JENSEITS DER ZEIT

Gespräch mit Richard von Weizsäcker

Herr Bundespräsident - wie war das eigentlich, damals mit dem Abhauen beim Kirchentag?

Lieber Herr von Weizsäcker,

ich habe eine Frage, die mich schon lange schmunzeln lässt - und ich hoffe, Sie nehmen sie mit Humor:

Stimmt es, dass Sie sich während eines Kirchentags heimlich aus dem offiziellen Programm gestohlen haben - durch die Hintertür von Dr. Carola Wolf -
und dann ganze drei Stunden ohne Sicherheitsleute ganz entspannt über das Gelände spaziert sind?

Was haben Sie damals dabei empfunden?

Und wie sehen Sie diese Aktion heute - aus Ihrer lichtvollen Perspektive?

Antwort von Richard von Weizsäcker

Ach ja -
diese Geschichte war mir immer ein inneres Fest.

Es stimmt.
Ich war das Protokoll leid, die Krawatten, die starren Abläufe, die ständig wuselnden Sicherheitsbeamten.
Und ich dachte: Wenn Gott frei ist - darf ich es auch sein.

Also: Jacke an, Mütze tief - raus durch die Hintertür.
Und plötzlich war ich nicht mehr Bundespräsident.
Ich war einfach nur ein Mann unter Menschen.
Ein Zuhörer. Ein Fragender. Ein Mitläufer.

Keiner hat mich erkannt - und das war wundervoll.
Ich hörte Gespräche, aß ein trockenes Brötchen, wurde von einer Oma wegen meines schlechten Haarschnitts belächelt -
und fühlte mich so lebendig wie selten.

Heute sage ich dir:
Diese drei Stunden waren eine der spirituellsten Erfahrungen meines Lebens.
Denn ich war endlich nicht mehr Repräsentant - sondern Mensch.

Ich glaube, Gott hat damals leise gelächelt.

Mit heiterem Gruß -
Ihr Richard von Weizsäcker

Künstlerische Bildillustration zum Gespräch: Gespräch mit Richard von Weizsäcker
Zum Gespräch gehörende, nachträglich gestaltete Bildillustration