Folge M6: Meine Eltern sagten nichts – und das war das Schlimmste.
Frisch vereidigt.
Haushaltspapiere gewälzt.
Pressebilder.
Erster Fernsehauftritt.
Ich bin Arbeits- und Sozialministerin.
Ich soll für Gerechtigkeit sorgen.
Und dann:
Samstag,
Kaffee bei meinen Eltern.
Dorfstraße drei.
Weiße Gardinen.
Rosenbusch.
„Kind, wir freuen uns so.“
Wir reden über die Nachbarin.
Über Tante Gerda.
Über neue Fenster.
Und plötzlich –
eine Stille.
Keine Klage.
Kein Vorwurf.
Nur dieser Blick.
Und dann sagt mein Vater:
„Sag mal, was ist eigentlich euer Plan für Leute wie uns?
Die vierzig Jahre gearbeitet haben
und jetzt überlegen müssen,
ob sie die Heizung anmachen
oder einkaufen gehen.“
Meine Mutter sagt nichts.
Aber sie nimmt die Margarine statt Butter.
Und ich weiß:
Das ist kein politischer Moment.
Das ist die Wahrheit.
Ich seh die Aktenberge in Berlin.
Und den ein euro fünfzig Joghurt im Dorfladen.
Und ich spür:
Hier geht’s nicht um Konzepte.
Hier geht’s ums Überleben.
Ich bin Ministerin.
Aber ich bin auch Tochter.
Und ich seh die Falten im Gesicht meiner Mutter –
nicht vom Alter,
sondern vom Rechnen.
Und in mir flüstert was:
Schreib keine Programme,
bevor du nicht ein Wohnzimmer besucht hast.
Führe keine Sozialstatistik,
bevor du nicht selbst in der Dorfküche standest.
Und denk nie,
du weißt, was gerecht ist –
solange du in Berlin sitzt.
Ministerin –
wer deinen Nachnamen kennt,
ist noch kein Teil deiner Realität.
Geh raus.
Und schau hin.
Nicht als Chefin.
Sondern als Mensch.
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