Liebe & Begehren
Boccaccio behandelt sie als reale Kräfte im menschlichen Leben – nicht nur als moralisches Problem.
1348 wütet die Pest in Florenz. Sieben junge Frauen und drei junge Männer verlassen die Stadt. Auf dem Land bauen sie sich für kurze Zeit eine eigene Ordnung – und erzählen. Hundert Geschichten über Liebe, Klugheit, Täuschung, Glück, Sex, Geld, Religion und menschliche Schwächen.
Leitfrage: Warum erzählen Menschen Geschichten, wenn draußen die Welt auseinanderfällt?


Wer erzählt? Wer hört zu? Was macht das Instrument dort? Welche Stimmung hat die Szene?
Dann nur eine Frage: Warum könnte eine so ruhige Gartenszene zu einem Buch gehören, das mit einer tödlichen Pest beginnt?
Noch nichts auflösen. Das Bild soll nur die Tür öffnen: Draußen herrscht eine Katastrophe – hier drinnen entsteht Gemeinschaft.
1348 wütet die Pest in Florenz. Sieben junge Frauen und drei junge Männer verlassen die Stadt und ziehen auf Landgüter. Dort geben sie ihrem Alltag eine neue Form: essen, ruhen, musizieren, spazieren – und erzählen.
Krankheit, Tod und Angst verändern den Alltag. Vertraute Regeln und Bindungen geraten unter Druck.
Die Gruppe organisiert sich selbst. An zehn Erzähltagen erzählt jede Person jeweils eine Geschichte. So entstehen hundert Novellen.
Die Pest erklärt den Rahmen. Aber das Decameron selbst erzählt vom Leben: von Liebe, Witz, Betrug, Geld, Macht, Religion, Glück und menschlicher Dummheit.
Die Stunde braucht keinen Gesprächsmarathon. Das Bild und das Lied öffnen den Zugang – der Schwerpunkt liegt auf einer echten Novelle.
Bild ansehen, Beobachtungen sammeln, eine Frage stehen lassen: Warum sitzen diese Menschen so ruhig zusammen, wenn der Rahmen des Buches eine Pestkatastrophe ist?
Kurz erklären: sieben Frauen, drei Männer, Rückzug aufs Land, zehn Erzähltage, hundert Novellen. Mehr historische Vorrede braucht es an dieser Stelle nicht.
Video ansehen. Danach zwei Minuten sammeln: Welche Seite des Buches stellt das Lied in den Vordergrund? Anschließend nur knapp klären, dass Lust und Liebe dazugehören, das Werk aber wesentlich breiter ist.
Die Novelle wird vollständig gelesen – still, abschnittsweise oder mit verteilten Rollen. Die Klasse soll zunächst einfach verstehen, was passiert.
Die Klasse sucht selbst: Liebe und Begehren, gesellschaftliche Regeln, Doppelmoral, Schlagfertigkeit, Witz, Macht – und eine Figur, die sich mit Sprache aus einer gefährlichen Lage rettet.
„Boccaccio erzählt vom Leben, obwohl sein Buch mit dem Tod beginnt.“ Zustimmung oder Widerspruch in einem Satz.
Das Lied ist eine moderne, bewusst sinnliche Tür ins Werk. Es erklärt das Decameron nicht vollständig – aber es macht sofort spürbar, dass diese Geschichten dem Tod Lebenslust entgegensetzen.
Nach dem Hören genügt eine Gegenfrage: Wenn das Lied vor allem Leidenschaft, Lust und heimliche Romanzen zeigt – was müsste eine zweite Strophe ergänzen, damit Boccaccio vollständiger sichtbar wird?
Jetzt wird nicht mehr über das Decameron geredet – jetzt wird Boccaccio gelesen. Die Geschichte von Madonna Filippa gehört im vollständigen Werk zum sechsten Tag, siebte Novelle. Die folgende schulische Lesefassung beruht auf einer gemeinfreien historischen deutschen Bearbeitung. Sprache und Rechtschreibung wurden für heutige Schülerinnen und Schüler behutsam geglättet; Handlung und Pointe bleiben erhalten.
Madonna Filippa
In der Stadt Prato hatte man vor Zeiten ein Gesetz, das ebenso streng als ungerecht jede Frau, die von ihrem Ehemann im Ehebruch mit einem Geliebten betroffen wurde, ebenso zu dem grausamen Tod auf dem Scheiterhaufen verdammte wie eine Frau, die sich aus Gewinnsucht jedem für Geld überließ. Als dieses Gesetz noch in Kraft war, begab es sich, dass eine schöne, adlige und sehr verliebte Dame, Madonna Filippa, von ihrem Gemahl Rinaldo Pugliesi eines Nachts in ihrem eigenen Zimmer in den Armen des Lazarino Guazzaglio, eines schönen und edlen Jünglings ihrer Nachbarschaft, den sie zärtlich liebte, überrascht wurde. Rinaldo war so aufgebracht, dass er sich kaum enthalten konnte, auf sie zuzustürzen und sie beide auf der Stelle ums Leben zu bringen; er hätte sie auch gewiss nicht verschont, wenn ihn nicht die Besorgnis um sein eigenes Leben abgehalten hätte, dem ersten Antrieb seines Zorns zu folgen. Allein obwohl er seine erste Hitze unterdrückte, so konnte er es doch nicht über sich gewinnen, auf das Gesetz von Prato Verzicht zu leisten, welches seiner Gemahlin den Tod bestimmte, den er ihr nicht mit eigener Hand geben durfte. Da er nun genügend Beweise für ihr Vergehen hatte, trug er kein Bedenken, sie am folgenden Morgen zu verklagen und sie vor Gericht zu bringen. Die Dame, mutig und entschlossen, ließ sich durch alle ihre Freunde und Verwandten nicht abhalten, vor Gericht zu erscheinen und lieber mit einem offenen Bekenntnis der Wahrheit in den Tod zu gehen, als durch eine feige Flucht sich einer entehrenden Verbannung auszusetzen und sich dadurch des jungen Mannes, den sie liebte, unwürdig zu zeigen. Als sie demnach in Begleitung vieler Herren und Damen, die ihr noch immer rieten, alles zu leugnen, vor dem Richter erschien, fragte sie mit ruhigem Blick und fester Stimme, warum sie vorgeladen sei.
Der Richter, gerührt von ihrer großen Schönheit, von ihrem edlen Anstand und von dem festen Mut, den sie in ihrer Rede zeigte, hatte Mitleid mit ihr und wünschte, dass sie nicht ein Bekenntnis ablegen möchte, das ihn um seiner eigenen Pflicht und Ehre willen nötigte, sie zum Tode zu verurteilen. Weil er jedoch nicht vermeiden konnte, sie wegen der Anklage zu befragen, so sprach er:
"Madonna, Ihr seht hier Euren Gemahl Rinaldo, der sich beklagt, dass er Euch mit einem anderen Mann im Ehebruch betroffen habe, und verlangt, dass ich Euch deswegen nach dem geltenden Gesetz zum Tode verurteilen soll. Dieses kann aber nicht geschehen, wenn Ihr Euch nicht selbst schuldig bekennt. Überlegt demnach wohl, was Ihr antwortet, und sagt mir, ob das wahr sei, was Euer Gemahl Euch vorwirft."
Die Dame antwortete, ohne die Fassung zu verlieren, mit heiterer Miene:
"Messer, es ist wahr, dass Rinaldo mein Mann ist und dass er mich gestern Abend in den Armen des Lazarino angetroffen hat, bei dem ich wegen meiner herzlichen und aufrichtigen Liebe zu ihm oft gelegen habe. Das kann und will ich nicht leugnen. Doch Ihr werdet wohl wissen, dass kein Gesetz einseitig sein sollte, und dass jedes Gesetz gerechterweise mit Zustimmung derer beschlossen werden sollte, die es betrifft. Das ist aber bei diesem Gesetz nicht beobachtet worden, das nur den armen Frauen allein zur Last fällt, da sie doch bei der Abfassung desselben weder ihre Stimme dazu gegeben haben, noch dabei zu Rat gezogen worden sind. Es ist deshalb ein höchst ungerechtes Gesetz. Wollt Ihr es dennoch gegen mich anwenden, so habt Ihr die Gewalt dazu in den Händen. Ehe Ihr jedoch zu meiner Verurteilung schreitet, bitte ich Euch, mir die kleine Bitte zu erfüllen, dass Ihr meinen Mann fragt, ob ich ihm jemals abgewiesen habe, oder ob ich ihm nicht jederzeit auf den ersten Wink, und so oft es ihm beliebte, seinen Wunsch erfüllt habe."
Rinaldo wartete nicht, bis ihn der Richter fragte, sondern gab seiner Frau freiwillig das Zeugnis, dass er sie zu jeder Stunde willig und bereit gefunden hätte, seine Wünsche zu erfüllen.
"Herr Richter!" fuhr sie fort. "Da also mein Mann immer bei mir fand, was er brauchte und was ihm Freude machte, so frage ich Euch, was ich mit dem machen sollte, was er übrig ließ? Sollte ich es vielleicht den Hunden vorwerfen? Oder war es nicht besser, einen Edelmann, der mich mehr als sich selbst liebte, damit zu erfreuen, als es ungenutzt vergehen zu lassen?"
Es hatten sich bei dem Verhör einer so vornehmen und angesehenen Dame fast alle Bürger aus Prato eingefunden, und als sie diese lustige Frage hörten, riefen sie nach vielem Gelächter einstimmig, sie hätte recht und führe ihre Sache vortrefflich. Und ehe sie von der Stelle gingen, milderten sie mit Genehmigung und auf den Vorschlag des Richters das unbarmherzige Gesetz und setzten fest, dass es künftighin nur gegen solche Frauen in Kraft bleiben solle, die für Geld ihren Männern untreu würden. Rinaldos unüberlegtes Vorgehen brachte ihm am Ende nur Demütigung, und seine Frau, als wäre sie vom Scheiterhaufen erstanden, kehrte frei und fröhlich, mit Ruhm bedeckt, nach Hause zurück.
Schulische Lesefassung nach einer gemeinfreien historischen deutschen Bearbeitung von Boccaccios sechstem Tag, siebter Novelle.
Was ist geschehen, und weshalb steht Filippa vor Gericht?
Welches Argument bringt Filippa vor – und warum funktioniert es?
Was kritisiert Filippa an dem Gesetz, noch bevor sie ihren berühmten Witz macht?
Wo stecken Liebe, Erotik, Witz, Gesellschaftskritik und eine überraschende Wendung in dieser Geschichte?
Der Text handelt von Ehebruch und einer ungerechten Todesstrafe. Das muss nicht peinlich gemacht werden. Sachlich lesen, über Argumentation und Macht sprechen. Die Pointe ist gerade, dass Filippa in einer lebensgefährlichen Lage nicht durch Gewalt, sondern durch Sprache, Mut und Witz Handlungsmacht gewinnt.
Die alte Frage lautete sinngemäß: Wie kommt es, dass die moralische Ordnung von der Pest zerstört wird?
Für den Unterricht ist die offenere Form stärker:
Was geschieht mit Regeln und Moral in einer Extremsituation – und welche neuen Regeln schaffen Menschen selbst?
Madonna Filippa zeigt dazu noch etwas Zweites: Nicht jede bestehende Regel ist automatisch gerecht. Manchmal wird eine Ordnung gerade dadurch menschlicher, dass jemand ihr widerspricht.
Boccaccio behandelt sie als reale Kräfte im menschlichen Leben – nicht nur als moralisches Problem.
Wer sprachlich schnell denkt, kann Machtverhältnisse verändern. Madonna Filippa ist dafür ein Musterbeispiel.
Gesetze, Ehe, Geschlechterrollen und Autoritäten werden nicht einfach akzeptiert, sondern erzählerisch geprüft.
Boccaccios Menschen fliehen vor dem Tod – aber sie verbringen ihre sichere Zeit damit, vom Leben zu erzählen.
Genau darin liegt die Kraft des Decameron: Nicht die Katastrophe bekommt das letzte Wort, sondern menschliche Stimme, Witz, Begehren, Urteil und Fantasie.