Leonardo da Vincis Porträt der Ginevra de’ Benci

Leonardos Frauenporträts

Ginevra de’ Benci

Ein Gesicht, das nicht lächeln muss, um gegenwärtig zu sein.

Ginevra de’ Benci

Bevor jemand fragt: Nein, ich bin nicht schlecht gelaunt. Ich sitze nur nicht hier, um euch zu gefallen. Und ich lächle auch nicht auf Bestellung.

Das Porträt

Eine junge Florentinerin – und ein junger Leonardo

Leonardo malte Ginevra de’ Benci wahrscheinlich zwischen 1474 und 1478. Er selbst war damals noch ein junger Künstler am Beginn seiner Laufbahn. Das Bild entstand also lange vor der Mona Lisa. Gerade deshalb ist es so spannend: Viele Eigenschaften, die später berühmt werden sollten, sind hier bereits angelegt – die weichen Übergänge, die genaue Beobachtung des Gesichts und die Verbindung von Figur und Landschaft.

Ginevra stammte aus einer angesehenen Florentiner Bankiersfamilie. Das Porträt wird häufig mit ihrer Heirat mit Luigi Niccolini im Jahr 1474 in Verbindung gebracht. Sie erscheint nicht im strengen Profil, wie es bei weiblichen Porträts der italienischen Renaissance lange üblich war. Leonardo dreht sie leicht zum Betrachter. Dadurch bekommt sie mehr räumliche Präsenz und wirkt nicht wie ein flaches Zeichen gesellschaftlichen Ranges.

Ihr Blick ist zurückhaltend, aber nicht leer. Der Mund bleibt geschlossen, die Stirn ruhig, die Haltung kontrolliert. Leonardo macht aus dieser Ruhe keine Schwäche. Im Gegenteil: Ginevra wirkt geistig anwesend. Das Bild fordert den Betrachter auf, länger hinzusehen, ohne ihm eine eindeutige Geschichte zu liefern.

Leonardo

Ich habe ihr keine fertige Stimmung aufgezwungen. Ein Gesicht darf mehr enthalten, als es auf den ersten Blick verrät.

Porträt von Leonardo da Vinci
Ginevra de’ Benci

Ginevra

Das ist ordentlich formuliert. Ich hätte es fast selbst so gesagt.

Madonna mit der Nelke

Madonna mit der Nelke

Nun werd bloß nicht übermütig. Nur weil du die erste Porträtseite bekommst, bist du noch lange nicht Leonardos Königin.

Ginevra de’ Benci

Ginevra

Keine Sorge. Königinnen brauchen gewöhnlich keine Nelke, damit man sie erkennt.

Der Wacholder

Ein Wortspiel wächst hinter ihrem Kopf

Hinter Ginevra breitet sich ein dunkler Wacholderbusch aus. Das ist kein zufälliger Hintergrund. Das italienische Wort für Wacholder lautet ginepro und spielt damit auf ihren Namen an. Leonardo verbindet die dargestellte Person also mit einer Pflanze, die zugleich Naturmotiv, Namenszeichen und bildnerischer Rahmen ist.

Die spitzen, dichten Zweige bilden einen dunklen Kontrast zu Ginevras heller Haut und ihrem fein gelockten Haar. Der Busch wirkt beinahe wie ein grüner, unruhiger Heiligenschein – allerdings ohne religiöse Bedeutung. Er hält die Figur optisch zusammen und trennt ihr Gesicht zugleich von der fernen Landschaft.

Rechts und links hinter dem Wacholder öffnet sich der Blick auf Wasser, Bäume und eine neblige Ferne. Diese Landschaft ist nicht bloß Dekoration. Sie erweitert den Bildraum und schafft eine Atmosphäre, in der Nähe und Entfernung, Klarheit und Unbestimmtheit gleichzeitig anwesend sind.

Ginevra de’ Benci

Ginevra

Seit Jahrhunderten erklärt man mir diesen Wacholder. Ich habe inzwischen verstanden, dass er auf meinen Namen anspielt.

Leonardo

Ein gutes Bild darf seine Gedanken ruhig mehrfach äußern.

Porträt von Leonardo da Vinci
Felsgrottenmadonna

Felsgrottenmadonna

Ein Busch hinter dem Kopf, und schon wird seit Jahrhunderten darüber gesprochen. Versuch das einmal mit einer ganzen Felslandschaft.

Ginevra de’ Benci

Ginevra

Bei dir weiß man wenigstens sofort, woher der Name kommt.

Die Rückseite

„Schönheit schmückt die Tugend“

Das Gemälde ist beidseitig bemalt. Auf der Rückseite befindet sich ein emblematisches Bild aus Wacholder, Lorbeer und Palmzweig. Ein Schriftband trägt die lateinischen Worte VIRTUTEM FORMA DECORAT – sinngemäß: „Schönheit schmückt die Tugend“.

Die Rückseite ergänzt das sichtbare Porträt um eine Aussage über Ginevras inneren Charakter. Der Wacholder verweist erneut auf ihren Namen; Lorbeer und Palme wurden mit geistiger und moralischer Auszeichnung verbunden. So entsteht ein Doppelbild: vorn die Person, hinten ein Zeichenprogramm aus Pflanzen und Worten.

Das ist wichtig, weil Renaissanceporträts nicht nur das Aussehen eines Menschen festhalten sollten. Sie konnten zugleich gesellschaftliche Stellung, Tugend, Bildung und Selbstverständnis vermitteln. Bei Ginevra wird die äußere Erscheinung ausdrücklich mit innerem Wert verbunden.

Ginevra de’ Benci

Ginevra

Endlich. Nicht nur Gesicht und Frisur, sondern Verstand und Charakter. Das hätte ruhig auf der Vorderseite stehen dürfen.

Madonna Litta

Madonna Litta

Du hast sogar eine bemalte Rückseite. Andere von uns müssen mit einer einzigen Vorderseite auskommen und dabei noch ein Kind beschäftigen.

Ginevra de’ Benci

Ginevra

Dann ist es ja gut, dass du multitaskingfähig bist.

Ein beschädigtes Bild

Was unterhalb des heutigen Bildrandes fehlt

Die Tafel wurde irgendwann an ihrem unteren Rand beschnitten. Deshalb sehen wir Ginevra heute nur bis knapp unterhalb der Schultern. Es wird angenommen, dass ursprünglich mehr von ihrem Oberkörper und möglicherweise auch ihre Hände zu sehen waren.

Diese Vermutung ist kunsthistorisch besonders reizvoll, weil Hände später in Leonardos Porträts eine bedeutende Rolle spielen. Bei der Mona Lisa tragen sie wesentlich zur ruhigen Geschlossenheit der Figur bei. In Ginevras Bild fehlt uns gerade jener Bereich, in dem Leonardo Haltung und Persönlichkeit möglicherweise weiter entfaltet hatte.

Leonardo

Für das spätere Beschneiden meiner Tafel übernehme ich keine Verantwortung.

Porträt von Leonardo da Vinci
Ginevra de’ Benci

Ginevra

Ausnahmsweise ist das glaubhaft.

Cecilia Gallerani

Cecilia Gallerani

Werd bloß nicht zu frech. Du bist hier zwar die Gastgeberin, aber wir hören alles mit.

Ginevra de’ Benci

Ginevra

Das Hermelin vermutlich auch.

Die Wirkung

Keine Mona Lisa im Frühstadium

Es wäre zu einfach, Ginevra nur als Vorstufe zur Mona Lisa zu betrachten. Natürlich lassen sich Entwicklungen erkennen: die psychologische Präsenz, die Landschaft, die weichen Übergänge und die Abkehr vom starren Profil. Dennoch besitzt dieses Bild eine eigene Haltung.

Ginevras Wirkung ist kühler, direkter und verschlossener. Ihre Individualität entsteht nicht durch ein berühmtes Lächeln, sondern durch kontrollierte Ruhe. Gerade darin liegt die Modernität des Porträts. Leonardo macht keine gefällige Idealfigur aus ihr. Er gibt ihr eine Gegenwart, die sich dem schnellen Urteil entzieht.

Heute befindet sich das Gemälde in der National Gallery of Art in Washington. Es ist das einzige Gemälde Leonardos in Amerika und gehört zu den seltenen erhaltenen Frauenporträts des Künstlers.

Ginevra de’ Benci

Ginevra

Damit wäre geklärt: Ich bin nicht bloß die ernste Frau vor einem Busch. Ich bin ein frühes Experiment Leonardos – und ein Bild mit eigener Stimme. Wer damit ein Problem hat, darf gern die nächste Seite übernehmen.

Cecilia Gallerani

Cecilia Gallerani

Sehr gern. Und auf meiner Seite reden wir dann darüber, wer hier wirklich die eleganteste Drehung des Oberkörpers hat.

Leonardo

Ich sehe schon: Die kunsthistorische Sachlichkeit bleibt erhalten. Der Frieden offenbar nicht.

Porträt von Leonardo da Vinci