturbeobachtung und Geometrie.
Unsere Vitruvianische Frau zeigt dasselbe Prinzip: Der Körper wird nicht starr in eine Formel gezwungen, sondern so dargestellt, dass mehrere Haltungen und mehrere Ordnungen zugleich sichtbar werden.
Madonna mit der Spindel
Also zusammengefasst: Kreis, Quadrat, Proportionen, Maßverhältnisse – nur diesmal ohne den Reflex, sofort wieder einen Mann zum Mittelpunkt der Welt zu erklären.
Leonardo
Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben: Die Gegenprobe hat didaktischen Reiz.
Mona Lisa
Siehst du. Man kann also sogar einem Universalgenie noch etwas beibringen.
Bedeutung
Hinter der frechen Inszenierung bleibt das Thema ernst. Der Vitruvianische Mann gehört zu den zentralen Blättern Leonardos, weil sich in ihm Zeichnung, Anatomie, Mathematik, antike Theorie und Naturbeobachtung bündeln.
Gerade deshalb durfte er auf unserer Leonardo-Homepage nicht fehlen. Aber wir wollten ihn nicht einfach ehrfürchtig wiederholen, sondern in unser eigenes Konzept überführen. Also zeigen wir erst den historischen Anlass klein – und dann unsere Antwort groß.
Cecilia Gallerani
Damit wäre das geklärt: Leonardo erfand den berühmten Vitruvianischen Mann – und wir haben ihm eine vitruvianische Frau entgegengesetzt. Nicht aus Bosheit. Nur aus Notwendigkeit.
Ginevra de’ Benci
Na ja. Ein kleines bisschen auch aus Bosheit.