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Jean Paul - Bemerkungen über den Menschen - Aphorismen 7

7. Bändgen - Bemerkungen über den Menschen - (Sept. 1817)

Je mehr Vorzüge an einem Menschen anerkannt werden, desto mehr neue will er dazusetzen und dichten, aus Gefühl seiner Unvollendung.

Die Gleichheit der modischen Kleidung bildet den Trägern auch Gleichheit der Ausbildung ein.

Vergleiche einmal die Opfer und Liebezeichen, die dir die Ehefrau bringt, und deine kalten Billigungen davon, mit den Opfern, die eine Geliebte bringt, und mit deinem Enthusiasmus darüber.

Man wird in der Freundschaft und der Liebe leicht Heuchler, der übertreibt, wenn man das stärkste Bedürfnis und Gefühl beider hat und den Gegenstand dazu entbehrt; und doch falschen dafür sucht und nimmt.

Wie sehr auch jeder den Künstler, Philosophen, Helden achte (und ihm sich opfern will) und den Weltwohltäter: so bringt er doch, sobald er dessen Freund, Gatte etc. wird, nicht mehr das Allgemeine in Anschlag, sondern nur sein bestimmtes Verhältnis; und derselbe Leser, der für den Dichter sterben will, wird, wenn er dessen Freund, Frau etc. ist, nicht die kleinste Unlust ihm ersparen. Selten weihen sich die Menschen dem Allgemeinen, noch seltener opfern sie sich denen, die sich ihm weihen. Daher frage kein Autor nach Briefen voll Lob.

Wenn ihr verbietet, das zu tadeln, was man nicht besser machen kann: so darf man auch nicht loben, was man nicht nachmachen kann; denn das Lob setzt die Kraft zu tadeln voraus.

Weiberlaunen mit Männerlaunen durcheinandergeknetet, dies gibt hohen schwellenden Sauerteig, den jede Wärme nur hebt.

Nur der steigende, nicht der stehende Ruhm erfreuet; während des letzten sind nur die Schmerzen des angegriffnen.

Je kleiner die Stadt, desto kleiner erscheint darin der Größere; sie hat einen zu kleinen Maßstab.

Gefallsucht und wahre Erhebung über den Schein können beide bei drei verschiednen Außenseiten herrschen - denn es kommt eben nur auf das Innen an -, a) bei Schön-, b) bei Mittel-, c) bei Nieder-Anzug und Äußerliches.

Um sich besser kennenzulernen als aus den eignen Handlungen, muß man auf die erste plötzliche Freude oder Betrüb(nis) merken, die uns bei einem Antrag, Erzähl(ung) etc. aufsteigt und die wir gewöhnlich schnell besiegen.

Nur der Dichter und Philosoph sieht die Torheit im Allgemeinen und überall - der Geschäftmann sieht nur die Torheiten und Abweichungen seines Gewerbs, seiner Kaste, der Jurist juristische; aber nicht das allgemeine Törichte, das allen Menschen zum Grunde liegt.

Der Mathematiker, Philosoph, Linguist etc. kann, so berühmt er auch sei, doch nicht mit seinen Gaben jedermann und augenblicklich erscheinen; aber von einem berühmten Dichter allein fodert man die ganze Erscheinung des Menschen; warum? - weil er immer den Menschen schildert, und jedes beste Geschilderte sein soll - als ob er persönlich und augenblicklich das höchste äußerlich darstellen könnte, was er in Begeisterung schwer aus dem Innern unter den günstigsten Verhältnissen emporhebt. vid. 14.

Ein lange Reisender kann am leichtesten in der Verblendung über seinen Wert bei andern bleiben, weil er bei diesen nur kurz, in wenigen Verbindungen ist und sich sein Miß[ver]hältnis nicht so steigern kann, daß man es ihm offenbart.

Unmittelbar nach der Ausübung eines Amtes - z. B. nach Ende einer Predigt, einer Vorlesung, einer Gassenausrufung - hat der Mensch ein närrisches Gefühl der Selbstausdehnung und kann gar nicht wieder recht zu seiner vorigen kleinen Zusammenfaltung kommen, wie Regenschirme nach dem Gebrauch ausgespannt dastehen.

Wenn ein Ehemann oder Vater mit dem Tadel bei kleinen un[ab]änderlichen Unannehmlichkeiten herausfährt, der, wie er selber weiß, zu nichts nützt: so ist diese Explosion nur die kleinere eines Fluchs, der auch nicht helfen, nur erleichtern soll.

Die Männer haben im Zorn mehr Mitleid, die Weiber vor- und nachher. Habt ihr je eine Frau mitten im Zorne einhalten sehen?

Seltsam ist's, daß die nied(ern) Menschen noch desto mehr Tugenden erwarten, je höher der Stand ist, und daß sie sich über die Ausschweifungen eines Fürsten etc. wundern, anstatt sie vorauszusetzen. Gerade im nied(ern) Stande sollte man sich über alles Schlechte verwundern.

Am leichtesten lernst du einen Menschen kennen, wenn du ihn tadelst, oder - da der andere Weg offner steht - wenigstens in geringerem Grade, wenn du ihn lobst.

Kein großer Philologe hat ein poetisches oder philosophisches Meisterstück geschaffen; man ist nur froh, wenn er seine Sprache halb so gut schreibt, als er die fremde versteht.

Man ist dem andern, den man tadelt, ähnlicher und dem, den man lobt, unähnlicher, als man glaubt.

Stets rechnet und berechnet der Mensch in seine Gegenwart die Zukunft hinein. Nach dem längsten Tage spürt er nicht die halbe Freude, als er nach dem kürzesten fühlt, weil dort die Zukunft die Verkürzungen der Tage, hier die Verlängerungen ansagt.

Es ist der größte Irrtum, zu lebhafte Menschen (wie Messerschmidt) für unbefangen und wahrhaft zu halten.

Das Höchste der Humanität: über keinen Vorzug einen Fehler zu übersehen - und über keinen Fehler einen Vorzug - und so sich falsch weder erwärmen noch erkälten zu lassen, sondern alles einzuschichten.

Eine Sache vermögen die Weiber nicht, dieselbe Drohung 12mal hintereinander zu erfüllen.

Den allerwenigsten Menschen ist beizubringen, daß Bücher, die viele andere nicht verstehen, von ihnen gleichfalls unverstanden bleiben.

'Daß mein Sohn immer fleißig, rechne ich ihm gar nicht an bei der Berechnung seiner Vorzüge - ein anderer Vater würde, wenn der Sohn sich zum Fleiß bekehrte, die Bekehrung unter die größten Vorzüge setzen.' So nehmen stets die Menschen in die Rechnung der Vorzüge nicht einen alten langen Wert hinein, sondern erst von diesem datieren sie die Rechnung. So Frau mit Mägden; Gattin mit Gatten.

Von Feinden Vorwürfe hören, lehrt und bekehrt und wirkt nicht; aber wohl von Freunden. Ein Mann wie Emanuel kann jahrelang die härtesten Vorwürfe seiner Feinde erfahren, sie können nicht auf ihn wirken, da er sie verachtet und vernichtet. Aber dieselbe Rede eines gleichgestimmten Freundes griffe anders an.

Zwei Menschen begleiten einander im Finstern gegen die Gespensterfurcht; aber eigentlich das geheime Gefühl nicht, daß einer dem andern gegen d(ie) Geist(er) beistehen könnte, sondern dies, daß die Gegenwart eines Menschen die Phantasie hindert, ihre Gespenster auszuweben und zu lebhaft auszumalen.

Weibliche Herzen = Schnee; man merkt bei der stärksten langen Wärme kein Schmelzen, mehr ein Verdichten; plötzlich ist er aufgelöset.

In der ganzen Gelehrtenhistorie noch kein Beispiel, daß in einem Streite - z. B. Leibniz und Clarke - einer sich von dem andern für widerlegt erklärt hätte, nicht einmal zur Hälfte widerlegt.

In Rücksicht der Geschlechtsünden scheint auch der offenste Mensch ein Heuchler zu sein; aber bloß weil er verbirgt, was alle verbergen, sogar das Erlaubte, und weil jeder weniger sinnlich scheinen muß, als er ist.

Derselbe Mann, der mich besucht, zeigt sich ganz anders, als wenn ich ihn besuche. Beide Verhältnisse geben erst den Durchschnitt seines Charakters. Ja wieder anders zeigt er sich im Begegnen auf der Reise, wo er weder Gast noch Wirt ist, sondern nur Erdbürger.

Es ist weit mehr Heuchelei in der Welt, als man glaubt und als selber die Heuchler glauben; denn sie halten nicht andere für Heuchler.

Zweimal lügen die Menschen, so oft sie sagen: »ich habe über soundso viel verloren«, das zweite Mal: »ich habe weit unter 100 fl. eingenommen.« Überall ist bei über, unter, nahe, weit und an gerade das Gegenteil zu verstehen. Nur die gerade Zahl würde das Richtige sein.

Das Übertreiben liebender Worte macht in der Ehe gar nicht das Übertreiben tadelnder gut, sondern dieses Übermaß vernichtet die Wirkung des andern; von allen Aufwallungen lassen nur die zornigen den dickern Bodensatz.

Das erste, wornach ein Mensch bei irgendeinem Unfall sucht - sei er durch Tiere, Materien oder Menschen geschehen -, ist ein lebend(es) freies Wesen, dem er etwas davon schuld geben kann, um sich dann zu rächen.

Die Menschen geben auf den oben herab bellenden Hund acht, nicht auf den unten.

Von der Glut eines jungen Autors - zumal mitten in seinen Schöpfungen - hat gar kein Großer in seinem abmattenden und abgematteten Leben nur einen Begriff; und jeder fürchtet sich doch vor der kräftigen Erscheinung.

Der Veränderliche macht und findet Veränderliche gegen sich selber.

Wenn ein Jüngling den Taufnamen der Geliebten nicht weiß, Zeichen, daß er sie noch nicht recht liebt.

Gerade in kleinen Städten wird der gute bescheidene Mensch am stolzesten, weil er doch niemand hat, womit er sich vergleichen will.

Um überall geliebt zu werden, schone man nur die schwachen Seiten d(er) Menschen; die starken schonen hälfe nichts und wäre sogar unrecht, im Falle diese böse sind.

Man würde jedem seine Eigenheiten gern hingehen lassen, wenn er sie nur nicht zugleich zu seinen Vorzügen adelte; erst dann fängt der Tadel an.

Die stärksten und gefährl(ichsten) Streitigkeiten in der Ehe sind in den ersten Jahren - teils über Kindererziehung, teils, weil die ersten hohen Foderungen der Liebe sich noch nicht ins Gleichgewicht mit dem Alltäglichen gesetzt haben -; später werden die Stürme kleiner und verschwinden endlich in Ruhe oder in Gleichgültigkeit.

Man sollte glauben, da ein Leser mit solcher Teilnahme die stärksten Liebereden zweier Liebenden aufnimmt, es müss' ihm ebenso bei dem Anhören ähnlicher in der Wirklichkeit sein; er müsse gar vor Entzückung nicht zu bleiben wissen, wenn er hinter einer Laube den wahrsten Feuerstrom der Liebe anhört, oder wenn endlich der Liebende zum Kusse gelangt. Inzwischen wird er so wenig warm davon, daß er sich bloß erkältet. Aber der Unterschied ist: nicht bei der gehörten, sondern nur bei der gelesenen Liebe kann er sich zum Liebhaber machen und das Mädchen zur Geliebten. Daher kann eine gedruckte Liane 1000 Albanos beglücken - so ein gedruckter Werther 1000 Lotten.

Die Weiber bedenken nicht - um uns mehr zu schonen -, welche wilde Herz auflösende Untersuchungen der Mann in den Wissenschaften durchzugehen hat, wo freilich nicht so viel v(om) unbefangnen Herzen übrigbleiben kann wie bei ihnen, die sich immer im Ganzen sehen.

Zur sinnlichen Liebe ist bei den meisten leicht zu gelangen; aber schwer bei wenigen ist die rechte zu erwerben.

Wie wenig könnt ihr euch auf die moralische Kraft und Fortwirkung auch der stärksten Empfindungen verlassen, wenn ihr die Entzückungen des Wiedersehens und neuen Wiederliebens nach einer Abwesenheit zusammenhaltet gegen den nächsten Frost und Zank der Gegenwart.

Die Menschen denken sich, um den andern zu etwas zu überreden, nur in dessen äußere Lage mit ihrer Seele hinein, aber nicht in dessen innere oder Seele; daher kein Begreifen und kein Einwirken.

Wenn einem Schriftsteller andere bedeutende Leute recht ihren Wert zu zeigen suchen und des seinigen gar nicht erwähnen; so glaub er nicht, daß sie ihn nicht achten, sondern umgekehrt glaub er, daß sie aus Achtung für ihn, die seinige für sich zu erwerben trachten.

Es übt zwei ganz verschiedene Kräfte für die Gesellschaft. 1) Die erste ist die schaffende, wie man sich ihr durch Verstand und Witz auf rechter Seite und zu ihrer Freude darstellt. 2) Die zweite ist die erratende und weissagenden wie sie unser Benehmen und Charakter aufnimmt und billigt. Die erste kann ohne die zweite sein und über jene diese vergessen werden. Denn all dein Beobachten zeigt dir nur den andern, aber nicht das Bild, das du von dir in ihm entwirfst. Der Prosaist behandelt den Dichter als einen Prosaiker und umgekehrt, und beide glauben zu beglücken.

Über dem Bemerken vergißt man das Bemerktwerden, und man glaubt durch jenes dieses zu beherrschen, ja zu verdunkeln.

Alles ist uns am andern leichter zu erraten als dies, wie er uns errät; das Erraten des Erratens. Daher können 2 auf einmal sich wechselseitig überlisten und täuschen.

Bei Wohlwollen setzt man sich so in des andern lächerliche Ideen hinein, daß man das Lächerliche so wenig spürt wie er selber; z.B. bei H. v. Mann, als er wünschte, daß sein Sohn ein großer Dichter werde, weil es in Bayern keinen gebe.

Die Jahre machen nur klüger; aber nicht empfänglicher des Schaffens.

Wenn man eine Sache gewährt und eine abschlägt: so kommt es auf die Zeitfolge dabei an; die gewährte verliert durch die spätere abgeschlagne; diese gewinnt durch die spätere gewährte.

Der Geizige liest jedes gekaufte Buch aufmerksamer, er will etwas für sein Geld haben.

In der Ehe gefallen die Männer den Weibern länger als umgekehrt; um nur unter viel(en) Gründen [einen] anzugeben, so verlieren die Männer in der Ehe wenig(er) an Schönheit, weil sie nur wenige hineingebracht.

Die elterliche Liebe belohnt sich bloß durch das Kinderglück, verlangt aber nicht dafür die Kinderliebe. Die verliebte Liebe will durchaus vom Gegenstand erwiderte Liebe, und ihr ist nicht daran genug, daß sie ihn beglückt weiß.

Das weibliche Zusammenkommen und Zusammenplaudern, ohne daß etwas Wichtiges erörtert oder gelernt wird, ist von der Seite des Herzens zu verteidigen; schon Wechselgefühle sich geben ist etwas.

Man dringt auf ein einsames Abendarbeiten des Kindes; und doch, wenn es dabei ist, kommt ein Mitleiden, das ihm gern ein Aufspringen geben oder erlauben möchte.

In den Mannjahren sehnt man sich unendlich aber vergeblich nach einem Freunde, der wie ein Jüngling der frühern Jahre alles anhört und aufnimmt.

Wie der Mensch sich nicht in die fremde Seele setzt, inwiefern ein hassendes Wort ihr z(um) Schmerz wird, das natürlich dem Sprecher eher als ein wohltuendes vorkommt: so setzt er sich auch bei einem liebenden, das er sagt und das ihm nur Ausdruck, nicht Genuß ist, [nicht] in die fremde Seele, welche dadurch den Genuß der Liebe empfängt.

Man schmeichelt besser herab- als hinaufwärts; ein Fürst, ein berühmter Autor, Minister bedürfen weniger Wendungen, ja oft nur Mienen, um die andern unter sich außer sich zu setzen.

Mitten im Tage ist's schwer, sich aus einer Stimmung zu bekehren. Aber ein folgender fängt eine ganz neue an und durchstreicht mit dem schwarzen Nachtstrich die alte ganz.

Wie wenig das Eltern-Reden in die Kinder eingreift, sieht man daraus, daß aller hypoch(ondrischer) Ekel am Leben, des Tags unaufhörlich ausgedrückt, doch nicht in den Frohsinn der Kinder zerstörend übergeht.

Es ist nicht Eitelkeit und Ehrsucht, wenn ein Autor bei einem neuen Werke von neuem gelobt werden will: es ist eigentlich Mißtrauen in seine Kräfte oder in deren Bestand, welchem das fremde Lob widersprechen soll.

Mit der Zartheit und Seltenheit jedes Tadelworts in der Ehe wächst auch die Schärfe des kleinsten Tadels; und in der sanftesten Ehe gebiert ein Wort Zank, das in einer andern kaum Zürnen erregt hätte.

Meine Bemerkungen im Alter haben alle das Zeichen der Vergänglichkeit; die in der Jugend dachten noch an keine. Hier war alles auf Unaufhörlichkeit gegründet.

Der Kaufmann gesteht am offenherzigsten seinen Egoismus und sagt: »ich habe davon keinen Vorteil (Nutzen).« Der Weltmann sagt: ich habe kein Vergnügen davon. - Der Kriegsmann: ich habe keine Ehre davon. - Der Gelehrte: was lern ich dabei?

Schon räumliche Ferne veredelt und verklärt poetisch einen gehenden Menschen; wieviel mehr zeitige!

Im Alter lernt man mehr von sich als von andern; in der Jugend umgekehrt; daher dort Einsamkeit gut, hier Gesellschaft.

Kein Verstand kann erdichtet sein, aber wohl ein Gefühl.

Je weniger jemand Bücher hat, z. B. auf dem Lande, desto mehr glaubt er den gekauften; ein Biblioth(ekar) sollte eigentlich keinem glauben.

Niemand verlasse sich in der Liebe auf Rührungen; sie dauern so wenig fort als die Erzürnungen. In jeder starken Bewegung liegt der Grund ihres Stillstands. Jeder glaubt, er werde ewig lieben, ewig hassen.

Um auf der einen Seite nicht mutlos und auf der andern nicht übermütig zu werden, muß man sich immer mehr die Ähnlichkeit der Anlagen, der Gesinnungen und der ganzen Menschheit recht klar vorhalten. Der Jüngling sieht lauter Unähnlichkeiten, der Mann mehr Änlichkeiten.

Kein Streit, d. h. kein HinundHerreden in der Ehe hilft - höchstens langes Aussprechen auf der einen Seite und Aushören auf der andern und dann rückwärts. Bei dem Streit zeigt und bekämpft jeder nur eine Facette der Meinung des andern.

Liebe ohne Handeln ist nichts, aber zum Handeln in der Ehe gehört das Reden zuerst, jedes Wort ist eine Tat.

Wenn der gesellige Ton nicht erlaubt, die eignen Kinder, Verwandte etc. zu loben: so verbietet er noch weit mehr, sie in Gegenwart der Gäste zu tadeln, da Tadel größere Vertraulichkeit als Lob voraussetzt, und da er durch die Darstellung eines fremden Fehlers und der unangenehmen Empfindung dabei auch dem Gaste diese geben muß. Daher ist sogar das Tadeln der Kinder so fehlerhaft als es wäre, ihnen vor der Gesellschaft Lehrminuten zu geben.

Jede Verleumdung (z.B. gegen die Marie Schubert) entsteht und beherrscht durch mißverstandne Einzelheiten der Geschichte, welche durch ihre Anhäufung und dickere Zusammenwebung so etwas Scheinfestes zurücklassen. Und dadurch eben siegt die Verleumdung noch jahrelang hinter ihrer Widerlegung fort. Denn zur Widerlegung würde eben das Aufsammeln und Auffasern der gedachten Gewebe aus kleinsten Zufälligkeiten gehören; aber wer behält oder erfährt diese letztern? Und sogar, wenn dieses wäre, wer würde zuhören oder gar ausbreiten? Eine Neuigkeit läßt sich mit Vorteil austragen; aber die Widerlegung einer veralteten Neuigkeit wird niemand interessieren.

Das Achten der Frauen auf den Putz anderer Frauen daher zu rechtfertigen: sie können jedes Band von der andern für sich gebrauchen, denn zwischen Schönheiten herrscht Gleichheit und Freiheit; jeder fremde Anzug kann zum eignen werden. Hingegen die männlichen Vorzüge können nicht so von Mann zu Mann übertragen werden. Kleider sind den Weibern, was Bücher den Männern; nur Reize sind ihnen, was diesen die Gaben oder Wissenschaften. Jede ist für die andere ein Kunstwerk, das von dieser zu studieren ist.

In jeder Liebe ist ein Schmerz, denn welches Geliebte ist glücklich genug, auch wenn man es nicht verliert?

Jeder hat den Glauben, der andere beurteile ihn aus demselben Gesichtspunkt, mit denselben Kräften und Lagen, wie er ihn; und keiner errät daher das Urteil des andern über sich.

Das Versprechen ist etwas so Angenehmes und Poetisches, daß man begreift, warum man so gern und leicht eines gibt, fast ebensosehr des eignen Genusses wegen als des fremden. Bei dem Halten aber geht ein großer Teil von dieser Poesie in Prose über; und daher war es nicht immer anfangs Vorsatz eines Wortbruchs, wenn das schwere, phantasielose Halten ausblieb. - So ist das zornige Drohen und Verschwören eine ähnliche genießende Poesie, der die Prose des Haltens schwer wird.

Nichts fehlerhafter, als aus einem edeln oder unedeln Zuge einen andern voraussetzend zu schließen; gerade ein entgegengesetzter kann kommen. Daher sollten Dichter nicht die Charaktere schulmäßig oder erschlossen darstellen, so daß der Leser aus dem ersten Verhältnis und Major die ganze Reihe kettenschlußartig bilden könnte. Z. B. nach Edelsinn kommt oft Zerstreuung, Unwahrheit, Rachsucht; - nach Wohlwollen Feigheit.

Ich lasse mir erzählen, um etwas daraus mir zu nehmen; die meisten hören gern erzählen, bloß um wiederzuerzählen, wofür sie wieder Erzählungen eintauschen.

Man gibt sich freilich bei kaltem Blut über vorige Leidenschaft Unrecht; aber in dieser gibt man sich auch Unrecht über den vorigen Tadel der Leidenschaft bei kaltem Blute.

Der Jugend sind Rührungen und Erschütterungen nützlich; dem Alter unangenehm, es will sich erhellen auf den Treppen hinabwärts.

Jeder, er mag sich erzürnen oder andern abfodern, tut es nie im Namen seines Ich, sondern im Namen des Rechts, das allein sein Ich und das fremde gleichsetzt und über beide ausspricht. Sogar der Egoist muß sich diese Täuschung vormachen.

Bei jedem Geschichtfall muß man nicht nach der Zukunft forschen - welche er hervorgebracht -, sondern nach der Vergangenheit - welche ihn hervorgebracht; - und letztes zeigt den historischen Geist.

Im Alter glaubt man noch an die richtige Jugendregel, z. B. bei dem Körper, daß eine Heilung und Stärkung im Jahre 1821 einen stärkern Körper im Jahre 1822 gebe. Aber für das Alter gibt's keine stärkende, nur eine schwächende Zukunft; und jedes Jahr senkt sich tiefer, und alles, was man in sich vorzubereiten hat, ist Standhaftigkeit für die tiefere Stufe und Abwehr eines Sprungs, statt eines Schrittes. - Eigentlich ist das Alter weit weniger er- und gekannt, weil die meisten keines erleben, und als Jünglinge nur Jugend verstehen, indes der Alte Jugend und Alter zugleich versteht.

Der Mensch rechnet die Wahrscheinlichkeit seines langen Lebens immer nach den Krankheiten, die er besiegte oder deren Grade er kennt, z. B. nach dem Schlagfluß, der ihn durch seine Vorbauungen erst nach langer Zeit treffen könne. Aber eine Krankheit läßt er in seiner Moralitätsliste aus, nämlich die ganz neue, unvorhergesehene; denn die Menschen sterben öfter an unerwarteten als an erwarteten Krankheiten.

Man kann leicht - wie ich bei Ranzau - die achtende Scheu für fremden Stolz und vornehmes Zurückziehen halten.

Oft behält der Mann lang(e) schweigend seine Opferungen für die Frau bei sich; so die Frau ihre ebenfalls - aber desto härter stoßen dann beide irgendeinmal mit der Offenbarung (Aufdeckung) ihrer entgegengesetzten Aufsammlungen [Vorräte] aneinander.

Ich will mehr lernen von den Ansichten des All durch eine geist- und gemütreiche Frau als durch alles Reden eines eingefleischten Fichtisten, Hegelisten etc., sei dieser auch noch so genial und kraftvoll; denn dieser verdünnt alle seine individuelle Kraft zu einer allgemeinen Aussprache des Systems; er zersetzt und verflößt sich ins Bekannte und glaubt doch bestimmt zu sein, weil das System es ist.

Obgleich bei Erfindung der philosophischen und theologischen Wahrheit die Menge der Köpfe mehr schadet als nützt: so entstehen gerade durch die Menge derselben die ungeheuern Lehrgebäude der historischen Wissenschaft, der Chemie, Physik etc.

Nicht irgendeine oder die andere Sünde kann sich der Mensch vorwerfen zu Trauer und Buße - jede ist nur eine einzelne Bezeichnung des Ganzen -, sondern die Anschauung seines Ganzen kann ihn niederschlagen, nämlich die Summe seiner Bestrebungen.

Eigentlich ist es eigner Egoismus und Freßsucht, wenn man lieber will, daß die Kinder das geschenkte Zuckerwerk oder Geld selber vernaschen, als daß sie es andern schenken.

Die Erinnerungen früherer Zeiten nehmen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt eine andere Gestalt und Wirkung für uns an.

Der Gelehrte muß sich nicht an zu viele Stille verwöhnen; er fordert sonst immer größere, und zuletzt stört ihn alles.

Ein recht dummes wissenschaftliches Urteil entscheidet über den wissenschaftlichen Wert eines Mannes; aber kein gutes, tiefes; denn es kann Diebstahl oder Zufall sein. So entscheidet eine schlechte Handlung über den Menschen; aber eine edle nicht, denn der Motive gibt es so viele.

Die meisten fangen an, in ihr eignes Lob zu geraten, wenn man ihnen lange eines erteilt, wie der Hund sich selber mit zu kratzen anfängt, wenn man ihn wohltuend kratzt.

Die Weiber müssen viel Geist haben, daß sie ihren behalten bei den weiblichen Arbeiten, die ihn sowenig üben, wie Nähen etc., indes alle männlichen zu Übungen desselben werden.

Wenn ich zuweilen schrieb, die Weiber nehmen keine Gründe an, auch antworten sie immer auf etwas anders, als vorgeworfen wird: so gilt dies von ihnen, wenn sie in der Leidenschaft, sogar geringen Grades sind, worin sie mit jeder Querantwort sich verteidigen und retten wollen; in Ruhe hingegen sind sie kurz, scharf und viel konsequenter.

Nach dem Anziehen der Weiber kommt das Abschiednehmen derselben, dessen Länge immer etwas dauert.

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Wer ist der Mann mit der Hakennase ???

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