Leonardo da Vincis Porträt der Cecilia Gallerani mit einem Hermelin

Leonardos Frauenporträts

Cecilia Gallerani

Endlich mehr als „die Dame mit dem Hermelin“.

Cecilia Gallerani

Ich heiße Cecilia Gallerani. Endlich steht mein Name da und nicht nur dieses ewige Hermelin.

Madonna mit der Nelke

Madonna mit der Nelke

Na großartig. Jetzt wissen wir also auch noch deinen Namen.

Cecilia Gallerani

Cecilia

Lass mich doch. Das ist wichtiger, als immer nur nach dem Tier benannt zu werden.

Madonna mit der Nelke

Madonna mit der Nelke

Dann pass wenigstens auf, dass es dir nicht in die Nase beißt.

Die Dargestellte

Eine junge Frau am Mailänder Hof

Leonardo malte Cecilia Gallerani um 1490 in Mailand. Sie war damals ungefähr sechzehn oder siebzehn Jahre alt und gehörte zum Umfeld Ludovico Sforzas. Cecilia war nicht nur wegen ihrer Schönheit bekannt. Zeitgenössische Quellen beschreiben sie als gebildet, sprachgewandt und kulturell interessiert. Sie dichtete selbst und galt als gelehrte Frau, als donna docta.

Genau das ist für das Verständnis des Porträts wichtig. Leonardo zeigt keine bloße höfische Schönheit, die still und dekorativ vor einem neutralen Hintergrund sitzt. Cecilia wirkt aufmerksam, geistig wach und in einen Augenblick lebendiger Reaktion versetzt. Ihr Blick geht aus dem Bild heraus, als hätte sie soeben jemanden bemerkt oder als würde sie auf eine Stimme außerhalb unseres Sichtfeldes antworten.

Sie war zeitweise die Geliebte Ludovico Sforzas und brachte 1491 seinen Sohn Cesare zur Welt. Ludovico heiratete im selben Jahr Beatrice d’Este. Cecilia verließ daraufhin den unmittelbaren Hofkreis und heiratete später Graf Ludovico Carminati de’ Brambilla, genannt Bergamino.

Ginevra de’ Benci

Ginevra de’ Benci

Gebildet, sprachgewandt, dichterisch begabt – und dann noch dieses weiße Tier auf dem Arm. Du hast dir wirklich das komplette Werbepaket gesichert.

Cecilia Gallerani

Cecilia

Immerhin brauche ich keinen Wacholderbusch hinter dem Kopf, damit man sich meinen Namen merkt.

Leonardo

Ich möchte darauf hinweisen, dass auch mein Porträt erheblich zur Quellenlage beigetragen hat.

Porträt von Leonardo da Vinci

Die Bewegung

Ein Porträt dreht sich aus der Ruhe heraus

Cecilias Körper ist in eine andere Richtung gedreht als ihr Kopf. Diese gegenläufige Bewegung macht das Bild außergewöhnlich lebendig. Sie sitzt nicht frontal und nicht streng im Profil. Ihr Oberkörper wendet sich leicht, während Gesicht und Blick nach rechts ausweichen. Dadurch entsteht der Eindruck eines flüchtigen Augenblicks.

Leonardos genaue Kenntnis von Anatomie und Körperhaltung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Schulter, Hals, Kopf und Hände bilden keine voneinander getrennten Teile, sondern eine zusammenhängende Bewegung. Selbst das Hermelin folgt dieser Drehung. Tier und Frau schauen in dieselbe Richtung und reagieren beinahe wie zwei Figuren in einem stillen Gespräch.

Licht modelliert Cecilias Gesicht und Hände plastisch aus dem dunklen Grund heraus. Der Hintergrund wurde später überarbeitet; ursprünglich war er nicht einfach gleichmäßig schwarz, sondern stärker durch Licht abgestuft. Trotzdem bleibt die Wirkung eindrucksvoll: Cecilia tritt aus dem Dunkel hervor, ohne scharf von ihm abgeschnitten zu sein.

Felsgrottenmadonna

Felsgrottenmadonna

Du drehst einmal den Kopf nach rechts, und alle nennen es revolutionär. Bei mir sitzen vier Figuren zwischen Felsen, Wasser und Händen, die in alle Richtungen zeigen.

Cecilia Gallerani

Cecilia

Dafür braucht man bei dir einen Lageplan. Bei mir genügt ein Blick.

Madonna mit der Nelke

Madonna mit der Nelke

Und du hast beide Hände frei. Versuch dich einmal elegant zu drehen, während ein Kind an deinem Kleid zieht.

Das Hermelin

Tier, Symbol und höfische Anspielung

Das weiße Tier ist weit mehr als ein ungewöhnliches Accessoire. Ludovico Sforza hatte 1488 den Orden des Hermelins erhalten und trug den Beinamen Ermellino Bianco, „weißes Hermelin“. Das Tier kann daher als Anspielung auf ihn und auf Cecilias Verbindung zu ihm verstanden werden.

Zugleich galt das Hermelin als Symbol von Reinheit und Mäßigung. Leonardo gestaltet es allerdings nicht wie ein starres Wappentier. Sein Körper ist kräftig, angespannt und aufmerksam. Die übergroße Vorderpfote ruht auf Cecilias Arm, während sich der lange Körper parallel zu ihrer eigenen Bewegung dreht. Das Tier besitzt beinahe ebenso viel psychologische Präsenz wie die Porträtierte.

Gerade daraus entsteht der berühmte Doppelcharakter des Bildes: Wir sehen eine konkrete junge Frau mit einem lebendigen Tier, und zugleich lesen wir ein höfisches Zeichensystem aus Namen, Beziehungen und Tugendvorstellungen.

Cecilia Gallerani

Cecilia

Also gut: Das Hermelin darf bleiben. Es hält still, schaut in dieselbe Richtung wie ich und hat mehr Haltung als manche Leute am Hof.

Madonna Litta

Madonna Litta

Sei froh. Mein Begleiter zappelt, trinkt und greift überall hin. Deiner liegt wenigstens dekorativ auf dem Arm.

Cecilia Gallerani

Cecilia

Dekorativ? Schau dir diese Pfote an. Das Tier nimmt mehr Platz ein als Leonardos Bescheidenheit.

Madonna mit der Spindel

Madonna mit der Spindel

Immerhin ist es weich. Ich muss seit Jahrhunderten mit einem spitzen Holzgerät posieren.

Hände und Stoffe

Eleganz ohne höfische Starrheit

Cecilias lange, fein modellierte Hand liegt auf dem Rücken des Tieres. Sie beherrscht die Szene, ohne das Hermelin sichtbar festzuhalten. Die Finger folgen der Bewegung des Fells; Haut, Stoff und Tierkörper werden durch unterschiedliche Oberflächenwirkungen voneinander abgesetzt.

Ihre Kleidung ist kostbar, aber nicht überladen. Das Haar ist eng am Kopf gebunden und von einem feinen Schleier gehalten. Eine dunkle Halskette läuft über das helle Dekolleté und verstärkt die klare Ordnung der Komposition. Leonardo verwendet Schmuck und Mode nicht, um die Person hinter höfischer Pracht verschwinden zu lassen. Alles bleibt auf Cecilias Gesicht, Hände und Bewegung bezogen.

Ginevra de’ Benci

Ginevra

Hände, Schleier, Halskette, Tier – und mir haben sie sogar den unteren Bildrand abgeschnitten. Das nenne ich ungleiche Ausstattung.

Cecilia Gallerani

Cecilia

Dafür hast du diese Locken. Meine Frisur ist so festgezurrt, dass ich seit 1490 Kopfschmerzen habe.

Madonna mit der Nelke

Madonna mit der Nelke

Nun heult nicht herum. Eine verwelkte Blume kann ja wohl jeder in der Hand halten – und trotzdem heißt die ganze Seite nach ihr.

Felsgrottenmadonna

Felsgrottenmadonna

Nur damit das klar ist: Ich bin hier die Einzige mit Heiligenschein. Irgendjemand muss in dieser Runde schließlich offiziell zuständig sein.

Madonna mit der Nelke

Madonna mit der Nelke

Offiziell zuständig? Du sitzt in einer dunklen Grotte und tust so, als wäre das eine Beförderung.

Die Bildgeschichte

Von Italien nach Krakau – und lange falsch benannt

Das Gemälde wurde um 1800 in Italien von Adam Jerzy Czartoryski erworben und gelangte in die Sammlung seiner Mutter Izabela Czartoryska. Seit 1809 wurde es in Puławy gezeigt. Damals hielt man die Dargestellte irrtümlich für die sogenannte La Belle Ferronnière. Auf diese alte Verwechslung geht die später hinzugefügte Inschrift in der rechten oberen Ecke zurück.

Heute gehört das Bild zur Sammlung des Nationalmuseums in Krakau und wird im Fürsten-Czartoryski-Museum gezeigt. Es ist das einzige Gemälde Leonardos in einer polnischen Sammlung und zählt zu den wenigen erhaltenen Porträts des Künstlers.

Die wechselvolle Geschichte hat Spuren hinterlassen, doch die unmittelbare Wirkung des Bildes ist geblieben. Cecilia erscheint nicht wie eine ferne historische Figur, sondern wie jemand, der eben erst den Kopf gedreht hat – und im nächsten Moment etwas sagen könnte.

Cecilia Gallerani

Cecilia

Damit wäre das geklärt: Ich bin Cecilia Gallerani, Dichterin, gebildete Hofdame und Leonardos eleganteste Drehung. Das Hermelin ist mein Mitarbeiter.

Ginevra de’ Benci

Ginevra

„Eleganteste Drehung“ hast du dir gerade selbst verliehen. Dein Tier schaut übrigens genauso eingebildet.

Cecilia Gallerani

Cecilia

Man muss nicht auf jeden Titel warten, bis die Kunstgeschichte ihn endlich begreift.

Leonardo

Ich habe den Eindruck, meine Porträts führen inzwischen eine eigene Personalabteilung.

Porträt von Leonardo da Vinci