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Jacob Burckhardt - Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt - Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch.
Vierter Abschnitt: Die Entdeckung der Welt und des Menschen - Charakteristik der Völker und Städte

Neben der Charakteristik der einzelnen Individuen entsteht auch eine Gabe des Urteils und der Schilderung für ganze Bevölkerungen. Während des Mittelalters hatten sich im ganzen Abendlande Städte, Stämme und Völker gegenseitig mit Spott- und Scherzworten verfolgt, welche meistens einen wahren Kern in starker Verzerrung enthielten. Von jeher aber taten sich die Italiener im Bewusstsein der geistigen Unterschiede ihrer Städte und Landschaften besonders hervor; ihr Lokalpatriotismus, so gross oder grösser als bei irgendeinem mittelalterlichen Volke, hatte frühe schon eine literarische Seite und verband sich mit dem Begriff des Ruhmes; die Topographie entsteht als eine Parallele der Biographie (S. 178). Während sich nun jede grössere Stadt in Prosa und Versen zu preisen anfing1), traten auch Schriftsteller auf, welche sämtliche wichtigere Städte und Bevölkerungen teils ernsthaft nebeneinander beschrieben, teils witzig verspotteten, auch wohl so besprachen, dass Ernst und Spott nicht scharf voneinander zu trennen sind.

Nächst einigen berühmten Stellen in der Divina Commedia kommt der Dittamondo des Uberti in Betracht (um 1360). Hier werden hauptsächlich nur einzelne auffallende Erscheinungen und Wahrzeichen namhaft gemacht: das Krähenfest zu St. Apollinare in Ravenna, die Brunnen in Treviso, der grosse Keller bei Vicenza, die hohen Zölle von Mantua, der Wald von Türmen in Lucca; doch finden sich dazwischen auch Lobeserhebungen und anzügliche Kritiken anderer Art; Arezzo figuriert bereits mit dem subtilen Ingenium seiner Stadtkinder, Genua mit den künstlich geschwärzten Augen und Zähnen (?) der Weiber, Bologna mit dem Geldvertun, Bergamo mit dem groben Dialekt und den gescheiten Köpfen u. dgl.2) Im 15. Jahrhundert rühmt dann jeder seine eigene Heimat auch auf Kosten anderer Städte. Michele Savonarola z. B. lässt neben seinem Padua nur Venedig und Rom als herrlicher, Florenz höchstens als fröhlicher gelten3), womit denn natürlich der objektiven Erkenntnis wenig gedient war. Am Ende des Jahrhunderts schildert Jovianus Pontanus in seinem »Antonius« eine fingierte Reise durch Italien nur um boshafte Bemerkungen dabei vorbringen zu können. Aber mit dem 16. Jahrhundert beginnt eine Reihe wahrer und tiefer Charakteristiken4), wie sie damals wohl kein anderes Volk in dieser Weise besass. Macchiavell schildert in einigen kostbaren Aufsätzen die Art und den politischen Zustand der Deutschen und Franzosen, so dass auch der geborene Nordländer, der seine Landesgeschichte kennt, dem florentinischen Weisen für seine Lichtblicke dankbar sein wird. Dann zeichnen die Florentiner (S. 103, 110) gerne sich selbst5) und sonnen sich dabei im reichlich verdienten Glanze ihres geistigen Ruhmes; vielleicht ist es der Gipfel ihres Selbstgefühls, wenn sie z. B. das künstlerische Primat Toscanas über Italien nicht einmal von einer besondern genialen Begabung, sondern von der Anstrengung, von den Studien herleiten6). Huldigungen berühmter Italiener anderer Gegenden, wie z. B. das herrliche sechzehnte Capitolo des Ariost, mochte man wohl wie einen schuldigen Tribut in Empfang nehmen.

Von einer, wie es scheint, sehr ausgezeichneten Quelle über die Unterschiede der Bevölkerungen Italiens können wir nur den Namen angeben7). Ecandro Alberti8) ist in der Schilderung des Genius der einzelnen Städte nicht so ausgiebig als man erwarten sollte. Ein kleiner anonymer9) Commentario enthält zwischen vielen Torheiten auch manchen wertvollen Wink über den unglücklichen zerfallenen Zustand um die Mitte des Jahrhunderts10).

Wie nun diese vergleichende Betrachtung der Bevölkerungen, hauptsächlich durch den italienischen Humanismus, auf andere Nationen eingewirkt haben mag, sind wir nicht imstande näher nachzuweisen. Jedenfalls gehört Italien dabei die Priorität wie bei der Kosmographie im grossen.


  1. Dies zum Teil schon sehr früh, in den lombardischen Städten schon im 12. Jahrhundert. Vgl. Landulfus senior, Ricobaldus und (bei Murat. XI) den merkwürdigen Anonymus De laudibus Papiae, aus dem 14. Jahrhundert. - Sodann (bei Murat. I, b) Liber de situ urbis Mediol. Zurück
     
  2. Ueber Paris, welches damals noch dem Italiener vom Mittelalter her weit mehr galt als hundert Jahre später, s. Dittamondo IV, cap. 18. Zurück
     
  3. Savonarola, bei Murat. XXIV, Col. 1186. - Ueber Venedig s. oben S. 89 f. Zurück
     
  4. Der Charakter der rastlos tätigen Bergamasken voll Argwohn und Neugier ist sehr artig geschildert bei Bandello, Parte I, Nov. 34. Zurück
     
  5. So Varchi, im IX. Buch der Storie Fiorentine (Vol. III, p. 56, s.). Zurück
     
  6. Vasari, XII, p. 158, v. di Michelangelo, Anfang. Andere Male wird dann doch laut genug der Mutter Natur gedankt, wie z. B. in dem Sonett des Alfonso de' Pazzi an den Nicht-Toscaner Annibal Caro (bei Trucchi, I, c. III, p. 187):

    Misero il Varchi! e più infelici noi,
    Se a vostri virtudi accidentali
    Aggiunto fosse 'l natural, ch'è in noi!
    Zurück
     

  7. Landi: Quaestiones Forcianae, Neapoli 1536, benützt von Ranke, Päpste I, S. 385. Zurück
     
  8. Descrizione di tutta l'Italia. Zurück
     
  9. Commentario delle più notabili et mostruose cose d'Italia etc.. Venezia 1569. (Wahrscheinlich vor 1547 verfasst.) Zurück
     
  10. Possenhafte Aufzählungen der Städte gibt es fortan häufig; z. B. Macaroneide, Phantas. II. - Für Frankreich ist dann Rabelais, welcher die Macaroneide gekannt hat, die grosse Quelle lokaler und provinzialer Spässe, Anspielungen und Bosheiten. Zurück

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